Wie kann heute der Dual „parochialer/funktionaler Dienst“ angemessen verstanden werden? Worin besteht der Unterschied – und worin das Spezifikum des Gemeindedienstes? Ist es heute angemessen, funktionale Pfarrdienste nach wie vor als abgeleitet, die parochiale Tätigkeit aber als „den eigentlichen pastoralen Dienst“ zu verstehen?

 

1. Der Dual „parochialer versus funktionaler Dienst“

Die Unterscheidung zwischen parochialem und funktionalem Dienst gilt im kirchlichen Diskurs als etabliert. In zeitgenössischen pastoraltheologischen Konzepten spielt sie dagegen eine untergeordnete Rolle, was hauptsächlich mit dem Fokus auf das Gemeindepfarramt als dem vermeintlichen Original zusammenhängt.1 Die Schaffung neuer, funktional gedachter kirchlicher Arbeitsfelder ab den 1970er Jahren war eine Reaktion auf Dynamiken gesellschaftlicher Ausdifferenzierung. Handelte es sich dabei zunächst um eine Spezialisierung der Seelsorge in Krankenhäusern, Gefängnissen und Schulen, so hat sich das Spektrum der Handlungsfelder und Kontexte, in denen Pastores tätig sind, seitdem erheblich erweitert und ist nahezu unübersichtlich geworden. In den letzten Jahren hat sich allerdings auch der parochiale Pfarrdienst verändert. Insbesondere Regionalisierungsprozesse und Nachwuchsmangel führen dazu, dass funktionale Logiken auch in die Pfarrstellenplanung und -realität vor Ort Einzug halten.

Wie kann heute der Dual „parochialer/funktionaler Dienst“ angemessen verstanden? Worin besteht der Unterschied – und worin das Spezifikum des Gemeindedienstes? Ist es heute wirklich angemessen, funktionale Pfarrdienste nach wie vor als abgeleitet, die parochiale Tätigkeit aber als „den eigentlichen pastoralen Dienst“ zu verstehen?2 Mit diesen Fragen hat sich im Januar 2019 der neu gegründete Arbeitskreis Pastoraltheologie, ein Zusammenschluss pastoraltheologisch Forschender und Interessierter, in der Evang. Akademie Loccum auseinandergesetzt. Im Folgenden stellen wir Ergebnisse dieses Treffens zur Diskussion.3 Das pastoraltheologische Mittel der Wahl ist dabei eine systematische Gegenwartsbeschreibung mit dem Ziel der Irritation. Es wird darum gehen, eine in Theorie und Praxis fest verankerte Vorstellung zu reflektieren und zu relativieren: der Dual von funktionalem und parochialem Pfarrdienst.

 

2. Funktionaler Pfarrdienst heute – Versuch einer Klassifizierung

Heute hat sich das Panorama des pfarramtlichen Dienstes erheblich ausdifferenziert. Nimmt man zunächst in den Blick, mit welchen Aufgaben und Arbeitsfeldern Pastores heute betraut sind, so stößt man auf eine große Vielfalt, innerhalb derer sich dennoch relativ klare Abgrenzungen entdecken lassen. Darunter befinden sich die oft unter dem Label der „Seelsorge“ laufenden, bekannten Ämter für Militär-, Altenheim-, Gehörlosen-, Tourismus- und Polizeiseelsorge, aber auch der Öffentlichkeit unbekanntere Pfarrstellen, von denen exemplarisch genannt seien Studienleiter*innen in Fortbildungszusammenhängen und Akademien, Beauftragte für Kirchentage, Bundesgartenschauen und Jubiläen, kirchenleitende Stellen, persönliche Referent*innenstellen, Gemeindeberatende und Organi­sations­ent­wick­ler*­innen, Fernseh- und Radiopastor*innen und Beauftragungen für Pastoralpsychologie, Öffentlichkeitsarbeit, Presse, Internet u.v.m.

Der erste Versuch einer systematischen Klassifizierung ergibt ein fünfgliedriges Modell:

1) Pfarrstellen, die die Spezialisierung einer klassischen Tätigkeit darstellen: Als klassische Tätigkeiten werden dabei die pfarramtlichen Grundaufgaben Seelsorge, Unterricht, Verkündigung und Leitung verstanden. Bei genauerem Hinsehen gehören meist alle Grundaufgaben zum Zuschnitt der Stellen, wobei oft aber eine Schwerpunktsetzung vorliegt: Das ist in der Altenheim-, Gefängnis-, Notfall- oder Polizeiseelsorge tatsächlich die Seelsorge, aber immer gehören auch Verkündigung und/oder Unterricht und Leitung dazu. – Die Pfarrämter des Bischofs, der Superintendentin, aber auch von Diakoniepastor*innen haben sich demgegenüber auf Leitungsaufgaben spezialisiert. – Schulpfarrstellen können den Schwerpunkt, je nach Zuschnitt, sowohl beim Unterricht als auch in der Seelsorge setzen.

2) Zielgruppenbezogene Tätigkeiten: Die zweite Kategorie denkt von der Zielgruppe her. Genannt seien beispielhaft Landesjugendpfarrstellen, Pfarrstellen für Aussiedler oder Flüchtlinge und die Studierendenseelsorge. Einiges spricht dafür, auch die Auslandspfarrstellen dieser Kategorie zuzuordnen. Die Besonderheit besteht darin, dass eine Zielgruppe durch alle klassischen Pfarramtstätigkeiten angesprochen wird. Die Angebote fallen hier aber in der Regel profilierter aus und können genauer auf die Zielgruppe zugeschnitten werden.

3) Projektbezogene Tätigkeiten: Pfarrstellen der Kategorien 1 und 2 werden oft befristet besetzt. Dies hat allerdings eher den Grund, einer zu starken Spezialisierung bei den Stelleninhaber*innen entgegen zu wirken. Bei projektbezogenen Pfarrstellen gehört die Befristung demgegenüber zur Natur der Sache. Sie widmen sich zeitlich klar begrenzten Projekten wie etwa einem Reformationsjubiläum, einer EXPO oder dem Kirchentag. Dabei ist theologische Kompetenz gefragt, die sich mit Organisations- und Kommunikationsaufgaben verbindet. Verkündigungs- und Bildungsangebote können ebenfalls eine Rolle spielen.

4) Auf den Pfarrberuf selbst bezogene Tätigkeiten: Eine weitere Kategorie von Funktionspfarrstellen arbeitet gewissermaßen auf einer Metaebene für den eigenen Berufsstand. Hierunter fallen Studienleitende in Aus-, Fort- und Weiterbildungseinrichtungen wie Prediger- und Studienseminaren, Pastoralkollegs und religionspädagogischen Instituten, aber auch Fachreferent*innen etwa für Ökumene oder Ehrenamtsarbeit auf der Ebene von Landeskirchen oder EKD. Deren Schwerpunkt ist der Unterricht; seelsorgliche, kybernetische und verkündigende Elemente spielen meist auch eine Rolle. – Eine zweite Gruppe in dieser Kategorie bilden die Pastoralpsycholog*innen, deren Schwerpunkt die Seelsorge am eigenen Berufsstand ist.

5) Pastorale Adaption fachfremder Tätigkeiten: Unter die fünfte Kategorie schließlich fallen Pfarrstellen, deren Haupttätigkeit nicht zum klassischen Kanon des Pfarramtes gehört, sondern anderen Professionen entlehnt ist. Gedacht ist z.B. an Pfarrstellen zum Fundraising, zur Öffentlichkeits- oder Internetarbeit. Hier geht es darum, gegenwartsrelevante Arbeitsbereiche, Medien und Methoden für die Kirche und ihre spezifischen Bedürfnisse zu adaptieren. – Auch die Gemeinde- und Organisationsberatung kann, mit anderem Schwerpunkt, hierzu gerechnet werden.

 

3. Einspruch: Wider zu glatte Kategorisierungen

Der erste Versuch, das gegenwärtige pastorale Handeln in funktionalen Pfarrdiensten gegenwärtig zu kategorisieren, macht deutlich, dass Funktionalisierung an den Grundperspektiven des Pfarramts ansetzt: an seinen Handlungsfeldern/Grundperformanzen (1), den „Leuten“/Zielgruppen (2), dem konkreten Projekterfordernis (3) oder dem Pfarrberuf selbst (4). Die Schwierigkeit, diese vielfältige Gemengelage zu sortieren, ergibt sich daraus, dass sich die funktionalen Dienste historisch in Reaktion auf jeweilige gesellschaftliche Herausforderungen relativ flexibel entwickelt haben, jetzt aber systematisch in den Blick genommen werden. Eine solche Ordnung erscheint gegenwärtig vor allem deshalb erforderlich zu sein, weil Landeskirchen ressourcenbedingt nicht mehr auf jede gesellschaftliche Herausforderung, die sich ihnen als relevant darstellt, mit der Einrichtung von Pfarrstellen reagieren können, sondern strategisch wählen müssen.

Mit der Errichtung funktionaler Pfarrstellen war (und ist?) die Hoffnung verbunden, in Bereichen, in denen Kirche jeweils nicht so präsent ist wie sie es ihrem Auftrag entsprechend sein könnte, durch die Beauftragung einer Pfarrerin, eines Pfarrers mit einem Mehr an Kirchlichkeit wirksam zu sein. Dies setzt aber voraus, dass es Orte genuiner Kirchlichkeit gibt, denen andere Räume gegenüberstehen, denen diese Kirchlichkeit quasi sekundär hinzugefügt wird. Diese Annahme wird unter gegenwärtigen Bedingungen fraglich. Zunehmende Komplexität der Wirklichkeit würde nun folgerichtig eine an Unübersichtlichkeit grenzende Komplexität funktionalen Dienstes erzwingen, sofern eine Kirche vorausschauend handlungsfähig sein wollte. Diese Logik stößt jetzt an Grenzen: Gesellschaftliche Beschreibungen im Sinne von Mobilität, Digitalität, Singularität u.a. erfordern keine weiter differenzierten Dienste, sondern rütteln an der Grundarchitektur einer Differenzierung zwischen Gemeindepfarrämtern und funktionalen Diensten.

Auffällig ist, dass sich die Cluster funktionalen Dienstes auf die Performanz im Pfarrberuf beziehen: Wer tut wem gegenüber konkret was? Die Kategorisierungen funktionaler Dienste auf Basis der Handlungsfelder bzw. Grundperformanzen des Pfarrberufs greift jedoch noch aus grundsätzlicheren Erwägungen heraus zu kurz. Der Pfarrberuf ist wesentlich gekennzeichnet durch seinen theologischen Leitungshabitus, der die begründete Vermutung einer religiösen Diskursfähigkeit auf der Höhe der Zeit sowie den Gestus von angemessener „Kirchlichkeit“ in sich trägt. Diese grundlegende Voraussetzung, die sich formal in der Regel in einem spezifischen Anstellungsverhältnis niederschlägt, gerät als wesentliches Moment des Pfarrberufs leicht aus dem Blick, wenn er primär als Set von Tätigkeiten beschrieben wird. Möglicherweise ist der Umstand, dass mit den meisten funktionalen Pfarrdiensten der Auftrag zur Leitung von Gottesdiensten verbunden ist, ein inszenatorischer Marker auf diesen Habitus hin.

 

4. Tendenzen der Funktionalisierung des Gemeindepfarramts

Der gängige Dual suggeriert, der parochiale Pfarrdienst sei per se „nicht-funktional“. In gewisser Hinsicht lässt sich das unter 2. vorgestellte Modell jedoch auch auf das Gemeindepfarramt anwenden: Die Absteckung von Parochien ist durch die Einführung des Kirchensteuersystems und der strategischen Entscheidung zur Individualseelsorge im 19. Jh. zumindest mittelbar durch gesellschaftliche Entwicklungen bedingt. Schon immer hat es auch in den gemeindlichen Pfarrämtern Schwerpunktsetzungen im Bereich der sog. Handlungsfelder gegeben, etwa im Bereich von gottesdienstlichem Handeln, wenn jemand einen Pfarrdienst an einem Kirchgebäude mit großer öffentlicher Bedeutung oder einer sog. „Traukirche“ versieht. Gemeinden bilden Schwerpunkte in der Zielgruppenarbeit, weil dies der demographischen Notwendigkeit vor Ort oder der spezifischen Religionskompetenz des Pfarrers besonders entspricht. Konkrete Projektvorhaben fokussieren Kräfte vor Ort. Zuweilen erfolgen diese Spezialisierungen latent und in gewisser Weise „zufällig“ und sind stabil, weil sie eine gute Passung erzeugen; oft sind sie auch konzeptionell gewollt, vor allem dann, wenn Pfarrerinnen miteinander und interprofessionell in Teams arbeiten. Ein gegenüber dem spezialisierten Dienst generalisiertes Pfarramt, das alles für alle zu jeder Zeit tut, ist unter gegenwärtigen Bedingungen eine Fiktion. Dass dies dennoch eine hohe scheinbare Plausibilität erzeugt, mag daran liegen, dass sich die Berufstätigkeit von Pfarrern und Pfarrerinnen als Professionalisierung ihrer eigenen religiös-kirchlichen Biografie lesen lässt.

Bringt das funktionale Pfarramt ein Mehr an Kirchlichkeit in gesellschaftliche Diskurse, so ist die (thematische, zielgruppenbezogene, projektorientierte, reflexive) Fokussierung im parochialen Pfarramt nicht nur eine faktische Steuerungsnotwendigkeit, sondern auch mit dem Wunsch verbunden, durch Profilbildung ein exemplarisches Mehr an „Welt“ in die traditionelle Kirchlichkeit zu bringen. Jedes Pfarramt erzeugt also Ein- und Ausschlüsse. Auch ist es jeweils auf einen spezifischen Raum bezogen, der durch Menschen mit ihren Interaktionen und Regeln konstituiert sowie durch Ressourcen abgesichert und damit auf die jeweilige Landeskirche bezogen ist.

Diese Intentionen verbinden sich heute an vielen Orten eindrücklich mit Regionalisierungsprozessen. In fusionierten Gemeinden, in Pfarrsprengeln oder Regionen, in denen mehrere Pfarrpersonen zusammenarbeiten und ihre Arbeit koordinieren, orientiert sich die Arbeitsorganisation häufig sowohl an den Aufgaben als auch an den vorhandenen Fähigkeiten der Personen. In einer fusionierten Stadtgemeinde mit drei vollen Pfarrstellen und Kirchen trägt eine Pfarrerin dann z.B. Verantwortung für ihren lokalen Seelsorgebereich (Kasualien, Kirchengebäude, kirchliches Leben vor Ort), aber auch für ein Arbeitsfeld der gesamten Gemeinde (Konfirmanden- und Jugendarbeit, Bildungsarbeit und Vorträge, Seniorenarbeit, Lektorenausbildung), die Ausschüsse der Gemeindeleitung werden jeweils von einer Pfarrperson besetzt. Veränderungen im Team werden mit einer externen Beratung dafür genutzt, Arbeitsverteilung neu zu verhandeln und zu verändern. Oder in einer Region verbindet sich mit dem Hauptanteil in der Ortsgemeinde ein bestimmter Stellenanteil für regionale Schwerpunkte, der entsprechend ausgeschrieben wird.4

 

5. Ortsbezogene Funktionalität

Die Tendenzen der Funktionalisierung des Gemeindepfarramtes bleiben durch dessen Bezogenheit auf ein klar abgrenzbares Gebiet räumlich abgegrenzt. In Aufnahme der Begrifflichkeit aus Wittstock-Ruppin könnte man sagen: Die Ortsbezogenheit, die zugleich das Feld von Spezialisierungen darstellt, überbrückt zugleich die funktionale Differenzierung; die Ausrichtung auf einen Sozialraum mit allen Generationen, Milieus, Lebenswelten etc., die dort „vorkommen“, durchbricht eine ausschließliche Verengung auf klar definierte Zielgruppen. Diese Ortsbezogenheit ließe sich noch stärker profilieren, z.B. in einem Bezug des pastoralen Selbstverständnisses auf den gesamten Sozialraum der Parochie, wie er z.B. in England üblich ist. Dann ist nicht die Zahl der Gemeindemitglieder, sondern der Einwohner die entscheidende Größe. Oder in einer stärker sozialraumorientierten Ausrichtung von Ortsgemeinden, deren Programm sich dann noch dezidierter auf die gesellschaftlichen Themen, Probleme, Herausforderungen vor Ort bezöge und sich einbettete in gesellschaftliche Prozesse für ein gutes Leben im jeweiligen Sozialraum.5 In jedem Fall aber macht die Ortsbezogenheit als Charakteristikum pastoraler Arbeit in der Parochie jedes Idealbild von Einheitlichkeit zunichte – sowohl in der Stadt wie in ländlichen Räumen sind die Entwicklungen und Prägungen vor Ort doch höchst unterschiedlich. Jeder Kiez ist anders – aber auch touristisch geprägte ländliche Räume an der Ostsee haben mit überalterten, strukturschwachen Regionen in der Fläche oder mit Pendler-Regionen im weiteren Umkreis von Ballungszentren oft weniger Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

 

6. Pastoraltheologischer Ertrag: Wider die Sehnsucht nach Vereinfachung

Die kirchliche Profession antwortet mit Ausdifferenzierungen und Profilierungen auf die zunehmende Komplexität der Welt, gesellschaftlich wie religiös. Diese Antwort ist beides: ein Versuch, dieser Komplexität professionell Herr zu werden – und ihr unübersehbares Ausrufezeichen.

Der Pfarrberuf spiegelt diese Komplexität mit seinen unübersichtlich gewachsenen Strukturen – funktional, parochial und vielfältig überschnitten – natürlich nicht einfach neutral wider. Als Beruf, den Menschen ausüben, und als Beruf, der (theologisch zu Recht oder Unrecht) als Indikator für das Wesen der Kirche gehandelt wird, weckt er die Sehnsucht nach Eindeutigkeit. Diese Sehnsucht wächst in dem Maße, in dem sich existenzielle Unsicherheiten breitmachen – wenn die Relevanz und die Stellung des Berufs in Zweifel gezogen werden, wenn Ressourcen knapper werden, wenn die überkommene kirchliche Sozialgestalt Bindungswirkung oder Überzeugungskraft einbüßt.

Erste Anlaufstellen zur Befriedigung dieser Sehnsüchte bilden aufgeladene Normierungsformeln und symbolträchtige Handlungsmuster: Amtstheologien, Ordinationsvorhalte, Verhaltenserwartungen, romantisierte Rollenzuschreibungen. Sie werden mit Verve ins Feld geführt, um Prozessen der Differenzierung Einhalt zu gebieten, das Primat bestimmter Funktionsbereiche zu betonen, Priorisierungen zu behaupten. Im Ergebnis fällt ihre Fülle und Vielfalt nicht geringer aus als die (Über-)Komplexität, die damit reduziert werden soll. Und: Dass die Triebkräfte der Differenzierung kirchlich oder religiös von Interesse sein könnten, bleibt so von vornherein ausgeschlossen.

Die Unübersichtlichkeit des Pfarrberufs als Wesen seiner Praxis

Wer Eindeutigkeitssehnsüchte bremst, kann die gewachsene Komplexität des Pfarrberufs erst einmal gelassen zur Kenntnis nehmen – und sehen: Bei aller Vielfalt seiner Ausprägungen einen den Pfarrberuf ähnliche Trends, Tätigkeiten, Haltungen. Die existenziell verständliche Suche nach einem Proprium trübt den Blick auf diesen Beruf, der nicht seiner eigenen Gestalt, sondern einem praktischen Ziel verpflichtet ist. Jenseits der Lehrbücher und des Streits um Ressourcen ist es in den meisten Fällen doch ziemlich leicht, Pfarrer*innen als Pfarrer*innen zu erkennen – nicht am Türschild, sondern an ihren Praktiken: an Entscheidungswegen, Herangehensweisen, rhetorischen Figuren, Handlungsarrangements etc.

Einer ähnlichen Beobachtung hat Ludwig Wittgenstein einige Berühmtheit verschafft: Es gibt soziale Praktiken, die einander so fraglos ähneln, dass wir sie treffsicher unter Begriffen wie „Spiel“ oder „Sprache“ (oder eben: pastorale Praxis) subsumieren. Andererseits, und das ist entscheidend, erweist es sich als unmöglich, sie auf einen charakteristischen Kern zurückzuführen, sie mittels Kategorien zu identifizieren oder ihre Grenzen abstrakt festzulegen. Wer sich auf sie einlässt, ihnen nachgeht, wird eher intuitiv von ihrer Ähnlichkeit überzeugt. Wittgensteins praktische Devise für die systematische Identifikation solcher Gemeinsamkeiten lautet deshalb provokativ: „[D]enk nicht, sondern schau!“ Also sieht er „ein kompliziertes Netz von Ähnlichkeiten, die einander übergreifen und kreuzen. Ähnlichkeiten im Großen und Kleinen.“6 Für solche Ähnlichkeiten sozialer Praktiken prägt Wittgenstein den Begriff „Familienähnlichkeit“.

Natürlich: Beruf und Praxis sind nicht das Gleiche. Aber: Die protestantische Tradition, das Pfarramt primär über seine Funktion für die Kirche zu verstehen, weist in die gleiche Richtung: Nicht die Sozialform des Berufs gibt den Ausschlag, sondern der praktische Vollzug. Sie entlastet den systematischen Blick auf die komplexe Wirklichkeit des Berufs von dem Anspruch, beides zugleich zu tun: zu sortieren und zu begrenzen, zu verstehen und zu zensieren.

Die Unübersichtlichkeit des Pfarrberufs als Grundlage kirchlicher Funktion

Die pastoraltheologische Analyse sollte deshalb vorbehaltlos alle Spielarten des Pfarrberufs in den Blick nehmen – in der Vielzahl sozialer Bezüge, orientiert an unterschiedlichen Zielbestimmungen, engagiert in der Bearbeitung disparater Themen und Aufgabenstellungen – und auf die Suche danach gehen, inwiefern sie in der Ähnlichkeit ihrer Funktion für kirchlich-religiöse Praxis verbunden sind.

Es gibt eben keine einzelne Tätigkeit – nicht einmal das Predigen – oder eine Kernperformanz, die für die Tätigkeit in allen Formaten und an allen Orten zentral wäre. In einem Feld quantitativ oder qualitativ dominante Praxismuster (wie der Unterricht eines Schulpfarrers) können in einem anderen Feld (z.B. im Alltag einer Hospizseelsorgerin) fehlen, ohne dass bereits dadurch die Intuition von der Familienähnlichkeit im Pfarrberuf gefährdet wäre. (Regionale) Aufgabenteilungen mit klaren Handlungsprofilen erscheinen aus dieser Perspektive nicht als defizitär, sondern im Gegenteil als geradezu exemplarische Verknüpfungen des Netzes kirchlich-professioneller Praxis. Umgekehrt gilt das für reine Additionen („Verwaltungsangestellter mit Predigtauftrag“) erkennbar nicht.

Normative Folgerungen sind durch die Devise „denk nicht, sondern schau“ also keinesfalls ausgeschlossen. Sie ergeben sich aber erst, indem das pastoraltheologische Denken dem praktischen Spiel des Berufs nachgeht, seine Spielarten vorbehaltlos vergleicht, ein aufrichtiges Interesse daran zeigt, ein Gefühl für die Ähnlichkeiten (und die Unähnlichkeiten) zu entwickeln. Natürlich kann dabei „die im Gemeindepfarramt hergestellte Nähe“ oder die „im Funktionspfarramt ausgeprägte Detailkenntnis für ein Thema“ ins Auge fallen. Solche Knotenpunkte pastoraler Praktiken geben Anstoß zum Quervergleich, zur Anregung von Verbesserungen und zur Verstärkung von Verknüpfungen, nicht zur wechselseitigen Abwertung – in jenem Spiel, das sich „im Großen und Kleinen ähnelt“.

 

Anmerkungen

1 Die gegenwärtige pastoraltheologische Diskussion geht weitgehend vom Gemeindepfarramt aus. Michael Klessmann, Das Pfarramt. Einführung in Grundfragen der Pastoraltheologie, Neukirchen-Vluyn 2012, 286-303 widmet den Funktionspfarrämtern immerhin ein eigenes Kapitel, fragt an dessen Ende jedoch nur nach der Einheit dieser Dienste und nicht nach deren Verhältnis zum parochialen Dienst. Funktionsdienste programmatisch in das Berufsbild zu integrieren, fordern allein Christian Grethlein, Pfarrer(in)sein als christlicher Beruf. Hinweise zu den veränderten Rahmenbedingungen einer traditionellen Tätigkeit, in: ZThK 98 (2001), 372-398, bes. 395f, sowie Uta Pohl-Patalong, Vielfältige Kommunikation des Evangeliums. Das „Eigentliche“ des Pfarrberufs in der Vielfalt der Handlungsfelder, in: PrTh 44 (2009) 1, 25-31. Besonders kritisch setzt sich Isolde Karle, Der Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft, Stuttgart 2008, 247-250.258-263, mit den Funktionspfarrämtern auseinander.

2 Dies zeigt sich in der Praxis ganz deutlich in den Auswahlkriterien für Leitungsämter und in den Delegationsprinzipien in kirchliche Leitungsgremien sowie in der Entsendungspraxis.

3 Der Text verzichtet auf letzte Stringenz, die erwartbar wäre, wenn nur eine Autorin ihn verfasst hätte. Vielmehr spiegelt er in seiner jetzigen Form den Diskurscharakter des Arbeitstreffens wider.

4 Hier besteht Forschungsbedarf: Wie genau verhält sich die Spezialisierung im Gemeindepfarramt zu konzeptionellen Prozessen in Gemeinden und Kirchenkreisen? Geht letzteres jeder Ausschreibung voraus? Oder wird auf der Basis des vorhandenen Personals mit den persönlichen Stärken und Interessen ein jeweiliges Konzept entwickelt? Welche Rollen spielen hier Vakanzzeiten oder kann man diese gar stärker für solche Prozesse nutzen?

5 Vgl. Ralf Kötter: Das Land ist hell und weit. Leidenschaftliche Kirche in der Mitte der Gesellschaft. 2. Aufl. Berlin: EB-Verlag 2015. Dann wäre für das Gemeindepfarramt u.a. die Fähigkeit zentral, sozialräumliche Entwicklungen, gesellschaftliche Themen vor Ort, unterschiedliche Lebenswelten und Herausforderungen wahrzunehmen, zu reflektieren und konzeptionell zu verarbeiten. Werden aber die in der theologischen Ausbildung erlernten Instrumente, Methoden und Haltungen einer solchen ortsbezogenen, sozialräumlichen Reflexion unter dem angenommenen Druck der Praxis hinreichend wirksam?

6 Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen. Auf der Grundlage der Kritisch-genetischen Edition neu hrsg. von Joachim Schulte, Frankfurt/M. 2003, 66, 57.

 

Exkurs: Blitzlichter aus der „Hochphase der Funktionalisierung“ 

Bereits 1970 ringt Yorick Spiegel um eine adäquate Bezeichnung: So seien „Pfarrer ohne Ortsgemeinde“ nicht immer Pfarrer ohne Gemeinde. Die Bezeichnung der betreffenden Stellen als Funktionspfarrämter dürfe nicht implizieren, die Ortsgemeinde habe ihre Funktion verloren.1

Spiegel2 skizziert folgende Entwicklung des Pfarrerberufs jenseits der Ortsgemeinde, deren Etappen einen je unterschiedlichen Bezug von Kirche und Gesellschaft implizierten: Die älteste Tradition hätten die Pfarrämter der kirchlichen Hierarchie, der Leitung und Verwaltung in Kirche und Diakonie (22). Sie seien auf die Stabilisierung der Kirche als Institution ausgerichtet, im Kontext „einer Gesellschaft […], die durch Großorganisationen bestimmt ist“ (25). Dazu gehören Ämter der unterschiedlichen Leitungsebenen.

Ein zweiter Bereich von Sonderpfarrämtern „beruht auf einer früheren Interessenidentität von Staat und Kirche“ (22) und ist in den staatlichen Zwangsinstitutionen wie Schule, Gefängnis und Militär verortet (23). Im Kontext der Leitvorstellung eines christlichen Staates bzw. einer christlichen Gesellschaft zielten sie auf „die Internalisierung von staatlichen Wertvorstellungen“ (26), wobei der Zerfall der Interessenidentität von Staat und Kirche zu Beginn des 20. Jh. dazu führte, dass die Kirche damit auch eigene Interessen verfolgte oder stärker die Interessen derjenigen vertrat, die dem staatlichen Zwang unterliegen (23). Auch Auslandspfarrämter, die Spiegel zu den Sonderpfarrämtern zählt, würden ihr Entstehen staatlichen Interessen im Kontext nationaler Identität verdanken – der Fürsorge für deutsche Staatsbürger im Ausland (23).

Eine dritte Entwicklungslinie sieht Spiegel im Pietismus, die Etablierung pastoraler Aufgabenbereiche in „Vereinen, Anstalten und Werken der Inneren und Äußeren Mission“ (23), heute Missionspfarrer, Pfarrerinnen im Amt für Gemeindedienst oder in diakonischen Anstalten (24). Diese Pfarrämter seien „durch einen klaren religiösen Monopolanspruch auf gewisse gesellschaftliche Bereiche gekennzeichnet“ (26).

Jüngere kirchliche Bemühungen hätten schließlich Pfarrämter im Hinblick auf eine ausdifferenzierte Gesellschaft (26) hervorgebracht. Entstanden seien diese nach 1945 durch die Etablierung von Akademie- und Sozialarbeit sowie durch die „Übernahme kleinerer kirchlicher Werke in die kirchliche Organisation (Jugend-, Männer- und Frauenwerke)“ (24). Auch Pfarrerinnen und Pfarrer in der Öffentlichkeits-, Rundfunk- und Fernseharbeit werden hier eingeordnet.

Zu erinnern ist daran, dass diese Welle des Ausbaus von funktionalen Pfarrämtern im 20. Jh. ab Ende der 1960er von der ökumenischen Diskussion um „Mission als Strukturprinzip“ und „Kirche für andere/mit anderen“ geprägt war.3Damit war ihnen eine Ausrichtung auf den Dienst der Kirche für alle Menschen in der Gesellschaft und in allen gesellschaftlichen Bereichen eingezeichnet. „Die Kirche braucht Strukturen und Ordnungen, die es ermöglichen und erleichtern, den modernen menschlichen Situationen zu begegnen, diese geistlich zu deuten und die Menschen zur Nachfolge Jesu in allen Bereichen ihres Lebens zu führen.“4

Interessant ist, dass bereits in den 1960ern unterschiedliche Modelle der Kombination von Gemeinde- und Funktionsdienst diskutiert werden. Gottfried Leich stellt drei Konzeptionen nebeneinander:5 1. Parochialpfarrer*innen mit Spezialaufgaben im Nebenamt, wobei die parochiale Organisationsform weiterhin dominiere, 2. spezialisierte Pfarrer*innen in funktionsgegliederten Gemeinden, wobei das Verhältnis zwischen parochialer Präsenz vor Ort und großräumig in Gesamtgemeinden oder Kirchenkreisen organisierter Spezialdienste der Klärung harre, und 3. Mitarbeiter*innen verschiedener Fachrichtungen in spezialisierten Diensten, d.h. Gruppenämter von unterschiedlichen Berufsgruppen, denen z.T. auch der Zugang zu Pfarrstellen eröffnet werden sollte (v.a. aus dem Bereich der Sozialwissenschaft bzw. Sozialarbeit).

Deutlich wird: Die Trennung zwischen Gemeinde- und Funktionsdienst ist auch schon in dieser Zeit nicht eindeutig. Und: Mit der Frage nach der Funktionalisierung kirchlicher Arbeit hängt die Frage der Zuordnung und Zusammenarbeit unterschiedlicher, haupt- und ehrenamtlicher kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen. Die Kehrseite zunehmender Ausdifferenzierung ist die Frage nach dem Spezifikum der Ortsgemeinde, insbesondere im Zusammenspiel von parochialen und funktionalen Arbeitsbereichen.

Anmerkungen

1 Yorick Spiegel, Vorwort, in: Ders. (Hg.), Pfarrer ohne Ortsgemeinde. Berichte, Analysen und Beratung, München 1970, 9-12, hier 9.

2 Yorick Spiegel, Funktionale Pfarrämter – Flucht oder Neubeginn, in: Ders. (Hg.), Pfarrer ohne Ortsgemeinde. Berichte, Analysen und Beratung, München 1970, 13-43. Alle Seitenangaben beziehen sich auf diesen Text.

3 Eine gute Literatur-Übersicht über alle landeskirchlichen Reformprogramme und eine allgemeine Einordnung bietet Gottfried Leich, in: Kirchliches Amt im Umbruch, hrsg. von Dieter Bastian, München 1971, 91-104.

4 Planungs- und Strukturausschuss der EKD, zit. n. Leich, 93.

5 Zum Folgenden Leich, 96-99.

 

Exkurs: Das Beispiel Wittstock-Ruppin 

Besonders programmatisch wurde eine solche Entwicklung seit Mitte der 2000er Jahre im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin (Prignitz) der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz betrieben.* Die Reform des Kirchenkreises beinhaltete zwei Säulen: erstens die Regionalisierung der Strukturen zur Gesamtkirchengemeinde mit lokalen Ortsgemeindevertretungen und die Anstellung aller Mitarbeitenden im Kirchenkreis, zweitens die Aufgliederung aller Stellen im Verkündigungsdienst in einen ortsbezogenen und einen aufgabenorientierten Bereich und die Erneuerung der Gemeinschaft der Dienste. Ziel des aufgabenorientierten Bereichs war die Förderung von konzeptionell entwickelten Schwerpunktbereichen: Kinder- und Jugendarbeit, Ehrenamtsförderung und Öffnung zu Außenstehenden. Während die Konzeption zunächst eine Trennung zwischen den Personen in beiden Bereichen avisierte, zeigte sich v.a. für den Pfarrdienst, dass die Aufgaben zumeist in Kombination wahrgenommen werden: Ortsgemeinde und Flüchtlingsarbeit, Ortsgemeinde und Regionalakademie für die Weiterbildung Ehrenamtlicher, Ortsgemeinde und Arbeit mit Kindern im Kirchenkreis. Es wäre interessant weiter zu erforschen, wie sich beides in der Praxis konkret verbindet – wo sich Synergieeffekte oder Spannungen einstellen, wie sich persönliches Vertrauen mit einer funktional differenzierten Mitarbeiterschaft entwickelt oder wie Übergänge zwischen unterschiedlichen Arbeitsbereichen gestaltet werden. Gerade für die Ausdehnung von Verantwortungsbereichen in ländlichen Räumen könnte die regionale Teilfunktionalisierung wichtig sein, ermöglicht sie doch eine Schwerpunktsetzung anhand eigener Interessen, die im Kontext von Arbeitsverdichtung eine wesentliche Ressource für Berufszufriedenheit ist. (Vgl. dazu Kerstin Menzel: Kleine Zahlen, weiter Raum. Pfarrberuf in ländlichen Gemeinden Ostdeutschlands. Stuttgart: Kohlhammer 2019 (Praktische Theologie heute, Bd. 155), 493-500.)

 

Anmerkung

*Vgl. EKD-Zentrum Mission in der Region (Hg.): Evaluation der Reform des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin. Evaluationsbericht (Autoren: Martin Alex, Juliane Kleemann, David Lissig). Dortmund 2012. Mit weiteren Materialien verfügbar unter: https://www.kirche-wittstock-ruppin.de/struktur-aufgaben.html (abgerufen am 12.5.2019).


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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