Die Corona-Krise verändert die Bewertung, ob Ansichten und Einsichten richtig oder falsch, dienlich oder hinderlich zum Leben sind. Damit gibt es – so Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer – in und nach der Krise die Möglichkeit und Notwendigkeit, in ethischer Hinsicht Weichenstellungen zu überdenken, zumal eine bruchlose Rückkehr zum Zustand vor der Corona-Krise unwahrscheinlich sein dürfte.

 

Ist genug genug?

Vor über 40 Jahren sang Konstantin Wecker „Genug ist nicht genug, ich lass mich nicht belügen, schon Schweigen ist Betrug, genug kann nie genügen.“1 Der gängigen Bedeutung von „genug“ als absolutes Minimum, das reichen muss, stellte er die absolute Maßlosigkeit gegenüber. Autos werden immer größer, Produktion und Umsatz müssen jedes Jahr wachsen, Stillstand ist Rückschritt.

Vielen scheint der phrygische König Midas2 aus dem 8. Jh. v. Chr. Vorbild zu sein. Um so weise wie der Gott Silenos zu werden, nahm er ihn gefangen. Um seinem alten Lehrer Silenos zu befreien, musste der Gott Dionysos dem Midas alles zu Gold werden lassen, was er berührte. Da sein Essen zu Gold wurde, drohte Midas zu sterben. Darum wollte Midas die Gabe loswerden, was ein Bad im Fluss Paktolos bewirkte. Seine Gier hätte ihn fast getötet.

 

Unser maßloser Lebensstil und seine Folgen

Gier und Angst, nicht genug zu bekommen, bestimmen zunehmend unser Leben. Maßlos sind auch die kapitalistische Wirtschaftsweise mit dem Mantra ständigen Wachstums und der Umgang mit Gottes Schöpfung. Fortschreitende Klimakrise, anhaltende Verringerung der Artenvielfalt, Abschmelzen der Pole, Auftauen des Permafrostbodens sowie Abholzen tropischer und gemäßigter Regenwälder zerstören Lebensräume für Tiere und Menschen und gefährden durch Unterbrechung von Nahrungsketten die ausreichende Lebensmittelversorgung der Menschen.

Die Grenzen des Wachstums3 und davon ausgehende ökologische Gefahren sind seit langem bekannt. Die Verbesserungen seit 1972 und die nach dem Pariser Klimagipfel 2015 angekündigten Maßnahmen begrenzen die Erwärmung der Erdatmosphäre bis 2100 gegenüber 1750 nicht auf 1,5° C4. Wichtige Klimaforscher5 geben uns maximal zehn Jahre zur dauerhaften Reduzierung klimaschädlicher Emissionen.

Der ökologische Fußabdruck6 belegt auch die Maßlosigkeit. Er setzt die biologisch bearbeitete Land- und Wasserfläche, die benötigt wird, um die zur Erhaltung des aktuellen Lebensstandards gebrauchten Energien und Rohstoffe zu erzeugen, in Beziehung zu der real vorhandenen entsprechenden Fläche. Deutschland hatte 2019 den Faktor drei, d.h. drei Erden wären nötig, damit alle Menschen wie die Deutschen leben könnten. Damit leben wir über unsere ökologischen Verhältnisse und auf Kosten anderer Länder und auf Kosten unserer Kinder und Enkel.

Weder ethisch vertretbar noch gerecht ist, anderen Ländern zu verweigern, was für uns selbstverständlich ist. Verantwortlich vertretbar ist nur, unseren Lebensstil im Blick auf den Verbrauch von nicht erneuerbaren Rohstoffen und auf die Erzeugung ökologisch schädlicher Emissionen zu reduzieren.

 

Die Ambivalenz technischen Fortschritts

Der technische Fortschritt führte zu Maßlosigkeit7. Er versprach die große „Verheißung unbegrenzten Fortschritts (mit der) Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Überfluss, auf das größtmögliche Glück der größtmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit“8. Der Industrialismus hat zwei psychologische Prämissen, „1. das Ziel des Lebens (ist) Glück, d. h. ein Maximum an Lust … worunter man die Befriedigung aller Wünsche oder subjektiven Bedürfnisse versteht, die ein Mensch haben kann … 2. Egoismus, Habgier und Selbstsucht (führen) zu Harmonie und Frieden (für alle).“9

Egoismus ist ein Aspekt des Verhaltens und des Charakters. Er will nicht teilen, sondern besitzen. Das Ziel ist Haben, denn ich bin umso mehr, je mehr ich habe. Habgier und Frieden schließen sich aus, denn sie bewirkt endlose Klassen- und Verteilungskämpfe.

Radikales Streben nach Glück und schrankenloser Egoismus wurden im 18. Jh. zu Leitprinzipien ökonomischen Verhaltens, als sich das ökonomische Verhalten von Ethik und menschlichen Werten löste. Der Wirtschaftsmechanismus gilt seitdem als autonom, unabhängig von menschlichen Bedürfnissen und menschlichem Willen. Für das Wirtschaftssystem ist es unwichtig, was dem Menschen gut tut. Zur Verschleierung galten Egoismus, Selbstsucht und Habgier als angeborene Eigenschaften. Gesellschaften ohne sie galten als „primitiv“, ihre Mitglieder als „naiv“.

Der Industrialismus führte nicht zu Wohl-Sein10. Die Menschen sind Rädchen in der bürokratischen Maschinerie; Industrie- und Staatsapparat und Medien manipulieren Gedanken, Gefühle und Geschmack; nur für reiche Nationen und Superreiche einzelner Staaten steigt der Reichtum, der Abstand zu armen Nationen und armen Menschen steigert sich; der technische Fortschritt bewirkte massive ökologische Gefahren und die Gefahr des Atomkriegs.

 

Warum tun wir nicht, was wir als richtig ansehen?

In Umfragen11 ist 95% der Europäer der Schutz der Umwelt wichtig. Trotzdem tun die meisten nicht, was sie für richtig halten. Erklärungsversuche mit der Anpassung an eine nicht nachhaltige widersprüchliche Welt, mit den Zwängen einer kapitalistischen Hyperkonsumkultur und dem Drang nach Bequemlichkeit, die weitergehendes Nachdenken verhindern, mit angepasster Unmündigkeit (Kant), mit der Orientierung an der Meinung anderer, mit der Angst vor Beschämung und der eigenen Ohnmacht zeigen, dass der materielle Wohlstand wichtiger ist als das langfristige Wohlergehen der gesamten Schöpfung.

Eine weiterführende Analyse und Perspektive bietet Erich Fromm12. Im Privatleben bleibt nur ein Wahnsinniger bei der Bedrohung seiner gesamten Existenz untätig. Doch die für das öffentliche Wohl Verantwortlichen unternehmen nichts, und die Regierten lassen sie gewähren – auch heute noch. Der Aktivismus der Politiker mit Gesetzen, Tagungen, Untersuchungen gibt vor, wirksame Maßnahmen zur Abwendung der Katastrophe zu ergreifen, ohne wirklich etwas zu tun und ohne beschlossene Maßnahmen konsequent umzusetzen und Zuwiderhandlungen zu sanktionieren. Vielen Politikern ist persönlicher Erfolg wichtiger als gesellschaftliche Verantwortung. Dabei übersehen sie, dass Habsucht und Unterwerfung die Menschen verdummen, zur Bequemlichkeit verleiten und unfähig machen, ihre wirklichen Interessen zu verfolgen. Die Durchschnittsmenschen sind mit ihren Privatangelegenheiten so beschäftigt, dass sie den überpersönlichen Bereich nicht beachten. Zudem ziehen viele die sich am Horizont abzeichnende Katastrophe den Opfern vor, die sie jetzt bringen müssten, um sie zu verhindern. Für Fromm sind viele Menschen angesichts von Leben oder Tod so passiv, weil der status quo alternativlos scheint. Diese Alternative jedoch soll sein Werk „Haben oder Sein“ bieten.

 

Was ist Verzicht?

Die ökologische Krise bewirkte unterschiedliche Reaktionen. Viele fordern aus ihrem christlichen Verständnis eine „Ethik des Genug“. Sie wollen eine „aktive Begrenzung eigener Möglichkeiten und Interessen als … Ausdruck christlicher Befreiung“13, um die ökologische Krise zu meistern.14 Christian Lindner wollte keine Verzichtgesellschaft, weil Kasteiung oder Qual nicht zu umweltschonendem Verhalten motivieren15.

Verzichten meint16 „den Anspruch auf etwas nicht (länger) geltend machen … auf (Verwirklichung, Erfüllung von) etwas nicht länger bestehen.“ Viele Religionen kennen Fasten zur Vorbereitung auf religiöse Feste und zur Konzentration auf das im Leben Wichtige. Das gesunde Leben eines Leistungssportlers zielt auf den sportlichen Erfolg, die Konzentration einer Abiturientin auf gute Noten. Die Verringerung der Ausgaben einer hoch verschuldeten Person verbessert ihre finanzielle Situation. Ein Mensch mit erheblichem Übergewicht reduziert die Essensmenge, um Gesundheit und Lebenschancen zu verbessern.

Die Betroffenen bewerten ihre freien Entscheidungen positiv, weil sie einem höheren Ziel dienen. Sie wollen soziale Ausgrenzung überwinden sowie gesundheitliches und soziales Wohlbefinden und den Realitätsbezug steigern. Daher kann man nicht jede Verringerung materieller Genussmöglichkeiten als Verzicht, Qual oder Selbstkasteiung und jede Befriedigung von Bedürfnissen als positiv bewerten.

 

Selbstbegrenzung aus Freiheit

Wolfgang Huber17 sieht das ethische Grundproblem des technischen Zeitalters im Lebensrecht künftiger Generationen. Der amerikanische Rechtsphilosoph Bruce Ackermann bejahte 1988 das Recht jeder menschlichen Generation, die letzte sein zu wollen.18 Für Huber braucht kollektive Selbstbestimmung nicht Mehrheitsentscheidungen, sondern freiwillige Zustimmung aller potentiell Betroffenen, auch derer, deren Leben diese Entscheidung verhindert. Die Zustimmung zukünftiger Generationen ist nicht einholbar. Selbstbestimmung und Freiheit als Ziel und Sinn menschlichen Lebens erfordern nicht nur die eigene sittliche Autonomie, sondern auch den Verzicht, über fremdes Leben verfügen zu wollen, und damit den Respekt vor und die Verpflichtung zum Schutz der Freiheit und Würde des Mitmenschen, auch des zukünftigen, und damit die Selbstbegrenzung.

 

Was ist genug?

Sinn und Ziel einer Ethik des Genug hängen eng mit der sprachlichen Bedeutung des Wortes „genug“ zusammen.19 Das Grimmsche Wörterbuch nennt als gewöhnliche Bedeutung des lateinischen satis (genug) nicht einfach ausreichend oder genügend, sondern „so viel nötig ist zu einem bestimmten Zwecke“20, d.h. „zu vil (ist) … nicht genug“21. Genug bezeichnete „ursprünglich auch Menge, ja Fülle bis zum Überfluss.“22 „Die Befriedigung ist der Begriffskern des Wortes, genauer die Frage, was für einen befriedigend war, nach seiner oder auch der andern Meinung.“23 Beim Markthandel ist dem Verkäufer das gestrichene Maß, dem Käufer aber das gehäufte Maß genug. Genug ist quantitativ an das rechte Maß ­geknüpft, das sowohl Mangel als auch Übererfüllung verfehlen. Qualitativ zielt genug auf Befriedung. Sie hat damit zu tun, dass etwas einem Menschen oder einer Sache gemäß ist, ihm bzw. ihr entspricht.

 

Haben oder Sein

Erich Fromm24 beschreibt mit Haben und Sein die Existenzweisen unserer auf dem geschützten Privateigentum beruhenden Gesellschaft. Es war geschichtlich eher Ausnahme als Regel. Alternativ sind eingeschränktes Eigentum (eingeschränkt durch die Pflicht, den Mitmenschen damit zu helfen) oder gemeinsames Eigentum im Kloster oder im israelischen Kibbuz. In patriarchalischen Gesellschaften besitzt der Mann seine Frau und seine Kinder, Menschen werden wie Dinge behandelt. Besitzen kann man Freunde, Liebespartner, Gesundheit, Reisen, Kunst, Gott oder das eigene Ich. Der Nutzen, den ein Mensch oder eine Handlung für andere hat, ist die wichtigste Kategorie zur Verbrämung von Habgier. Oft ist das Besitzergreifen wichtiger als das Behalten: Heute kauft man ein Auto, ein Kleidungsstück oder ein technisches Gerät, um es dann wegzuwerfen oder zu ersetzen.

Durch den technischen Fortschritt25 befreite sich der Mensch aus der Gewalt der Naturkräfte. Dabei erlag er der Macht der von ihm geschaffenen Dinge und Organisationen. Er macht Produktion und Verteilung zu seinen Götzen und betet sie an. Er missbraucht den Namen Gottes, der Freiheit, der Humanität und des Sozialismus; er brüstet sich seiner Macht – der Bomben und der Maschinen –, um seinen Bankrott als Mensch zu verbergen. Die Befreiung vom Besitz erlebte Franziskus von Assisi besonders deutlich: „Ein Mensch, der nichts besaß, der nichts mehr sein eigen nannte und der aller Lasten ledig war! … Der Poverello hatte die Fesseln gesprengt, mit welchen das Besitztum alle Menschen umklammert hält, und das Reich der herrlichen Freiheit erreicht … Armut war für ihn keine harte Bitternis, unter deren würgendem Griff er stöhnte, sondern ein überglückliches Dürfen, welches ihn aufjauchzen machte. Nie war ein Mensch freier und reicher als dieser Habenichts in dem Moment, da er ganz arm wurde.“26

 

Kot und Geld

Für Sigmund Freud hat eine Gesellschaft, die ihre Energie nur auf Besitz, Sparen und Horten richtet, einen „analen Charakter“ und ist unreif. Er wies mehrfach auf den symbolischen Zusammenhang zwischen Kot und Geld hin. Die Haben-Orientierung reicht weiter, als man denkt. Verzicht und Askese sind nicht das Gegenteil von Besitz und Konsum, sondern ihre Kehrseite: Gerade die starke Beschäftigung mit Verzicht und Entsagen verweisen auf den gegensätzlichen Impuls. Darum reicht individueller Verzicht nicht aus. Auch die Forderung, alle sollen das Gleiche haben, entspringt noch der Haben-Orientierung. Als Ziel geht es um das Verschwinden von Armut und Luxus, also so großer Einkommensunterschiede, mit denen völlig verschiedene Lebenserfahrungen verbunden sind.

Dies unterstreicht das 1854 von Hermann Heinrich Gosen formulierte Gesetz vom fallenden Grenznutzen27: „Die Größe ein und desselben Genusses nimmt, wenn wir mit der Bereitung des Genusses ununterbrochen fortfahren, fortwährend ab, bis Sättigung eintritt.“ D.h. das zehnte Brötchen schmeckt nicht zehnmal besser als das erste, sondern eher schlechter. Das gilt auch für das finanzielle Monatseinkommen. Der Nutzen weiterer Einnahmen steigt nicht proportional ins Beliebige. Die Steigerung von Lebensstandard und Wohlstand führen nicht automatisch zu mehr Lebensqualität und Wohl-Sein, der Grenznutzen ist kontraproduktiv zur Vermögensmehrung.

 

Seinsqualitäten

Der Haben-Orientierung setzt Fromm die Existenzweise des Seins gegenüber. Sie zeichnet sich aus durch Unabhängigkeit, Freiheit, kritische Vernunft und Orientierung an den eigenen Tätigkeiten. Der Mensch im Seinsmodus ist aktiv, tätig, aber nicht geschäftig. Geschäftigkeit ist entfremdete, Tätigsein nichtentfremdete Aktivität. Bei nichtentfremdeter Aktivität erlebt man sich als handelndes Subjekt des eigenen Tätigseins, und die Beziehung zum Produkt bleibt lebendig. Sie bezeichnet das dem Menschen Gemäße. Im christlichen Sinne ist dem Menschen gemäß, als Gottes Geschöpf zu leben.

Wir halten Menschen für von Natur aus faul und nur durch materielle Anreize oder Androhung von Strafe zur Arbeit motivierbar. Doch sie haben ein angeborenes Verlangen, tätig und auf andere bezogen zu sein. Kinder und Jugendliche lernen ohne Druck oder Langeweile. Erwachsene sind zufriedener, sobald sie an ihrem Arbeitsplatz Eigeninitiative entfalten können.

Die Seins-Orientierung kennzeichnet das Erlebnis des Liebens, des Gernhabens, des Sich-Freuens über etwas, ohne es besitzen zu wollen, sowie die Solidarität mit anderen Gruppen der Gesellschaft. Zu ihr gehört der Wille zu geben, zu teilen und zu opfern. „Wenn ich bin, der ich bin und nicht (das), was ich habe, kann mich niemand berauben oder meine Sicherheit und meine Identitätsgefühl bedrohen. Mein Zentrum ist in mir selbst – die Fähigkeit, zu sein und meine mir eigenen Kräfte auszudrücken, ist Teil meiner Charakterstruktur und hängt von mir ab … Während beim Haben das, was man hat, sich durch Gebrauch verringert, nimmt das Sein durch die Praxis zu. (Der sich nicht verzehrende ‚brennende Dornbusch‘ ist das biblische Symbol für dieses Paradox.) Die Kräfte der Vernunft, der Liebe, des künstlerischen und intellektuellen Schaffens – alle wesenseigenen Kräfte wachsen, indem man sie ausübt. Was man gibt, verliert man nicht, sondern … man verliert, was man festhält.“28

 

Haben und Sein in der Bibel

AT, NT und Meister Eckhart sind für Fromm für die Beschreibung der beiden Existenzweisen sehr wichtig29. Für das Volk Israel ist die Wüste das Schlüsselsymbol für das freie, durch keinen Besitz beschwerte Leben. Sie ist kein Zuhause und hat keine Reichtümer, sondern ist das Land der Nomaden, die nur bei sich haben, was sie unbedingt brauchen. Die ungesäuerten Brote sind das Brot des Wanderers und die Laubhütte seine Heimstatt. Die Fleischtöpfe Ägyptens stehen für die Haben-Orientierung des Volkes. Mit Manna und Wachteln bekommt jeder nach seinen Bedürfnissen, ohne – außer für den Sabbat – Vorräte anlegen zu können. Der Sabbat war ein Tag der Freude und der Ruhe im Sinne der Wiederherstellung vollständiger Harmonie zwischen Gott und den Menschen, unter den Menschen und zwischen Mensch und Natur. Am Sabbat lebt der Mensch, als hätte er nichts, als wollte er nur sein, d.h. seine wesentlichen Kräfte ausüben – beten, studieren, essen, trinken, singen, lieben. Genauso sind in der messianischen Zeit Besitz bedeutungslos, Angst und Krieg überwunden und die Ausübung der dem Menschen eigenen Kräfte das Ziel.

AT wie NT sind erfüllt vom Protest gegen ein am Haben orientiertes Leben, vom Geist sozialer Gerechtigkeit, des Schutzes für die Armen und der Hilfe für alle Machtlosen wie Witwen und nationale Minderheiten. Die Anhänger Jesu und die Mitglieder der ersten Gemeinden waren meist Arme und gesellschaftlich Geächtete, Erniedrigte, Ausgestoßene. Jesu Jünger sollten keine Schätze im Himmel sammeln (Mt. 6,19ff), nicht dem Mammon vertrauen (Mt. 6,24), nicht der Habgier erliegen (Lk. 12,13ff), auf eigene Rechte völlig verzichten (Mt. 5,39ff), den Feind lieben (Mt. 5,43ff) und damit auf Selbstsucht verzichten und voll verantwortlich für den Mitmenschen sein. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. Darum geht auch ein Kamel eher durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes kommt (Mt. 19,24). Dies wird in der Versuchung Jesu durch den Teufel in der Wüste deutlich (Mt. 4). „Wir finden dort als zentrales Postulat, dass der Mensch aller Habgier und allem Verlangen nach Besitztümern entsagen und sich vollständig vom Haben befreien müsse. Alle positiven ethischen Normen wurzeln … im Ethos des Seins, des Teilens und der Solidarität.“30

Die Urgemeinde verzichtete auf das Haben, indem allen alle Güter gemeinsam waren und die Bedürftigen keinen Mangel hatten (Apg. 4). Der Glaubende bekommt im Glauben eine neue Identität durch die Beziehung zu Gott, so dass ihn nichts von der Liebe Gottes trennen kann (Röm. 8,38f). Damit ist wie in der Seins-Orientierung die Identität unabhängig von äußeren Dingen und Erlebnissen.

Fromms ethischer Rigorismus nimmt zentrale Anliegen Jesu und der frühen Gemeinde auf. Dem historischen Befund dürfte er nicht ganz gerecht werden, er bewahrt uns aber davor, Jesu ethischen Normen vorschnell Ernsthaftigkeit und Dringlichkeit zu nehmen.

 

Haben und Sein bei Meister Eckhart

Meister Eckhart beschrieb für Fromm die Unterschiede zwischen Haben und Sein in nachher nicht mehr erreichter Eindringlichkeit und Klarheit. Für ihn ist die Einstellung des Haben-Wollens von Gier, Habsucht und Egoismus bestimmt. Der Wille soll nicht mit der Begierde identisch sein. Begierde zielt auf Gegenstände des täglichen Lebens, Besitz, Rituale, gute Taten, Wissen und Gedanken. Bedürfnislosigkeit kann als fromme Übung immer noch festhalten am selbstsüchtigen Ich. Selbst der Wunsch, Gottes Willen zu tun, kann eine Begierde sein. Meister Eckhart hält es für besser, Gott zu lieben als ihn zu erkennen. Denn die Liebe weckt Begehren und Verlangen, das Erkennen will zu den Ursachen einer Sache vordringen.

Der arme Mensch soll nicht einmal wissen, dass er weder sich selbst noch der Wahrheit noch Gott lebe. Er soll alles Wissens und Erkennens ledig sein. Damit soll man sein Wissen nicht als einen Besitz ansehen, der einem ein Gefühl der Sicherheit und Identität verleiht. Wissen ist der bloße Gedanke. Es geht Meister Eckhart nicht um Besitzen oder Nicht-Besitzen, sondern dass wir an beides nicht gebunden sind, nicht einmal an Gott. Sein ist für ihn Leben, Tätigsein, Geburt, Erneuerung, Ausfließen, Verströmen, Produktivität.

 

Der neue Mensch und die neue Gesellschaft

Für Fromm korrespondieren individuelle und gesellschaftliche Charakterstruktur. Damit die Seins-Orientierung die Gesellschaft bestimmen kann, braucht es einen neuen Menschen, der von der Seins-Orientierung geleitet wird, und gesellschaftlicher Rahmenbedingungen, die die soziale Verwirklichung der Seins-Orientierung ermöglichen. Der Mensch kann seinen Charakter ändern, wenn er leidet und sich dessen bewusst ist; wenn er die Ursachen des Leidens erkennt und Möglichkeiten zu ihrer Überwindung sieht und sich bestimmte Verhaltensnormen zu eigen macht.

Fromm will eine radikal humanistische Gesellschaft. Die Arbeit dient der Erfüllung der wahren Bedürfnisse der Menschen und nicht den Erfordernissen der Wirtschaft und nicht einem ständigen wirtschaftlichen Wachstum. Die Kooperation zwischen Mensch und Natur ersetzt ihre Ausbeutung durch den Menschen.

Die wechselseitige Gegnerschaft zwischen den Menschen weicht einer allgemeinen Solidarität. Die obersten Ziele der gesellschaftlichen Strukturen sind das möglichst selbstbestimmte Wohl-Sein und die Verhinderung von menschlichem Leiden. Ein vernünftiger Konsum, der dem Wohl des Menschen dient, ersetzt den maximalen Konsum. Der einzelne Mensch wird zur aktiven Teilnahme am gesellschaftlichen Leben ohne Bevormundung motiviert.

Beide Existenzweisen umfassen individuelle Einstellungen und Verhaltensweisen sowie die gesellschaftliche Struktur und eine Strategie zur Erreichung einer auf der Seins-Orientierung aufbauenden Gesellschaft. Die Corona-Hilfen der Bundesregierung und der EU mit dem geplanten Green Deal bieten die Chance, das Klima besser zu schützen und die Sozialstruktur zu verbessern. Die alte Weisheit einer Ethik des Genug bedeutet, dass weniger mehr wäre: „weniger Feinstaub, weniger Müll, weniger Lärm, weniger betonierte Flächen, weniger Ausgrenzung, weniger Antibiotika in der Tierhaltung, weniger Zerstörung der Artenvielfalt.“31 Das ist richtig, klingt aber eher zufällig und beliebig und nicht strukturell. Insofern greift eine Ethik des Genug zu kurz, die nur auf individuellen Verzicht zielt.

 

Zwischen Vergangenheit und Zukunft

Sollen wir nur aus Rücksicht auf die Möglichkeiten zukünftiger Mitmenschen und Mitgeschöpfe handeln? Zukünftige Menschen können uns nichts dafür zurückgeben. Die Sicht ist einseitig und zu gegenwartsbezogen. Wir leben in einer langen Tradition der nicht nur menschlichen Geschichte. Wir leiden nicht nur unter den Taten unserer Vorfahren. Wir profitieren auch davon. Von daher danken und loben wir Gott, wenn wir das Unsere tun, damit unsere Nachkommen gut und gerne leben können und wollen.

Ein Mann pflanzte einen Johannisbrotbaum. Ein andere kam dazu und fragte: „Warum tust du das? Bis der Baum Früchte trägt, lebst du vielleicht nicht mehr.“ Darauf antwortete der andere: „Ich habe die Früchte von Johannisbrotbäumen gegessen, die andere pflanzten. Darum pflanze ich einen Johannisbrotbaum. Bei uns gibt es ein Sprichwort: Gefährten oder Tod.“

 

Anmerkungen

1 https://wecker.de/de/musik/album/35-Liederbuch/item/70-Genug-ist-nicht-genug.html (abgefragt: 5.9.2019, 17.10 Uhr).

2 Vgl. Midas auf www.wikipedia.de (abgefragt: 5.9.2019, 19.10 Uhr).

3 Dennis Meadows, Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome 1972.

4 Die angekündigten Maßnahmen führen mindestens zu einer Erhöhung um 3,2°C. Auf: Ist Klimaschutz überhaupt nötig? Auf www.faktenfinder.tagesschau.de/hintergrund/klimagipfel-183.html (abgefragt: 10.12.2018, 12.03 Uhr).

5 Vgl. Klimawandel: Vielleicht bleiben nur noch zehn Jahre zur Rettung des Planeten (auf www.fr.de abgefragt: 26.6.2020, 16.30 Uhr).

6 Vgl. zu Folgendem „Ökologischer Fußabdruck“ auf wikipedia.org (abgefragt: 16.6.2020, 19.35 Uhr).

7 Vgl. zu Folgendem Erich Fromm, Haben oder Sein. 14. Aufl. 1984 (1. Aufl. 1976), Stuttgart, 13-23.

8 Ebd., 13.

9 Ebd., 15.

10 Wohl-Sein wird verwendet, weil Wohlstand stärker auf die Seinsweise des Habens zielt und Wohlstand nicht automatisch Wohl-Sein bewirkt.

11 Vgl. zu Folgendem Michael Kopatz, Ökoroutine. München 2018.

12 Erich Fromm, a.a.O., 21f.

13 Geliehen ist der Stern. EKD-Texte 130 2018 auf www.ekd.de (abgefragt: 25.09.2019, 16.35 Uhr), 11.

14 So Ruth Gütter, Freiheit zur Begrenzung, in: Brigitte Bertelmann/Klaus Heidel (Hrsg.), Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit. München 2018, 271-281.

15 Christian Lindner, Wir wollen keine Verzichtgesellschaft auf www.tagesschau.de/inland/sommerinterview-lindner-103.html (abgefragt: 21.7.2019, 17.30 Uhr).

16 www.duden.de echtschreibungverzichten (abgefragt: 18.2.2020, 17.45 Uhr).

17 Wolfgang Huber, Selbstbegrenzung aus Freiheit. In: Evangelische Theologie 52/1992, Heft 2, 128-146.

18 Bruce Ackermann, Social Justice in the Liberate State. New Haven CT 1980, 216, zit. bei Huber a.a.O., 136.

19 Vgl. zu Folgendem Jakob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. Leipzig 1897 Vierten Bandes erste Abteilung zweiter Teil, Sp. 3486-3503.

20 Ebd., 3493.

21 Ebd.

22 Ebd. Vgl. zu „Volle Genüge“ Joh. 10,10b: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge“, sowie Jes. 30,23 und Hiob 21,23, alle Bibelstellen in der Fassung der Lutherbibel 2017.

23 Grimm, a.a.O., 3493.

24 Vgl. zu Folgendem Erich Fromm, a.a.O.

25 Vgl. zu Folgendem Erich Fromm, Die Bedeutung von Marx und Freud. In: Erich Fromm Gesamtausgabe auf www.books.google.de (abgefragt: 10.06.2020, 18.48 Uhr).

26 Der Kirchenhistoriker Walter Nigg beschrieb die Lossagung des Franziskus von Assisi von seinem Vater und dessen Reichtum: Walter Nigg, Große Heilige, Zürich 1946, 33.54f.

27 Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Grenznutzen und mikrooekonomie.de/haushaltstheorie/der Grenznutzen (beides abgefragt: 20.02.2020, 12.15 Uhr.

28 Erich Fromm, Haben oder Sein, 109.

29 Vgl. Erich Fromm, ebd., 55ff.

30 Ebd., 60.

31 Geliehen ist der Stern, a.a.O., 11f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Karl-Heinz Drescher-Pfeiffer, Jahrgang 1950, Studium in Berlin und Tübingen, württ. Gemeindepfarrer, u.a. 17 Jahre im Stuttgarter sozialen Brennpunkt Hallschlag, 2000 Promotion am DWI Heidelberg über die gemeinwesenorientierte diakonische Arbeit der Steiggemeinde/Hallschlag.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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