Immer noch und leider auch aus aktuellen Gründen wieder ist das Phänomen des Antisemitismus ein kaum auszuschöpfender Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Selbstbesinnung. Bereits 2017 fand in Greifswald eine interdisziplinäre Tagung zu dieser Thematik statt. Dort wurde die These erörtert: Man kann den Antisemitismus nur dann zureichend verstehen, wenn man seine emotionalen Grundlagen und Dimensionen wahrnimmt. Eberhard Pausch fasst die Ergebnisse der Tagung zusammen.

 

Immer noch und leider auch aus aktuellen Gründen wieder1 ist das Phänomen des Antisemitismus2 ein kaum auszuschöpfender Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und gesellschaftlicher Selbstbesinnung. Stefanie Schüler-Springorum, Historikerin und seit 2011 Leiterin des Zentrums für Antisemitismusforschung in Berlin, und Jan Süselbeck, Privatdozent für Neuere deutsche Literatur an der Philipps-Universität in Marburg, sind die beiden Herausgeber der Dokumentation einer interdisziplinären Tagung, die im Jahr 2017 in Greifswald stattfand. Dort wurde folgende These umfassend erörtert: Man kann den Antisemitismus nur dann zureichend verstehen, wenn man seine emotionalen Grundlagen und Dimensionen wahrnimmt. Die damalige Tagung liegt nunmehr in Buchform3 dokumentiert vor.

Ich wurde gebeten, dieses Buch zu besprechen, und zwar als Programmteil eines Studientages der Philipps-Universität Marburg und der Evang. Akademie Frankfurt zum Thema „Wurzeln antijüdischer Stereotype“.4 Aus der vorgesehenen Rezension wurde, ohne dass dies beabsichtigt war, ein eigener systematisch-theologischer Text: der hier vorliegende Aufsatz. Dazu veranlasste einerseits der ergiebige Inhalt des Buches. Dazu veranlasste andererseits das brisante Thema selbst, nämlich der in der Mitte unserer Gesellschaft und unserer Kirche präsente Antisemitismus, der immer einen bedrohlichen und mitunter auch gewaltförmigen Charakter hat. Wie gnadenlos und mörderisch der Charakter dieses Phänomens sein kann, zeigte am 9. Oktober 2019 der Terroranschlag von Halle. Im Rahmen meiner systematischen Darstellung verweise ich, um auch die Rezensionsaufgabe zumindest „en passant“ wahrzunehmen, jeweils in eckigen Klammern ([…]) auf die textlichen Referenzpunkte in dem oben genannten Buch.

 

Emotionale Grundlagen und Dimensionen des Antisemitismus

Man kann den Antisemitismus nur dann zureichend verstehen, wenn man seine emotionalen Grundlagen und Dimensionen wahrnimmt – so lautet die hier zu diskutierende These. Sie ist freilich nicht ganz neu, war aber in der wissenschaftlichen Diskussion zeitweise in den Hintergrund gedrängt worden. Nicht zufällig werden in vielen der in dem Sammelband enthaltenen Beiträge daher als Referenzautoren Zeitgenossen des Holocaust wie Jean-Paul Sartre (1905-1980), Theodor W. Adorno (1903-1969) und Max Horkheimer (1895-1973) benannt. Sartre hat 1944 in einem luziden Essay5, die beiden Protagonisten der Frankfurter Schule haben im gleichen Jahr in ihrem größeren Werk „Dialektik der Aufklärung“6 die unauslöschliche Emotionalität des Antisemitismus herausgearbeitet. Dieser kann demnach, Sartre folgend, als eine Verbindung von Leidenschaft und Weltanschauung gekennzeichnet werden.7 Das Element der negativen Leidenschaft, die unter anderem Hass sowie Tötungs- und Zerstörungswillen umfassen kann, ist dem Antisemitismus eigen.

Wo aber unauslöschlicher Hass herrscht, da wirkt es nicht überzeugend, im Anschluss an Hannah Arendt (1906-1975) von einer bloßen „Banalität des Bösen“ zu sprechen [zu Arendt vgl. vor allem den Beitrag von Irmela von der Lühe]. Das mag zwar der „Bürokraten-Sprech“ des Wannseeprotokolls nahelegen, der verschleiernd und euphemistisch zugleich von „natürlicher Verminderung“ und „entsprechender Behandlung“ redet, wenn er „Mord“ meint. Auch Adolf Eichmanns (1906-1962) Verteidigungsstrategie bei seinem Prozess in Israel zu Beginn der 1960er Jahre, der sich wie viele andere Nationalsozialisten auf den Automatismus von Befehl und Gehorsam als Rechtfertigung der durchgeführten Grausamkeiten berief, wirkte in diesem Sinne gewiss irreführend – obwohl man diese apologetische Taktik ja seit den Nürnberger Prozessen 1946 kennen konnte.8

Selbst Wilhelm Heitmeyers seit den 2000er Jahren weithin gebräuchliche Formel von der „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ scheint im Grunde genommen zu undifferenziert, um auf den „eliminatorischen Antisemitismus“9 zu passen, der sich im Holocaust austobte und mehr als sechs Millionen Jüdinnen und Juden das Leben kostete. Denn zum einen fragt sich, auf welchen Emotionen „Menschenfeindlichkeit“ beruht oder ob diese selbst eine Emotion darstellen soll. Zum anderen muss „Menschenfeindlichkeit“ (man denke an Molières Werk „Le Misanthrope“) an sich noch keineswegs zu einer Mordmaschinerie und unvorstellbaren Grausamkeiten führen. M.a.W.: Für das Phänomen des Holocaust kann eine „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ allenfalls eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung sein.

 

Die geschichtliche Kontinuität des Antisemitismus

Der Holocaust stellt, so viel sollte deutlich sein, nicht einfach eine historische Episode dar, die geographisch auf Deutschland oder Mitteleuropa beschränkt und temporal gegen die Zeit vorher und hinterher hermetisch abgeriegelt wäre. Er ist vielmehr das monströseste Beispiel überhaupt für den ungezügelten Ausbruch eines geschichtlich kontinuierlich vorhandenen Hassgefühls, das seine Wurzeln unter anderem in der christlichen Kirche und Theologie hat.

Die Kontinuität des Antisemitismus reicht allerdings zurück in die vorchristliche Zeit. Sie beginnt schon in der Ära des Hellenismus und zur Zeit der Römerherrschaft über Israel und Palästina. Sie wirkt über antijudaistische bzw. antisemitische10 Texte im NT in die Alte Kirche hinein. Sie durchzieht in einer merkwürdigen Janusköpfigkeit (Jüdische Menschen als Schutzbefohlene/brunnenvergiftende Sündenböcke) das abendländische Mittelalter11, und wird in der Reformationszeit unter anderem wirkungsmächtig durch Martin Luther repräsentiert12. Der Antisemitismus findet später dann Nährböden in der „Tischgesellschaft“ der Romantik (Achim von Arnim, Clemens Brentano) und radikalisiert sich im 19. Jh. in erschreckender Weise. Auch Juden selbst und jüdischstämmige Personen konnten damals Antisemiten sein – man denke etwa an die Äußerungen von Karl Marx (1818-1883) über Ferdinand Lassalle (1825-1864), den Gründervater des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV), aus dem sich die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) entwickeln sollte. Marx beschimpfte Lassalle u.a. als „jüdischen Nigger“, als „Baron Itzig“ und als „Wasserpolackischen Juden“13.

Die Linie setzt sich fort über Heinrich von Treitschke (1834-1896) und den kaiserlichen Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909) bis hin zu demjenigen Antisemitismus, der in der Herrschaft der Nationalsozialisten seine abgrundtief bösartige eliminatorische Gestalt fand. So mündete die mehr als 2000jährige antisemitische Kontinuität in den SS-Staat und in das System der Konzentrationslager, das während des Zweiten Weltkrieges zu einer mit Giftgas tötenden Hydra wurde. Das Schlimmste aber: Die Hydra des Antisemitismus lebt auch nach 1945 noch, obwohl ihr schon so viele Köpfe abgeschlagen wurden. Und sie wächst sogar noch weiter, teils im Verborgenen, teils manifest. Eine der Schlüsselfragen lautet daher: Wie kann es sein, dass diese unheilvolle Kontinuität trotz all jener schrecklichen Erfahrungen weiterbesteht?

 

Bandbreite und Komplexität antisemitischer Emotionen

Die Affekt-Theorie des Antisemitismus bietet eine mögliche Antwort auf die zuletzt gestellte Frage an. Vielleicht beruht die Unausrottbarkeit des Phänomens ja auf der Bandbreite und Komplexität, in der sich Affekte entfalten und miteinander vernetzen [so Birgit Aschmanns Deutungsvorschlag]. Die hier im Spiel befindlichen Emotionen beinhalten unter anderem Angst, Scham, Ekel, Abscheu, Neid, Besitzgier, sexuell abartige Begierden, Empörung, Zorn, Wut und Hass. Eine besondere Bedeutung könnte dabei noch dem Affekt des Ressentiments zukommen [Julijana Ranc analysiert es im Blick auf seine beiden Komponenten „Sucht“ und „Lust“]. Man denke sich alle diese Gefühle in einen großen Container geworfen, der (in Analogie zu hydraulischen Systemen) bei Überlast zu explodieren droht. Im Falle der Explosion muss dies zu Gewalt, Mord, Zerstörung führen.14

Will man die historische Kontinuität des komplexen Breitband-Antisemitismus in einem Bild beschreiben, so mag man am ehesten an Wellenbewegungen denken. Die Epoche der Aufklärung hatte zwar durchaus ein Doppelgesicht, da sie das Judentum mit seinem Gesetzes- und Ritualcharakter gerne als „unvernünftig“ brandmarkte, aber sie führte über Moses Mendelssohn (1729-1786) und die Berliner „Mittwochsgesellschaft“ hin zum offenen, gastfreundlichen Berliner Salon der drei Damen Henriette Herz (1764-1847), Dorothea Veit (später: Schlegel, geb. Mendelssohn, 1764-1839) und Rahel Varnhagen (1771-1833). Und über die preußischen Reformer öffnete sie die Tore für die Emanzipation und zumindest annähernde rechtliche Gleichstellung jüdischer Bürger*innen in Preußen und anderen Teilen Deutschlands. Zeitgleich entstand aber auch die „männerbündische“ und judenfeindliche „Tischgesellschaft“, die einen bösartig ausgrenzenden Charakter hatte [dies zeichnet Uffa Jensens Aufsatz nach]. Schlimmer noch: In primitiver Aneignung des Darwinismus entwickelte sich seit den 1870er Jahren der rassisch ­fokussierte Antisemitismus.

Wenn es richtig ist, dass ein bis zum Bersten gefüllter Gefühlscontainer die emotionale Grundlage des Antisemitismus darstellt, wie lässt sich dieses Gefäß dann näher analysieren? Benötigt man dazu vorrangig anthropologische, biologische, psychologische, psychoanalytische, historische, sozialwissenschaftliche Analyseinstrumente – oder sie alle in Verbindung miteinander und sogar noch andere mehr? Der Sammelband enthält auch literaturwissenschaftliche Analyseversuche, etwa, indem [durch Jan Süselbeck] in E.T.A. Hoffmanns Werk „Der Sandmann“ die Figur des „ewigen Juden“ aufgespürt wird. Die „dunkle Seite“ der Romantik (etwa zeitgleich entstand Mary Shelley’s Roman „Frankenstein“) birgt in ihrer emotional reichhaltigen Tiefengrammatik durchaus Spuren des Antisemitismus. Für Theolog*innen, für die die Beschäftigung mit der biblischen Literatur des AT und NT wesentlich ist, ist ein literaturwissenschaftlicher Zugang zu den Texten und damit zur Thematik zweifellos wichtig.

Drei weitere Zugänge zum antisemitischen Gefühlscontainer seien hier exemplarisch benannt, ohne dass damit die Thematik auch nur annähernd ausgeschöpft werden könnte:

a) Sartre etwa ging – konsequent existenzialistisch – davon aus, dass der antisemitisch Hassende seine dunkle Leidenschaft selbst „gewählt“ habe: Die „Wahl“ (parallel zum „Entwurf des Daseins“ beim frühen Martin Heidegger) konstituiere daher den Bestand und Zusammenhalt des Containers. Bei aller Parteinahme Sartres für die Juden und Jüdinnen wird man freilich auch seiner Analyse nicht in jeder Hinsicht folgen können. So steht für ihn etwa fraglos fest, dass es eine jüdische „Rasse“ gebe: „Ich leugne nicht, dass es eine jüdische Rasse gibt.“15

b) Adorno und Horkheimer wiederum sprachen in der „Dialektik der Aufklärung“ von der „Idiosynkrasie“16, mit der auf eine kontingente, aber gleichwohl psychoanalytisch nachvollziehbare Weise die Inhalte des Containers miteinander verbunden seien. Auch die Kategorie der „Mimesis“ spielt für sie dabei eine Rolle. Sie berufen sich für ihre Analyse im Ganzen unter anderem auf Einsichten der Psychoanalyse im Anschluss an Sigmund Freud [vgl. hierzu den Beitrag von Samuel Salzborn]. Demgegenüber wirkt Adornos berühmter Aphorismus „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“17 fast wie ein Rückschritt hinter die bereits 1944 gewonnenen Erkenntnisse. Denn was ist schon ein „Gerücht“? Im Zweifelsfall deutlich weniger als eine Leidenschaft oder eine tiefe Emotion.

c) Folgt man grundsätzlich einem psychoanalytischen Ansatz, so liegt es nahe, die im Antisemitismus präsenten Ekel- und Angstgefühle in engem Zusammenhang mit untergründigen und unterbewussten erotischen Bedürfnissen zu sehen [so Stefanie Schüler-Springorum in ihrem Beitrag, aber auch Kristoff Kerl, der auf ein Fallbeispiel aus den USA des frühen 20. Jh. eingeht].18 Von diesem Zusammenhang her kann man auch die auf der Grundlage der „Nürnberger Gesetze“ (1935) stattgefundenen „Rassenschande-Prozesse“ verstehen, die seitens der Nationalsozialisten oft mit erniedrigenden öffentlichen Ritualen verbunden waren. Darin wurden Frauen, die sexuelle Beziehungen mit Juden oder Polen geführt hatten, an den Pranger gestellt, kahlgeschoren und mit brutalster Gewalt misshandelt, bevor sie in Gefängnisse oder Konzentrationslager kamen. Schüler-Springorum spricht von einem in die Tausenderzahl gehenden „Sexual-Rassismus“, der systematisch von bodenlosen Hetz-Artikeln in der von Julius Streicher (1885-1946) herausgegebenen Wochenzeitung „Der Stürmer“ vorbereitet und begleitet wurde. Diese Deutung ist umso plausibler, als selbst Martin Heidegger (1889-1976) – wie man heute weiß, unzweifelhaft selbst ein Antisemit – Streichers Zeitung gegenüber seinem Schüler Karl Löwith (1897-1983) im Jahr 1936 als „nichts anderes als Pornographie“ bezeichnete und damit wohl den Kern der Sache traf.19 Schüler-Springorum schließt ihren Aufsatz mit der These, „der emotionsgetriebene Konnex von Gewalt, Sexualität und Ausgrenzung“ funktioniere auch heute noch, dies beweise schon die tägliche Zeitungslektüre. [Zoltán Kékesis Aufsatz verweist auf ähnliche Phänomene im zeitgenössischen Ungarn].

 

Die problematische Rolle des Christentums

Ein weiterer, erheblicher Faktor im Gefühlscontainer des Antisemitismus, der in dem Geflecht von „Leidenschaft und Weltanschauung“ von Bedeutung ist, wird in vielen Texten des Buches [am ausführlichsten aber bei Hans-Joachim Hahn] angesprochen, nämlich die problematische Rolle des Christentums. Hierzu gibt es zwar eine Fülle von Untersuchungen, und kaum jemand würde heute die komplexen Zusammenhänge bestreiten, die das Christentum auf der Suche nach seiner religiösen Identität bereits in den Urkunden des NT zu bösartigem Antijudaismus geführt hat und die bis in die Gegenwart hinein das Miteinander von Juden und Christen belasten und schwierig machen. Und dennoch bleibt das Ganze bis heute in mindestens vierfacher Weise ein Rätsel:

(1) Wie kann es sein, dass eine Religion, die sich aus dem Judentum entwickelt hat und an deren Anfang ausschließlich jüdische Personen standen (Jesus, Maria, Petrus, Maria Magdalena sowie Paulus und auch die meisten anderen Autoren des NT), eine derart umfassende Judenfeindschaft entwickeln konnte?20

(2) Wie kann es sein, dass eine Religion, zu deren ethischen Grundbeständen die Nächsten- und die Feindesliebe zählen und die proklamiert: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus“ (Gal. 3,28), Antisemitismus und Rassismus in ihrer Mitte dulden kann und sich bereitwillig mit Strömungen verbindet, die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit zur sozialen Praxis erheben?21

(3) Wie lassen sich Rassismus und Antisemitismus einander schlüssig zuordnen? Ist jener der Oberbegriff für diesen? Oder bilden beide eine Schnittmenge?

(4) Auf welchen Emotionen, auf welcher Affektgrundlage beruht der im Christentum zweifellos vorhandene Antisemitismus? Und wie lässt er sich bearbeiten und vielleicht, ja hoffentlich, auch ein für allemal überwinden?

Damit sind Fragehorizonte umrissen, die Forschungs- und Reflexionsaufgaben für viele Jahre bedeuten. Denn: Immer noch und leider auch aus aktuellen Gründen wieder ist das Phänomen des Antisemitismus auch für die evangelische Theologie und Kirche ein kaum auszuschöpfender Gegenstand wissenschaftlicher Forschung, aber auch und vielleicht sogar vor allem christlicher Selbstreflexion.22

 

Anmerkungen

1 Mitunter wird von einem „neuen“ Antisemitismus gesprochen. Das ist aber nur bedingt zutreffend. Mögen seine Formen und Ausdrucksweisen auch neu sein, der Kern des Antisemitismus ist wohl immer gleichgeblieben. So muss man korrekter Weise sagen: Der Antisemitismus breitet sich erneut aus, nicht aber: ein neuer Antisemitismus breitet sich aus.

2 Zuletzt zur Thematik erschienen sind, soweit ich sehe: Achim Bühl: Antisemitismus. Geschichte und Strukturen von 1848 bis heute, Wiesbaden 2020; Aus Politik und Zeitgeschichte: Antisemitismus (70. Jg.), Nr. 26/27, 22. Juni 2020 (Beilage zur Wochenzeitung „Das Parlament“); Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, München 2020.

3 Stefanie Schüler-Springorum/Jan Süselbeck (Hg.): Emotionen und Antisemitismus. Geschichte – Literatur – Theorie, Göttingen 2021 (ISBN 978-3-8353-3905-7), 250 S., 28,– €.

4 Die Tagungsleitung am 12.2.2021 lag bei Prof. Dr. Lukas Bormann, PD Dr. Jan Süselbeck (beide Philipps-Universität Marburg) und – für die Evang. Akademie Frankfurt – bei dem Autor dieses Textes.

5 Jean-Paul Sartre: „Betrachtungen zur Judenfrage“, in: ders.: Drei Essays, Frankfurt/Berlin/Wien 1977, 108-190, in neuer Übersetzung erschienen als: Jean-Paul Sartre: Überlegungen zur Judenfrage, Reinbek bei Hamburg 1994 (1. Aufl. in franz. Sprache: 1944).

6 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung: Philosophische Fragmente, Frankfurt/M. 22. Aufl. 2016 (New York 1944, Amsterdam 1947, Frankfurt/M. 1969).

7 Auch in Frankreich selbst scheint Sartres Beitrag zur Antisemitismusfrage weitgehend vergessen zu sein. Vgl. exemplarisch die Debatte über „Judentum, Israel und den Universalismus“ zwischen Alain Badiou und Alain Finkielkraut: dies.: Klartext. Eine Kontroverse, Wien 2013, 57-101. Aber selbst diese Meta-Debatte sprüht noch von Leidenschaft, was sich aus leidenschaftlicher Zurückweisung der mörderischen Allianz von Leidenschaft und Weltanschauung im Antisemitismusphänomen selbst erklären lassen könnte (ähnlich ließe sich möglicherweise die 2020 in Deutschland stattgefundene Auseinandersetzung um Achille Mbembe deuten).

8 Felix Heidenreich meint im Anschluss an Bettina Stangneth, dass Hannah Arendt mit dieser These der Selbstinszenierung Adolf Eichmanns während seines Prozesses in die Falle gegangen sei (ders.: „Sie redet Revolution, sie atmet Aufruhr“, in: FAZ Nr. 299 (23.12.2020), S. N3.

9 Der Begriff des „eliminatorischen Antisemitismus“ in Anwendung auf das deutsche Volk wurde von Daniel J. Goldhagen geprägt in: ders.: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Berlin 1996. Goldhagen (und Christopher Browning) sieht Jan Süselbeck als Exponenten des „emotional turn“ in der Antisemitismusforschung. Zu Goldhagens Buch vgl. auch Eberhard Martin Pausch: Christen als willige Vollstrecker? Kritische Anmerkungen eines evangelischen Theologen zu Daniel Goldhagens Buch, in: Hess. Pfarrblatt 1 (1998), 6-13.

10 Einerseits ist es analytisch sinnvoll, zwischen „Antijudaismus“, „Antisemitismus“ und „Antizionismus“ zu unterscheiden, wenn man im ersten Fall den Aspekt der Religion des Judentums, im zweiten Fall die Ethnie (und sog. „Rasse“) und im dritten Fall das Land bzw. den Staat „Israel“ in den Blick nimmt. Andererseits spricht auch manches dafür, mit Peter Schäfer den etablierten Oberbegriff „Antisemitismus“ zu verwenden, auch wenn damit vorrangig die religiöse Ablehnung und Feindschaft gemeint ist.

11 Peter Schäfer: Kurze Geschichte des Antisemitismus, a.a.O., 124.

12 Eine exemplarische Darstellung dieser historisch höchst problematischen Weichenstellung bietet Thomas Kaufmann: Luthers Juden, Stuttgart, 3. Aufl. 2017.

13 So nachzulesen bei Jürgen Neffe: Marx. Der Unvollendete, München 3. Aufl. 2017, 333-345.

14 Eine ähnliche Gefühlsmelange, nämlich negative Leidenschaft verbunden mit „Verschwörungstheorien“, dürfte der Hintergrund für die bedrohliche Lage in den USA zu Beginn des Jahres 2021 sein, die sich am 6. Januar 2021 bei dem durch einen aufgehetzten Mob versuchten „Sturm auf das Kapitol“ explosionsartig entlud – mit gewaltsamen und teilweise tödlichen Konsequenzen (es gab sechs Tote).

15 Jean-Paul Sartre: „Betrachtungen zur Judenfrage“, a.a.O., 138.

16 Max Horkheimer/Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung, a.a.O., 188ff.

17 Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben (1951), Frankfurt/M. 22. Aufl. 1994, 141.

18 Auch hierfür kann man an Sartre anknüpfen. Er verweist nämlich auf die „tiefe sinnliche Anziehung, die die Juden auf ihn [den Antisemiten] ausüben“, in: Jean-Paul Sartre: „Betrachtungen zur Judenfrage“, a.a.O., 130.

19 Karl Löwith: Mein Leben in Deutschland vor und nach 1933. Ein Bericht, Frankfurt/M. 1989, 58.

20 Die Behauptung, „die Juden“ hätten Jesus von Nazareth gekreuzigt, ist in keiner Weise zutreffend, wie man nicht erst seit kurzem weiß. Natürlich wurde Jesus von Römern verurteilt und hingerichtet. Im jüdischen Volk gab es Anhänger wie Gegner und vermutlich sehr viele Personen, die ihn gar nicht kannten oder wahrnahmen.

21 Das ist eine der Grundfragen bei der Befassung mit den „Wurzeln antijüdischer Stereotype“. Die Evang. Akademie Frankfurt stellt sich dieser Frage seit Jahrzehnten immer wieder neu, im Jahr 2020 etwa im Rahmen einer Diskussionsveranstaltung mit dem Titel „Der Schoß ist fruchtbar noch …“ (hierzu der gleichnamige Artikel von Doris Stickler in: Evang. Sonntagszeitung, 11.10.2020, 4). Dieser Artikel findet sich zusammen mit weiteren Materialien in der Mediathek der Akademie: https://www.evangelische-akademie.de/mediathek/medien/?event=917.

22 Zum Stellenwert dieser Aufgabe für die Evang. Akademien vgl.: Antisemitismus und Protestantismus: Impulse zur Selbstreflexion, hrsg. von den Evangelischen Akademien in Deutschland, Berlin 2019.

 

Über die Autorin / den Autor:

Studienleiter Dr. Eberhard Martin Pausch, Jahrgang 1961, 1993 Promotion an der Universität Marburg, 1992-2000 Gemeindepfarrer in Frankfurt/M., 2000-2012 Oberkirchenrat im Amt der EKD in Hannover, anschließend Theol. Referent in der Kirchenleitung der EKHN in Darmstadt, seit 2016 Studienleiter der Evang. Akademie Frankfurt/M.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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