Seine Gedichte und Aphorismen finden sich in vielen Andachten, Predigten und auch vertont im Evangelischen Gesangbuch – Kurt Marti. Am 31. Januar 2021 würde der Pfarrer und Schriftsteller 100. Gottfried Orth erinnert an einen ebenso gemütvollen wie unbequemen, in jedem Fall aber originellen Gottsucher und Zeitgenossen.

 

Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden“ – das war das Lebensthema Kurt Martis, der neben und nach Friedrich Dürrenmatt und Max Frisch zu den Großen der Schweizer Literatur gehört. Ja, er war Schweizer, Bürger eines „braven Landes“: „Ziviler Ungehorsam wird nur in der Form der Steuerhinterziehung geduldet.“1 Sein Lebenslauf ist rasch notiert. Lebensorte und -beziehungen erscheinen ausgesprochen stabil.

 

Liberaler, toleranter Geist auch zu Hause“

Am 31. Januar 1921 wurde Kurt Marti als Sohn eines Notars geboren. Seine Kindheit fasste Marti so zusammen: „Ich wuchs in kleinbürgerlicher Geborgenheit auf. Weder war das Elternhaus musisch noch ausgeprägt christlich. Der Vater praktizierte als freiberuflicher Notar, betätigte sich nebenher als liberaler Politiker und brachte es bis zum Präsidenten des Stadtparlamentes. Liberaler, toleranter Geist auch zu Hause. Als der jüngere und zunächst etwas kränkliche von zwei Söhnen genoss ich außerdem mehr Schonung und größere Freiheiten als mein Bruder.“ 

Nach zunächst zwei Semestern Jurastudium 1940/41 stellt sich für Marti während seines Kriegsdienstes als Korporal bei der Gebirgsinfanterie (1941-1945) die Sinnfrage und er wechselt nach dem Krieg zum Theologiestudium (1945-1948), das er in Bern beginnt und in Basel, vornehmlich bei Karl Barth, fortführt. 1948 arbeitet er in der ökumenischen Kriegsgefangenenseelsorge in Paris, absolviert 1948/49 sein Vikariat und wird Hilfspfarrer in der Kirchengemeinde Rohrbach im Kanton Bern. 1950 heiraten Kurt Marti und Hanni Morgenthaler. Gemeinsam haben sie vier Kinder. 1950-1960 ist Marti Pfarrer in Niederlenz, Kanton Aargau, ehe er von 1961 bis zu seiner Pensionierung 1983 Pfarrer an der Nydeggkirche in der Stadt Bern ist.  

Kurt Martis Berufung auf den Lehrstuhl für Homiletik an der Theol. Fakultät der Universität Bern wird von der Kantonalregierung aus Angst vor Marxismus abgelehnt; daraufhin verleiht ihm die Theol. Fakultät den Doktor der Theologie ehrenhalber. Neben seiner pfarramtlichen Arbeit und vor allem seit seiner Pensionierung schreibt er in über 50jähriger Tätigkeit Gedichte, Prosa, Tagebuch und Essays …

 

Was Gott mit mir vorgehabt hat, ist jetzt passiert“

Nach fast 58 Ehejahren verstirbt Hanni Morgenthaler im Herbst 2007. Im gleichen Jahr am 22. Dezember erscheint in der „Berner Zeitung“ ein Interview mit Kurt Marti, eine Art Zwischenbilanz seines Lebens:

Hat Gott auch mit jedem Einzelnen etwas vor? Mit Ihnen?
Das kann man nicht wissen. Ich bin alt. Was Gott mit mir vorgehabt hat, ist jetzt passiert. Ich habe als Mensch, als Pfarrer und als Theologe ein erfülltes Leben gehabt. Und ich habe probiert, etwas zu realisieren von dieser Liebe und Solidarität.

Ist es gelungen?
In meiner Ehe ist es glücklicherweise gelungen. Meine verstorbene Frau und ich haben ein erfülltes Zusammenleben gehabt.

Und darüber hinaus, als Christ und Pfarrer?
Es gelingt nie ganz. Ich habe das Gefühl, nicht ganz umsonst gelebt zu haben. Im Großen und Ganzen ist es besser gelungen, als ich das im Voraus gedacht und gewünscht habe.

Spüren Sie eine Zufriedenheit?
Vor allem eine Dankbarkeit.“2

Kurt Marti stirbt „alt und lebenssatt“, geehrt mit vielen Lyrik- und Literaturpreisen, am 11. Februar 2017 in Bern. Seine letzten Aufzeichnungen tragen den Titel „Heilige Vergänglichkeit. Spätsätze“ und erscheinen 2010; es schreibt sie ein „untauglicher Witwer“, der bekennt: „Ich wurde geliebt, also war ich … Und weiter verlaufe ich mich im Wald der Fragen und Widersprüche. Also lebe ich noch.“

 

Das Lebendige auch in seinen unauffälligsten Formen wichtig nehmen“

Pfarrer und Dichter – beides zusammen erscheint heute unselbstverständlich, obwohl es doch in der Literaturgeschichte eine Fülle sog. Dichterpfarrer gab. Doch den Germanisten fehlt heute oft die Theologie, den Theologen fehlen oft Poesie und Poetik. Bei Kurt Marti gehört beides zusammen: seine Poesie ist ebenso konkret wie seine Theologie. „Zart und genau“ sollen Gedichte und theologische Sätze sein, heißt es in „Zärtlichkeit und Schmerz“.

Zärtlichkeit und Genauigkeit sind für ihn ästhetische und theologische Kategorien. Im Interview erläutert er 1981: „Zärtlichkeit bezieht sich auf den Umgang mit Lebendigem, seien’s Menschen, Tiere, Pflanzen. Zärtlichkeit heißt: das Lebendige auch in seinen unauffälligsten Formen und Äußerungen wichtig nehmen. Insofern ist Lyrik die Sprachform der Zärtlichkeit. Ein Haar, ein Blick, ein Blatt werden in ihr unendlich wichtig, werden Epiphanien des Lebens überhaupt. Lyrik möchte uns lehren, auch im täglichen Gespräch auf die Details des Lebens einzugehen.“

Und weiter erläutert er in „Zärtlichkeit und Schmerz“: „Zart und genau meint ferner: die Wiederentdeckung des täglichen Wunders, das Außerordentliche des Selbstverständlichen, die Heiligung des Banalen, die Verwandlung des homo faber in den homo admirans.“ Dabei meint „genau“ nicht im positivistischen Sinne eine richtige Beschreibung, sondern „genau“ ist ein Text, so Marti, „wenn Form und Inhalt eine vollkommene und nicht mehr verbesserbare Einheit bilden. … Erst wenn das erreicht und gelungen ist, wird der Text wahr, wird er schön und ist notwendig“.3

Auffällig erscheinen mir zwei Aussagen: der in der griechischen Antike bereits betonte Zusammenhang von Wahrheit und Schönheit einerseits, was insbesondere für theologische Aussagen mit Wahrheitsanspruch bedeutsam ist, und die Verbindung von „erreicht und gelungen“, was insbesondere für Poesie bedeutsam ist, denn es meint, dass zu eigener Arbeit am Text, etwas hinzukommt, damit es „gelingt“; denn „gelingen“ kann ich nicht herstellen.

 

wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips“

Als eines von Martis Meisterwerken empfinde ich die „Leichenreden“ (Darmstadt/Neuwied 1976), wobei durchaus beabsichtigt ist, den Titel auch als Subjekt und Prädikat zu lesen: Leichen reden. Was der Beerdigungsansprache des Pfarrers versagt war, kommt im Text des Dichters zur Sprache:

„dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / daß gustav e. lips / durch einen verkehrsunfall starb / erstens war er zu jung / zweitens seiner frau ein zärtlicher mann / drittens zwei kindern ein lustiger vater / viertens den freunden ein guter freund / fünftens erfüllt von vielen ideen / was soll jetzt ohne ihn werden? / was ist seine frau ohne ihn? / wer spielt mit den kindern? / wer ersetzt einen freund? / wer hat die neuen ideen? / dem herrn unserem gott / hat es ganz und gar nicht gefallen / daß einige von euch dachten / es habe ihm solches gefallen / im namen dessen der tote erweckte / im namen des toten der auferstand: / wir protestieren gegen den tod von gustav e. lips“4

Doch Marti bleibt nicht beim Tod stehen. Auch am Grab redet er vom Gott der Lebenden und thematisiert, auch in den „Leichenreden“, Auferstehung – nicht triumphalistisch, sondern als Frage:

„ihr fragt, wie ist / die auferstehung der toten? / ich weiss es nicht / ihr fragt, / wann ist die auferstehung der toten? / ich weiss es nicht / ihr fragt, / gibt’s / eine auferstehung der toten? / ich weiss es nicht / ihr fragt, / gibt’s / keine auferstehung der toten? / ich weiss es nicht / ich weiss / nur, / wonach ihr nicht fragt: / die auferstehung derer die leben / ich weiss / nur, / wozu Er uns ruft: / zur auferstehung heute und jetzt.“5

Kurt Marti war zeitlebens einer der „Protestleute gegen den Tod“ (Chr. Blumhardt).

 

Die Zangen der Logik fassen die Gottheit nicht“

Gegenüber der Theologie macht Marti die Theopoesie stark. Er versteht sie als eine Poesie, die implizit oder explizit von Gott spricht, weil sie Grunderfahrungen der Menschen in ihren konkreten aktuellen Lebenssituationen zärtlich und genau zur Sprache zu bringen versteht. Dabei wäre es für Marti verantwortungslos, diese nicht in weltweiten Zusammenhängen zu denken.6 „Wer ist Gott, was will Gott, was tut und was sagt Gott? Um das geht es, nur um das!“7 Hier wird das Erbe Karl Barths deutlich, dem sich Marti stellte und mit dem „im Gepäck“ er dem Missbrauch des Namens wehren wollte, denn

„ALSO wurde das Wort GOTT / zum letzten der Wörter, / zum ausgebeutetsten aller begriffe“.8

Marti kämpft gegen alle Bemächtigungsversuche Gottes durch die Menschen. Und er nähert sich – ähnlich wie es auch Dorothee Sölle versucht – Gott zum einen in mystischer Sprache in einem ersten „Wunsch“: „So zart ist die Gottheit. Spricht der eine: ‚Alles, was man über Gott sagen kann, ist Gott.‘ Spricht der andere: ‚Alles, was man sagen kann, ist nicht Gott.‘ Spricht Meister Eckhart: ‚Beide reden wahr.‘ Und ich denke: So zart ist also die Gottheit! Die Zangen der Logik fassen sie nicht.“9

Oder Marti versucht, Gott als „Alles in Allem“ zu dichten, und er stellt die Frage: „Was kommt danach?“, die er sogleich beantwortet: „Oft stelle ich mir vor, mein Ego werde sich alsdann in Gottes Ewigkeit verlieren, vielleicht sogar auflösen. ‚Was immer zu Gott kommt, entfällt sich selbst‘ (Meister Eckart)“10.

Ganz ähnlich klingt dies in dem Bekenntnis eines anderen großen Mystikers des 20. Jh., Willigis Jäger, wenn er formuliert: „Warum sollte ich Angst haben, dass mein Schiff untergeht, wo doch Gott das Meer ist, in das es versinkt?“11

Neben dieser mystischen Annäherung – und auch dies ist eine Parallele zu Dorothee Sölle – sucht Marti eine christologische oder präziser eine jesuanische Annäherung, wenn er schreibt: „Ihm, Jesus, glaube ich Gott“12 Und er weiß doch zugleich in seinem „Nachfolgelied“:

„Wir schielen / nach Christus hier / und Erfolgen dort. / Wir schielen / nach Christus hier / und dem Mammon dort. / Wir schielen / nach Christus hier/ und den ­Waffen dort. / Hilf, Höchster, / und heil’ uns Herz / und Schielaug zugleich. / Komm, richte / allein nur auf / Christus unsern Blick. / Erwecke / den Mut uns zu / Wagnis und Verzicht, / dass Friede / aufblühen kann / in heiliger Kraft.“13

Solch theopoetische Sprache schafft Raum, in dem sie Freiheit zum Glauben schenkt und freies Assoziieren und Denken eröffnet. Sie verunsichert und ermöglicht so, dass neue Sicht- und Glaubensweisen entstehen können. Dies schaffen keine „Zangen der Logik“ und „jedes Pochen auf eine ‚reine Lehre‘ ist im Kern gewalttätig“14. So stellt Marti gegen Ende seines Lebens als Pfarrer und Dichter theologiekritische Fragen, die ihn lebenslang beschäftigten: „Sind wissenschaftliche Denkweise und Sprache etwa dem Thema Gott gewachsen?“ und: „Ist alle Theologie vielleicht eine Flucht vor den einfachen, aber radikalen Aussagen und Aufforderungen der Bergpredigt Jesu (Matthäus 5-7)?“15

 

Anmerkungen

1 K. Marti, Läuten und eintreten bitte: Ein Lesebuch im Jahreslauf. Zürich 2020, 53.

2 Zit. nach: Ökumenische Ringvorlesung 2008. Propheten der Heimat: Große Schweizer Theologen. Vorlesung 3, 21. April 2008: Kurt Marti. Referat von Pfr. Markus Anker, Universität St. Gallen: file:///G:/Marti,%20Kurt/Marti%20-%20Vorlesung%20%C3%BCber.pdf.

3 Zit. nach W.R. Rinke, Der Weg kommt, indem wir ihn gehen. Theologie und Poesie der Zärtlichkeit bei Kurt Marti. Stuttgart 1990, 56f.

4 K. Marti, Leichenreden. Frankfurt/M. 1976, 23.

5 A.a.O., 25.

6 Vgl. dazu die entwicklungspolitische „Erklärung von Bern“ 1968, an deren Entstehung Kurt Marti maßgeblich beteiligt war.

7 K. Marti, Das Markusevangelium ausgelegt für die Gemeinde. Zürich 1985, 267.

8 K. Marti, abendland. Gedichte. Darmstadt 1980, 71.

9 K. Marti, Ungrund Liebe. Klagen, Wünsche, Lieder. Stuttgart 2011, 19.

10 K. Marti, Heilige Vergänglichkeit. Stuttgart 2010, 34.

11 Vgl. A. Poraj-Zakiej, Das Willigis Jahrhundert. Holzkirchen 2020.

12 K. Marti, Heilige Vergänglichkeit, 30.

13 K. Marti, Ungrund Liebe, 51.

14 K. Marti, Heilige Vergänglichkeit, 30.

15 A.a.O., 25 und 30. Diese letzte Frage erinnert wiederum an Karl Barth. Unter der Überschrift „Anfechtung“ in seiner „Einführung in die Theologie“ (Zürich 1985, 155f) schreibt Barth: „Könnte Theologie nicht eine Luxusbeschäftigung, könnten wir mit ihr nicht auf der Flucht vor dem lebendigen Gott begriffen sein? Könnte ein so problematischer Theologe wie Albert Schweitzer nicht – immer gerade vom Gegenstand der Theologie her gesehen – das bessere Teil erwählt haben, und mit ihm die ersten Besten, die da und dort ohne alle theologische Besinnung versucht haben, Wunden zu heilen, Hungrige zu speisen, Durstige zu tränken, elternlosen Kindern eine Heimat zu bereiten? … Ich ziehe keine Folgerungen … Ich stelle nur Fragen.“

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Gottfried Orth, nach Pfarramt und Evang. Erwachsenenbildung seit 1998 an der TU Braunschweig Prof. für Evang. Theologie und Religionspädagogik, Mitglied im Team des ORCA-Instituts für Konfliktmanagement und Training.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

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