In den beiden Landeskirchen in der Pfalz und in Hessen-Nassau hat es einen interkulturellen Lektorenkurs gegeben. Er sollte Menschen mit Migrationshintergrund ermöglichen, sich in evangelischen Kirchen in Deutschland leichter heimisch zu fühlen und auch am Verkündigungsdienst teilzunehmen. Thomas Borchers, Joachim Bundschuh, Arne Dembek und Florian Gärtner berichten über ein Experiment mit offenem Ausgang.

 

1. Planungsphase

1.1 Motivationen und Fragestellungen

Warum ein interkultureller Lektor*innenkurs? Warum gestaltet man eine bewährte Ausbildung für ein kirchliches Amt nun in interkultureller Ausrichtung – speziell für Menschen, die als Migrantinnen und Migranten nach Deutschland gekommen sind? Die Antworten auf diese Frage sind vielfältig. Im Hintergrund steht die Wahrnehmung, dass Migration eines der maßgeblichen Phänomene unserer Gesellschaft ist und damit auch für Volkskirchen wichtig, die sich dieser Gesellschaft verpflichtet fühlen. Migration ist kein neues Phänomen, allerdings ist die Wahrnehmung der Relevanz von Migration und der Bedeutung von Integration für die Kirche noch verhältnismäßig neu. Zwei Entwicklungen sind hier in den letzten Jahren entscheidend gewesen: erstens die Wahrnehmung christlicher Migrationsgemeinden als Geschwister im Glauben und zweitens die Konversionen von Geflüchteten, vor allem aus persisch-sprachigen Ländern, die an manchen Orten zu einer Veränderung der Kirchengemeinden geführt haben.

Christliche Migrationsgemeinden

In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind Migrationsgemeinden von Christenmenschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und christlichen Traditionen zurecht stärker in den Fokus der Landeskirchen gerückt. Durch räumliche Nachbarschaft in landeskirchlichen Gemeindezentren und Kirchen, durch Weiterbildungsangebote für Gemeindeleiterinnen und -leiter aus „internationalen Gemeinden“, durch die Arbeit in internationalen Konventen und teilweise auch durch die Integration von Migrationsgemeinden in landeskirchliche Strukturen, gibt es bereits eine große Zahl an Berührungspunkten. Auch „Dependancen“ von internationalen Partnerkirchen, mit denen unsere Landeskirchen zum Teil seit Jahrzehnten eng verbunden sind, stellen die Frage nach ökumenischem Lernen und ökumenischem Miteinander neu.

So ist es nicht verwunderlich, dass von Seiten der Gemeinden anderer Sprache und Herkunft auch immer wieder nachgefragt wird, warum es nicht möglich ist, dass die Pastorinnen und Pastoren der internationalen Gemeinden auch in der Landeskirche Gottesdienste feiern dürfen. Man versteht sich selbst als Teil der evangelischen Kirche und ist dies faktisch auch oft, denn man gehört zusätzlich zu seiner eigenen Gemeinde oft auch einer landeskirchlichen Gemeinde an und bekommt von Seiten der Landeskirche auch gespiegelt, dass es eine große Verbundenheit gibt und die Kontakte intensiviert werden sollen.

Zugleich ist jedoch der Zugang zum Predigtamt mit hohen Auflagen verbunden (Theologiestudium und Vikariat oder Lektoren- bzw. Prädikantinnenausbildung). Dabei werden gerade das Schriftstudium und die Predigt in den meisten Gemeinden anderer Sprache und Herkunft als Zentrum des christlichen Glaubens und des Gottesdienstes verstanden. Und zwar als eine Aufgabe für alle Mitglieder und besonders der Gemeindeleitung, sodass die bei uns notwendigen Zusatzausbildungen und Qualifikationen für den Verkündigungsdienst nicht bei allen Gemeinden anderer Sprache und Herkunft aus sich heraus plausibel erscheinen. Der Wunsch zum gegenseitigen Besuch der Gottesdienste mit der selbstverständlichen Möglichkeit der Predigt ist groß.

Konkrete Anfragen von Pastorinnen und Pastoren aus Migrationsgemeinden, wie sie denn auch in der Landeskirche predigen und Gottesdienste feiern können, waren daher auch ein Anlass zur Planung des Interkulturellen Lektor*innenkurses.

Konversion Geflüchteter

Die große Zahl an Täuflingen aus den Ländern Iran und Afghanistan in den letzten 5-6 Jahren hat zahlreiche Kirchengemeinden vor neue Herausforderungen gestellt. Viele dieser Konvertierten besuchen in unseren Kirchengemeinden regelmäßig Gottesdienste und Gemeindeveranstaltungen und bemühen sich so, ihre Kenntnisse des christlichen Glaubens zu vertiefen und Teil unserer Gemeinden zu werden. Dies ist aufgrund der dafür notwendigen Sprachkenntnisse, der kulturellen Unterschiede etc. ein langwieriger und manchmal auch mühsamer Prozess.

Für viele Kirchengemeinden ist die Gegenwart von Menschen mit einem anderen kulturellen Hintergrund eine bereichernde, aber ebenso herausfordernde Erfahrung. Sie sind bemüht, die Neu-Dazugekommenen in ihrer Mitte aufzunehmen und ihnen den christlichen Glauben nahezubringen und sie in das Glaubensleben der Gemeinde zu integrieren. Aber auch hier machen die Sprachbarriere und die unterschiedlichen kulturellen Prägungen das Miteinander spannend und bisweilen auch spannungsreich.

Was fehlt, sind Menschen, die als Vermittler zwischen alten und neuen Gemeindemitgliedern auftreten und das Miteinander für beide Seiten erleichtern können. Die Erfahrung zeigt: Wo es in Gemeinden Personen gibt, die schon länger „angekommen“ sind, die sich schon intensiver mit dem christlichen Glauben auseinandersetzen konnten und deren Deutschkenntnisse bereits gut sind – dort gelingt auch die Integration von Menschen aus anderen Kontexten deutlich besser. Denn hier ist es z.B. möglich, spezielle Angebote für Migrantinnen und Migranten in ihrer Muttersprache zu machen – nicht als Ersatz für die Teilnahme an den regulären Gottesdiensten und Veranstaltungen der Gemeinde, wohl aber als klares Zeichen an die neuen Gemeindemitglieder, das sagt: Ihr habt hier bei uns Orte und Zeiten, in denen ihr euren neuen Glauben auch in eurer Muttersprache leben, diskutieren und feiern könnt.

Dass Geflüchtete solche Angebote wahrnehmen und schätzen, zeigt der große Erfolg von persisch-sprachigen Gottesdiensten in charismatischen Gemeinden, in denen aber gerade oft Prediger ohne Ausbildung im Verkündigungsdienst tätig sind.

Die Anfragen aus Kirchengemeinden mit einem hohen Anteil an Christinnen und Christen persischer Herkunft, die gerne eine Beauftragung zur Feier von persisch-sprachigen Gottesdiensten haben wollten, war ein weiterer Anlass zur Konzeption des Interkulturellen Lektor*innenkurses. Ein Interkultureller Lektor*innenkurses bietet die Möglichkeit, Menschen aus anderen Kulturen dazu zu befähigen, in unserer Kirche eine Mittlerfunktion zwischen den Kulturen und christlichen Traditionen einzunehmen.

Das Lektorenamt will Menschen aus der „Mitte der Gemeinde“ dazu befähigen, Gottesdienste zu halten. Im Sinne eines Priestertums aller Getauften sollen hier Menschen zu Wort kommen, deren Zugang gerade nicht der über ein wissenschaftliches Studium und eine praktisch-theologische Ausbildung ist. Für die Kirche in ­einer „Migrationsgesellschaft“ ist es darum ein großer Gewinn, wenn auch Menschen mit Migrationserfahrungen in den Gottesdiensten eine gestaltende Rolle spielen können. Wo so jemand in einer landeskirchlichen Gemeinde einen Gottesdienst als Lektor oder Lektorin leitet, wird sichtbar, dass die Kirche Jesu Christi größer und vielfältiger ist, als es unser landeskirchliches Spektrum häufig abbildet.

Dass Menschen mit Migrationshintergrund ein Theologiestudium und Vikariat in einer Landeskirche absolvieren, ist zwar ein wünschenswertes Ziel, angesichts der momentanen Notwendigkeit erscheint jedoch die zeitlich deutlich kürzere Lektor*innenausbildung ein probates Mittel zu sein, um ein interkulturelles Leben in den Kirchengemeinden zeitnah zu unterstützen. Außerdem können hier projekthaft und exemplarisch konkrete Erfahrungen gemacht werden, wie solch ein interkulturelles Lernen in Bezug auf das Predigtamt möglich und sinnvoll ist.

Ein interkultureller Kurs bietet Menschen, die neu zum christlichen Glauben gefunden haben oder bereits in Gemeinden anderer Sprache und Herkunft aktiv sind, die Chance, unsere Landeskirchen mit ihrem gottesdienstlichen Leben, ihren theologischen Prägungen und Frömmigkeitsformen näher kennenzulernen und so zu Brückenbauern zwischen den „christlichen Kulturen“ zu werden. Auf diesem Gebiet sind zwar in den EKD-Kirchen in den letzten Jahren verschiedene Fort- und Weiterbildungsangebote erarbeitet worden, mit unterschiedlichem Charakter und Erfolg. Ein praktischer Ansatz bei der Ausbildung zum Verkündigungsdienst in der Gemeinde fehlt bisher allerdings. Hier konnten unsere Landeskirchen eine Vorreiterrolle einnehmen.

1.2 Vorgehensweise

Die Idee zur Interkulturellen Lektor*innenausbildung entstand im Grunde genommen zeitgleich in der Evang. Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) (EKP) und der Evang. Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Eine gemeinsame Durchführung erschien schnell als sinnvoll, da es in beiden Landeskirchen ein Lektorenamt mit einer ähnlich aufgebauten Ausbildung gibt. Es wurde verabredet, dass die Ausbildung federführend von pfälzischer Seite gestaltet wird, wobei der Beauftragte für Gemeinden anderer Sprache und Herkunft der EKHN die hessische Landeskirche repräsentieren sollte.

Mit Planung und Durchführung des Kurses wurden beauftragt: Pfarrer Thomas Borchers, Landeskirchenrat und Missionarisch-Ökumenischer Dienst (MÖD), EKP, Pfarrer Joachim Bundschuh, Beauftragter für Gemeinden anderer Sprache und Herkunft, Zentrum Ökumene der EKHN und der EKKW, Pfarrer Dr. Arne Dembek, Beauftragter für Christen anderer Sprache und Herkunft, EKP, Pfarrer Florian Gärtner, Pfarramt für Weltmission und Ökumene, MÖD, EKP.

Das Angebot des Interkulturellen Lektor*innenkurses wurde durch Pfarrer Bundschuh und Pfarrer Dembek in den Landeskirchen bekannt gemacht. Für diese Zwecke wurde ein Flyer mit Anmeldebogen verwendet. Darin wurde neben den Terminen und Kursinhalten auch kommuniziert, dass Voraussetzung zur Teilnahme die Mitgliedschaft in der Landeskirche sowie ausreichend gute Deutschkenntnisse sind. Außerdem wurde auf das obligatorische Gespräch mit dem/der zuständigen Dekan/Dekanin hingewiesen.

In der EKP wurden alle Dekan*innen angeschrieben, mit der Bitte, nach geeigneten Kandidatinnen und Kandidaten Ausschau zu halten. In der EKHN wurden alle Dekan*innen über das Zentrum Verkündigung darüber informiert, dass ein Interkultureller Lektor*innenkurs geplant ist und Interessierte wegen einer Empfehlung für diese Ausbildung auf sie zukommen würden. Zusätzlich haben beide Beauftragten ihre Kontakte in die Migrationsgemeinden bzw. in die persischsprachige „Community“ genutzt, um Menschen auf die Ausbildung aufmerksam zu machen. Es hat sich gezeigt, dass diese Form der Werbung über den persönlichen Kontakt oft besser funktioniert hat.

1.3 Erwartungshaltungen

Für das Ausbildungsteam war die Planung des Interkulturellen Lektor*innenkurses Neuland, da die Voraussetzungen der Teilnehmenden sich voraussichtlich von denen bisheriger Kurse unterscheiden würden:

– Die Heterogenität der Gruppe würde deutlich größer sein als in regulären Lektor*innenkursen.

– Die Vorkenntnisse über den evangelischen Gottesdienst und über Aufbau und Struktur der Landeskirchen würden voraussichtlich geringer sein.

– Die unterschiedlich guten Deutschkenntnisse könnten sich als problematisch erweisen.

– Unterschiedliche christliche Prägungen könnten die Zusammenarbeit in der Gruppe vor besondere Herausforderungen stellen. Insbesondere gab es die Frage, inwieweit eine charismatische Prägung, die in vielen Gemeinden anderer Sprache und Herkunft anzutreffen ist, sich hier als problematisch erweisen könnte.

– Das Zusammentreffen von Menschen aus Gemeinden anderer Sprache und Herkunft und neu zum christlichen Glauben Gekommenen, deren christliche Sozialisation erst vor kurzer Zeit begonnen und sich i.d.R. auf eine landeskirchliche Kirchengemeinde beschränkt hat, könnte eine weitere Herausforderung darstellen.

1.4. Aufbau des Kurses und implizite Entscheidungen

Für Aufbau und Inhalt des Kurses waren die jeweiligen Curricula der beiden Landeskirchen entscheidend. Zugleich sollte jedoch der besondere Charakter der Gruppe Berücksichtigung finden. Die Vermutung lag nahe, dass die unterschiedlichen Lehrinhalte des Curriculums nicht nur methodisch anders aufzubereiten wären, sondern auch die Vorkenntnisse und Vorannahmen nochmal eine deutlich breitere Spreizung haben würden, wie das Beispiel des Themas „Beten“ zeigt: Als Gemeindegebet im landeskirchlichen Gottesdienst, versucht das stellvertretende Gebet mit einer hohen Sensibilität für Sprache und Form die „Mitbetbarkeit“ durch die Gemeinde zu ermöglichen. Das persönliche Gebet, das in vielen Gemeinden anderer Sprache und Herkunft in Form vieler gleichzeitiger lauter Einzelgebete oder als Gebet der auf den Vorbeter antwortenden Gemeinde praktiziert wird, stellt eine andere Form dar. Beide Erfahrungswelten sollen im Kurs als Reichtum verstanden und berücksichtigt werden.

In beiden Landeskirchen ist die Lektorenausbildung eine „duale Ausbildung“, in der die Seminareinheiten und die Ausbildung vor Ort durch eine/n Mentor/in verknüpft werden und so unmittelbare Umsetzung von Theorie und Praxis ermöglichen sollen. Daher ist der enge Austausch mit den Mentor*innen wichtig. Zwei gemeinsame Studientage (einer in Speyer, einer in Frankfurt) mit den Mentor*innen zu Beginn der Ausbildung sollten dazu dienen, sich dem Themenfeld „Interkulturalität und Diversität“ zu nähern und die Kriterien der Ausbildung nahezubringen.

Hier der Aufbau des Kurses in der Übersicht:


Wochenendseminar: Grundlagen der Liturgie
¬ Kennenlernen
¬ Rollenverständnis
¬ Kirchenjahr/Dogmatik
¬ Musik im Gottesdienst/EG
¬ Liturgie/Liturgische Stücke
¬ Ordinarium und Proprium
¬ Vorstellung Landeskirchen und Rolle und Aufgabe der Lektor*innen
¬ Gemeinsamer Gottesdienst

Studientag mit den Mentor*innen in Speyer und Frankfurt
Themen: Interkulturalität und Diversität, Erfahrungen im Mentorat, Inhalte der Ausbildung, Kriterien der Gottesdienst- und Predigtbewertung

Studientag: Bibel
¬ Bibelverständnis, Hermeneutik
¬ Sprache/Kommunikation
¬ Bibel im Gottesdienst

Studientag: Predigt 
¬ Predigt als Verkündigung
¬ Homiletisches Dreieck
¬ Aneignung von Predigten
¬ Predigtfeedback

Studientag: Praxiswerkstatt
¬ Liturgische Präsenz
¬ Predigt-Performance

Studientag: Gebet

Wochenendseminar: Interkulturalität

 

1.5 Teilnehmende

Mit 16 Personen (6 aus der EKP, 10 aus der EKHN) war die Teilnehmendenzahl größer als erwartet. 5 der Teilnehmenden waren Frauen; 9 stammten aus dem Iran, zwei aus Nigeria, zwei aus Südkorea und jeweils eine Person aus Ägypten, Rumänien und Eritrea. In der Gruppe der iranisch-stämmigen Personen war der Anteil derer, die erst seit kürzerer Zeit in Deutschland sind, am höchsten. Die meisten der anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren schon seit mehr als zehn Jahren hier. 6 Personen sind bereits in ihren Migrationsgemeinden und z.T. auch in evangelischen Freikirchen als Pastoren oder in der Gemeindeleitung aktiv.

Gemeinsam war ihnen der Wunsch, auch in landeskirchlichen Gemeinden in der Verkündigung tätig werden zu können. Eine Teilnehmerin hat aus privaten Gründen die Ausbildung nach dem 1. Kurswochenende abgebrochen, ein weiterer Teilnehmer hat am Abschlusswochenende nicht mehr teilgenommen und danach, ohne Angabe genauerer Gründe, erklärt, er wolle die Ausbildung nicht beenden.

 

2. Erfahrungen und Erkenntnisse

Im Laufe des Abschlussmoduls traten die Herausforderungen, denen sich die Teilnehmenden gegenübersahen, deutlich zutage. Gerade die manchmal nicht so ausgebauten Sprachkenntnisse stellten bei vielen Teilnehmenden eine große Hürde für den Dienst als Lektorin oder Lektor dar. So manches Mal war schon das Verstehen der Texte eine große Herausforderung – einmal ganz abgesehen davon, dass diese dann auch noch der Person entsprechend verändert und vorgetragen werden müssen. Hier war mehr Hilfe nötig, als wir das im Blick hatten. Dabei wurde überdeutlich, dass die Praktikumsphasen viel zu kurz waren.

Auch die Vielzahl der Möglichkeiten, die die Gestaltung eines Lesegottesdienstes mit sich bringen, wurden von vielen Teilnehmenden als große Schwierigkeit wahrgenommen, die eher verwirrt als befreit. Hatten wir anfangs noch eher die Bedenken, dass das recht straffe liturgische Korsett der landeskirchlichen Gottesdienste als Beschränkung und Einengung empfunden werden könnte, so müssen wir feststellen, dass dies bei einem Gottesdienst in der deutschen Sprache als große Hilfe angesehen wird.

Schön war, dass auch beim Abschlussmodul die Atmosphäre unter den Teilnehmenden ausgesprochen gut war. Hier setzte sich fort, was schon während der gesamten Ausbildung zu beobachten war: Die Unterschiedlichkeiten der Traditionen, Prägungen und Sprachen waren keine die Gruppe spaltenden Momente, sondern wurden eher als gegenseitige Bereicherung angesehen. Es wurde einander und der landeskirchlichen Tradition stets großer Respekt entgegengebracht. Begeisternd wirkte auch die große Motivation, die die Einzelnen mitbrachten: Sie waren bereit, große Mühen auf sich zu nehmen, um das Amt des Lektors/der Lektorin ausüben zu können.

Insgesamt bleibt zu fragen, ob und wie neben oder in dem Amt des Lektors/der Lektorin in einer deutschsprachigen landeskirchlichen Gemeinde auch das Amt eines Lektors/einer Lektorin besonders in der persischsprachigen Gemeinschaft innerhalb der Landeskirche ausgeübt werden kann, bei dem die Gebete und die Predigt zwar in landeskirchlicher Tradition, aber in persischer Sprache gehalten werden können. Hier warten noch Aufgaben auf uns und auf die Landeskirchen.

 

3. Fazit und Ausblick

Der Interkulturelle Lektor*innenkurs war ein Experiment mit einem offenen Ausgang, sowohl für die Teilnehmenden, als auch für das Ausbilderteam und die beiden beteiligten Landeskirchen. Die Rückmeldung der Teilnehmenden zu dem, was ihnen der Kurs gebracht hat, war durchgehend positiv. Bei nahezu allen hatte der Kurs etwas verändert – in ihren persönlichen Kompetenzen, in ihrem Verhältnis zu den Landeskirchen und in ihrem Selbstverständnis. Eine komplementäre Lernerfahrung ließ sich auch im Ausbilderteam feststellen. Auch hier war – gerade nach dem gemeinsamen Abschlussgottesdienst – das Gefühl vorherrschend: „Hier ist etwas gelungen!“ Über dieses (nicht unwichtige) emotionale Feedback hinaus lässt sich mit Blick auf die selbstgesetzten Ziele Folgendes feststellen:

3.1 Teilnehmende

Der Interkulturelle Lektor*innenkurs hat tatsächlich einen Beitrag dazu geleistet, Menschen aus anderen Kulturen dazu zu befähigen, in unserer Kirche eine Mittlerfunktion zwischen den Kulturen und christlichen Traditionen einzunehmen. Er hat erfolgreich Kompetenzen dafür vermittelt, „Brückenbauer“ zwischen den (christlichen) „Kulturen“ zu werden. Darüber hinaus hat er Menschen, die in unserer Migrationsgesellschaft vielfach Ablehnung und Ausgrenzung erleben, deutlich gemacht, dass die Landeskirchen den Kontakt mit ihnen suchen und sie willkommen heißen.

Mit Blick auf das Ziel der Ausbildung, die Ausübung des Amtes eines Lektors/einer Lektorin, hat sich gezeigt, dass nicht alle Teilnehmenden mit Abschluss des Kurses schon die Befähigung erlangt haben, in den Dienst als Lektor oder Lektorin berufen zu werden. Von den sechs Teilnehmenden aus der EKP konnte einer als Lektor berufen werden. Aus dem Kreis der Teilnehmenden aus der EKHN sind es zwei. Die anderen Kursteilnehmer*innen benötigen auch über den Ausbildungszeitraum hinaus noch auf unbestimmte Zeit die Unterstützung ihrer Mentor*innen bzw. des Ausbilderteams. Der Grund dafür liegt nicht in einer mangelhaften Aneignung der im Kurs vermittelten Inhalte, sondern allein in der sprachlichen Kompetenz. Der Dienst eines Lektors oder einer Lektorin ist in großem Maße sprachbezogen. Ohne die gute Beherrschung der deutschen Sprache ist die Aneignung von Predigten, das Formulieren von Gebeten und der überzeugende Vortrag im Gottesdienst nicht möglich. Zugleich ist es aber auch Gemeinden zumutbar, wenn Liturg*innen nicht auf muttersprachlichem Niveau mit ihnen Gottesdienste feiern.

Für einige Kursteilnehmer*innen war es aber auch nach Abschluss des Kurses nach wie vor schwierig, sich Lesepredigten sprachlich zu erschließen und sie im Gottesdienst vorzutragen. Ihnen wurde in unserem Kurs sprachlich mehr abverlangt, als in der Kürze der Zeit zu leisten gewesen ist.

3.2 Ausbilderteam

Von Seiten des Ausbilderteams ist als Fazit festzuhalten, dass für Planung und Durchführung des Kurses ein höherer Aufwand an zeitlichen Ressourcen nötig war, als bei der regulären Lektor*innenausbildung. Grund dafür war die Heterogenität der Ausbildungsgruppe, die die Arbeit zugleich aber auch so interessant und bereichernd gemacht hat.

Eine Lernerfahrung aus dem Kurs ist daher auch, dass ein solches Projekt nicht zusätzlich zu den regulären Aufgaben der Ausbilder durchgeführt werden kann („on top“), sondern von Vorneherein ein größerer Aufwand an Ressourcen in Vorbereitung und Durchführung eingeplant werden sollte.

Die Herausforderungen in der Vermittlung einer teilweise fremden kirchlichen Kultur in einer Sprache, die nicht die Muttersprache der Teilnehmenden ist, brauchen möglicherweise auch mehr Zeit, als in diesem Kurs vorhanden war. Eine längere Dauer und intensivere Form der Ausbildung mit speziell auf die Zielgruppe ausgerichteten Studientagen (z.B. Thema „Landeskirche“, Thema „Sprechtraining“) wären überlegenswert.

Auch die Ausbildung und Begleitung durch die Mentor*innen in den Gemeinden gestaltete sich unterschiedlich gut. Hier hätte es von Seiten des Ausbilderteams stellenweise noch Optimierungsbedarf bei der Betreuung der Mentor*innen gegeben.

Die Zusammenarbeit zwischen den Landeskirchen verlief gut. Allerdings wäre zukünftig ein ausgewogeneres Verhältnis im Ausbilderteam wünschenswert: Die EKP war mit drei Ausbildern vertreten, die EKHN mit einer Person. Außerdem war keine Frau dabei. Bei der inhaltlichen Vorbereitung wäre genauer darauf zu achten, die verschiedenen liturgischen Traditionen der beiden Landeskirchen so zur Geltung kommen zu lassen, dass die Teilnehmenden durch diese Unterschiede im Detail nicht irritiert werden.

Auch die Unterschiede in der Organisation der Lektor*­innenausbildung (Verortung der Ausbildung in den Dekanaten – Verortung bei der Landeskirche, Mentorat in der Heimatgemeinde der Teilnehmenden – Mentorat in einer Gemeinde des Dekanats etc.) war stellenweise eine Herausforderung. Der Umgang mit den „kulturellen“ Unterschieden zwischen zwei Landeskirchen war somit – für Teilnehmende und Ausbilder gleichermaßen – ein Lernfeld des Kurses.

3.3 Ausblick

Die Erfahrungen des Interkulturellen Lektor*innenkurs haben deutlich gemacht, wie gewinnbringend und bereichernd eine interkulturelle Öffnung für Landeskirchen sein kann. Menschen aus anderen Kulturen, die hier leben, sind an „unserer“ Form von Gottesdienst, Theologie und kirchlichem Leben interessiert. Sie sehen darin keinen Gegensatz zu ihren eigenen Traditionen, sondern sind vielmehr bereit, beides miteinander zu verbinden. Das Interesse, mehr über „uns“ zu erfahren, ist groß. Die Verbundenheit im Glauben wird stärker erlebt als Trennendes in den jeweiligen theologischen Prägungen oder im Glaubensleben. Wo wir Menschen mit Migrationsgeschichte in unseren Landeskirchen den Raum geben „vorzukommen“, werden wir mindestens im gleichen Maße davon profitieren wie sie. Das hat das Experiment „Interkultureller Lektor*innenkurs“ klar gezeigt.

Zu der Frage, ob aus diesem Experiment eine dauerhafte Einrichtung werden soll, sind zwei unterschiedliche Wege vorstellbar. Beiden zugrunde liegt die Einsicht, dass die sprachliche Kompetenz eine noch zentralere Rolle bei der Auswahl der Teilnehmenden spielen muss. Künftig sollten nur Menschen an einer Lektor*innenausbildung teilnehmen, die unsere Sprache so gut beherrschen, dass ihnen auch das Formulieren gottesdienstlicher Texte und die Aneignung einer Lesepredigt ohne größere Schwierigkeiten möglich ist.

Der Lektor*innenkurs könnte (mit den oben skizzierten Änderungen) in modifizierter Form als Angebot für Menschen mit Migrationsgeschichte neu aufgelegt werden. Für dieses Vorgehen spricht, dass das Angebot eines speziellen interkulturellen Lektor*innenkurses besonders niedrigschwellig ist. Auch wenn die „Sprachbarriere“ bei Teilnehmenden mit guten Deutschkenntnissen nicht mehr so hoch wäre, bliebe doch die „kulturelle Barriere“, weil oft die Erfahrungen mit landeskirchlichen Kontexten fehlen. Menschen mit Migrationsgeschichte erhielten so die Möglichkeit zur gemeinsamen Arbeit mit anderen, die ähnliche Erfahrungen und Zugänge haben („Peergroup“). Gerade die Herausforderung des Rollenwechsels, die den Teilnehmenden abverlangt wird (im Alltag Empfangende der Expertise der Einheimischen zu sein und nun als gottesdienstliche Experten Gebende zu werden) kann gemeinsam einfacher bewältigt werden. Die Hemmschwelle, als Einzelperson an einem regulären landeskirchlichen Angebot teilnehmen zu müssen, um Lektor*in zu werden, würde so umgangen.

Die reguläre Lektor*innenausbildung könnte um interkulturelle Elemente ergänzt werden, um auch für Menschen mit Migrationshintergrund attraktiv zu werden. Dies würde eine interkulturelle Begegnung von Menschen mit und ohne Migrationsgeschichte, die ja eigentlich Zielpunkt der Bemühungen um Integration ist, auch in den Kurseinheiten ermöglichen. Voraussetzung wäre, dass in der regulären Ausbildung genügend Raum und Zeit vorhanden ist, damit Menschen aus anderen Kulturen und christlichen Traditionen dort zu ihrem Recht kommen und sich nicht als „Außenseiter“ und „Exoten“ fühlen, also hier nicht die gleichen Erfahrungen machen, wie an anderen Stellen unserer Gesellschaft. Um das zu vermeiden, müssten gemeinsam neue Räume eröffnet werden (ein sog. „dritter Raum“).

Möglicherweise sind auch beide Modelle es wert ausprobiert zu werden. Die interkulturelle Öffnung der Landeskirchen ist ein Prozess, der gerade erst begonnen hat. Unsere Erfahrung aus dem Lektor*innenkurs ist: Es lohnt sich, mutig voranzuschreiten, ungewohnte Wege zu gehen und den Reichtum der christlichen Kulturen und Traditionen auch innerhalb der Landeskirchen wertzuschätzen.

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Thomas Borchers, Jahrgang 1968, Studium der Theologie in Mainz und Heidelberg, Pfarrer im Missionarisch-Ökumenischen Dienst (MÖD) der Evang. Kirche der Pfalz (Protestantische Landeskirche) (EKP).

 

Pfarrer Joachim Bundschuh, Jahrgang 1962, Studium der Theologie in Frankfurt/M., Bonn, San Juan/Puerto Rico und Marburg, Gemeindepfarrer in Kelsterbach und Referent für Gemeinden anderer Sprachen und Herkunft im Zentrum Ökumene der Evang. Kirche in Hessen und Nassau und der Evang. Kirche von Kurhessen-Waldeck.

 

Pfarrer Dr. Arne Dembek, Jahrgang 1975, Studium der Theologie in Wuppertal, Heidelberg und Edinburgh (GB), Promotion zur Theologie des englischen Reformators William Tyndale, Beauftragter für Christen anderer Sprache und Herkunft in der EKP und Gemeindepfarrer im südpfälzischen Kandel.

 

Pfarrer Dipl.-Theol. Florian Gärtner M.A., Jahrgang 1975, Studium der Theologie in Heidelberg, Tübingen und Port Elizabeth (Südafrika), Masterstudium "Management von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen", Pfarrer im MÖD der EKP.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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