Im November 2011 beschloss die Synode der EKHN die Einführung der Doppik zum 1.1.2016 auf allen Ebenen der Kirche. Zwei Pilotregionen wurden ausgesucht, um das Projekt zu starten. Dort sollte schon ab 1.1.2015 die neue Buchführung eingeführt werden. Es lohnt sich – wie Christoph Bergner zeigt –, die Folgen dieser Entscheidung exemplarisch anzusehen, um zu verstehen, in welch kritischer Lage sich inzwischen die Evang. Kirche in Deutschland befindet.

 

Ein bemerkenswerter Rücktritt

Als die Synode ihren Beschluss gefasst hatte, trat der langjährige Vorsitzende des Finanzausschusses zurück. In seiner letzte Rede hielt er fest: „Die Arbeit in dem letzten Jahr war so schwierig, dass ich sie nicht mehr länger fortsetzen kann. Die Kirchenleitung in ihrer jetzigen personellen Zusammensetzung und die Kirchenverwaltung machen es mir unmöglich, das zu tun. Und da Sie (die Synode, ergänzt vom Vf.) ja bei Ihren Beschlüssen weitgehend auch der Kirchenleitung hier zugestimmt haben, sehe ich das Ziel der Arbeit, die wir in den letzten Jahren gemacht haben, nicht mehr zu erreichen … und trete damit in diesem Moment von allen Ämtern zurück, auch aus der Synode aus. – Vielen Dank.“1

Damit verließ einer der meisterfahrenen Finanzfachleute die Kirchensynode, in der er mehr als 20 Jahre im Finanzausschuss mitgearbeitet hatte, davon 14 Jahre als dessen Vorsitzender. In seiner beruflichen Tätigkeit hatte er die Verantwortung für das Controlling, die Organisation und das Rechnungswesen in der Deutschen Bundesbank. Für unsere Kirche eigentlich ein Glücksfall. Dieser Rücktritt ist leider durchaus symptomatisch für eine Kirche, die gern die ehrenamtliche Mitarbeit in Kirchenvorständen und Synoden herausstellt, deren Leitung sich aber in immer wieder verblüffender Weise über Fachkenntnisse kompetenter Mitarbeiter hinwegsetzt.

Zusammen mit der Mehrheit des Finanzausschusses hatte der Vorsitzende vor unnötiger Mehrarbeit auf der Ebene der Dekanate und Kirchengemeinden gewarnt. „Wir müssen weg von der überbordenden Bürokratie unserer Kirchenverwaltung … und nicht neue einführen.“ Und er wies auch auf die Steuerungsmöglichkeiten hin, die weitere Eingriffe in die Arbeit der Dekanate und Kirchengemeinden begründen würden: „Wenn wir ein System einführen, dass das ermöglicht, wird es auch gemacht. … Dann haben wir 500 oder 1000 Kirchengemeinden … Dann lassen Sie doch auf Knopfdruck auflisten: Wer hat denn die meisten Kosten für den Konfirmandenunterricht? Wer hat denn die höchsten Kosten für die Seelsorge? Wer hat die höchsten Kosten für den Gottesdienst? … Und dann fangen wir an zu steuern, denn diese Daten dienen ja dazu, zu steuern. Man soll doch nicht sagen, man macht es nicht, wenn man es hat. … Und dann mache ich ein Ranking … Wollen wir das denn alles? Wollen Sie denn Ihre Inhalte jetzt nur noch durch kaufmännisches Denken bestimmen lassen? Wir haben doch an dieser Stelle andere Aufgaben.“2 Die Synode aber ließ sich in ihrer Mehrheit vom Vorschlag von Kirchenleitung und Verwaltung überzeugen. Was trug die Kirchenleitung vor?

 

Warum man die Doppik brauche – die Planung der Verwaltung

Zunächst verwies die Kirchenleitung auf die Notwendigkeit einer neuen einheitlichen Haushaltssystematik, in der Vermögen erfasst und bewertet und eine Kosten-/Leistungsrechnung eingeführt werden solle. Wenn die Haushaltsordnung an diese Bausteine angepasst werden soll, ist zuvor die Entscheidung wichtig, ob die Doppik eingeführt wird. Es gehe also zunächst um ein organisatorisches Defizit.

Das zeige sich an mehreren Stellen: Zunächst gegenüber den Mitarbeitenden und den Mitgliedern. Die Mitarbeitenden möchten zukunftssichere Stellen, die Mitglieder möchten wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Die Doppik soll hier zu mehr Klarheit führen. „Wir müssen Auskünfte geben können – relativ rasch – für diejenigen, die unser System nicht kennen.“3 „In der Doppik sind eben die Begriffe klar definiert. Man weiß immer, welche Größen und Zahlen damit gemeint sind.“4 Für die Kirchenleitung und die Synode ermögliche die Doppik den sinnvollen Ressourceneinsatz. Gerade in der Kirche – so das Argument – müssen Schwerpunkte gesetzt werden. „Das gilt nicht nur für die Landeskirche; sondern das Bestehen, das langfristige Bestehen und der begrenzte Ressourceneinsatz gilt für alle Ebenen der EKHN, weil sie nur so insgesamt funktionieren kann.“5

Natürlich soll die Umstellung für Kirchenvorstände nicht zu einem Dauerthema werden. „Also vertrauen Sie auf die Steuerungsgruppe, auf die Teilprojektleitungen, auch die Bewertungshandbücher, die da kommen, auf die Bewertungs- und Inventurrichtlinien.“6 Auch die Sorge, dass insbesondere die Gebäudebestände für die Kirchengemeinden nach der Umstellung auf Doppik zur unbezahlbaren Last werden, wird zurückgewiesen: „Wenn man die kirchengemeindlichen und die gesamtkirchlichen Gebäude – über alles in der EKHN – betrachtet, kann man nicht von einer Versorgungslücke sprechen. Es ist gute Vorsorge betrieben worden, sowohl in der Gesamtkirche als auch in zahlreichen Kirchengemeinden. Es sind Rücklagen gefüllt worden, extra zu dem Zweck der Instandhaltungsmaßnahmen von Gebäuden ist einen Baurücklage gebildet worden. … Im Einzelfall kann das natürlich so sein; für die einzelnen Kirchengemeinden ist das sehr wohl möglich, dass dort Verbesserungsmaßnahmen zu treffen sind.“7 Natürlich ist die Information bedeutsam: „Sie können nicht über Inhalte diskutieren, wenn die mit Gebäuden oder beweglichem Vermögen oder auch mit Fahrtkosten verbunden sind, die Sie bislang in ihrem Bereich vielleicht nicht im Blick haben.“

Schließlich darf sich die EKHN nicht von der EKD abkoppeln. „Auch in der EKD hat sich mittlerweile – so kann man sagen – die Hälfte der Landeskirchen für die Doppik entschieden.“8 „Die EKD ist natürlich auch sehr wichtig und wegweisend für uns. Gerade für Außenstehende macht das ja überhaupt keinen Sinn, dass man ein Rechnungswesen auch noch in 22 Facetten hier ausgestalten kann.“9

Schließlich sei der Zeitpunkt heute besonders günstig: „Wir sollten heute solche Investitionen angehen, die im Anschub teuer, später aber nicht teurer im laufenden Betrieb sind als das, was wir heute tun.“10 Deshalb fehlt an dieser Stelle auch nicht der negative Ausblick auf zukünftige Kirchensteuerentwicklungen. Die Kosten sollen 9 Mio. Euro betragen. Reine Umstellungskosten lägen nur bei 5,8 Mio.11 – Soweit der Vortrag der Kirchenleitung.

 

Was die Doppik bisher gebracht hat – die Umsetzung der Verwaltung

Neun Jahre nach dem Beschluss der Kirchensynode zur Doppik lässt sich folgendes festhalten:

1. Bisher ist die Doppik nirgendwo auf der Ebene der Kirchengemeinden und Dekanate vollständig eingeführt.

Die Eröffnungsbilanzen zum 1.1.2015 liegen zwar seit Ende 2019 bzw. Anfang 2020 in den Gemeinden der Pilotregionen vor, allerdings sind sie in der großen Mehrheit nicht geprüft und können nicht verwendet werden. Deshalb werden Jahresrechnungen seit 2015 nicht vorgelegt und damit fehlen in fast 200 Kirchengemeinden die Belege, was mit Kirchensteuern geschehen ist. Dabei geht es heute schon um mehrere 100 Mio. Euro, über deren Verbleib keine korrekte Auskunft möglich ist. Die Jahrgänge seit 2015 müssen von den Regionalverwaltungen nachgearbeitet werden. Die Kirchengemeinden erfahren dann mit mindestens fünf Jahren Verspätung – und über diese Zeit werden auch die notwendigen Rückstellungen für die Substanzerhaltungsrücklage aufaddiert –, welche finanzielle Lasten sie zu tragen haben. Kirchenvorstände haben keine Informationen mehr über die Entwicklung der Rücklagen und Rückstellungen der Gemeinden. Stattdessen legen die Kirchengemeinden und Dekanate Haushalte öffentlich aus, die dem Gebot der Haushaltsklarheit und -wahrheit widersprechen. Erheben Kirchenvorstände gegenüber solch einer Praxis Einwände bei der Kirchenleitung, wird ihnen beschieden, dass sie ihre Haushalte auszulegen haben. (Wer wird schon merken, dass die Vermögensaufstellungen nicht stimmen und die Eröffnungsbilanz seit Jahren fehlt?) Für 2019 ist man in den Gemeinden angesichts der Überlastung der Regionalverwaltung dazu übergegangen, einen „vereinfachten Haushalt“ vorzulegen. Das heißt: Es wird nur das Deckblatt mit dem neuen Jahr ausgetauscht. Statt 2019 steht nun auf dem gleichen Zahlenwerk 2020.

2. Die ursprünglich beschlossenen 9 Mio. Euro haben sich vervielfacht.

Schon bei der damaligen Diskussion (also 2011!) wies ein Synodaler darauf hin, dass im Rheinland, wo ein vergleichbares System eingeführt worden ist, die Kosten auf 18 Mio. Euro erhöht werden mussten.12 Doch damit war auch im Rheinland nicht das Ende der Kostenexplosion erreicht. Will man die zusätzliche Arbeit in den Regionalverwaltungen einrechnen und zusätzliche Investitionen in Beratungsfirmen, wird man auch in der EKHN auf einen Betrag von 30-40 Mio. Euro kommen. Bedenkt man, dass die Doppik EKD-weit gewünscht und befördert worden ist, wird man von mehreren 100 Mio. Euro ausgehen müssen, die für die Einführung der Doppik in den evangelischen Landeskirchen verausgabt wurden. Allein im Rheinland munkelt man von mehr als 100 Mio. Offizielle Angaben werden nicht veröffentlicht. Dort ist das teure EDV-Programm bereits durch ein neues ersetzt worden. In der EKHN ist ähnliches geplant.

3. Die Versicherung, die Doppik sei „im laufenden Betrieb nicht teurer“, ist inzwischen widerlegt.

In der Einbringungsrede der Kirchenleitung hieß es: „Wir wissen, was wir in jedem Jahr für die Buchführung und die Abschlüsse im kameralen System ausgeben, wir wissen auch, wie teuer unser Kirchliches Finanzmanagementprogramm heute ist. Das kann man als maximale Marge nehmen, darüber kommen wir ganz bestimmt nicht, wenn wir auf Doppik umstellen.“13 Die Versicherung, die Doppik sei „im laufenden Betrieb nicht teurer“, ist inzwischen widerlegt. In einem Brief schreibt der Leiter der Kirchenverwaltung Anfang 2019: „Richtig ist, dass die Doppik dauerhaft zu Mehraufwendungen im Personalbereich führt. Die Einführung des kaufmännischen Rechnungswesens dient auch dazu, neue bzw. detailliertere Informationen über das vorliegende Zahlenwerk zu bekommen. Diese neuen und zusätzlichen (Mehr)-Informationen hat es so bislang in der Kameralistik nicht gegeben und führen zu Mehraufwand.“ Der Leiter einer Regionalverwaltung geht davon aus, dass bis zu 30% mehr Personal nötig sein wird, um das aufwändige Buchungssystem zu betreiben. In unserer Gemeinde entstehen Buchungsvorgänge, die die bisherige Arbeit vervierfachen werden. Auch für die Kirchengemeinden steht also Mehrarbeit an. Von „überbordender Bürokratie“ sprach der Vorsitzende des Finanzausschusses.

4. Von einer Vereinheitlichung der Haushalts­systematik in der EKD kann keine Rede sein.

Jede Kirche verwendet andere Bewertungen und andere Abschreibungszeiten für ihre Gebäude. Die Behauptung: „Man weiß immer, welche Größen gemeint sind“14 ist eine Illusion.

5. Die dringende Bitte an die Synodalen: „Wir müssen Auskünfte geben können – relativ rasch“ ist durch die jahrelange Verzögerung absurd geworden.

Die ungeheure Datenmenge, die nun produziert wird, führt nicht zu mehr Klarheit, sondern zu komplexeren Bewertungen und Interpretationen.

6. Die These zur Bauunterhaltung: „Es ist gute Vorsorge betrieben worden, sowohl in der Gesamtkirche als auch in zahlreichen Kirchengemeinden“ ist widerlegt.

Dies ist besonders deshalb misslich, weil die Kirchenverwaltung sehr genaue Kenntnisse über die Kosten der Bauunterhaltung hat. Der Kirchenleitung hätte von Anfang an klar sein müssen, dass die Zuweisungen an die Kirchengemeinden niemals ausreichen würden, um die Substanzerhaltungsrücklage ausreichend finanzieren zu können. Die Einführung der Doppik ist denn auch schnell mit einem neuen Projekt, dem „Gebäudestrukturplan“, verbunden worden. Er soll zur dauerhaften Reduzierung des Gebäudebestandes führen, der nach Ansicht der Kirchenleitung viel zu groß ist. (Das mag sein. Aber es wäre ehrlich, es auch schon vorher zu sagen, und nicht in der Einbringungsrede das genaue Gegenteil zu behaupten.)

7. Die angesagte Entlastung der Kirchenvorstände ist enttäuscht worden.

„Das wäre natürlich schade, wenn Sie die Kirchenvorstandssitzungen, die sowieso schon zeitlich eng getaktet sind, dazu nutzen müssten, über Bewertungsansätze und Abschreibungen zu diskutieren. Also vertrauen Sie auf die Steuerungsgruppe …“15 Diese freundliche Zusage ist enttäuscht worden. Die Kirchenvorstände sind nun seit fünf Jahren mit der Doppik beschäftigt und vor allem deshalb, weil sie nicht funktioniert. Wenn sie funktioniert, werden sie sich noch mehr mit ihr beschäftigen müssen.

8. Die beharrlich vorgetragene Prognose sinkender Kirchensteuereinnahmen erscheint als Drohgespenst.

Der Hinweis, dass die Kirchensteuereinnahmen in Zukunft sinken werden, wird seit etwa dreißig Jahren bei allen wichtigen Entscheidungen der Synode vorgetragen. Bis 2018 sind die Steuereinnahmen regelmäßig gestiegen. Für 2018 haben die Kirchen in Deutschland die höchsten je erzielten Einnahmen bekanntgegeben. Auch das Jahr 2019 hat nicht den angekündigten Einbruch der Kirchensteuereinnahmen gebracht.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sämtliche Argumente, die die Kirchenleitung der Synode vortrug, nicht stichhaltig waren.

 

Die Folgen der Doppik für die Gemeinden

Doch die realen Folgen der Doppik gehen weit über die dargestellten Probleme hinaus, die vorerst nur die Leistungsfähigkeit von Kirchenleitung und Verwaltung dokumentieren. Die wichtigste Veränderung für die Kirchengemeinden ist die Bewertung aller Gebäude und die daraus folgende Bildung einer Substanzerhaltungsrücklage. Doch anders als in der Synode vorgetragen, wird die Gebäudebewertung für die meisten Gemeinden zu einer kaum zu tragenden Belastung. In der Regel werden 10-15% der gesamten Zuweisung an eine Kirchengemeinde nun jährlich in die „Substanzerhaltungsrücklage“ wandern, falls das möglich ist. Für die Eröffnungsbilanz müssen Kirchengemeinden 20% ihres zukünftig errechneten Baubedarfs in die „Substanzerhaltungsrücklage“ einbringen. Viele Kirchengemeinden können das nicht leisten. Die Kirchengemeinden, die gut gewirtschaftet haben, werden dadurch in ihren finanziellen Möglichkeiten drastisch eingeschränkt.

Die Doppik bewirkt im Fall einer wirtschaftlich starken Kirchengemeinde zunächst eine hohe Bindung von Kapital, das bei der Gesamtkirchenkasse angelegt ist. Die Kirchengemeinde hält dann in der Rücklage nach wenigen Jahren die Mittel, die sie in den nächsten 15-20 Jahren für ihre Gebäudeunterhaltung nach den Berechnungen der Gebäudebewertung brauchen wird. Bauunterhaltungsmaßnahmen, die weniger als 10.000 € pro Fall kosten, müssen unabhängig davon von den Kirchengemeinden ohne Zuschüsse der Gesamtkirche aufgebracht werden.

Kein Immobilienbesitzer würde eine solche Rechnung anstellen, wenn er eine Immobilie erwirbt oder erhalten will. Keine Immobiliengesellschaft bewertet nach solch einem System ihren Bestand. Es ist auch nicht vorgesehen, die Bewertungen regelmäßig zu überprüfen, weil das viel zu aufwändig und zu teuer ist. Für die Rücklagenbildung ist auch nicht eingerechnet, dass Kirchengemeinden für Renovierungen an Kirchen, Gemeindehäusern oder Kindergärten Spenden erhalten. In der Kirchengemeinde, in der ich arbeite, sind sämtliche Eigenanteile bei großen Bauunterhaltungsmaßnahmen an der Kirche, den Gemeindehäusern oder dem Kindergarten in den letzten 70 Jahren aus Spenden, Erbschaften oder Stiftungen etc. finanziert worden, niemals aus Kirchensteuern. Das ist nun nicht mehr vorgesehen.

Sollten also Kirchengemeinden die Rücklagen wie vorgesehen bilden, sind Spenden oder Stiftungen nicht mehr nötig. Die Verwaltung schreibt dazu: „Konnten Sie im günstigsten Fall Ihre SERL (Substanzerhaltungsrücklage) in voller Höhe aufbringen, wäre zwar ein entsprechender Ausweis der damit schon vorhandenen Eigenmittel in der Bilanz gegeben und damit aus Sicht des Betrachters von außen unter Umständen keine Notwendigkeit mehr erkennbar, zu spenden. Allerdings ließe sich allein aus der Bilanz keine eindeutige Zuordnung der SERL auf ein bestimmtes Gebäude ablesen.“16 Das ist sehr pfiffig gedacht: Man braucht den Leuten ja nicht zu sagen, dass das Geld schon da ist.

Auch auf einen anderen Zusammenhang wird von der Verwaltung hingewiesen: „Der Erfolg der Spendenaktion wird vielmehr davon abhängen, wie der Finanzbedarf vermittelt wird. Da sämtliche Mittel, die für die Bauunterhaltung reserviert sind, mit anderen Verwendungszwecken in der Gemeinde konkurrieren, ließe sich darstellen, dass allein mit Hilfe von Spenden sowohl die Baumaßnahme durchgeführt werden kann, als auch die anderen Aufgaben in der Gemeinde wahrgenommen werden können.“17

Die Verwaltung stellt zu Recht fest, dass die Mittel der Bauunterhaltung mit anderen Mitteln konkurrieren. In der Umsetzung der Doppik ist den Regionalverwaltungen die Aufgabe übertragen worden, bei Personalwechsel festzustellen, ob die Gemeinde überhaupt in der Lage ist, nach Abzug der Substanzerhaltungsrücklage langfristig ihr Personal zu finanzieren. Wenn also Gemeinden die Rücklage nicht ausreichend bilden können, dürfen sie keine Küster, Organisten, Chorleiter etc. mehr einstellen (in der Regel kleine Teildienstverhältnisse). Im Ergebnis entscheiden Sachbearbeiter der Regionalverwaltung, ob eine Kirchengemeinde noch einen Chorleiter, einen Organisten für den Sonntagsgottesdienst oder eine Putzkraft für das Gemeindehaus haben kann. Die Steuerungsmechanismen, vor denen der Vorsitzende des Finanzausschusses die Synode gewarnt hat, sind sofort umgesetzt worden. (Da die Regelung zunächst nur in den Pilotregionen durchgeführt werden konnte und dort ein Aufschrei durch die Gemeinden ging, ist sie schon aus Gründen der Gleichbehandlung ausgesetzt worden. 2021 soll die Doppik, wie es im Behördenjargon heißt, „scharf gestellt werden“.)

 

Entmündigung der Kirchenvorstände statt Entlastung

Neben diesen gravierenden Verschlechterungen ist die Verunsicherung der Kirchengemeinden festzuhalten. Sie werden über Jahre mit unvollständigen Informationen und komplexen Berechnungen versorgt. Ich habe das Zahlenwerk mit jemandem besprochen, der als Geschäftsführer für 8000 Immobilien eines großen deutschen Unternehmens verantwortlich ist. Den Sinn dieser Buchführung konnte er nicht nachvollziehen. Im Kirchenvorstand machen unvollständige Haushalte und fehlende Jahresrechnungen die Arbeit mühevoll. Anfragen an die Kirchenverwaltung oder Kirchenleitung werden nach einem neuen System beantwortet: „Sehr geehrte Damen und Herrn, Herr/Frau OKR XY hat mich gebeten, Ihr Schreiben zu beantworten … sollten Sie noch Fragen haben, wenden Sie sich bitte an meinen Mitarbeiter Z.“ So wird man durch die Hierarchie nach unten durchgereicht.

Die neuen Steuerungssysteme sind installiert. Es ist durchaus fraglich, ob die Mitglieder der Kirchenleitung oder die Leitung der Verwaltung überhaupt noch wissen, welche Folgen ihre Entscheidungen für die Gemeinden haben. Die Rückstellungen für Gebäudeunterhaltung führen in den meisten Gemeinden zu schweren Verwerfungen im Haushalt. Die Haushalte können nicht mehr ausgeglichen werden. Bei einer Regionalverwaltung hat ein Mitarbeiter wegen seiner Reinigungsstelle angefragt. Dort wurde ihm u.a. mitgeteilt, es wäre eigentlich nicht verständlich, warum nicht der Kirchenvorstand das Gemeindehaus sauber hält. Die Mitarbeiter in der Verwaltung haben jedenfalls verstanden, worum es geht. Wenn Stellen nicht mehr besetzt werden können, weil das Geld für die Bauunterhaltung fehlt, sollten die Kirchenvorstände die Arbeit erledigen. Bevor der Organist nicht mehr kommt, sollte die Reinigungskraft gekündigt werden. Die Logik ist verständlich.

Doch die Folgen der Doppik werden nun durch den Gebäudestrukturplan konterkariert. Der soll auf Dekanatsebene für eine Reduktion des Gebäudebestandes um 50% sorgen. Dann spielt es plötzlich keine Rolle mehr, ob Gemeinden die nötigen Rückstellungen finanzieren können. Zu Recht müssen dann übergeordnete Gesichtspunkte berücksichtigt werden. Aber der Plan greift in die Entscheidungskompetenz der Kirchengemeinde ein. Denn über die Gebäude, die der Kirchengemeinde gehören, soll am Ende die Dekanatssynode entscheiden. Dort sitzen in den neuen Großdekanaten Synodale, von denen vermutlich viele nie die Gebäude betreten haben, über die sie nun entscheiden sollen. Eine kuriose Entwicklung, die weder mit demokratischen Ordnungen noch mit Haushaltsverantwortung viel zu tun hat. Es entspricht dieser Regelung, wenn der Leiter der Kirchenverwaltung festhält: „Das Prinzip der Subsidiarität ist dem Kirchenrecht der EKHN unbekannt.“ Deswegen sollen nun auch die, die vor Ort Verantwortung tragen, nicht mehr entscheiden dürfen. Sie sollen ausführen, was beschlossen ist – bei Bedarf eben putzen. Besondere Kompetenz ist nicht nötig.

Deshalb ist es aus Sicht der Kirchenleitung auch kein Verlust, wenn ein Finanzfachmann die Synode verlässt. Ohnehin steht er nicht allein, sondern gehört in die lange Reihe derer, die sich schon früher verabschiedet haben. Zu Zeiten hat sogar ein Finanzreferent der Kirche sein Amt niedergelegt, nachdem ein Kirchenpräsident wegen angeblich sinkender Kirchensteuereinnahmen seiner Kirche ein Sparprogramm verordnet hatte. Vielleicht war das gemeint, als die Kirchenleitung zum Schluss der Einbringungsrede festhielt. „Es ist eine angemessene Investition in die Zukunft, Zukunft wohlgemerkt, weil wir eben mit neuen Mitarbeitenden und neuen Ehrenamtlichen zusammenarbeiten wollen.“18

 

Ein (vorläufiges) Fazit

In wesentlichen Punkten gehen die Doppik und nun auch der Gebäudestrukturplan an der Wirklichkeit einer Kirchengemeinde vorbei. Seit Jahrhunderten haben Menschen für den Erhalt ihrer Kirchen gespendet. Diese Gebäude haben eine hohe Symbolkraft, die nicht einfach mit anderen Zwecken ausgetauscht werden können. Wer Spenden für solch einen Zweck nicht mehr berücksichtigt, hat schlicht die Bedeutung der Kirche nicht verstanden. Das zeigte sich schon bei der Wiedervereinigung Deutschlands. Damals warnten die evangelischen Kirchen vor dem Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche und gingen davon aus, dass viele Kirchen in den neuen Bundesländern nicht erhalten werden könnten. Die Geschichte hat die Einlassungen der Kirchenleitungen und Synoden Lügen gestraft. Es waren am Ende nicht die Kirchen, sondern Bürgerinitiativen, privates Engagement, Stiftungen und der Staat, die dafür sorgten, dass Tausende von Kirchen im Osten renoviert und auch die Frauenkirche wieder aufgebaut wurde. Leider haben die evangelischen Kirchen daraus wenig gelernt.

Während die Gemeinden Rückstellungen bilden sollen, wird der Anteil der Gesamtkirche an der Substanzerhaltungsrücklage als Sonderposten eingesetzt und aufgelöst. Damit entsteht ein Finanzierungsvorbehalt: Die Kirchenverwaltung kann eine Baumaßnahme nicht bezuschussen, weil sie sie nicht für nötig oder finanzierbar hält, während die Kirchengemeinde aufgrund der Sparauflagen die nötigen Ansparungen vornehmen musste. Schließlich erlaubt der Gebäudestrukturplan, dass eine Gemeinde für ein Gebäude die nötigen Rückstellungen bildet, aber das Gebäude aufgegeben muss, weil die Synode das beschließt. Die Gemeinde soll also für Gebäude sparen, die es eventuell gar nicht mehr gibt, wenn die Substanzerhaltungsrücklage eingesetzt werden soll.

Obwohl die Gebäude den Kirchengemeinden gehören, wird die Entscheidung über sie aus der Verantwortung der Kirchengemeinde genommen. Der Gedanke der Verantwortung, den die Doppik ursprünglich befördern sollte, wird so in sein Gegenteil verkehrt. Unter solchen Bedingungen ist eine verantwortliche Leitung einer Kirchengemeinde kaum noch möglich.

Auf diesem Hintergrund kann man verstehen, warum die Einführung der Doppik, die faktisch ein Desaster für die Kirchengemeinden ist, aus Sicht der Kirchenleitung ein Erfolg ist. Der Leiter der Kirchenverwaltung schreibt Anfang 2019, die Einführung der Doppik sei „auf einem guten Weg“. Das hat Gründe. Die Doppik erlaubt der Kirchenleitung Eingriffe in die gemeindliche Struktur, die bislang unmöglich waren. Sie sorgt dafür, dass Gemeinden in Schwierigkeiten kommen, die sie zur Fusion (neuerdings „Kooperation“ genannt) mit anderen Gemeinden zwingen, Personalabbau voranbringen und die Bereitschaft erhöhen, Immobilien zu veräußern. Erhebliche Kirchensteuerzuweisungen an die Gemeinden gehen direkt in die von der Gesamtkirche verwalteten kirchlichen Rücklagen zurück. Der Kirchensteuerzahler findet sich in der merkwürdigen Lage, dass er mit seinen Steuern zu einem erheblichen Teil Bauprojekte finanziert, die in 15 oder 20 Jahren zur Ausführung kommen oder eben auch nicht, weil sich dann die Rahmenbedingungen geändert haben. Zusätzlich darf er die hohen Verwaltungskosten finanzieren.

Nicht nur die Doppik sorgt dafür, dass die Verwaltung immer aufwändiger und ineffizienter wird. Als ich 1985 meinen Dienst in der Kirche antrat, war es möglich, einen Mitarbeiter innerhalb eines Tages einzustellen. Heute braucht es bei der Besetzung von Planstellen sechs Wochen. Ein neues Passwort fürs Intranet wird innerhalb von vier Wochen geliefert. Wenn es schnell gehen soll, kann man zu seinen Gemeindegliederdaten auch innerhalb von 14 Tagen Zugang bekommen. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren. Aus Personalgesprächen von Kollegen habe ich mehrfach gehört, dass sie ihren Dienstvorgesetzten von der Mehrarbeit durch Verwaltungsaufgaben berichteten. Die Antwort bestand im Hinweis darauf, ob man nicht die Anzahl der Gottesdienste reduzieren wolle, um die nötige Zeit für die Verwaltung zu gewinnen. Die Kirche hat ein großes Programm für die Gewinnung und Ausbildung von Prädikanten entwickelt. Ehrenamtliche sollen nun vermehrt die Gottesdienste halten und in der Seelsorge eingesetzt werden. Eine merkwürdige Schieflage entsteht: In der Verwaltung und auf den Profilstellen ist Professionalität gefragt, während für Gottesdienste, Seelsorge und Unterricht auch Ehrenamtliche ausreichen.19

Was hier am Beispiel der Doppik geschildert wurde, lässt sich an vielen anderen Projekten der letzten 20 Jahre ebenfalls zeigen. Das Muster ist immer gleich: Zentralisierung und Stärkung der Verwaltung, wachsende Ineffizienz und Inkompetenz, der Verlust an theologischen und geistlichen Inhalten und die selbstbewusste Bilanz der Verantwortlichen: „Wir sind auf einem guten Weg.“

 

Anmerkungen

1 Protokoll der Verhandlungen, 4. Tagung der 11. Synode der Ev. Kirche in Hessen und Nassau, November 2011, 272f.

2 Protokoll, a.a.O., 231.

3 Protokoll, a.a.O., 227.

4 Protokoll, a.a.O., 226.

5 Protokoll, a.a.O., 223.

6 Protokoll, a.a.O., 223f.

7 Protokoll, a.a.O., 224.

8 Protokoll, a.a.O., 225.

9 Protokoll, a.a.O., 226.

10 Protokoll, a.a.O., 227.

11 Protokoll, a.a.O., 227.

12 Protokoll, a.a.O., 240.

13 Protokoll, a.a.O., 227f.

14 Protokoll, a.a.O., 226.

15 Protokoll, a.a.O., 223.

16 Brief an einen Kirchenvorstand.

17 Brief an einen Kirchenvorstand.

18 A.a.O., 228.

19 Die theologischen Defizite für diese dramatische Veränderung hat Dorothea Wendebourg unter dem Titel „Gemeinschaft der Kirche – zu Tode verwaltet“ (DPfBl 4 und 5/2018) erörtert.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Christoph Bergner, Jahrgang 1957, Studium der Theologie, Philosophie und Musikwissenschaft in Tübingen und Rom, Promotion zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über "Die Form der Präludien des Wohltemperierten Klaviers von J.S. Bach", Pfarrer der Evang. Michaelsgemeinde Bensheim, 23 Jahre (bis 2010) Mitglied der Synode der EKHN, davon 18 Jahre im Finanzausschuss, Autor der Bücher "Die Kirche und das liebe Geld" (Calwer Verlag 2009) und "Europas christliche Wurzeln. Beiträge zur Gestaltung der EU in der Krise" (Calwer Verlag 2018).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
15.02.2021 Ein Kommentar von Axel Zeiler-Held Ich gehöre zu den (scheinbar sehr wenigen) Menschen in der EKHN, die seit der Einführung der Doppik das Gefühl haben, endlich mal verständliche Zahlen geliefert zu bekommen (auch wenn es aufgrund der fehlenden Eröffnungsbilanzen Probleme gibt). Aus meiner Sicht ist nicht "die Doppik" das Problem, sondern in vielen Bereichen das Festhalten an alten Denkweisen und Strukturen. Solange wir weiter für jede Buchung Papier durch die Lande und durch die Flure der Verwaltungen schicken, bringt uns auch die Software wenig erkennbare Erträge. Ich habe das Gefühl, in den Regionalverwaltungen hat man die alte Kutsche durch einen neuen Tesla ersetzt und dann mühsam angefangen, die Pferde vor den Tesla zu spannen...
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