In seinem Buch „Baupläne der Schöpfung – Hat die Welt einen Architekten?“ beschäftigt sich der Theologe und Mediziner Johannes Huber mit den Fragen der Quantenphysik und der Epigenetik und daraus folgenden Themen. In einem weiteren Buch, „Der Holistische Mensch – Wir sind mehr als die Summe unserer Organe“ stellt er die besondere Verbindung zwischen Quantenphysik und Epigenetik im medizinischen Bereich dar. Auch die Veröffentlichung der Medizinerin Katharina Schmid „Kopfsache gesund“ ist in diesem Zusammenhang lesenswert. Beide Bücher können seelsorgerliche Tätigkeiten durchaus befruchten.

Der folgende Artikel bezieht sich jedoch vornehmlich auf das zuerst genannte Buch von Johannes Huber. Das Buch ist in drei Teile gegliedert: „Ein bisschen Glaube“ – „Ein bisschen Ethik“ – „Der Saum seines Kleides“.

 

Transzendenz

In seiner Vorrede bezieht sich Huber zunächst auf einen Diskurs mit dem Physiker Walter Thissing über die Rechtfertigung des Gottesglaubens. „Hat die Welt einen Architekten? Ich behaupte, ja“ – lesen wir zu Beginn seines Buches als klare Aussage vor allen folgenden Ausführungen. Er beginnt zuerst mit der Frage der Transzendenz als solcher: „Seit der menschliche Geist erwachte, trägt er das Bewusstsein über Transzendentes in sich.“ Huber weist in diesem Zusammenhang auf den vor 11.000 Jahren entstandenen Tempel in Tepe Göbleki (Türkei) hin. „Transzendenz ist der Schlüssel zu neuer Erfahrung, vielleicht sogar zu allem.“

In seiner Zeitanalyse stellt er im Blick auf die Gesellschaft fest, dass es aus seiner Sicht eine Fehleinstellung ist, die Wahrheit immer bei der Mehrheit zu suchen. Er kritisiert dies, indem er vom „Schwarm“ spricht: „Der Schwarm irrt nie. Geprägt ist die Geistigkeit der Jetztzeit von einem staatlich geförderten Konsumismus und der Meinung, die Mehrheit hätte in allen Dingen recht.“ Als besondere Gefahr sieht Huber dies in Beziehung zur Ethik. Gegenwärtig zählen „vier Wände: Geld und Gier, Macht und Mehr“ in einer „Kette von Inseln des Wohlstandes und Reichtums, die aus einem Meer des Völkerelends herausragen“.

Im Blick auf das Verhältnis von Glaube und Naturwissenschaft schreibt er grundsätzlich: „Nichtwissen ist kein Einwand gegen das Wirkliche.“ Er stellt dies am Beispiel einer Katze dar, „die die Wirklichkeit nur in der Farbe grau wahrnimmt. Niemand würde behaupten, dass es daher Farbe nicht gäbe“.

 

Quantenphysik

Quantenphysik – was ist das? Eine kurze Erklärung finden wir bei der bereits erwähnten Katharina Schmid: „Quantenphysik beschäftigt sich mit dem materiefreien Raum zwischen den Massemolekülchen. Dieser Raum ist nicht leer, sondern voller masseloser energiehaltiger Partikel und Strahlung.“ Betreffs der Quantenphysik als solcher spricht Huber davon, dass er in ihrem Bereich erkennt, „dass alle Dinge ursächlich miteinander verknüpft sind. Alles scheint mit allem unauflöslich zusammenzuhängen. Eindrücke sind letztlich nichts anderes als elektronische Signale. Unsere Sinnesorgane erkennen sie und lösen eine Kettenreaktion aus, verbunden mit dem Objekt von dem sie angesehen werden.“ Somit sind Objekt und Subjekt miteinander verbunden.

Für Huber steht fest, dass es objektive Wissenschaft nicht geben kann. Nach dem Unschärfeprinzip von Heisenberg löst sich demnach der Gegensatz Subjekt-Objekt auf: „Subjekt (Beobachter) und Objekt (Gegenstand) sind auf fundamentale Weise miteinander verknüpft.“ Im nun Folgenden geht er kurz auf Ludwig Feuerbach ein. Ihn und seinem Gottesverständnis widmet Huber einige Seiten. Im Gegensatz zu Feuerbach spricht er davon, dass wir nur über Gott nachdenken, weil wir von ihm geprägt werden: „Unsere Existenz hat einen Stempel, der unabhängig von uns existiert und dessen Abbild wir sind. Der Mensch kann die Rückseite der Wand nicht sehen. Aber sie ist da.“ Daher spricht er davon, dass die Quantenphysik keineswegs Gott beweist, jedoch klar stellt, dass jenseits unserer Gedanken mehrere eigene Welten bestehen. Huber zitiert in diesem Zusammenhang den Wissenschaftsjournalisten Manfred Lindinger: „In der Welt der Quanten ist vieles möglich, was in der Alltagswelt undenkbar ist.“ Materie und Energie z.B. sind verschränkte Energieformen. „Geht Materie in Energie über, so wird sie zeitlos.“ Aus meiner Sicht könnte sich damit auch die Frage stellen, was die Verwandlungsfähigkeit von Materie und Energie für das Verständnis des Todes bedeutet.

Auch die Themen Evolution und Kreationismus beschäftigen Huber in diesem Zusammenhang. Dazu fragt er: „Wenn nun alles eine Ursache hat … warum darf dann die Welt keinen Schöpfer haben?“ Er fährt an dieser Stelle fort: „So ist es legitim, auch jenen Weltenbaumeister zu akzeptieren, der von Anfang an ein integraler Bestandteil in dem Körper der Homo sapiens war.“ Das bedeutet, dass sich der Schöpfer „auch der evolutionären Gesetze bedienen kann, um sein biblisches Tagewerk zu vollenden“. So wird aus der Sicht von Huber die christliche Interpretation der Evolution möglich. Somit könnte die neodarwinistische Sicht mit ihrem „unversöhnlichen Kampf zwischen Glaube und Religion“ beiseitegelegt werden. Aus meiner Sicht ergibt sich jedoch Frage, ob mit dieser These tatsächlich der Konflikt zwischen Naturwissenschaft und Glaube ausgeräumt ist.

 

Epigenetik

Diesen Begriff prägte in den 1990er Jahren als erster Conrad Hal Waddington. Er bedeutet: „zu den Genen hinzugefügt.“ Waddington ging davon aus, dass die Gene im Laufe des Lebens durch Erfahrung mit geprägt werden. Dabei steuern die Gene den Körper. Verhalten und Umwelt beeinflussen wiederum die Genregulation (nach K. Schmid). Nach Huber besteht auf diese Weise ein sogenannter „formbare Code“, „der epigenetische Code“. So vergleicht Huber Gene und äußere Einflüsse mit Hardware und Software. Gene sind die Hardware, Umwelt und Erziehung sind die Software. „Diese Software ist in ihrer Verpackung veränderbar und damit durch eigene Impulse und durch Einflüsse von außen modellierbar.“ Dazu dienen die sogenannten Spiegelneuronen: „dass sich nämlich im Gehirn die Umwelt abbildet und widerspiegelt.“ Das bedeutet, „dass Emotionen, die wir bei anderen Menschen beobachten, in unserem Gehirn analog werden können. Diese Spiegelaktivität ist Teil jener neuronalen Mechanismen, die Empathie erzeugen.“

Huber spricht in diesem Zusammenhang von drei „biologischen Fenstern“. Er meint damit die Schwangerschaft, die ersten fünf Kinderjahre sowie die Pubertät. Sie prägen jenen „epigenetischen Code“, den ein Mensch mit hineinnimmt ins weitere Leben. In dieser Zeit fällt nach seiner Meinung darüber auch „der Groschen für oder gegen Transzendentes“. Anders ausgedrückt, damit entscheidet sich, ob man an einen „Weltenbaumeister“ glaubt oder nicht. Dies führt Huber zu der Schlussfolgerung“, dass Glaube und Unglaube weder von der Intelligenz noch von Argumenten abhängen, sondern „– und das ist ebenfalls meine Hypothese – epigenetisch determiniert“ sind. Mit anderen Worten: „Mitmenschen vermitteln Argumente für oder gegen Gott.“ Hierzu führt Huber praktische Beispiele an.

Aus meiner Sicht wirft die These vom epigenetischen Code zugleich auch die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der christlichen Erziehung auf. Damit gelangt Huber folglich auch zu dem Thema der Willensfreiheit. Gegen den bekannten Hirnbiologen Gerhard Roth benennt er die Gefahr der Neurowissenschaften, dass es jenseits der neuronalen Vorgänge nichts mehr zu erklären gäbe: „Wer die Willensfreiheit bestreitet, muss im Grunde das Strafrecht abschaffen.“ Den Glauben betreffend folgert er: „Letztendlich kann das nur die Barmherzigkeit Gottes schaffen. Es ist ein Geschenk, das man nicht einfordern kann, oder man besitzt es nicht.“ Dazu formuliert er das kurze Gebet: „Allmächtiger Gott, gieße deine Gnade in unsere Herzen ein.“

 

Ethik – am Beispiel Sterbehilfe

Was ethische Fragen angeht nimmt Huber kurz Stellung zum Thema Sterbehilfe. Ausgehend von negativen Entwicklungen in den Niederlanden betont er die Gefahr, „dass bei bröckelnden Sozialsystem möglicherweise die ‚Sterbehilfebestimmungen‘ der Solidargesellschaft angepasst würden – welch ein Horror“. Dazu schreibt er weiter: „Die völlige Relativierung der Solidaritätsgemeinschaft im Kleinen, also die Familie, zeigt ihre brutalen Auswüchse im Umgang mit betagten Menschen in den Alten-und Pflegeheimen.“ Der Familie misst Huber eine enorm wichtige Bedeutung zu, da sie unersetzbar sei: „Die Familie ist die größte ‚Sozialisierungsmaschine‘, die die Menschheit kennt.“ Daher weist Huber auf den grundsätzlichen Unterschied zwischen Erziehung und Betreuung von Kindern hin.

Letztlich widmet Huber sich auch der Frage der Inkarnation. Dazu bemerkt er: „Die Inkarnation wird notwendig und entpuppt sich als einziger Weg, Metaphysik mitgeteilt zu bekommen.“ Für ihn steht fest: „Gott kann sich uns nur entsprechend unserer Gehirnwindungen mitteilen. Das ist der tiefste Sinn der Inkarnation. Und damit wird der Empfangende, das Subjekt, in die Offenbarung mit einbezogen.“ In einigen Beispielen zeigt er auf, wie die Frühkirche relativ unbefangen mit Vorstellungen und Bildern ihrer damaligen Umwelt umging und sie dem Christlichen ein- und unterordnete. So schreibt er über jene Zeit, dass sie auch für uns eine erfolgreiche Lehrmeisterin sei: „Sie hatte ihre Prinzipien, denen sie treu blieb, und scheute sich aber nicht, aus der antiken Welt all das zu übernehmen, was sich bewährte, um ihm ein christliches Gewand anzuziehen. Und ähnlich wie die Frühkirche die Zeichen der Zeit zu benützen und ihrem Glauben unterzuordnen verstand, so müsste auch die Verkündigung Gottes im 21. Jahrhundert verfahren.“

M.E. bleibt für uns die Frage, ob sich der damalige relativ unbefangene Umgang der Frühkirche mit außerchristlichem Denken und Vorstellungen heute im Zeitalter der Digitalisierung – im Sinne des biblischen Glaubens – ebenso umsetzen ließe? Huber stellt dazu fest, „dass den ‚weltanschaulichen Amtsträgern‘ das Vokabular fehlt, mit denen die alten Geschichten, etwa auch der Bibel, neu interpretiert werden können“. In diesem Zusammenhang folgen einige Bemerkungen zu Paulus. Huber formuliert sein Anliegen schließlich so: „Was fehlt, ist ein eigenes, aus dem Glauben geschweißtes Bekenntnis, das durchaus provokant sein darf.“

Den Schluss dieser Ausführungen sollen Worte von Albert Einstein bilden, den Katharina Schmid am Ende ihres Buches zitiert: „Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert.“

Dietmar Bräunig


 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dietmar Bräunig, Jahrgang 1949, Gemeindepfarrer und Jugendpfarrer in der Landeskirche Sachsens, freier Autor.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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