Trotz der nachhaltigen Kritik am Papier „Kirche der Freiheit“ aus dem Jahr 2006 hat die EKD mit den Leitsätzen zur Zukunft der Kirche ein neues Papier aufgelegt – als hätte es im Nachgang von „Kirche der Freiheit“ keine sachlich, theologisch, historisch oder psychologisch fundierten Einwände aus Kirche, Wissenschaft und Verbänden gegeben. Andreas Kahnt nimmt die Leitsätze kritisch unter die Lupe.*

 

Gemeinsame Verantwortung von Dienstgebern und Dienstnehmern

Wieder einmal wird seitens der EKD in schlechtester Top-Down-Manier verfügt, wie Kirche und nicht zuletzt ihre Basis sich zu entwickeln hat. Ein 2017 von der Dienstrechtlichen Kommission der EKD angeregtes Papier weist in eine andere Richtung: gemeinsame Verantwortung von Dienstgebern und Dienstnehmern, wie sie der Verband seit langem fordert. Darin heißt es: Die Kommission will mit dem Papier zum Gelingen kirchlicher Veränderungsprozesse beitragen. Strukturveränderungen müssen nach ihrer Überzeugung nicht nur sachgerecht sein, sondern bedürfen einer theologischen Richtungsbestimmung. Sie müssen theologisch verantwortet, gedeutet und vermittelt werden. Die Kommission betont deshalb die Notwendigkeit theologischer Reflexion in allen Stadien und auf allen Ebenen von Veränderungsprozessen. Dabei ist die Theologische Kompetenz der Pfarrerinnen und Pfarrer unverzichtbar.

Der Rat der EKD hat die Anregung der Dienstrechtlichen Kommission angenommen und den Gliedkirchen zur Beachtung empfohlen. Aber an der Entwicklung der 11 Leitsätze war die verfasste Pfarrerschaft nicht beteiligt. Eine theologische Reflexion hat nicht stattgefunden. Ebenso wenig eine Deutung hinsichtlich der Ziele und der möglichen Auswirkungen in Kirche und Gesellschaft. Von Pfarrerinnen und Pfarrern wird daher kaum Bereitschaft erwartet werden dürfen, die Leitsätze irgendjemandem als notwendig, zielführend oder zukunftstauglich zu vermitteln. Insofern hat die EKD einen alten Fehler wiederholt: Sie hat diejenigen, die Veränderungen an der Basis umsetzen müssen, von ihren Überlegungen ausgeschlossen.

 

Wenig Zeit für einen öffentlichen Diskurs

Das Papier wurde im Sommer veröffentlicht und soll bereits im November von der Synode beschlossen werden. Es steht also wenig Zeit zur Verfügung, einen öffentlichen Diskurs an den evang.-theol. Fakultäten sowie in den Kirchen, in Pfarrkonventen und Pfarrvereinen zu führen. Dieser Diskurs muss aber im Vorfeld synodaler Entscheidungen geführt werden.

Umso erfreulicher, dass es an kritischen Stimmen aus Pfarrvereinen und aus der wissenschaftlichen Theologie nicht fehlt. Die Argumente decken sich mit dem, was der Verband seit Jahren fast gebetsmühlenartig fordert und in Erinnerung ruft. Die Kritik entzündet sich vor allem an folgenden Punkten, die hier kurz skizziert und kommentiert werden sollen.

 

Fehlende Theologie und enggeführtes Kirchenbild

Den Leitsätzen mangelt es an Theologie. Statt einen adventlichen Blickwinkel einzunehmen, wird suggeriert, die Kirche könne sich selbst zukunftsfähig machen. Darüber wird einmal mehr vergessen, dass die Zukunft der Kirche allein bei Gott liegt. Die Kirche ist Sachwalterin des Evangeliums. Sie wirkt mit am Reich Gottes. Aber ihr Wirken und ihre Wirksamkeit hängen vom Willen Gottes ab. Die Leitsätze rechnen jedoch nicht mit dem Handeln Gottes in seiner und für seine Kirche. Sie erwarten die Zukunft der Kirche von ihrer eigenen Dynamik und nicht von der Dynamik des Geistes Gottes.

Die Leitsätze greifen erneut die Ortsgemeinde an. Damit offenbaren sie ein enggeführtes Kirchenbild. Wovor Theologie, Soziologie und Psychologie, Pfarrvereine und Verband seit langem warnen, wird gegen alle Vernunft wiederholt: der Rückzug aus der Fläche und eine Zentralisierung der Kirche. Dabei wird unterschlagen, dass es flächendeckendes Handeln in Reinform nicht gibt. Die kirchlichen Verhältnisse unterscheiden sich je nach Gliedkirche und innerhalb der Kirchen enorm. Gewachsene Regionen und benachbarte Ortsgemeinden arbeiten seit langem zusammen. Sie organisieren gottesdienstliches Leben, Vertretung, Kirchenmusik, Öffentlichkeitsarbeit, Bildung und sozial-diakonisches Engagement gemeinsam. Kooperation spielte längst eine Rolle, bevor sie als kirchenleitende Handlungsanweisung verfügt und dadurch in ihrer Dynamik gebremst wurde.

Die Leitsätze betonen stattdessen (Zeilen 470f): „Es gilt, Beharrungskräfte einzuhegen. Parochiale Strukturen werden sich verändern“. Es ist wohl kein Zufall, dass diese beiden Sätze unmittelbar nebeneinander stehen. Die in den Leitsätzen wiederholte Marginalisierung der Ortsgemeinde entspringt jedoch einem völlig falschen Eindruck, und es wäre interessant zu erfahren, woher die Autorinnen und Autoren diesen Eindruck stets neu gewinnen.

 

Kirchentechnokratisches Kauderwelsch

Nicht jede Gemeinde wird eine eigene Pfarrerin oder einen eigenen Pfarrer haben. Das ist selten so gewesen. Allein diese Tatsache zeigt, wie sehr Gemeinden aufeinander angewiesen sind. Ausdünnen, Einstampfen, Fusionieren oder Wegrationalisieren dämpft aber das Engagement und damit die von den Leitsätzen gepriesene Dynamik. Zwar ist einerseits von „freiwilligem Zusammengehen in größere Einheiten“ und „selbstgesteuerter Kooperation“ die Rede (438f). Dagegen werden aber an anderer Stelle „verschärfte“ (422) „Ansprüche an das gesamtkirchliche Leitungs- und Steuerungshandeln“ beschworen (424f). Die Methode konterkariert das angestrebte Ziel. Ein Kirchenbild, das von oben herab, verfügt wird, kann nur ein Zerrbild sein. Darin wird sich kaum jemand wiederfinden können.

Das gilt auch für die Sprache, in der die Leitsätze überwiegend gehalten sind. Wenn ein Papier vor seiner Behandlung auf der Synode öffentlich diskutiert werden soll, muss es sich einer Sprache bedienen, die klar verständlich die Anliegen beschreibt. Die Leitsätze hingegen sind teils schwammig verklausuliert, sie formulieren in kirchlich-technokratischem Deutsch und enthalten Wortschöpfungen, die mehr Fragen heraufbeschwören als Antworten geben.

Darüber hinaus beginnen die Leitsätze in Befehlsform: „Zukünftig wird!“ Dieses und jenes hat also so und so zu sein und in der Kirche zu geschehen. Das ist keine Sprache, die zum Diskurs einlädt, sondern von vornherein alles, was im Widerspruch zu den Leitsätzen steht, als unangemessen und aus der Zeit gefallen entwertet. Dabei sollte den Autorinnen und Autoren der Leitsätze bewusst sein, dass die Motivation für konstruktiven Widerspruch einer kritischen Solidarität entspringt. Wem die Kirche egal ist, wird sich am Diskurs nicht beteiligen. Wenn aber diejenigen, die ihre Kirche lieben, von vornherein abgekanzelt werden, muss bezweifelt werden, dass ein ehrlicher und offener Diskurs überhaupt erwünscht ist.

Die Leitsätze geben vor, was Kirche ausmacht, worauf sie nicht verzichten kann, wovon sie sich trennen will, was zukünftig an kirchlicher Arbeit gefördert werden soll. Dahinter steht die Frage nach den Ressourcen an Geld und Personal; durch die Corona-Pandemie noch einmal verschärft.

 

Weitergehende Marginalisierung kirchlicher Arbeit in der Fläche

Den Rahmen dafür bildet die Freiburger Studie mit ihrer Projektion bis zum Jahr 2060. Sie empfiehlt den Kirchen, sich vorrangig der Mitgliederbindung zu widmen, vor allem bei jungen Leuten zwischen 25 und 35 Jahren. Dem versuchen die Leitsätze mit besonderen Beteiligungsformen und reduzierten Kirchensteueransätzen Rechnung zu tragen. Dabei wird anscheinend davon ausgegangen, dass junge Leute ausschließlich in Städten wohnen. Anders ist der Hang zur Zentralisierung kirchlichen Lebens nicht zu erklären.

Aber selbst wenn es so wäre, und wenn sich der Trend zum Wohnen in der Stadt besonders bei jungen Familien nicht allmählich umkehren würde, so unterschlagen die Leitsätze die Tatsache, dass das Gros der Kirchensteuerzahlenden auf dem Lande lebt. Mit einer weitergehenden Marginalisierung der kirchlichen Arbeit in der Fläche und der Ortsgemeinden begibt sich die Kirche eines Großteils ihrer Einnahmen. Ohne diese Einnahmen lassen sich aber die Vorstellungen der Leitsätze von einer dynamisch agierenden Kirche in „vielgestaltigem Miteinander und wechselseitiger Ergänzung“ (264f) sowie „schnellem, flexiblem, NGO-ähnlichem Vorgehen“ (466f) nicht bezahlen.

M.a.W.: Die schweigende Mehrheit der Kirchenmitglieder zahlt den Betrieb einer Kirche, von der sie nichts hat und die sie nicht will. Mit den „zukünftig zu fördernden“ kirchlichen Angeboten werden den Mitgliedern Ortsnähe und die sichtbare Präsenz von Pfarrerinnen und Pfarrern entzogen. Dadurch wird die Kirche geschwächt und in ihrer Aufgabe, das Evangelium in Wort und Tat unter die Leute zu bringen, behindert. Die Unverwechselbarkeit der Kirche besteht aber darin, dass sie von Heil und Heilung erzählt und damit auf die Krisen menschlichen Lebens antwortet. Kirche „nah bei den Menschen“ geht nur durch menschliche Nähe da, wo Menschen leben.

 

Kirche als verlässlicher Dienstgeber?

Besonders sprechend ist das Schweigen der Leitsätze zum Pfarrdienst. Leitsatz 8 widmet sich dem Thema Mitarbeitende, ohne jedoch einzelne Berufsgruppen zu benennen. Das ist insofern bemerkenswert, als Pfarrerinnen und Pfarrer üblicherweise nicht zu den Mitarbeitenden gezählt werden. Sonst müsste für sie ja das Mitarbeitervertretungsgesetz Anwendung finden, was die Kirchen regelmäßig ablehnen. Sollten Pfarrerinnen und Pfarrer in Leitsatz 8 allerdings mit im Blick sein, sollten die Pfarrvertretungen dringend Kontakt mit den Mitarbeitervertretungen aufnehmen. In den Zeilen 369ff heißt es nämlich: „Neue Modelle sind nötig, die die starre Grenze zwischen bezahltem und unbezahltem, voll- und teilzeitlichem Dienst zugunsten niederschwelliger und flexibler Entlohnungsmöglichkeiten öffnen.“ Hier wird ein Fass aufgemacht, dessen Inhalt die Kirchen als verlässliche Dienstgeber diskreditiert.

Ginge es bei den elf Leitsätzen lediglich um ein Diskussionspapier, wäre dieser Satz bereits schlimm genug. Da die Leitsätze demnächst aber von der EKD-Synode beschlossen werden sollen, muss sich der geballte Widerspruch aller Mitarbeitenden erheben. Denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert. Und es wird von ihm zu Recht mehr als niederschwellige Arbeit am Reich Gottes erwartet. Angesichts des zitierten Satzes klingt der folgende geradezu wie eine Drohung: „Kirchliches Handeln wird effektiver, wenn es gelingt, das Vertrauen in stellvertretende Entscheidungsfindung zu stärken.“ (378ff) Solches Vertrauen muss verdient werden. Die Leitsätze enthalten Potential, vorhandenes Vertrauen zu verspielen.

Andreas Kahnt, Vorsitzender des Verbandes Evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V.

 

Anmerkung

* Auszug aus dem Bericht des Vorsitzenden des Verbandes Evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland anlässlich der Delegiertenversammlung am 29.9.2020 in Leipzig.

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 10/2020

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