Seit dem 15. Februar 2020 feiern wir in den evangelischen Kirchen kein Abendmahl mehr. Die ganze Passionszeit und Osterzeit: kein Abendmahl! Nun haben die Gottesdienste wieder angefangen, wir dürfen sogar wieder singen – unter bestimmten Auflagen. Aber für das Abendmahl gibt es immer noch keine Öffnung. Was fehlt eigentlich, wenn wir kein Abendmahl feiern können? Fehlt viel? Oder ist es erschreckend, wie wenig fehlt? Oder: Könnte es sein, dass das, was fehlt, eben nicht mit großen, gewichtigen Worten zu beschreiben ist, sondern etwas, das eher im toten Winkel unserer Aufmerksamkeit liegt, was aber darum nicht weniger prägt?

Kann es sein, dass es beim Abendmahl gar nicht darum geht, zu sitzen und zu verstehen, warum das alles so bedeutsam sei? In einer geläufigen Einleitung zum Abendmahl heißt es: „Was Jesus Christus uns durch sein Wort gesagt hat, das will er uns sichtbar bestätigen, indem er uns an seinen Tisch einlädt.“ Das hört sich an, wie wenn es hier um Theorie und Praxis gehe. So ist auch oft das Verständnis in der Gemeinde: das Abendmahl praktiziere, was das Wort sage. Ein verhängnisvolles Konzept!

Fehlt uns vielleicht darum das Abendmahl so wenig, weil es eindrücklichere Konkretisierungen des Wortes gibt als die schlichte Feier mit einem Bissen Brot und einem Schluck Wein oder Saft, die dazu noch mit einer schwierigen, theologischen Bedeutung aufgeladen werden?

Ich vermute, dass auch die – oft fast ausschließliche – Betonung der Sündenvergebung im Abendmahl mit der Idee von Theorie und Praxis zusammenhängt: die Vergebung solle „bestätigt“ werden. Warum eigentlich? Weil sie so schwer fassbar sei? Ja, ist denn hier nicht schlicht dem Wort der Vergebung zu glauben? Und nichts weiter.

Was aber bringt uns das Abendmahl dann? In welchen Bereich des Lebens und des Glaubens will es uns hineinziehen?

 

Es ist ein Tanz, es ist ein Spiel …“

Lassen wir uns doch auf das ein, was da geschieht:

– Wir stehen auf und verlassen unseren Platz. Wir bewegen uns im Raum. Wir sind nicht festgenagelt am Platz, jedenfalls soweit wir eben die körperlichen Möglichkeiten haben, aufzustehen und herumzugehen. „Lasst uns freimütig hinzutreten – zum Thron der Gnade.“ (Hebr. 4,16) Hinzutreten: wir sind nicht von vornherein schon dort, aber wenn wir hingehen, dann werden wir aufgenommen, dann gehören wir dazu. Ein Dazugehören – aber eins, das es braucht, dass wir uns bewegen. Die Dinge geraten in Bewegung. Es ist ein Tanz, es ist ein Spiel. Es ist nicht unser selbstentworfenes Spiel, da kommt uns etwas sehr Altes entgegen, und fordert uns auf, lädt uns ein, uns darauf einzulassen.

– Da ist ein gedeckter Tisch. Weißes Tischtuch, Blumen und Kerzen. Oft goldene Gefäße. Oder schön getöpferte. Ja, es ist ein Fest. Und wir sind nicht allein.

– Wir stehen da mit leeren Händen. Und strecken sie aus, um zu empfangen. Das Wort aus Hebr. geht weiter: „Lasst uns freimütig hinzutreten – zum Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.“ Hände ausstrecken und empfangen, was in sie hineingelegt wird: ein „zärtlicher Umgang mit Hinfälligkeit“ – so Doris Weickmann über Anna Halprin (SZ, 13. Juli 2020, 11). Wohl nicht zufällig steht das in der Würdigung einer Tänzerin und Choreografin. Zärtlicher Umgang mit der Hinfälligkeit hat also mit dem künstlerischen Ausdruck im Körper zu tun. Zudem ist Anna Halprin engagiert im Widerstand gegen Krieg und Rassismus. Der Körper verweist ja immer auch auf etwas Gesellschaftliches.

Hinfällig und bedürftig brauchen wir etwas, das wir uns nicht selbst verschaffen können. Und siehe da: es wird uns gegeben! Es wird für uns gesorgt, kaum haben wir den alten Platz verlassen.

– Und nun sind da die anderen, die sich auch auf den Weg gemacht haben, die genauso bedürftig sind wie wir und das auch zeigen. Ach, die ganze, gedämpfte Verkrampfung, die oft bei unseren Abendmahlsfeiern zu spüren ist… – kommt sie daher, dass man eigentlich mehr von sich zeigt als in einem bürgerlichen Kontext üblich ist? Es ist ja nicht üblich zu zeigen, wie bedürftig man ist.

 

Fehlende Leiblichkeit

Schon möglich, dass wir nach allem staunend sagen können: „Fürwahr, der Herr ist an dieser Stätte und ich wusste es nicht.“ (1. Mose 28,16) Solche Gegenwart Jesu Christi ist es, die uns fehlt, wenn wir kein Abendmahl feiern, dieseganz besondere, stille, zarte Gegenwart, die unser Körper mit seinem Raumempfinden, unsere Füße und Hände und schließlich auch unsere immer hungrige Kehle erahnen können. Das Leibliche fehlt und mit ihm etwas recht Begrenztes, das ganz verschiedene Zustände kennt, das wirklich nicht immer gleich offen ist, aber meistens durchaus bedürftig. Die Achtsamkeit auf den Körper liegt in unseren Gottesdiensten oft im Schatten. Man kann „gut“ darüber hinweg gehen. Aber es fehlt dann etwas Zartes.

 

♦ Nachtrag: In der Landessynode der Evang. Landeskirche Württemberg wird darüber diskutiert, ob das Abendmahl digital gefeiert werden kann oder nicht. Nimmt man die leibliche Dimension des Abendmahls ernst, muss man wohl die mediale Aufnahme ablehnen. Zumal bei einer digitalen Übertragung das Abendmahl wahrscheinlich wieder vom „Sitzen und Verstehen“ überfrachtet wird. Einer klugen, künstlerischen Aufnahme könnte es vielleicht gelingen, das Fehlen des Leiblichen deutlich zu machen …

 

Claudia Lempp

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin i.R. Claudia Lempp, Pfarrerin der Württ. Landeskirche, bis zu ihrem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2008 u.a. Mutterhauspfarrerin an der Evang. Diakonissenanstalt Stuttgart.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.