Die Volkskirche mit ihrem Ansatz christlicher Grundversorgung ist in der Krise – das ist im Grunde unbestritten. Doch was soll die Alternative sein? Und welche Rolle kommt dabei einer missionarischen Erneuerung der Kirche zu? Nach dem Versuch einer kurzen Situationsanalyse stellt Peter Zimmerling zunächst ekklesiologische Grundsatzüberlegungen an, die er sodann in einige gemeindepraktische Vorschläge münden lässt.*

 

1  Kirche unter Reformdruck

Dass die Volkskirche gegenwärtig in einer Krise steckt, ist gemeinsame Überzeugung aller Beobachter. West-, Mittel- und Nordeuropa gehen durch eine Phase der Entkirchlichung und Entchristlichung, für die es in anderen Weltgegenden keine Parallelen gibt. Die Kirche steht deshalb unter Veränderungsdruck: In der Evang.-luth. Landeskirche in Sachsen hat seit der Wiedervereinigung eine Strukturreform die andere abgelöst. Auch die EKD insgesamt hat mit ihrem im Juni 2006 vorgelegten Impulspapier „Kirche der Freiheit. Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert“ die Unausweichlichkeit von Reformen zum Ausdruck gebracht. Die Bevölkerungsentwicklung wird zusammen mit den Kirchenaustritten in den kommenden Jahrzehnten zu einem weiteren Mitgliederverlust führen. Dazu kommt (aller Wahrscheinlichkeit nach) ein gravierender Rückgang der Kirchensteuereinnahmen. Im Bild gesprochen: Über Zähne redet man erst, wenn sie einem wehtun. Die Kirche steckt in einer Krise. Darum die Suche nach Wegen aus der Krise.

Allerdings sollten wir uns klarmachen: Die Rede über die Krise der Kirche begleitet die Kirchengeschichte von Anfang an wie ein Schatten. Schon vor 500 Jahren, erst recht vor 300 Jahren, noch mehr vor 80 Jahren wurden ganz ähnliche Bedenken gegen die Weiterexistenz der Kirche wie heute laut. Gottfried Arnold etwa prophezeite in seiner enthusiastischen Phase den unmittelbar bevorstehenden Untergang der „Hure Babylon“.

Ist man sich in der Diagnose, dass die Kirche in einer Krise steckt, weithin einig, sehen die vorgeschlagenen Therapien sehr unterschiedlich aus.1 Allerdings lässt sich trotz aller Unterschiedlichkeit mindestens eine Gemeinsamkeit ausmachen: Fast allen Lösungsansätzen ist die Fortentwicklung der Kirche im Hinblick auf mehr Beteiligung und Mündigkeit ihrer Mitglieder gemeinsam.

Im Folgenden gehe ich von zwei Voraussetzungen aus: Zum einen, dass kirchliche Reformen nur dann nachhaltig wirksam werden, wenn sie an Vorhandenes anknüpfen. Reformen, die die bestehenden kirchlichen Verhältnisse vernachlässigen, werden wirkungslos verpuffen. Auch im Hinblick auf heute notwendige kirchliche Reformen gilt: Nicht Revolution, sondern Reformation! Das gilt auch im Hinblick auf die Veränderung kirchlicher Strukturen.

Zum anderen ist mir die Erkenntnis wichtig, dass permanente kirchliche Veränderungen von Anfang an für die christliche Kirche typisch waren. Seit dem Urchristentum hat es eine schier unendlich anmutende Vielfalt von Gestaltungsformen von Kirche und Gemeinde gegeben. Sie bildet sich ab in der Verschiedenheit der Versammlungsorte der Gemeinden durch die Zeiten hindurch. Angefangen hat alles mit der ersten kleinen Hausgemeinde vor Pfingsten im (vor einigen Jahren wieder ausgegrabenen) Wohnhaus des Petrus in Kapernaum. Von dort führte die Entwicklung zur Staatskirche im Imperium Romanum mit dem für viele Jahrhunderte größten Kirchbau der Welt, der Hagia Sophia in Konstantinopel. Heute lässt sich die Pluralität der kirchlichen Gestaltungsformen allein schon durch den Vergleich der Personalgemeinde des Berliner Doms mit der Gemeinde in einer Favela am Rand einer brasilianischen Großstadt illustrieren, die sich in einer Blechhütte zu ihrem Gottesdienst versammelt.

 

2  Minderheitenkirche mit volkskirchlichen Strukturen

Vor allem für die östlichen Bundesländer gilt: Die Kirche muss sich mit der Situation auseinandersetzen, zwar weiterhin volkskirchliche Strukturen zu besitzen, aber in der Gesellschaft nicht mehr als eine qualifizierte Minderheit zu sein.2 Einerseits stellt die evangelische Kirche bereits heute bloß eine gesellschaftliche Machtgruppe unter anderen dar – und noch dazu keine politisch wirklich bedeutsame. Dass das nicht nur für die neuen Bundesländer, sondern für Gesamtdeutschland gilt, zeigte sich spätestens an der Auseinandersetzung um die Abschaffung des Buß- und Bettags. Wolfgang Huber schreibt: „Der Vorgang zeigt, dass es heute für die Politik ungefährlicher ist, sich mit den Kirchen anzulegen als mit den Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften. Denn der kirchliche Feiertag war ein Bauernopfer, um mit den Arbeitgeberverbänden und den Gewerkschaften eine Verständigung über die Pflegeversicherung zu erreichen.“3

Andererseits darf die Wirkung der volkskirchlichen Strukturen nicht unterschätzt werden. Das lässt sich besonders deutlich an Leipzig zeigen: Leipzig ist – obwohl es nur etwa 12% evangelische Kirchenmitglieder hat – weiterhin eine protestantisch geprägte Stadt. Das wird an der Bedeutung der Kirchengebäude für das Stadtbild – sowohl in der Innenstadt als auch in den übrigen Stadtteilen – sichtbar. Dazu kommt die Bedeutung, die die evangelische Kirche für das kulturelle Leben hat: Hier ist etwa an die weltweite Ausstrahlung des Thomanerchors und die jährlichen Bachwochen zu denken, aber auch an die Aufführungen des Weihnachtsoratoriums in vielen Leipziger Kirchengemeinden während der Adventszeit, die keineswegs bloß von Kirchenmitgliedern besucht werden. Nicht zu vergessen ist der Einfluss der evangelischen Kirche auf die Bildung, wie er z.B. am nach der Friedlichen Revolution entstandenen Evang. Schulzentrum sichtbar wird. Deren früherer Leiter amtiert seit Jahren als Oberbürgermeister der Stadt. Auch die Vielfalt der diakonischen Einrichtungen der evangelischen Kirche einschließlich des Großstadt-CVJM hängt mit den weiterhin existierenden volkskirchlichen Strukturen zusammen.

Letztlich waren diese auch dafür verantwortlich, dass die evangelische Kirche am Ende der DDR-Zeit eine wesentliche Rolle im Rahmen der friedlichen Revolution spielen konnte. Die Kirche verfügte als einzige Institution über Räumlichkeiten, die der Staat nicht kontrollieren konnte, und genoss in weiten Teilen der Bevölkerung großes Vertrauen. Deswegen konnte sie die Friedensgebete veranstalten und gesellschaftskritischen Gruppen in ihren Räumen Versammlungsfreiheit gewähren. Daraus erwuchsen die großen Demonstrationen in der Öffentlichkeit, die zur Wende führten.

 

3  Privilegierte Partnerschaft zwischen Staat und Kirche

Die Minderheitensituation bei gleichzeitigen volkskirchlichen Strukturen ist ein wichtiges Charakteristikum zur Beschreibung der gegenwärtigen Lage der östlichen Landeskirchen, das beim Nachdenken über die zukünftige Gestalt der Kirche in ganz Deutschland berücksichtigt werden muss. Es macht unübersehbar deutlich, dass die Kirche sich, wie so oft in ihrer Geschichte, in einer Situation des Übergangs befindet, also an Veränderungen nicht vorbeikommt – mit allen Verunsicherungen und Abwehrmechanismen, die sich bei Veränderungen automatisch einstellen, aber auch mit allen damit gleichzeitig gegebenen Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten für Neues.

Immer noch erscheint die Kirche vielen Menschen als „Fortsetzung des Staates mit religiösen Mitteln.“4 Wie stark diese Auffassung in den 1950er und 1960er Jahren in der alten Bundesrepublik die öffentliche Meinung bestimmte, wird schnell sichtbar, wenn man sich einmal die Aussagen von führenden Politikern – etwa Ministerpräsidenten – bei der Einweihung von Evang. Akademien oder anderen kirchlichen Zentren anschaut. Staatliche und kirchliche Repräsentanten waren der Überzeugung, dass die Kirche zusammen mit dem Staat als gleichberechtigte Partnerin die Gesellschaft bestimmte. Das Subsidiaritätsprinzip des Grundgesetzes hatte dafür den rechtlichen Rahmen geschaffen. Der Staat sollte möglichst wenig in das Leben seiner Bürger eingreifen und Aufgaben wenn irgend möglich an andere Institutionen delegieren. Überdies waren die Bestimmungen des Grundgesetzes von der Überzeugung getragen: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“5 Diese Voraussetzungen sah man durch den christlichen Glauben gewährleistet.

Hinter den Überlegungen der Väter und Mütter des Grundgesetzes standen deren Erfahrungen mit dem totalitären Staat des Dritten Reiches. Anders als in der Kirchengeschichtsschreibung häufig zu lesen, knüpften die Kirchen nach dem Krieg nicht einfach an 1933 an. Vielmehr wurde ihre Stellung gegenüber 1933 stark aufgewertet. Die heutige Situation der Kirche als Minderheitenkirche mit volkskirchlichen Strukturen wird nicht zuletzt durch die aus der damaligen Situation resultierende privilegierte Partnerschaft zwischen Kirche und Staat gestützt. Es sieht nicht so aus, dass sich an der politisch gewollten Privilegierung der Großkirchen in absehbarer Zeit etwas ändern würde.

 

4  Die Kirche – ein sichtbares Zeichen des Reiches Gottes

Ich gehe bei den folgenden ekklesiologischen Überlegungen davon aus, dass die Empirie nicht ausreicht, um das Wesen der Kirche zu erfassen. Sie ist auch eine theologische Größe und reicht über rein soziologische Bestimmungen hinaus.

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Theologie, sich verstärkt auf die Wurzeln des Christentums im AT und im Judentum zu besinnen. Dabei fand sie heraus, dass das Ziel des atl. Glaubens nicht im Jenseits, d.h. in himmlischer Glückseligkeit liegt, sondern in der Errichtung eines messianischen Reiches des Friedens und der Gerechtigkeit durch Gott auf dieser Erde besteht.6 Sensibilisiert durch die atl. Erkenntnisse, entdeckte die theologische Forschung, dass diese Hoffnung von ntl. Autoren positiv aufgenommen wird. Ziel der Weltgeschichte ist auch für das NT das Kommen des Reiches Gottes. Das zeigt sich z.B. an den vielen Gleichnissen vom Reich Gottes in der Verkündigung Jesu. Neu ist gegenüber dem AT die Verbindung des Reiches Gottes mit dem Kommen Jesu Christi. Mit seiner Menschwerdung ist das Reich Gottes bereits angebrochen. Aber erst am Ende der Zeit, bei der Wiederkunft Jesu Christi, findet die Welt endgültig zum Frieden und zur Vollendung. Die christliche Gemeinde stellt bis dahin eine Vorwegnahme, ein sichtbares Zeichen des Reiches Gottes dar. In der Gemeinde scheint etwas auf von der endgültigen Erlösung der Schöpfung am Ende der Tage und damit auch von der endgültigen Befriedung des menschlichen Miteinanders.

Es ist nötig, diesen weiten Horizont beim Nachdenken über eine Kirchenreform immer wieder in Erinnerung zu bringen. Gerade vom Gedanken des Reiches Gottes her vermag frischer Wind in müde gewordene christliche Gemeinden zu wehen.

 

5  Kein Christsein ohne Gemeinde

Die mangelhafte kirchliche Verankerung des evangelischen Glaubens ist häufig beklagt worden – nicht zuletzt vom früheren deutschen Papst Benedikt. Tatsächlich stellt die neuzeitliche Denkfigur von Gott und der Einzelseele eine Abstraktion dar. Schon im 18. Jh. meinte Graf Zinzendorf: „Kein Christentum ohne Gemeinschaft“. Heute droht der Glaube vielen Christen in einer atheistischen Umgebung regelrecht weggesogen zu werden. Eine Entlastung des Glaubens und Handelns des einzelnen Christen in einem zunehmend säkularen bzw. multireligiösen Milieu erscheint mir nur möglich auf dem Weg einer Stärkung der christlichen Gemeinden. Kirchentage und Kommunitäten haben in den vergangenen Jahrzehnten geholfen, die Wichtigkeit der Gemein­schafts­dimension für den evangelischen Glauben wieder zu entdecken. In vielen Gemeinden wird der sonntägliche Gottesdienst schon lange von weiteren Formen gottesdienstlicher Gemeinschaft, aber auch von Ansätzen einer Alltagsgemeinschaft der Gemeindeglieder untereinander in Form von Hauskreisen und Selbsthilfegruppen flankiert.

Vor einigen Jahren erzählte mir ein junger Mann, dass ihn folgende Erfahrung von der Wahrheit der christlichen Botschaft überzeugt habe: Er hätte, bevor er Christ wurde, zwischen Menschen nur Kumpelei und Oberflächlichkeit gekannt. In einem Hauskreis sei ihm erstmals echte Offenheit und wirkliches Vertrauen begegnet, die Bereitschaft, auch über eigene Fehler und eigenes Versagen zu sprechen.

 

6  Kirche ist vor allem anderen ein Ort gelebten und reflektierten Glaubens

Konstitutiv für die Gemeindearbeit ist die Botschaft des Evangeliums von Jesus Christus: „So kommt der Glaube aus der Predigt, das Predigen aber durch das Wort Christi“ (Röm. 10,10). Ziel der kirchlichen Verkündigung ist, dass jeder Mensch zur Erkenntnis Jesu Christi als des Sohnes Gottes kommt (Eph. 4,13). Dabei kennt die Erkenntnis Jesu Christi unterschiedliche Stufen. Das Ziel ist eine Erkenntnis, die dem vollen Maß der Fülle Christi entspricht (Eph. 4,13).

Dieses Ziel verleiht der Verkündigung einerseits eine weite Perspektive und andererseits eine große Dynamik. Die Verkündigung ist nicht statisch, sondern ausgerichtet auf ein Ziel. Die Gemeinde Jesu Christi ist nie fertig, sondern immer im Werden. Dieses Im-Werden-Sein der Gemeinde bringt Paulus nicht zuletzt durch die Rede von der Erbauung bzw. dem Bau der Gemeinde zum Ausdruck. Mit Luther gesprochen: „Das christliche Leben ist nicht Frommsein, sondern ein Frommwerden, nicht Gesundsein, sondern ein Gesundwerden, nicht Sein, sondern ein Werden, nicht Ruhe, sondern eine Übung. Wir sinds noch nicht, wir werdens aber. Es ist noch nicht getan und geschehen, es ist aber im Gang und Schwange. Es ist nicht das Ende, es ist aber der Weg. Es glühet und glänzt noch nicht alles, es bessert sich aber alles.“7

 

7  Missionarisches Engagement

Indem die Gesellschaft mehr und mehr ihre kirchliche „Zubringerfunktion“ verliert, ist stattdessen eine verstärkte „Zuträgerschaft“ von Seiten der Pfarrer und Pfarrerinnen und der übrigen haupt- und nebenamtlichen Gemeindemitarbeiter, ja von Seiten der Gemeindeglieder insgesamt verlangt. Es geht angesichts dieser Situation darum, die lange vernachlässigte missionarische Kompetenz des Pfarrberufs, ja die missionarische Dimension von Christsein überhaupt wieder zu entdecken. Die Sache der Mission ist Angelegenheit der Gesamtkirche und nicht bloß einzelner Gruppen in ihr! Eberhard ­Jüngel sprach auf der EKD-Synode in Leipzig 1999 von Mission als dem Herzschlag der Kirche. Je nach der konkreten Situation vor Ort wird dieses missionarische Engagement sehr unterschiedlich aussehen können und müssen. Das Wie dieses Engagements kann und soll diskutiert werden, das Dass jedoch nicht.

Auch der innerkirchliche Traditionsabbruch stellt eine Herausforderung für die zukünftige Gestalt der Kirche dar. Dadurch dass die Basics des Glaubens weithin nicht mehr in den Familien weitergegeben werden, gewinnen Kinderarbeit, Religions- und Konfirmandenunterricht, Jugend- und Elternarbeit an Bedeutung, und zwar vor allem was ihre gemeindepädagogische, d.h. ihre katechetische und spirituelle Dimension betrifft. Gerade Pfarrerinnen und Pfarrer sind neben Gemeindepädagogen und Katechetinnen als theologisch und pädagogisch Ausgebildete herausgefordert, den Bildungsauftrag der Kirche neu zu entdecken und im Rahmen ihrer Tätigkeit der Einübung in den christlichen Glauben Priorität einzuräumen.

 

8  Dass die Gemeindearbeit ihr Ziel erreicht, ist methodisch nicht machbar

Allerdings stößt jede Gemeindearbeit an eine Grenze. Beim Nachdenken über ihre Möglichkeiten sollten wir uns klarmachen, dass es dabei immer nur um die Frage geht, wie der Inhalt des Evangeliums in größtmöglicher Klarheit bis zum Trommelfell eines Menschen gelangen kann; mit Martin Luther gesprochen: wie ein Mensch Zugang zur äußeren Klarheit des Evangeliums erhält. Der Weg vom Trommelfell zum Herzen bleibt dem Heiligen Geist vorbehalten. Noch einmal mit Luther: Dass ein Mensch Zugang zur inneren Klarheit des Evangeliums findet, ist und bleibt allein Wirkung der Gnade Gottes. Das bewahrt den Adressaten der christlichen Botschaft ihre Freiheit, beschützt sie vor Manipulationsversuchen und schützt umgekehrt die in der Gemeindearbeit Engagierten vor allen möglichen Formen der Überforderung.

 

9  Der Gottesdienst in unterschiedlichen Formen als entscheidender Orientierungspunkt der Gemeindearbeit

Schon in der alten Kirche fielen den Heiden die schönen Gottesdienste der Christen auf. Sie stellten fest: „Seht, wie schöne Gottesdienste sie feiern!“ In Apg. 2,42 heißt es: „Sie [die Christen] blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Predigt, Abendmahl und Gebet stehen hier für die unterschiedlichen Bestandteile des urchristlichen Gottesdienstes. Zweifellos war von Anfang an der Gottesdienst die grundlegende Aktivität der christlichen Gemeinden. Er diente nicht nur der Selbstvergewisserung des Glaubens der Christen, sondern war auch ausgerichtet auf Menschen, die noch keine Christen waren. Deswegen führt Paulus in 1. Kor. 14 die Verständlichkeit für Nichtchristen als ein Kriterium für Gottesdienstaktivitäten ein (1. Kor. 14,19). In den Gottes­diensten wird die geistliche Nahrung ausgeteilt, die zum Wachstum der Christen in der Erkenntnis nötig ist. Ohne diese Nahrungsaufnahme kann das Ziel, die Fülle der Erkenntnis Christi und damit die Mündigkeit des einzelnen Christen nicht erreicht werden. Zum vollendeten Mann, bzw. zur vollendeten Frau wird kein Christ für sich allein.

Die Orientierung am Gottesdienst ist im Rahmen der Gemeindearbeit primär heuristisch zu verstehen. Damit Menschen heute zum Glauben und zum Gottesdienst Zugang finden, braucht es eine Reihe anderer Veranstaltungen, die den Gottesdienst wie einen Kranz umgeben und gewissermaßen „Zubringerdienste“ zum Gottesdienst leisten: Dazu gehören traditionellerweise die Jugend- und die Seniorenarbeit, aber auch die Bibelstunde; neu hinzugekommen bzw. an deren Stelle getreten sind Grundkurse des Glaubens, Frauenfrühstückstreffen, Männerstammtische, Meditationskreise und viele andere Angebote im Gemeindehaus – je nach den in einer Gemeinde vorhandenen Begabungen und Möglichkeiten.

 

10  Begleitung, Förderung, Entdeckung und Gewinnung unterschiedlich begabter Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

Zumindest im evangelischen Raum geht Gemeindearbeit vom Gedanken des allgemeinen Priestertums aus und sollte zu dessen Umsetzung in die Praxis führen. Bei Diskussionen über die Zukunft der Kirche wird regelmäßig die Forderung erhoben, die Volkskirche von einer „Betreuungskirche“ zu einer „Beteiligungskirche“ weiterzuentwickeln.8 Dem kann ich nur zustimmen. Eine wesentliche Voraussetzung dazu scheint mir, um das von Rudolf Bohren in die Diskussion gebrachte Stichwort aufzunehmen, in der Wiederentdeckung der vom Geist Gottes begabten Gemeinde zu liegen. Beim weiteren Umbau der Volkskirche in eine Gemeindekirche – der ja im Osten Deutschlands an vielen Stellen bereits wesentlich weiter fortgeschritten ist als im Westen – geht es zuallererst darum, die unterschiedlichen Begabungen der Gemeindeglieder zu entdecken, zu entwickeln und zum Einsatz zu bringen.

Einer der stärksten Eindrücke während meiner Zeit als Pfarrer einer evangelischen Kommunitätszeit bestand darin, dass ich miterlebte, wie ängstliche, noch etwas farblose junge Menschen ihre Begabungen entdeckten und einbrachten, angeregt durch Herausforderungen der Gemeinschaft und durch Ermutigung von Seiten anderer. Bei der Vorbereitung von Geburtstagsfeiern waren Kreativität im Hinblick auf die Gestaltung des Raumes und die Ausarbeitung des Festprogramms gefragt. Häufig entstand in der Alltagsarbeit Not am Mann, so dass Einzelne plötzlich Aufgaben übernehmen mussten, die sie sich sonst nie zugetraut hätten. Bisweilen konnte ich regelrecht zuschauen, wie Mitglieder der Gemeinschaft sich aus unscheinbaren Knospen zu wunderschönen Blumen entfalteten.

Paulus hat in 1. Kor. 12-14 eine Gemeindeordnung vom Charisma her entworfen.9 Dabei hat er in 1. Kor. 12,7 (aber auch insgesamt in 1. Kor. 12-14 und in Röm. 12) für die weitere Geschichte der Christenheit deutlich gemacht, dass die Charismen dem Aufbau der Gemeinde dienen sollen: Die Charismen sind „zum Nutzen aller“ gegeben. Gleichzeitig gilt: Alle sind begabt und jeder ist unterschiedlich begabt. Es gehört zum Wesen der Charismen, dass keiner über alle verfügen muss. Durch die Charismen führt der Geist den Einzelnen aus der Fixierung auf sich selbst heraus und befreit ihn zu einem Leben in Beziehungen mit anderen Menschen und darüber hinaus mit der übrigen geschaffenen Welt. Dieser Zielhorizont bildet ein unverzichtbares Korrektiv gegenüber Vereinzelung und Überforderung der Gemeindeglieder – einschließlich der Pfarrerin bzw. des Pfarrers.

 

11  Gemeindearbeit ist in einer demokratischen Gesellschaft nicht an der mündigen Gemeinde vorbei möglich

Ein wesentlicher Aspekt des reformatorischen Gemeindeverständnisses stellte die Entdeckung des sog. allgemeinen Priestertums im NT dar. Leider blieb schon in der Reformationszeit die praktische Umsetzung dieser Erkenntnis in den Anfängen stecken. Die heutige Situation abnehmender Kirchlichkeit könnte die Chance bieten, dass sich an dieser Stelle etwas ändert. Die Stärkung des Moments der Partizipation und Mündigkeit der Gemeindeglieder würde zu einem Umbau der Volkskirche in Richtung Gemeindekirche führen. Dabei sind Volkskirche und Gemeindekirche nicht im Sinne einer sich ausschließenden Alternative zu verstehen. Eine solche Position übersieht, „dass die Volkskirche Basis und Chance dafür bietet, die Verkündigung zu möglichst ­vielen Menschen zu bringen.“10

Auf dem Weg zum Umbau volkskirchlicher Strukturen in Richtung auf Gemeindekirche sollten sich Pfarrer und Pfarrerinnen in Zukunft mehr und mehr als Mentoren verstehen, die in einer Reihe von Bereichen der Gemeindearbeit nicht selber tätig werden, sondern stattdessen mündige Laien dazu instand setzen und begleiten, die Dinge zu tun. Um ein kirchliches Handlungsfeld herauszugreifen: Im Hinblick auf die Seelsorge hieße das, dass ganz normale Gemeindeglieder aneinander und an Menschen außerhalb der Gemeinde „Alltagsseelsorge“ im Sinne des „mutuum colloqium“ und der „consolatio fratrum“11 zu üben beginnen. Primäre Aufgabe der Pfarrerinnen und Pfarrer wäre dann: Als Gesprächspartner für die Laienseelsorgerinnen und -seelsorger zur Verfügung zu stehen. Konkret: z.B. die Mitglieder des gemeindlichen Besuchsdienstes regelmäßig zum Austausch einzuladen, um ihnen auf diese Weise eine Form von Supervision anzubieten.

Gegen diese Überlegungen scheint jedoch folgende Beobachtung zu sprechen: Nach den von den Kirchen regelmäßig in Auftrag gegebenen Umfragen richten sich die großen Erwartungen vieler Menschen nach Erneuerung und Relevanz des christlichen Glaubens weiterhin vorrangig an die Person der Pfarrerin bzw. des Pfarrers.12 Die dritte EKD-Umfrage von 1992 ergab, dass 80-90% der Bevölkerung einen „guten“ bis „sehr guten“ Eindruck von der Pfarrerin/vom Pfarrer haben.13 Auch die vierte Mitgliedschaftsuntersuchung bestätigte dieses Bild. Es sieht so aus, als sollten Pfarrer und Pfarrerinnen „etwas verkörpern, gestalten und davon erzählen, wonach sich viele sehnen, auch wenn sie selbst nur noch vage benennen können, was sie meinen: heiles, unfragmentiertes Leben, Geborgenheit, Vertrauen, in der Verbindung sein mit dem, was das Leben trägt.“14

Man sollte sich von diesen Ergebnissen der kirchlichen Mitgliedschaftsbefragungen jedoch nicht blenden lassen. Es ist selbstverständlich, dass sich die Erwartungen der sog. Kirchendistanzierten – und sie machen das Gros der Kirchenmitglieder und damit der Befragten aus – auf Pfarrer und Pfarrerinnen richten. Da Kirchendistanzierte am übrigen Gemeindeleben nicht teilnehmen, sind Pfarrer und Pfarrerinnen für sie die Repräsentanten der Kirchengemeinde, denen sie bei Kasualhandlungen bzw. beim Festtagskirchgang in herausragender Rolle begegnen. Die Entwicklung in den östlichen Bundesländern nach dem Zweiten Weltkrieg hat gezeigt, dass die Kasualpraxis die Kirche nicht retten kann. Vielmehr gilt, was Eberhard Winkler pointiert so ausgedrückt hat: „Nur eine theologisch gut begründete Verbindung von Kasualpraxis und Gemeindeaufbau entbindet die in den Kasualien und in der Volkskirche liegenden Chancen, und ohne diese Verbindung ist die Kasualpraxis in der nachvolkskirchlichen Situation zum allmählichen Absterben verurteilt.“15 Es geht also in Zukunft darum, sich den Erwartungen kirchendistanzierter Mitglieder nicht zu verschließen, aber gleichzeitig den Umbau der Gemeinde in Richtung auf mehr Partizipation und Mündigkeit der Gemeindeglieder voranzutreiben. Dass das zeitweise einem Spagat gleichkommt, sei nicht verschwiegen.

 

12  Gemeindearbeit braucht ein Leitbild. Sechs Thesen

Die Frage nach dem Leitbild von Gemeinde, anders ausgedrückt: nach dem Ziel der Gemeindearbeit zu fragen, war vielleicht so lange überflüssig oder vernachlässigbar, solange die Kirche keinen permanenten Veränderungsprozessen unterworfen war.16 Spätestens in dem Moment, in dem im Raum der Kirche eine Strukturreform die andere ablöst, genügt es nicht mehr, dass der Betrieb möglichst reibungslos so weiterläuft wie bisher. In Zeiten knapper werdender personeller und finanzieller Ressourcen ist es unerlässlich, sich darüber klar zu werden, wofür diese Ressourcen eingesetzt werden ­sollen.

1. Ohne ein Leitbild bestimmen diffuse Bedürfnisse und Veränderungswünsche einzelner Gemeindeglieder und die Norm dessen, „was immer so war“, die Agenda der Gemeindearbeit.

2. Es gibt nicht das in jeder Gemeinde funktionierende, ein für allemal feststehende Gemeindearbeitskonzept.

3. Welche Gemeindearbeitskonzeption funktioniert, ist abhängig von den jeweiligen Begabungen des Pfarrers/der Pfarrerin, der anderen Mitarbeitenden, der Zusammensetzung der Gemeinde und von strukturellen Vorgaben.

4. Das für eine Gemeinde sinnvolle Gemeindearbeitskonzept ist vor Ort von allen Beteiligten gemeinsam zu entwickeln.

5. Vorgegebene Gemeindearbeitskonzepte haben in diesem Prozess primär heuristische Funktion.

6. Das eigene Konzept des Pfarrers/der Pfarrerin stellt bei der Entwicklung der jeweiligen Gemeindearbeitskonzeption einen – allerdings wichtigen – Faktor ­neben anderen dar.

 

13  Ausblick: Gemeindearbeit – menschliches Handeln unter Vorbehalt

Indem Paulus die Gemeinde als Leib Christi bezeichnet, versteht er sie als einen Organismus. Dieser unterscheidet sich grundsätzlich von einer Organisation, die dadurch entsteht, dass Menschen sich untereinander zu einem bestimmten Zweck verbinden. Die Gemeinde Jesu Christi ist kein Verein, gegründet auf die Übereinkunft von einzelnen Menschen. Vielmehr entstand sie durch Schöpfung, d.h. durch den Ruf Gottes in Jesus Christus. Gott ruft dem, das nicht ist, dass es sei. Es waren also nicht zuerst einzelne Christen da, aus denen später die Gemeinde entstand. Vielmehr stand am Beginn der Wille Gottes zur Erschaffung der Gemeinde (Mt. 16,18) und später gab es Christen (Apg. 2).

Der Herr der Kirche ist der auferstandene Jesus Christus. Ihn nennt Paulus darum das Haupt der Gemeinde (Eph. 4,15). Da er der Herr der Kirche ist, gibt er in ihr den Ton an. Augustinus sagte: „In der Kirche gilt nicht: Dies sage ich, dies sagst du, dies sagt er. Sondern hier gilt: Das sagt der Herr.“ Deshalb ist es die Aufgabe der Kirche, auf die Stimme des auferstandenen Gekreuzigten zu hören. Maßstab dieser Stimme ist die Bibel. Aktualisiert wird das Wort der Bibel durch den Heiligen Geist. Durch ihn spricht Jesus auch heute noch zu den einzelnen Gläubigen in ihrer speziellen Lebenssituation.

Aber nicht nur der Einzelne, sondern auch die Kirche insgesamt bleibt auf das angewiesen, was Christus ihr durch den Heiligen Geist zu sagen hat. „In Christus liegen verborgen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis“ (Kol. 2,3).

 

Anmerkungen

* Die folgenden Ausführungen habe ich in der vergangenen Zeit mehrfach auf Pfarrkonventen vorgetragen.

1 Um nur eine winzige Auswahl zu nennen: Kirche mit Hoffnung. Leitlinien künftiger kirchlicher Arbeit in Ostdeutschland, im Auftrag des Kirchenamtes der EKD hrsg von Helmut Zeddies, Hannover 1998; Wachsen gegen den Trend. Auf dem Weg zu einer missionarischen Kirche, Büro der Landessynode der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg, Berlin 1998; Huber, Kirche in der Zeitenwende; Heike Schmoll (Hg.), Kirche ohne Zukunft? Evangelische Kirche – Wege aus der Krise, Berlin 1999; Klaus Douglass/Kai Scheunemann/Fabian Vogt, Ein Traum von Kirche. Wie ein Gottesdienst für Kirchendistanzierte eine Gemeinde verändert, 2. Aufl., Asslar 1999.

2 Vgl. dazu Johannes Hempel, Diasporagemeinde verantwortlich gestalten. Erfahrungen und Einsichten für den Auftrag der evangelischen Kirche in der Zeit der früheren DDR, in: Evangelische Diaspora, Beiheft 3, 41-48.

3 Wolfgang Huber, Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche, Gütersloh 1998, 311f.

4 Christoph Schwöbel, Das Richtige tun. Kirche auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend, in: Evangelische Kommentare 29 (1996), 24-27, zit. bei Huber, Kirche in der Zeitenwende, 269.

5 Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: ders., Recht, Staat, Freiheit. Studien zur Rechtsphilosophie, Staatstheorie und Verfassungsgeschichte, 2. Aufl., Frankfurt/M. 1992, 112.

6 Vgl. hier und im Folgenden bes. Moltmann, Das Kommen Gottes, 47ff; ders., Der Weg Jesu Christi, 337ff.

7 WA 7, 336, 31-36; Schreibweise modernisiert.

8 Vgl. z.B. bereits: Kirche mit Hoffnung, 28ff.

9 Vgl. Ernst Käsemann, Der gottesdienstliche Schrei nach der Freiheit, in: Paulinische Perspektiven, 2. Aufl., Tübingen 1972, 213f.

10 Was gilt in der Kirche? Die Verantwortung für Verkündigung und verbindliche Lehre in der Evangelischen Kirche. Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz, Neukirchen-Vluyn 1985, 39.

11 So Martin Luther in den Schmalkaldischen Artikeln (Dritter Teil, Vom Evangelium) von 1537 (WA 50, 241).

12 Michael Klessmann, Pfarrbilder im Wandel. Ein Beruf im Umbruch, Neukirchen-Vluyn 2001, 5.

13 Fremde Heimat Kirche, hrsg. von Klaus Engelhardt u.a., Gütersloh 1997, 384.

14 Klessmann, Pfarrbilder, 5.

15 Eberhard Winkler, Tore zum Leben. Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung, Neukirchen-Vluyn 1995, 34.

16 Vgl. hierzu Klaus Douglass/Kai Scheunemann/Fabian Vogt, Ein Traum von Kirche, 131ff.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Peter Zimmerling, Jahrgang 1958, 1990 Promotion zum Dr. theol. bei Jürgen Moltmann, 1999 Habilitation an der Universität Heidelberg, seit 2005 Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Leipzig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2021

3 Kommentare zu diesem Artikel
18.01.2021 Ein Kommentar von Lars Kotterba Wie kann man sich in einem so kurzen Aufsatz, so deutlich selbst widersprechen, wenn es vor allem um das Fazit geht? Prof. Zimmerling hält zu Beginn fest: "mir die Erkenntnis wichtig, dass permanente kirchliche Veränderungen von Anfang an für die christliche Kirche typisch waren." Dann begründet er seine 6 Thesen mit dem Satz: "nach dem Ziel der Gemeindearbeit zu fragen, war vielleicht so lange überflüssig oder vernachlässigbar, solange die Kirche keinen permanenten Veränderungsprozessen unterworfen war." Was gilt denn jetzt? Ich habe eher den Eindruck, dass die fielfältig von den Theoretikern angestoßenen Leitbildprogramme viel Zeit und Geld vernichtet haben. Das Leitbild der Kirche ist doch klar: Geht zu den Menschen. Die Gemeinden und damit ihre Möglichkeiten verändern sich viel schneller als die Prozesse die wir einleiten. Da wird über Jahre ein Leitbild mit einem Kollegen erarbeitet und noch bevor es gedruckt ist, hat er die Stelle gewechselt! Zu blass bleibt mir der praktische Theologe, wenn er im Ausblick darauf hinweist, dass wir auf Jesus hören müssen und somit dem Hl Geist die Verantwortung gibt.
19.01.2021 Ein Kommentar von Otto Gölkel Zum Kommentar von Lars Kotterba: Der wahrgenommene "Widerspruch" lässt sich aus meiner Sicht leicht klären durch folgenden Hinweis: In der Urgemeinde waren die Strukturen dem Inhalt klarer angepasst, z.B. Apostelgeschichte 2,42 – allerdings in überschaubaren Verhältnissen und in einem überschaubaren Zeitraum. Darauf bezieht sich vermutlich die Anmerkung 16 ("Vgl. hierzu Klaus Douglass/Kai Scheunemann/Fabian Vogt, Ein Traum von Kirche, 131ff."). Vergleichsweise wenig(!) später - ehe bereits im vielfältigen Gemeinde-Spektrum der von Paulus gegründeten Gemeinden die Verhältnisse komplizierter wurden - und während der jahrhundertelangen Kirchengeschichte bis heute besteht Herausforderung einer angemessenen strukturellen Anpassung an den Inhalt des Evangeliums. Dazu, wie wir uns dem stellen können und auch müssen (z.B. durch eine am Evangelium sowie an den gemeindlichen Kontexten orientierte Formulierung von Leitbildern, die "Wildwuchs" verhindern helfen) - so anstrengend das auch sein mag im Kontext der sich verändernden, nach wie vor komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse, ... dazu gibt der Vortrag von Peter Zimmerling meines Erachtens wertvolle Impulse. Vielen Dank an Peter Zimmerling!
19.01.2021 Ein Kommentar von Otto Gölkel Noch eine Anmerkung meinerseits: Ich verstehe die Bemerkung „…war vielleicht so lange überflüssig oder vernachlässigbar, solange die Kirche keinen permanenten Veränderungsprozessen unterworfen war…“ auch so, dass es sich eventuell seit den 50-er Jahren … und hier und dort bis über die Jahrtausendwende hinaus so manche Pfarrperson in scheinbar „festen“, akzeptierten Strukturen ("gewohnte kirchliche Sozialisation") relativ so praktikabel (angenehm? bequem?) wie möglich eingerichtet hat - und auf jeden Fall weniger Druck zur Innovation verspürt hat als es heute der Fall ist.
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