Die Bekennende Kirche wehrte sich gegen Übergriffe des nationalsozialistischen Staates, aber sie schwieg zum Mord an Millionen von Juden. Nur wenige erhoben ihre Stimmen, so zum Beispiel die Berliner Theologin Elisabeth Schmitz. Für Hans-Jürgen Benedict ist dieses Wegsehen ein Makel, der die Versöhnungsbotschaft der Kirche unglaubwürdig macht.*

 

Als die Zeugen schwiegen. Bekennende Kirche und die Juden“ hieß eine bereits 1970 verfasste, aber erst 1984 veröffentlichte Dissertation (die Herausgeber wollten nicht noch lebende Mitglieder der Bekennende Kirche belasten) von Wolfgang Gerlach zur Haltung der Bekennenden Kirche zur Judenfrage.

Aber es gab einige Ausnahmen vom allgemeinen Schweigen der Bekennenden Kirche. Dazu gehörte die Berliner Lehrerin Elisabeth Schmitz. Aus Hanau gebürtig studierte sie nach dem Abitur 1914 in Berlin bei Harnack und Meinecke Theologie und Geschichte und promovierte bei letzterem. Nach längerem Warten erhält sie 1929 endlich eine Studienratsstelle in dem Luisen-Oberlyzeum in Berlin-Mitte. 1933 erweist sie sich als völlig immun gegenüber dem völkischen Protestantismus, den große Teile der evangelischen Kirchen angesichts der Machtübernahme durch Hitler begeistert vertraten. 1934 schließt sie sich der Bekennenden Kirche an, die das Führerprinzip und die Anbetung von Rasse und Volk in ihrem Barmer Bekenntnis ablehnte, aber kein Wort zu den Judenverfolgungen sagte.

 

Sensibel für das Leiden der jüdischen Bevölkerung

An ihrer nichtarischen Freundin, der evangelisch getauften Ärztin Martha Kassel, mit der sie eine Zeitlang zusammenwohnt, erlebt sie hautnah das Geschehen der Ausgrenzung jüdischer Mitbürgerinnen. An Karl Barth schreibt sie Anfang 1934: „Sollten die Gesetze, so wie sie heute sind, längere Zeit bestehen bleiben, so würde das das glatte Todesurteil bedeuten für hunderttausende, vielleicht für Millionen.“1 Sie beschwört wichtige Kirchenführer und Theologen wie Karl Barth, Friedrich von Bodelschwingh, Martin Niemöller und Walter Künneth in eindringlichen Briefen, gegen Unrecht und Verfolgung, besonders gegenüber Juden, öffentlich aufzutreten. Doch vergeblich.

So entschließt sie sich, als im Juli 1935 eine neue antisemitische Welle mit fast pogromhaften Zügen durch Deutschland geht, eine Denkschrift „Zur Lage der deutschen Nichtarier“ zu verfassen und anonym in mehreren Exemplaren zirkulieren zu lassen. Zu diesem Zweck schafft sie sich eine kleine Schreibmaschine vom Typ „Erika“ an und vervielfältigt ihre maschinenschriftlich verfassten Briefe und Memoranden. In dieser Denkschrift fordert sie ein öffentliches Eintreten der Bekennenden Kirche für die Juden. Sie schildert die „innere Not“ der verfolgten Juden, dann ihre „äußere Not“ und fragt schließlich nach der „Stellung der Kirche“ dazu:

„Was soll man antworten auf all die verzweifelten Bitten, Fragen und Anklagen? Warum tut die Kirche nichts? Warum läßt sie das namenlose Unrecht geschehen? Wie kann sie immer wieder freudige Bekenntnisse zum nationalsozialistischen Staat ablegen, die doch politische Bekenntnisse sind und sich gegen das Leben eines Teils ihrer Mitglieder richten? Warum schützt sie nicht wenigstens die Kinder? Sollte denn alles das, was mit der heute so verachteten Humanität schlechterdings unvereinbar ist, mit dem Christentum vereinbar sein?“

 

Theologischer Antijudaismus

Ausdrücklich verurteilt sie den theologischen Antijudaismus, der in der Verfolgung und Ausgrenzung der Juden meint, dem Judentum das Gericht und die Gnade Gottes verkündigen zu können: „Seit wann ist es etwas anderes als Gotteslästerung zu behaupten, es sei der Wille Gottes, daß wir Unrecht tun?“2 Schmitz entschloss sich, weiteres Material zu sammeln und die um einen Nachtrag, „Folgen der Nürnberger Gesetze“, erweiterte Denkschrift im Mai 1936 erneut unter die Leute zu bringen. „In der Zwischenzeit hatte sie einen Vervielfältigungsapparat erworben. Diesmal schrieb sie den Text auf Matrizen und stellte eigenhändig 200 Exemplare her“, die sie an wichtige Personen wie den BK-Pfarrer Wilhelm Niesel, an die Vorläufige Leitung der BK und an die Provinzialbruderräte schickte. Aus einem Bericht der „London Times“ übernimmt sie den Begriff „cold pogrom“ und belegt dieses kalte Pogrom durch den Hinweis, dass es inzwischen in den jüdischen Gemeinden zwischen Sterbefällen und Geburten ein Verhältnis von sechs zu eins gebe.3 Schmitz betreibt diese nicht ungefährliche Aufklärungsarbeit in einer gleichgeschalteten Öffentlichkeit, weil sie, wie sie gegenüber Karl Barth formuliert, erreichen möchte, „dass die Kirche anerkennt, daß es sich um ein Gebiet handelt, das sie angeht.“ Doch wieder wird sie von den Männern der BK nicht gehört.

Noch einmal unternimmt sie im September 1938 einen Versuch mit einem Brief-Appell an den BK-Pfarrer Niesel, „die Bekennende Kirche möge endlich über die Behandlung der Juden in Deutschland ein Wort an die Gemeinden richten.“ Sie schrieb diesen Brief vor dem Hintergrund der Sudetenkrise und der damit drohenden Kriegsgefahr. Sie mahnt: „Denn was ein Krieg für die Behandlung der Juden in Deutschland bedeuten würde, ist nicht abzusehen.“ Die Gemeinden müssten über die Verfolgung der Juden in Deutschland besser informiert werden. Sie müssten ihre Mitschuld an der Vereinsamung und Verzweiflung erkennen, denn „wir“ hätten geschwiegen, wo „wir“ hätten reden müssen, zu den Misshandlungen in den Lagern und zum Mord. Und drittens, die Kirche stehe schuldbeladen vor den nichtarischen Brüdern und habe nur eines zu tun: zu helfen, zu lindern, mitzuleiden.4 Ein solches klares Wort, durch Unterschrift bekräftigt, wozu sie bereit sei, müsse jetzt kommen. Doch wieder kam keine positive Reaktion von der BK. Diese war mit den Folgen der Gebetsliturgie zur Erhaltung des Friedens angesichts der Sudetenkrise beschäftigt und wollte sich nicht durch eine solche Stellungnahme zur Verfolgung der Juden zusätzlich in Schwierigkeiten bringen.

 

Das fortgesetzte Schweigen der Kirchen

Dann kam das Novemberpogrom am 9.11.1938 (die sog. Reichskristallnacht), bei der 1400 Synagogen angesteckt und zerstört, 7.500 Geschäfte demoliert, Hunderte von Juden umgebracht und 27.000 jüdische Männer in die Konzentrationslager eingeliefert wurden. Die Kirchen schwiegen bis auf wenige Ausnahmen. Elisabeth Schmitz versorgte den jungen Pfarrer Helmut Gollwitzer in Berlin-Dahlem mit genaueren Informationen über das Ausmaß der Verfolgung und drängte ihn, darauf in seiner nächsten Predigt einzugehen. Tatsächlich hielt Gollwitzer eine Woche nach der Reichspogromnacht am Buß- und Bettag (16.November 1938) in Berlin-Dahlem eine mutige Predigt, die das ungeheuerliche Geschehen zumindest indirekt ansprach. Schmitz schrieb ihm daraufhin in einem Brief: „Es scheint, daß die Kirche auch dieses Mal, wo ja nun wirklich die Steine schreien, es der Einsicht und dem Mut des einzelnen Pfarrers überläßt, ob er etwas sagen will, und was.“ „Das Wort der Kirchen ist nicht gekommen. Die Presse der ganzen Welt ist voll von dieser Katastrophe, und hier hat man den Eindruck, daß sie schon jetzt, wo die zahlreichen Verhaftungen noch andauern, bei den Menschen wieder vergessen wird – auch in kirchlichen Kreisen.“ Das Gerücht darüber, dass ein Zeichen an der Kleidung der Juden vorgesehen sei, hält sie für ein schlimmes Omen. „Ich bin überzeugt, daß – sollte es dahin kommen – mit dem letzten Juden auch das Christentum aus Deutschland verschwindet. Das kann ich nicht beweisen, aber ich glaube es.“

 

Das Ende des Christentums

Diese Sätze gehören zu den großen theologischen Einsichten im 20. Jh. Elisabeth Schmitz hat hingesehen und das, was sie gesehen hat, was eigentlich alle sehen konnten dokumentiert, gedeutet und anderen mitgeteilt, besonders ihrer Kirche. Ich halte diesen Satz der Berliner Lehrerin für eine prophetische Aussage, eine Unheilsprophetie vom Zuschnitt Jeremias. Dieser Satz‚ die Deportation des letzten Juden bedeute das Ende des Christentums, ist vor allem ein heilsgeschichtlicher Einwand, vergleichbar dem Satz des Paulus, „Christus sei das Ende des Gesetzes.“

Diese klare Aussage von Elisabeth Schmitz hat mich zu der Fragestellung veranlasst, ob mit der von den deutschen Kirchen, auch der Bekennenden Kirche, hingenommenen Judenvernichtung durch das Naziregime nicht das herkömmliche Christentum tatsächlich ein Ende gefunden hat. Denn es ist ein Versagen, das an die Substanz gegangen ist und das die Botschaft von der Versöhnung in Christus beschädigt hat. Davon legte indirekt Propst Grüber, der ehemalige Leiter der Hilfsstelle, die Juden zur Auswanderung verhalf, Zeugnis ab, als er kurz vor seinem Tod 1975 erklärte: „Wir leiden bis heute unter diesem Schweigen der Kirchen. Das lässt mich bis zu meinem Lebensende nicht mehr los.“

Behutsame Einreden ohne Wirkung

Die berühmt gewordene Barmer Theologische Erklärung vom Mai 1934 schwieg dazu und auch die folgenden Bekenntnissynoden. Nur in der an Adolf Hitler gerichteten Eingabe in Form einer Denkschrift, die im Mai 1936 von Mitgliedern des entschiedenen Flügels der Bekennenden Kirche verfasst wurde, wurde vorsichtig auf die Verfolgung der Juden Bezug genommen: „Wenn (…) Blut, Volkstum, Rasse und Ehre den Rang von Ewigkeitswerten enthalten, so wird der evangelische Christ durch das erste Gebot gezwungen, diese Bewertung abzulehnen … Wenn dem Christen im Rahmen der nationalsozialistischen Weltanschauung ein Antisemitismus aufgedrängt wird, der zum Judenhaß verpflichtet, so steht für ihn dagegen das christliche Gebot der Nächstenliebe.“

Dieser letzte Satz wurde allerdings in dem für die Kanzelabkündigung vorgesehenen Text weggelassen. Die gesamte Denkschrift, obwohl als interne Eingabe an Hitler gedacht, wurde in einer Schweizer Zeitung veröffentlicht. Daraufhin wurde der verantwortliche Jurist der 2.Vorläufigen Kirchenleitung der Deutschen Evangelischen Kirche, Friedrich Weißler, der jüdischer Herkunft war, am 7.Oktober 1936 verhaftet, obwohl er für diese Weitergabe nicht verantwortlich war. Die Vorläufige Kirchenleitung distanzierte sich von Weißler. Martin Niemöller forderte: „Gegen Weißler muß sofort ein klarer Strich gezogen werden, das sind wir der BK schuldig.“ Man löste die Beziehungen zu Weißler, „da die Möglichkeit nicht ausgeschlossen zu sein scheint, daß Dr. ­Weißler seine Befugnisse ohne Wissen der Vorläufigen Leitung der DEK überschritten habe.“5

Auch wenn man die nationalkonservative und antijüdische Mentalität vieler Männer in der BK berücksichtigt – „faktisch gaben sie Weissler preis.“(Greschat) Weißler wurde am 13. Februar 1937 in das KZ Sachsenhausen eingeliefert und dort am 15.2. zu Tode gefoltert. Ein getaufter Jude war der erste Märtyrer der Bekennenden Kirche!

 

Die Not der Judenchristen

Als besonders schlimm empfinde ich es als Nachgeborener, dass die Kirche, auch die Bekennende Kirche, die Christen jüdischer Herkunft, die sog. Judenchristen, allein gelassen hat, als sie in den Bannkreis der nationalsozialistischen Verfolgung gerieten. Es waren „Christen, die aufgrund ihrer Abstammung von Juden Opfer der nationalsozialistischen Rassenpolitik wurden, also Menschen mit wenigstens einem Juden oder einer Jüdin unter den Großeltern. Hinzu kommen die Christen, die als Ehepartner der Betroffenen ihr Schicksal teilten. Solche angeblich rassenverschiedenen Mischehen waren gerade unter Judenchristen häufig, weil sie bei der Wahl des Lebenspartners nicht unter den Angehörigen der kleinen jüdischen Minderheit, sondern ihrer Konfession entsprechend, unter den Menschen der christlichen Mehrheit Ausschau hielten.“

Was oft übersehen wird: „Insgesamt handelte es sich bei der Gruppe – einschließlich der Ehepartner der Betroffenen – um schätzungsweise rund 400.000 Personen. Mehr als Zweidrittel von ihnen waren evangelisch.“6 Neben den knapp 500.000 Juden in Deutschland hatten nahezu ebenso viele Menschen, die „Halb“- oder „Vierteljuden“ waren, unter dem antisemitischen Terror zu leiden.

Mit Recht hat eine jüngere Veröffentlichung von Ursula Büttner und Martin Greschat diese evangelisch gewordenen Juden als „die verlassenen Kinder der Kirche“ bezeichnet. Der Tiefpunkt dieser verweigerten Solidarität ist erreicht, als die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche in einem Offenen Brief zwei Tage vor Weihnachten 1941 an alle Landeskirchen schrieb: „Wir bitten daher die obersten Behörden, geeignete Maßnahmen zu treffen, daß die getauften Nichtarier dem kirchlichen Leben der deutschen Gemeinden fernbleiben.“7 Im deutschchristlichen Kirchenkreis Stormarn wurde den Judenchristen der Zugang zum Gottesdienst effektiv verweigert. Die Vorläufige Kirchenleitung der BK antwortete zwar: „Mit allen auf dem Boden von Schrift und Bekenntnis stehenden Christen Deutschlands sehen wir uns zu der Feststellung genötigt, dass dieses Ansuchen der Kirchenkanzlei mit dem Bekenntnis der Kirche unvereinbar ist.“ Um konsequent zu sein, müsste die Kanzlei „sämtliche Apostel und nicht zuletzt Jesus Christus selbst, den Herrn der Kirche, wegen ihrer rassischen Zugehörigkeit zum jüdischen Volk aus unserer Kirche (…) verweisen.“8 Aber einen öffentlichen Protest gegen diesen Ausschluss gab es nicht. Und dann auch nicht gegen die Deportationen von Judenchristen ab 1942 . Immerhin wurden für die zur Deportation bestimmten jüdischen Gemeindemitglieder in Berlin-Dahlem Abschiedsgottesdienste mit der Feier des Abendmahls gestaltet; in einzelnen Fällen wagten es auch deutsche Christen, sie zu den Bahnhöfen zu begleiten, von wo aus die Züge in die Vernichtungslager fuhren.

 

Das Versagen der Kirchen

Kurz gesagt: Man muss den deutschen Kirchen, den sog. intakten Kirchen wie der Bekennenden Kirche vorwerfen, dass sie den Juden (bis auf wenige Ausnahmen) nicht beigestanden haben, dass sie trotz der eindeutigen jüdisch-christlichen Tradition den Schwachen beizustehen, Hilfe verweigerten und öffentlich schwiegen zur Shoah. Bonhoeffer sah das deutlich und forderte in seiner Ethik 1943 ein radikales Schuldbekenntnis. Doch dieses Versagen wurde nach dem Krieg noch fortgesetzt, indem die Kirchen das ungeheure Verbrechen der Shoah lange verdrängten und keine Scham über ihr Versagen empfanden bzw. äußerten. Sie wollten seine unheilsgeschichtliche Bedeutung nicht wahrnehmen. Oder anders gesagt, sie haben nicht bemerkt bzw. nicht zugeben wollen, dass durch die Shoah das Versöhnungsopfer Christi beschädigt wurde. Denn eine Kirche, die ein solches Verbrechen an den Juden als dem Volk Gottes zulässt, kann eigentlich nicht weiter von der in dem Juden Jesus Christus geschehenen Versöhnung der Welt reden. Oder wenn sie es tut, nur mit dem Eingeständnis ihres Versagens und der Bitte um Vergebung, einem radikalen Schuldbekenntnis. Aber in dem bekannten Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 wurde die Shoah mit keinem Wort erwähnt.

 

Nur noch eine leere Hülle

Trotz ihres Versagens haben die Kirchen sich nach dem Krieg schnell reorganisiert. Doch was als kirchliche Organisation wiederauflebte, war lange Zeit nur noch Hülle ohne den Inhalt, dass nämlich der Gott Israels in dem Juden Jesus aus Nazareth Mensch geworden ist, um durch dessen Leiden die Welt mit sich zu versöhnen. Auf den Punkt gebracht: Wo die Kirche es hinnimmt, dass das Volk Gottes, aus dem der Erlöser stammt, umgebracht wird, ist ihre Versöhnungsbotschaft nicht mehr glaubwürdig. Sie kann als Organisation weiterbestehen, predigen, taufen, Gottesdienste halten, Abendmahl feiern, Nächstenliebe üben, kann sich staatskirchenrechtlich absichern mit staatlichem Kirchensteuereinzug, Staatsleistungen aufgrund der §§137ff der Weimarer Verfassung, Beamtenstatus der Pastoren, Sendezeiten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, dem grundgesetzlichen Recht auf Religionsunterricht und einer zu 90% von den Sozialabgaben finanzierten Diakonie mit einer halben Million Mit­arbeiter*­innen – das Versagen angesichts der Shoah hat ihr ­vorerst die theologische Grundlage, ihre religiöse Legitimation entzogen.

Die Kirchen haben angesichts dieser von ihnen mit Schweigen hingenommenen Vernichtung des jüdischen Volkes zunächst weder sich noch ihre Theologie infrage stellen lassen. Auschwitz und die Judenvernichtung spielen in Theologie und Kirche der 1950er und 1960er Jahre keine Rolle. Auch die Kirchen waren von der „Unfähigkeit zu trauern“ (Mitscherlich) bestimmt. Die ewige Liturgie wurde einfach weiter zelebriert trotz der Millionen jüdischer Opfer, die auch infolge der fatalen Logik der christlichen Heilsgeschichte (die Juden sind halsstarrig und schuld am Tod unseres Erlösers – das Credo des christlichen Antisemitismus) sterben mussten. Das Lob Gottes, der seinen Sohn dahingegeben hat um unsrer Sünde willen, erklang weiter. Das wird wohl auch nicht anders sein können, wenn die Kirchen ihren Heilskern nicht aufgeben wollen. Aber die Frage, ob Christi Opfer kulturell-sozial gesehen nicht vergeblich war, wagte man nicht zu stellen.

 

Gott und Christus nach Auschwitz

Dabei kann die christliche Lehre, dass Jesus das Leiden der Menschen auf sich genommen hat, nicht ausreichen, um die Menschheit im Angesicht des Holocaust zu erlösen. Auschwitz ist sozusagen ein zweiter Sündenfall. Aber diese ungeheuerliche Sünde kann Christus nicht auf sich nehmen, sondern das muss die Menschheit selber tun – durch Buße, Eingedenken und ein „Nie wieder!“ Wir können nicht sagen, auch Christus hat in Lodz, Minsk, Theresienstadt, Treblinka und Auschwitz gelitten, sein erlösendes Kreuz steht auch dort. Das wäre eine christliche Anmaßung. Sein Kreuz steht dort allenfalls als Kreuz eines gemarterten und getöteten Juden in der Gemeinschaft der Millionen Kreuze seiner leidenden und getöteten jüdischen Geschwister.

Der jüdische Philosoph Hans Jonas hat 1983 in einer großartigen, tief anrührenden Passage seiner Tübinger Rede Der Gottesbegriff nach Auschwitz von der Verstörung Gottes durch Auschwitz (wo seine Mutter ermordet wurde) gesprochen: „Nachdem er sich ganz in die Welt hineinbegab, hat Gott nichts mehr zu geben: jetzt ist es am Menschen, ihm zu geben … darauf zu achten, daß es nicht zu oft geschehe, daß es Gott um das Werdenlassen der Welt gereuen muß.“

Jonas schweigt in seiner Neuerzählung des Mythos von Jesus Christus. Er kommt nicht vor, sein Erlösungswerk ist irrelevant für die Rettung Gottes im Prozess des Weltwerdens und Sinnverlusts. Als Christen aber müssen wir fragen: Gilt das, was Jonas spekulativ für Gott aussagt, nicht auch für Christus, das Wort, das nach Joh. 1 am Anfang bei Gott war, als Grund und als Sinnmitte der Welt? Müssten wir nicht auch bekennen: Christus, das Wort, ist verstört und es/er bedarf unserer tatkräftigen Unterstützung, damit es/er glaubwürdig in der Welt als erlösende Kraft bleiben kann, damit sein Opfer nicht vergeblich war?

 

Neue Wege der Versöhnung?

Erst 1980 mit der Synodalerklärung der Rheinischen Kirche und in der Erklärung Johannes Pauls II. von den Juden als älteren Geschwistern im Glauben hat es ein Schuldbekenntnis und ein Umdenken gegeben. Danach gilt der Bund Gottes mit Israel nicht als überholt durch die Kirche, und man fing an zu fragen: Wie konnte ein gütiger Gott, wie die an ihn glaubenden Christen es zulassen, dass das Volk der Erwählung ermordet wird? Erst danach wurde offiziell auf die Judenmission verzichtet und der Staat Israel als „Zeichen der Treue Gottes zu seinem Volk“ bezeichnet.

Überall in Deutschland gibt es Gesellschaften für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, auf den Kirchentagen die Arbeitsgruppe „Juden und Christen“. Erst danach trat man deutlich dem wieder wachsenden Antisemitismus entgegen. In einer Studie der EKD von 1991 heißt es: „Auch Schweigen und Geschehenlassen, wie es die Haltung der Kirchen im ‚Dritten Reich‘ weithin charakterisierte, verstrickt in Schuld und muß bekannt werden.“ Nach dem biblischen Wort Ex. 34,6ff, dass Gott „die Missetat der Väter heimsucht an Kindern und Kindeskindern bis ins dritte und vierte Geschlecht, aber tausenden Gnade bewahrt“, löst sich 75 Jahre danach langsam der Unheilsbann, der von dem Versagen der Kirche im „Dritten Reich“ herrührt. Konstruktiv betrachtet, könnte man sogar die Nichtschließung der deutschen Grenzen durch die Kanzlerin im September 2015 („Wir schaffen das“) und die besonders von den Kirchen mitgetragene Willkommenskultur für Flüchtlinge als den entschiedenen Versuch ansehen, nicht noch einmal angesichts einer großen Notlage von Hunderttausenden Menschen zu versagen. Dass eine Pastorin im „Wort zum Sonntag“ im März 2020 deutlich gegen das von der Europäischen Union zugelassene Elend in den griechischen Flüchtlingslagern protestiert und eine Aufnahme wenigstens der Kinder und minderjährigen Flüchtlinge fordert, zeigt noch einmal den Lernprozess, den die Kirche durchlaufen hat. Der Versöhnungsgedanke wurde beschädigt durch das Schweigen der Kirche zur Shoah, aber er hat durch diese Solidarität sich, wenn man das so sagen darf, wieder „erholt“.

 

Anmerkungen

* Ausführlicher wird diese Frage erörtert in meinem Buch „Wieso standen die Kirchen nicht an der Seite der Juden? Fragen an den Versöhnungsanspruch der Kirchen nach der Shoah“, Münster 2020 (im Erscheinen).

1 Zit. nach Manfred Gailus, „Mir aber zerriß es das Herz“. Der stille Widerstand der Elisabeth Schmitz, Göttingen 2010, 89.

2 Zit. nach Manfred Gailus, Elisabeth Schmitz und ihre Denkschrift gegen die Judenverfolgung, Berlin 2008, 190ff; ders, „Mir aber zerriß es das Herz“, 102f. Die gesamte Denkschrift bei Gailus, ebd., 223ff; hier 241f.

3 Gailus, „Mir aber zerriß es das Herz“, 104.

4 Zit. nach Gailus, „Mir aber zerriß es das Herz“, 112.

5 Zit. nach Martin Greschat, Friedrich Weißler. Ein Jurist der Bekennen den Kirche im Widerstand gegen Hitler, in: Ursula Büttner/Martin Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche. Der Umgang mit Christen jüdischer Herkunft im Dritten Reich, Göttingen 1998, 112f.

6 So die Schätzung von Ursula Büttner, Von der Kirche verlassen, in: Ursula Büttner/Martin Greschat, Die verlassenen Kinder der Kirche, 21f.

7 Zit. nach Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden, 2. Bd. 1939-1945, München 2006, 329.

8 Friedländer, ebd.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. theol. Hans-Jürgen Benedict, Jahrgang 1941, 1980-1991 Pfarrer in Hamburg, 1991-2006 Prof. für Diakonische Theologie an der Evang. Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie Hamburg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.