Nur noch etwa halb so viele Mitglieder im Jahr 2060! Mit der Studie „Kirche im Umbruch“ zeichnet die EKD ein düsteres Bild von der Zukunft der Kirche. Wie wirkt dieses Bild auf die Mitglieder? Wie auf Menschen, die in der Kirche Verantwortung tragen? Wie auf die nichtkirchliche Öffentlichkeit? Volker Matthaei befürchtet: Dieses Bild demotiviert und lähmt nach innen und schwächt die Stellung der Kirche nach außen.

 

Die Studie „Kirche im Umbruch“1 (kurz: Projektion 2060) zeichnet von unserer Kirche das Bild einer überalterten Organisation, der die Menschen scharenweise den Rücken kehren. Ich habe die Sorge, dass dies zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird. Umso wichtiger ist es zu überprüfen, ob dieses Bild, wenn schon nicht schön, so doch wenigstens realistisch ist. Es lohnt sich also genau anzuschauen, wie die Studie zu ihren Ergebnissen gekommen ist und wie diese Ergebnisse kommuniziert werden.

 

1. Zur Methodik der Studie

Zur Methodik der Studie ist dort zu lesen: „Projektionen wie diese basieren natürlich auf Annahmen. Im Prinzip spiegeln wir die heutigen Verhältnisse in die Zukunft. (…) Unsere Projektionen gehen davon aus, dass das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern in den letzten Jahren auch für die Zukunft repräsentativ ist.“2 Oder anders gesagt: „Wir gehen davon aus, dass (…) sich Menschen morgen verhalten, wie sie es auch heute tun.“3

Diese methodische Voraussetzung ist allerdings von zwei Seiten her hinterfragbar:

Ist die Annahme eines linearen Verlaufs plausibel?

Eine (im Durchschnitt) lineare Entwicklung über 43 Jahre hinweg (Basisjahr für die Datenerhebung war 2017) ist natürlich nicht auszuschließen. Sie könnte u.U. sogar übertroffen werden. Es könnten aber auch Entwicklungen und Ereignisse kommen, die einen Gegentrend auslösen, so dass die prognostizierte Entwicklung abgeschwächt oder sogar gestoppt würde. Über einen solchen Zeitraum hinweg ist eine Festlegung auf eine dieser Varianten „Kaffeesatzlesen“. Verlässlichere Vorhersagen sind allenfalls möglich bei klar identifizierbaren demographischen Faktoren wie der Altersstruktur der Kirchenmitglieder. Wenn Menschen sich tatsächlich morgen wie heute verhalten würden, wäre es nicht erklärbar, wieso die Kirchenaustrittsquote in den Jahren 1992 bis 1995 im Bereich zwischen 0,99% und 1,24% und 2000 bis 2012 im Bereich 0,47% (2005) bis 0,70% (2000) lag, dann aber hochgegangen ist auf Werte zwischen 0,76% (2013) und 1,28% (2019)4. Fazit: Wir sollten damit rechnen, dass Verhalten Veränderungen unterliegt – mehr noch: Wenn wir nicht damit rechnen würden, dass menschliches Verhalten veränderbar wäre, würden wir unseren Auftrag als Kirche verfehlen.

Welcher gegenwärtige Ausschnitt wird für die Fortschreibung gewählt?

Statistikfachleute wissen, dass es für Prognosen entscheidend ist, welcher Ausschnitt gewählt wird, wenn man aktuelle Entwicklungen in die Zukunft fortschreibt. Ob z.B. Austrittsquoten für den Zeitraum 2000 bis 2017 hochgerechnet werden oder für den Zeitraum 2013 bis 2017, kann über 43 Jahre hinweg Unterschiede bei den prognostizierten Kirchenmitgliederzahlen in Millionenhöhe ergeben. Bei der Frage nach dem gewählten Maßstab für die Austrittszahlen der letzten Jahre hilft „Kirche im Umbruch“ nicht weiter. Wer mehr erfahren will, findet im dazugehörigen Factsheet den Hinweis, dass die Studie den Zeitraum 2013 bis 2017 mit einer durchschnittlichen Austrittsquote von 0,95% zum Maßstab für die Fortschreibung bis 2060 gewählt hat5 – genau den Zeitraum also, in dem die Austrittszahlen massiv nach oben gegangen sind. Die Entscheidung für diesen Auswahlzeitraum ist keine wissenschaftliche, sondern eine politische Entscheidung; eine Begründung für genau diesen Auswahlzeitraum findet sich weder in der Studie noch im Factsheet6.

Wichtig scheint mir, die enormen Schwankungen der Austrittsquote in den genannten Zeiträumen zu analysieren. Für 1992 bis 1995 dürfte der Hauptgrund für den massiven Anstieg (1992 höher als in allen Jahren des Zeitraums 2013 bis 2017!) in der Einführung des Solidaritätszuschlags 1991 liegen, der viele Kirchenmitglieder dazu bewogen hat, zur Kompensation die Kirchensteuer durch Austritt einzusparen. 2014 waren es die Veränderungen beim Einzug der Kapitalertragssteuer7, die in den Folgejahren zu einer Welle von Kirchenaustritten geführt haben. Daneben haben in den letzten Jahren beide Kirchen (wenn auch in unterschiedlichem Umfang) durch die medial sehr präsente Missbrauchsthematik Vertrauensverluste zu spüren bekommen. Es ist daher zu fragen, ob die letzten Jahre als repräsentativ gelten können, d.h. ob sie als Maßstab langfristiger Prognosen geeignet sind.

 

2. Zur zeitlichen Reichweite der Studie

Nicht nur kirchenleitende Gremien als Planungsverantwortliche haben ein Interesse an gutem Datenmaterial zur zukünftigen Entwicklung unserer Kirchen. Auch wir Pfarrerinnen und Pfarrer würden gerne wissen, wie sicher unsere Versorgung ist und wie groß die Gemeinden der zukünftig weniger werdenden jungen Kolleginnen und Kollegen sein werden. Die entscheidende Frage lautet aber: In welchem Umfang ist die angestrebte Planungssicherheit über einen Zeitraum von über 40 Jahren hinweg realistisch?

Unvorhergesehene Ereignisse finden naturgemäß keinen Eingang in solche Prognosen: Hat im Jahr 1978 jemand den Zustrom der Aussiedler aus dem Osten Europas vorhergesehen? Hat jemand den Zusammenbruch der DDR samt Wanderungsbewegungen in Richtung der westlichen Bundesländer vorhergesehen? Völlig offen ist im Moment, welche Folgen die Corona-Krise für unsere Gesellschaft haben wird. Die Frage ist daher: Kann man überhaupt so langfristig planen?

Der Managementberater Reinhard Sprenger schreibt zu langfristigen Planungen: „Mit Planungen kann man zwar die Kontrollillusion aufrechterhalten, aber sie beeinträchtigt die adäquate Wahrnehmung der Wirklichkeit. Wer versucht, den Zufall und die Störung so weit wie möglich auszuschließen, kann sich kaum einstellen auf das Wichtige, das gestern noch unwichtig schien. Langfristige Planungen gehören daher weitgehend der Vergangenheit an. Sie sind in hohem Maße illusionär. (…) Planungen mittlerer Reichweite sind praktischer.“8 Genau diese Langfristigkeit in der Planung wird in unseren Kirchen aber derzeit praktiziert, wenn die Kirchensteuerprognosen für 2060 auf aktuelle Doppelhaushalte hinuntergebrochen werden.

Den Nachweis für meine Skepsis gegenüber Prognosen bis ins Jahr 2060 werde ich mit hoher statistischer Wahrscheinlichkeit nicht mehr selbst erbringen können – aber selbst wenn sie zuträfen, würde man darüber streiten können, ob ein Eintreffen der Vorhersagen eine Folge des Phänomens der self-fulfilling prophecy ist: Auch an der Börse wird ein guter Teil der Kursentwicklung von Unternehmen durch Psychologie beeinflusst; selbst ein exzellent aufgestelltes Unternehmen mit einem guten Produkt kann durch Negativpresse in die Krise geraten – das ist für den Bereich der Kirchen nicht grundsätzlich anders.

Überprüfbarer als die aktuelle Langfristprognose ist die Frage, ob langfristige Prognosen der EKD in der Vergangenheit sich als zutreffend erwiesen haben. Dabei kommt es zu einem Déjà-Vu: In der Studie des EKD-Kirchenamts „Strukturbedingungen der Kirche auf längere Sicht“ von 1984 heißt es: „Unter günstigen Bedingungen ergäbe sich nach diesen Berechnungen eine Abnahme der [evangelischen] Kirchenmitgliedschaft bis 2030 auf 51% von 1980.“9 Diese Studie entwirft mehrere Szenarien, nach denen die Zahl der Evangelischen in Westdeutschland im Jahr 2020 je nach Modell zwischen 14,6 und 17,1 Mio. liegt.10 Tatsächlich waren es am Jahresbeginn 2020 in den westlichen Landeskirchen 18,2 Mio. (wobei die inzwischen im Osten mitgezählten Westberliner sogar noch dazukommen)11 – selbst das günstigste Szenario wurde also noch um etwa 1,6 Mio. Kirchenmitglieder übertroffen.

Völlig nutzlos sind langfristige Prognosen dennoch nicht. Sie sind zumindest näherungsweise möglich in dem Umfang, wie demographische Faktoren (z.B. die Altersstruktur unserer Mitglieder) klar zu identifizieren sind. Hierzu heißt es in der Studie: Der „Überhang an Sterbefällen über Geburten und Zuwanderung führt dazu, dass sich die Mitgliederzahlen bis 2060 um 24 Prozentpunkte verringern werden“12. Für etwas mehr als die Hälfte des Rückgangs (28% der heutigen Zahlen) werden in der Studie allerdings „kirchenspezifische Faktoren“ (Taufen, Austritte, Aufnahmen) genannt.13 Diese Zahl ist erheblich höheren Unsicherheiten unterworfen. Das wissen auch die Verfasser der Studie. Im bereits erwähnten englischsprachigen Aufsatz zur Studie schreiben sie: „As our results are not predictions but projections using trend analysis, we show how changed conditions would affect the projected development in five scenarios.“14

Die angenommenen Kirchenmitgliederzahlen der beiden großen Kirchen unterscheiden sich bei den fünf entworfenen Szenarien für 2060 um beinahe 17 Mio. Mitglieder (zum Vergleich: 2017 hatten beide Kirchen zusammen 44,85 Mio. Mitglieder). Eines dieser Szenarien berücksichtigt nur die demographischen Faktoren; es gibt für 2060 35,42 Mio. Mitglieder an. Aber auch die anderen Szenarien liegen noch um bis zu 7 Mio. auseinander.

Es fällt auf, wie vorsichtig die Verfasser der Studie ihre Ergebnisse in diesem Aufsatz formulieren: „Under the assumptions made, the results suggest a continued decline in membership and that by 2060 the number of church members would be half the number of 2017.“15 Die EKD macht dann aus dem auf „Annahmen“ beruhenden „Vorschlag“ der Verfasser eine Gewissheit und aus dem Konjunktiv einen Indikativ: „Bis zum Jahr 2060 wird sich die Zahl der evangelischen Kirchenmitglieder in Deutschland in etwa halbieren.“16 Hier wird die Kommunikation der EKD unredlich. Und nicht nur das: Ich befürchte, dass diese Kommunikation auch Fakten schafft, weil sie Erwartungen bestimmt.

 

3. Zur Wirkung der Studie

Der Ton, den die EKD mit dem Fatalismus ihrer indikativischen Aussagen angeschlagen hat, ist in der medialen Rezeption 1:1 übernommen worden: „ZEIT online“ titelte: „Kirchen verlieren bis 2060 fast die Hälfte ihrer Mitglieder“17, und bei Wikipedia ist die Studie inzwischen Lexikon„wissen“ geworden18.

Die Freiburger Studie hat ein enormes Medienecho ausgelöst. Gerade wir Pfarrerinnen und Pfarrer werden natürlich oft auf die Prognosen angesprochen. Viele leiden unter dem lähmenden Gefühl, auf einem sinkenden Schiff zu sein. Seit Jahren machen wir einen Reformprozess nach dem anderen durch, von der Dienstgruppenbildung über den Liegenschaftsprozess bis zu Gemeindefusionen. Die nächste Kürzungsrunde bei den Pfarrstellen ist in meiner badischen Landeskirche bereits in Vorbereitung. Für Pfarrerinnen und Pfarrer wie engagierte Ehrenamtliche bedeutet das seit Jahren: Ein großer Teil der Energie geht in Um- (bzw. Ab-)bauprozesse. Und das soll – wenn man den Titel der Studie als programmatisch versteht – in den nächsten 40 Jahren auch so weitergehen. Der Preis dieser Art von Öffentlichkeitsarbeit ist die Verstärkung der längst vorhandenen depressiven Grundstimmung bei den (haupt- und ehrenamtlichen) Engagierten. Die EKD nimmt diese Stimmung meinem Eindruck nach nicht ernst.

Das linke Bild ist das Titelbild der Studie „Kirche im Umbruch“19: nicht „Trotz Umbau geöffnet“, sondern „Wegen Umbau geöffnet“. Zu sehen ist vom Umbau allerdings nichts. Der Himmel ist strahlendblau, Dach und Vordergrund leuchten in fröhlichem Rot. Nimmt das die Belastungen der Umbauprozesse ernst?

Das rechte Bild zeigt die evangelische Kirche in Neustadt (Hochschwarzwald) im August 2017. Wegen Umbau war sie geschlossen. Meint die EKD wirklich, dass Umbau ohne einen Preis zu haben ist? Wieso erklärt sie eine düstere Zukunft mit ihren indikativischen Aussagen zum Schicksal und versucht gleichzeitig, diese Zukunft schönzufärben?

Leider sind die abnehmenden Mitgliederzahlen und die Umbauprozesse der letzten Jahre einander verstärkende Vorgänge: Wenn Ältestenkreise einen großen Anteil ihrer Arbeit nicht mehr mit der Unterstützung von Gemeindeaktivitäten oder mit dem Aufbau von Netzwerken zu örtlichen Institutionen zubringen, sondern mit der Verkleinerung ihrer Immobilien und dem Umbau ihrer Strukturen, ist es kein Wunder, wenn Kirchenwahlen eine magere Beteiligung aufweisen. Wenn Kindergärten abgegeben werden, gräbt man sich selbst das Wasser ab, weil die dort geleistete institutionelle religiöse Verwurzelung des Nachwuchses wegfällt. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer ihre Gesprächskontakte in der Gemeinde reduzieren müssen, weil eine Strukturkommission nach der anderen tagt, lässt die Kirchenbindung der Kirchenmitglieder natürlich nach. Es spricht viel dafür, dass nachlassende Kirchenbindung nicht nur, wie es oft dargestellt wird, die Ursache für die Umbauprozesse ist, sondern es dürfte auch umgekehrt sein: Die nachlassende Kirchenbindung ist Folge der Umbauprozesse.

 

4. Was in der Studie fehlt

Einer der wichtigsten (aber in der Studie nicht genannten) Gründe dafür, warum die verheerenden Prognosen der Projektion 2060 tatsächlich wahr werden könnten, ist, dass der Personalmangel inzwischen zum wichtigsten Faktor für nachlassende Kirchenbindung zu werden droht: Die geringe Zahl an Theologiestudierenden und an Berufsanfängern im Pfarrdienst entspricht bei weitem nicht der hohen Zahl an Pfarrerinnen und Pfarrern der geburtenstarken Jahrgänge, die bis zum Jahr 2030 in den Ruhestand gehen20. Auch in Relation zu den angenommenen deutlichen Rückgängen bei den Mitgliederzahlen schrumpft der Personalbestand deutlich schneller. „Kirche im Umbruch“ ist bei der Personalgewinnung keine Hilfe!

Dass in unversorgten Gemeinden (oder nach künftigen Pfarrstellenkürzungen in Riesengemeinden) die Austrittsneigung zunimmt, ist nachvollziehbar. Die Generation der geburtenstarken Jahrgänge (und das ist im Moment auch die Generation der meisten Personen in Leitungsfunktionen!) – die selbst mit dem Bewusstsein „Wir sind zu viele“ groß geworden ist – hat zu lange nicht verstanden, dass die eigenen Erfahrungen in den 1980ern und 1990ern inzwischen nicht mehr zum Maßstab gemacht werden können. Der Ruhestand der geburtenstarken Jahrgänge wird den gesamten Arbeitsmarkt durcheinanderbringen. Wir dürfen die Situation nicht mehr verharmlosen. Die Angst, dass die in den 1960er und 1970er Jahren oft geäußerte Bitte um Arbeiter im Weinberg21 wieder übererhört wird, wäre angesichts der demographischen Gegebenheiten völlig irrational. Viel größer ist die Gefahr der katholischen Spirale: Immer größere Gemeinden führen dazu, dass der Pfarrdienst immer unattraktiver wird, was dann wiederum eine Vergrößerung der Gemeinden nach sich zieht.

Wenn nun in der Studie zu lesen ist, dass „die Zahl der aktiven Mitarbeitenden bis zum Jahr 2060 erheblich sinken müssen (wird)“22, ist das zwar nachvollziehbar in dem Umfang, wie die Mitgliederzahl zurückgeht. Es ist aber zugleich ignorant gegenüber dem tatsächlich erwartbaren Personalmangel. Um es in der Sprache der Betriebswirtschaft zu sagen: Ein Unternehmen, das den Vertrieb herunterfährt, darf sich über sinkende Marktanteile nicht wundern.

 

5. Zur Intention der Studie

Die EKD-Schrift „Kirche der Freiheit“ von 2006 hatte voller Optimismus ein „Wachsen gegen den Trend“ propagiert. Die Praktische Theologin Isolde Karle hat dazu bemerkt, dass „die daran geknüpften Erwartungen die Kirche in die Erschöpfungsdepression führen (werden), weil sie sich nicht erfüllen lassen“23. Pfarrerinnen und Pfarrer hat das EKD-Papier unter enormen Druck gesetzt, weil jeder Kirchenaustritt nun als persönliches Versagen gewertet werden konnte.

Gegenüber dem überzogenen Optimismus von „Kirche der Freiheit“ bedeutet „Kirche im Umbruch“ einen Pendelausschlag in die entgegengesetzte Richtung. Die EKD korrigiert sich also selbst. Nun aber wirkt der Pessimismus überzogen: In fatalistischer Weise werden zukünftige Entwicklungen als sicher dargestellt, die naturgemäß nicht sicher sein können. Der Niedergang der Kirchen bekommt so naturgesetzliche Qualität, und Pfarrerinnen und Pfarrer stehen erneut unter enormem Druck: Wieso sollen sie sich noch engagieren, wenn es doch sowieso nichts bringt? Wie sollen sie andere begeistern?

Demgegenüber scheint ein mittlerer Weg angemessen: Vertrauen auf die Attraktivität des christlichen Lebensmodells, ehrliche Wahrnehmung zukünftiger Mitgliederverluste durch demographisch bedingte Faktoren (Altersstruktur), sorgfältige Analyse von Problemen im Bereich der Mitgliederbindung, Verbesserung der Mitgliederorientierung und vor allem Gelassenheit im Umgang mit allem, was da kommt.

Ich will bei diesem Plädoyer gerne zugeben, dass auch „Kirche im Umbruch“ eine verbesserte Mitgliederorientierung anmahnt und beispielhaft gelungene Projekte darstellt24. Wenn allerdings Synoden die Prognosen für 2060 zum Maßstab machen und diese bei ihren Haushaltsplanungen prozentual auf kürzere Zeiträume herunterbrechen, dann scheint man vom Erfolg solcher Projekte nicht überzeugt zu sein.

Auch die Selbstkorrektur einer Fehleinschätzung von 2006 erklärt nicht, warum die EKD derart öffentlichkeitswirksam ihren Niedergang medial inszeniert. Eine Idee dazu hatte ich, als ich im Juni „Kirche auf gutem Grund“ gelesen habe25. Mit dem Untertitel „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ knüpft das Zukunftsteam der EKD unmittelbar an das Titelbild von „Kirche im Umbruch“ an; auch dort ist ja eine offene (also aufgeschlossene) Kirchentür zu sehen, obwohl diese Kirche ja laut Titel im Umbruch ist. Wo ist die Verbindung zwischen beiden Texten?

Der „Bericht“26 des Zukunftsteams liest sich in weiten Teilen unspektakulär; viele werden sich mit ihren Vorstellungen zur Zukunft der Kirche darin wiederfinden können. Nur an zwei Stellen werden deutliche Akzente gesetzt: bei den Überlegungen zur Aufweichung der Kirchensteuerpflicht in Leitsatz 7 und beim Vorschlag einer Übertragung weiterer Kompetenzen auf die EKD in Leitsatz 11. Könnte es also sein, dass die EKD mit „Kirche im Umbruch“ bewusst eine Überdramatisierung der kirchlichen Zukunft in Kauf genommen hat, um sich nun selbst als die Lösung der dargestellten Probleme zu präsentieren? Ist der 11. Abschnitt zu verstehen als Appell: „Wir werden weniger, wir werden ärmer, wir müssen nun unter dem Dach der EKD zusammenrücken“? Gewichtet die EKD damit den Ausbau ihres Einflusses höher als die Demotivation der Mitarbeitenden und den gesellschaftlichen Ansehensverlust? Wenn es so wäre, wäre der Preis zu hoch. Was im Übrigen auch für die Idee einer Abkehr von einer allgemeinen und leistungsabhängigen Kirchensteuerpflicht gilt: Damit würde die Steuerzahlungsmoral untergraben und die finanziellen Probleme der Landeskirchen würden verstärkt.

 

Anmerkungen

1 Kirche im Umbruch. Zwischen demographischem Wandel und nachlassender Kirchenverbundenheit. Eine langfristige Projektion der Kirchenmitglieder und des Kirchensteueraufkommens der Universität Freiburg in Verbindung mit der EKD, Hannover, Mai 2019.

2 A.a.O., 4.

3 Referat von Fabian Peters (einem der beiden Autoren der Studie) vor der badischen Landessynode am 21.10.19, s. http://www.bit.ly/freiburg2060 nach 18 Min. und 37 Sek.

4 Vgl. www.kirchenaustritt.de/christentum/ekd.htm#Kirchenaustritte.

5 Vgl. www.ekd.de/ekd_de/ds_doc/projektion-2060-ekd-vdd-factsheet-2019.pdf, 3.

6 Auch nicht in der der Studie zugrundeliegenden wissenschaftlichen Veröffentlichung von Gutmann/Peters 2020 (David Gutmann, Fabian Peters, German Churches in Times of Demographic Change and Declining Affiliation: A Projection to 2060, in: Comparative Population Studies Vol. 45 (2020): 3-34, s. www.comparativepopulationstudies.de/index.php/CPoS/article/view/313/291).

7 Das bis zu diesem Zeitpunkt mögliche Verschweigen von Kapitalerträgen wurde durch Direkteinzug der Steuern (und damit auch des Kirchensteueranteils bei Kirchenmitgliedern) bei den Banken erschwert.

8 Reinhard K. Sprenger, Radikal führen, Frankfurt/M. 2012, 218f.

9 A.a.O., 2 (Hervorhebung von mir).

10 A.a.O., 2 und 8.

11 www.ekd.de/statistik-kirchenmitglieder-17279.htm (für die Nordkirche liegen Zahlen vor, die eine Differenzierung nach Ost und West ermöglichen: www.nordkirche.de/fileadmin/user_upload/Dokumente/Statistik/nordkirche-ueberblick-2019.pdf, für Westberlin dürfte von rund 0,5 Mio. Mitgliedern auszugehen sein).

12 Kirche im Umbruch, a.a.O., 9.

13 A.a.O., 10.

14 Gutmann/Peters (2020), a.a.O., 3.

15 A.a.O., 3 (Hervorhebungen von mir).

16 Internetseite der EKD zur Projektion 2060 (www.ekd.de/kirche-im-umbruch-projektion-2060-45516.htm) unter der Überschrift „Halbierung der Kirchenmitgliederzahlen bis 2060“ nach einer gleichlautenden Äußerung des Projektleiters Bernd Raffelhüschen, vgl. Kirche im Umbruch, a.a.O., 5 (Hervorhebung von mir).

17 www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2019-05/christentum-kirche-mitglieder-verlust-kirchenaustritt-taufe. Weiteres Beispiel: „Deren Zukunft ist düster, das wissen die Christen hierzulande spätestens seit der von EKD und Deutscher Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Studie ‚Projektion 2060‘, wonach sich die Zahl der Kirchenmitglieder in den kommenden vierzig Jahren halbieren wird.“ Hannah Bethke, Wenn die Glocken nicht mehr läuten, in: FAZ vom 12.7.2020 (Hervorhebungen von mir).

18 „Laut einer vom Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg erstellten koordinierten Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung für die katholische und evangelische Kirche in Deutschland wird sich die Zahl der Kirchenmitglieder in Deutschland bis 2035 um 20 Prozent und bis 2060 um 48 Prozent verringern.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Römisch-katholische_Kirche_in_Deutschland)

19 A.a.O., 1.

20 Die Vorhersage ist in diesem Fall leichter als bei der Projektion 2060, weil der Zeitraum kürzer ist und weil Zahlen zu Pensionierungen, Theologiestudierenden und Übernahmen vorliegen. Für den Bereich der Diakone sind die Entwicklungen ähnlich.

21 Nach Mt. 9,37f.

22 Kirche im Umbruch, a.a.O., 15.

23 Interview auf evangelisch.de, vgl. https://www.evangelisch.de/inhalte/85227/20-06-2013/isolde-karle-wachsen-gegen-den-trend-fuehrt-ins-burn-out.

24 Kirche im Umbruch, a.a.O., 20ff.

25 www.ekd.de/11-leitsaetze-fuer-eine-aufgeschlossene-kirche-56952.htm.

26 Die Genrebezeichnung ist eindeutig unzutreffend: Wenn alle Leitsätze mit „Zukünftig wird/werden …“ eingeleitet werden, handelt es sich nicht um einen Bericht, sondern um ein Thesenpapier.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Volker Matthaei, Jahrgang 1963, Pfarrer im Schuldienst an einem Bruchsaler Gymnasium und seit 2014 Vorsitzender der Pfarrvertretung der Evang. Landeskirche in Baden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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