Eine wichtige Frage, die sich uns stellt, wann immer wir uns Gedanken über Kirche, Glauben und Theologie machen und besonders in der heutigen Welt, die von rechnerischen, geschichtlichen und rechtlichen Maßnahmen dominiert ist, ist die Frage, ob Glaube und Theologie mit Vernunft und Wissenschaft kompatibel sind. Diese Frage ist auf keinen Fall eine neue Frage. Im Laufe der Geschichte des menschlichen Denkens und der christlichen Theologie haben viele Theologen genau diese Frage gestellt, nämlich, wie stehen Glaube und Vernunft zueinander und sie haben dafür auch Antworten gegeben.

Die angegebenen Antworten variieren zwischen zwei verschiedenen Haltungen zu dieser Frage, und natürlich können weitere Standpunkte zwischen diesen beiden Ansätzen verfolgt werden. Auf der einen Seite dieser Haltungen haben unterschiedliche theologische Strömungen das Zusammenkommen von Theologie und Wissenschaft (und Philosophie) ängstlich zurückgewiesen. Sie forderten ein wortwörtliches Lesen der Heiligen Schrift, anstatt mithilfe der historisch-kritischen Methoden die Texte zu verstehen. Demnach förderten sie eine verschlossene Haltung und ein klar bestimmtes Bild von Gott und Glaube, welches sich für die Welt und für Andere nicht zu öffnen wagt.

Auf der anderen Seite wurde die Anstrengung unternommen, Gott durch metaphysische Theorien und Begründungen, nämlich durch natürliche Quellen – insbesondere die menschliche Vernunft – verständlich und beweisbar zu machen. Die Bemühungen des bekanntesten katholischen Theologen des Mittelalters, Thomas von Aquin, eine Synthese von Philosophie und Theologie zu ermöglichen, ist ein Beispiel für diese Strömung. Dieses Verlangen nach einer rationalen Begründung der Existenz Gottes wurde durch die philosophisch-theologischen Denkmodelle der Aufklärung erneuert. Im 20. Jahrhundert hat der evangelische Theologe Wolfhart Pannenberg auch Hinweise für die Existenz Gottes in den historisch-natürlichen Erfahrungen des Menschen gesucht. Er hat betont, dass die christliche Wahrheit geschichtlich ausgedrückt und übergetragen ist und, dass Theologie „Wissenschaft von Gott“ sei. Daher soll das Fach „Theologie“, basierend auf menschlicher Vernunft, in der Lage sein, den christlichen Glauben pur akademisch in rationalen Begriffen darzustellen. Diese Behauptung, dass alle Erkenntnisse durch die Vernunft möglich sind und die sich daraus ergebende Tendenz, Gott mit der Vernunft erklärbar zu machen, wurde schon vor Pannenberg von Immanuel Kant kritisiert. Dessen Kritik diente als Wendepunkt in der Geschichte des menschlichen Denkens, da er Gott und Glaube außer­halb der Grenzen der bloßen Vernunft legte.

 

Gott ist kein Gegenstand wissenschaftlichen Denkens

Heute, wenn wir über die Frage, ob Glaube und Theologie mit Vernunft und Wissenschaft kompatibel sind, selbst nachdenken, sollte uns eins klar sein: Jede Behauptung, dass Theologie pur akademisch und in rational-vernünftigen Begriffen expliziert werden kann, ist eine Beschränkung der Theologie selbst. Das ist so, weil der Gegenstand der Theologie, dogmatisch/wissenschaftlich gesehen, Gott selbst ist. Gott ist aber nicht durch menschlich-sachliche Begriffe, Konzeptionen und Vorstellungen begreifbar und Gottes Existenz kann nicht durch Beweise und Argumentationen geprüft und bestätigt werden. Gott ist nicht das Objekt des menschlichen Wissens. Vielmehr ist Gott jenseits des menschlichen Denkens und der menschlichen Vorstellungen. Theologie, griechisch theologia (übersetzt bedeutet es „Rede von Gott“), ist eigentlich die Rede von den menschlichen Erfahrungen und Vorstellungen Gottes.

Eine pur wissenschaftliche Vorstellung von Gott gibt es nicht und kann es nicht geben. In diesem Sinne unterscheidet sich Theologie von der Religionswissenschaft, die sachlich eine Religion oder mehrere Religionen beschreibt und untersucht. Im Gegensatz dazu verliert Theologie ohne persönliches Engagement und innerliche Neigung an Bedeutung. In diesem Sinne ist Theologie immer mit Glauben, Gebet, Vertrauen, Freiheit und Frieden verbunden. Der Theologe ist derjenige, der glaubt, betet, vertraut, hofft auf und lebt für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden. Und diese sind Gefühle und innerliche Bestrebungen, die man im Herzen erfährt, so ähnlich wie Schleiermacher die Religion als das „Gefühl absoluter Abhängigkeit“ beschrieben hat, eine Abhängigkeit, die man mit „wissenschaftlichen“ Worten nicht bezeichnen kann.

 

Theologie ohne Wissenschaft?

Wann immer Theologie sich mit menschlichen Theorien und Behauptungen zufrieden gibt, steht sie vor der Gefahr, von menschlichen Tendenzen, Anweisungen, Vorurteilen und menschlicher Parteilichkeit beeinflusst und dominiert zu werden. Das bedeutet aber nicht, dass Theologie der Wissenschaft widerspricht, und dass wir die wissenschaftlichen Theorien und Ergebnisse ängstlich zurückweisen müssten. Theologie kann sich gegen die Wissenschaft nicht positionieren, sonst wird sie, in diesem Fall, das Opfer von Aberglauben und Legenden sein, und das ist Theologie nicht. Daher ist natürlich eine theologisch-wissenschaftliche Anstrengung gerechtfertigt, solange sie sich gegen Unklarheit, Fälschungen und unkritisch akzeptierte Ansichten bemüht und Klarheit in die Dunkelheit bringt, nämlich klares Denken anfordert.

Wissenschaft und Vernunft sind für Theologie wie ein Stamm für einen Baum. Ohne diese verbreitet sich die Theologie nicht. Die Wurzel und die Krone des Baumes, nämlich Theologie, verdanken sich in ihrer Existenz aber weder der Wissenschaft noch der Vernunft, da sie unerforschlich sind. Diese gehören den Geheimnissen des Lebens und des Todes, des Menschen und des Gottes und sind den Menschen nur in seinen tieferen Wurzeln, im Herzen, gegeben. Daher ist Theologie mehr als eine reine Wissenschaft. Es ist richtig, dass Theologie, wie ein Baum, ohne den Stamm es nicht schaffen würde, sich gegen die Winde von den rechten Seiten, die in sich verschlossen sind, und den linken Seiten, die sich im rechtlich-wissenschaftlichen System einsperren, aufrecht zu halten. Wenn der Baum aber aufrecht mit den Wurzeln aus der Erde steigt, werden die Zweige und die Äste in vollständiger Freiheit sich in alle Richtungen – links und rechts – ohne Angst oder Furcht bewegen.

Heute sind Kirche und Theologie herausgefordert, sich durch Wissenschaft und Vernunft nicht einschränken zu lassen. Dieser begrenzte Weg bietet der Theologie und der Kirche keine Zukunft an, da Wissenschaft die Theologie eigentlich nicht braucht. Theologie und Kirche aber sind und werden für immer ein notwendiges Bedürfnis für den Menschen sein, da der Mensch, wie ein Baum, seine Wurzeln und Krone hat, und nur durch diese kann er aus der Erde zum Himmel steigen, blühen und Früchte tragen.

Sylvie Avakian


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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