In Zeiten des Internets gestalten sich Abschiedsrituale angesichts menschlichen Sterbens völlig neu. Klaus Dirschauer lässt eine kleine Kulturgeschichte der Todesmitteilungen und Beileidsbekundungen Revue passieren, um vor ihrem Hintergrund die gegenwärtige Kultur der Anteilnahme zu charakterisieren.

 

Der Leichenbitter

Anfangs wurde der Tod eines Menschen auf dem Lande und in der Stadt mündlich angesagt, ein Nachbar übernahm das. Das Amt des Leichen- oder Totenbitters geht volkskundlich auf das Jahr 1691 zurück. Auf dem Lande ging der Leidbitter, wie er auch hieß, von Hof zu Hof, in der Stadt von Haus zu Haus, um den Lebenden den Tod eines Nachbarn namentlich anzusagen und zu seinem Leichenbegängnis zu bitten. Das Gerücht vom Tode eilte dem Boten voraus.

Die Todesnachricht der mit einem langem, schwarzen Rock, Zylinder und Trauerflor gekleideten, meist ärmlichen Person mit der sprichwörtlich gewordenen Miene vollzog sich auf Abstand. Niemand wollte diesen Todesboten ins Haus lassen: Nachdem er mit seinem Stock an die Tür oder den Fensterladen geklopft hatte, einen Schritt zurückgetreten und die Haustür geöffnet worden war, trug der Leichenbitter seine Botschaft vor. Für den Botenlohn hatte er ein Säckchen bei sich: Ein Stück Brot oder etwas Mehl, später waren es ein paar Münzen.

Die Anteilnahme der auf den Todesfall im Dorf oder in der Stadt Angesprochenen erfolgte mit dem Besuch im Trauerhaus, vielleicht mit der Übernahme einer Totenwache am offenen Sarg, selbstverständlich mit der Teilnahme am Leichenzug, Begräbnis und Leichenschmaus. Der Tod wurde begangen. Die Anteilnahme am Tode eines anderen bestand in der leiblichen Teilnahme an dessen Bestattungsritualen und Brauchtum.

 

Das Trauerbillett

In den Kreisen des Adels, der Gutsherren und des gehobenen Bürgertums dagegen übernahm die Aufgabe ein Diener, der sich in solchen Dingen auskannte, bestimmten Leuten anhand einer Liste die schriftliche Todesnachricht mitzuteilen. Der Bote hatte ein kleines adressiertes Kuvert persönlich zu übergeben. Dieses enthielt ein gedrucktes oder handgeschriebenes Trauerbillett der Leidtragenden. Auf das sehr persönlich gehaltene Billett des Sterbens und des Todes eines nahe stehenden Menschen hin, erwartete man eine persönlich abgefasste Kondolenz. Das Mitgefühl bekundete sich keineswegs – wie etwa heute – nur durch eine Beileidskarte, die unterschrieben wird, oder durch den Namenszug in der ausgelegten Kondolenzliste und die Teilnahme am Bestattungsritual. Das persönlich zum Ausdruck gebrachte Mitgefühl erfolgte durch einen Kondolenzbrief, in besonderen Fällen durch einen angekündigten Kondolenzbesuch.

 

Eine Todesanzeige im Intelligenzblatt

Den Übergang von der Mitteilung des erlittenen Todesgeschicks durch das persönlich überreichte Trauerbillett zu dem Trauerbrief oder der Trauerkarte, die mit der Post zugestellt werden, zu der schwarz umrahmten Todesanzeige in der Tageszeitung, die von allen gelesen werden kann, stellt die Todesnachricht in den Intelligenzblättern1 dar. In der Königlich privilegierte Berlinische Zeitung war am 30. Juni 1789 beispielsweise zu lesen: „Nachricht. Allen denen, die ich wegen Familienverbindung und Herzensgüte als Freunde hochschätze, mache ich mit inniger Wehmut eines beklemmenden Herzens hiermit statt schriftlicher Anmeldung bekannt, dass am 11. Juni Abends gegen halb 10 Uhr mein geliebter Gemahl, der Königl. Geheime Etatminister und Oberstallmeister, auch Generalmajor von der Kavallerie, Herr Friedrich Graf von Schwerin, Ritter des schwarzen Adlerordens und Kommendater der Komturei Lietzen, nach einer dreitägigen Krankheit an einer Brustentzündung zu Carlsruhe sein thätiges Leben sanft und gelassen beschlossen hat. Wer je bitteren Trennungsschmerz bei dem Abschiede geliebter Personen geschmeckt hat, wird es von selbst fühlen, wie sehr mich der Tod eines so geliebten und schätzbaren Mannes betrübt. Unter diesem Schmerz wünsche ich allen, welchen diese Nachricht eigentlich gewidmet ist, lange Schonung von ähnlichen Ereignissen und versichere zugleich, eine stille Teilnehmung an meinem Schmerz, statt aller schriftlichen Versicherungen davon dankbar anzunehmen. Bodran, den 20. Juni 1789 Verwitwete Gräfin von Schwerin, geb. Freiin von Malzan.“

Der Verzicht auf jegliche Beileidsreaktionen überrascht. Die Titulatur der durch Geburt, Heirat und Verdienste erworbenen Ämter, Namen, Orden gab dem Leser einen zuverlässigen Anhalt, innerhalb der Ständegesellschaft die Personen zu erkennen. Das Sterben und Todesgeschehen, das Begräbnis und Trauermahl blieben dem Familienkreis vorbehalten und beanspruchten auch eine gewisse Zeit. Die Erwartung der Kondolenz, die mit der Todesanzeige verbunden ist, spricht einen weit darüber hinausgehenden Kommunikationshorizont an. Der Abstand zwischen dem Todesereignis, den Sterbeprozess so eingehend zu beschreiben, und dem Zeitpunkt, den Tod in einem Intelligenzblatt bekannt zu geben, setzt eine zeitliche Latenz der Trauer voraus.

 

Eines Philosophen Kondolenz

Ein literarisches Beispiel eines Kondolenzschreibens findet sich im Werk des Königsberger Philosophen Immanuel Kant.2 Der Aufsatztitel des 1760 geschriebenen Briefes zeigt bereits in den gepflegten Umgangsformen die herrschende Ständegesellschaft an: „Gedanken bei dem frühzeitigen Ableben des Hochwohlgeborenen Herrn Johann Friedrich von Funk, in einem Sendschreiben an die Hochwohlgeborene Frau Agnes Elisabeth, verwitt. Frau Rittmeisterin von Funk, gebohrne von Dorthösen, Erbfrau der Kaywenschen und Kahrenschen Güter in Kurland, des selig Verstorbenen Hochbetrübte Frau Mutter von M. Immanuel Kant, Lehrer der Weltweisheit auf der Akademie zu Königsberg.“

Der 36jährige Magister der Philosophie beschreibt in seinem Kondolenzbrief an die Mutter eines 21jährigen Studenten aus dem Kurland (Lettland) dessen Lebenshintergrund. Das sind das Lebensgefühl und die Denk- und Lebensweise in der Königlichen Haupt- und Residenzstadt Königsberg in Preußen mit den ca. 1000 Studenten der 1541 gegründeten Universität: „Auf der Brücke, welche die Vorsehung über einen Theil des Abgrundes der Ewigkeit geschlagen hat, und die wir Leben heißen, gewissen Wasserblasen nachlaufen und sich keine Mühe nehmen auf die Fallbretter Acht zu haben, die einen nach dem andern neben ihnen in die Tiefe herabsinken lassen, deren Maß Unendlichkeit ist, und wovon sie selbst endlich mitten in ihrem ungestümen Laufe verschlungen werden (…) Ich bin ein Mensch, und was Menschen widerfährt, kann auch mich treffen. (…) Zu diesen ernsthaften Gedanken erhebt mich, gnädige Frau, das frühzeitige Absterben Dero würdigen Herrn Sohnes, welches sie an jetzt so billig beweinen. Ich empfinde als einer seiner ehemaligen Lehrer diesen Verlust mit schmerzlichem Beileid, ob ich gleich freilich die Größe der Betrübnis schwerlich ausdrücken kann, die diejenige betreffen muß, welche mit diesem hoffnungsvollen Jungen Herrn durch nähere Bande verknüpft waren. Ew. Gnaden werden mir erlauben, daß ich zu diesen wenigen Zeilen, dadurch ich die Achtung auszudrücken trachte, die ich für diesen meinen ehemaligen Zuhörer gehegt habe, noch einige Gedanken beifüge. (…) Sein Leben ist ein Fragment, welches uns das übrige hat wünschen lassen, dessen uns ein früher Tod beraubt hat.“

 

Die Todesanzeige Goethes

Johann Wolfgang Goethes Tod ist in dem Weimarsches Wochenblatt, Nr. 24 am 23. März 1832 durch einen gedichtartigen Nachruf an Goethe bereits gewürdigt worden. Der Dichter ist in seinem Sterbezimmer aufgebahrt und drei Tage später, am 26. März 1832 in der Fürstengruft neben dem Gebein (1805) von Friedrich von Schiller beigesetzt worden. In dem nächsten Weimarsches Wochenblatt, Nr. 25, S. 2 am 27. März 1832, ist sein Tod von seiner Schwiegertochter in einem rahmenlosen Fließtext öffentlich angezeigt worden; es folgten noch zwei weitere Todesanzeigen:

Familien = Nachrichten
Gestern Vormittag halb
Zwölf Uhr starb mein geliebter Schwiegervater, der
Großherzogl. Sächsische wirkliche Geheimerath und Staatsminister Johann Wolfgang von Goethe,
nach kurzem Krankseyn, am Stickfluß, in Folge
eines zurückgeworfenen Katharrhalfiebers.
Geisteskräftig und liebevoll bis zum letzten
Hauche, schied er von uns im Drei und Achtzig-
sten Lebensjahr.
Weimar, 23. März 1832.
Ottilie, verwittwete v. Goethe, geb. von
Pogwisch, zugleich im Namen meiner drei
Kinder, Walther, Wolf und Alma
von Goethe.

Nun steht der Name des greisen Dichterfürsten dort, worüber der junge Goethe im Urfaust (1770/75) Frau Marthe in ihrem Haus Mephistopheles, der ihr die Nachricht vom Tode ihres Mannes bringt, sagen lässt. „Ich möchte gern ein Zeugnis haben, wo, wie und wenn mein Schatz gestorben und begraben. Ich bin von je der Ordnung Freund gewesen, mögt ihn auch todt im Wochenblättgen lesen.“ Diese Todesanzeige ist die offizielle Bekanntmachung seines Todesfalls.

 

Die heutigen Rituale, den Tod anzuzeigen

Der wesentliche Unterschied zwischen der gedruckten Trauerkarte, dem Trauerbrief und der in die Tageszeitung gesetzten Todesanzeige liegt in der selbst auferlegten Diskretion. Einen persönlichen Brief zu schreiben, bedeutet eine besondere Herausforderung. Doch es ist etwas ganz anderes als eine Todesanzeige in die Zeitung zu setzen. Muss das erlebte Sterben, der erlittene Tod von heute auf morgen in die Öffentlichkeit treten? Die Todesanzeige in der Tageszeitung stellt unter Umständen – wenn auch posthum – so etwas wie eine erste Lebensanzeige in der Zeitung überhaupt dar. Die Trauerkarte und der Trauerbrief stehen in der Tradition des Trauerbilletts. Beide laden dazu ein, vielleicht einen persönlichen Satz hinzuzufügen. Auch die Einladung zu dem anschließenden Trauermahl kann beigelegt werden.

In der gegenwärtigen Bestattungspraxis ist der Wortlaut des Trauerbriefes und der Todesanzeige fast immer übereinstimmend. Die Adressatengruppe umfasst wesentlich die Familien, liebe Nachbarn, gute Freunde und nahe Bekannte, auf die es in diesem Todesfall offenbar ankommt. Mit jeder namentlichen Anschrift auf dem Briefumschlag erfolgt ein kleiner Schritt konkreter Trauerarbeit. Der zeitliche Abstand, den Trauerbrief zu erhalten und die Todesanzeige in der Tageszeitung zu lesen, ist für das Kondolierungsritual sehr wichtig, rechtzeitig gegenseitig unterrichtet worden zu sein.

Der Bestatter kommt in dem Beratungsablauf nach der Frage der Bestattungsart, Grabwahl, Auswahl des Sarges oder der Schmuckurne erst dann auf die Todesanzeige zu sprechen. Mit der Ortszeit auf dem Friedhof kann – auch für den Geistlichen oder Trauerredner, den Organisten, Solisten, den Chor – der Bestattungstermin endgültig festgelegt werden. Da die lokale Zeitungsanzeige nicht alle vom Tode Betroffenen erreicht, werden die Übrigen durch einen Trauerbrief in Kenntnis gesetzt. Eine Trauerkarte, einen Trauerbrief über den Tod eines anderen zu erhalten, heißt in jedem Fall zu reagieren und persönlich zu kondolieren. Es verhält sich dabei wie bei einer Einladung, eingedenk zu sein: So wie ich an dem Leben Anteil gehabt habe, habe ich jetzt Anteil an dem Sterben und Tod. Auch ich betrauere gemeinsame Lebensanteile.

 

Die heutige Zeitungsanzeige

Die Todesanzeige in der Tageszeitung trägt wesentlich dazu bei, dass durch die Anteilnahme anderer am Sterben, Tod und der Trauer die Todesanzeige zu einer Traueranzeige wird. Die Kondolenz ist – wie der Glückwunsch andererseits – ein starker emotionaler Ausdruck der Partizipation am Lebensverlust eines anderen Menschen. Die Intelligenzblätter sind die Vorläufer der Todesanzeigen, die den Lesern die Todesnachricht mitteilen. Der schwarze Anzeigenrand taucht im 18. Jh. in den Intelligenzblättern auf. Er ist von den hervorgehobenen Angeboten der Kaufmannschaft für die Familienanzeigen übernommen worden, um sie im Fließtext hervorzuheben.

In den vergangenen 50 Jahren haben sich die Todesanzeigen inhaltlich stark verändert. Gegenüber dem dominierenden Anzeigenverb in den 1970er Jahren mit den Komposita von schlafen eingeschlafen, entschlafen – mit über 65% wird die Satzaussage aus der Perspektive der Hinterbliebenen heute anders formuliert. Neben den traditionellen Todesanzeigen mit den religiösen Symbolen und Sprüchen oder den Literaturzitaten sind einerseits die distanzierenden Anzeigenverben – trauern um, müssen Abschied nehmen – und andererseits die den Toten direkt anredenden und vereinnahmenden Anzeigenverben – für immer im Herzen, in oder bei mir ­bleiben – getreten. Diese Anzeigentypen sind so formuliert, als könnte sie der Verstorbene am anderen Tage noch selbst in der Tageszeitung lesen.

An die Stelle der religiösen oder philosophischen Transzendenz ist eine emotionale Immanenz getreten. Der Wandel spiegelt sich bereits im Eventcharakter der säkularen Bestattungsfeiern – ohne Gebet, Segen, Bibel und Predigt – wider. Die Bilderwelt des religiösen Himmels wird durch gleichsam quasireligiöse Begriffe – wie Leben, Natur, Schicksal, Vorsehung – abgelöst. Anstelle der zugedachten Kränze und Blumengestecke wird zu Spenden (inkl. IBAN) aufgerufen. In den Todesanzeigen tauchen bereits Danksagungsmotive – an das Ärzteteam, die Palliativstation, die Hospizeinrichtung, den Bestatter – auf. Der Bitte auf der Anzeige, auf keinen Fall in dunkler Kleidung zur Bestattung zu erscheinen, wird eine ebenso große Aufmerksamkeit geschenkt wie vormals der Angemessenheit dunkler Trauerkleidung.

Der vor- oder nachträgliche Hinweis auf der Todesanzeige, dass die Bestattung im engsten Familienkreis stattfinden werde oder stattgefunden habe, erhält – abgesehen von der eigenen Entscheidung – auf dem Verordnungswege der Corona-19-Pandemie – eine besondere Art ungewöhnlicher Abgrenzung, die den Trauernden zu schaffen macht. Der Todeswiderfahrnis, von einem Menschen ein für alle Mal Abschied nehmen zu müssen, wird am Grab durch eine außerordentliche leibliche Nähe begegnet. Der gebotene Abstand verbietet das Händeschütteln, Küssen und Umarmen. Das Gebotene schließt alle diejenigen aus, die dem Verstorbenen und denen, die um ihn trauern, die letzte Ehre erweisen möchten.

Die Bestatter in Bremen beispielsweise haben im Todesfall mit den um einen Menschen Trauernden einen Weg gefunden, den Tod noch angemessen begehen zu können: Die Bestattung erfolgt wie bisher in einer der großen Friedhofskapellen oder Kirchen mit insgesamt bis zu 20 ausgewiesenen Plätzen. Anschließend findet am Grab die Beerdigung oder die Urnenbeisetzung in diesem engsten Familienkreis statt. Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, auf die vorausgehende Trauerfeier im Bestattungsinstitut, in der Kapelle oder Kirche ganz zu verzichten und gleich am Grab mit der Beerdigung oder mit der Beisetzung der Urne zu beginnen. In einem noch offenen zeitlichen Abstand zur Bestattung werden die anderen Trauergäste, die in das Bestattungsinstitut oder auf den Friedhof gekommen wären, zu einer Totengedenkfeier an einem später liegenden biographischen Datum in die Kirche bzw. Gemeinde, das Bestattungsinstitut, in einen anderen geeigneten Raum oder ein geeignetes Restaurant eingeladen.

Für die Familien ist die persönliche Abschiednahme am Sarg des aufgebahrten Toten im Bestattungsinstitut sehr wichtig geworden. Die Todesanzeige in der Zeitung unterrichtet mehr über den Todesfall als dass sie zur Teilnahme an der Trauerfeier einlädt. Angesichts dieser Einschränkungen der Anteilnahme, bekommt der Trauerbrief eine exklusivere Bedeutung. Die gewohnte Kondolenzweise, an der Bestattung teilzunehmen und sich in die Kondolenzliste einzutragen, erübrigt sich. Es empfiehlt sich, je nach der Nähe zu den Trauernden, einen persönlichen Kondolenzgruß aufzusetzen und per Post oder als eine e-Mail zuzusenden oder einen Kondolenzbesuch telefonisch anzukündigen.

 

Den Tod im digitalen Zeitalter anzeigen und kondolieren

Bis zum digitalen Zeitalter (2002) gab es das Drahtwort des Telegramms oder die elektronische Depesche, den Fernsprecher oder das Telephon und die Fernkopie, das Telefax oder nur Fax. Die deutsche Übersetzung der griechischen Silben tele- (weit, fern) und -gramm (Buchstabe, Schrift), und -phon (Schall, Stimme), und -fax (lat.: tun, machen) lässt die raumzeitliche Distanzüberwindung dieser Kommunikationsmittel noch deutlich erkennen.

Anfangs bedurften diese Medien noch der besonderen Dienstleistung einer weiteren Vermittlung durch den Menschen: Der Brief benötigte vom Einwurf in den Postbriefkasten bis zur Zustellung durch den Briefträger ca. vier Tage. Das Telegramm (1852) brauchte von der Annahme des ausgefüllten Formulars bis zum Aufkleben der Silbenstreifen auf das Telegrammblatt nur wenige Minuten und die Wegzeit des Telegrammboten. Hatte der Empfänger bereits einen Telefonanschluss3, konnte dessen Wortlaut durchgesagt und das Telegramm selbst am anderen Tag mit der Post zugestellt werden. Der Fernsprechapparat ist anfänglich ein Dienstbotengerät gewesen. Es war in Amtsstuben, in der Nähe des Arbeitsplatzes, im Geschäft, in der Gastwirtschaft oder im Flur einer Wohnung oder im Korridor eines Hauses angebracht. Seine Funktion bestand zunächst lediglich darin, etwas ausrichten zu lassen. Die Herrschaften dieser Dienstbotengesellschaften telefonierten anfangs nicht miteinander, das überließen sie den Dienern. Bis 1976 gab es auch noch die Telefonvermittlungsstelle am Klappenschrank mit dem Fräulein vom Amt. Ähnlich wie beim Telegramm verhielt es sich beim Bild- und Dokumentendienst des Telefax, das dem Empfänger durch einen Mitarbeiter zugestellt wurde.

Diese medialen Möglichkeiten standen im Todesfall den von ihm Betroffenen nur vereinzelt privat, aber denen, die sich beruflich mit dem Tod befassten, wie den Bestattern, gänzlich zur Verfügung. Die kontaktierten Ämter und Einrichtungen, die für eine Bestattung in Frage kommen – Krankenhaus, Pathologie, Altersheim, Pflegeeinrichtung, Polizei, Standesamt, Gericht, Friedhofsamt, Kirchengemeinde, Zeitungen, Gärtnerei, Steinmetz – können so direkt erreicht, über den Todesfall unterrichtet und mit den erforderlichen Unterlagen versehen werden.

Die Todesnachricht aus dem Krankenhaus (ca. 54%), dem Altenheim wird – mit einem förmlichen Kondolenzgruß verbunden – unmittelbar mit einem Telefonanruf mitgeteilt. Bei einem Verkehrsunfall kann die Botschaft durch einen Besuch der Polizei, bei einem Arbeits- oder Betriebsunfall durch Mitarbeiter der Firma persönlich überbracht werden. In besonders dramatischen Todesfällen begleitet ein Geistlicher die Mitarbeiter. Eine Todesnachricht zu überbringen, erfolgt im familiären, nachbarlichen und freundschaftlichen Umfeld auch per Telegramm und Telefon; doch die Art und Weise, den Tod zu kommunizieren, geschieht ebenso wie in der Kondolenz in den vertrauten Konventionen mündlich oder schriftlich aus- und zugesprochener Anteilnahme.

Mit der Entdeckung bzw. Erfindung der elektronischen Post, des e-Mail (1984) im Internet (World Wide Web: www), dem Mobile Phone mit dem Kurznachrichtendienst SMS (1992: Short Message Service) und schließlich dem WhatsApp (2009: WhatsApp Inc.) stellt sich ein ganz anderes Potential von Text-, Ton-, Bild- und Video-Nachrichten ein, das von einem komplexen Phänomen der Gleichzeitigkeit begleitet wird. Die raumzeitlichen Koordinaten des Empfängers und des Senders sind seit 2013 ortsunabhängig geworden. Beide erweisen sich im wörtlichen Sinn des Wortes als höchst mobil: beweglich, schnell, leicht erregbar, veränderlich, unbeständig.

Das Mobile Phone in den drei großen Betriebssystemen von Samsung, Apple und Huawei gibt zu erkennen, dass in jedem Smartphone ein verborgener leistungsfähiger Computer mit einer Bildschirmtastatur, mit einem Mobiltelefon, einem Navigationsgerät (Global Positioning System), einer Digitalkamera (Mikrophon, Video, Lautsprecher), einer mobilen Spielkonsole, mit einem Taschenrechner, einem elektronischen Notizbuch und einer Reihe von Medienfunktionen (MP3-Player, Internet-Radio, Internet-TV, Foto, Video), Arbeitsspeicher (Programme, Dateien) stecken. Das Geheimnis des Smartphones besteht nicht nur in seiner Multifunktionalität, jedem jederzeit und jedenorts präsent zu sein. Die bevorzugte private Nutzung per WhatsApp, per Facebook (Facebook Inc.) besteht darin, am und im Leben anderer partizipieren zu können.

Durch kommunizierte Nachrichten, Worte, Bild-, Video-, Tondateien und Standortinformationen, Dokumente und Kontaktdaten werden die Reize zumindest von dreien – Auge, Ohr und Mund – der fünf Sinnesorgane gegenseitig stark angesprochen und weitergeleitet. Gegenüber dem Telefonat, SMS und Skype besteht die Differenzierung der Entwicklung in der Vollständigkeit der Möglichkeiten. Das komplexe Phänomen der Gleichzeitigkeit stellt die elektronischen Wege keineswegs infrage, vielmehr den Habitus der diese Möglichkeiten Nutzenden. In diesem elektronischen Miteinander, dessen Abläufe einem Perpetuum mobile gleichen, schließt das eigene Interesse – die geistige Anteilnahme am anderen, die Aufmerksamkeit dem anderen gegenüber – den Tod nicht aus, sondern ein. Der Kontakt mit einzelnen Personen und innerhalb einer Adressatenreihe (Broadcast) kann ebenso wie über die Beziehungen, die Schulprobleme der Kinder, das eigene Befinden auch über die Pflege eines Elternteils oder über ihr potentielles Sterben, schließlich über den Tod bildreich berichten oder – durch die Corona-19-Pandemie bedingt – über die bevorstehende Trauerfeier im engsten Familienkreis unterrichten.

Die eigene Betroffenheit über den Tod der durch die WhatsApps so vertraut gewordenen Mutter einer Freundin zum Ausdruck zu bringen, das eigene Mitgefühl buchstäblich mitzuteilen, vermag freilich aus der eigenen Fassung zu bringen. Zwischen dem Unterhaltsamen und Flüchtigen, Albernen und Spaßigen, Interessanten und Flüchtigen, ja, unter so viel Makulatur jetzt plötzlich der Tod, der Ernstfall des Lebens?

Es ist ratsam, ganz bewusst einen Medienwechsel zu vollziehen. Der Übergang zum einzelnen Briefbogen und geöffneten Füllfederhalter mag zunächst zu groß erscheinen. Ebenso vorstellbar ist ein persönliches Kondolenzschreiben, das einer e-Mail anvertraut wird: ein einfacher Briefkopf, das Datum und mit den eigenen Gedanken und Gefühlen ganz bei dem Menschen sein, dem zu schreiben ist. Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde, rät der Prediger Salomo in der Bibel. Es empfiehlt sich der Dreischritt eines Kondolenzbriefes: (1) Die Anrede mit der Nachricht vom Tode, die ja auch die eigene Lebensart abrupt unterbricht, bestürzt, traurig macht, anrührt… (2) Die eigentliche Kondolenz, die das Gegenüber des eigenen Mitgefühls an dem Sterben, dem Tod und in der Trauer vergewissert. (3) Nur eine Lebenserinnerung an den Toten, ein Trostaspekt, ein Horizont (Literaturzitat). Ein herzlicher Gruß schließt den elektronischen Brief der persönlichen Anteilnahme. Er erhebt sich auch medial wohltuend aus dem Schwarm der alltäglichen Eintagsmücken. Kondolieren ist eine nachdenkliche Kommunikation und eine verbale Intimität auf Abstand. 

 

Anmerkungen

1 Ein Intelligenzblatt (lat./engl.: Einsicht, Verständnis, Nachricht, Auskunft) ist ein wesentlicher Vorläufer unserer Zeitung gewesen. Es erschien täglich, an bestimmten Tagen oder wöchentlich in einem Intelligenz-Comptoir. John Jinnys eröffnete das erste 1637 in London und nannte es: „The office of intelligence.“ Das Privileg erhielt er von seinem König, Karl I., für 40 Jahre. 1727 wurde in Berlin ein solches Intelligenz-Comptoir eröffnet. Die im Dienst absoluter Fürsten und ihrer Verwaltungen stehenden privilegierten Publikationsorgane aus den Zusammenstellungen von Frage- und Anzeigennachrichten der Adress- und Intelligenz-Comptoirs regelten die Angebote und Nachfragen. In dem Ulmer Intelligenzblatt erschien 1753 unter Vermischte Nachrichten die erste Todesanzeige.

2 Lesenswert: Immanuel Kant, Werke. Akademie-Textausgabe, Berlin 1968, Bd. II, 37-44. Hörenswert: CD: Frank Arnold (Deutsche Grammophon): Gedanken bei dem frühzeitigen Ableben … (1760), Versuch über die Krankheiten… (1764), Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (1784).

3 Der deutsche Physiker Philipp Reis gab 1861 den wesentlichen Anstoß dazu, die menschliche Sprache auf einer elektrischen Leitung zu übertragen und nannte sein Gerät: Telephon. Aufgrund dieser Erfindung konstruierte der britische Gehörlosenlehrer und Professor der Physiologie der Stimme Alexander Graham Bell 1876 einen gebrauchsfähigen Apparat. Aus seiner Bell Telephone Company ist der weltweit größte Telekommunikationskonzern AT&T erwachsen.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor i.R. Dr. Klaus Dirschauer, Vorlesungen und Veröffentlichungen zu den Themen "Rituale in der Biografie", "Sterben - Tod - Trauer", zuletzt ein "Trauerknigge".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

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