Für Sven Wegner-Denk kreist die aktuelle Debatte einer sachgerechten Konfiguration des Pfarramts um die falschen Punkte. So wird seiner Meinung nach zu sehr historisch überkommenes Ballastmaterial mitgeschleppt, das sich über die Jahrhunderte an das Pfarrbild angelagert hat. Stattdessen wäre es für ihn an der Zeit, sich am biblischen bzw. neutestamentlichen Hirtenbild und den dortigen „Charismenkatalogen“ zu orientieren, um Pfarramt und Gemeindeleitungsarbeit neu zu strukturieren.1

 

1. Das „Hirtenamt“ in der Bibel und die heutige Praxis

Ziemlich früh, offenbar schon von den Aposteln eingesetzt2, gab es im Urchristentum die Ämter des Bischofs und der Ältesten. Sowohl was die hohen Anforderungen an Lebensweise und Charakterstärke (vgl. Tit. 1,7-8 u.ö.) als auch die Aufgaben betrifft sind diese Ämter einander nicht erkennbar hierarchisch zugeordnet sondern nahezu deckungsgleich. Sie stehen einer Ortsgemeinde vor, verwalten sie (vgl. 1. Tim. 3,5; Tit. 1,7) – Verwaltung ist offenbar nicht nur überflüssiges Übel! – sie lehren Gemeinde in der „Lehre der Apostel“, ermahnen und weisen sie zurecht (vgl. Tit. 1,9). Eine Hauptaufgabe ist die Abwehr gemeindezerstörerischer Irrlehre (vgl. Apg. 20,29-30 u.ö.). 1. Tim. 5,17-18 kann man so lesen, dass man einzelne Personen von der Erwerbstätigkeit freistellen, also bezahlen soll, damit sie sich besonders dem Wort Gottes und der Lehre widmen können.

Bereits in dieser Beschreibung, endgültig aber in Apg. 20,28 und 1. Petr. 5,2-4 (vgl. auch Joh. 21,15-17) wird der Bezug dieser Gemeindeleitung zum biblischen Hirtenbild deutlich, so dass die Bezeichnung Pastor oder Pfarrer nur folgerichtig erscheint und sich viele pastoraltheologische Ansätze zunächst vor allem auf dieses Bild beziehen und daran abarbeiten. Die Frage ist, ob bzw. in wie weit aktueller Pfarrdienst diesem Bild (oder Anspruch?) tatsächlich entspricht.

1.1 Ortsgebundenheit und Amtszeitbegrenzung

Bei keiner der genannten Bibelstellen werden Gemeindeleiter „von außen“, gar von einer übergeordneten Organisationsstruktur, in eine Parochie „geschickt“. Bischöfe und Älteste sind offenkundig „bewährte“ Christen, direkt gewählt aus den Reihen der jeweiligen Gemeinde. Damit Kirchengemeinden und ihre Leitung keinesfalls im eigenen, theologischen Saft schmoren (s. 3.6), sondern sich wirklich an die „Lehre der Apostel“ halten (können), ist es sicherlich segensreich und gut, wenn Amtsträger durch Anstellung bei einer beigeordneten Organisation in der Verkündigung frei sind vom „Geschmack“ der z.T. „störrischen“ Herde (vgl. 2. Mos. 34,9) und wenn sie „in der Fremde“ eine fundierte, theologische Ausbildung erhalten, eben theologisches Studium und Vikariat. Wenn aber Jesus, der „Erzhirte“, Vorbild der Amtsführung ist, müsste doch – zumindest bedingt – sein Wort aus Joh. 10,14 gelten. Wie aber soll die Tiefe des Vertrauens zustande kommen, die Herde zum Gedeihen braucht, wenn der Hirte ein Fremder bleibt, der nur auf Zeit da ist3 und sich mit zentralen Lebensbeziehungen (Eltern, Verwandtschaft …) außerhalb der Gemeinde bewegt? Es dürfte sehr viel wahrscheinlicher sein, dass er sich wirklich mit Haut und Haaren für die Herde einsetzt, wenn er aus genau dieser stammt und weiß, dass er, seine Vor- und z.T. seine Nachfahren auf Dauer in der Gemeinde sind und bleiben – mithin die „Suppe auslöffeln müssen“ –, schlicht weil er sich intensiver mit der Gemeinde und ihren Eigenheiten identifiziert. Natürlich ist unsere eigentliche Heimat nicht auf dieser Erde (vgl. Phil. 3,20), schon gar nicht an einem fixen, geographischen Ort. Dennoch ist eine enge Bindung zur vorübergehenden, irdischen Heimstadt für die Psyche von Menschen, Gemeinde und Gemeindeleitung nicht völlig nebensächlich4.

Daneben kann aus den biblischen Texten nicht auf eine festgelegte Zahl von Gemeindeleitenden (eben Pfarrerinnen und Pfarrern sowie Kirchengemeinderäten) pro Gemeinde geschlossen werden. Zudem ist keine Amtszeitbegrenzung zu erkennen – außer, wenn Amtsvoraussetzungen nicht mehr gegeben und gute Amtsführung nicht mehr gesichert wären. Wie es insgesamt eine Ehre ist, an Gottes Reich mitarbeiten zu dürfen5, ist das Gemeindeleitungsamt offenbar dauerhaftes „Ehren“-Amt für besonders geeignete Menschen. Das könnte die nervenaufreibende Suche nach Kandidaten alle sechs Jahre merklich entspannen und kontinuierliches Arbeiten erleichtern. Andererseits könnten so auch Strukturen völlig verkrusten und Entwicklung verhindert werden. Entscheidend ist dabei, dass auch Kirchengemeinderäte eine fundierte theologische Ausbildung und stete Auffrischung derselben, erhalten. Nichts ist problematischer als wenn „Hirten“ den Weg zur „saftigen Weide (vgl. Ps. 23) nur „der Spur nach“ kennen oder nur nach Bauchgefühl und Geschmack Wegeentscheidungen treffen.

Geschwisterliche Beziehungen zwischen Ortsgemeinden gab es offenbar bereits in biblischer Zeit6. Aber bis auf das Apostelamt und die Reiseämter ist nirgends ersichtlich, dass Gemeindeleitung auch überörtliche Aufgaben (Bezirksämter, Landeskirchen etc.) hatte. Es bedarf kritischer Prüfung, ob die Entwicklung der Folgejahrhunderte, in der Bischöfe immer mehr zu Regionalbischöfen wurden, nicht eine der Fehlentwicklungen ist, die in der Reformationszeit dringend der Re-form bedurft hätten. Nicht dass überregionale Strukturen nicht auch hilfreich wären, aber es bleibt die Frage der gegenseitigen Zuordnung – biblisch jedenfalls nicht als Aufgabenbereich der „Gemeindeleitung“.

1.2 Die Größe der Herde

Wenn ein guter Hirte seine Schafe so gut kennt, dass er – Jesu Beispiel folgend – dem einzelnen, verirrten Schäfchen nachgehen kann (Lk. 15,1-7) und die ganze Herde leidet, wenn ein einziges Schäfchen leidet (vgl. 1. Kor. 12,26), müsste gewährleistet sein, dass es Hirten möglich ist, wirklich genau zu wissen, was seine Schäflein umtreibt. Das ist nur bei überschaubaren Herdengrößen und sehr, sehr viel Zeit für Begegnungen zu gewährleisten. Schon bei Gemeindegrößen mit 500-700 Mitgliedern fallen Einzelne durch die Raster von Gemeindeleitung, weil sie nirgends auftauchen, man sie gar nicht kennt, gar nicht weiß, was sie brauchen, sie belastet und quält7. Menschenverachtenden Lieblosigkeiten wie „Wer nicht kommt und fragt, der hat schon!“ oder die fixe Idee, alle, die nicht regelmäßig auftauchen, müssten erst einmal (neu) missioniert werden, ist jedenfalls entschieden zu widersprechen.

Lohnend wäre in diesem Zusammenhang sicher die Untersuchung, ob es (neben anderen Faktoren) eine Koinzidenz der Schrumpfgeschwindigkeit und des Beteiligungsgrads der Gemeindeglieder zur Gemeindegröße gibt. Die Rede davon, dass die Austrittszahlen in größeren, städtischen Kontexten höher sind als in kleineren, ländlichen Gemeinden und v.a. davon abhingen, dass man sich „auf dem Land halt“ stärker der Tradition verpflichtet fühle, zeugt jedenfalls von radikaler Unkenntnis heutiger Landbevölkerung. Womöglich gibt es sogar eine Koinzidenz der bisherigen, relativen Stabilität z.B. der Württ. Landeskirche und ihrer bisherigen „Pastorationsdichte“8.

Wenn es künftig tatsächlich finanziell unrealistisch ist, kleinere, familiärere Parochien zu schaffen als bisher und sie durch Pfarrpersonen zu „versorgen“, so ist Kirche gut beraten, Alternativen zu überlegen. Eine wäre z.B. die Erweiterung der Gemeindeleitung um eine weitere ehrenamtliche Ebene. Parochien könnten in Mini-Parochien mit je 50-80 Mitgliedern (jeden Alters und Milieus9, evtl. einfach nach Straßenzügen o.ä.) eingeteilt werden für die dann je ein/e „Parochieleiter/in“ zuständig wäre10. Diese Größe hätte nicht nur den Vorteil, dass wirklich alle Gemeindeglieder „besucht“ werden, sondern sich auch intensive Beziehungen bilden könnten usw. In regelmäßigen Treffen mit der übrigen Gemeindeleitung könnten so auch Bedürfnisse und Probleme der gesamten Gemeinde – nicht nur derer, die „immer da sind“ – zurückfließen in Überlegungen, wohin die Kirchengemeinde konkret geführt werden sollte. Um theologische Schräglagen zu vermeiden, müssten auch Parochieleiter theologisch und seelsorgerlich gut aus- und fortgebildet werden. Die oft als zentral erkannte „Beziehungspflege“ käme so auch mehr und sachgerechter dem Priestertum aller Gläubigen zu als bisher. Tiefgehende, seelsorgerliche Probleme könnten Parochieleiter in Absprache mit Betroffenen an Pfarrperson weitermelden, die sie weiterbearbeiten. Nicht nur Pfarrpersonen wären entlastet, auch Kirchengemeinden wären weit weniger anfällig für das Aufs und Ab durch Wechsel von Pfarrpersonen.

Wenn es landeskirchenweiter Öffentlichkeitsarbeit überdies gelänge, bewusst zu machen, dass Gemeindeleitung aus mehr Personen als nur der Pfarrperson besteht (vgl. §16,1 KGO Württ.) und das „Priestertum aller Gläubigen“ kein „Anbieter-Konsument-Verhältnis“ (schon gar kein Therapeut-Klient-Verhältnis) ist, sondern eine Gemeinschaft, in der alle Mitglieder Pflichten haben (vgl. §9 KGO Württ.), würde dies die Pfarrpersonen nachhaltig entlasten.

1.3 Seelsorge und Diakonie

Ein Proprium pfarramtlicher Tätigkeit war in diesem Zusammenhang schon immer die Seelsorge. Luther unterschied dabei die „cura generalis“ (Predigt des Evangeliums) und die „cura spezialis“, d.h. Einzelgespräche mit Menschen, deren „Gewissen (in Glaubens- bzw. Heilsdingen) angefochten“ war. Gedacht war besonders an Beichtgespräche mit Absolution11. Diese Aufgabe aller Christen ist natürlich auch Aufgabe von Amtsträgern.

Erst im Zeitalter von Pietismus und Aufklärung erweiterte sich Seelsorge immer mehr zu allgemeiner Lebenshilfe, die im engeren Sinne diakonia sein dürfte. Heute wird gern auch „Seelsorge über den Gartenzaun“ (vgl. z.B. E. Hauschildt) propagiert. Diese (spontane) Zuwendung zum Nächsten mit Weitergabe der Liebe Gottes, Trost und Nähe gehört definitiv zu den Aufgaben aller Glaubenden. Dass man sich gegenseitig kennt, (spontan bzw. regelmäßig) zusammensitzt, besucht, tröstet usw., war für biblische Gemeinden offenbar völlig normal (vgl. Apg. 2,44-47) und braucht letztlich keinen Dienstauftrag, darf aber auch nicht auf die Pfarrperson abgeschoben oder völlig an sie delegiert werden.

1.4 Sakramente, Kasualien, Konfirmandenunterricht, Gruppen und Kreise

Das Spenden von Sakramenten wird gemäß CA V dem Predigtamt zugeordnet12. Eine Besonderheit heutigen Pfarrdienstes sind, im Gegensatz zu den biblischen, von Naherwartung geprägten Gemeinden, die Kasualien – bis auf die Taufe, die zunächst offenbar v.a. im Anschluss an Evangelisationspredigten erfolgte13. Der (heute im KU nachgeholte) Taufunterricht14, der für manche Pfarrperson sehr belastend ist, müsste in postmoderner Gesellschaft, in der christliche Erziehung im Elternhaus immer mehr auszufallen scheint, eigens thematisiert und durchbuchstabiert werden.

Beerdigungen, die – in alternder Gesellschaft – schon jetzt einen Großteil des Alltags mancher Pfarrpersonen ausmachen, sind Teil der seelsorgerlichen Hilfe für Hinterbliebene (vgl. 1. Thess. 4,16-18) und gehören bei andauernder Parusieverzögerung zum tatsächlichen Alltagsgeschäft von Gemeindeleitung, während dies bei Eheschließungen biblisch nicht erkennbar ist. Luther betrachtete die monogame Ehe zwar als gewollte Schöpfungsordnung (vgl. Mt. 19,1-6), nennt sie aber auch ein „weltlich Ding“15, so dass die kirchliche Trauung mit Einführung der Standesämter zu Recht fraglich wurde und bleibt.

Die Diskussion, ob Apg. 5,42 Hauskreise beschreibt oder Gemeindegottesdienst, kann getrost den Exegeten überlassen werden. Aber eine Kirche, die über 1500 Jahre ohne Kreise existierte, muss sich fragen lassen, ob diese tatsächlich zum kirchlichen Leben nötig sind, sowie (kirchenmusikalische und sonstige) Events, die natürlich auch Pfarrpersonen zu organisieren und betreuen haben, oder optionale Sahnehäubchen, die Gemeindeglieder wünschen, organisieren und durchführen oder eben nicht.

1.5 Gemeindezucht

In den Pastoralbriefen ist bei den Aufgaben der Gemeindeleitung immer wieder auch von „Ermahnung“ bzw. „Zurechtweisung“ die Rede. Es ist zu vermuten, dass an eine Praxis liebevoller, persönlicher Unterredung gedacht ist, die erst bei Uneinsichtigkeit in bzw. vor die Gemeindeversammlung kommt (Mt. 18,15-17), und nicht an sonntägliche „Gardinenpredigten“. Diese Hauptaufgabe biblischer Gemeindeleitung scheint heute nahezu völlig auszufallen. Zu sehr schweben offenbar die Damokles-Schwerter „ungedeihliches Wirken“ oder „öffentlichkeitswirksamer Mitgliederverlust“ über den Häuptern von Verantwortlichen. Wie aber soll eine Herde geführt werden, die man nicht auch mit „sanftem Druck“ auf den rechten Weg aufmerksam machen kann16?

1.6 Kampf gegen Irrlehre

Nicht nur die Pastoralbriefe sondern auch das württembergische Ordinationsgelübde hält diese zentrale Hauptaufgabe pastoraler Gemeindeleitung fest. Mit ihr steht und fällt nachhaltig die Gesundheit der Gemeinde. Sie bewahrt die Schäfchen davor „unter reißende Wölfe zu fallen“ (Apg. 20,29f u.ö.) und vor unordentlichen, gemeindeschädigenden Zuständen (wie z.B. im biblischen Korinth). Um diese Aufgabe wahrzunehmen, braucht es klares Profil, uneingeschränkten Rückhalt der Organisation, fundierte theologische Ausbildung des gesamten Hirtengremiums, das sich in der „Lehre der Apostel“ bzw. auch deren reformatorischem Verständnis (Bekenntnisse) gut auskennt. Das scheint derzeit – gelinde gesagt – nicht flächendeckend gegeben zu sein. So tritt eine der gemeindeerhaltenden Hauptaufgaben – mithin eine, die dem Hirtenamt überhaupt erst Sinn verleiht – immer öfter in den Hintergrund oder fällt gar ganz aus. Ein Pfarramt, das eines großen Sinnanteils seiner Aufgaben beraubt ist, ist aber weder für die Gemeinde noch für Amtsträger förderlich.

 

2. Das Pfarramt und weitere Ämter – betrachtet anhand der ntl. Charismenkataloge

Folgt man den biblischen Charismen-Katalogen, sah die Urkirche offenbar neben dem Hirtenamt weitere Ämter17 vor. Deren Aufgabenerfüllung wird heute großteils von Pfarrerinnen und Pfarrern erwartet, was selbstverständlich zu Überforderungserscheinungen führen muss, wenn der Heilige Geist Charismen und Aufgaben verteilt, wie er will, ganz besonders, wenn in heutiger Zeit auch in Einzelbereichen die Professionalitätsanforderungen stark zunehmen.

2.1 Glaube, Zungenrede, Wundertaten und Heilung

Besonders der „Glaube“ (1. Kor. 12,9), der doch Kennzeichen aller Christen sein müsste (vgl. 1. Kor. 12,3 u.ö.), ist für Leser dieses Verses oft verwirrend, und die meisten exegetischen Werke können das Problem nicht befriedigend aufklären. Da dieses Charisma nicht erkennbar einer Aufgabe zugeordnet ist, soll es an dieser Stelle nicht diskutiert werden.

Auffällig ist, dass Zungenrede, ihre Auslegung, sowie die Kraft Wundertaten zu vollbringen (1. Kor. 12,10), schon im wesentlich allgemeineren Katalog im Röm. nicht (mehr) auftauchen. Es scheint, als hätten beide Charismen in der Gelegenheitsschrift an die Gemeinde in Korinth einen direkten Bezug zu den dortigen Verhältnissen. Es ist unbestrittenes Verdienst charismatischer Aufbrüche an diese Charismen zu erinnern18. Beide tragen für die Frage nach Aufgaben des Pfarramts allerdings wenig aus, da sie keiner erkennbaren, dauerhaften „Aufgabe für andere“ zugeordnet werden. Zumindest die Zungenrede scheint sogar explizit eher ein Privatcharisma zu sein (vgl. 1. Kor. 14,1-5).

Auch die Gabe „gesund zu machen“ (1. Kor. 12,9) ist im Röm. oder in Ämterlisten nicht enthalten. Natürlich ist dabei in biblischer Zeit besonders an „Heilung durch Handauflegung“ gedacht. Dennoch beschränkt die biblische Formulierung sie nicht exklusiv auf „wunderhafte“ Heilung. Wieso sollte der allmächtige Gott diese Gabe nicht auch Medizinern geben und wieso sollten Entwicklungen dort (oder auch in der Naturheilkunde etc.) nicht eine Erscheinungsform dieser Geistesgabe sein?

2.2 Hirtenamt: Gemeindeleitung, Geistunterscheidung, und Ermahnung

Erstaunlich ist, dass die Aufgaben der Gemeindeleitung, wie sie sich im Hirtenamt darstellten, in den Charismen-Katalogen auf drei unterscheidbare Geistesgaben verteilt sind: „Der Gemeinde vorstehen“. (Röm. 12,8), Ermahnung (ebd.) und Gabe der Unterscheidung der Geister (1. Kor. 12,10, vgl. Kampf gegen die Irrlehre). Könnte es sein, dass bei den Aufgaben, die in Punkt 1 betrachtet wurden, an eine gabenorientierte Arbeitsteilung innerhalb des Hirtengremiums gedacht ist? Müsste das dann nicht auch in den gemeinde- und kirchenleitenden Gremien ganz praktische Umsetzungskonsequenzen haben?

2.3 Lehrerinnen und Lehrer

Nicht weniger erstaunlich ist es, dass das Amt des Lehrers und des Hirten in biblischer Zeit offenbar klar unterscheidbar waren. Könnten heutige Überforderungserscheinungen bei Religions- und Konfirmandenunterricht bzw. bei Erwachsenbildung evtl. damit zu tun haben? Könnte die „Weitergabe der Lehre der Apostel“ durch Hirten und Lehrer evtl. unterschiedliche Gaben benötigen?

Natürlich lag es in reformatorischer Zeit nahe, Predigt und Lehre als eine Sache wahrzunehmen und dass die wenigen, die lesen und schreiben konnten, es auch anderen beibrachten, damit diese selbst Zugang zu Gottes Wort in der Heiligen Schrift bekämen. Nachdem sich aber Voraussetzungen und Anforderungen für „Lehren“ grundlegend verändert haben, könnte es doch an der Zeit sein, auch das alte Amt des/der Lehrer/in wieder zu beleben und es ganz von der Gemeindeleitung abzutrennen. Selbstverständlich muss Kirchenleitung darauf achten, dass die Lehrbegabten eine fundierte theologische Ausbildung bekommen19 in diesem so wichtigen Aufgabenfeld von Kirche.

2.4 Diakonat

Es ist weitgehend unbestritten, dass bereits in frühester Zeit Diakone bestimmt wurden (Apg. 6,1-7), die besonders für die Armen- und Witwenversorgung zuständig waren. Vielleicht müsste man heute auch jede Art von Besuchsdienst oder Alltagsseelsorge hinzufügen, die ein zutiefst diakonisches Anliegen sein dürften. Betrachtet man die theologische Gewandtheit der ersten Armenfürsorger Stephanus (Apg. 6,8-7,60) und Philippus (Apg. 8,4-40) wird man wohl die Ausbildungs- und Anstellungsordnungen für Diakoninnen und Diakone prüfen müssen, aber auch die immer noch nicht überwundene hierarchische (an römisch-katholische Praxis angelehnte?) Unterordnung des Diakonats unter das Pfarramt. Biblisch handelt es sich bei Charismen und Ämtern nicht um Hierarchien, wie sie in nachbiblischer Zeit entfaltet wurden, sondern um gabenorientierte, nebeneinanderstehende Aufgabenteilungen.

2.5 Evangelistinnen und Evangelisten

In Eph. 4,11 ist von diesem Amt die Rede, das eindeutig nirgends einer Ortsgemeinde zugeordnet ist. Mit der Berufung des Philippus (Apg. 21,8) oder des Timotheus in dieses Amt (2. Tim. 4,5) bzw. der Sendung der Jünger in alle Welt (Mt. 28,19) ist es offenbar exegetischer Konsens dass es sich um ein missionarisches Reiseamt handelt. Der, besonders in pietistischen oder evangelikalen Kreisen, immer wieder erhobene Vorwurf, die Sonntagspredigten seien zu wenig missionarisch, trifft nur dann, wenn diese Gabe und das zugehörige Amt unsachgemäß mit dem der Gemeindeleitung vermischt wird.

Will man Wildwuchs vermeiden, brauchen auch Evangelisten für ihre Aufgabe, die offenbar mit einer ganz bestimmten Art und Weise der Verkündigung verbunden ist, eine fundierte, theologische Ausbildung und eine öffentliche Beauftragung. Dieses Amt ersetzt auch nicht und steht nicht in Konkurrenz dazu, dass alle Christenmenschen (mit Apg. 1,8; Mk. 10,32 u.ö.) ihren Glauben gegenüber Nichtchristen bezeugen (Mt. 5,14), ja gerade und genau das nicht lassen können (Apg. 4,20), und dass der Heilige Geist sie für dieses Zeugnis entsprechend ausrüstet (vgl. Mt. 10,18-19).

Zumindest in Ansätzen ist in Apg. 2,45-47 erkennbar, dass auch die Ortsgemeinden missionarische Wirkung hatten, indem sie völlig anders waren und handelten, als man das von den umgebenden, jüdischen und heidnischen Gepflogenheiten her kannte (vgl. Mt. 7,20; Röm. 12; Joh. 15,12; Mt. 5,43-48). Altkirchliche Quellen bezeugen, dass dies anziehend wirkte. Vielleicht müssten die, die ständig nach Evangelisationen und Erweckung rufen, zuerst intensiv im und am Inneren der Gemeinden arbeiten?

2.6 Prophetinnen und Propheten

Zuletzt zeigt sich in den Charismen-Katalogen ein weiteres, nicht direkt der Gemeinde zugeordnetes, Amt. Mit Jesu Erfahrung in Nazareth (Mk. 6,4) legt sich auch dabei nahe, dass es ein Reiseamt war. Weil in 1. Kor. 14,3 davon die Rede ist, dass prophetisches Reden der Erbauung, Ermahnung und Tröstung dient, könnte man versucht sein, es der Gemeindeleitung zuzuordnen. Beleuchtet man aber die Aufgabe atl. Propheten, schonungslos Gottes Wahrheit und Wille an Könige bzw. Volk auszurichten – also im besten Sinne des Wortes „Wahr-Sager“ zu sein im Gegenüber zu Strukturen und sonstigen Amtsträgern (vgl. Amos, Elia …) – bekommt dieses Amt eine andere Nuance und könnte evtl. ein beigeordnetes Wächteramt für Gemeinden und auch Gemeindeleitungen meinen.

Folgt man 1. Kor. 14,25, hat dieses Amt damit zu tun, gerade auch verborgene Nöte, Sünden und Irrwege zu erkennen und offen in der Gemeindeversammlung auszusprechen (prophetische Predigt), damit Überführung der Betroffenen und heilsame Umkehr und Neuanfang geschehen kann. Dann wäre es tatsächlich Amt im Gegenüber zu einer immer wieder betriebsblind werdenden Gemeindeleitung. Entscheidend ist, dass Gemeindeleitung die jeweilige Prophetie auf ihre Schriftgemäßheit prüft und an die Lehre der Apostel rückbindet, bevor sie eine Umsetzung erwägt (1. Kor. 14,29f).

Die Aufgabe heutigen Pfarramts „von außen zu kommen“, „Probleme zu erkennen und klar zu benennen“, „Aufruf zur Umkehr von Irrwegen“, „Einhaltung kirchlicher Ordnungen durchzusetzen“, „Gegenüber der Gemeinde zu sein“ ist eigentlich Aufgabe eines ganz eigenen, überörtlichen Amtes, das natürlich auch fundierter, theologischer Ausbildung bedarf (s.o.). Da Prophetie schmerzhaft sein kann und oft auf wenig Gegenliebe stößt (quer durch die Bibel), kann diese regulative Aufgabe nur zu Problemen führen, wenn es zusätzlich der Gemeindeleitung aufgebürdet wird. Wäre es nicht angesagt, über ein (über-)regionales Prophetenamt nachzudenken oder das Dekanamt entsprechend umzugestalten und dies im Gegenzug dafür von administrativen (u.a.) Aufgaben zu entrümpeln?

 

Anmerkungen

1 Der Untertitel ist vom Autor in Anlehnung an die „Unfrisierte[n] Gedanken“ von Stanislaw Jerzy Lec gewählt. Die Formulierung unterstreicht das Fragmentarische, zur Diskussion Offene des Inhalts sowie dessen laienhafte Darstellung, die weitgehend auf Verweise auf einschlägige Fachliteratur verzichtet. „Thesen“ sind es natürlich in Anlehnung an 1517!

2 In 1. Tim. 5,22 u.ö. wird deutlich, dass an eine Amtseinsetzung (Ordination?) mit Handauflegung gedacht ist. Ob man daraus eine amtskirchliche, apostolische Sukzession ableiten kann, überlasse ich getrost der ökumenischen Diskussion.

3 Es ist erstaunlich wie sehr das nach dem Mietling aus Joh. 10,12 klingt.

4 Man bedenke die Rolle des „gelobten“ Landes im AT, durch die Gott diesem menschlichen Bedürfnis Rechnung trägt.

5 Leider versäumt es die Volkskirche mit großem Fleiß und Erfolg, den Mitgliedern dieses Verständnis von Ehrenamt näher zu bringen. Vielmehr „betüttelt“ und beweihräuchert sie jede/n, „die/der sich das überhaupt noch antut“.

6 Der Rundbrief Pauli an die Gemeinden in Galatien, sein Schreiben an die Gemeinde in Rom oder seine Kollekte für Jerusalem (1. Kor. 16,1-4) zeigen, dass die Gemeinden offenbar in vielfältigem Kontakt und Austausch standen.

7 Es ist doch bezeichnend, dass die Jerusalemer Urgemeinde mit „sehr optimistischen“ 5.000-10.000 Gemeindegliedern (Apg. 4,4) ganze 12 Apostel, 6 Diakone (Apg. 6,1-7) und eine Gemeindeleitung (spätestens ab Apg. 11) hatte.

8 Bisher liegt diese bei ca. 1.200 Gemeindegliedern pro Pfarrperson. Es gibt auch Einheiten mit nur 600-800 Gemeindegliedern.

9 Richtungsgemeinden, Jugendkirchen o.ä. sind ein Weg spiritueller Wohlfühlkultur. Dort „gewonnene“ Menschen müssen im „Leib Christi“ zusammengeführt werden, in dem es auch andere Frömmigkeitsrichtungen, Interessen, Geschmäcker und Bedürfnisse, die es zu würdigen, auszuhalten und gemeinsam zu leben gilt. Nur so kann Gemeinde dauerhaft wirklich Leib Christi (vgl. 1. Kor. 12,12-30) sein und nicht nur eine Ansammlung von Freundeskreisen, Sympathiegruppen etc.

10 Vgl. auch 2. Mos. 18,13-27. Erfahrungen dazu bei B. Schlottof: „Ein Traum von Gemeinde“, Brockhaus 2011, 171-176.

11 Man bedenke auch den Artikel „Buße“ im Großen Katechismus.

12 Mit Apg. 2,42 ist das Abendmahl offenbar fester Bestandteil des täglichen Gottesdienstes der Jerusalemer Urgemeinde.

13 Mit Apg. 16,33 u.ö. darf dabei durchaus daran gedacht werden, dass auch Säuglinge unter den Täuflingen gewesen sein können. Die Diskussion um Kinder- und Erwachsentaufe aber bedürfte einer ausführlichen exegetischen Diskussion.

14 Manche sehen ihn schon in Apg. 8,26-40 (man beachte dessen Länge!), der sich in den Folgejahrhunderten aber – je nach Region und Gemeinde – bis zu 5 Jahren hinzog.

15 Vgl. „Predigt vom ehelichen Leben“ (1522), „Von Ehesachen“ (1530).

16 Erfahrungen in der Landwirtschaft zeigen, dass es manchmal sogar nötig ist, Druck zu intensivieren.

17 Schon Eph. 4,11 nennt neben den Aposteln die Hirten, Lehrer, Evangelisten und Propheten, Apg. 6,1-7 Diakone.

18 Diese Bemerkung goutiert keinesfalls die oft geübte massive Überbetonung dieser Gaben in solchen Gruppierungen.

19 Die bisherige Ausbildung an PHs oder Bibelschulen scheint dafür m.E. unzureichend zu sein. Zu denken ist eher daran, bei Religionslehrkräften aller Schul- und Bildungsarten ein theologisches Vollstudium vorauszusetzen.

 

 

Zehn Thesen zu einer Reformation“ von Pfarrdienst und Gemeinden 

Ausgehend von den fragmentarischen Denkanstößen sind hier einige Thesen formuliert, die eine breite Diskussion anstoßen sollen für einen echten, zukunftsfähigen Lösungsansatz als Alternative zur ständigen Flickschusterei durch Gemeindestrukturdebatten u.a.:

These 1
Systemimmanente Ursachen von Problemen des Pfarrdienstes müssen erkannt und bearbeitet werden. Ggf. ist das Pfarramt radikal zu „reformieren“ statt immer nur an Symptomen zu laborieren und aktuelle Missstände nur zu verschlimmbessern. Dabei dürfen nicht Pfründe oder Traditionen die wichtigste Rolle spielen, sondern Schrift und Bekenntnisschriften.

These 2
Reformatorische Kirche an sich benötigt (ecclesia semper reformanda) dringend „Re-Formen“, die sich an Schrift und Bekenntnisschriften – und nicht unsachgemäß an Modernisierung – orientieren und wieder mehr „evangelisches“ Profil. Die Orientierung an Mitgliederzahlen, gesellschaftlicher Akzeptanz oder Steuereinnahmen ist zu beenden.

These 3
Kirche braucht eine klare Ekklesiologie und Klärung, was zwingend zu ihren Lebensäußerungen gehören muss und was optionale Sahnehäubchen sind. Dabei ist zu klären, welche Aufgaben dringend von einem beigeordneten Verband oder einer Region übernommen werden müssen und welche vor Ort geregelt werden können (Subsidiarität). Ggf. braucht es in diesem Themenbereich Neuorientierungen und -bestimmungen.

These 4
Das Hirtenamt müsste, biblisch orientiert, arbeitsteilig verändert und hinsichtlich der Aufgabenfülle deutlich „entrümpelt“ werden. Dabei ist das Verhältnis der Aufgaben im Verhältnis von Amtsträgerinnen und Amtsträgern zum Priestertum aller Gläubigen ganz neu zu bedenken.

These 5
Durch gezielte Öffentlichkeitsarbeit muss das Verhältnis zwischen Gemeindegliedern und Amtspersonen grundsätzlich richtiggestellt werden, so dass (wieder) ins Bewusstsein kommt, dass Kirche kein Dienstleistungsunternehmen (Versorgungs- oder Pastorenkirche) ist, sondern Dienstgemeinschaft (Mitmachkirche).

These 6
Viele Gemeindeleitungen bräuchten dringend fundierte theologische Aus- und Fortbildung, um biblisch orientierte Gemeindeleitung zu ermöglichen.

These 7
Das Hirtenamt müsste ortsgebunden (inkl. Befreiung von übergemeindlichen Pflichten) und unbefristet sein.

These 8
Gemeindezucht und Kampf gegen Irrlehre, die Aufgaben, die dem Hirtenamt erst einen nachhaltigen Sinn geben, müssen amtskirchlich wieder „gesellschaftsfähig“ werden.

These 9
Gemeindegrößen mit deutlich mehr als 500 Gemeindegliedern erschweren gelingendes Hirtenamt und schädigen Amtsträger, Ortsgemeinden und Kirche nachhaltig. Kirchenleitung muss neue – auch strukturelle – Wege suchen, wie die auf Intimität und Vertrautheit angelegte Arbeit von Hirten gelingen kann.

These 10
Für Aufgaben, die biblisch betrachtet, anderen Ämtern zugeordnet werden müssen, sind auch neue Ämter zu schaffen oder bestehende zu überarbeiten. Das Verhältnis überörtlicher oder sonstiger Ämter zum Gemeindeleitungsamt muss bestimmt und geregelt werden. Alle Amtsträgerinnen und Amtsträger für Aufgaben, die für Kirche lebensnotwendig sind, brauchen eine fundierte, theologische Ausbildung, die z.B. ein theologisches Vollstudium oder diesem angemessene Kurse etc. böten, zumindest eine vertiefte Kenntnis von Schrift und Bekenntnisschriften. Ausbildungsgänge, bei denen grundlegende, theologische Inhalte, bestenfalls „gestreift“ werden, können nicht als Zugangsvoraussetzungen in kirchliche Ämter akzeptiert werden, genauso wenig wie Ausbildungen an Ausbildungsstätten, deren theologische Ausrichtung nicht der der Landeskirchen entspricht.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Sven Wegner-Denk, Jahrgang 1974, nach Studium im Tübingen, Erlangen und Heidelberg 2003-2006 Vikariat, Pfarrer der Württ. Landeskirche, derzeit im Gemeindedienst in Bickelsberg (der Aufsatz ist in voller Länge auf der Homepage des ­Autors nachzulesen: www.demutinjesus.de/laki-württemberg/pfarrplan-amt/).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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