Zwei Berufsbildprozesse haben die Badische Landeskirche in den letzten zwei Jahren beschäftigt: der Berufsbildprozess der Gemeindediakoninnen und Gemeindediakone und der Pfarrbildprozess. Im Pfarrbildprozess fanden insgesamt 16 Regionaltage statt, zu denen alle Pfarrerinnen und Pfarrer im aktiven Dienst aus allen Aufgabenfeldern eingeladen waren. Cornelia Weber und Jochen Cornelius-Bundschuh berichten.

 

1. Der Pfarrbildprozess der Badischen Landeskirche

Seit der Frühjahrssynode 2018 waren wir landeskirchenweit unterwegs, um zu hören, wie Kolleginnen und Kollegen ihre Arbeit erleben, welche Veränderungen sie sich wünschen und wie sie sich ihre Berufe in Zukunft vorstellen. Im Pfarrbildprozess fanden insgesamt 16 Regionaltage statt, zu denen wir alle Pfarrerinnen und Pfarrer im aktiven Dienst und aus allen Aufgabenfeldern eingeladen haben. Über 700 Anliegen sind uns als Kirchenleitung auf diesen Regionaltagen mitgegeben worden. Sieben Themenfelder haben sich dabei herauskristallisiert, in denen sich die Kolleginnen und Kollegen deutliche Veränderungen bzw. Verbesserungen für ihren Berufsalltag erhoffen:
1. Geregelte Freiräume bzw. Familienfreundlichkeit
2. Personalentwicklung, Fortbildungen, Salutogenese
3. Ausstattung Pfarrämter / dienstliches Wohnen / ­Vakanzmanagement
4. Unterstützung bzw. Entlastung in Verwaltungsaufgaben
5. Handeln und Haltung von Seiten der Kirchenleitung
6. Religionsunterricht und weitere Aufgabenfelder wie Pfarrämter in der Seelsorge oder im Bildungsbereich
7. Theologische Existenz und geistliches Leben

In einzelnen Fachausschüssen wurden diese Themenfelder und die damit verbundenen konkreten Anliegen seit Mai 2019 in Zusammenarbeit aller Referate des Oberkirchenrats weiterbearbeitet und konkretisiert, einzelne Themen wurden in Konsultationen und Fachtagen mit verschiedenen Zielgruppen (Studierende, Lehrvikar*innen, Pfarrer*innen in den ersten Amtsjahren sowie in unterschiedlichen Lebenssituationen) weiter vertieft. Am Tag der Berufsbildprozesse am 20. Februar 2020 kamen aus allen Regionen der Landeskirche rund 400 Gemeindediakon*innen und Pfarrer*innen in der Karlsruher Christuskirche zusammen, um gemeinsam auf die Ergebnisse der Berufsbildprozesse zu schauen. Wichtige Themen waren u.a. die Entlastung in Verwaltungsaufgaben, die Frage nach geregelten Freiräumen und Familienfreundlichkeit, der Religionsunterricht und der Komplex um Dienstliches Wohnen, Arbeiten und Fahren. Außerdem wurden die Dienstgruppen in den Blick genommen als der Ort, an dem die Zusammenarbeit der Berufsgruppen konkret wird. Fort- und Weiterbildung, aber auch geistliche Existenz waren weitere relevante Themen. Leider konnte die Frühjahrstagung der Landessynode aufgrund der Corona-Pandemie nicht stattfinden. Da diese den Schlusspunkt der Berufsbildprozesse bilden und wichtige konkrete Anträge verabschieden sollte, stehen der eigentliche Abschluss des Pfarrbildprozesses sowie die rechtliche sowie praktische Umsetzung einzelner Maßnahmen noch aus.

Dass sich das kirchliche Arbeiten in den vergangenen Monaten dramatisch verändert hat und sich die Frage nach einer Post-Corona-Kirche verschärft stellt, wird über den Pfarrbildprozess hinaus intensiv zu diskutieren sein. Im Folgenden möchten wir einen pastoraltheologischen Blick auf den Pfarrbildprozess und auf die veränderten Herausforderungen im Pfarrberuf werfen – im Vordergrund stehen weniger die konkreten Maßnahmen als eine dezidiert theologische Durchdringung des Prozesses.

 

2. „Mehr Pfarrer*in sein können“ – die Juwelen des Pfarrberufs

Bewusst haben wir dem Pfarrbildprozess einen Titel gegeben, der durchaus provozieren kann: „Mehr Pfarrer*in sein können“. „Wenn das von der Kirchenleitung kommt, dann kann es nur bedeuten, dass wir noch mehr tun sollen!“, so die Vermutung einiger Kolleginnen und Kollegen im Vorfeld. Im Verlauf des Prozesses wurde allerdings deutlich, dass es darum gerade nicht geht, um ein Mehr an Arbeit – durchaus aber um das Mehr an „Sein können“, im Sinne von „Freiraum haben für“ und ein Mehr an Zeit für das, was Pfarrerinnen und Pfarrern in ihrem Beruf wichtig ist. Denn: „Nicht alles läuft gut und an vielen Punkten muss sich etwas verändern. Das erwarten wir vom Pfarrbildprozess. Aber wir lieben unseren Beruf. Und wir wollen wieder mehr Zeit und Kraft für das haben, was wir an unserem Beruf so schätzen“, so die Rückmeldung vieler Kolleginnen und Kollegen.

Diese sog. Juwelen, mit denen die badischen Pfarrerinnen und Pfarrer beschrieben haben, was ihnen am Pfarrberuf besonders wertvoll ist, wollen wir im Folgenden unter vier Perspektiven reflektieren:

2.1 Juwelen I: „Geistliche Existenz“

Wir haben als Pfarrer*innen die Aufgabe, Räume für das Heilige offen zu halten – und dabei sind wir sowohl Raumgebende als auch Raumpflegende.“

In ganz unterschiedlichen Bildern beschrieben die Kolleginnen und Kollegen zu Beginn der Regionaltage das, was ihnen am Pfarrberuf so wertvoll ist: die geistliche, die spirituelle, ja die theologische Dimension des Pfarrberufs, die im Feiern von Gottesdiensten, im Gestalten von Kasualien und in der eigenen Beschäftigung mit biblischen Texten sowie theologischen Themen eine besondere Tiefe entfaltet. Sie erleben immer wieder, wie sie anderen Menschen Räume öffnen für die Begegnung mit Gott und mit dem Heiligen – und wie sie selbst in diesen Räumen in der eigenen theologischen und geistlichen Existenz wachsen können. Dabei spielte die Frage der Berufung in der Ordination als auch die eigentliche geistliche Praxis und der Zusammenhang von geistlichem und rechtlichem Handeln eine besondere Rolle:

a) Berufung und Ordination

Die Ordination ist die zentrale Station auf dem Weg in den Pfarrberuf. Viele, auch Familienangehörige, nehmen sie zunächst als Abschluss eines langen Weges wahr, wie eine Abi- oder Graduation-Feier. Aber in den „Bischofsgesprächen“ auf der Ordinationsrüste wird schnell deutlich, wie wichtig den jungen (und durch den Masterstudiengang manchmal heute gar nicht mehr so jungen) Leuten diese gottesdienstliche Einführung in den Beruf ist. Sie wissen, dass sie einen besonderen Beruf ergreifen, mit spezifischen Anforderungen, aber auch mit großen Möglichkeiten. Sie fragen: Wie gelingt es mir, die Bewegung Gottes in diese Welt, die Liebe Christi in die mir anvertraute Wirklichkeit hinein zu kommunizieren? Sie spüren, wie viel ihnen dabei von anderen zugetraut wird. Viele Menschen hoffen auf ihren Trost, ihre Ermutigung, ihre Orientierung – selbst wenn sie die Kirche lieber nur aus sicherer Distanz anschauen oder an Gott zweifeln. „Du bist doch Pfarrerin! Du musst doch eine Antwort haben. Du musst doch anders leben. Du musst doch wenigstens Hoffnung haben.“ Solche Zuschreibungen führen manchmal zu grandiosen Gefühlen, manchmal aber auch in die Einsamkeit.

Deshalb ist es gut, dass wir Ordination feiern: „Du gehst in dieses Amt: Gesegnet durch den dreieinigen Gott, getragen von der Fürbitte der Gemeinde, deiner Kirche, ja der Ökumene, in der Gemeinschaft der Geschwister. Auch wenn es dir einmal schwer wird, wenn du zweifelst, wenn du scheiterst, der dreieinige Gott und deine Kirche gehen mit dir und trauen dir viel zu.“ Es ist zu wünschen, dass viele diese Kraft aus der Ordination mitnehmen und dass sie sich in ihrer Praxis lange daran erinnern, gerade auch wenn es zu Konflikten kommt.

b) Die eigene geistliche Praxis

Wir haben als Pfarrer*innen die Aufgabe, Räume für das Heilige offen zu halten“ – so hat es eine Pfarrerin formuliert. Pfarrpersonen sind aber vor allem auch getaufte Menschen, die selbst regelmäßig solche Räume aufsuchen, um sich stärken zulassen, um Orientierung zu gewinnen, um wieder neu die Kraft der Bewegung Gottes in diese Welt zu spüren und sich davon herausfordern zu lassen. Da hat sich vieles verändert. Der Druck im Pfarramt ist gestiegen, die Rhythmen sind schneller geworden, auch das „andere“ Familienleben hat Einfluss auf die Frömmigkeit: Wo wird am Kaffeetisch morgens erst einmal gemeinsam Bibel oder Losungen gelesen? Wie übe ich eine geistliche Praxis, wenn meine Familie eher distanziert ist, meine Frau einer anderen Konfession angehört? Wir halten das für eine zentrale Herausforderung für den Pfarrbildprozess: Ob es uns gelingt, den Kolleginnen und Kollegen die Räume zu eröffnen, die sie selbst für ihr geistliches Leben brauchen: Einerseits um theologisch zu arbeiten, sich vor- und nachzubereiten, andererseits um der Kraft Gottes nachzuspüren und im Gottvertrauen zu wachsen, um Gott zu loben, aber auch mit Gott zu hadern! Darauf müssen wir uns konzentrieren, denn die Freiheit und die Verbindlichkeit im pastoralen Handeln erwachsen aus der Erfahrung, geistlich getragen zu sein.

c) Die badische Kirchenverfassung bindet geistliches und rechtliches Handeln eng zusammen. Was bedeutet das für den Pfarrberuf?

Jedenfalls nicht, dass Pfarrerinnen und Pfarrer auch noch IT-Spezialistinnen und Architekten sein sollen. Vielmehr brauchen wir eine konsequentere Differenzierung und Professionalisierung der Kompetenzen und andererseits eine engere Kooperation zwischen geistlichem und administrativem Handeln. Alles, was in der Kirche geschieht, soll auf ihren Auftrag hin durchsichtig werden. Auch beim Bauen soll deutlich werden: In diesem Gebäude geht es darum, den Glauben ins Leben zu ziehen. In jedem Haushaltsplan, vielleicht sogar im Datenschutz, gewinnt Christus Gestalt unter uns. Pastorales Handeln heißt dann, die professionell von Anderen verantworteten administrativen Prozesse geistlich zu begleiten und verlässlich gemeinsam mit den Ältesten bzw. Synodalen danach zu fragen: Wohin wollen wir mit diesen Entscheidungen. Dafür muss Zeit und Raum sein; die eigentliche Administration muss anderen Professionellen verantwortlich übertragen werden.

2.2. Juwelen II: „Nähe zu den Menschen“

In den Begegnungen und in der Begleitung von unterschiedlichsten Menschen erfahren wir das Leben in seiner ganzen Fülle.“

Als echten Reichtum erleben Kolleginnen und Kollegen die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen, die ihnen der Pfarrberuf manchmal sicherlich auch abverlangt, vor allem aber ermöglicht: Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen und Altersphasen begleiten zu können, immer wieder sogar über ganz unterschiedliche Lebensphasen hinweg – das ist erfüllend und sehr besonders. Die Erfahrung von Vertrauen, Nähe und Intensität ist dabei ebenso bereichernd wie das Erlebnis, gerade als Person, aber auch im Amt gebraucht und gefragt zu werden. Erlebt wird dies vor allem in der Seelsorge, in der Gestaltung von Kasualien – immer wieder, aber auch dort, wo Menschen kritische Fragen stellen: Schüler oder Konfirmanden, Menschen, die in der Krankenhausseelsorge anvertraut sind oder auch Kirchendistanzierte.

Und: Kolleginnen und Kollegen erleben sich gerade in der Zusammenarbeit mit anderen Menschen, vor allem mit Ehrenamtlichen, als Ermöglicher, als (Pfarr-)Person, die Menschen befähigen und ermutigen kann. Ihr Amt gibt ihnen die Möglichkeit, die verschiedensten Menschen und Perspektiven zu vernetzen und so den Sozialraum mitzugestalten. Dieses zweite Juwel führt uns in der Vertikalen ans andere Ende, auch wenn Gott diese Logik: „Gott oben – Menschen unten“ in Christus grundlegend aufgebrochen und auf den Kopf gestellt hat. Aber die Erfahrung, in der Kraft des Heiligen Geistes Menschen begegnen, sie stärken und ermutigen zu können, wird immer wieder als große Freude in diesem Beruf benannt.

Auch hier möchten wir drei Aspekte hervorheben:

a) Zeit für Menschen haben

Es ist für viele Kolleginnen und Kollegen eine große Bereicherung, in ihrem Alltag vielen unterschiedlichen Menschen zu begegnen und sie ein (wichtiges) Stück auf ihren Lebenswegen zu begleiten. Die Freude an solchen Begegnungen im Geist Gottes durchzieht schon die Bibel und ist auch im Pfarrdienst ein Geschenk. Wir erleben viel Vertrauen, auch Respekt und hohe Erwartungen auf Beistand und ein verlässliches, verschwiegenes Gegenüber.

Entscheidend ist für uns das Stichwort „Zeit haben“, das viele in diesem Zusammenhang genannt haben. Genau das ist gefragt. Dass allen klar ist, wenn die Großmutter stirbt, hat die Pfarrerin Zeit. Wenn das Kind schwer verunglückt, kann die Nachbarin das dem Pfarrer sagen und der kommt. Dieses „Da-sein“, diese Präsenz und Freiheit in Zeit und Raum ist eine große Herausforderung, weil die regelmäßigen Termine und Verpflichtungen sich nach vorne drängen. All das gehört zum Pfarrberuf, aber an wichtigen Punkten muss „unsere Zeit“ immer wieder daraufhin durchsichtig werden können, dass sie „in Gottes Händen steht“.

b) Die Freiheit der Person stärken

Mittlerweile ist unsere Gesellschaft in Milieus sortiert und in allen Lebensbereichen stark segmentiert. Der Pfarrberuf bietet die Chance, Segmentierungen zu durchbrechen, Menschen mit den Augen Gottes anzuschauen und sie und ihre Angehörigen, Freunde zu ermutigen, sich nicht gegenseitig auf all diese Erwartungen und Perspektiven festzulegen, sondern miteinander Wege ins Freie zu wagen. Räume zu öffnen, in denen Menschen sein können, wie sie sind. Die Kasualien, die Seelsorge, aber auch das Gespräch an der Bushaltestelle – sie bieten Möglichkeiten, Menschen als von Gott geliebte Personen anzusprechen und sie damit herauszulocken aus ihren Festlegungen und Gefangenschaften. Dazu gehören Mut und Freiheit gegenüber den eigenen Erwartungen.

c) Volkskirche baut sich vom Gemeinwesen her auf

Gerade die jungen Kolleginnen und Kollegen erleben es als Chance, den Pfarrdienst von der Sendung in die Welt her zu denken. Vielleicht auch, weil nur so die Gleichaltrigen in den Blick kommen. „Christi Leben bewegt, versöhnt und eint die Welt“ – dieses Motto der Vollversammlung des ÖRK 2021 in Karlsruhe ist auch für die Pastoraltheologie wichtig. Wir sind als Pfarrerinnen und Pfarrer, als Gemeinden, als Leib Christi hinaus gesandt zu unterschiedlichen Generationen und Milieus. Das Pfarramt ist ein öffentliches Amt, das gemeinsam mit den Gemeinden und anderen kirchlichen Strukturen, eigene Perspektiven ins Gemeinwesen einbringt: Wir sind herausgefordert, unerwartete Begegnungen zu ermöglichen, Brücken auch zu den Fremden zu bauen, Netze der Versöhnung zu knüpfen, damit die Welt glaube. Wir tragen eine besondere Verantwortung für eine friedliche Lösung von Konflikten. Wir verstehen uns als Anwalt für die, die keine Stimme haben und nicht für sich sorgen können. In diesem Geist Christi haben wir viel einzubringen in die Öffentlichkeit des Gemeinwesens: Vieles, was nötig ist und von uns erwartet wird – z.B. im Dialog mit dem Islam –, aber auch manches, mit dem wir sperrig sind und anstößig, weil wir getragen sind von der Bewegung Gottes in diese und in dieser Welt, die z.B. den Tendenzen zur immer weiter voranschreitenden Ökonomisierung der Lebenswelt widerspricht.

2.3. Juwelen III: „Freiheit“

Ich habe einen Beruf, in dem ich so viel gestalten, in großer Freiheit eigene Schwerpunkte setzen und mich mit dem beschäftigen kann, was auch mich selbst interessiert und was mir liegt – und dafür werde ich auch noch bezahlt bzw. alimentiert.“

Nicht jeder wird diese Begeisterung so mitsprechen können bzw. wollen. Denn es gibt vieles, was Pfarrerinnen und Pfarrer im Berufsalltag sehr belastet. Aber der Horizont für viele ist die große Freiheit, mit der jede persönlich den Pfarrberuf prägen kann. Diese Freiheit soll auf keinen Fall eingeschränkt werden – so ein großes Anliegen der Kolleginnen und Kollegen im Pfarrbildprozess. Im Gegenteil: Der große Wunsch ist es, Rahmenbedingungen zu erhalten, die es möglich machen, Zeit, Kraft und individuelle Stärken so einzusetzen, dass gabenorientiertes, kreatives und visionäres Arbeiten wieder (viel) mehr möglich wird.

Damit wechseln wir aus der Vertikalen in die Horizontale. An dem einen Ende der waagrechten Linie steht der Begriff „Freiheit“ – dieser scheint uns der wichtigste und emotional am höchsten besetzte Begriff unter den „Juwelen des Pfarrberufs“ zu sein. Kolleginnen und Kollegen wählen ihn, weil sie die Freiheit schätzen, die sie mit ihm verbinden. Sie leiden an ihrem Pfarrberuf, wenn sie den Eindruck haben, dass diese Freiheit (immer mehr) eingeschränkt wird. Das wiederum ist gut evangelisch: Nur wenn der Beruf unauflöslich mit diesem Grundton verbunden bleibt, wird er seine Kraft entfalten können. In diesem Begriff von Freiheit kommt eine starke geistliche Orientierung zum Tragen, die sich u.a. auch gegen alle Versuche abgrenzt, dem Amt von oben Vorschriften zu machen, sich an Erwartungen anzupassen oder den Beruf zu standardisieren. Zugleich kommt darin die Hoffnung auf Selbstwirksamkeit zum Ausdruck. Ja, im Pfarramt ist es möglich, die Abläufe, die Zeiten, die Schwerpunkte, die inhaltliche Arbeit selbstverantwortlich zu gestalten.

Die Freiheit des Pfarrberufs wollen wir hier nicht überhöhen, denn die Klagen, auf die wir mit diesem Pfarrbildprozess reagiert haben, sind laut und deutlich ausgesprochen und auch gehört worden. Dennoch sind wir sicher: Nur wenn es uns gelingt, Pfarramt und Freiheit eng verknüpft zu halten, werden wir in den anstehenden Umbrüchen einen guten Weg finden, wie wir als Evang. Kirche in Baden auch in Zukunft unsere Verantwortung dafür übernehmen können, dass der christliche Glaube in unserer Welt eine überzeugende, attraktive und herausfordernde Gestalt gewinnt.

2.4. Juwelen IV: „Kooperation“

Brücken bauen, Begegnungen ermöglichen, Menschen vernetzen und so den Sozialraum mitgestalten.“

Auch hier erleben sich Pfarrerinnen und Pfarrer an ihren unterschiedlichen Einsatzorten und Aufgabengebieten als stark, gefordert und getragen. Die Möglichkeit, in der kirchlichen Arbeit Räume zu eröffnen, in denen Menschen zusammenkommen, in denen sie einen Platz haben, ohne sofort einen Zweck damit zu verbinden, in denen Vernetzung jenseits von vorgegebenen Strukturen geschehen kann – das wird als echtes Plus des Pfarrberufs erlebt.

Damit kommen wir zur letzten Ecke dieser Raute. Am rechten Ende des horizontalen Strahls stehen Kooperation und Kollegialität. Beide sind dem evangelischen Pfarramt nicht in die Wiege gelegt, auch wenn der kollegiale Austausch und das intensive Disputieren über den Glauben und die Zukunft der Kirche reformatorisch wichtig waren. In den folgenden Jahrhunderten hat sich eher das Pfarrherrentum eines Einzelnen etabliert, der seinen Weg mit Gott und seiner Gemeinde geht. Hier sehen wir eine entscheidende Herausforderung für die Zukunft des Pfarrberufs: Wird es uns gelingen, stärker auf Kollegialität und Kooperation zu setzen, einander etwas zuzutrauen und auch etwas zuzumuten, z.B. inhaltliche Auseinandersetzungen über die Theologie und die Gestalt unseres Unterrichts, unserer Gottesdienste usw.?

Es sind vor allem junge Kolleginnen und Kollegen, die darin eine Stärke sehen, ein Juwel. Nur wenn Kooperation gelingt, wenn wir schnellere und klarere Vertretungsregelungen umsetzen, wenn wir mehr für- und miteinander denken, wird die Freiheit im Pfarrberuf gestärkt werden. Nur wenn wir gemeinsam Perspektiven für das kirchliche Leben in Kooperationsräumen oder Regionen entwickeln, werden wir zu wechselseitigen Entlastungen kommen, besser an die Gaben der einzelnen anknüpfen können. Der Pfarrberuf der Zukunft wird kooperativer und kollegialer sein und gerade dadurch ein freies und geistliches Amt.

 

3. Schluss

„(Mehr) Pfarrer*in sein können“ – mit dem Pfarrbildprozess sind wir als Kirchenleitung in vielerlei Hinsicht ein Wagnis eingegangen: Wir haben neue Formen des Gesprächs und der Beteiligung versucht, bemühten uns um Transparenz und Offenheit, haben viele Anliegen mitgenommen und versucht, diese lösungsorientiert weiter zu bearbeiten. Wir ahnen, dass wir sicherlich nicht jeden Wunsch 1:1 erfüllen können, und doch sehen wir uns verpflichtet, am Ende solche veränderten Rahmenbedingungen bereitzustellen, dass Kolleginnen und Kollegen wieder „mehr Pfarrer*in sein können“.

Über diese konkreten Maßnahmen hinaus werfen gerade die „Juwelen“ einen weiten und reflektierten Blick auf den Pfarrberuf – diese münden in folgende Leitlinien, die sich aus dem Pfarrbildprozess ergeben haben:

¬ Ein einziges, klassisches, für alle zutreffendes und überzeugendes Pfarrbild gibt es schon lange nicht mehr.

¬ Stattdessen wünschen sich Kolleginnen und Kollegen im Berufsalltag und in den damit verbundenen Anforderungen eine höhere Flexibilität – geschützt durch verlässliche und transparente Rahmenbedingungen.

¬ Ein hohes Gut ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie bzw. von Beruf und Freizeit bzw. freier Zeit. Auch hier zeichnen sich nicht nur veränderte Lebenskonstellationen ab, sondern auch ein verändertes Bewusstsein gegenüber der eigenen Ausübung des Pfarrberufs.

¬ Zentral ist den meisten Kolleginnen und Kollegen der Wunsch, trotz zunehmender Belastungen gerade die Gestaltungsfreiheit im Pfarramt nicht einzuschränken, sondern eher zu fördern.

¬ Dazu gehört auch eine qualifizierte Entlastung von Aufgaben, für die wir als Pfarrerinnen und Pfarrer nicht ausgebildet sind. Nur dann kann es gelingen, sich wieder stärker auf das zu konzentrieren, was zu den Kernaufgaben im Pfarrberuf gehört, und die Juwelen vielleicht wieder neu zu entdecken. Voraussetzung ist eine Profilierung des Pfarrberufs – und damit wegzukommen davon, für alles irgendwie und zumindest ein bisschen zuständig zu sein.

¬ Es war sehr positiv zu erleben, wie sich auf den Regionaltagen die unterschiedlichen Pfarrämter (also Gemeinde, Diakonie, Krankenhausseelsorge, Schule, Bildungsarbeit usw.) gegenseitig wahrgenommen und in ihrer gemeinsamen Aufgabe, Kirche zu gestalten, vernetzt haben. Dies geschieht in der Systemischen Schleife in den Bezirkskonventen nun auch berufsübergreifend mit den Gemeindediakoninnen und -diakonen.

¬ Allen gemeinsam – oder zumindest fast allen – ist der deutliche Wunsch, auch und gerade angesichts der Prognosen zurückgehender Mitgliederzahlen und Ressourcen nicht einfach nur das Bestehende zu bewahren. Gerade jetzt, in Zeiten der Pandemie, wollen Pfarrerinnen und Pfarrer kreativ und innovativ Kirche denken und auch den eigenen Berufsalltag gestalten. Insofern zeichnet sich deutlich ab, dass der Pfarrbildprozess gerade im Blick auf die Juwelen übergehen wird in das Nachdenken darüber, wie wir Kirche zukunftsfähig gestalten können und wollen. 

Über die Autorin / den Autor:

OKR Cornelia Weber, Jahrgang 1964, Leiterin des Referats Personal und Organisation in der ­Badischen Landeskirche und ständige Vertreterin des Landesbischofs.

 

Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh, Jahrgang 1957, seit 2014 Landesbischof der Evang. Kirche in Baden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

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