Obwohl die Beschäftigung mit der Judenverfolgung und ihrer Vernichtung in Deutschland zum Stoff des schulischen Geschichtsunterrichts gehört, ist das Unwissen über die Geschichte des Antisemitismus groß – und noch erschreckender ist das Ausmaß antisemitischer Propaganda, wie sie heute in den digitalen Medien vorherrscht. Abraham Lehrer hat als Referent beim Rheinischen Pfarrertag 2019, rund vier Wochen nach dem Anschlag in Halle, über jüdisches Leben in Deutschland berichtet.*

 

Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist klein. Es sind gar keine Millionen, sondern viel weniger. Die jüdischen Gemeinden in ganz Deutschland, die zum Zentralrat der Juden gehören, haben rund 100.000 Mitglieder. Es gibt auch noch Juden in Deutschland, die nicht Mitglied einer Gemeinde sind, auch einige Israelis. Wenn wir sehr großzügig schätzen, kommen wir auf eine Gesamtzahl von 150.000.

Dass die Zahl der Juden hierzulande so klein ist, hat natürlich historische Gründe. Das muss ich hier nicht näher erklären. Die Zahl wäre noch viel kleiner, wenn nicht seit 1990 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland eingewandert wären. Unsere Gemeinden bestehen zu 90% aus Einwanderern. Die Muttersprache der meisten Juden ist russisch. Auch das ist vielen Bürgern in Deutschland unbekannt. Wer also Experten für Integration sucht, kann gerne in einer unserer Gemeinden vorbeischauen!

 

Expertise in Sachen Integration

Wir haben diese Expertise übrigens tatsächlich in die Arbeit mit Flüchtlingen seit 2015 einbringen können. Und wenn Sie vom Zentralrat der Juden Forderungen hören, was bei der Integration der Flüchtlinge beachtet werden sollte und dass wir bessere Lehrpläne für die Integrationskurse brauchen – dann sind diese Forderungen nicht aus einem Bauchgefühl entstanden, sondern ganz handfest aus unseren eigenen Erfahrungen mit Zuwanderung. Es geht eben nicht nur darum, Deutsch zu lernen. Wir müssen genauso viel Mühe darauf verwenden, unsere Werte zu vermitteln. Oder eben im Fall der jüdischen Zuwanderung hatten wir die Aufgabe, unsere Religion zu vermitteln. Denn viele Zuwanderer hatten in der damaligen Sowjetunion gar keine Möglichkeit, die jüdischen Traditionen zu pflegen. Sie mussten erst wieder an die jüdische Religion herangeführt werden.

Inzwischen haben sich nicht nur die Einwanderer gut integriert, sondern deren Kinder und zum Teil schon Enkel fühlen sich in Deutschland wirklich zu Hause. Sie identifizieren sich gleichermaßen mit diesem Land und mit dem Judentum. Man kann das unter anderem daran ablesen, dass laufend jüdische Schulen entstehen. So wurden in den letzten Jahren in Düsseldorf und München neue jüdische Gymnasien gegründet. Auf diese Schulen gehen natürlich auch nicht-jüdische Schülerinnen und Schüler – das ist ja bei Schulen in kirchlicher Trägerschaft nicht anders – doch ich halte solche konfessionellen Schulen für außerordentlich wichtig. Denn nicht immer ist das Elternhaus in der Lage, die religiöse Identität der Kinder zu festigen. Hier leisten die Schulen einen wertvollen Beitrag. Ich selbst habe eine katholische Grundschule besucht.

 

Extremismus und Antisemitismus im Internet

Nach dem Anschlag von Halle im Herbst 2019 ist die Frage, wie wir Antisemitismus und Extremismus bekämpfen können, wieder lauter gestellt worden. Und eine einfache Antwort gibt es nicht. Auch nicht einen einzigen Königsweg. Doch die Schulen nehmen m.E. eine Schlüsselrolle ein. Und dabei übrigens gerade der Religionsunterricht.

Ich bin kein Pädagoge oder Theologe, daher möchte ich etwas allgemeiner über die Schulen sprechen. Eltern und Lehrer haben heutzutage etwas gemeinsam, und zwar stärker als früher: Sie wissen nicht, was ihre Kinder bzw. Schüler spielen, ansehen, liken oder teilen. Sie wissen häufig auch nicht, mit welchen Bildern die Jugendlichen konfrontiert werden. Und was vielleicht unverarbeitet und Angst machend in ihren Köpfen bleibt. Die digitale Welt hat einen so großen Einfluss gewonnen, dass wir sie im Bereich Bildung immer mitdenken müssen.

Schon vor der Digitalisierung waren Jugendliche Einflüssen außerhalb des Elternhauses und der Schule ausgesetzt. Doch wenn wir uns daran erinnern, dass es Zeiten gab – und die sind gar nicht so lange her – als Eltern es ihren Kindern verboten, die „Bravo“ zu lesen, so würden heute Eltern mit den gleichen Wertmaßstäben vermutlich seufzen: „Die Lektüre der ‚Bravo‘ wäre ja harmlos. Die Youtube-Videos und Computerspiele, die mein Kind heute konsumiert, sind von ganz anderem Kaliber.

Hinzu kommen die sog. sozialen Medien. Auf Facebook und Twitter erleben die Nutzer, dass es offenbar normal ist, sich gegenseitig zu beleidigen, Menschen zu denunzieren, abzuwerten und Hass zu säen. Einer solch verrohten Kommunikation waren junge Menschen vor wenigen Jahrzehnten noch nicht in dieser Breite ausgesetzt.

Auch für die Verbreitung von Antisemitismus bieten die sozialen Medien beste Voraussetzungen. Alte judenfeindliche Stereotype werden dort in einer beängstigenden Häufigkeit reproduziert. Rechtsextremisten und auch Islamisten nutzen diese Plattformen gezielt für ihre antisemitische Propaganda.

Wie entsetzlich die Folgen dieses Medienkonsums sein können, hat sich vor vier Wochen in Halle gezeigt. Der Rechtsextremist, der dort die Synagoge angegriffen und zwei Menschen getötet hat, hat sich – so lauteten jedenfalls alle Berichte – sehr viel im Netz bewegt und war in Gruppen aktiv, in denen Anschläge mit besonders vielen Toten gefeiert werden. Es ist davon auszugehen, dass sich dieser junge Mann über das Internet radikalisiert hat.

Halle hat gezeigt: Zum einen müssen – und das ist die traurige Realität in Deutschland im Jahr 2019 – jüdische Einrichtungen stärker geschützt werden als bisher. Zum anderen müssen wir gesellschaftlich auf allen Ebenen und in allen Bereichen – und da gehört die virtuelle Welt dazu – stärker gegen alles vorgehen, das der Menschenwürde widerspricht.

2018 hat die Technische Universität Berlin eine Langzeitstudie über Antisemitismus im Netz veröffentlicht. Die Wissenschaftler stellten dabei ein „nie zuvor da gewesenes Ausmaß“ an judenfeindlichem Gedankengut fest. Sie sprachen von einer „Omnipräsenz von Judenfeindschaft (…) als Teil der Webkommunikation 2.0“. Das Internet muss der Studie zufolge als Beschleuniger gesehen werden für die Normalisierung von Antisemitismus in der gesamten Gesellschaft.

Die Befunde der Wissenschaftler der TU bestätigen sich in einer Umfrage der EU-Grundrechteagentur, die ebenfalls im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Darin gaben 82% der befragten Juden an, im Internet schon Antisemitismus erfahren zu haben. Am häufigsten von allen gesellschaftlichen Bereichen wurde Antisemitismus in den sozialen Medien als starkes Problem wahrgenommen. Ist es dann verwunderlich, dass das Wort „Jude“ auf dem Schulhof als Schimpfwort benutzt wird?

 

Digitale Bildung ist notwendig

Die meisten Bürger in Deutschland, und das gilt natürlich auch für Schüler, kennen zwar keinen Juden persönlich. Oder zumindest ist ihnen nicht bewusst, dass der Kollege oder Nachbar jüdisch ist. Dennoch sind antisemitische Vorurteile von Generation zu Generation weitergegeben worden. Denn kein Baby wird hasserfüllt geboren. Kein Kind ist aus sich selbst heraus antisemitisch, rassistisch oder sexistisch.

Heutzutage wirkt jedoch nicht nur die Erziehung zu Hause auf die Heranwachsenden ein, sondern eben ganz massiv die digitalen Medien. Deshalb brauchen wir digitale Bildung. Denn worum geht es? Es geht darum, jungen Menschen ein so stabiles Wertegerüst mitzugeben, dass sie sowohl in der Lage sind, sich eigenständig ein Urteil zu bilden, als auch, sich damit selbst zu schützen. Es ist eine unserer vordringlichsten Aufgaben, die Jugend gegen rechts zu impfen und zu imprägnieren.

Im Mittelpunkt dieser Wertevermittlung sollte m.E. der Umgang mit anderen Menschen stehen, mit anderen gesellschaftlichen Gruppen, vor allem mit Minderheiten. Wir erleben heute, dass Missgunst, Vorurteile und purer Hass gegen Menschen anderer Herkunft, Religion oder sexueller Orientierung wieder präsent sind und sich ausbreiten.

Um beim Thema Antisemitismus zu bleiben: Es gab Fälle, in denen jüdische Schüler ihre Schule verlassen mussten, weil sie verbal und sogar tätlich angegriffen wurden. An einem Gymnasium in Berlin-Wedding beispielsweise wurde ein Schüler von seinen Mitschülern mit folgenden Worten bedrängt: „Man soll den Juden die Köpfe abschneiden. Hitler war gut, denn er hat die Juden umgebracht!“ Oder ein anderer schockierender Vorfall: Ein Mädchen wurde in einer Grundschule (!) mit dem Tode bedroht, nur weil sie jüdisch ist.

Und ebenso nehmen die Schüler über das Netz Vorurteile auf gegenüber anderen Minderheiten wie Ausländern oder Muslimen, wie Homosexuellen oder behinderten Menschen. Manche Kinder haben vielleicht noch nicht verstanden, dass diese Witze nicht witzig sind, sondern verletzend. Viele Jugendliche durchdringen dies intellektuell auch nicht, wissen aber sehr wohl, dass sie mit entsprechenden Bemerkungen provozieren können.

Gerade die Schulbildung trägt jedoch entscheidend zur Vermittlung positiver Werte bei. Werte, die auch in unserem Grundgesetz verankert sind. Gleichheit aller Menschen, Religions- und Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, um nur einiges zu nennen – dies alles gründet auf den Lehren unserer Vergangenheit. Und deswegen finde ich es auch unumgänglich, um die Vergangenheit zu wissen.

 

Weit verbreitetes Unwissen über Schoa und Judentum

Laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Körber-Stiftung im Jahr 2017 wissen vier von zehn Schülern nicht, wofür „Auschwitz“ steht. Eine 2018 veröffentlichte Studie des Nachrichtensenders CNN fand heraus, dass 40% der Deutschen im Alter zwischen 18 und 34 Jahren nach eigener Einschätzung „wenig bis nichts über den Holocaust wissen“.

Die Freiheiten und Grundrechte, auch die universellen Menschenrechte, die wir heute zum Glück haben und als selbstverständlich erachten, entstanden jedoch nicht ohne Grund. Sie sind die Konsequenz aus der Nazi-Barbarei und die Schlussfolgerung aus der Schoa mit sechs Millionen jüdischen Opfern der Nazidiktatur.

Seitdem heißt es „Nie wieder!“ und „Wehret den Anfängen!“ Aber um es nie wieder geschehen zu lassen, muss man eben doch wissen, was überhaupt geschehen ist. Wir dürfen es daher nicht zulassen, dass die Wissenslücke noch größer wird. Denn klar ist, nur wer sich der Vergangenheit bewusst ist, kann in der Gegenwart für eine friedliche Zukunft agieren.

Daher stellt sich die Frage, ob sich in der Schulbildung etwas ändern muss, damit die Krankheit „Unwissen über die Schoa und über das Judentum generell“ verschwindet. Es ist in der Tat nämlich so, dass wir nicht behaupten könnten, die Wissensvermittlung über das Judentum sei in Deutschland wirklich zufriedenstellend. Hier gibt es durchaus Defizite.

Der Zentralrat der Juden ist über die vergangenen Jahre zu der Erkenntnis gekommen: Obwohl das Wissen vieler Jugendlicher über den Holocaust so gering ist, kommt das Judentum als Thema in der Schule überproportional viel im Zusammenhang mit der Schoa vor. In vielen Schulbüchern werden Juden ausschließlich als Opfer präsentiert. Die reiche jüdische Tradition, die Religion an sich, wichtige jüdische Denker und Rabbiner, der Beitrag des Judentums zur deutschen Kultur – das kommt hingegen meistens zu kurz.

Der Zentralrat der Juden hat angesichts dieser Defizite mit der Kultusministerkonferenz Ende 2016 in einer Gemeinsamen Erklärung das Ziel formuliert, die jüdische Religion, Kultur und Geschichte breiter als bislang in den Schulen zu vermitteln. Auch in der Aus- und Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern sollen diese Themen künftig eine größere Rolle spielen.

Um unsere gemeinsame Erklärung mit der KMK mit Leben zu füllen, haben wir als ersten Schritt eine kommentierte Materialsammlung für Lehrer online gestellt. Dort findet man zu den Bereichen Jüdische Geschichte und Gegenwart, Jüdische Religion, Israel und Antisemitismus Einordnungen zu didaktischem Material, das wir für empfehlenswert halten. Diese Materialsammlung wird fortlaufend von einer gemeinsamen Arbeitsgruppe ergänzt. Wir hoffen, dass die Schul- und Kultusministerien der Länder für eine Verbreitung dieser Materialien sorgen.

 

Training und Fortbildung der Lehrkräfte

Die Themenbereiche Antisemitismus und Israel haben wir bewusst in diese Materialsammlung aufgenommen. Darüber hinaus haben wir gerade eine neue gemeinsame Arbeitsgruppe des Zentralrats und der Kultusministerkonferenz ins Leben gerufen, um die Bekämpfung des Antisemitismus stärker in die Lehrerausbildung aufzunehmen. Lehrkräfte sind heutzutage mit ganz unterschiedlichen Formen von Antisemitismus konfrontiert. Dann immer adäquat zu reagieren, ist eine Herausforderung. Und sicherlich gibt es da auch unter Lehrerinnen und Lehrern Unsicherheiten und die Sorge, etwas falsch zu machen.

Angesichts der hohen Erwartungen, die heutzutage allgemein an die Schulen gerichtet werden, finde ich es nur fair, sowohl die Lehrerausbildung in dieser Hinsicht zu verbessern, als auch, den Lehrkräften gutes Material an die Hand zu geben. Gerade in Schulklassen mit vielen Kinder aus Familien aus dem arabischen Raum kann eine Schulstunde, die die Schoa zum Thema haben sollte, in einer hitzigen Diskussion über den Nahostkonflikt enden. In Berlin ergab eine kleine Umfrage – sie war nicht repräsentativ, aber ein Schlaglicht – dass muslimische Schüler zum Teil beim Thema Holocaust den Unterricht verlassen haben.

Auch in den Schulbüchern gibt es Mängel. In vielen Religions- und Ethikbüchern wird das Judentum verzerrt, folkloristisch oder klischeehaft dargestellt. Wir sind daher an die großen Schulbuchverlage herangetreten, die sich offen zeigten für die Kritik. Vor wenigen Tagen haben wir gemeinsam mit dem Verband Bildungsmedien eine Workshop-Reihe gestartet, um mit Schulbuchredakteuren über eine adäquate Darstellung des Judentums zu sprechen.

Neben guten Lehrmaterialien – da waren wir vom Zentralrat der Juden und die Kultusminister sich einig – sind auch persönliche Begegnungen mit Juden wichtig. Die Förderung solcher Begegnungen haben wir in der eben erwähnten Gemeinsamen Erklärung von 2016 ebenfalls festgehalten.

 

Lebendige Begegnungen sind unabdingbar

Die eindrücklichsten Begegnungen, die denkbar sind, sind meistens jene mit Schoa-Überlebenden. Wenn ein Zeitzeuge seine Erinnerungen erzählt und das Geschehen, das inzwischen so weit weg liegt, plötzlich ganz lebendig wird, ganz greifbar, dann kenne ich niemanden, der unberührt den Raum verlässt. Für die Zeitzeugen ist das übrigens auch eine ganz positive Erfahrung. So schmerzhaft es zwar für sie ist, ihre Erinnerungen aufleben zu lassen, so wohltuend ist es für sie zugleich, das Interesse der Zuhörer zu spüren, ihre Wertschätzung und ihre Tränen.

Der Lauf der Zeit bringt es mit sich, dass immer weniger Zeitzeugen so rüstig sind, vor Publikum oder vor einer Schulklasse aufzutreten. Es ist daher ungeheuer wichtig, dass wir möglichst viele Filmaufnahmen von Überlebenden haben, wie es etwa die Shoa-Foundation von Steven Spielberg gemacht hat. Zwar können diese Aufnahmen das echte Gespräch nicht ersetzen. Sie sind für künftige Zeiten dennoch ein sehr gutes Mittel, um den heute Lebenden auch einen emotionalen Zugang zum historischen Geschehen zu ermöglichen.

Begegnungen mit Juden wollen wir aber auch deshalb fördern, um die Schülerinnen und Schüler mit dem heutigen jüdischen Leben vertraut zu machen. Der Zentralrat hat daher 2017 das Projekt „Likrat – Jugend und Dialog“ gestartet – „Likrat“: „aufeinander zu“.

Für das Projekt haben wir inzwischen 150 Jugendliche, „Likratinos“ genannt, zwischen 15 und 19 Jahren ausgebildet. Die Likratinos besuchen jeweils in Zweier-Teams Schulklassen. Dort erklären sie gleichaltrigen Schülern – also auf Augenhöhe – was ihr Judentum ausmacht, wie ihr jüdischer Alltag aussieht, und auch welchen Vorurteilen sie mitunter ausgesetzt sind. In mehreren Seminaren bereiten wir die Jugendlichen auf ihre Einsätze in Schulen vor, damit sie sowohl für alle Fragen als auch gegen mögliche verbale Attacken gewappnet sind.

Für die Schulklassen ist dies häufig das erste Mal, dass sie Juden in ihrem Alter kennenlernen. Die Hemmschwelle, alle Fragen loszuwerden, ist gegenüber Gleichaltrigen natürlich viel niedriger als gegenüber Erwachsenen oder gar Autoritätspersonen wie einem Rabbiner. Daher kommen meistens sehr lebhafte Gespräche zustande. Und die Jugendlichen gehen mit einer sehr wichtigen Erkenntnis nach Hause: Die sind zwar jüdisch, aber eigentlich gar nicht anders als wir. Unsicherheit im Umgang miteinander verschwindet dann. Und gerne verrate ich: Dieses Projekt möchten wir ausweiten auf Erwachsene. Unter dem Titel „Meet a Jew“ wollen wir solche Begegnungen zum Beispiel auch in Sportvereinen ermöglichen.

 

Besuch von Gedenkstätten und „Stolpersteine“

Neben Begegnungen halte ich auch Besuche von Gedenkstätten während der Schulzeit für wichtig. Man sieht mit eigenen Augen den Ort des Geschehens und begreift die Wahrhaftigkeit. Einer solch verpflichtenden Klassenfahrt stehe ich sehr positiv gegenüber. Ich bin davon überzeugt, dass es auch mit dem wachsenden zeitlichen Abstand zum Geschehen und auch in unserer Einwanderungsgesellschaft möglich ist, Empathie mit den Opfern zu schaffen.

Es gibt m.E. zwei sehr gute Wege, um Schülerinnen und Schüler auch emotional mit der Schoa zu konfrontieren. Neben Filmen sind dies zum einen Besuche von Gedenkstätten, zum anderen sind es Projekte wie die Stolpersteine.

In den KZ-Gedenkstätten können junge Menschen auch heute noch die Dimension der NS-Verbrechen viel besser erfassen als aus dem Schulbuch. Empathie mit den Opfern und Verantwortungsbewusstsein entstehen nicht anhand nackter Zahlen. Eine individuelle Auseinandersetzung mit der Nazizeit gelingt besser an den Orten, an denen die Verbrechen geschahen.

Auch für Schüler mit Migrationshintergrund finde ich solche Besuche in Gedenkstätten sinnvoll. Ich bin gar nicht pessimistisch, dass sich die Erinnerung an die Schoa nicht auch in einer Migrationsgesellschaft vermitteln lässt. Unter den Migranten sind viele Menschen, die selbst Diskriminierung und Rassismus erlebt haben oder immer noch erleben. Es sind Menschen darunter, deren Familien aus ihrer Heimat fliehen mussten, Menschen, die in Diktaturen, in Flüchtlingslagern oder Armut gelebt haben. Warum sollten diese Menschen weniger in der Lage sein, Empathie für die Opfer der Schoa aufzubringen? Oder warum sollten sie weniger interessiert sein an der Frage, wie es dazu kommen konnte. Solche Besuche müssen pädagogisch gut vor- und nachbereitet werden. Daher sollten sie Bestandteil der Curricula werden, damit auch Zeit dafür da ist.

Die Stolpersteine habe ich genannt, weil sie ein gutes Beispiel für die Befassung mit der Lokalgeschichte sind. Zu erfahren, wie die Judenverfolgung am eigenen Ort von statten ging, ist für junge Menschen ebenfalls eine gute Möglichkeit, einen eigenen Zugang zur Geschichte zu finden. Die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig, der in Köln mit seinem Kunstwerk begonnen hat, sind inzwischen in mehr als 20 Ländern Europas verlegt, insgesamt rund 70.000 Steine. Ich halte sie für eine geeignete und moderne Form des Gedenkens. Denn sie überraschen uns mitten im Alltag. Bürger werden mit der Geschichte konfrontiert, ohne dafür aktiv einen Erinnerungsort oder ein Museum aufsuchen zu müssen. Zugleich wird für jedermann sichtbar: Die Juden, die im Nationalsozialismus entrechtet, verfolgt und ermordet wurden, lebten ganz normal mitten im Ort. Sie verschwanden, und die wenigsten haben sich dafür interessiert, wohin.

Die Stolpersteine regen zum Nachdenken und Nachfragen an. Sie werfen sehr direkt die Frage auf, wie die Verfolgung so vieler unschuldiger Menschen möglich war, obwohl sie nicht im Geheimen geschah.

Zum Kunstprojekt Stolpersteine gehört auch die Recherche, die der Verlegung eines Steins vorausgeht. Gunter Demnig macht es den Menschen zum Glück nicht bequem und erledigt das für sie. Wer einen Stolperstein verlegen lassen möchte, wird Pate dieses Steins und muss selbst nachforschen: Wer wohnte in meinem Haus? Wohin wurden die Menschen verschleppt? Wie wurden sie ermordet? Gibt es noch Angehörige? Jeder einzelne Stein offenbart ein Schicksal.

Für Schulklassen ist das eine hervorragende Möglichkeit, um sich ganz intensiv und sehr anschaulich mit der Geschichte zu befassen. Und so bin ich den zahlreichen z.B. Kölner Gymnasien dankbar, dass sie jedes Jahr nach intensiver Recherche vor ihrem Schulgebäude Stolpersteine verlegen.

(Teil II folgt in der Märzausgabe)

 

Anmerkung

* Vortrag beim 50. Rheinischen Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 11.11.2019 in Bonn (geringfügig angepasst).

 

Über die Autorin / den Autor:

Abraham Lehrer, Jahrgang 1954, Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland und Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, im Hauptberuf Leiter eines Kölner Software-Unternehmens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2021

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