Kasualien befinden sich im Wandel. Erwartet wird zunehmend eine individuelle Gestaltung des kirchlichen Rituals, die die Persönlichkeit der Beteiligten zur Geltung bringt. Schon in den 1980er Jahren hieß es: bei Beerdigungen das Theologische möglichst knapphalten. Heute, da christliche Grundlagen wie die Auferstehungsbotschaft nicht mehr generell geteilt werden, hat sich bei vielen Trauerfeiern der Focus deutlich auf das Leben der Verstorbenen verschoben.

 

Erzählender Raum

Die Bestattung erzählt heute in erster Linie die Geschichte des Verstorbenen, von seiner Familie, seinen Beziehungen und seinem Umfeld. Der Verstorbene ist in der Mitte des Altarraums. Früher überwiegend im Sarg. Im Sarg war der Verstorbene präsent, und er füllte den Altarraum aus. Neben Kränzen und Gestecken standen Bäumchen. Das Bild war komplett. Bei Urnentrauerfeiern bleibt viel Raum, der nach Gestaltung ruft, sodass Angehörige den Altarraum in Szene setzen. Dazu gehört das Aufstellen von Fotos, aber auch das Arrangement von Gegenständen, die das Leben des Verstorbenen illustrieren. Der Altarraum wird zum Bühnenbild. Er wird zum erzählenden Raum und tritt als solcher dem Pastor an die Seite oder ihm entgegen. Es wird entweder eine gemeinsame oder eine konträre Erzählung. Es stellen sich die Fragen: Wer erzählt wem was, und lassen sich Wort und Bild verbinden? Überlagern sich womöglich die Bilder der Rede mit dem Bild des Altarraums?

 

Beispiel Pöhlde

Die Stadt Herzberg betreibt den Friedhof in Pöhlde. Die Kapelle bietet ca. 80 Gästen Platz. Bei zahlreichen Trauerfeiern reicht der Platz bei weitem nicht aus. Einige Gäste folgen der Trauerfeier unter dem Vordach, andere stehen vor der Kapelle. Der Altarraum ist durch eine Stufe von den Besuchern getrennt. Vor dem Altarraum links steht die Orgel, dahinter befindet sich ein weiterer Raum. Er geht von dem Altarraum ab. Auf der rechten Seite befindet sich neben dem Altarraum eine Mischung aus Sakristei und Leichenhalle. Von hier aus erreicht man das Pult, das neben der Tür ganz rechts im Altarraum steht, sodass für die Gemeinde ein nahezu ungehinderter Blick auf den Altarraum möglich ist. In der letzten Zeit wähle ich den Weg durch die Kapelle und stehe so zu Beginn vor dem Altarraum und dem Verstorbenen. Kommt man aus der Sakristei, ist man sofort ein Teil des Altarraums bzw. des Altarraumbildes. Mein erster Gedanke war: wie im Schauspiel, wenn der Spieler von der Seite die Bühne betrifft. Komme ich aber durch die Kapelle, bin ich nicht sofort Bestandteil des Altarraums, sondern werde erst nach einer Wegstrecke dessen Teil.

 

Primus inter pares oder Player neben anderen?

In der kommunalen Kapelle ist der Pastor ein Gast neben anderen Pastoren, Priestern, Diakonen und weiteren Trauerrednern. Alle sind Gäste, dazu kommen die Vertreter der Vereine und Verbände, die in der Regel bei der Trauerfeier sprechen, denn in Pöhlde gibt es bei 2000 Einwohnern über 30 Vereine. So ist allein die kommunale Kapelle der gleichbleibende, vertraute Ort, an dem wahlweise der Pastor, der Priester, ein freier Redner, ein Diakon oder auch Vereinsvertreter sprechen. Die Bestatter bilden gleichsam eine Art Konstante. Der Pastor ist also ein Redner unter vielen. Er ist weder Hausherr noch Primus inter pares, sondern er deckt mit seiner Rede nur einen Teilbereich ab. Er ist zwar ein Teamplayer, doch wird kirchliche Beteiligung gewünscht, erscheint er als Gesamtverantwortlicher. Er muss die Trauerfeier koordinieren, das vielfältige Netz aller Beteiligten zusammenhalten und die Trauerfeier leiten. Der Pastor ist also Regisseur und Mitspieler, von dem erwartet wird, dass das Ritual angemessen und individuell vollzogen wird, was eine gute gegenseitige Beziehung oder gutes Einfühlungsvermögen braucht. In dem Spannungsfeld Teamplayer bei gleichzeitiger Gesamtverantwortung findet die Trauerfeier statt. Oft stehen die Angehörigen und die Trauergemeinde den Vereinsrednern näher als dem Pastor. Untereinander sind also Absprachen wichtig, um übermäßige Wiederholungen zu vermeiden. Auch das ist individuell verschieden.

 

Strohballen und Wagenrad

Wilhelm G. ist nach kurzer, schwerer Krankheit plötzlich und unerwartet verstorben. Die Krankheit schien überwunden, und er befand sich schon in der Rehabilitation. Wilhelm G. war 87 Jahre alt, verheiratet, er hatte Kinder, Schwieger- und Enkelkinder. Wie wenige Menschen hat er Pöhlde geprägt. Vieles mit aufgebaut. Er war aktiv in zahlreichen Vereinen und Verbänden, sein Tod war und ist ein großer Verlust für die Familie und das Dorf. Bis vor kurzem fuhr er noch die Kutsche beim Karneval, auch diesen Verein hat er mitgegründet und geprägt. Der Pöhlder Carneval Club (PCC) zählt ca. 260 Mitglieder. Wilhelm G. züchtete Pferde, und er hatte nicht nur ein besonderes Verhältnis zu seiner Familie, sondern auch zu den Tieren auf dem Hof. Schnell wurde deutlich, dass auf der Trauerfeier auch der Ortsbürgermeister sprechen würde, der auch Vorsitzender des PCC war. Auch weitere Redner standen im Raum. Der Ortsbürgermeister und ich haben uns darauf verständigt, dass er das öffentliche und ich das private Leben ­Wilhelm G.s darstellen sollte.

Aber nicht nur die Redner erzählten bei der Trauerfeier. Als Hauptredner erschien mir der Altarraum. Alle Reden hatten sich an ihm zu messen. Links stand ein Foto von Herrn G., lächelnd auf dem Kutschbock. Die Urne stand in der Mitte und war ein Bestandteil des sprechenden Bildes. Zum Bild gehörten u.a.: Strohballen und lockeres Stroh, ein Wagenrad etc. Der Altarraum wirkte wie ein Bühnenbild, das den Verstorbenen noch optimal präsentierte. Die Angehörigen blickten nicht nur auf die Urne, sondern auf den Focus seines Lebens. So brachten sie sich durch das Bestattungsinstitut auch optisch in die Trauerfeier ein. Mehr noch: Dieses Bild prägte die Trauerfeier, da es als Konstante während Reden, Gebet und Gesang immer stehen blieb. Es stand vor der Trauerfeier und blieb nach der Trauerfeier. Abschied wurde praktisch mit dem Bild aus dem Bild genommen. Alles, was gesungen und gesprochen wurde, musste sich an und in diesem Bild messen lassen, und sich in Nähe und Distanz zu diesem Bild ereignen. Gleichzeitig verstärkte das Bild punktuell die Ansprachen.

 

Konkurrenz oder Ergänzung?

Beides hat seine Berechtigung, denn an beiden sind die Trauernden durch die Vorgespräche mit den Bestattern und dem Pastor beteiligt. Es ist jedoch eine große Heraus­forderung, da diese Konstellation eine andere Vorbereitung erfordert. Das Trauergespräch erweitert sich um den Komplex: Gestaltung des Altarraums. Das erfordert intensivere Absprachen mit den Trauernden, den Bestattern und den weiteren Rednern mit dem Ziel, dass Altarraum und Pastor eine Einheit bilden, sich ergänzen und sich im gesprochenen Wort das Gesehene widerspiegelt, sodass eine gegenseitige Verstärkung erfolgt. Das bedeutet aber eine auch zeitlich intensivere Vorbereitung, da der Pastor vor der Trauerfeier sehen muss, was der Raum tatsächlich erzählt, um diesen Raum für die Gemeinde und für sich zu erschließen bzw. sich und den Raum zu integrieren.

 

Fazit

Der Wandel der Bestattungskultur zeigt sich nicht nur in den zunehmenden Urnentrauerfeiern. Er hat dadurch bedingt deutliche Auswirkungen auf die Trauerfeier selbst. Bei dieser Entwicklung gleicht sie einer Inszenierung, die immer komplexer wird, und vom Pastor neben der Rolle des Seelsorgers auch die des Regisseurs erfordert.

 

Andreas Schmidt

 

(Die Fotos wurden freundlicherweise von Amm Bestattungen zur Verfügung gestellt.)


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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