Kühl kalkulierte Prognosen helfen bei der Entwicklung kirchlichen Lebens nicht weiter, gut gemeinte und warmherzige Appelle ebenso wenig – davon ist Klaus Neumeier überzeugt. Kirche lebt dort auf, wo sie sich auf die Menschen einlässt und mutmachende Erfahrungen fortschreibt. Ein flammendes Plädoyer aus drei Jahrzehnten gelebter Pfarrpraxis vor Ort.

 

(M)eine Vorbemerkung

Umgeben von Limonenbäumen sitze ich auf Sizilien und lese Erik Flügges „Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft“. Ich bin evangelischer Pfarrer, seit bald 30 Jahren in einer lebendigen Kirchengemeinde in der Nähe von Frankfurt am Main, dazu seit vielen Jahren übergemeindlich und synodal aktiv. Innovation liegt mir am Herzen. Vor allem aber mit den Menschen vor Ort verbunden sein und Glauben gemeinsam leben! „Nicht heulen, sondern handeln“, sagt Flügge. Das klingt gut. Mit Freude beginne ich zu lesen: Eine klare Sprache in einem eher dünnen Buch – das geht auch im Urlaub.

„Erik Flügge blickt als katholischer Outsider auf die evangelische Kirche“, heißt es im Klappentext. Manchmal tut ein Blick von außen ja gut. Das kenne ich von Beratungsgesprächen. Zugleich aber ist das nicht einfach: Wahrnehmungen mit Verständnis und Wertschätzung formulieren. Besserwisserei, Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit meiden. Das gelingt nicht immer. Erik Flügge gelingt es nicht. Überheblich und selbstgefällig nennt er vermeintliche Lösungen und präsentiert sie nur scheinbar wohlmeinend. Einigen weithin bekannten kritischen Erkenntnissen über unsere Gesellschaft lässt er komplett unsinnige Thesen folgen:

Weil die Bibel keine Antworten auf aktuelle Lebensfragen gebe, sollte man sie weiterschreiben. Weil Gottesdienste nicht mehr gut besucht werden, sollte man sie nicht mehr feiern. Weil die protestantische Stimme nicht gehört werde, sollte man immer für fünf Jahre einen evangelischen Weltreformator wählen.

Nein, Herr Flügge, so geht Kirchenreform nicht! Wer die Bibel fortschreiben wollte, verließe den ökumenischen Konsens, der seit den altkirchlichen Konzilien gilt. Genau durch eine solche Fortschreibung stellen sich beispielsweise die Mormonen mit ihrem Buch Mormon außerhalb der Weltchristenheit. Und wer sollte „neue biblische Texte“ legitimieren? Und wenn sie nach ein paar Jahrzehnten überholt sind, dann werden sie wieder aus der Bibel genommen und neue Texte geschrieben? Absurd … Und auch Gottesdienste werden wir weiter feiern, denn sie sind mehr als eine Lehrveranstaltung, wie Flügge sie sieht. Und statt überalterten Kirchenleitungen und ausdifferenzierten Synodenworten einen „evangelischen Papst“ wählen? Meint Flüge das ernst? Was brauchen wir heute wichtiger als Differenzierung und wo käme der Protestantismus hin, wo kämen unsere christlichen Kirchen hin, wenn sie der populistischen Vereinfachung auch noch selbst den Weg bereiten würden!?

Flügge erweist sich als zutiefst katholisch geprägter und hierarchisch denkender Mensch: „Deshalb glaube ich auch, dass der leichteste Schritt für den Protestantismus schlicht wäre, das Amt der Reformatorin oder des Reformators einzuführen“ (85). „Eine Person, die als einzige Aufgabe hat, dem Protestantismus denkerisch vorauszugehen. Eine Person, die man in jede Talkshow zu jedem Thema schickt …, die stets das Wort zum Sonntag spricht …“ „Eine Person, die mit dem Mandat von Millionen Protestanten an die Spitze gewählt worden ist und gleichzeitig keiner Beschlusslage verpflichtet ist. Gewählt für fünf Jahre und keinen Tag länger“ (77/78). Eine Urwahl aller deutschen Protestanten – oder besser noch (so Flügge) der protestantischen Weltchristenheit? Personenkult auf evangelisch? Kein Wunder, dass Flügge kein ernsthaftes Wort darüber verliert, wie das gehen soll! Sollen wir wie bei Politikern Wahlkampf führen für eine Personen-Urwahl? Und Kirchen-Parteien stehen mit viel Geld im Hintergrund und finanzieren den Wahlkampf – am besten aus Kirchensteuergeldern? Und alles möglichst in einem weltweiten Prozess? Das ist schlicht Quatsch – so wie das ganze Buch! Und ich finde es ärgerlich, dass Flügge „in Kirchens“ immer wieder eingeladen wird, seine kruden Thesen zu vertreten. Ich kann konkrete Beispiele nennen. Seine Thesen helfen uns nicht weiter.

Ich nutze meinen Limonenhain und schreibe aus der gemeindlichen und synodalen Praxis eigene Gedanken auf. Ich schreibe aus 30 Jahren kirchlicher Arbeit an der Basis. Vier etwas ausführlichere Grundaussagen und daraus abgeleitet zehn komprimierte Thesen:

 

1. Tradition ist nicht heilig und Veränderungen sind gut reformatorisch

Mit Traditionen zu brechen macht mich überhaupt nicht wütend (anders als Flügge voraussetzt). Traditionen bilden Formen ab, die sich geschichtlich gebildet haben und die entsprechend auch wieder verschwinden können, wenn ihre Zeit um ist. Ich weiß, dass Menschen oft mehr an Formen als an Inhalten hängen. Das gilt auch in Kirchen. Aber der Inhalt steht: Gottes Liebe zur Welt, zum Leben, zum Menschen, ja zu mir ganz persönlich hat sich nicht verändert. Diese Botschaft kann auch heute trösten, stärken und das Leben ausrichten. Aber „wie“ das geschieht, und „wie“ Menschen zeitgemäß in ihrem Christenleben begleitet werden können und „wie“ sie überhaupt zuerst eingeladen werden können, im Kraftfeld Gottes zu leben – all dies darf sich nicht nur verändern, es muss sich verändern. Nicht die Formen sind heilig, Gott ist heilig! Traditionen dürfen sich verändern, müssen sich verändern. Ansonsten wären wir nicht die Bewahrer des Evangeliums Jesu, sondern einer kirchlichen Tradition.

Was sind solche Traditionen, die irgendwie fest zu unserem protestantischen Leben gehören, aber eigentlich zeitbezogene Formen sind? Ein paar gottesdienstliche Beispiele:

¬ Unsere gottesdienstliche Standardliturgie wurde im 19. Jh. auf königliche Anordnung hin aus diversen überlieferten Teilen geschaffen. Ein Beispiel: Die Verbindung von Schuldbekenntnis, Kyrie, Gnadenzuspruch und Gloria hat eine gewissen innere Logik. Die altkirchlichen Kyrie und Gloria aber hatten zuvor eine ganz andere Bedeutung und liturgische Stellung! Es wurde einfach so zusammengebastelt.

¬ Der schwarze Pfarrtalar wurde von Martin Luther eingeführt. Er war seine Amtstracht als Professor, seine damalige Alltagskleidung. Er wollte also Gottesdienst in Alltagskleidung halten. Unsere Alltagskleidung ist heute völlig anders – aber der Talar ist geblieben und längst zu einem neuen geistlichen Gewand geworden. Genau das wollte Luther nicht! Aber wir bewahren die Form …

¬ Die Orgel im Gottesdienst: Die längste Zeit christlicher Gottesdienste gab es sie nicht und die meisten Kirchen der Weltchristenheit kommen hervorragend ohne sie aus. Für einige ist Orgelmusik auch heute noch wunderschön, die meisten Zeitgenossen hören andere Musik. Aber in der Kirche bewahren wir sie als unseren Standard.

¬ Auch die Lieder sind Ausdruck einer bestimmten Zeit. Martin Luther hat Wirtshauslieder seiner Zeit genommen, mit einem geistlichen Text versehen und so im Gottesdienst singen lassen. „Hits am Stück“, um den Menschen den Glauben zu vermitteln und um Gott zu loben! „Ja, mein Herz lobt den Herrn“ auf „Atemlos durch die Nacht“ – das wäre luthergemäß in unserer Zeit! Aber auch ohne Helene Fischer gibt es viele moderne christliche Lieder mit Bandbegleitung, die in unsere Zeit passen. Ach, und für manche Kollegen meines Jahrgangs: Die Entwicklung ging auch nach „Ins Wasser fällt ein Stein“ weiter.

Die Liturgie, der Talar, die Orgel, die Lieder – vier kurz angerissene Beispiele, wo ich sehr dafür bin, Tradition weiterzuführen und so zu verändern. Verkündigung und Gotteslob bleiben, aber ihre Formen verändern sich. Das geschieht viel zu selten und viel zu zaghaft. Aber es gilt auch: Die meisten unter uns sind nicht zum Revolutionär geboren! Ja, es gibt Gemeinden, die alles radikal anders machen: Gottesdienst in der ausgedienten Fabrikhalle, hämmernde Technobässe, Lichtblitze in der Dunkelheit … Ich finde es gut, dass es das gibt. Aber es ist nicht meins. Die meisten unter uns sind nicht zum Revolutionär geboren. Es geht mir nicht um Radikalität und Revolution. Schon Paulus hat seine Zeitgenossen aufgefordert, mit dem Augenmaß der Liebe Veränderungen zu bewirken. Das aber können und sollen wir!

 

2. Leben zur Ehre Gottes

„Liebe Gott“ – so beginnt das Doppelgebot der Liebe. Jesus hat es als das höchste und wichtigste aller Gebote bezeichnet. Bei ihm geht es ja sehr oft um unser Verhalten unseren Mitmenschen gegenüber. Das ist auch gut so und beispielhaft bis in unsere Tage. Aber vor der Beziehung zu den Mitmenschen steht für Jesus die Beziehung zu Gott! Die gelebte Gottesbeziehung unterscheidet einen guten Christen von anderen guten Menschen. Wie ein „Leben zur Ehre Gottes“ praktisch aussehen kann, wird bei jedem Menschen anders sein und das ist gut so. Unsere Vielfalt ist Ausdruck der göttlichen Freude an seiner fortwährenden Schöpfung! Aber ich will doch ein paar Richtungen andeuten, was das bedeuten kann:

Wenn ich in einer lebendigen Beziehung lebe (egal ob zu Menschen oder zu Gott), dann prägt das meinen Alltag. Dann ist das keine Sache für eine Stunde am Wochenende oder für ein Ausrufungszeichen ein paarmal im Jahr. Je besser eine Beziehung ist, desto intensiver ist sie, desto bewusster ist sie mir in meinem Alltag. Bei Gott ist es genauso – individuell und in der Gemeinde. Gemeinschaft in einer christlichen Umgebung: Gottesdienst, Gemeinde, Hauskreis, Mitarbeit, Musikgruppe, Kirchenfreizeit … Es ist gut, wenn unsere Gemeinden vor Ort dicht bei den Menschen sind. Vor allem rund um die Jahrtausendwende gab es landauf landab eine Bewegung, die Kirche vor allem in der Region zu verorten – als könnte man an zentralen Anlaufstellen das alles besser als vor Ort. Nein! Es ist ein großer Reichtum und Schatz, dass wir Kirchengemeinden vor Ort haben. Kirche muss vor Ort erkennbar bleiben. Dort leben die Menschen, dort gilt es: Zur Ehre Gottes leben.

Es ist gut, wenn es uns immer wieder gelingt, Familien in kirchlichen Kitas mit der Liebe Gottes ansprechen zu können, Konfirmanden zu einem Leben als Christen zu ermutigen, Musikliebhaber zu fördern in ihren Gaben und sie einzuladen, sie zum Lob Gottes zu nutzen … Aber niemand wird allen alles werden. Daher ist es gut, wenn wir im Nachbarschaftsraum mehrerer Kirchengemeinden zusammenarbeiten und Angebote aufeinander abstimmen und uns ergänzen. Was in meiner Gemeinde vor Ort nicht gut geht, das geht vielleicht in einer nahen Gemeinde anderswo. Das ist keine Konkurrenz, das ist Ergänzung! Die Kirchenwelt endet nicht dort, wo die eigenen Kirchturmglocken nicht mehr zu hören sind. Es ist großartig, wenn meine Nachbargemeinde einem Menschen besser helfen kann, zum Lob Gottes zu leben.

Aber ich höre den Einwand aus dem Gemeinderat: „Zum Gotteslob kommen wir ja gar nicht! Die Baufragen, immer mehr Verwaltung, viel zu wenige, die mitmachen …“ Eine Gemeinde zur Ehre Gottes. Ist das nicht wirklich ein Wunschbild? Ja, oft ist es das. Oft beanspruchen die eigentlich zweitrangigen Fragen viel zu viel Zeit und Raum. Deswegen erst recht mein Appell: Feiert auch in aller Begrenztheit zur Ehre Gottes, tut das mit ganzem Herzen! Das ist unser erster Auftrag. Alles andere ist Beiwerk. Das muss man manchmal auch Kirchenverwaltungen klar machen, denen nichts über Excel-Tabellen und ein ordentliches Meldewesen zu gehen scheint. Ich springe ganz bewusst nicht auf jeden Verwaltungsgaul, den man mir hinstellt … Die Verwaltung muss der praktischen Arbeit dienen und nicht andersherum.

 

3. Liebt einander!

Als sich die Kirche in den ersten Jahrhunderten nach Christus bildete und das Christentum als eigene Religion entwickelte, da lebte man wirklich in der Krise: Immer wieder war der Glaube bedroht und schon Paulus berichtet davon, wie Juden sich über einen gekreuzigten Messias geärgert haben und wie Römer darüber gelacht haben. Sollte man so einen Glauben ernst nehmen? – Die Christen der ersten Jahrhunderte haben ihn sehr ernst genommen. Das hat Eindruck gemacht auf die Mitmenschen. Aber mehr noch als ihr standhaftes Bekenntnis zu Gott haben sie Eindruck gemacht durch ihre tätige Liebe, ihre Fürsorge füreinander und auch über die Grenzen ihrer kleinen Gemeinden hinaus. Fürsorge und Barmherzigkeit, Geduld und Versöhnung … Natürlich gelang das auch damals nicht immer. Aber es gelang offensichtlich so gut, dass das Leben als Christen trotz der äußeren Bedrohung so attraktiv war, dass die Glaubensbewegung wuchs. Trotz Krise und trotz Bedrohung!

Wir sind nicht in der Situation von damals. Damals war alles neu und allein das machte neugierig und attraktiv. Wir schleppen heute den Ballast von 2000 Jahren Kirchengeschichte mit und müssen uns die Verfehlungen der Hexenverbrennungen und der Gewaltmission vorhalten lassen. Aber auch damals hatten Menschen Abneigungen, Vorbehalte, eigene ganz andere Interessen, also genug geeignete Ausreden, um sich nicht für das Wohl anderer einzusetzen. Sehr viele aber sind über ihren Schatten gesprungen und haben die Liebe Gottes in eigenes Liebeshandeln gewandelt.

Darum geht es: Gottes Liebe bezeugen mit Worten und Taten. Mit den Traurigen weinen und mit den Fröhlichen lachen – so beschreibt es Paulus und das ist zu allererst Auftrag an das Miteinander in der Gemeinde. Ganz bescheiden vielleicht in der Größe, aber klar in der Richtung: Lasst uns so viel liebende Fürsorge praktizieren, wie wir das können! Funktionierende Gemeinschaft tut gut und strahlt aus. Das gilt für Klassengemeinschaften und Kirchengemeinden und genauso für Sport- oder Gesangsvereine oder oder oder …

Aber wenn die anderen das zum Teil ganz gut hinkriegen, dann sind wir doch erst recht herausgefordert, das mindestens so gut zu machen. Uns verbindet mit unserem Gottvertrauen so viel! Ich sage es angelehnt an Willy Brandt: „Lasst uns mehr Gemeinschaft wagen“. Fürsorgliche, liebevolle Glaubensgemeinschaft von Christinnen und Christen, die ausstrahlt in unsere Städte und Dörfer. Jesus sagt: „Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, wie ich euch liebe“ (Joh. 15,12).

Dieser Appell ist nach innen gerichtet: Wie gehen wir in der Kirche als Christinnen und Christen miteinander um? Es geht um das Netzwerk gemeindlicher Beziehungen, heute meist „Mitgliederorientierung“ genannt. Beziehungen anzubieten, aufzubauen und zu pflegen ist die große Chance einer Kirche, die nah bei den Menschen ist. Welche Bedeutung diese Beziehungsorientierung hat wird beim Blick in die eigene Biographie deutlich: Immer waren es überzeugte und überzeugende Christenmenschen, die uns selbst Wege in Gottes Gemeinschaft gewiesen haben und uns mit Worten und Taten die Liebe Gottes verkündigt haben. Die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, die „Freiburger Studie zur Kirche 2060“ und alle eigenen Erfahrungen stimmen darin überein: Ohne ein Netz glaubwürdiger Beziehungen an der kirchlichen Basis geht nichts! Ich halte es für möglich, dass hier bezüglich der Kernkompetenzen hauptamtlicher Basismitarbeitender (Pfarrpersonen, Mitarbeitende im gemeindepädagogischen, kirchenmusikalischen, diakonischen Dienst) noch genauer hingeschaut werden muss.

 

4. Wir sind in die Welt gesandt

„Untereinander“ – das ist gut. Aber es geht weiter. Wir sind in die Welt gesandt. Das beginnt mit dem Auftrag zur Verwaltung und Bewahrung der göttlichen Schöpfung in seinem Auftrag, wie es im 1. Kapitel der Bibel beschrieben ist. Das endet mit dem letzten Vers des Matthäusevangeliums und seinem „geht hin in alle Welt“.

In meiner Gemeinde sind wir sehr eng verbunden mit Christen, Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen im Norden und Süden Indiens, in Südafrika, in Lateinamerika. Wo früher Missionare aus Europa in ihre Länder gereist sind, da erlebe ich das heute andersherum: Christinnen und Christen aus anderen Regionen der Welt inspirieren uns mit ihrem fröhlich und öffentlich gelebten Christsein. Unsere indischen Freunde zum Beispiel leben in einer absoluten Minderheitensituation; Aber wie erkennbar, selbstbewusst und fröhlich leben sie ihr Christsein! Bei uns ist das meist anders: Religion ist Privatsache und in Gesprächen oft Tabuthema. Unsere Freunde aus der Ferne beobachten das ziemlich fassungslos. Gottvertrauen soll und darf ausstrahlen in die Welt.

Das Motto in einer befreundeten amerikanischen Gemeinde lautet „You can make a difference“ – wir können als Christinnen und Christen einen Unterschied machen im Leben anderer Menschen und in der Welt. Dazu schickt Gott uns in die Welt. Schon seine Freunde hat er zu zweit in die umliegenden Dörfer geschickt, um den Menschen dort die Liebe Gottes zu verkündigen – und zwar mit Worten und mit Taten. „Geht hin in alle Welt“. Christinnen und Christen haben das in den vergangenen 2000 Jahren immer wieder auf problematische Weise ernst genommen und die Botschaft Christi mit wenig Liebe weitergegeben. Mit dieser Hypothek leben wir bis heute. Mit dieser Hypothek ist der Begriff „Mission“ bei uns bis heute behaftet. Wer von Jesu Missionsbefehl spricht, der muss immer erklären, wie er Mission nicht versteht. Aber deswegen können wir doch nicht unseren Weltauftrag einfach ignorieren!

Ich mache es mit einem Bild deutlich, das vor einigen Jahren Grundlage einer Konfirmationspredigt war. Eigentlich müsste es mit unserem Christsein so sein wie mit dem Mond: „Der Mond ist aufgegangen“. Die Verwunderung war schon groß, als wir im Konfirmationsgottesdienst das Lied gesungen haben. Es ist ein Abendlied, aber es ist viel mehr als das. Es verweist uns an den kranken Nachbarn. Es erinnert uns an unsere begrenzte irdische Sicht, denn der Mond ist „rund und schön“, auch wenn unsere Augen ihn nur halb sehen können. Und er leuchtet in unsere Nacht hinein und macht das Dunkel der Erde hell. Aber nein: Der Mond leuchtet nicht. Er wird lediglich so intensiv von der Sonne angestrahlt, dass er deren (!) Licht reflektiert und so unsere irdische Nacht erleuchtet. So sollen wir es mit Gottes Liebe tun: Wir sind als Christinnen und Christen angestrahlt von der Liebe Gottes – und wir müssen und können nicht mehr tun, als diese Liebe, die uns erreicht, in die Welt zu lenken. Die Liebe Gottes will auf dem Umweg über uns „Licht in das Dunkel der Welt“ bringen. Das geschieht, wenn wir Kranke besuchen und Gefangene, Hungernden und Dürstenden zu essen und zu trinken geben (Mt. 25). Die Weltchristenheit versammelt sich seit Jahrzehnten um die drei Schlagworte „Frieden, Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung“. Dafür müssen wir so glaubwürdig einstehen, wie wir das können. Keiner wird das perfekt und vollkommen hinbekommen – wir sind Menschen und schon Luther hat erkannt, dass wir alle „Sünder allzumal“ sind. Aber das darf nicht bedeuten, dass wir nicht alles in unseren Kräften Stehende tun, um Gottes Liebe in der Welt stark zu machen.

Dafür ist es gut, wenn wir einflussreiche und charismatische Kirchenführer*innen haben, die sich mit Worten und Taten lautstark in unsere Gesellschaften einmischen – völlig egal, ob sie evangelisch oder katholisch sind, deutsch oder sonst etwas. Und da ist es auch gut, wenn sie mal etwas zuspitzen wie Margot Käßmann in der Afghanistan-Debatte oder Henrich Bedford-Strohm in der Flüchtlingsfrage. Oberstes Gebot darf nicht eine vermeintliche political correctness sein, sondern muss eine möglichst glaubwürdige Nachfolge Christi sein. Und wenn sich dann jemand an einem – nach seiner Meinung – zu politischen Statement der Kirche reibt, dann möge er dies tun. Kirche ist nicht dem Mainstream verpflichtet, sondern dem Auftrag Christi.

Das gilt auch im Kleinen in unseren Gemeinden vor Ort. Wir brauchen auch in unseren Städten und Dörfern Kirche, die sich einmischt. Kirche, die präsent ist, wenn Flüchtlinge untergebracht werden und begleitet werden müssen. Kirche, die mit Kitas, Krankenpflege, Sozialarbeit für alle Verlierer unseres gesellschaftlichen Systems da ist. Kirche, die in Schulen präsent ist in deren Schulalltag, aber dann auch in Krisenzeiten beim Erleben von Tod oder in individuellen Nöten. Kirche, die mittendrin ist, wenn vor Ort Jahrmarkt gefeiert wird, und die im Auto-Scooter Gottesdienst feiert; die mittendrin ist und mit dem örtlichen Gewerbering ein Ostereiersuchen für Kinder organisiert; die ihre Feste nicht im Kirchengelände feiert, sondern mitten im Ort; die sich in Dorfentwicklungsprozesse einbringt; die Erntedank in der Scheune des Bauern oder in den Streuobstwiesen feiert … Mit solcher Präsenz zeigen wir unser Interesse am Ort und an den Menschen. Ich habe wirklich immer wieder erlebt, wie dann Menschen in Krisensituation sich an uns wenden, weil sie uns als nahbare, authentische und zugleich normale (Christen)Menschen wahrgenommen haben. „Gemeinwesenarbeit“ nannte man diese Haltung in den 1970er Jahren; es ist gut, dass dieser Begriff in Ergänzung zur „Mitgliederorientierung“ derzeit eine Renaissance erlebt.

 

Zehn Thesen für eine zukunftsorientierte Kirche

Wir brauchen keinen Fünfjahresreformator, der mit einem unglaublichen Ballast an Erwartungen unterwegs ist und scheitern muss. Wir schaffen auch keine Gottesdienste ab, sondern feiern weiterhin gemeinsam Gott – vielleicht mit veränderten Formen. Wir brauchen keinen populistischen Ratgeber von außen. Was wir brauchen sind viele eigene Überlegungen und gegenseitige Ermutigung – und dann ergänzend auch synodale und kirchenleitende Weichenstellungen. In diesem Sinne zehn Thesen aus drei Jahrzehnten gelebter Pfarrpraxis vor Ort:

These 1: Bleibt fröhlich und gelassen!
Gott liebt diese Welt, das Leben, die Menschen, jede/n von uns. Wir haben die großartigste Botschaft der Welt! Lasst sie uns feiern und leben in fröhlicher Gelassenheit.

These 2: Mutig voran!
Das Pfadfindermotto will uns ermutigen, Kirche auch in unserer Zeit zu gestalten. Ich rufe es gerade denen zu, die ängstlich und verzagt wie mit dem Rücken an der Wand auf Zahlen, Erwartungen und Vorgaben schauen. Gestaltet! Geht mutig voran und wagt dabei Neues – ob ihr das „Fresh X“ nennt, ist unwichtig!

These 3: Gemeinsam statt einsam!
Wir brauchen nicht einzelne Macher – ob Haupt- oder Ehrenamtliche. Seit Jesus und den ersten Gemeinden haben Christenmenschen Gemeinschaft gesucht, gebaut und gepflegt. Auch dies ist zuerst eine Haltungsfrage: Geht gemeinsam, nicht einsam, denn alle können von Gott anvertraute Gaben einbringen!

These 4: Allen alles werden!
Die Frohe Botschaft und unser Bekenntnis halten uns zusammen. Dann aber dürfen wir „allen alles“ werden und die Frohe Botschaft so verkündigen und leben, dass viele sehr unterschiedliche Menschen damit erreicht werden. Es ist gut, wenn wir dazu als Kirchengemeinden im Nachbarschaftsraum gemeinsam unterwegs sind und uns ergänzen.

These 5: Lebt Gottesdienst!
Lieber weniger Gottesdienste feiern und die dafür größer, fröhlicher, zeitgemäßer, relevanter. Feiert Gott und nutzt dazu alle Formen unserer Zeit, um dies Menschen leicht zu machen. Verkündigt die Frohe Botschaft lebensnah und relevant für die Montage bis Freitage normaler Menschen.

These 6: Raus aus dem Haus!
Gemeinde als Wohlfühloase ist wichtig – aber dann müssen wir die Kirchenmauern überwinden. „Gehet hin“ beginnt der Missionsbefehl, nicht „Ladet zu euch ein“. Lebt eure Beziehungen zu Menschen jenseits der so genannten Kerngemeinde und verkündigt mit Wort und Tat Gottes Liebe zu dieser Welt und jedem einzelnen Leben.

These 7: Kirche mittendrin!
Kirche als örtlicher Mitgestalter von Gesellschaft – selbstbewusst, selbstverständlich, vielfältig vernetzt. Was für eine Chance: mittendrin Gottesdienste feiern, mittendrin Sozialangebote vernetzen, mittendrin zum Wohl der Menschen und im Sinne der weltbewegenden Liebesbotschaft Gottes. Da sein für Ausgegrenzte, Schwache, Kranke, Alte, Geflüchtete.

These 8: Die Kinder, die Jugend, die Familien!
Kitas, Familienzentren, Freizeiten, Familiengottesdienste: mehr als in anderen Lebenssituationen sind Familien offen für gute kirchliche Angebote. Es gilt, noch mehr Traditionsabbruch zu verhindern. Mittendrin sein in Neubaugebieten und mehr denn je mit christlich profilierten Kindertagesstätten. In diesem Sinne sind Kinder und Jugendliche und ihre Familien unsere Zukunft, aber sie sind schon unsere Gegenwart! Und nutzt die digitalen sozialen Medien: Digitale Beziehungsarbeit ist die Fortsetzung der analogen Beziehungen.

These 9: Kirche macht die Basis stark!
Die fünfte Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung hat es mehr als zuvor benannt: Kirche lebt von den lebendigen Beziehungen vor Ort. Dem müssen Landeskirchen dienen und die Anstaltsseelsorge sichern und die Arbeit von Ortsgemeinden stärken. Wenn Kirche nicht vor Ort funktioniert, funktioniert sie überhaupt nicht. Mittlere Ebenen mit Dekanaten und Kirchenkreisen sind kein Selbstzweck. Sie sind Ermöglichungsräume für die Arbeit vor Ort. Und zugleich: Ohne ein vertrauensvolles Miteinander nachbarschaftlich verbundener Gemeinden geht es nicht.

These 10: Kirche 2060 lebt!
Die Freiburger Studie zur Mitgliedschaftsentwicklung der deutschen Kirchen bis 2060 zeigt die Herausforderungen auf – meine Thesen reagieren auch darauf. Sie erinnert uns aber auch daran, dass es auch 2060 Kirche geben wird, denn Kirche ist Kirche zuerst und vor allem durch Gottes Geist!

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Klaus Neumeier, Jahrgang 1962, seit 1991 Gemeindepfarrer in Bad Vilbel bei Frankfurt, seit rund 20 Jahren Synodaler in der EKHN und Vorsitzender des Ausschusses für Gemeindeentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederorientierung, Mitinitiator des Netzwerkes "Lust auf Gemeinde" in der EKHN, Autor und Referent zu Themen der Gemeindeentwicklung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 12/2020

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