Was ist Theologie? Was ist Glaube? Wie hängt er mit menschlichem Bewusstsein und mit Wissen zusammen? Und was bedeutet die spezifisch religiöse Dimension des „Geistlichen“ bzw. die Rede von „geistlichen Aufgaben oder Berufen“. Das Deutsche Pfarrerblatt dokumentiert in leicht gekürzter Form einen Vortrag des Philosophen Volker Gerhardt zu diesen Fragen vor Vertretern der Badischen Landeskirche.*

 

1. Theologie – immer auch eine Disziplin der Philosophie

Ich bin kein Theologe – weder der Ausbildung noch der Tätigkeit nach. Aber als jemand, der das Glück hatte, aus seinem Fragen seinen Beruf machen zu können, kann ich von Amts wegen als „Philosoph“ bezeichnet werden. Als solcher habe ich auch mit der Theologie zu tun. Denn als wissenschaftlicher Terminus findet sich der Ausdruck Theologie erstmals im Themenbereich der Philosophie. Es war Aristoteles, der im letzten Drittel des 4. Jh. v. Chr. mit dem bereits in mythologischen Zusammenhängen gebräuchlichen Ausdruck theologia eine philosophische Disziplinbezeichnete, in der mehr als zwei Jahrtausende hindurch die abschließenden Fragen der Metaphysik behandelt wurden.

Mit dem Bemühen der Kirchenväter um ein lehrhaftes Fundament ihres Glaubens wurde Theologie auch zum Namen eines unter religiösen Voraussetzungen stehenden Denkens. Und durch die Gründung erster Universitäten im ehemals römischen Reich wurde Theologie zunehmend mit religiösen Erwartungen verbunden und alsbald auch in den Rang einer eigenständigen Fakultät erhoben – neben der Jurisprudenz, der Medizin und der Philosophie, die ihrerseits zum Oberbegriff der „freien Künste“, aus Grammatik, Rhetorik, Logik, Mathematik, Musik und Astronomie, avancierte.1

Nicht allein durch ihre antike Tradition, sondern auch in ihrer Zuständigkeit für eine solche Vielfalt von Fächern, war die Philosophie nicht an religiöse Prämissen gebunden. Umso höher waren die von außen kommenden theologischen Erwartungen. Doch trotz des klerikalen Argwohns, von dem später auch protestantische Machthaber nicht frei waren, haben bedeutende Philosophen bis hin zu Kant, Fichte, Schelling und Hegel an der Theologie als einer vorrangig philosophischen Disziplin festgehalten.

In dieser Tradition verstehe ich mich, obgleich ich die sich seit nunmehr gut 200 Jahren ausbreitende Geringschätzung der philosophischen Theologie kenne und sie in ihren Motiven sogar verstehe. Nur billigen kann ich die verbreitete Theologieverachtung nicht. Denn die Philosophie bleibt unvollständig, solange sie nicht auch Antworten auf die Frage nach dem Ursprung, der Einheit und dem möglichen Zweck des Weltganzen sucht. Folglich kann sie der Grundfrage der Theologie nach der Gegenwart, Wirksamkeit und Bedeutung Gottes nicht aus dem Wege gehen.2

 

2. Gott als Sinn des Sinns

Aus philosophischer Perspektive gibt es zwei Erwartung an einen systematisch überzeugenden Gottesbegriff: Gott muss, wie es seinem Begriff entspricht, als die alles tragende und umfassende Größe der Welt gedacht werden; und er muss in dieser Stellung vom einzelnen Menschen als das schlechthin alles andere Überbietende begriffen werden können. Und wenn Gott als Grund allen Seins verstanden wird, muss er selbst zum Ganzen des von ihm begründeten Daseins gehören. Und darin muss er dem Menschen etwas bedeuten, das alles andere in seiner Geltung übertrifft.

Dieses mit dem traditionellen Verständnis Gottes als allgegenwärtigem Schöpfer und Lenker der Welt vereinbare Verständnis habe ich in die Formel von Gott als Sinn des Sinns gebracht, in der er sogar noch als Sinngeber des Sinnlosen verstanden werden kann.3 Die durch nichts anderes zu überbietende Bedeutung Gottes für den Menschen kommt im Sinn des Sinns zum Ausdruck. Die Formel besagt, dass alles, was der Mensch bereits (physiologisch) empfinden, (sozial) mitteilen, (psychisch) fühlen, (semantisch) verstehen, (logisch) denken und (im Ganzen) erwartenund hoffen kann, an einen Sinn gebunden ist. Dadurch erhält der Mensch selbst eine grundlegende Stellung, denn nur er kann aus eigenem Erleben sagen, was ihm der weite Horizont des Sinns bedeutet.

Im Sinn des Sinns wird die Welt als ein Ganzes erfasst, dem das jeweilige Ganze des Menschen entspricht, so dass sie als Pole einer spannungsreichen Einheit zu denken sind. Universalität und Individualität stehen sich als notwendige Momente dieser Einheit des Ganzen gegenüber.

 

3. Glauben und Wissen

Ein Gewinn dieser Integration des Sinns in das physische, soziale, psychische, semantische, logische und ganzheitlicheWeltverständnis des Menschen, der nur als Ganzer zum göttlichen Ganzen des Daseins findet, ist die Einsicht in die unauflösliche Verbindung von Wissen und Glauben. Der Mensch kann vieles wissen und mit großer sachlicher Genauigkeit auch anderen mitteilen. Um aber so weit zu kommen, muss er sogar an diese für ihn lebensnotwendige Leistung des Wissens glauben. Und da alles Wissen begrenzt ist und sich überdies durch neue Erkenntnisse zu großen Teilen immer wieder als überholt erweist, muss man in den vielen Lebenslagen, in denen man ohne ausreichendes Wissen handelt, letztlich auch immer glauben.

Damit ist der Glaube – kulturgeschichtlich wie biographisch – der erste und letzte Akt im bewussten menschlichen Tun,und man wird das Handeln (selbst bei der denkbar größten Zunahme von Wissen), niemals von der Notwendigkeit des Glaubens freisetzen können. Das wird von jenen, die vom Ende eines Zeitalters des Glaubens oder vom geschichtlichen Ende der Religionen sprechen, nicht gesehen. Und so kommt es zu den ahnungslosen Prognosen einer weltweiten Säkularisierung oder eines Zeitalters der Positivität. Sie sind allesamt nur Ausdruck eines sich selbst widerrufenden Glaubens daran, dass alsbald nicht mehr geglaubt werden müsse. Das damit in Aussicht gestellte Ende alle Religionenist also nichts anderes als eine in ihrer Dürftigkeit gar nicht zu überbietende Religion.

Sieht man nur auf den Rückgang der Kirchenbesucher in Mittelwesteuropa, scheint einiges für diese Art von säkularer Religion zu sprechen. Global gesehen, aber wächst nicht nur die Zahl der Gläubigen, sondern auch die Zahl der Glaubensgemeinschaften.4 Und da absehbar ist, dass sich die Lebensverhältnisse in Europa nicht mehr lange auf dem hohen Niveau der Gegenwart halten werden, ist absehbar, dass sich auch in unseren Breiten der globale Trend bemerkbar macht und der Zustrom zu den Kirchen wieder größer wird.

 

4. Das einzelne Bewusstsein und der verbindende Geist

Ein Grund für die Fehleinschätzung des Verhältnisses von Glauben und Wissen liegt in der isolierten Aufmerksamkeit der Philosophen allein für die Leistungen des Bewusstseins des einzelnen Menschen. Hier werden mit Recht die sachhaltige Kapazität seines Gedächtnisses, die Konsequenz seiner logischen Schlüsse, die Fähigkeit, Gründe für sein Handeln zu nennen oder mitteilungsfähige Absichten zu haben, aufgeführt; in letzter Zeit werden auch seine Fähigkeit, sich an die Stelle eines anderen zu versetzen und das zugehörige Mitgefühl genannt.

Alle diese Momente erfassen etwas Wesentliches! Und dies so sehr, dass man schon das Bewusstsein des einzelnen Menschen als „soziomorph“ bezeichnen kann. Denn in allen seinen Leistungen (selbst wenn das Individuum sie für sich behält!) hat das Bewusstsein die Form einer Mitteilung eines auf die gemeinsame Welt bezogenen Aktes.5 Das Bewusstsein ist kein im Hirn gelagerter und durch die Schädelknochen abgeschirmter „Behälter“, sondern es ist, wie schon lange vor der digitalen Innovation gesagt wurde, selbst ein „Netz“ in dem sich jedes „Ich“ ursprünglich mit seinesgleichen verbindet.6

Dieses umfassendere Verständnis des Bewusstseins hat wesentlich dazu beigetragen, dass die früher so scharf gezogene Grenze zwischen Mensch und Tier durchlässiger geworden ist. Man weiß nun genauer, wie nahe sich die Intelligenz der Tiere und die der Menschen stehen. Das ist auch deshalb wichtig, weil es die Chance eröffnet, artgerecht mit Tieren umzugehen. Man darf sie nicht unterschätzen, muss sich aber hüten, sie zu überfordern. So wäre es eine Überforderung, sie für straffällig oder moralisch verantwortlich zu halten oder ihnen eine parlamentarische Mitbestimmung aufzubürden.

Der trotz ihrer kreatürlichen Nähe bestehenden Abstand zwischen Tier und Mensch tritt augenblicklich hervor, sobald man darauf achtet, dass die Sensibilität und die Intelligenz der Tiere zwar außerordentlich hoch sein kann, dass ihnen aber etwas fehlt, was den Menschen (der ja auch zu den Tieren zu rechnen ist) seinerseits trennscharf von allen anderen Lebewesen unterscheidet. Und für das, was den Tieren fehlt, aber wesentlich zum Menschen gehört, haben wir im Deutschen einen treffenden Begriff, nämlich den des Geistes.

Man muss den Begriff des Geistes, wie bei allen Begriffen, ganz nüchtern von seiner Leistung her verstehen. Und da meint er ein Bewusstsein für alles, was der Mensch ausschließlich in Bezug auf seinesgleichen (also auf andere Menschen gerichtet) schafft, um mit ihnen in einem tätigen Weltbezug verbunden zu sein. Geist ist zwar auch nur ein Bewusstsein, aber eines, das der Mensch in seinen ausdrücklichen Aktivitäten zusammen mit anderen Menschen entwickelt, um mit ihnen so verbunden zu sein, dass sie sich untereinander besser verstehen, sich wechselseitig anregenund in Gesellschaft produktiv sind.

Damit ist klar, dass der Geist elementare Bestandteile des mitmenschlichen Lebens betrifft: etwa die Sprache, die mehr als bloß ein Mitteilungsmittel ist, weil sie die Menschen in einer ihre eigene Produktivität stimulierenden Weise verbindet. Leistungen des Geistes liegen auch den Institutionen zugrunde, die sie zu einem einvernehmlichen und gemeinverträglichen Verhalten verpflichten. Zu nennen sind überdies die ethischen Regeln, die eine Anleitung zur Selbsterziehung sind, oder ganz allgemein die kulturelle und künstlerische Kreativität, die viele begeistert. Und schließlich die Religion, in der sich die Menschen in der Verehrung eines göttlichen Wesens geistlich verbunden erleben.

 

5. Der Geist als Schöpfer der Kultur

Der Geist, so wie ich ihn gerade vorgestellt habe, ist stets auf geschichtliche, gesellschaftliche oder individuelle Tatbestände bezogen. Da muss es Schrift oder gesprochen Laute, repräsentative Gebäude wie Schlösser, Rathäuser oder Kirchen geben. Aber auch Schulen, Theater, Orchester oder Museen haben ihren Grund in etwas Geistigem, das jeweils mit einer Vorgeschichte und einer Erwartung der in ihnen tätigen Menschen verknüpft ist, also mit Menschen, die darin etwas verrichten, was sie verstehen oder zu verstehen glauben. Vorausgesetzt ist natürlich auch eine materielle Realität,mit der ihr eigenen Gesetzlichkeit, die von den Beteiligten verstanden und genutzt werden kann.7

Die von den repräsentativen Leistungen des Geistes ausgehenden Wirkungen muss man verstehen. Und in diesem Verstehen kulminiert jeder geistige Akt, der Gemeinsamkeit herstellt, aber auch Unterschiede und Gegensätze zum Ausdruck bringen kann. Und so ist der Geist zugleich das Medium, das in der Gemeinsamkeit auch Differenzen zu artikulieren erlaubt. Überdies ist die Sphäre des Geistes geräumig genug, um mit individuellen, regionalen und historischen Unterschieden umzugehen. Und gerade in dieser Weiträumigkeit ermöglicht der Geist eine soziale Kooperation und Koordination ohne physische Nötigung.

So ist es der Geist, der einer menschlichen Gemeinschaft ermöglicht, verbindliche Regeln im Bewusstsein der Freiheitvorzuschreiben. Niemand wird z.B. die Regeln einer Grammatik, an die er sich hält, um sich verständlich zu machen, als Zwangsmaßnahme empfinden. Als Dichter oder als witziger Kopf kann er die Regeln auch so ändern, dass sich mit seinen Worten ein neuer Sinn verbindet. Wenn er aber mit anderen sprechen will und von ihnen möglichst eindeutig verstanden werden will, bedient er sich zwanglos der wohlgeregelten alltäglichen Sprache. Und es ist der Geist, der Menschen auf die Straße gehen lässt, weil sie gegen die lebensbedrohliche Untätigkeit der Regierenden oder für die Rechte von Minderheiten demonstrieren wollen. Auch hier lassen sich die wesentlichen Leistungen des Geistes identifizieren: Sie liegen im wechselseitigen Selbst- und Weltverständnis, in Moral und Recht sowie in der kulturellen Produktivität, die im freien Spiel sich wechselseitig wahrnehmender Kräfte vor allem in der ökonomischen oder modischen Vielfalt, in der individuellen Lebensführung sowie – besonders exponiert – in Kunst und Religion hervortritt.

 

6. Der Geist als Zugang zum Göttlichen, das selbst als Geist begriffen wird

Das Spezifikum des Geistes liegt in der jedem Einzelnen Freiheit einräumenden Koordination sowohl des Erlebens wie auch des Handelns. Deshalb ist der Geist auch das Medium, in welchem sich Menschen zu einem gemeinsamen Glauben mit den zugehörigen Verhaltensweisen veranlassen und anleiten lassen. Dabei ist es wesentlich, dass der durch den Geist gewirkte Glaube auch Verbindlichkeiten einschließen kann, zu denen alle angehalten sind, obgleich jedem einzelnen Individuum sein eigener Zugang zum Glauben zugestanden werden muss. Diese Freiheit nicht nur zum,sondern auch im Glauben ist ein zentrales Moment in der hoch individualisierten Botschaft des NT; sie steht hinter der Gnadenlehre Luthers und ermöglicht es ihm, sich mit der Berufung auf sein eigenes Gewissen gegen die Heilsanmaßung der Kurie zu befinden.

Es ist also das zum Geist gesteigerte Bewusstsein, das einer größeren Zahl von Menschen einen sie verbindenden Glauben an Gott ermöglicht. Auch wenn es eine persönliche Not, eine Angst oder Furcht, eine verzweifelte Hoffnungoder eine tief empfundene Dankbarkeit für eine Genesung oder für ein günstiges Schicksal überhaupt sein kann, die mich zum Glauben bringen, kann das, woran ich in der Ausrichtung auf das Göttliche glaube, selbst nicht anders als geistig verfasst sein. Das ändert sich auch nicht dadurch, dass in der Regel eine Vielfalt von Gefühlen und Stimmungenbeteiligt ist.

Selbst wenn es jemandem vergönnt sein sollte, sich Gott als erhabene Person, die über den Himmeln thront, vorzustellen, müsste er ihn sich nach Art einer gütigen und verständigen Intelligenz denken, die sowohl am Weltlauf im Ganzen wie auch am Lebenslauf des einzelnen Gläubigen Anteil nimmt. Denn eine solche Anteilnahme können wir uns nur bei einem Wesen vorstellen, dem selbst Bewusstsein zugesprochen werden kann, so dass es in der Art des Geistes an allem Weltlichen teilnimmt. Also verknüpft der Gläubige, so vermessen es auch erscheinen mag, sein eigenes Bewusstsein mit dem als unendlich größer vorgestellten Bewusstsein Gottes. Und da er glaubt, mit ihm im Bewusstsein eines Geistes verbunden zu sein, begreift er ihn – nahezu selbstverständlich – selbst als reinen Geist. Das hat der Apostel Paulus mit seinem eindringenden Verständnis sowohl für die singuläre Bedeutung des Leidens Christi wie auch für die Überlieferung der antiken Philosophie in einem einzigen Satz zum Ausdruck gebracht: „Der Herr aber ist der Geist, und wo der Geist des Herrn wirkt, da ist Freiheit.“ (2. Kor. 17)

 

7. Geistlichkeit als Verinnerlichung des Geistes

Jeder, der Geistiges versteht und sich unter Umständen auch danach richten kann, ist selbst ein geistiges Wesen. Was bleibt dann aber noch für ein „geistliches“ Wesen übrig? Was soll „Geistliches“ überhaupt heißen?

Es gibt ein äußerliches Gehabe, dass Geistlichkeit suggeriert: eine besondere Feierlichkeit und Vornehmheit des Auftretens, der Anschein tiefer Frömmigkeit mit einer intimen Nähe zu Kultus und Ritus, vielleicht auch verbunden mit Leistungen des Verzichts auf allgemeine menschliche Bedürfnisse, die man der Menge zugesteht, sich selbst aber verbietet. Die Askese, die mit dem Anspruch auftritt, sich auf das Eigentliche zu konzentrieren, kann Ausdruck eines Geistes sein, der sich auf angeblich Wesentliches zurücknimmt und sich von innen heraus, also in erkennbarer Abgrenzung von seinesgleichen, aus eigenem Impuls, aber mit umfassenderem Anspruch, selbst bestimmt.

Fasst man es positiv, dann ist das Geistliche eine Intensivierung des Geistes durch seine individuelle Inanspruchnahme.Hat man den Eindruck, ihr gewachsen zu sein, dann begreift man die damit immer auch selbst gestellten Aufgaben als persönliche Auszeichnung, die das eigene Handeln inspiriert und jedem die Kraft gibt, gerade auch unter schwierigen Bedingungen etwas Besonders zu tun. So geht das Geistliche mit dem Nimbus der Ausnahme einher. Doch in einer Gemeinde, in der man sich hilft und fördert, und in einer Kirche, in der man mit vielen verbunden ist, ist es das Geistliche, das einen – obgleich unter äußeren Bedingungen – auch innerlich verbindet!

Die Rede von der Verinnerlichung des Geistes ist zunächst nicht mehr als eine bildliche Umschreibung. Aber wir verstehen sie nur in unserer praktischen Tätigkeit. Im alltäglichen Verhalten ist damit gemeint, dass der durch den Geist vermittelte Anspruch einen Menschen von innen heraus sowohl seine Überzeugungen wie auch seine Haltung und seine Lebensweise charakterisiert. Doch nicht jeder, selbst wenn er zutiefst von einem eigenen Ziel, von einer ihn beseelenden Überzeugung oder einer großen – sagen wir: humanitären – Aufgabe durchdrungen ist, hat sich damit das Attribut des Geistlichen verdient. Auf Künstler, Forscher oder Politiker passt dieser Ausdruck schlecht. Denn er hat eine Affinität zum Religiösen – so wie das gelegentlich noch im englischen Ausdruck spirit und im deutschen Wortgebrauch des Spirituellen verbreitet ist. Das ist eine Besonderheit der deutschen Sprache, die man als Glücksfall begreifen kann, weil so die einzigartige Beziehung des religiösen Glaubens zur persönlichen Bindung an das Göttlichehervorgehoben wird.

Die christliche Botschaft hat schon mit ihrer ersten Verkündigung das größte Gewicht auf die individuelle Entscheidung des einzelnen Menschen gelegt. Sie hat sich dabei über alle kulturellen, sozialen, geschlechtlichen oder durch Bildungerzeugten Unterschiede hinweggesetzt: „Könige“ aus dem „Morgenland“ kommen in einen Stall, um ein in seiner Herkunft fragwürdiges Neugeborenes als Heilsbringer zu verehren. Und dieser Jesus geht noch als Halbwüchsiger, ohne Rücksicht auf die Amtsautorität der höchsten jüdischen Würdenträger, mit der herrschenden Schriftauslegung ins Gericht. Im Umgang mit den Menschen macht er keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, arm und reich oder zwischen Juden, Samaritern und Römern. Er ist bereit, ins Haus eines hohen Offiziers der Besatzungsmacht in Kapernaum zu gehen, um dessen „Knecht“ (!) zu heilen (Mt. 8,5-13). Und die Geltung der Tradition gilt ihm wenig, wenn es um die Rettung eines Lebens geht; nach Lk. zieht Jesus sogar die Rettung eines in den Brunnen gefallenen Ochsen der Heiligung des Sabbats vor (Lk. 14,6). Mt. berichtet, dass Jesus einem Jünger, der ihn bittet, zuerst seinen Vater begraben zu können, ehe er ihm folgt, zur Antwort gibt: „Folge mir nach; lass die ­Toten ihre Toten begraben.“ (Mt. 6,22)8

Das alles passt zu den unerhörten Zumutungen, mit denen das Evangelium im Ganzen aufwartet, und von denen bis heute viel zu wenig die Rede ist. Vielleicht aber wird uns erst in der Gegenwart bewusst, wie zukunftsoffen, modern und universalistisch das Evangelium ist, das bereits auf der Schwelle zur neuzeitlichen Individualisierung, zum Toleranzgebot und zur Entdeckung der Menschenrechte steht.9 Keine andere Religion ist bereits von ihrem Ursprung her so gut auf die globalisierte Wissensgesellschaft vorbereitet wie das Christentum. Denn es bietet allein mit der erstmals in der griechischen Philosophie entwickelten Unterscheidung zwischen Glauben und Wissen eine bis in die Gegenwart gültige Rechtfertigung für das konkurrenzlose Nebeneinander von Religion und Wissenschaft.10

 

8. Offenheit und Ernsthaftigkeit im Glauben

Geistlich ist eine von guten Gründen getragene, durch freie Entscheidung bekräftigte Gewissheit, mit der man sein eigenes Leben führt und seine Arbeit im Dienst der Gemeinschaft tut. Als geistlich wird man also jemanden ansehen, der von seinem Glauben überzeugt ist und selbst in Kenntnis mancher Bedenken und eigener Schwächen von seinem ihm Kraft, Mut und Zuversicht gebenden Glauben nicht ablässt. Das beste und aller Frömmelei abholde Kriterium des geistlichen Verhaltens liegt somit in seiner Ernsthaftigkeit, die es ihm keineswegs verbietet, seinen Aufgaben mit Offenheit und Heiterkeit nachzukommen.11

Dabei spielt es keine Rolle, auf welcher Sprosse der Stufenleiter einer kirchlichen Hierarchie man steht, ob die Aufgabe in der Verkündigung des Wortes Gotte, in dessen tätiger Umsetzung im Dienst am Menschen oder in der Verwaltung kirchlicher Ämter besteht. Entscheidend ist, wie sehr man vom Ernst seiner Aufgabe durchdrungen ist und in wie weit es einem möglich ist, dem gemeinsamen Anspruch persönlich gerecht zu werden. Und solange man dies wenigstens versucht, kann man auch mit einer Kritik an der Einrichtung ernst genommen werden, in der man tätig ist und in der es gewiss immer vieles gibt, was sich ändern und verbessern lässt.

Entscheidend ist, dass der Gebrauch der Begriffe Geist und Geistlichkeit keiner altertümelnden Attitude entspringt, sondern den Anforderungen einer Gegenwart entspricht, in der die Religion mit ihrer Botschaft wirksam werden muss, wenn sie Bedeutung für die Zeitgenossen haben will. In dieser Gegenwart wird jede einzelne Religion nur eine unter vielen anderen in unmittelbarer Nachbarschaft sein. Denn die missionarische Erwartung, alle könnten eines Tages eines Glaubens sein, war schon immer ein Missverständnis der Religionen, die zu ihrer Eigenart ja stets erst in der Unterscheidung und Abgrenzung von anderen Religionen finden. In der globalisierten Moderne aber leben Menschen höchst verschiedener, ja, gegensätzlicher Glaubensrichtungen territorial vereint und stehen unter dem politischen Gebot des zivilen Verhaltens. Dem haben sich die Glaubensgemeinschaften zu fügen. Wenn sie über ihre Grenzen hinaus Zeichen für die Überzeugungskraft ihres Glaubens setzen wollen, dann geht das nicht ohne das Exempel der Geistlichkeit, das die jeweils Verantwortlichen durch ihr Tun und Lassen geben. Sie haben als Einzelne für den Geist ihrer Kirche zu stehen und können dabei, wann immer es darauf ankommt, nur durch ihre aus innerem Antrieb kommende Tatkraft gewinnen. Zwar sollte man „Lippenbekenntnisse“ nicht unterschätzen; ein Wort im richtigen Augenblick kann Türen öffnen, Widerstände abbauen und Verständnis anbahnen. Gewissheit aber wächst nur dort, wo eine Person auch zu ihrem Wort steht. In der christlichen Überlieferung gehört dazu ein Geist, der in der Geistlichkeitdes Einzelnen seine existenzielle Tiefe hat.

 

9. Rehabilitierung des Glaubens unter Konditionen des Wissens

Da das Wissen strenggenommen schon bei der Wettervorhersage und erst recht bei der Urlaubsplanung endet, sind wir allemal mit den Übergängen vom Wissen zum Mutmaßen, zum Vertrauen und zum guten Glauben vertraut. Aber wenn wir das Ganze unseres Lebens in den Blick nehmen – bei der Entscheidung für einen Beruf, bei der Partnerwahl oder der Erziehung der Kinder – wenn also der mögliche Sinn unseres Daseins und damit alles, was mit dem eigenen Leben und Sterben verbunden ist, zu bedenken sind, kommt es nicht nur auf theoretische Einsichten an, auch nicht allein auf die Überzeugungskraft einer großen theologischen Überlieferung, sondern immer auch auf die Präsenz von Menschen,die von sich aus zur Stelle sind und mit innerer Gewissheit handeln.

Hier kann die Gemeinschaft mit Anderen unverzichtbar sein, insbesondere mit solchen, die ihre mitmenschliche Verantwortung ernst nehmen und deren Beistand wir, ungeachtet aller Unterschiede, dankbar entgegennehmen. Solche Hilfe kann spontan geleistet werden und dann kann sie besonders bewegend sein. Wenn aber zum Geist der christlichen Kirchen das Gebot der Nächstenliebe gehört, müssen sie daraus eine Verpflichtung machen. Daraus kann eine organisatorische Aufgabe werden, die jedoch unter dem Gebot der Nächstenliebe niemals allein nach Art reiner Verwaltung erledigt werden kann! Die kirchliche Organisation muss in allem ihren geistlichen Auftrag erkennen lassen.

In diesem Punkt darf es auch keine Arbeitsteilung zwischen Pfarrern und Diakonen geben! Selbst wenn es unterschiedliche Aufgabenstellungen in der Gemeindearbeit gibt: Da niemand vorhersagen kann, welche Notlagen entstehen und welcher Hilfen einzelne Menschen benötigen – Individuen, um die es in der Botschaft Christi vorrangig geht – reicht auch die beste Organisation nicht aus, dem Evangelium gerecht zu werden, wenn die für sie tätigen Menschen nicht spüren lassen, dass sie ihre Kraft aus ihrem Glauben schöpfen.

Hier also sind das individuelle Urteil und die persönliche Anteilnahme unverzichtbar – auch um das Verständnis für den Anderen aufbringen und sein Vertrauen gewinnen zu können. Hier kann der Geist der Gemeinschaft helfen; aber wenn das Zutrauen zum einzelnen Gegenüber fehlt, bleibt jede Hilfe äußerlich und kann somit eben das verfehlen, worum es im Glauben geht. Zu einem ernst genommenen geistlichen Amtsverständnis anzuhalten und hierzu durch beispielgebendes Handeln anzuleiten, ist aus meiner Sicht das Äußerste, wozu eine Organisation wie die Kirche fähig sein kann. Dass die christliche Kirche dazu durch das paradigmatische Leben ihres Gründers, in dessen Namen sie spricht, dessen Botschaft sie verkündet und von dessen Geist sie lebt, die denkbar besten Voraussetzungen hat, ist meine persönliche Überzeugung.

 

10. Glauben und Wissen im Geist der Freiheit

So wie es das Wissen nicht ohne Institutionen gibt, die es lehren, prüfen, mehren, historisch und methodisch sichernsowie nach außen hin vertreten, so braucht auch der Glaube Institutionen, die ihn lehren, prüfen, mehren, historisch und methodisch sichern sowie nach außen hin vertreten. Nur kann sich diese Vertretung nicht auf Interessenrepräsentanz und Eigenwerbung beschränken. Sie hat in ihrer Praxis selbst ein Beispiel für das zu geben, wofür sie in ihrem Glauben steht.

Das ist für sich gesehen noch nichts Besonderes. Keine Einrichtung, die erfolgreich tätig sein will, darf in ihrer Praxis den Zielen und Grundsätzen widersprechen, um die es ihr geht. Aber eine Kirche, die für einen Glauben aus innerer Überzeugung steht, braucht das Beispiel ­eines jeden Einzelnen, der in ihr wirksam ist. Deshalb haben insbesondere Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone, die aus meiner Sicht die wichtigsten Repräsentanten der christlichen Kirche sind, aus dem Geist ihres Glaubens tätig zu sein. Sie haben, um ­einen zu Unrecht altertümlich erscheinenden Ausdruck zu verwenden, Geistliche zu sein. Das Tun eines Geist­lichen lässt sich weder lehren noch verordnen. Es muss aus der Kraft des eigenen Glaubens kommen und mit der Begeisterung geschehen, die dem Geist in der ihm zu­gehörigen Freiheit den schönsten Zugang zum Leben ­eröffnet.

 

Anmerkungen

* Vortrag vor den Diakonen der Badischen Landeskirche in Karlsruhe am 20.2.2020.

1 Grammatik, Rhetorik und Logik/Dialektik (trivium) sowie Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie (quadrivium).

2 Die religiös fundierte Theologie macht gegenwärtig eine Erfahrung ganz anderer Art: Sie hat sich nicht nur innerhalb der christlichen Tradition nach Konfessionen aufgespalten. Sie hat nunmehr auch mit der Tatsache umzugehen, dass andere Religionen gar keine vergleichbaren theologischen Traditionen haben. Denn in den wissenschaftlich entwickelten Ländern werden Lehrer an Schulen und Universitäten auch für die nicht-christlichen Religionen benötigt; und auch hier müssen die rechtlichen Standards gewahrt werden. Also sind die Universitäten in Deutschland derzeit dabei, Disziplinen einzurichten, die als islamische, jüdische, vielleicht auch buddhistische Theologien firmieren und dadurch eine Pluralität auch in den Prämissen höchst unterschiedlicher religiöser Theologien anerkennen.

3 V. Gerhardt, Der Sinn des Sinns. Versuch über das Göttliche, München 2014, 20164.

4 Die einschlägigen Statistiken weisen einen Anstieg der Zahl der Religionszugehörigen aus, der zwar wesentlich durch das Wachstum der Weltbevölkerung bedingt ist, dennoch aber eine erkennbare Zunahme der Vielfalt der Religionsgemeinschaft ausweist. Die Tendenz zu einem überproportionalen Anstieg des Anteils der Gläubigen in Relation zu den Nicht-Gläubigen ist aber unverkennbar. Doch da die Statistiken oft selbst Teil der Werbung der Religionsgemeinschaften für ihre Ziele sind und überdies die exakte Erfassung des Tatbestands der Gläubigkeit nicht leicht ist, müssen die Statistiken mit Vorsicht gelesen werden. Eindeutig ist hingegen der epistemologische Aufweis des notwendigen Zusammenhangs von Glauben und Wissen. Dazu: V. Gerhardt, Glauben und Wissen, Stuttgart 2016. Überdies spricht die Spruchweisheit Not lehrt beten für meine These. Denn dass die (materielle und intellektuelle) Not auch in den wohlhabenden und eine Weile lang demokratisch gefestigten Regionen Europas größer werden wird, wage ich vorherzusehen.

5 Auch dazu verweise ich aus Raum- und Zeitgründen auf meine Ausführungen in: V. Gerhardt, Selbstbestimmung. Das Prinzip der Individualität, Stuttgart 1999, 20182, und: Öffentlichkeit. Die öffentliche Form des Bewusstseins, München 2012.

6 Der Ausdruck des „Nervennetzes“ kommt in der zweiten Hälfte des 19. Jh. mit dem Ausbau der Telekommunikation auf. Nietzsche ist m.W. der erste, der das Bewusstsein als „Netz“ beschreibt (Fröhliche Wissenschaft, Aph. 354). Dazu vom Verf.: Nietzsche und die Technik. Auf dem Weg zu einer Theorie des Bewusstseins, in: Sarah Bianchi (Hg.): Auf Nietzsches Balkon III. Beiträge aus der Villa Silberblick, Weimar 2018, 110-123.

7 Die unerlässlichen materiellen Konfigurationen dienen als Träger für das, was für den Geist zum Ausdruck kommt: So sind Schlösser Symbole einer aristokratischen Herrschaft und Rathäuser lassen hoffen, dass sie für eine bürgernahe Verwaltung stehen, welche das Recht aller zu wahren sucht. Entsprechendes gilt für Kirchen, die den Geist einer Epoche nicht weniger atmen als den Geist der zugehörigen Religion. Geist ist es somit auch, was den Gehalt eines Bühnenstücks, eines Buches oder einer Predigt ausmacht.

8 Darauf habe ich erstmals in: Individualität. Individuum/Individualisierung/Institution/Universalität, in: W. Gräb/B. Weyel (Hrsg.), Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2007, 64-76, aufmerksam gemacht.

9 V. Gerhardt, Theologie zwischen Metaphysik und Lebenswissenschaft, in: Benedikt Paul Göcke/Christian Pelz (Hg.): Die Wissenschaftlichkeit der Theologie, Bd. 3: Theologie und Metaphysik, Studien zur systematischen Theologie, Ethik und Philosophie, Bd. 13/3, Münster 2019, 373-392; ders.: Warum wir sollen, was wir sollen. Mit einer Ergänzung zur Rolle der Nächstenliebe in der christlichen Ethik, in: Münchner Theologische Zeitschrift, 1/2020.

10 V. Gerhardt, Keine Wissenschaft ohne Glauben. Warum man Glauben und Wissen auseinanderhalten muss, aber nicht trennen kann, in: Evang. Aspekte, Heft 3/2019, 23-26.

11 Die Tugend der Frömmigkeit, die viele der älteren Philosophen gerade bei den Tempeldienern ihrer Zeit vermissten, muss das Kennzeichen eines als geistlich wahrgenommenen Menschen sein. Und dazu wird letztlich niemand gerechnet, der durch sein frommes Getue auffallt, sondern es muss jemand sein, der trotz mancher Ablenkungen, Anfechtungen und gewiss auch im Eingeständnis eigener Zweifel fest zu seinem Glauben steht.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. em. Dr. phil. Volker Gerhardt, Jahrgang 1944, Studium der Psychologie, Philosophie, Rechtswissenschaft und Soziologie in Frankfurt und Münster, 1974 Promotion, 1984 Habilitation, seit 1992 Lehrstuhl für Prakt. Philosophie, Rechts- und Sozial­philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin, Mitglied in der Theol. Kammer der EKD, Mitglied in Deutschen Ethikrat.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 9/2020

Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.