Tief im Osten ist die Sonne zwar nicht verstaubt, aber es ist durchaus besser, als man glaubt. Genauso sperrig wie Herbert Grönemeyer über sein Bochum singt, singt Gerhard Gundermann über Hoyerswerda: „Hier bin ich geboren, wo die Kühe mager sind wie das Glück“.

Seit 30 Jahren gibt es die DDR nicht mehr und wir sind gesamtdeutsch unterwegs in Europa. Europa ist Identität und Diversität zugleich und nur in der Einheit der Verschiedenheit lässt sich wohl ein gesamteuropäisches Haus bauen. Braucht es dazu auch das magere Glück des Ostens? Haben Hoyerswerda und Bochum zusammen Platz in ihrer Diversität als lokale Bausteine für das große Ganze? In Bochum scheint das unbestritten. In Hoyerswerda ringt der Osten mit sich. So wie an vielen anderen Orten der ehemaligen DDR.

 

Ein großer unsichtbarer Elefant

Der Osten – das unbekannte Land, das es nicht mehr gibt und das doch wie der große unsichtbare Elefant im wiedervereinigten Deutschland im Raum steht. Viele fragen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung: Soll man diesen Elefanten nun zu einer musealen Figur machen und darauf warten, dass er von selbst verschwindet? Oder lohnt es sich, diesen Elefanten sichtbar zu machen? Könnte gar mit seiner Stärke der Raum des wiedervereinigten Deutschlands bereichert werden? Und braucht das „diverse Haus Europa“ nicht auch eine kleine Wohnung für Ostdeutschland?

Als Pfarrerin war ich viele Jahre in Frankfurt (Oder) und lernte die Abgründe Ostdeutschlands nach der Wende kennen und lieben. Der inzwischen abgerissene Plattenbaubezirk Neuberesinchen war mein Gemeindebezirk. Als ich im November 2020 dort war, wurde ich ganz wehmütig: alles war weg, und da, wo einst meine Gemeinde wohnte, befindet sich jetzt eine verlassene Landschaft, die Schatten wirft. Schatten eines mageren Glücks, das doch seine eigene Würde hatte.

Als ich dann in meiner derzeitigen Gemeinde in Rangsdorf auf Lampen aus dem ehemaligen VEB Spezialleuchtenbau Wurzen stieß, fing ich an, nachzudenken. Gehörten die Lampen aus der DDR, die mein Vor-Vorgänger in den 1980er Jahren besorgt hatte, auf den „Müllhaufen der Geschichte“? Was ist überhaupt mit dem Osten und seinen Erfahrungen? Gehören die auch alle auf den Müll?

In den letzten Jahren reifte dann in mir die Erkenntnis, dass hier etwas geradezu auf der Straße liegt, was aufgehoben und integriert gehört. Dazu habe ich viel beobachtet. Bei mir selbst und bei denen, die das Thema aus anderen Blickwickeln sehen.

 

Netzwerk „ostmodern“

Besonders interessant sind für mich aktuell einige junge Leute, die in der Wendezeit geboren sind. Sie befassen sich bewusst mit ihrer Herkunft aus Ostdeutschland: So z.B. die 1990 in Magdeburg geborene freie Journalistin („Die ZEIT“) Valerie Schönian in ihrem 2020 erschienen Buch „Ostbewusstsein“ (Warum Nachwendekinder für den Osten streiten und was das für die Deutsche Einheit bedeutet, Piper Verlag, München 2020) oder der ebenfalls 1990 geborene Leipziger Künstler und Fotograf Christoph Liepach.

Liepach war es, der mich 2018 vor dem Versteigern der Ost-Lampen meiner Kirche bewahrte und mir das Netzwerk „ostmodern“ nahebrachte. Dieses Netzwerk kümmert sich derzeit z.B. um den Erhalt der Robotron-Kantine aus DDR-Zeiten in Dresden und versucht, ein Bewusstsein für den bauhistorischen Wert sozialistischer Architektur zu schaffen. Mir fällt auf, mit welchem Selbstbewusstsein hier von einer jungen Generation das Thema Ostdeutschland zur Identitätsbildung herangezogen wird. So reflektiert Liepach über den Wert und den Werteverlust ostmoderner Architektur nach der Wende.

Der Abriss vieler Plattenbausiedlungen hat dazu beigetragen, dass eine Art „Schattenarchitektur“ entstand. Dieser Begriff findet sich übrigens auch bei einem völlig anderen Thema: Die amtierende Bezirkskonservatorin der Stadt Wiesbaden, Henriette von Preuschen, verwendet diesen Begriff in ihrer 2010 an der TU Cottbus verfassten Dissertation (Der Griff nach den Kirchen, Wernersche Verlagsgesellschaft Worms, 2011) im Hinblick auf den Umgang der DDR mit verschiedenen Kirchen und Kirchenruinen. Dabei stellt sie fest, dass durch das Wegsprengen der Universitätskirche in Leipzig (1968) oder das Abtragen der Sophienkirche in Dresden (1962/63) empfindlich in das Identitätsgefühl von Menschen eingegriffen wurde, denen die gesprengten oder abgerissenen Gebäude etwas bedeutet haben. Ähnliches wiederholte sich dann nach 1990 im Umgang mit der DDR-Architektur.

 

Und wie tickt der Osten religiös?

Der Osten war und ist in großen Teilen eher „religiös unmusikalisch“, wie der Religionssoziologe Detlef Pollack feststellt. Er hat viel geforscht über die Befindlichkeiten im Osten und deren Religiosität und kommt dabei zu sehr ernüchternden Fakten. In seinem Buch „Das unzufriedene Volk“ (Protest und Ressentiment in Ostdeutschland von der friedlichen Revolution bis heute, transcript Verlag Bielefeld, 2020) stellt er fest, dass die ostdeutsche Bevölkerung nunmehr nach Jahren des Rückzugs in das Private und kraftraubenden Anpassungsprozessen an die westdeutschen Lebensverhältnisse zurück sei auf der politischen Bühne. Hierbei würde, so Pollack, die ostdeutsche Bevölkerung v.a. mit einer Art Protesthaltung politisch Druck machen auf die Demokratie durch Pegida und die Wahl der AfD. Letztlich sieht Pollack eine gefährliche Selbstanmaßung und Verleugnung der Demokratie in Ostdeutschland am Werke.

Mir scheint: Zur aktuellen Befindlichkeitslage des „unzufriedenen Volkes“ haben Kirchen nicht ernsthaft etwas zu sagen. Pegida und AfD werden von den Kirchen aus gutem Grund abgelehnt und ein spezifisch ostdeutsches Lebensgefühl widerspricht völlig dem christlichen Ansatz einer universalen geistlichen Identität („In Christus sind wir alle eins“). Gesprächskanäle zum „unzufriedenen Volk“ sind in den letzten Jahren eher enger geworden und werden z.T. massiv innerkirchlich zugemacht. Durch die klare Botschaft: „Man redet nicht mit der AfD!“ (so der ehemalige Bischof Dröge in der EKBO) werden eindeutige Signale gesendet an das „unzufriedene Volk“ und dessen Gefühlslage rutscht immer mehr in eine moralische „No-Go-Zone“, zu der am Ende nur noch diejenigen Zutritt haben, die sich über sämtliche politische Korrektheit hinwegsetzen.

Hinzu kommt, dass auch in vielen ostdeutschen Landeskirchen westdeutsche Perspektiven maßgeblich sind. In Berlin-Brandenburg z.B. gab es in den letzten Dekaden keinen Bischof mit Ost-Sozialisation. In Sachsen und in Sachsen-Anhalt dagegen sind seit Kurzem Bischöfe mit Ost-Sozialisation im Amt (Friedrich Kramer in der EKM und Tobias Bilz in der ELKS). Hier wächst scheinbar langsam wieder Vertrauen auf die eigene spezifische ostdeutsche Erfahrung, die auch für Leitungsämter hilfreich sein kann.

 

Ostbewusstsein“ als Baustein der Identitätsbildung

Mir scheint, es macht sehr viel Sinn, den Osten auch in der Kirche nicht als etwas Defizitäres zu betrachten, was es zu überwinden gilt. Es könnte gerade in der Stärkung einer spezifischen Identität, die das „Ostbewusstsein“ als Baustein beinhaltet, eine bessere Verankerung in Deutschland und Europa gelingen. Der Osten droht gerade zu einer „Schattenarchitektur“ zu werden, die unsichtbar im Raum steht und trotzdem ihre Wirkung entfaltet.

Kirche hat in den letzten Jahren viel dazu beigetragen zu integrieren. In der Flüchtlingskrise waren es v.a. Menschen aus anderen Ländern und Kulturen. Haben wir eigentlich mit derselben Empathie und mit dem gleichen toleranten Verständnis versucht, unsere direkten Nachbarn zu verstehen?

Manchmal scheint es leichter, die ganz Fernen zu verstehen als die, die direkt nebenan sind. Und es ist ja auch nicht leicht mit den Nachbarn! Wenn sie plötzlich AfD-Parolen im Munde führen und sich beschweren. Wenn, wie Pollack bemerkt, die Ostdeutschen gerade dadurch in Erscheinung treten, dass sie sich als Zu-Kurz -Gekommene begreifen, die mit einer Art „Jammerdiskurs“ Aufmerksamkeit und Beachtung erzwingen.

Wie können auch die Ostdeutschen zum zufriedenen Volk werden, das in der offenen Gesellschaft zu Hause ist? Und was kann Kirche dazu beitragen? Zuhören vielleicht? Hingehen und sich dem Jammerdiskurs stellen, statt den moralischen Stab zu brechen? Ich finde, der ostdeutsche Elefant ist viel zu schön, um unsichtbar zu bleiben. Und vielleicht jammert er nur deshalb so unzufrieden vor sich hin, weil es ihm an Respekt fehlt. Respekt für seine ganz eigene Art zu sein, die er natürlich selbst definieren will.

Ob der ostdeutsche Elefant auch Respekt vor Gott hat? Gundermann jedenfalls singt in seinem Heimatsong ganz zum Schluss: „… hier hat mich mein Gott verlorn und hier holt er mich wieder ein.“ Da lässt sich mit Sicherheit anknüpfen und nicht nur da!

 

Susanne Seehaus

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Susanne Seehaus, viele Jahre Pfarrerin in Frankfurt/Oder, derzeit in Rangsdorf/Brandenburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

1 Kommentar zu diesem Artikel
04.02.2021 Ein Kommentar von Dr. Kurt Schröder Die Kirche ist ein Wesen auf 2 Säulen: der des Glaubens und der der Heimatverbundenheit. Diese zweite Säule hat für viele ein haut gout. Heimatverbundenheit -also direkt mit den Menschen und dem Dorf oder der Stadt, unabhägig von deren Beziehung zum Glauben, ist oft der Hauptgrund, Kontakt zur Kirche zu halten. Da haben wir dann die Leute, die uns ansonsten sorgfältig aus dem Wege gehen. Der Glaube kommt da huckepack mit: durch den Kontakt mit denen, die ihn leben am Ort seit langer Zeit und ihm damit hier sein Gewicht geben. Hier liegt eine große Chance für die Kirche. Auch für die Pastoren. Dr. Kurt Schröder
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