Vor etwa 30 Jahren haben zuerst manche EKD-Mitgliedskirchen und dann die EKD selbst Frauenreferate errichtet: die Evang. Kirche von Westfalen 1988 als erste, 1989 die bayerische Landeskirche (ELKB), danach die nordelbische1. Sie waren jeweils mit einer Theologin und Referentinnen mit sozialwissenschaftlicher und/oder juristischer Qualifikation2 besetzt. 1990 lud Oberkirchenrätin Gudrun Diestel, im Kirchenamt der EKD v.a. für Frauenarbeit zuständig, zu einer Arbeitsgemeinschaft der Frauenreferate auf EKD-Ebene ein.3 An dem ersten Treffen nahmen auch Vertreterinnen aus neun weiteren Gliedkirchen teil, die gerade ein Frauenreferat errichteten, sowie zwei Vertreterinnen der Frauenarbeit vom Bund der Evang. Kirchen in der DDR.4

Erste EKD-Frauenbeauftragte war ab Juli 1991 Sigrid Häfner. Hauptthema der zwei jährlichen Arbeitsbesprechungen mit den Frauenbeauftragten der Landeskirchen waren die Umsetzung der wegweisenden Beschlüsse der EKD-Synode von Bad Krozingen 19895, Erfahrungsaustausch, die Dekade „Solidarität mit den Frauen“ des ÖRK und das Verhältnis der kirchlichen Frauenreferate zu Frauenarbeit und Frauenverbandsarbeit. Später kamen hinzu die Förderung von Frauen in Theologie und Verkündigung, in der Arbeitswelt – besonders in der Diakonie – und Ehrenamtlichkeit in der Kirche.6 Die Frauenreferate gaben gleichstellungspolitische Stellungnahmen ab, erstellten Informationsblätter, führten gemeinsame Projekte durch, z.B. Mentoringprojekte für Theologinnen und Ehrenamtliche, und beauftragten Studien. Seit 1999 leitete Kristin Bergmann das Frauenreferat, bis es 2005 in ein „Referat für Chancengerechtigkeit“ umgewandelt wurde.7 Ähnliches erlebten die Frauenreferate der Gliedkirchen.

Die beiden bayerischen Frauenbeauftragten Brigitte Enzner-Probst und Sigrid Schneider-Grube8 erinnern an Erfolge und Schwierigkeiten ihrer Arbeit in ihrem Buch „Mit Mut und Geistkraft – Die Anfänge des Frauenreferats in der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern 1987-1997“9. Ausführlich schildern sie dessen Arbeitsweise, Struktur und Schwerpunktthemen im Zusammenhang mit Entwicklungen in EKD, Ökumene und allgemeiner Frauenbewegung.

 

Frauengerechte Theologie und Liturgie

Eine Theologie von Frauen für Frauen (Feministische Theologie) hatte sich seit den 1970ern entwickelt, führte aber neben der wissenschaftlichen Theologie ein Schattendasein und war Frauen an der Basis kaum bekannt10. Nur beim Weltgebetstag erlebten sie, dass und wie Frauen selbst Gebete formulieren und biblische Texte auf ihr Alltagsleben beziehen können.11

Eine Unterschriftenaktion in Bayern 199312 führte 1994 zu dem Antrag an die Landessynode, den deutschlandweit ersten theologischen Lehrstuhl mit dem Schwerpunkt „Theologische Frauenforschung“ an der kirchlichen Augustana-Hochschule in Neuendettelsau zu errichten. Darin hieß es: „Die besonders in den Gemeinden und kirchlichen Frauengruppen aufgeworfenen Fragen werden im derzeitigen Universitätsbetrieb nicht genügend berücksichtigt“, seien jedoch für eine „praxisnahe Ausbildung“ zum Pfarrberuf „notwendig“.13 Nach einigem Hin und Her wurde dann eine zuerst „auf sechs Jahre befristete Dozentur“ in Neuendettelsau als C2-Förderprofessur geschaffen14, seit dem Wintersemester 2003/04 ist sie zur Professur aufgewertet und verstetigt.15

Doch der Weg blieb steinig: Brigitte Enzner-Probst hatte sich zwar mit Frauenliturgien zu verschiedenen Anlässen profiliert16 und arbeitete im Ausschuss der VELKD17 zum neuen Gottesdienstbuch18 mit, findet die Ergebnisse aber „gemessen am Einsatz meiner Zeit und Kraft“ „insgesamt ernüchternd“19. Drei Jahre lang war sie neben einer Kirchenmusikerin die einzige Theologin, „um einem ehrwürdigen Männergremium20 die Anliegen der Frauenliturgiebewegung, die Notwendigkeit gerechter Sprache im Gottesdienst und die von Frauen entwickelten neuen Feiermöglichkeiten und leiblich-expressiven Gestaltungsweisen plausibel zu machen“.21 Einmal habe einer der „Kollegen“ zu ihr gesagt: „Eine wie Sie hätte man im Mittelalter verbrannt …“22.

 

Ehrenamt und Gewalt im Fokus

Wegweisendes hatte die EKD-Synode in Bad Krozingen zum Ehrenamt in Kirche und Diakonie geäußert, das ein weiteres Hauptanliegen der Frauenreferate war. In Bayern gab es einen breit angelegten Diskussionsprozess, eine Schriftenreihe für Ehrenamtliche und eine Gemeindebefragung „zum Anteil von Frauen und Männern im Ehrenamt“.23Das im Dezember 2000 verabschiedete Ehrenamtsgesetz der ELKB regelte erstmals Beauftragung, Begleitung, Fortbildung, Vertretung sowie rechtliche und finanzielle Fragen ehrenamtlicher Tätigkeit – ein Meilenstein in der Anerkennung ehrenamtlicher Arbeit, die überwiegend von Frauen ausgeübt wird. „Bezahlte und unbezahlte (ehrenamtliche) Arbeitsverhältnisse“ verteilten sich nur zu „ca. 11,5 Prozent auf Hauptamtliche und zu 88 Prozent auf Ehrenamtliche“.24

„Keine Gewalt gegen Frauen, Mädchen und Jungen“ titelte eine Kampagne, die weite Verbreitung erfuhr25 und bis heute ihre Relevanz nicht verlor. Im Blick waren nicht nur aktuelle Gewalterfahrungen bei uns, sondern auch weltweit und in der Vergangenheit. Hexenverfolgung ist „auch ein ‚evangelisch-lutherisches‘ Thema“ und „viele Verantwortliche in der Kirche vor, während und nach der Reformation“ haben Betroffenen „Aufmerksamkeit, Zuwendung und Nächstenliebe“ versagt, hatte eine Arbeitsgruppe erkannt.26 Die ELKB bekannte dann 1997 „als erste verfasste Kirche in der Kirchengeschichte überhaupt“ offiziell ihre Mitschuld an dieser blutigen Verfolgung.27

 

Pilot-Projekt Mentoring

Langen Atem erforderte es z.B., Gesetze frauengerecht zu formulieren, die bayerische Kirchenfassung um einen Gleichstellungsartikel zu ergänzen28 oder das EKD-Pilotprojekt „Mentoring für Theologinnen“ zu initiieren. Koordiniert von der EKD beteiligten sich acht Landeskirchen daran, wissenschaftlich begleitet von der Universität Lüneburg29. Charakteristisch für dieses erste Mentoring-Programm in Kirche und Diakonie war die Vereinbarung zeitlich befristeter Zusammenarbeit von „zwei gleichberechtigte(n) Personen außerhalb des Vorgesetzten-Untergebenen-Verhältnisses“30. Inzwischen sind solche Programme auch in Industrie und Verwaltung Standard.31

Frauenreferate waren also Trendsetter von Entwicklungen in Kirche und Diakonie, die weit über den kirchlichen Bereich ausstrahlen und deren Wirkung bis heute anhält. Die von Brigitte Enzner-Probst und Sigrid Schneider-Grube zusammengestellte Übersicht über Arbeitsweise, Themen und Erfolge der ersten zehn Jahre des Frauenreferats der ELKB ist deshalb ein auch für Leser*innen aus anderen Landeskirchen interessanter Blick zurück in eine gar nicht so ferne Vergangenheit, die bis heute fortwirkt.

 

Sabine Ost

 

Anmerkungen

1 Brigitte Enzner-Probst/Sigrid Schneider-Grube (Hg.), Die Anfänge des Frauenreferats in der evangelisch-lutherischen Landeskirche in Bayern 1987-1997, Schwabenverlag 1919, 153.

2 A.a.O.

3 Ebd. – Gudrun Diestel war noch bis zu ihrem Ruhestand 1991 zuständig.

4 Ebd.

5 In der Erklärung der Synode zum Thema „Die Gemeinschaft von Frauen und Männer in der Kirche“ vom 9.11.1989 hieß es: „In einer gerechten Gemeinschaft müssen Männer angestammte Vorrechte aufgeben, sich auf die Veränderung von Strukturen einlassen und in der Auseinandersetzung mit Frauen neue Verhaltensweisen lernen.“ (a.a.O., 73)

6 Ebd.

7 A.a.O., 155.

8 Die Theologin Brigitte Enzner-Probst und die Sozialwissenschaftlerin Sigrid-Schneider-Grube gehörten zu den ersten Referentinnen des damals „Arbeitsbereich Frauen in der Kirche“ (AFK) genannten Frauenreferats der ELKB.

9 Schwabenverlag 2019.

10 A.a.O., 202.

11 Weltweit an jedem 1. Freitag im März gefeiert. Frauen aus unterschiedlichen Ländern erarbeiten die Gebetsordnung, wählen biblische Texte und Themen aus und beziehen sie auf ihre konkrete Lebenssituation.

12 Ca. 700 meist ehrenamtliche Frauen und 310 Männer unterstützten diese Forderung.

13 A.a.O., 20.

14 A.a.O., 206. Sie war deutschlandweit „die erste und einzige“ (Renate Jost in: Theologie auf dem Campus, Festschrift zum 50-jährigen Bestehen der Augustana-Hochschule, Jörg Dittmer (Hg.), 230).

15 Der Lehrstuhl ist seitdem eine Professur für „Feministische Theologie und Gender Studies“.

16 „Wenn Himmel und Erde sich berühren“, Brigitte Enzner-Probst/Andrea Felsenstein-Roßberg, Gütersloher Verlagshaus 1993.

17 Vereinigte Lutherische Kirchen Deutschlands.

18 Erschienen im Jahr 2000 in der Evang. Haupt- und Bibelgesellschaft Leipzig.

19 A.a.O., 195.

20 „Durch meine Anwesenheit drückte ich den Altersdurchschnitt auf knapp unter 70 Jahre“, in: Mit Geistkraft und Mut, 194.

21 Ebd.

22 Ebd.

23 A.a.O., 121.

24 Laut dem 1. Frauenbericht des AFK von 1997 waren 67% Frauen und nur 33% Männer ehrenamtlich tätig, 119 (Grafik).

25 Bis heute findet sich der zugehörige Aufkleber noch in mancher Gemeindehaustoilette.

26 A.a.O., 189. S. auch Traudl Kleefeld, Hexenverfolgungen in den evangelischen Gebieten Frankens, in: Klaus Mergenthaler und Margarete Klein-Pfeuffer (Hg.), Hexenwahn in Franken, 2014.

27 Kleefeld, a.a.O., 260. Zum nächsten Ökumenischen Kirchentag 2021 geplant ist „ein zentraler EKD-Gottesdienst, um alle landeskirchlichen Aktionen zu bündeln und ein gemeinsames Schuldbekenntnis zu sprechen“ (Mit Geistkraft und Mut, 189).

28 A.a.O., 253.

29 A.a.O., 235.

30 Ebd.

31 Ebd.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin i.R. Sabine Ost, von 1994-1996 erste ehrenamtliche Vorsitzende des Beirats des Arbeitsbereichs Frauen in der Evang.-luth. Landeskirche in Bayern.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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