Ist ein Leben nach dem Tod zu erwarten? Wie darf man sich dieses eventuell vorstellen? Und wie ließe sich eine solche Erwartung begründen? Was sagt der Theologe, Philosoph und Urwaldarzt Albert Schweitzer (1875-1965) dazu? Im umfangreichen Schrifttum des liberalen Protestanten scheint man hier auf den ersten Blick nicht fündig zu werden, doch Andreas Rössler hat tiefer gegraben.1

 

1. Ein „metaphysischer Agnostiker“ vor der Frage nach der Ewigkeit

Der Prager Philosoph Oskar Kraus (1872-1942) findet es seltsam, „dass Schweitzer die Frage der Unsterblichkeit nirgends auch nur mit einem Wort berührt“.2 Das stimmt aber nicht ganz. Äußerungen zur Frage des Lebens nach dem Tod finden sich vor allem in seinen Predigten zu Ostern und zum Totengedenken, in seinen Briefen, in unveröffentlichten und erst posthum publizierten Skizzen, Entwürfen und Schriften. In seinen zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Schriften sind sie allerdings an den Fingern einer Hand aufzuzählen.3

Nachdenkenswert ist Schweitzers Auffassung vom Leben nach dem Tod nicht zuletzt deshalb, weil er sich neben der „Ehrfurcht vor dem Leben“ auch die „Ehrfurcht vor der Wahrheit“ auf die Fahnen geschrieben hat. Schweitzer ist sein Leben lang in der christlichen Überlieferung und Kirche verwurzelt, vertritt aber aus Gründen der Wahrhaftigkeit eine unerbittliche historisch-kritische Theologie. Er will den Mund nicht zu voll nehmen, sondern nur das sagen, wovon er selbst gewiss ist. Schweitzers Theologie ist immer zugleich Religionsphilosophie. So kann er nur glauben, (a) was ihm in der Bibel einleuchtet, und das ist ganz besonders Jesus von Nazareth mit seiner Verkündigung und seinem Ruf in seine Nachfolge; (b) was sich in der eigenen Erfahrung als wahr erweist; (c) was auch dem möglichst voraussetzungslosen Denken nicht widerspricht.

Was aber kann man dann ehrlicherweise zum Leben nach dem Tod sagen? Schweitzers Auffassungen dazu dürften für Rationalisten, Agnostiker und Skeptiker besonders aufschlussreich sein. Schweitzer ist „metaphysischer Agnostiker“,4 „der das Unerforschliche ruhig auf sich beruhen lässt. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Demut und Ehrfurcht!“5 Schweitzer schreibt an den Reformpädagogen Gustav Wyneken (1875-1964): „Alles Metaphysische der Religion kann ich als unerforschlich dahingestellt sein lassen.“6

„Agnostizismus“ heißt hier nicht, alles Wichtige, Gültige und Endgültige bleibe in jeder Hinsicht unerkennbar. Gegenüber einem solchen „starken“ vertritt Schweitzer eher einen „weichen“ Agnostizismus, der faktisch immer wieder auf die Grenzen menschlichen Erkennens stößt. Von einem rigorosen Agnostizismus trennt Schweitzer (a) die Denknotwendigkeit des göttlichen Urgrundes7 und (b) die innere Erfahrung des Willens Gottes als des „Willens der Liebe“.8 Der vorsichtige Agnostizismus Schweizers besagt: Es gibt in den entscheidenden Daseinsfragen Grundgewissheiten. Es bleiben aber auch unlösbare Rätsel, die man stehen lassen muss.

Das wird klassisch in Schweitzers Autobiografie „Aus meinem Leben und Denken“ (1931) formuliert: „Wer erkannt hat, dass die Idee der Liebe der geistige Lichtstrahl ist, der aus der Unendlichkeit zu uns gelangt, der hört auf, von der Religion zu verlangen, dass sie ihm ein vollständiges Wissen von dem Übersinnlichen biete. Wohl bewegt er die großen Fragen in sich, wie in Gott, dem Urgrund des Seins, der Schöpferwille und der Liebeswille eins sind, in welchem Verhältnis das geistige und das materielle Leben zueinander stehen und in welcher Art unser Dasein vergänglich und dennoch unvergänglich sei. Aber er vermag es, sie dahingestellt sein zu lassen, so schmerzlich ihm der Verzicht auf die Lösung ist. In dem Wissen vom geistigen Sein in Gott durch die Liebe besitzt er das Eine, was not tut.“9

 

2. Ewiges Leben schon jetzt

Wie kann der „metaphysische Agnostiker“ Schweitzer sein – wenn auch äußerst sparsam geäußertes – Vertrauen zu einem Leben nach dem Tod begründen? Zunächst grundsätzlich betrachtet, also nicht nur im Blick auf den Gedankengang Schweitzers: Für die Berechtigung dieses Vertrauens gibt es keine streng rationalen Beweise, aber auch keine zwingenden Gegenbeweise, genauso wenig wie es sich beweisen oder widerlegen lässt, den „Gott der Liebe“ als den wahren Charakter des denknotwendigen „Urgrundes des Seins“10 verstehen zu müssen. Hier bewegen wir uns auf der Ebene der deutlichen Hinweise, der Plausibilitäten.

Schweitzer argumentiert hinsichtlich der Frage nach einem Leben nach dem Tod kaum von der Bibel her. Er beruft sich nicht auf die Auferstehung Jesu als möglichen Grund oder wenigstens Anhalt unserer eigenen Auferstehungshoffnung. Jesus kommt hier aber so ins Spiel, dass sein starker ethischer Impuls, sein Ruf in die Nachfolge, die ganze Frage nach einem Leben über den Tod hinaus unterbricht, weil das Entscheidende für uns jetzt das Leben in der Gegenwart ist, mit tätiger Ehrfurcht vor dem Leben und mit Dienst am Reich Gottes. In diesem Sinn heißt es in Schweitzers vielleicht letzter schriftlicher Äußerung zum Thema, in einem Brief vom 10. Februar 1963 an den Physiker und Raketenkonstrukteur Wernher von Braun (1912-1977): „Als einer, der sich viel mit Religion beschäftigt hat, glaube ich nicht, dass das Leben nach dem Tode eine Forderung für die tiefe Religion ist. Die tiefe Religion hat es mit der geistigen Lebensweise, in die der Mensch eintritt, zu tun, in das Leben im Geiste, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Und diese tiefe Religion stellt keine Forderung, die auf eine Fortsetzung des Lebens nach dem Tode geht, sondern sie überlässt alles Gott.“11

Der ausschlaggebende Gesichtspunkt für ein mögliches Leben nach dem Tod ist einzig und allein Gott selbst. Alles Dasein ist durch den schöpferischen Urgrund des Seins bedingt, und eine Erfüllung über den Tod hinaus ist ohne diesen Urgrund nicht denkbar. Deshalb ist das, was nach dem Tod kommt, Gott zu „überlassen“. Darf Gott aber als der „Wille der Liebe“ geglaubt werden, dann legt es sich nahe, dass die Liebe Gottes auch mit dem Tod nicht zu Ende geht.

Diesen theozentrischen Ansatz verbindet Schweitzer mit der Erfahrung des Geistes Gottes bzw. des „Geistes Jesu“. Das geistige „Einswerden mit dem Unendlichen und Ewigen in diesem Dasein“12 legt das Vertrauen auf eine wie auch immer geartete Gemeinschaft mit dem Ewigen auch jenseits des Todes nahe. In einer Predigt zum Totengedächtnis vom 17. November 1907 heißt es: „Wer sein Leben im Angesicht des Todes zu betrachten wagt, wer es von ihm stückweise zurückempfängt und es lebt als etwas, das ihm nicht gehört, sondern geschenkt worden ist, mit der innerlich freien und friedvollen Gesinnung des Menschen, der in seinen Gedanken den Tod überwunden hat, der glaubt an ein ewiges Leben, weil er schon etwas davon hat und erlebt hat, und schon zehrt von dem Frieden und der Freude desselben. Wie es gestaltet ist, vermag er nicht zu sagen, er vermag seine Anschauung auch vielleicht nicht ganz mit den überlieferten Vorstellungen in Einklang zu bringen. Aber das weiß er gewiss, dass etwas in uns ist, das nicht vergeht, wenn wir selber vergehen, sondern das fortlebt und fortwirkt, überall wo das Reich des Geistes ist, weil es schon jetzt in uns lebt und wirkt, wenn wir innerlich durch den Tod zum Leben gekommen sind.“13

Jetzt schon erfahren wir ewiges Leben, indem der göttliche Geist von anderen auf uns und dann wieder von uns auf andere überspringt. Das sind für Schweitzer deutliche Hinweise auf das auch über den Tod hinaus Bleibende, auf das Ewige. In seiner Osterpredigt vom 31. März 1907 heißt es: „Und das ist das ewige Leben, dass wir uns jetzt schon in dem, was wir leben, nicht im Leben der äußeren, vergänglichen Welt und dessen, was sie dem natürlichen Menschen in uns vorspiegelt, stehend fühlen, sondern uns eins wissen mit dem Geiste Jesu, dem Geiste Gottes, in denen unser Geist Ruhe gefunden und zur Versöhnung mit dem unerklärlichen Rätsel des Daseins als solchem gekommen ist. Das ewige Leben haben heißt, durch den Geist Christi innerlich frei und tüchtig zum Leben geworden sein und gerade in dieser Sehnsucht freudig im Leben stehend. [...] Und dass der Geist, der im Leben schon von der Welt frei geworden ist, unvergänglich ist, das glauben wir nicht nur, das wissen wir. Denn wir und alle kommenden Zeiten leben ja und zehren von dem Geiste dieser Menschen. In uns allen ist etwas vom Geiste Jesu, vom Geiste des Paulus, vom Geiste Luthers, und wer sonst noch Leben in uns geweckt hat, Leben geworden, in uns zu neuem Leben auferstanden. Und nicht nur von diesen einzig großen, sondern von jedem Menschen, der innerlich frei geworden ist von der Welt, geht lebendiger Geist auf andere über und bleibt und wirkt in der Welt, auch wenn seinem Dasein ein Ziel gesetzt ist, und wäre es auch nur in einem Menschen, der durch ihn zur Freiheit und zum Leben kam.

Und auch das ist eine herrliche Zuversicht der Unsterblichkeit, dass man als eine kleine Kraft, die keinen Namen mehr hat, weiterwirkt und arbeitet in dem Gesamtgeiste, der von einer Menschheit auf die andere übergeht und sie immer wieder durch das geheimnisvolle Sterben und Freiwerden von der Welt, das durch Jesus eingeleitet ist, zum Leben in Gott führt.“14

Der Geist Jesu wohnt „schon jetzt“ in uns. Das Reich Gottes „lebt und wirkt schon jetzt in uns“. Ewiges Leben lässt sich im Dienst der Liebe „schon jetzt“ erfahren. Dem „schon jetzt“ entspricht aber ein „nicht nur jetzt, sondern auch künftig“. In diesem Sinn heißt es in einer Predigt vom 6. April 1902: „Zweck des Daseins ist, dass durch die Erfahrungen des Lebens unsere Seele erfüllt werde von der göttlichen Wahrheit und ihrer göttlichen Bestimmung, dass sie, schon jetzt in diesem Leben, das Leben der Unsterblichkeit in sich trägt. Zwecklos wird dieses Leben, wenn alle Erlebnisse an dem Menschen vorbeiziehen, ohne dass dieses innere Leben in ihm geweckt und gefördert wird.“15

In solchen Aussagen in Schweitzers Predigten bleibt es etwas in der Schwebe, ob er wirklich ein postmortales Dasein ins Auge fasst oder sich auf ein Weiterwirken des göttlichen Geistes in der Menschheitsgeschichte beschränkt, also noch diesseits der Todesschwelle.

 

3. Jesu „ewige geistige Auferstehung“

Schweitzer lehnt die Vorstellung ab, Jesus sei körperlich auferstanden. Jesu Auferstehung ist geistiger Art. Unter diesen Vorzeichen kann er in seiner Osterpredigt vom 3. April 1904 paradox sagen, er glaube „an die leibliche Auferstehung Christi“ – nämlich derart, dass Jesus in „irdischen, leiblichen Menschen wohnt“: „Ich schicke voraus, dass ich über die Auferstehung mehr geistig denke, und meine auch, dass der geistige Christus den Jüngern sich offenbart hat und dass es mit dem innerlichen Glauben nichts zu tun hat, wieviel sie nun nach den Berichten der Evangelien an dem geistigen Christus noch Leibliches schauten oder zu schauen meinten. Aber wie jeder auch darüber denken mag, wenn nur heute allenthalben der lebendige Christus gepredigt wird [...]. Darum ist es meine einzige Sorge, euch den lebendigen Christus lebendig zu verkünden, den wahren Auferstandenen, wie er sich jetzt noch den Seinen offenbart, und nur sofern und soweit er mir selbst offenbar geworden, kann ich euch lebendig und wahrhaftig von ihm reden. Vom Auferstandenen reden, heißt reden von dem, was man gesehen hat, nicht etwas nachreden16 [...] Und wenn mich jemand fragte: Glauben Sie an die leibliche Auferstehung Christi, dann würde ich sagen: Ja! Wo der Friede des Auferstandenen in irdischen, leiblichen Menschen wohnt und ihnen zum Leben wird, das ist die wahre, ewige, leibliche Auferstehung Christi.“17

Die eigentliche Auferstehung Jesu, so heißt es in Schweitzers Osterpredigt vom 16. April 1911, ist „die ewige geistige Auferstehung Jesu in den Menschenherzen“. Er „lebt in uns“, und er „wirkt durch uns in der Welt weiter“. Das ist die Antwort auf „die große Oster- und Auferstehungsfrage, die sich nicht auf etwas, was einmal geschah und was man glauben muss, auf Bericht, bezieht, sondern auf die ewige geistige Auferstehung Jesu in den Menschenherzen, – dass Christus lebt in uns und durch uns in der Welt weiterwirkt“.18

Jesu Geist ist in Menschen wirksam, die auf ihn hören und sich von ihm zu einem neuen Leben rufen lassen. Die Auferstehung Jesu bedeutet also, dass Jesu Geist universal wirksam ist. So verstanden, ist die Auferstehung Jesu ein Symbol für das Wirken des göttlichen Geistes in ungezählten Menschen, das nicht aufhören wird. So sagt er in seiner Predigt zum Totengedenken am 29. Oktober 1911: „Jesus lebt für mich weiter, nicht weil berichtet wird, er sei auferstanden, was für uns unfassbar ist, und wo wir nach unsern Anschauungen nicht annehmen können, dass es sich so verhielt, sondern weil ich weiß, dass sein Geist sich in vielen Menschen lebendig erwies, und ich selber fühle, wie er bei mir zum Leben gelangen will. […] Und in jedem Menschengeist, der nach dem Reinen strebt, sind Geister der Vergangenheit, die ihm helfen und die ihm den Weg zeigen und ihm helfen streben, wie sie gestrebt, und überwinden, wie sie überwunden, und die mit dem, was von Jesus ausgeht, den heiligen Geist ausmachen, der fort und fort in Menschen wirkt.“19

In seiner Osterpredigt vom 31. März 1907 müht er sich mit der Frage ab, wie man sich ewiges Leben nach dem Tod vorstellen könne. Es werden drei Möglichkeiten aufgeführt, „in welcher Form“ der menschliche Geist „in Gottes Geist aufgehoben bleibt“: (a) eine „kommende, leibliche Auferstehung“, die Schweitzer an anderer Stelle deutlich ablehnt; (b) „dass jeder als eine leiblose, geistige Persönlichkeit fortdauern wird“, also in anderen Menschen; (c) „dass jeder Einzelgeist aufgehen wird im göttlichen Geiste, aus dem er hervorgegangen ist, und am Ende alles Geistige wieder in Gott zurückgekehrt sein wird, und er wieder sein wird alles in allem, und nichts mehr sein wird als er“.20 Hier ist auf 1. Kor. 15,28 („Gott wird alles in allem sein“) angespielt.

 

4. Der „Gottes-Vorbehalt“

Besonders in zwei späten Briefen Schweitzers kommt ein „Gottes-Vorbehalt“ trostreich zur Geltung. Unter „Gottes-Vorbehalt“ verstehe ich im Blick auf die Frage nach einem postmortalen Leben einen bestimmten Ausblick: (a) Wohl ist unsere Erkenntnis vom Ganzen des Daseins beschränkt. Wie der göttliche Urgrund des Seins in der Welt wirkt und was sein wahrer Charakter ist, wie wir also mit ihm dran sind und was wir von ihm zu erwarten haben, das ist rätselhaft. (b) Andererseits erfahren wir in uns Gott als unbedingte sittliche Forderung, als Ruf in die Verantwortung, vor allem in der Begegnung mit von Gott durchdrungenen Persönlichkeiten, und dabei ganz entscheidend Jesus von Nazareth. „In der Welt tritt er [Gott] mir als rätselhafte, wunderbare Schöpferkraft entgegen; in mir offenbart er sich als ethischer Wille.“21 Damit versteht Schweitzer das Christentum als ethische Religion bzw. als „ethische Mystik“: „Halt und Richtung“ bekommt unser Leben dadurch, „dass wir uns von dem ethischen, sich in uns offenbarenden Gott ergreifen lassen und unser Wollen in seines dahingeben“.22 (c) Dabei ist eine endgültige Sinnerfüllung Gottes Sache: „So wandern wir durch die Welt, um Erkennen unbekümmert, selbst das, was wir für uns und die Welt erhoffen, Gott anheimstellend, alles in allem besitzend in dem Ergriffensein von dem lebendigen Gott“.23

Alles Gott „anheimzustellen“, ist der Gottes-Vorbehalt: Wir dürfen uns und alles zuversichtlich Gottes „Willen der Liebe“ anvertrauen. Der Gott, der der Urgrund des Seins und eben der „Wille der Liebe“ ist, wird das auch bleiben. Dieser Gottes-Vorbehalt findet sich besonders deutlich, hier aber christologisch vermittelt, bei Paulus in Röm. 8,38f: dass „nichts uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn“. Sofern wir gegenwärtig besonders an den Dunkelseiten des Lebens und der Welt zu leiden haben, äußert sich der Gottes-Vorbehalt in unserer Erfahrung als „Dennoch-Glaube“ im Sinn von Ps. 73.

Der erkenntnistheoretische Status des Gottes-Vorbehalts ist nicht der eines Beweises, sondern eines deutlichen Hinweises. Von gegenwärtiger Erfahrung aus wird eine mögliche Zukunft hochgerechnet. Der Durst weist hin auf das Vorhandensein von Wasser. Die Sehnsucht nach Erfüllung weist hin auf einen bleibenden Sinn.

In seinem Brief vom 14. März 1956 an seine Enkelin zu ihrer Konfirmation bettet Schweitzer seinen Gottes-Vorbehalt ein in den Aufruf zu religiöser Wahrhaftigkeit und in seine Betonung des ethischen Charakters des christlichen Glaubens: „Mach Dir keine Sorgen, wenn Du nicht alles glauben kannst, wie es die Kirche lehrt. Es kann kommen, dass Du Dir Gott nicht mehr so vorstellen kannst, wie es gelehrt wird, dass Du Dir auch Gedanken darüber machst, dass Gott des Kreuzestodes Jesu bedurfte, um den Menschen vergeben zu können, dass Du das ewige Leben nicht als eine leibliche Auferstehung, sondern nur als die Heimkehr der Seele in den Frieden Gottes begreifst. Lass Dir nicht das Glauben als das Eigentliche der Religion aufnötigen. Das Eigentliche der Religion ist, dass der Mensch den Geist Jesu hat und sich von ihm leiten lässt.“24

Am 3. März 1958 schreibt Albert Schweitzer einen Trostbrief an eine Frau Brandenburg in Wernigerode: „Unser Glaube ist, dass die Seelen derer, die von uns schieden, in das Reich des Friedens und des Lichtes eingehen und bei Gott sind. Dessen dürfen wir uns getrösten.“25

 

5. Das Reich Gottes – neu bedacht

Nach Schweitzer sind Jesus und die Urgemeinde, wie auch die jüdische Umgebung, von der Erwartung geleitet, die Herrschaft Gottes und damit das Ende der irdischen Welt stünden unmittelbar bevor: „Das Christentum aber lebt von der glühenden Hoffnung auf eine bessere Welt. Es lässt die Erlösung darin bestehen, dass Gott diese bessere Welt, das Reich Gottes, herbeiführt und die Menschen, die sich als fromm und sittlich bewährt haben, darin aufnimmt.“26

Jesus, die Urgemeinde und Paulus seien von der „Eschatologie“ bestimmt. Mit „Eschatologie“ meint Schweitzer die Erwartung, dass das Reich Gottes in allernächster Zeit übernatürlich hereinbrechen werde: „Von Eschatologie sollte man nur da reden, wo es sich um das in unmittelbarer Nähe erwartete Weltende [...] handelt.“27 Diese Naherwartung sei enttäuscht worden. Jesus habe sich in dieser Hinsicht somit geirrt. Nötig sei das Abstreifen der ganzen Vorstellungen von der Naherwartung. Es bedürfe einer Besinnung darauf, was als bleibender Gehalt der eschatologischen Botschaft Jesu festgehalten werden könne.

Für Schweitzer selbst besteht die Aufgabe darin, das Reich Gottes wenigstens bruchstückhaft in unserem Leben und Umfeld zu verwirklichen, so wie Paulus in seiner „Mystik“ die geistige Gemeinschaft mit Gott und Jesus betont habe: „Nicht mehr können wir, wie die Geschlechter vor uns, in dem Glauben an das am Ende der Zeiten von selbst kommende Reich Gottes verbleiben. Für die Menschheit, wie sie heute ist, handelt es sich darum, das Reich Gottes zu verwirklichen oder unterzugehen. Aus der Not heraus, in der wir uns befinden, müssen wir an seine Verwirklichung glauben und mit ihr Ernst machen.“28

Die „futurische“ wird weitgehend in eine „präsentische Eschatologie“ gefasst. Doch bleibt die Frage, ob bei neuem Aneignen der Reich-Gottes-Botschaft Jesu nicht doch auch ein „futurischer“ Aspekt festgehalten werden kann: Jeder Mensch steht in der „Naherwartung“ seines eigenen Todes. Sofern wir im Tod Gott vor uns haben, bricht dann im Tod, durch das jeweilige Endgericht bzw. eine erforderliche Läuterung hindurch, Gottes Reich für uns an.

Ausdrücklich bekennt sich Schweitzer in seinem letzten, um 1948/1949 entstandenen Werk „Reich Gottes und Christentum“ zum Glauben an eine zukünftige Welt, eine Ewigkeit bei Gott jenseits des Todes: „Auch für den neuzeitlichen Glauben bedeutet das Werden des Reiches Gottes auf Erden nicht alles. Auch er schaut von dieser Welt und von der Zeitlichkeit auf die Ewigkeit aus und auf das, was nach dem Tode sein wird. Er weiß aber, dass wir dies Gott anheimgestellt lassen müssen und dass wir in diesem Dasein nach der Seligkeit trachten müssen, dass es in uns und in der Welt Reich Gottes werde, aus der uns Gott, wenn wir uns in ihr bewährt haben, zur zukünftigen eingehen lässt.“29

In seinen Gifford-Lectures 1935 formuliert Schweitzer (in einem Presse-Auszug zu seiner Vorlesung vom 29. November) den Ausblick auf eine Endvollendung, die sich nicht auf die Menschen beschränkt: „Unlösbar bleibt uns auch das Problem der Fortdauer unserer Existenz. Die Vorstellung, dass nur die menschliche Existenz unvergänglich sei, vermögen wir nicht festzuhalten, sondern sehen uns gezwungen anzunehmen, dass irgendwie alle Existenz unvergänglich ist. Zugleich aber drängt sich uns der Gedanke auf, dass es eine Bedeutung für unsere unvergängliche Existenz hat, dass sich in diesem Erdendasein unser aus der Ewigkeit kommender und zur Ewigkeit zurückkehrender Wille zum Leben durch ethisches Verhalten läutere und vollende. Aber mehr als mit seiner Fortexistenz in dem Unendlichen und Ewigen ist der ethisch-religiöse Mensch mit seinem Einswerden mit dem Unendlichen und Ewigen in diesem Dasein beschäftigt. Nicht das Erkennen und Vorstellen, sondern die Frömmigkeit ist das Wesent­liche der wahren Religion.“30

Im Sinn der „Ehrfurcht vor dem Leben“ und von 1. Kor. 15,28 her legt sich für Schweitzer ein Aufbewahrt-Bleiben allen Lebens in der Endvollendung in Gottes künf­tigem Reich nahe.31 So sieht er sich „gezwungen an­zunehmen, dass irgendwie alle Existenz unvergänglich ist“.

 

Anmerkungen

1 Stark gekürzte und umgearbeitete Fassung des Aufsatzes des Autors: „Albert Schweitzers Auffassung vom Leben nach dem Tod. Der ‚Gottes-Vorbehalt‘ eines unerbittlich kritischen Denkers“, in: Trierer Theologische Zeitschrift, 3/2019, 234-254.

2 Oskar Kraus, Albert Schweitzer. Sein Werk und seine Weltanschauung, Berlin 21929 [11926], 38.

3 Schweitzers exegetische Abhandlungen sind hier außer Betracht zu lassen, da er in diesen nur beschreibt, was etwa Jesus, die Urgemeinde oder Paulus zur Frage der nachtodlichen Existenz geäußert haben, ohne dass er dabei ausdrücklich die Wahrheitsfrage stellt.

4 So Rudolf Grabs, Albert Schweitzer. Weg und Werk eines Menschenfreundes, Stuttgart 1953, 30.55. – Ders., Albert Schweitzer. Gehorsam und Wagnis, Hamburg 1957, 311f. – Ders., Albert Schweitzer, Denker aus Christentum, Halle 1958, 88-94.

5 Rudolf Grabs 1953 (s. Anm. 3), 30.

6 Brief an G. Wyneken am 23.3.1964, in: Ein Briefwechsel über das Christentum zwischen Gustav Wyneken und Albert Schweitzer, hrsg. von Günther Franz, in: Jahrbuch des Archivs der deutschen Jugendbewegung, 3. Bd. 1971, (84-99) 86.

7 Um den 17.7.1932: „Verstehe ich unter Gott den Urgrund des Seins, so habe ich sein Dasein weder zu erweisen noch zu bezweifeln, sondern einfach festzustellen, dass er ist (er ist als seiend erwiesen, mit dem Sein gegeben. Eine einfache Tautologie). Die ganze Verirrung kommt daher, dass man unsachlich redet und den undefinierten Ausdruck Gott gebraucht statt des sachlichen ‚Urgrund des Seins‘. Die Existenz des Urgrundes und des Inbegriffs des Seins zu bezweifeln oder zu erweisen [ist] gleich töricht. Die Frage ist nicht, inwiefern Gott existiert oder nicht existiert, sondern inwiefern der Urgrund und Inbegriff des Seins für mich etwas ist, zu dem ich ein geistiges Verhältnis habe (oder in ein geistiges Verhältnis komme). In dem Augenblick, wo ich zu ihm in ein geistiges Verhältnis trete und mich ihm hingebe, wird aus dem Urgrund und Inbegriff des Seins für mich Gott, d.h. ich verhalte mich zu ihm als geistiges Wesen zu einem geistigen Wesen.“ A. Schweitzer, Die Weltanschauung der Ehrfurcht vor dem Leben. Kulturphilosophie III, Erster und zweiter Teil (Werke aus dem Nachlass), hrsg. von Claus Günzler und Johann Zürcher, München 1999, 411f.

8 „Pantheistisch ist jedes lebendige Christentum insoweit, als es alles, was ist, als in dem Urgrund alles Seins seiend ansehen muss. Zugleich aber steht jede ethische Frömmigkeit über aller pantheistischen Mystik dadurch, dass sie den Gott der Liebe nicht in der Natur findet, sondern von ihm nur dadurch weiß, dass er sich als Wille der Liebe in uns kundgibt.“ A. Schweitzer, Aus meinem Leben und Denken (1931), in: ders., Gesammelte Werke in fünf Bänden, München 1974 [=GW], Bd. 1, (19-252) 248.

9 A.a.O., 247f.

10 S. Anm. 6.

11 Zitiert in: Dorothea und Werner Zager, Albert Schweitzer. Impulse für ein wahrhaftiges Christentum, Neukirchen-Vluyn 1997, 135.

12 A. Schweitzer, Vorträge – Vorlesungen – Aufsätze (Werke aus dem Nachlass), hrsg. von C. Günzler/Ulrich Luz/J. Zürcher, München 2003, 172.

13 A. Schweitzer, Predigten 1898-1948 (Werke aus dem Nachlass), hrsg. von R. Brüllmann u. E. Gräßer, München 2001, (859-865) 865.

14 A.a.O., (821-826) 825

15 A.a.O., (379-384) 383f. – Vgl. auch eine der ältesten erhaltenen Predigten Schweitzers von 1899: A.a.O., (78-81) 80.

16 A.a.O. (539-542) 539f.

17 A.a.O., 541.

18 A.a.O., (1108-1111) 1109.

19 A.a.O., (1152-1154) 1154.

20 A.a.O., (821-826) 825.

21 A. Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen (1923), in: ders., GW (s. Anm. 7), Bd. 2, (665-716), 711.

22 A.a.O., 712f.

23 A.a.O., 713.

24 90. Rundbrief für alle Freunde von Albert Schweitzer, Juni 2000, (44-45) 45.

25 In: Hans Walter Bähr (Hg.), Albert Schweitzer. Leben, Werk und Denken 1905-1965. Mitgeteilt in seinen Briefen, Heidelberg 1987, 263.

26A. Schweitzer, Das Christentum und die Weltreligionen (s. Anm. 20), 675.

27 A. Schweitzer, Geschichte der Paulinischen Forschung von der Reformation bis auf die Gegenwart, Tübingen (1911) 21933, 178. – Zitiert bei E. Gräßer, Albert Schweitzer als Theologe, Tübingen 1979, 253, Anm. 62, und bei Martin Strege, Das Reich Gottes als theologisches Problem im Lichte der Eschatologie und Mystik Albert Schweitzers, Stuttgart 1956, 186.

28 A. Schweitzer, Die Idee des Reiches Gottes im Verlaufe der Umbildung des eschatologischen Glaubens in einen uneschatologischen (1953). In: ders., GW (s. Anm. 7), Bd. 5, (341-374) 372f.

29 A. Schweitzer, Reich Gottes und Christentum (Werke aus dem Nachlass), hrsg. von U. Luz/U. Neuenschwander/J. Zürcher, München 1995, (197-358) 354.

30 A. Schweitzer, Vorträge – Vorlesungen – Aufsätze (s. Anm. 11), (139-172) 172. – Ähnlich: ders., Reich Gottes und Christentum (s. Anm. 28), 349.

31 Vgl. auch das „Harren der Kreatur“ in Röm. 8,18-22.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Andreas Rössler, Jahrgang 1940, Pfarrer der württ. Landeskirche, 1992-2003 Chefredakteur des Evang. Gemeindeblatts für Württemberg, 1992-2003 Vorsitzender des Evang. Bundes in Württemberg, 2004-2012 Schriftleiter der Zeitschrift "Freies Christentum".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 11/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.