Gewalt im sozialen Nahraum ist in westlichen Gesellschaften des 21. Jh. eine Hauptursache für Traumata. Traumatische Erlebnisse zeichnen sich tief in das Leben betroffener Menschen bis in deren Religiosität ein. Traumasensible Seelsorge fragt, welchen konstruktiven Beitrag christliche Seelsorge zur Bewältigung von Traumata leisten kann. Andreas Stahl, der über dieses Thema promoviert hat, stellt seinen Entwurf einer „Traumasensiblen Seelsorge“ hier vor.

 

Gewalterleben

„Mein Vater hat sie öfters geschlagen und auch an den Haaren gezogen … und ich hab immer geweint, weil mir das auch wehtat … und da hat er immer zu ihr gesagt ‚du Hure, und so, du schläfst mit anderen‘ und dabei hat es gar nicht gestimmt. Ich hab immer gesagt ‚hört auf‘, aber ich hab nichts getan, weil ich hatte Angst, ich weiß nicht, ich hatte sehr viel Angst. Ich hatte da keine Kraft, oder ich war dann eigentlich nicht ich selber, sondern da war ich irgendwie ganz verändert, immer wenn sie gestritten haben. […] … also ich fühle mich zu schwach, weil immer wenn ich daran denke, habe ich immer angefangen zu weinen, dann war alles wieder da, die Angst im Bauch und so … und ich hatte halt in der Schule auch Angst, hab ich dann wieder alles falsch gemacht oder ich hab immer so gezittert oder so was halt … und am Abend da konnte ich nie schlafen, da hatte ich immer Albträume […]“1.

Auf diese Weise erlebte die 12jährige Amela die traumatisierende Gewalt ihres Vaters gegen ihre Mutter. Sie ist damit kein Einzelfall, sondern Exempel einer verbreiteten, aber gerne verdrängten gesellschaftlichen Realität. Das Thema der Gewalt ist spätestens seit der sukzessiven Aufdeckung der Missbrauchsskandale in kirchlichen Einrichtungen neu in den Fokus der Aufmerksamkeit getreten.

Im Folgenden soll Neugierde auf einen Ansatz geweckt werden, der sich aus poimenischer Perspektive mit dem Erleben traumatisierter Menschen befasst. Es geht dabei vor allem um Traumata, die infolge von Gewalt im sozialen Nahraum erlitten wurden. Das entsprechende Buch lautet „Traumasensible Seelsorge: Grundlinien für die Arbeit mit Gewaltbetroffenen“. Traumasensible Seelsorge geht damit um, dass es traumatische Ereignisse gibt, die nicht einfach vorübergehen, sondern gegenwärtig bleiben und fragt, welchen konstruktiven Beitrag christliche Seelsorge zur Bewältigung dieser Ereignisse leisten kann.

 

Trauma

Der Begriff des „Trauma“ geht auf das griechische „το τραΰμα“ zurück und bedeutet „Wunde, Verletzung, Schaden, Leck (bei Schiffen)“ oder in Übertragung auch „Verlust, Niederlage“2. Die Etymologie des Wortes weist bereits auf Bedeutungsfacetten hin, die in der Übertragung auf die Psyche traumatisierter Menschen durchaus Realitäten beschreiben. Alltagssprachlich wird der Begriff – teils auch inflationär – für besonders belastend erlebte Vorkommnisse verwendet. Hinzu kommt ein Verständnis von Trauma als kulturelles Deutungsmuster, das sich gegenwärtig in verschiedenen Sozial- und Kulturwissenschaften großer Rezeption erfreut und jüngst auch für die Seelsorge fruchtbar gemacht wurde.3 Auch in die Exegese wurde der Terminus zum besseren Verständnis biblischer Texte eingeführt.4

Für den Ansatz einer Traumasensiblen Seelsorge ist aber die Orientierung an den medizinisch-psychotraumatologischen Trauma-Definitionen wegweisend: Bei einem Trauma handelt es sich um eine psychische Verwundung, die ebenso wie eine schwere körperliche Verletzung nur in seltenen Fällen ohne Unterstützung regeneriert werden kann. Es ist ein wichtiges Spezifikum des Begriffes „Trauma“, dass er eben beides in sich fasst, Ereignis und Folgen. Das Ereignis geht also nicht einfach vorüber, sondern bleibt in seinen Folgen stets gegenwärtig. Eine für den deutschen Sprachraum sehr einflussreiche Trauma-Definition stammt von Fischer und Riedesser. Ein Trauma wird von diesen verstanden als ein „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“5

In der Arbeit über Traumasensible Seelsorge werden unterschiedliche Trauma-Definitionen nebeneinandergestellt und auf ihre jeweiligen Eigenheiten hin beleuchtet. Zudem findet sich eine kurze Darstellung der Geschichte der Psychotraumatologie. Zudem werden Einblicke in das breite Spektrum möglicher Traumafolgestörungen gegeben. In dieses gehören die Posttraumatische Belastungsstörung und die komplexe Posttraumatische Belastungsstörung ebenso, wie eine Fülle von Komorbiditäten aber auch Traumafolgen, welche die Schwelle zu einer medizinischen Diagnose nicht überschreiten.

Weiterhin wird dargestellt, welche Faktoren dazu beitragen, dass aus einem potentiell traumatischen Ereignis ein tatsächlich traumatisches Ereignis wird. Denn nicht jeder Mensch bildet nach einem extrem belastenden Ereignis Traumafolgestörungen aus. Die entsprechenden Faktoren liegen dabei zeitlich vor, während und nach dem Ereignis. Traumata können nicht zum Verschwinden gebracht werden. Es kann aber doch etwas dafür getan werden, dass die Wunde vernarbt. Es werden in der Arbeit also auch Überlegungen entfaltet, wie und in welchem Maße eine Integration von Traumata möglich ist und wo an dieser Stelle Grenzen aber auch Chancen von Seelsorge liegen.

 

Gewalt

Der Terminus „Gewalt im sozialen Nahraum“ mag auf den ersten Blick sehr formal klingen. Unter ihm werden in der Literatur verschiedene Phänomene subsumiert wie „häusliche Gewalt“, „Partnergewalt“, „Erziehungsgewalt“ und „sexueller Missbrauch“. Die Stärke des Begriffes ist dadurch gegeben, dass er seinen Fokus auf ein wichtiges Spezifikum dieser Form von Gewalt richtet. Es geht um Gewalt, die aus der Perspektive der Betroffenen von nahestehenden Personen verübt wird.

Es liegt in der Natur dieses verdrängten und im Schutz von Privatheit sich ereignenden Problems, dass sich valide Daten über seine Verbreitung nur schwer erheben lassen. Vieles geschieht hinter verschlossenen Türen, Opfer und Täter*innen sind aus verschiedenen Gründen nicht auskunftsfähig oder -willig. Eine grobe Einschätzung ist dennoch möglich. So werden in der Arbeit nach einer methodischen Reflexion verschiedene Studien dargestellt, die für zumindest den deutschsprachigen Raum relativ zuverlässige Anhaltspunkte über die Verbreitung von Gewalt im sozialen Nahraum liefern.6 So weist beispielsweise eine Studie von Stadler, Bieneck e.a. mit einer Stichprobe von über 9000 Befragten, auf etwa 4,4% Betroffenheit von sexuellem Kindsmissbrauch (bei den weiblichen Befragten liegt die Quote sogar bei 7,4%) in der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung hin.7 In einer Studie von Müller und Schröttle wurden in einer repräsentativen Stichprobe Frauen im Alter von 16-85 Jahren zu persönlicher Gewaltbetroffenheit befragt. Die Studie basiert auf 10.264 Interviews laut denen 37% der Frauen angaben, ab dem 16. Lebensjahr irgendeine Form körperlicher Gewalt meist durch Menschen aus dem sozialen Nahraum erlebt zu haben.8

 

Seelsorge

Seelsorge wird verstanden als „eine Dimension diakonischen Handelns, die aus dem christlichen Glauben heraus Lebensgestaltung und -bewältigung unterstützen will.“9 Auf diesem breiten Verständnis basierend wird ein Modell entfaltet, das sich durch eine Definition nur unzureichend abdecken ließe. Doch weist auch dieses breite Seelsorgeverständnis in eine bestimmte Richtung. Seelsorge wird der Diakonie und nicht der Verkündigung zugeordnet. Es geht ihr also nicht um die materiale Weitergabe christlichen Glaubens, sondern um dessen Umsetzung im unterstützenden Einsatz für Betroffene von Gewalt. Seelsorge ist dabei nur eine Dimension diakonischen Handelns, also auf dessen andere Dimensionen und Akteure verwiesen.

In der Arbeit wird weiterhin diskutiert, wie Seelsorge von Traumatherapie abzugrenzen ist, welches Verständnis von Verwundet-Sein und Heilung aus poimenischer Perspektive Plausibilität besitzt und wie die Begriffe Religiosität und Spiritualität näher verstanden werden sollen. Denn das Proprium von Seelsorge ist ihre Bezogenheit auf den christlichen Glauben und damit die besondere Offenheit für Fragestellungen aus dem Bereich der Religiosität und Spiritualität. Doch um mit diesen angemessen umgehen zu können, stellt sich für eine Traumasensible Seelsorge die Frage, welche möglichen Auswirkungen denn traumatische Ereignisse auf die Religiosität der Betroffenen haben können.

 

Die religiöse Dimension von Traumata

So fragt ein Kapitel des Buches nach der religiösen Dimension von Traumata. Um diese möglichst auf Basis empirischer Befunde zu erheben, wurde eine umfassende Sekundäranalyse bestehender Forschung durchgeführt. Anhand von verschiedenen Kriterien wurden 56 Studien zusammengestellt, die Aussagen über Zusammenhänge von Religiosität und Spiritualität auf der einen Seite und potentiell traumatischen Gewalterfahrungen auf der anderen Seite machen. In der Arbeit wird dabei zwischen quantitativen und qualitativen ­Studien differenziert.

 

Quantitative Studien

Die 37 quantitativen Studien wurden dabei insofern noch einmal gesondert dargestellt, als sie entweder stärker die Veränderungen in der Religiosität durch Traumata oder aber Zusammenhänge von Religiosität und den Folgen von Traumata in den Blick nehmen. Es ist wichtig von Korrelationen nicht automatisch auf Kausaltäten zu schließen, auch wenn manche kausalen Zusammenhänge durchaus plausibel erscheinen. Außerdem werden in der Arbeit verschiedene Mängel der bisher vorhandenen Studien kritisiert, darunter z.B. das Fehlen spezifischer Forschungsinstrumente. Einige Befunde sind dennoch sehr weiterführend und bringen etwas Licht in die komplexe Gesamtlage.

Die Studien führen insgesamt vor Augen, dass die eigene Religiosität im Leben vieler Menschen durchaus ein Bereich ist, der durch eine traumatische Erfahrung Veränderungen unterworfen ist. Interessant ist, dass das, was in den Studien als Religiosität gemessen wurde, im Leben Einzelner sowohl abnehmen als auch sich intensivieren konnte. Es scheint im Lichte der verschiedenen Studien aber insgesamt angemessener, verschiedene Transformationsprozesse in den Blick zu nehmen, statt sich auf ein Zu- oder Abnehmen von Religiosität zu fokussieren. Traumata können ein existentielles Geborgenheitsgefühl erschüttern, Hoffnung auf eine positive Zukunft eintrüben, eine vertrauensvolle Gottesbeziehung erschweren oder auch das Gottesbild selbst verfinstern. Jene Studien, welche die Religious-Coping-Forschung rezipieren, zeigen auf, dass traumatische Ereignisse ein „Positive Religious Coping“ verringern und „Negative Religious Coping“ verstärken können. Religiosität kann also sowohl Ressource als auch Bürde sein. Die Studien weisen auf verschiedene Faktoren hin, welche mitbeeinflussen, wie Veränderungen in der Religiosität konkret auftreten können. Dazu gehören u.a. der religiöse Hintergrund der gewaltbelasteten Herkunftsfamilie, die Schwere der Gewalt und das religiöse Umfeld in späteren Lebensphasen.

Wird gefragt, welche Auswirkungen Religiosität auf die Traumafolgen hat, zeigt sich ein leichter positiver Zusammenhang zwischen Religiosität und Werten für mentale Gesundheit, Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein. Die meisten Studien weisen der Religiosität einen positiven Einfluss auf die Gesundheit der Betroffenen zu. Wobei deutlich wird, dass Religiosität für verschiedene Menschen sehr verschieden relevant sein kann, im Bewältigungsprozess mancher also eine sehr zentrale, im Leben anderer kaum eine Rolle spielt. Wichtig ist weiterhin, dass intrinsische Formen der Religiosität bedeutungsvoller scheinen als extrinsische. Jedoch sollte die Wirkkraft von Religiosität nicht überschätzt werden. Sie ist kein Wundermittel, das die Akquirierung anderer Ressourcen und Unterstützungsweisen irgendwie umgänglich machen könnte. Allerdings stellt sie für viele Betroffene eine wichtige Komponente dar und sollte deswegen in Forschung und Praxis nicht vernachlässigt werden.

 

Qualitative Studien

Für die seelsorgetheoretische Arbeit ebenfalls von großer Bedeutung sind die 19 qualitativen Studien, von denen vier noch einmal verstärkt ausgewertet wurden. Die besondere Wichtigkeit der qualitativen Studien für diese seelsorgetheoretische Arbeit besteht darin, dass sie die Stimmen der Betroffenen selbst hörbar machen und deren Aussagen über positive wie negative Erfahrungen mit christlichem Glauben Raum geben. Die Fülle der Aussagen und der sich daraus poimenisch ergebenden Aspekte, kann in diesem Rahmen nicht ausführlich dargestellt werden. Es sollen jedoch stellvertretend die Aussagen zweier Betroffener zitiert werden, welche die Tiefe aber auch die Spannungen und Abgründe deutlich machen, die sich im Feld von Religiosität und Traumata auftun.

So sagt die Betroffene Joan aus der Studie von Imbens und Jonker: „I used to believe in God the Father and his son Jesus. Because of my father, I threw God away, al­though I’m very religious. I can still live with Jesus. But God the Father has such almighty power that it’s frightening. It was like that at home and at church. That’s why my faith in God the Father was totally destroyed. I still have trouble with it. I can’t pray to a God, although I’m so religious. Divine power, I experience it, I feel it. But I’m afraid to call it that; I just can’t.“10 Und eine Betroffene aus der Studie von Barbara Haslbeck berichtet: „Für mich ist Familienleben ein Ort der Schmerzen. Werte, die man vermittelt bekommt oder was Kirche auch vermittelt über Familie, ist für mich nicht … der schlimmste Feind hat in der Familie gelebt. Und dieses Gebot, dass man seine Eltern ehren soll, das übersteigt mittlerweile mein Fassungs­ver­mögen.“11

Wie an dieser Stelle exemplarisch gezeigt, rühren die Aussagen Betroffener an zentralen theologischen Themen. Betroffene stellen Fragen an den christlichen Glauben. Eine Traumasensible Seelsorge ist erst auf der Basis eben solcher theologischer Reflexionen möglich, welche die Perspektive von Menschen mit Trauma-Erfahrung ernst nimmt und fragt, welchen unverzichtbaren theologischen Beitrag jene leisten können. Das in der Arbeit darauffolgende Kapitel fragt entsprechend nach Perspektiven für eine traumasensible Theologie.

 

Perspektiven für eine traumasensible Theologie

Christliche Theologie erwächst aus dem Zusammenwirken von überlieferter Tradition, vernünftigem Diskurs und gegenwärtiger Erfahrung. Für eine traumasensible Theologie sind zudem drei Maximen wichtig: Zum ersten stellt sie die Erfahrung der Betroffenen in den Mittelpunkt. Das heißt, dass sie in besonderer Weise dazu bereit ist, auf deren Stimme zu hören und die von diesen aufgeworfenen Fragen in ihr Zentrum zu stellen. Die Erfahrungen der Betroffenen von Gewalt sind nicht irgendein Beitrag traumasensibler Theologie, sie sind deren zentrales Element. Zweitens erkennt traumasensible Theologie ihren eigenen Provisorienstatus an. Die Verarbeitung von Traumata verläuft in verschiedenen Phasen. Während z.B. in einer Phase die Vorstellung von Gott als Rächer hilfreich sein kann, ist es möglich, dass sich dies über die Zeit modifiziert. Traumasensible Theologie ist kein abschließbares Unterfangen, sondern in Solidarität mit den Betroffenen ein Weg von Provisorium zu Provisorium. Drittens ist aber auch theologische Konsistenz wichtig. Die beschriebenen Grundlagen von Tradition, Diskurs und Erfahrung enthalten je in sich normative Elemente, deren Einbeziehung eine innere theologische Stimmigkeit erst ermöglichen.

Basierend auf diesen Grundüberlegungen gliedert sich dieses Kapitel in zwei Teile. Der erste Teil behandelt theologische Themen, die sich in den Studien und aktueller theologischer traumabezogener Literatur für Betroffene als Bürde erwiesen haben. Dazu gehören bestimmte biblische Gewalttexte; die Legitimation von Gewalt gegen Kinder; das Elterngebot; die Abwertung von Frauen; die Idealisierung von Ehe und Familie und eine defizitäre Sexualmoral. Diese Traditionsbestände werden möglichst aus Sicht Betroffener kritisch reflektiert und es wird nach Weisen des Umgangs mit ihnen gefragt.

Der zweite Teil behandelt theologische Topoi, denen für eine traumasensible Theologie eine zentrale Rolle zukommt. Diese Topoi sind jeweils ambivalent. Denn sie beleuchten Aspekte der christlichen Tradition, die für Betroffene eine besondere Herausforderung darstellen und sowohl positiv erfahrungserschließend als auch sehr belastend sein können. Zu diesen Themen gehören Sünde; Schuld, Schuldgefühle und Scham; Vergebung; Leiden; Theodizee; Gottesbilder; Kreuz, Auferstehung und Karsamstag. So hat beispielsweise der Topos der Sünde angesichts von Traumata infolge von Gewalt im sozialen Nahraum etwas tief realistisches, weil diese mit menschlichen Abgründen konfrontieren, die eine oberflächlich-positive Anthropologie nicht integrieren kann. Der Topos hat aber gleichzeitig etwas problematisches, wenn er z.B. das negative Selbstbild Betroffener noch verstärkt. Eine traumasensible Interpretation von Sünde, die als Beziehungsstörung oder Entfremdung verstanden wird, macht beispielsweise deutlich, dass sich Sünde im Leben von Opfern und Täter*innen ganz unterschiedlich äußern kann. So kann sie sich bei Täter*innen in einem Narzissmus äußern, der die eigene Bedürfnisbefriedigung über das Wohl anderer stellt, während sie sich bei Opfern eher in zu wenig Selbstliebe ausdrücken kann. Täter*innen und Opfern entsprechen unterschiedliche theologische Perspektiven und folglich auch ein anderer theologischer Weg. Die gilt auch, wenn beide Perspektiven in ein und dem gleichen Menschen zusammenfallen können. Andrew Sung Park macht dies am Beispiel einer Mutter mit Missbrauchsvergangenheit deutlich, die wiederum ihr eigenes Kind misshandelte: „What could the Gospel do for her life? Did she need forgiveness for the abuse she committed, healing from the abuse she suffered, or both? […] I distinguish between the sinner and the sinned against to help people see the lines of their distinctive journeys. The sinner takes his or her sin to salvation, while the sinned against goes through a journey from his or her oppression to liberation and deliverance.“12

Diese Perspektiven für eine traumasensible Theologie, die sich im Buch dann weiter entfaltet finden, bilden die Grundlage für das eigentliche Ziel der Arbeit, nämlich die Entwicklung von Grundlinien Traumasensibler Seelsorge.

 

Grundlinien einer Traumasensiblen Seelsorge

Drei unterschiedliche Komponenten sind wichtig und bedürfen für die Darstellung besagter Grundlinien genauerer Reflexion: Es geht um Seelsorgende, um die kirchliche Institution und um christliche Spiritualität, die jeweils in einem Interaktionsverhältnis stehen und sich gegenseitig befruchten können.

Die Person des Seelsorgenden

Das erste Unterkapitel befasst sich mit der seelsorgenden Einzelperson. Sensibel mit Betroffenen von traumatischer Gewalt umzugehen, ist ein anspruchsvolles Unterfangen. So geht es am Anfang um die Frage von Rollenklärung, Eignungskriterien, Qualifikationsstandards, der Vernetzung mit anderen Berufsgruppen und den Grenzen der eigenen Profession. Schließlich ist Selbstsorge ein wichtiges Element in jeder seelsorglichen Begleitung. Die Psychotraumatologie kennt das Phänomen der sekundären Traumatisierung. Hierbei werden Fachkräfte in die Traumata, mit denen sie im Leben anderer Menschen konfrontiert sind, vollständig eingenommen. Das kann so weit gehen, dass sie auch ohne unmittelbare Betroffenheit psychische Störungsbilder entwickeln, die bestimmten Traumafolgen sehr ähnlich sind.

In einem zweiten Schritt wird die Beziehungsgestaltung der Seelsorgenden reflektiert. Die Grundlage jeder traumasensiblen Beziehungsgestaltung bilden Vertrauen und Personenzentrierung. Vertrauen kann auf beiden Seiten aus unterschiedlichen Gründen sehr schwerfallen. Gleichzeitig kann eine stabile, vertrauensvolle Beziehung die stärkste Gegenerfahrung zu einem Trauma sein. Basierend auf den beiden Grundpfeilern Vertrauen und Personenzentrierung wird in der Arbeit das Beziehungsmodell HIER dargestellt. Das Akronym steht für die Begriffe Hoffnung, Information, Empathie und Respekt. Damit werden jeweils Ebenen bezeichnet, die in einer traumasensiblen Beziehungsgestaltung immer wieder präsent sein werden. Kerstner, Haslbeck und Buschmann schreiben: „Missbrauchsopfer, die über lange Zeit massivster Gewalt ausgesetzt waren, haben manchmal für einen Teil ihres Lebens weder Trost noch Hoffnung. Nicht selten sind sie dem Tod näher als dem Leben. […] Wer trösten möchte, darf diese bitteren Wahrheiten nicht unterschlagen. Wer die Wahrheit umgehen will und eine Abkürzung sucht, wird scheitern. Das Aussprechen-Dürfen von Wahrheit und das wirkliche Gehört-Werden sind ein erster und unverzichtbarer Bestandteil von Trost.“13 Dieser Schmerz muss seinen Raum haben. Und dennoch darf ein Seelsorgegespräch von der Hoffnung durchwoben sein, dass Schmerz und Leiden nicht das letzte Wort haben werden.

Traumasensible Kirche

Im zweiten Unterkapitel werden Überlegungen zu einer traumasensiblen Kirche dargestellt und dabei zwischen der ortsübergreifenden Institution und den konkreten Gemeinden differenziert. Für die Kirche besteht eine Verantwortung nach innen und nach außen. Grundlage für eine glaubwürdige Wirksamkeit nach außen ist allerdings die Wahrnehmung der Verantwortung nach innen. Dies meint neben der Befähigung der eigenen Mitarbeiter zum Umgang mit der Thematik vor allem einen ehrlichen Umgang mit Missbrauch und Gewalt im kirchlichen Kontext. Hier ist durch die Umsetzung des „11-Punkte-Handlungsplan gegen sexualisierte Gewalt“ auf Ebene der EKD sehr viel passiert. Wenn die dort angedachten Maßnahmen weiter konkret umgesetzt werden, sind die Landeskirchen in Deutschland auf einem hoffnungsstiftendem Weg.

Weiterhin wendet sich die Arbeit der Frage zu, wie Kirchengemeinden Betroffenen Heimat geben können. Wo Orte informiert und sicher sind, wo Raum für Initiativen von Betroffenen und für Betroffene ist, da können heilsame Gemeinschaften wachsen.

Traumasensible Spiritualität

Das dritte Unterkapitel fragt nach möglichen Formen traumasensibler christlicher Spiritualität. Es werden Grundlagen formuliert und darauf basierend dann mögliche Applikationen dargestellt. Exemplarisch soll an dieser Stelle je ein Beispiel ausgeführt werden. Eine Grundlage ist die Kompetenz der Betroffenen. Betroffene wissen oft selber sehr genau, was sie im christlichen Glauben als hilfreich erleben und womit sie Schwierigkeiten haben. Außerdem gibt es inzwischen – vor allem wenn die deutschen Sprachgrenzen überschritten werden – eine anwachsende Literatur, in welcher Betroffene selbst ihre Erfahrungen mit dem christlichen Glauben schildern und dabei auch Hinweise für andere geben.14 Es braucht keine spirituelle Meisterschaft, sondern ein aufmerksames Hinhören und Ernstnehmen dessen, was Betroffene selber sagen.

Eine konkrete Form kann christliche Spiritualität z.B. gewinnen, wenn sie einen Raum für Trauer, Zweifel und Klage bietet. In der Bibel finden sich Texte, die Trauer in tiefgründiger Weise in Sprache gießen. Texte die in Trauer hinein- und aus ihr hinausführen können. Man kann hier Passagen der Bücher Hiob und Jeremia, die Klagelieder und die Psalmen als Beispiele nennen. Vor allem ist dort Trauern kein Akt der Demütigung oder Unterwerfung, sondern ein Akt der Stärke und des Mutes, bis hin zu der Würde, mit Gott selbst zu ringen. Dass Texte über Trauer und auch die damit verbundenen offenen Fragen und Zweifel als heilige Texte gesehen werden können, adelt Trauer wie Zweifel. Die Schriften der Bibel können eine Grundlage bilden, auf der dann nach weiteren Ausdrucksformen gesucht werden kann. Ein Beispiel dafür können Klageliturgien sein, in denen der Trauer bewusst Raum gelassen wird.15 Traumasensible Spiritualität kann so eine Komponente sein, die nicht nur Betroffene unterstützt, sondern auch Seelsorgende in die Vertiefung der eigenen Tradition führt.

 

389 Seiten, 1. Auflage, 29,– €
ISBN: 978-3-17-037456-0

 

 

Anmerkungen

1 Strasser, Philomena 2013, „In meinem Bauch zitterte alles.“ Traumatisierung von Kindern durch Gewalt gegen die Mutter, in: Handbuch Kinder und häusliche Gewalt, Kavemann, Barbara; Kreyssig, Ulrike (Hg.), Springer: Wiesbaden, 48ff. Es handelt sich um eine Interviewsequenz aus der qualitativen Studie „Kinder legen Zeugnis ab“ mit Kindern und Müttern in Frauenhäusern. Sprachfehler wurden nicht korrigiert, um die Schilderung in ihrer Authentizität zu bewahren.

2 Gemoll 2006, Griechisch-deutsches Schul- und Handwörterbuch, Oldenbourg: München, 799.

3 Schult, Maike 2020, Ein Hauch von Ordnung: Traumaarbeit als Aufgabe der Seelsorge, Evangelische Verlagsanstalt: Leipzig.

4 Z.B. Poser, Ruth 2012, Das Ezechielbuch als Trauma-Literatur, Brill: Leiden [u.a.].

5 Fischer, Gottfried; Riedesser, Peter 2009: Lehrbuch der Psychotraumatologie, Reinhardt: München, 84.

6 Die referierten Studien sind in der Bundesrepublik Deutschland erhoben, doch ist davon auszugehen, dass die Unterschiede zu Österreich oder der Schweiz nicht signifikant sind.

7 Stadler, Lena; Bieneck, Steffen u.a. 2012, Repräsentativbefragung Sexueller Missbrauch 2011, Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen: Hannover, 19f.

8 Vgl. Müller, Ursula; Schröttle, Monika 2004, Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland: Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 35ff.

9 Stahl, Andreas 2019, Traumasensible Seelsorge: Grundlinien für die Arbeit mit Gewaltbetroffenen, Kohlhammer: Stuttgart, 19. Weitere Hintergründe zu diesem Seelsorgeverständnis finden sich an entsprechender Stelle.

10 Imbens, Annie; Jonker, Ineke 1992, Christianity and Incest, Fortress Press: Minneapolis, 39.

11 Haslbeck, Barbara 2007, Sexueller Missbrauch und Religiosität: Wenn Frauen das Schweigen brechen: eine empirische Studie, LIT Verlag: Berlin [u.a.], 303.

12 Park, Andrew S. 2004, From Hurt to Healing: A Theology of the Wounded, Abingdon Press: Nashville, 2f.

13 Kerstner, Erika; Haslbeck, Barbara; Buschmann, Annette 2016, Damit der Boden wieder trägt: Seelsorge nach sexuellem Missbrauch, Schwabenverlag: Ostfildern, 190.

14 S. z.B.: Faulde, Cornelia 2002, Wenn frühe Wunden schmerzen: Glaube auf dem Weg zur Traumaheilung, Matthias Grünewald Verlag: Mainz. Flaherty, Sandra M. 1992, Woman, Why Do You Weep? Spirituality for Survivors of Childhood Sexual Abuse, Paulist Press: Mahwah. Manlowe, Jennifer L. 1995, Faith Born of Seduction: Sexual Trauma, Body Image and Religion, New York University Press: New York [u.a.].

15 Vgl. Henderson, J. Frank 2006, Abuse of Children: A Liturgy of Lament, in: Journal of Religion & Abuse 8, Heft 1 27-30.

 

Über die Autorin / den Autor:

Vikar Dr. Andreas Stahl, Studium der Evang. Theologie in München, Jerusalem, Erlangen, Hongkong und Stellenbosch, Traumafachberater (DeGPT), Forschungsaufenthalt in Chicago, Promotion an der Universität Münster, ehrenamtlich in der Initiative "Gottes-Suche.de" engagiert.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 8/2020

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