Die zurückliegenden Monate waren vom Verzicht auf leibliche Gottesdiensterfahrungen gekennzeichnet. Mediale Gottesdienstformate traten an deren Stelle. Fehlt der Gemeinde der Gottesdienstbesuch? Und wenn ein Mangel festzustellen wäre, was wird dann vermisst? Was macht den in Gemeinschaft gefeierten Gottesdienst aus? Joachim Schnürle fragt danach, ob die Erfahrungen aus der Corona-Krise zu einem neuen Verständnis des Gottesdienstes in Gemeinschaft führen.

 

In den letzten Wochen wurden neue Erfahrungen verordnet, nicht nur in unserem Land sondern fast weltweit im Rahmen der Maßnahmen zum Umgang mit der Corona-Pandemie. Eine Verunsicherung hat sich global breit gemacht, die ihresgleichen sucht in den letzten Jahrzehnten. Auch die national verhängten Regelungen beinhalteten teilweise Einschränkungen von Persönlichkeitsrechten, wie dies in den letzten 80 Jahren kaum denkbar war. Auch die kirchlichen Aktivitäten waren davon betroffen, was auch ein neues Nachdenken über Sinn und Nutzen von Veranstaltungen wie Gottesdiensten und sonstigen gemeindlichen Zusammenkünften mit sich bringt. Gottesdienst als mediales Ereignis als Fernsehgottesdienst oder auch Großveranstaltungen, die an viele Orte übertragen werden wie z.B. bei ProChrist sind seit Jahren bekannte Optionen und werden auch von immobilen oder sonst an die eigene Häuslichkeit gebundenen Gemeindegliedern genutzt. Neu ist jedoch der obrigkeitlich verordnete mediale Gottesdienstbesuch durch eine Ausgangsbeschränkung und Verbot von Gruppenveranstaltungen außerhalb der Kernfamilie.

Fehlt der Gemeinde der Gottesdienstbesuch? Und wenn ein Mangel festgestellt wird, was wird denn dann vermisst, was macht den in Gemeinschaft gefeierten Gottesdienst aus – das kann man sich in dieser besonderen Zeit neu fragen. So können die Erfahrungen aus der Corona-Krise zu einem neuen Verständnis von Gottesdienst in Gemeinschaft führen.

 

Soziale, psychische und weitere Aspekte der gottesdienstlichen Zusammenkunft

Gottesdienst ist ein komplexes psychosoziales Geschehen, dem transzendente Wirkungen zugeschrieben werden. Im Laufe der letzten Jahrhunderte hat sich eine intensive Auseinandersetzung mit den multiaxialen Komponenten zwischen den verschiedenen Akteuren ergeben. In den letzten Jahrzehnten mit dem Anspruch einer wissenschaftlichen Durchdringung dieser verschiedenen Wirkebenen. Weiterhin aber bleibt Gottesdienst ein Phänomen, das einem verbesserten Verständnis offen bleibt1. Gerade auch in den letzten Jahren sind neue Überlegungen zum gesellschaftlichen und sozialen Standort des Gottesdienstgeschehens offenkundig. Diese veranlasst durch nachlassende Besucherzahlen, insbesondere von vielen traditionellen Gottesdiensten im Umfeld der Großkirchen und dagegen wachsenden Zusammenkünften von neueren Bewegungen wie z.B. Gruppen, die von Idealen einer „emerging church“2, beeinflusst sind.

Das Gottesdienstgeschehen kann auf verschiedenste Weise in Augenschein genommen werden und einer Untersuchung dienen. Er kann als mediales Ereignis, als performatives Geschehen, als identitätsstiftendes Sozialereignis betrachtet werden oder als soziokulturelle Gedächtnisbildung bzw. als Erhalt und Pflege der gewordenen soziokulturellen Errungenschaften. Der Blick kann auf die verschiedenen Subjekte im Gottesdienstgeschehen gerichtet werden, die Pfarrerin, den Prediger, der eine performative Textinszenierung bietet3.

Diesen einer sozialwissenschaftlichen Untersuchung zugänglichen Teilaspekten, welche mit den Methoden der Sozialpsychologie, der Kommunikationswissenschaft und angrenzender Gebiete bearbeitet werden können, stehen jedoch noch weitere Modalitäten gegenüber. Wie soll eine transzendente Wirkung im Gottesdienstgeschehen gemessen oder verortet werden?4

 

Funktionalität des Gottesdienstgeschehens?

Funktion des Gottesdienstes ist in einer subjektiven Sichtweise neben einer consolatio in verschiedenen Lebensumständen auch eine Form der Alltagsbewältigung. Gottesdienstbesucher werden am Sonntag oder bei anderen Terminen mobilisiert, in Bewegung gesetzt und so einem körperlichen Aktivierungsprogramm unterzogen. Die zwischenmenschliche Begegnung während und nach dem gottesdienstlichen Geschehen hat eine wichtige soziale Funktion, was in den letzten Monaten neu deutlich wurde: ein Weg heraus aus der Isolierung und Vereinsamung unserer modernen Welt. In den Erfordernissen unserer schnelllebigen Zeit kommt immer wieder der Wunsch nach Entspannung, einem Innehalten und nach Pausen im Wochenrhythmus auf. Auch dies sind Funktionen eines Gottesdienstes, die der Stressbewältigung dienen, ohne dies direkt zu adressieren. Der Gottesdienst kann in diesem Sinne als eine Achtsamkeitsübung betrachtet werden.5

Und wieder stellt sich neben diesen messbaren, weltimmanenten Faktoren die Frage nach der transzendenten Seite des christlichen Gottesdienstes. Ist die soziale Komponente der Zusammenkünfte das eigentliche Add on, der Mehrwert eines gemeinschaftlich in einem sakralen Gebäude gefeierten Gottesdienstes? Ist es die Wirkung des Gottesdienstraumes, dessen Spektrum vom altehrwürdigen Dom bis zum gottesdienstlich vorbereiteten Gruppenraum in einem Industriegebiet variieren kann?6

Besteht der Mehrwert des Gemeinschaftsgottesdienstes in der kollektiven Bewegung hin zu der transzendent geglaubten Gottheit oder in einer wie auch immer gearteten Wirkung Gottes und seines Christus. Dass ein Mehrwert des Gemeindegottesdienstes im Geschehen vor Ort besteht, ist in den letzten Wochen schmerzlich ins Bewusstsein getreten.

Der Mehrwert könnte auch in einer „verlängerten“ Wirkkraft des Gottesdienstgeschehens postuliert werden. Herrscht ein prolongierter Effekt nach unseren gemeinschaftlich gefeierten Gottesdiensten vor? Eine Nachwirkung, die auch hinter der geschlossenen Kirchentür noch merklich und wahrnehmbar ist? Ein populäres Buch des verstorbenen Jugendevangelisten Hans-Peter Royer (1962-2013) trägt den Titel: Nach dem Amen bete weiter. Nach dem Erscheinen 2004 wurden in der Folge rasch verschiedene Auflagen herausgegeben, bereits 2015 wird eine 13. Auflage gedruckt. Anliegen dieser Schrift ist eine Wirkung des gottesdienstlichen Geschehens auch in die Woche hinein, über die besondere Situation des Sonntages hinaus.

 

Ein historischer Impuls zur Wirkung des Gottesdienstes

Wie wurde in früheren Zeiten der Gottesdienst unter diesem Aspekt gesehen? Lassen sich Impulse für unsere heutige Sichtweise ableiten und bekommen wir Antworten auf die Frage nach der Notwendigkeit eines Präsenz-Gottesdienstes in einer Zeit der digitalen Medialisierung?

Der württembergische Pfarrer Gustav Gerok (1845-1929), Sohn des Pfarrers und Schriftstellers Karl Gerok (1815-1890), hat eine Anthologie von Gedichten und Gesängen unter dem Titel „In treuer Hut – Fromme Lieder für die Lebensreise“ herausgegeben. Die darin enthaltenen Gedichte und Gedanken zum Lebensweg des Christen umfassen ein breites Spektrum an Lebenssituationen und Lebensumständen, die unter dem Aspekt der Begleitung und Gegenwart des Christus betrachtet und besungen werden. Nach dem Eingang: „Christus allein“, folgen praktische Gesichtspunkte unter folgenden Überschriften: „Christus in der Gemeinde“, „Christus Hausgenosse“, „Christus und die Wanderjahre“, „Christus im Beruf“, „Christus im Leide“, schließlich „Christus im Tode“.

Gerok hat Gedichte von Albert Knapp (1798-1864), Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832), Max von Schenkendorf (1783-1817), Angelius Silesius (1624-1677) und anderer aufgenommen. Neben mehreren Gedichten seines Vaters sind von Gustav selbst auch vier Gedichte in die Sammlung eingeflossen. Darunter ein sechsstrophiges Gedicht unter dem Titel „Gottesdienst“. Der noch junge Pfarrer legte darin Wünsche und Desiderate nieder, die das gottesdienstliche Geschehen betreffen. In wieweit darin auch eigene Erfahrungen wiedergespiegelt werden, bleibt offen. Gerok hat erwünschte Wirkungen des Sonntagsgottesdienstes im Blick, die ihm das Gottesdienstgeschehen aus dem Alltag in eine heilige Atmosphäre heben. Zu diesem lädt er ein und kann den positiven Ertrag nicht genug anpreisen. Die erste Strophe ist eine Einladung, die er auch an äußerliche Gegebenheiten, wie das „(T)önen der Glocken“ koppelt.

 

Der Gottesdienst stillt das Sehnen nach der Ewigkeit

Der dichtende Pfarrer geht von einer Sehnsucht im Menschen aus, die im Gottesdienst, am Ort des Gottesdienstes, der Kirche gestillt wird. „So heilig ists an diesem Ort“! Eine Suche nach einem Empfinden und Erleben von Heiligkeit postuliert er als den ubiquitär vorhandenen Beweggrund. Sentimental scheint die Beschreibung, wie „friedevoll die Glocken tönen“. Doch relativiert sich dieses Empfinden von Sentimentalität, wenn man von den Arbeitszeiten und Arbeitsanforderungen der Arbeiterklasse zum Ende des 19. Jh. ausgeht. Und nun, 2020 in der Post-Corona-Ära, lernen wir neu solche äußerlichen Gewohnheiten schätzen, die über Monate fast abhanden schienen.

O komm in Gottes Haus herein,
Da findest du, was längst dein Sehnen,
Hör, wie im Morgensonnenschein
So friedevoll die Glocken tönen!
So heilig ists an diesem Ort,
Kein Weh der Erde darf dich stören,

Wo das uralte Gotteswort
Läßt seine Hirtenstimme hören.

Gerok sieht die Mauern des Gotteshauses als Schutzwall, der auch auf die Gedanken des Gottesdienstbesuchers wirkt: „Kein Weh der Erde darf dich stören“, zumindest nicht für die Zeit des Eintauchens in diesen heiligen Raum. Die Hirtenstimme des uralten Gotteswortes soll trösten, neu ausrichten und in die Nöte der Zeit hinein wirken. Dies im ausgehenden 19. Jh. und doch auch wieder im 21. Jh. unserer Zeitrechnung. Diese schon von Raum und Ambiente vorgegebenen Wirkungen werden durch die mutmachende Botschaft und den Hinweis auf den Hirten, der sich zuwendet, der redet, der ein Wort in die Zeit hinein zu sagen hat, verstärkt. Das uralte Gotteswort führt nicht primär in eine sentimentale Stimmung sondern in eine heilige, aus dem Alltag herausgehobene, das Hier und Jetzt transzendierende Trost- und Krafterfahrung.

 

Begegnung mit dem segnenden Vaterherz

Doch nicht der Ort, der Raum, die Klänge und Gerüche sind entscheidend. Nicht das menschlich vorgetragene Wort des Gemeindehirten ist das entscheidende Geschehen im Gottesdienst: Der Pfarrer wünscht und proklamiert eine Begegnung mit Gott während des Gottesdienstes. Gott öffnet sein Vaterherz in der Anrede an das Gemeindeglied und wirkt so eine Begegnung. Eine Begegnung, die mit „Heil und Segen krönt“. So wird der Sonntag aus dem Alltag herausgehoben. In der Begegnung wird der Christ in die Gleichzeitigkeit mit Christus und seine Taten versetzt. Dem Subjekt wird der Schmerz Christi, sein Leiden, sein Versöhnungshandeln vergegenwärtigt und damit als persönliches Gut angeeignet. Dadurch wird des Geistes Kraft manifest und erlebbar.

Es öffnet dir ein Vaterherz,
Das dich mit Heil und Segen krönet,
Es zeiget dir des Sohnes Schmerz,
Dadurch er dich mit Gott versöhnet,
Dir offenbarts des Geistes Kraft,
Der Leben schafft aus Tod und Sterben,
Dich machts nach kurzer Pilgerschaft
Zum Gotteskind, zum Himmelserben.

Auch werden die auf die Ewigkeit bezogenen Gaben Gottes gedanklich verdeutlicht und können eine Wirkung, die aus den alltäglichen Widerfahrnissen heraushebt, haben. Nicht ein Verdrängen der alltäglichen Situationen ist das Ziel, nicht eine Weltflucht wird hier angemahnt, aber eine Relativierung der persönlichen Einschätzungen und des persönlichen Leidens unter dem Aspekt einer Einordnung in den gesamten Lebenszusammenhang, auch in Bezug auf die zu erwartende Ewigkeit.

 

Nachhaltige Wirkung des Gottesdienstes

Nachhaltigkeit ist im Wirtschaftsleben unserer Tage ein Begriff, der immer wieder auftaucht. Er soll beim Anpreisen eines Produktes darauf hinweisen, dass es sich lohnt, in die Langlebigkeit der Errungenschaft zu investieren, nicht zuletzt um dadurch Ressourcen zu sparen und der Müllproduktion Einhalt zu gebieten. Nachhaltigkeit in Bezug auf das gottesdienstliche Geschehen meint sicherlich nicht nur die regelmäßig wiederkehrende Möglichkeit, an einem Gottesdienst teilzunehmen. Eine Wirkung auch nach dem Gottesdienst wäre wünschenswert.

Der schwäbische Pfarrer unterbreitet Vorschläge in seinem Gedicht, um eine weitere zeitlich andauernde Wirkung zu erzielen:

Und bist du in der Frommen Reih’n
Still aus der Kirche heimgekehret,
Dann schließ dich in dein Kämmerlein,
Wo nicht der Lärm der Welt dich störet,

Im eignen Herzen sieh dich um,
Durchforsche seine tiefsten Falten,
Ob auch dies Herz ein Heiligthum,
Drin deines Gottes Kraft mag walten?

Nicht zum Alltagsprogramm soll sofort übergegangen werden, dem nächsten Programmpunkt wie z.B. der Sorge um das geeignete Sonntagsmenu. Gerok empfiehlt, nach dem gemeinschaftlichen Gottesdienst, die Stille zu suchen. Eine Anwendung des Gehörten auf sich selbst, ein Durchforschen des eigenen Herzens, also ein bußfertiger Blick in die eigenen seelischen Befindlichkeiten hilft weiter. So soll das Herz ein Heiligtum werden, in dem Gottes Kraft wirken kann. Die private Selbstbetrachtung und Beichte als Element einer evangelischen Spiritualität sieht er im Laufe des Sonntags als geeignet an, um einen Nutzen, eine nachhaltige Wirkung aus dem Gemeinschaftsgottesdienst zu ziehen. So sollen sich Gemeinschaft und persönliches Stehen vor Gott ergänzen und gegenseitig befruchten:

Was ihm zuwider, räum’ hinaus,
Und ob es dir das Liebste wäre,
Schmück ihm, so gut du kannst, das Haus,
Damit es seinen Meister ehre,
Dir sei sein Wort der Silberquell,
Daran der Andacht Blumen blühen,
Dir sei’s die Sonne morgenhell,
Vor deren Glanz die Schatten fliehen.

Auch dabei soll das Wort Gottes leitend und richtend, als Silberquell dienen. So sieht er Veränderung der Persönlichkeit und auch der Umstände, in denen das Individuum lebt.

 

Gottesdienst als Ausrüstung für den Alltag

Nicht einem weltabgeschiedenen Leben bricht der Pfarrer, der in Stuttgart aufgewachsen ist, eine Lanze. Er, der in der schwäbischen Metropole arbeitete und lebte, ist sich sehr wohl dessen bewusst, was der Alltag für Anforderungen an den Einzelnen stellt. Er hat Handwerker, Weingärtner, Kaufleute und Arbeiter im Blick: „muthig ins Gedränge“ sollen sie sich begeben. An ihrem Arbeitsplatz, an ihrem Platz in der Familie und Gesellschaft. Der Gottesdienst und die geeignete Nachbetrachtung helfen mit, im Alltag sowohl in frohen, wie in schweren Stunden durchzuhalten. Ein Wissen um die „rechten Gänge“ resultiert aus dem gemeinschaftlichen Hören auf Gottes Wort und aus dem gemeinsamen Sich-Weihen im gottesdienstlichen Geschehen.

Und ist das Herz erst Gott geweiht,
Dann wag dich muthig ins Gedränge;
Dir zeigt durch allen Neid und Streit,
Dies Himmelslicht die rechten Gänge;
Froh wirst du mit den Frohen sein,
Mit den Betrübten wirst du klagen,
Dir jauchzt das Herz im Sonnenschein,
Doch auch im Sturm wird es nicht zagen.

Der Seelsorger weiß auch um notwendige Ausrüstung, die er im Kontakt mit seinen Gemeindegliedern benötigt, im speziellen Seelsorgegespräch, aber auch in der im Alltag geschehenden Seelsorge bei kurzen Begegnungen. Er hat erfahren, dass aus dieser sonntäglichen Ausrichtung der Gedanken und des Herzens die rechte Haltung entsteht, um mit den Frohen froh zu sein und mit den Betrübten in ein hilfreiches, gottzugewandtes Klagen einzustimmen. Diese Ausrüstung ist für viele Lebensumstände hilfreich und reicht weit über die Wissensvermittlung und Wissensaktualisierung durch Predigt, Liturgie und Gesang hinaus. So gestärkt wissen sich Prediger und Predigthörer vereint. Transzendente Kräfte sind wirksam im Herzensheiligtum, die auf andere Weise nicht erworben werden können.

 

Der Sonntag mit seinem Gottesdienst als Angeld auf den „ewgen Sonntag“

So gestärkt, kann der Montag kommen mit den nachfolgenden Tagen, was auch immer diese bringen mögen. Es gibt die ruhigen, stillen Zeiten, aber auch unerwartete Ereignisse, Katastrophen und selbst noch im 21. Jh. die bei uns schon längst überwunden geglaubten Seuchen und Pandemien. Für vielfältige Anforderungen ist der so Gestärkte bereit. So ausgerüstet kann der Einzelne „tapfer durch die Welt gehen“, in den täglich neu anfallenden Herausforderungen.

Du schwingst dein Schwert im Kampfgewühl,
Wenn’s gilt, dich durch die Welt zu schlagen,
Du greifest fromm ins Saitenspiel

An stillen, friedevollen Tagen;
So gehst du tapfer durch die Welt
Und trägst im Herzen Himmelsfrieden,
Bis einst, wenn es dem Herrn gefällt,
Der ew’ge Sonntag dir erschienen.
7

Ein Himmelsfrieden, der im Alltag standhält, der immer wieder neu erworben wird, Sonntag für Sonntag, ist der Ertrag des gemeinsamen Gottesdienstes. Gerok sieht darin ein Angeld auf den ewigen Sonntag, der in der Ewigkeit gefeiert wird.

 

Ein Plädoyer für den gemeinschaftlichen Gottesdienst nach der Corona-Pandemie

Aus diesem Gedicht, das nun schon mindestens 140 Jahre alt ist, können für unser Gottesdienstverständnis und für die Sonntagsgestaltung in der Post-Corona-Ära Impulse ausgehen. Wurde doch ganz neu deutlich, wie die als selbstverständlich empfundene Möglichkeit des Gemeindegottesdienstes in Zeiten der Not und Unmöglichkeit eine Lücke lässt. Eine reine Wissensvermittlung und Wissensaktualisierung ersetzt nicht das Gemeindeleben und nicht den Gottesdienst. Die sozialen Dimensionen des Gottesdienstes sind neu deutlich geworden, aber auch Wirkungen, die über psychosoziale Gesetzmäßigkeiten hinausreichen, werden bei der Reflektion deutlich. So kann dieses Plädoyer des schriftstellernden Pfarrers Gustav Gerok manche Aspekte des gottesdienstlichen Geschehens neu ins Gedächtnis und auch ins Gemeindeleben bringen. Es lohnt sich, zum Gottesdienst einzuladen und sich selbst in die Reihe der gottesdienstlichen Gemeinde einzureihen – mit der Erwartung von Wirkungen, die über psychosoziale Errungenschaften hinausgehen.

 

Anmerkungen

1 Vgl. Friedrich Schweitzer: Gottesdienst auf dem Prüfstand. Empirische Befunde – offene Fragen – Herausforderungen für die Zukunft. In: Kompendium Gottesdienst. Der evangelische Gottesdienst in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Hans-Joachim Eckstein, Ulrich Heckel und Birgit Weyel, Stuttgart 2011, 285-306; Jochen M. Arnold: Was geschieht im Gottesdienst? Zur theologischen Bedeutung des Gottesdienstes und seiner Formen, Göttingen 2011.

2 Tobias Faix und Thomas Weißenborn: ZeitGeist – Kultur und Evangelium in der Postmoderne. Marburg 2007; Tobias Faix, Arne Bachmann und Tobias Künkler: Emerging Church verstehen: Eine Einladung zum Dialog, Marburg 2012.

3 David Plüss: Gottesdienst als Textinszenierung – Perspektiven einer performativen Ästhetik des Gottesdienstes. Zürich 2007. Birgit Weyel: Der Gottesdienst als Ritual. In: Kompendium Gottesdienst. Der evangelische Gottesdienst in Geschichte und Gegenwart, hrsg. von Hans-Joachim Eckstein, Ulrich Heckel und Birgit Weyel, Stuttgart 2011, 166-184.

4 Martin Nicol: Weg im Geheimnis: Plädoyer für den Evangelischen Gottesdienst, Göttingen 2009.

5 S. meine Ausführungen: Der Gottesdienst als Achtsamkeitsübung – Zum 400. Geburtstag von Tobias Clausnitzer. DPfBl 12/2019, 681-684.

6 Helmut Umbach: Wie im Himmel – so auf Erden, über Raumträume und Traumräume im Gottesdienst. In: Theologisches Geschenkt. Festschrift für Manfred Josuttis, hrsg. von Christoph Bizer, Jochen Cornelius-Bundschuh und Hans-Martin Gutmann, Bovenden 1996, 59-75.

7 Gustav Gerok: Gottesdienst. In: In treuer Hut – Fromme Lieder für die Lebensreise, ausgewählt von Gustav Gerok, 4. Aufl. Frankfurt o.J., 35-37. Es sind mehrere Folgeauflagen erschienen, eine 11. Auflage im Jahr 1903 in Halle, s. Gesamtverzeichnis des Deutschen Schrifttums (GV) 1700-1910, Bearbeitet unter der Leitung von Hilmar Schmuck und Willi Gorzny, Bd. 45, Gel-Ger, München/New York/London/Paris 1982, 376. Das Gedicht ist auch abgedruckt bei Karl Zettel: Edelweiß – Für Frauensinn und Frauenherz. Eine Auswahl aus der neuesten deutschen Lyrik, 11. Aufl., Stuttgart 1884, 209f sowie in weiteren Auflagen. 1896 erschien die 30. Auflage in Stuttgart. Eine 44. Auflage erschien ohne Erscheinungsjahr.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. Joachim Schnürle, Jahrgang 1970, Mediziner, tätig in der Altmühlseeklinik Hen­soltshöhe in der Rehabilitation von onkologischen und psychosomatischen Patienten; Interessenschwerpunkt: Psychotherapie und Seelsorge unter Rückgriff auf das Glaubensgut in Kirchenliedern und Erbauungsliteratur; Veröffentlichung zum seelsorgerlichen Gebrauch von Schriften Gerhard Tersteegens, Philipp Friedrich Hillers und Thomas von Kempens.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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