Predigthilfen sind ein gängiges und offensichtlich auch häufig genutztes Instrument für die Predigtarbeit von Pfarrerinnen und Pfarrern. Aber was ist eine „gute“ Predigthilfe? Wie sehr und inwieweit sollen exegetische Einsichten vermitteln, systematisch-theologisch orientieren, die Gegenwartssituation analysieren und die konkrete Predigt „vorspuren“? Evelina Volkmann hat die entsprechende Literatur durchforstet und berichtet von einem Studientag zum Thema.1

 

1  Was ist eine Predigthilfe?

Was ist eine gute Predigthilfe? So frage ich Anfang 2019 in einer einschlägigen Facebook-Gruppe. Die erste Antwort kommt von einem hannoverschen Kollegen und lautet: „Die wichtigste Hilfe beim Predigtschreiben ist für mich immer noch Zeit und die Begegnung mit vielen Menschen – zufällig, im Gemeindeleben, in meinem Leben … und in meinem Kopf der Predigttext … So interpretiert sich das Leben und das Leben interpretiert den Text … Musik spielt bei mir oft auch eine wichtige Rolle – und ausgedehnte Spaziergänge mit dem Hund.“2 Ein anderer schreibt: „… ganz ehrlich? Selbst übersetzen, Exegese, meine Frau, diese facebook-Gruppe, das reale Leben. Verglichen damit haben sich in meiner Praxis alle schriftlichen Predigthilfen als grandios ineffektiv erwiesen. […] mit ganzer Stelle plus Familie bringen sie mir zu wenig.“3

Ich lerne: In der pastoralen Alltagssprache wird unter „Predigthilfe“ also nicht nur ein gedruckter Text verstanden. Es ist vielmehr ein weit gefasster Begriff, der auch das Gespräch mit Menschen, Musik, Gehen mit dem Hund etc. umfasst. Dies bestätigt Alexander Deeg, Herausgeber der „Göttinger Predigtmeditationen“ (GPM): „Es gibt eine große Lust zu predigen […]. Theologische Arbeit und kreatives Predigtentwerfen brauchen Freiräume. Ein Pfarrer oder eine Pfarrerin, die über den Predigttext für den kommenden Sonn- oder Feiertag nachdenkend spazieren gehen, tun eben nicht nichts, sondern sind im Gegenteil im Kern ihrer pastoralen Existenz unterwegs.“4 Und ich lerne weiter: Manche mögen die schriftlichen Predigthilfen nicht. Dennoch: In weiteren Posts werden dann einige der gängigen Predigthilfereihen genannt. An ihnen werden Anregungen bzw. Annäherungen an die Perikope und exegetische Betrachtungen geschätzt. Ein User schreibt: „Manchmal bedarf es nur einer kleinen Idee, um dann in anderen Schriften nachzuforschen bzw. einen geeigneten Ansatz für die vollkommen eigenständige Predigt zu finden.“5

In der Praktischen Theologie gibt es seit Jahrzehnten einen Diskurs über Aufgabe und Funktion von Predigthilfen. An die erste Stelle gehört die Begriffsklärung. Mit „Predigthilfe“ ist im Anschluss an Niels Hasselmann,6 „unabhängig von der jeweils selbst gewählten Bezeichnung[,] das in gedruckter Form vorliegende literarische Genus der ‚schriftlichen Predigtvorbereitungshilfe‘ gemeint.“7 Damit ist eine „Abgrenzung von dem weniger eindeutigen Terminus ‚Predigtmeditation‘“ verbunden.8 Dennoch hat der Begriff „Predigtmeditation“ nach wie vor Konjunktur und wird oft synonym zu „Predigthilfe“ verwendet. Ralph Kunz, Mitherausgeber der GPM, stellt fest: Es „ist auffällig und sicher nicht zufällig, dass nur eine Predigthilfe im deutschen Sprachraum den Begriff ‚Hilfe‘ im Titel führte [Calwer Predigthilfen]. Welche ­Leserin gibt schon gern zu, dass sie Hilfsempfängerin ist und welche Autorin lässt sich gern zur Helferin stempeln“?9

 

2  Erwartungen und Erfahrungen der Nutzerinnen und Nutzer

Was ich ergänzend zur Facebook-Umfrage in der praktisch-theologischen Literatur an Antworten gefunden habe, fasse ich im Folgenden kurz zusammen:

Hilfe in Predigtnot?

In der Not Nachkriegsdeutschlands wollen die GPM den Pfarrern helfen. Mitbegründer Wolfgang Trillhaas schreibt in seiner Einleitung zum ersten Heft der GPM 1946: „Die Predigtnot hat sich nicht gebessert. Trotz der Führungen und Erfahrungen, die der Kirche in der jüngsten Geschichte zuteilgeworden sind, hört man überall müde Predigten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Viele Pfarrer haben ihre nötigsten Bücher verloren […]. Die Notstände wachsen uns über den Kopf.“10 Eine solche „Not“ liegt m.E. gegenwärtig nicht vor. Dennoch sind Predigthilfen nach wie vor beliebt. In der 2011 veröffentlichen Rezeptionsstudie zum Evangelischen Gottesdienstbuch von 1999 wurde gefragt, welche Hilfsmittel Pfarrerinnen und Pfarrer normalerweise zur Gottesdienstvorbereitung nutzen. „Predigthilfen/�Predigtsammlungen“ nutzen 59,8% „oft/sehr oft“, 27,8% „manchmal“.11 Öfter genannt wird lediglich das Evangelische Gesangbuch. Deeg schlussfolgert daraus: „Die Chancen und Möglichkeiten des Internets haben […] die Predigthilfen nicht an den Rand gedrängt. Erst recht nicht ersetzt die schnell aus dem Netz gezogene Predigt die eigene Arbeit, für die die Hilfe und Anregung einer Predigtmeditation von einer Mehrheit der Predigerinnen und Prediger gerne genutzt wird.“12

Annette C. Müller, die das Predigtschreiben wissenschaftlich erforscht hat, hat mehrere Pfarrerinnen und Pfarrer ausführlich zu ihrer Predigtarbeit befragt. Diese lesen die Predigthilfen in der Regel entweder nach einer eigenen gründlichen Beschäftigung mit der Perikope,13 „um sich den eigenen Zugang zu Text und Thema nicht zu versperren“,14 oder sogar nur dann, falls ihnen keine eigene Idee kommt.15 Deutlich wird, dass die Perikope„wichtigstes impulsgebendes Material“ ist, erst an zweiter Stelle „Publikationen im Internet oder aus der predigtvorbereitenden Literatur“.16

Originelle Exegese

Ralph Kunz zitiert aus einer Leserumfrage der GPM: Ein Leser „aus der Schweiz erwartet von der Meditation einen originellen exegetischen und hermeneutischen Ansatz. Er führt aus: ‚Originell meint weniger, dass möglichst viel Sekundärliteratur gewälzt werden muss, sondern dass eine Sichtweise auf die Perikope erprobt und ausgeführt wird, an die ich vielleicht nicht denken würde. Das kann durchaus einer der gängigen exegetischen Ansätze sein: politisch, sozial, gendermäßig, kulturwissenschaftlich, close-reading etc. Ein solcher Ansatz sollte dann material und systematisch durchgeführt werden, gern auch mit Verweisen auf Literatur, Kunst, Film, Ästhetik.‘“17

Entsprechend stellt Deeg fest: „Ausleger, die nichts Überraschendes oder gar Spannendes entdecken, werden in der Regel langweilige Prediger sein“.18 Für die Predigthilfe könnte dies heißen, den Nutzern mit exegetischen Erkenntnissen zu einer Predigt zu verhelfen, für die mit Gottfried Voigt gilt: „Da werden [durch die Predigt, AD] aus Feinden Gottes Gottes Kinder. Da fahren Teufel aus. Da fallen Fesseln ab. Da wird Traurigkeit in Freude verwandelt.“19 Allerdings – so beklagt Deeg an anderer Stelle – scheinen viele Predigten die „Texterklärung“ nach wie vor als „Leitparadigma“ anzusehen, als wäre die Predigt „Weitergabe von Erkenntnissen und Entdeckungen zu dem biblischen Text“. Dies könnte mit der an sich lobenswerten Leidenschaft der Predigenden für die ‚Predigtmeditation‘“ zusammenhängen.20

Nähe zur Predigt?

Derselbe Leser der GPM aus der Schweiz schreibt weiter: „Was ich nicht ausstehen kann, sind faktisch ausgeführte oder halb durchgeführte Predigten. Wenn ich die GPM lese, dann will ich die Predigt selbst schreiben, keine Kurz- oder Schwundformen derselben. Und noch weniger ausstehen kann ich Trampelpfade, wo nach Motto und Einleitungssatz bereits klar wird, wohin das Ganze dann zielt.“21 Ein Leser aus der Nähe von Stuttgart hat die gegenteilige Erfahrung gemacht: „Sofern mich eine Predigtidee in einer Hilfe anspricht und überzeugt, lasse ich mich gern davon leiten. Dann hilft mir auch eine Skizze der gedachten Predigt, mit der ich alleine weiter komme.“22 Ähnlich äußert sich Prof. Johannes Zimmermann in einem Editorial der Predigthilfe Zuversicht und Stärke: Eine gute Predigtmeditation sei „zukunftsorientiert“. Sie liefere „eher flexibel handhabbare ‚Rohstoffe‘“ und nicht so sehr „sperrige und deshalb nicht immer passende ‚Fertigbauteile‘“.23

Dem möchte ich den neuen Ansatz der Homiletischen Monatshefte an die Seite stellen, die komplette Predigten veröffentlichen. Seit Anfang 2018 die Schriftleitung an Karl Friedrich Ulrichs übergegangen ist, wird darauf geachtet, dass die Predigt leicht um- und weitergeschrieben werden kann. Dies wird erreicht durch „klare sprachliche Entscheidungen (literarisch [z.B. Kurzgeschichte], poetisch-meditativ, argumentativ usw.) in den einzelnen Predigtteilen! Gedankliche und sprachliche Klarheit wird … durch Beschränkung auf einen Gedanken je Absatz erzielt; dieser sollte dann aber ausgeführt werden. Den Abschnitten Überschriften geben!“24 Die homiletischen Anregungen sollen nicht als Festlegungen präsentiert werden.25 Wenn solches auch einer Predigthilfe gelingt – und nicht nur einer Predigt –, dann muss ihre Nähe zur Predigt m.E. nicht unbedingt einengen.

Hinsichtlich Form und Sprache einer Predigthilfe bedeutet das: Fertige oder ausformulierte Predigtideen sind eher nicht gefragt. Die Lesenden wollen selbstständig arbeiten. Kunz folgert daher aus der GPM-Umfrage: „Offensichtlich ist der ideale Aggregatszustand einer Meditation ein flüssiger Text, der zwischen ‚flüchtiger‘ Exegese und ‚fester‘ Predigt einen Assoziationsfluss erzeugt, der wiederum im Leser oder in der Leserin etwas in Bewegung bringt. Die Autoren und Autorinnen der Meditationen sind demnach aufgefordert, ihre Predigteinfälle so zu kommunizieren, dass sie die Kreativität der Adressaten stimulieren. […] Jedenfalls sollte allen Beteiligten klar sein, dass Meditationen kein Basar sind, auf dem originelle Verkäufer vor ausgebrannten Kunden ihren Bauchwarenladen mit Predigtideen ausbreiten. Autoren und Leserinnen sind zusammen Kirche.“26

Nicht privat schreiben

„Ein No-Go ist ebenfalls die subjektivistische Engführung (nach dem Motto: ‚Neulich im Urlaub …‘)“,27 so nochmals der Schweizer Leser der GPM. Auch nach Zimmermann soll die Predigthilfe nicht zu „fest mit der eigenen Person verbunden“ sein. Eine Predigthilfe sei „nicht ‚unpersönlich‘ […], aber die Möglichkeit der Adaption und Aneignung durch Kolleginnen und Kollegen sind hier Voraussetzung und Qualitätskriterium.“28

Gesellschaftlichen Horizont aufzeigen

Der schon genannte GPM-Leser aus der Nähe von Stuttgart „erwartet von der Predigthilfe eine Horizonterweiterung“ in Form einer Texterschließung und durch Hinweise auf „[…] Fragestellungen des gesellschaftlichen Horizontes über das hinaus, was ich aus der Tageszeitungslektüre bereits weiß. […]“29

Klangraum bedenken

Kunz zitiert eine weitere Leserin. Für sie ist „wichtig, dass eine gute Predigthilfe die Predigt nicht isoliert betrachtet, sondern auf den ganzen Gottesdienst blickt“.30 Mit der neuen Perikopenordnung ist die Idee des Klangraums eines Sonntags31 gestärkt worden – eine wichtige Dimension für die Predigthilfen. Inwieweit Predigthilfen liturgische Anregungen (Lieder, Psalmen, Gebete, …) geben, ist von Reihe zu Reihe unterschiedlich. Möglicherweise werden sich im Laufe der nächsten Jahre hier Veränderungen ergeben.

Unterschiedliche Gestaltungsformen der Predigt aufzeigen

Die schon erwähnte Rezeptionsstudie zum Evangelischen Gottesdienstbuch lässt Rückschlüsse zu auf eine weitere mögliche Erwartung an die Predigthilfen. Anhand einer Skala von 1 (trifft überhaupt nicht zu) bis 5 (trifft voll und ganz zu) sollte der Satz „Verschiedene Gestaltungsformen der Predigt sind erstrebenswert“ kommentiert werden. 94,2% der befragten Pfarrerinnen und Pfarrer bewerten dies mit 3, 4 oder 5 Punkten.32 Meine Frage ist nun: Woher beziehen sie Anregungen zu verschiedenen Gestaltungsformen? Die Predigthilfen wären m.E. der geeignete Ort.

Fragen statt Antworten

Der frühere Leiter des Gottesdienstinstituts der Nordkirche Thomas Hirsch-Hüffell erwartet von Predigthilfen, dass sie „in erster Linie Anleitung dazu sein sollen, wie Predigtvorbereitung allein und selbstständig geht. D.h.: Sie sollen zeigen, wie man es eine Weile aushält, ohne Begleitmaterial über einer Sache zu brüten, bis etwas schlüpft. In Predigthilfen müsste es darum gehen, eher pfiffige Fragen zu stellen, als alles vorzukauen.“33

Produktive Verunsicherung oder Predigthürde?

Klaus Eulenberger stellt bereits 2002 fest, dass die Predigthilfeliteratur komplexer geworden ist. Das hat Folgen. „Durch exegetische und systematisch-theologische Hinweise, Einblicke in Beispiele aus der Predigtgeschichte, Zeitanalysen und Zitate aus der nicht-theologischen Literatur kann man zwar am Ende angeregt, aber wenigstens fürs erste auch zusätzlich in Anspruch genommen werden. Im besten Fall ereignet sich eine produktive Verunsicherung: Kann ich wirklich bei dem Predigteinfall bleiben, den ich ursprünglich hatte, oder bringt mich dieser Beitrag auf andere, reizvollere Gedanken? Im schlechtesten Fall fühlt man sich entmutigt: So viel Aufwand, wie der Beitrag mir abverlangt, kann ich nicht leisten. Dann wird, was als Predigthilfe gedacht war, zur Predigthürde.“34

 

3  Funktion der Predigthilfeliteratur

Unterstützen des ministerium docendi evangelii

Predigthilfen sollen dem von Gott eingesetzten ministerium docendi evangelii, das in CA V genannt ist, dienen.35Aufgabe der Predigenden ist es, in der Predigt eine bewegende Begegnung von Gemeinde und Perikope anzustreben, „und zwar im Gesamtkontext von Bibel, Kirchenjahr und Sonntagsproprium. Hierzu hinzuführen wird als Aufgabe der Predigthilfeliteratur angesehen.“36

Theologische Fortbildung

Wer eine Predigthilfe liest, empfängt nicht einfach passiv irgendwelche Predigtideen. Predigthilfen gelten vielmehr als Medium der theologischen Fortbildung. „Die ‚Eigenart der Predigthilfen als literarischer Gattung‘ besteht somit darin, dass es sich – im Gegensatz zur Predigt, die sich an Angehörige aller sozialer Schichten wendet – um einen Text mit wissenschaftlich-theoretischem Profil handelt, in der Regel von Theologen oder Theologinnen für akademisch gebildete Predigende verfasst.“37 Es handelt sich um „kein reines Produkt der wissenschaftlichen Theologie“, aber es bestehe der „Anspruch, die aktuelle wissenschaftliche Diskussion zumindest zur Kenntnis zu nehmen“.38 Predigthilfen „oszillieren zwischen dem Anspruch, wissenschaftlich zu genügen und praktisch bzw. nützlich zu sein“.39

Text und Situation verknüpfen im Zwischenraum

„Eine gute Predigthilfe ist eine Seh- und Hörhilfe. Sie öffnet Augen und Ohren für den Reichtum der Schrift.“40 Doch das allein reicht nach Kunz nicht aus. Denn Predigt sei keine Bibelstunde, eine Predigthilfe kein exegetischer Kommentar zur Perikope. „[Ü]bereinstimmend erwarten die Befragten von der Predigthilfe auch Anregung aus dem gesellschaftlichen und kulturellen Leben.“41 Hier kommt die Bedeutung einer Predigtdefinition ins Spiel. Ich orientiere mich gern an Dietrich Rössler, der die Predigt bestimmt als „die christliche Rede, die im Rahmen eines Gottesdienstes die biblische Überlieferung für den Hörer der Gegenwart auslegt, um ihm die Gewißheit im Christentum zu stärken und die Orientierung im Leben zu fördern“.42 Zentral für mich ist hierbei das Stichwort „Hörer [ich ergänze: Hörerin] der Gegenwart“.

Die Frage nach den Hörenden, nach dem, was sie heute beschäftigt, ist eine eigenständige Predigtdimension. Sie hat als Frage nach der homiletischen Situation Eingang gefunden in den homiletischen Diskurs. In den „Anregungen zum Abfassen einer Predigtmeditation“ für die Zeitschrift Für Arbeit und Besinnung heißt es folglich: „[S]chon im Bibeltext [ist] die Herausforderung verankert, ihn auf das Hier und Jetzt zu beziehen. Legen Sie darum ein besonderes Augenmerk auf die Bezüge zur heutigen Situation!“43 Eine gute Predigthilfe unterstützt Predigende bei der Verknüpfung von Text und Situation: „Die Predigtvorbereitung hat ihren Ort in einem Zwischenraum: Sie bewegt sich in der Ausmittlung des leitenden Predigtgedankens zwischen der Auslegung des biblischen Textes und der Deutung der Lebenssituation der Hörer, zwischen geschichtlicher Überlieferung und lebendiger Zeitgenossenschaft […]. Nur im Prozeß der Vermittlung dieser Polaritäten formt sich dem Prediger der leitende Predigtgedanke.“44

Systematisch-theologische Reflexion

Nach Wilhelm Gräb stellen sich Predigtgedanken ein im Pendeln zwischen Bibelauslegung und Auslegung der Hörersituation. Genau an dieser Stelle werde die systematisch-theologische Reflexion relevant. Sie bewirke, „daß sich nicht ein beliebiger, sondern ein so bestimmter Predigtinhalt ergibt“,45 nämlich ein Predigtinhalt, der einen Aspekt des Evangeliums des dreieinigen Gottes darstellt. Diese Funktion der Dogmatik sei eine „Reflexion darauf, wofür das Christentum in der Neuzeit steht“.46 Dogmatische Erwägungen haben hermeneutischen Charakter. Ihre Aufgabe bestehe darin, „das Thema des Textes und der Predigt in das Ganze der christlichen Überlieferung einzuordnen und von dort aus zu beleuchten“.47 Man könnte das auch ganz kurz mit Luther zusammenfassen: Predigen, was Christum treibet.48

In meinem homiletischen Seminar während des Studiums in den 1980er Jahren habe ich noch gelernt, dass die Dogmatik eine Kontrollfunktion für die Predigt habe.49 Sie soll dazu verhelfen, dass auf der Kanzel nur kirchlich und theologisch Richtiges gesagt wird. Diese Auffassung ist glücklicherweise mittlerweile obsolet geworden. Denn „dieses Verständnis von Dogmatik als einer der Predigtarbeit und auch der jeweils eigenen Arbeit am biblischen Text normativ vorgegebenen Instanz [ist] – zumindest protestantischerseits – höchst umstritten“.50

 

4  Offene Fragen

Exegese

„Wie verhält sich ‚die‘ Exegese zu der Aufgabe der Predigthilfe und zu der konkreten Predigt?“, fragt Deeg.51 Die „Paarbeziehung zwischen Homiletik und Exegese“ stecke einerseits in einer „schweren Krise“, antwortet er.52 „Dies geschieht immer dann, wenn exegetische Erkenntnisse in einem eigenen Punkt recht unabhängig von den sonstigen Überlegungen gleichsam ‚abgehandelt‘ werden und für die weiteren Überlegungen kaum noch eine Rolle spielen. Oder dann, wenn exegetische Einsichten überhaupt nicht mehr vorkommen. Oder umgekehrt: wenn eine Predigthilfe sich darin erschöpft, exegetische Literatur zu dem Text zusammenzufassen.“53 Andererseits: „Die alte Ehe der beiden Disziplinen […] funktioniert seit einigen Jahren aber vielleicht wieder besser als noch vorher. Denn die Wandlungen in der Exegese haben unter anderem dazu geführt, dass die Idee, als könne Exegese die Textbedeutung ermitteln, die dann nur noch von Homiletikern und Predigerinnen irgendwie ‚umgesetzt‘ werden müsste, obsolet geworden ist.“54

Entsprechend geht es in den GPM, die einem rezeptionsästhetischen Ansatz folgen, „nicht um Aus-legung, sondern um Ein-führung“.55 „Dem Prediger und der Predigerin [wird] die letzte Autorität der Deutung genommen und diese den Hörerinnen und Hörern übertragen“.56 „Die Hörerinnen und Hörer sind ‚im Text‘.“57 Dies bedeutet, „den Text als einen begehbaren Raum zu öffnen, in dem sich Hörerinnen und Hörer bewegen und, so Gott will, verändert vorfinden können. […] Predigtmeditation und Predigt bedeuten daher: gemeinsam mit den Hörerinnen und Hörern im Text unterwegs zu sein“.58

Ein anderes Verständnis von Exegese findet sich bei den Predigtstudien. „Der Hörer steckt […] nicht im Text, und die entscheidende Konsequenz dieser Einsicht liegt in einem homiletischen Verfahren, das neben die Textexegese eine eigenständige Situationsauslegung stellt.“59

Dogmatik

Aufgrund ihrer hermeneutischen Funktion gehört die systematisch-theologische Reflexion in den Akt jeder Predigtvorbereitung. Strittig ist, inwiefern dies im Rahmen einer Predigthilfe explizit gemacht werden sollte.

Homiletische Konkretionen

Soll die Predigthilfe ausformulierte Textbausteine enthalten? Eulenberger meint: „Einfallslose Predigten muss es nicht geben. Predigthilfen sind dann gut, ja unentbehrlich, wenn sie die Predigenden nicht unbedingt mit Einfällen versorgen, aber ihnen Hinweise geben, wie sie zu Einfällen kommen können.“60

Ist es gut oder nicht, wenn die Predigthilfe einen Vorschlag zur Predigtgliederung unterbreitet? Ich erinnere an die Homiletischen Monatshefte, die hier neue Wege einschlagen.

Soll eine Predigthilfe unterschiedliche Gestaltungsformen der Predigt vorschlagen, wie es die Umfrage unter der Pfarrerschaft zur Rezeption des Evangelischen Gottesdienstbuches nahelegt, wie z.B. Unterbrechungen durch Stillephasen, Musik oder Liedstrophen, Verteilung auf zwei Rollen (Kanzel und Altar, Predigerin wechselt hin und her), unterschiedliche Platzierung der Perikope (z.B. ganz am Ende der Predigt?), …?

Bei der Frage nach homiletischer Konkretion geht es auch um die Sprache einer Predigthilfe. Soll sie sich an der Predigtsprache orientieren?

 

5  Erste Antworten

Während des Studientags kommen bereits verschiedene Antworten auf die offenen Fragen zusammen:

Eine zentrale Rolle habe der Autor, die Autorin der Predigthilfe. Sie soll mutig Eigenes, Überraschendes, gern auch Irritierendes oder Widerständiges zum Bibeltext weitergeben. Was sie selbst begeistert, was ihr Lust gemacht hat, ist auch für andere relevant. Sie darf subjektiv schreiben. Dies soll authentisch sein, nicht jedoch privat (s.o.). Die Exegese der Perikope soll also homiletisch ausfallen!

Wie die Autoren oder Autorinnen auf ihre Ideen kommen, wurde von den Anwesenden sehr unterschiedlich beantwortet. Die einen gehen hierbei zuerst exegetisch an den Text heran und verbinden dies dann mit Gedanken an die Hörerschaft. Die anderen sammeln zunächst Verknüpfungen mit der gegenwärtigen Predigtsituation und arbeiten anschließend exegetisch. Für alle steht die Exegese dafür, in der Beschäftigung mit dem Text nicht im Eigenen zu verbleiben. Die Metapher des Predigttexts als ein „begehbarer Raum“ könnte verstärkt werden. Aus der Perikope soll bereits der Zusammenhang von Erfahrung und Glauben erhoben werden. Mehr Experimentierfreude ist ausdrücklich erwünscht. Hilfreich für das Abfassen einer Predigthilfe wurde die Frage, die aus dem Kontext der GPM stammt, empfunden: Was würde der Bibel fehlen, wenn es diese Perikope nicht gäbe? Da für etliche Kolleginnen und Kollegen die Predigtarbeit nicht nur am häuslichen Schreibtisch stattfindet, wurde der Wunsch geäußert, hörbare Formate für unterwegs digital zur Verfügung zu stellen, z.B. das Vorlesen der Perikope in Verbindung mit einer ca. fünf- bis zehnminütigen exegetischen Einführung.

Die Predigthilfe soll im Blick auf die Predigt konkret werden, auch wenn dies mitunter den Mut des Autors erfordert. Dies müsse persönlich, lebensnah und überzeugend geschehen. Die Idee des Klangraums wurde um die Gemeindeperspektive erweitert: Was klingt in der Gemeinde derzeit an?

Eine gute Predigthilfe ähnele einem Gespräch über den Bibeltext unter Kollegen und Kolleginnen, die sich gegenseitig auf Ideen bringen, die sich u.U. auch aneinander reiben, die die Vorfreude auf den Gottesdienst erhöhen und sich somit gegenseitig ermutigen.

 

Anmerkungen:

1 Der folgende Beitrag geht auf ein Impulsreferat zurück, das ich am 20.02.2020 im Rahmen einer Pfarrerfortbildung der Evang. Landeskirche in Württemberg für gegenwärtige und zukünftige Auto­ren*­innen von Predigthilfen in Stuttgart-Birkach gehalten habe.

2 Facebook-Thread der Gruppe Predigtkultur Januar 2019.

3 A.a.O.

4 Deeg, Alexander, 70 Jahre „Göttinger Predigtmeditationen“ oder: „ein gemeinsames Bemühen, das Wort Gott im Zeugnis der Schrift […] vernehmlich zu machen“ (Hans Joachim Iwand), in: GPM 70/2015, 5-11, 8.

5 Facebook-Thread (Anm. 2).

6 Hasselmann, Niels, Predigthilfen und Predigtvorbereitung, Gütersloh 1977, 20.

7 Volkmann, Evelina, Vom „Judensonntag“ zum „Israelsonntag“. Predigtarbeit im Horizont des christlich-jüdischen Gesprächs, Stuttgart 2002, 96, mit Zitat Hasselmann.

8 A.a.O., 96.

9 Kunz, Ralph, Was ist eine gute Predigthilfe?, in: GPM 65/2011, 383-388, 383f.

10 Zit. nach Volkmann (Anm. 7), 98.

11 Schulz, Claudia/Meyer-Blanck, Michael/Spieß, Tabea (Hg.), Gottesdienstgestaltung in der EKD. Ergebnisse einer Rezeptionsstudie zum „Evangelischen Gottesdienstbuch“ von 1999, Gütersloh 2011, 253.

12 Deeg (Anm. 4), 9. Eine Teilnehmerin des Studientags am 20.02.2020 stellt dies in Frage, da man ihrer Erfahrung nach bei der jüngeren Generation (Pfarrerinnen und Pfarrer unter 40 Jahren) mittlerweile sehr stark für den Gebrauch von Predigthilfen werben müsse.

13 Vgl. Müller, Annette Cornelia, Predigt schreiben, Prozess und Strategien der homiletischen Komposition, Leipzig 2014, 161. 246.

14 A.a.O., 186.

15 Vgl. a.a.O., 201.

16 A.a.O., 351.

17 Kunz (Anm. 9), 386.

18 Gottfried Voigt, zit. nach: Deeg, Alexander, „Das Befremdliche soll uns verständlich werden“. Gottfried Voigt als Predigtlehrer und Schriftausleger, in: GPM 65/2011, 297-303, 300.

19 Gottfried Voigt, zit. nach: Deeg (Anm. 18), 302.

20 Deeg, Alexander, Metaphern und Moves, Poesie und Pathos, in: PTh 108/2019, 400-421, 411.

21 Kunz (Anm. 9), 386.

22 A.a.O.

23 Zimmermann, Johannes, Warum eine Predigtmeditation trotz Internetpredigten en masse?, in: Zuversicht und Stärke. Zeitschrift für Gottesdienst und Verkündigung, Reihe I/1 – 2018, 5f.6.

24 Ulrichs, Karl Friedrich, Anschreiben an Autoren und Autorinnen der Homiletischen Monatshefte, o.O. und o.J.

25 Ulrichs, Karl Friedrich, Beitrag zu einem Thread im Januar 2019 in der Facebook-Gruppe „Predigtkultur“.

26 Kunz (Anm. 9), 387f.

27 A.a.O., 386.

28 Zimmermann (Anm. 23), 6.

29 Kunz (Anm. 9), 386.

30 A.a.O., 387.

31 Vgl. Goldschmidt, Stephan/Meyer-Blanck, Michael/Peters, Frank (Hg.), Gottes Wort hören und bewahren, Neukirchen-Vluyn 2019.

32 Schulz u.a. (Anm. 11), 249.

33 Mehr wagen und weniger sagen. Homiletische Aus- und Fortbildung im Dialog. Ein schriftliches Gespräch mit Kathrin Oxen, Thomas Hirsch-Hüffell und Dieter Rammler, in: GPM 66/2012, 391-399, 398.

34 Eulenberger, Klaus, Über Predigtvorbereitungsliteratur, in: PTh 96/2007, 406-417, 408.

35 Vgl. Kunz (Anm. 9), 388.

36 Volkmann (Anm. 7), 99f.

37 A.a.O., 100 – mit Zitat Josuttis.

38 Kunz (Anm. 9), 383.

39 A.a.O., 384.

40 A.a.O., 387.

41 A.a.O.

42 Rössler, Dietrich, Grundriß der Praktischen Theologie, 2., erweiterte Auflage, Berlin/New York, 1994, 390, Hervorhebung getilgt.

43 Gese, Michael, Anregungen zum Abfassen einer Predigt-Meditation für die Zeitschrift a + b, unveröffentlichtes Merkblatt, o.O. und o.J.

44 Gräb, Wilhelm, Wofür das Christentum heute steht. Überlegungen zum Stellenwert systematisch-theologischer Reflexion in der Predigtvorbereitung, in: Pst(S) II/1, 1991, 7-16, 9.

45 A.a.O., 10.

46 Albrecht, Christian, Bildung in der Praktischen Theologie, Tübingen 2003, 192.

47 A.a.O., 191.

48 Vgl. Luther, Martin, Vorrede zum Jakobus- und zum Judasbrief (1522), zit. nach: Kurt Aland (Hg.), Luther Deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart, Band 5: Die Schriftauslegung, Göttingen 1983, 62-65, 63. Wörtlich: „Und darin stimmen alle rechtschaffenen, heiligen Bücher überein, daß sie allesamt Christus predigen und treiben. […] Was Christus nicht lehret, das ist nicht apostolisch“.

49 Vgl. Gräb (Anm. 44), 8.

50 Vgl. a.a.O. Entsprechend formulieren die Homiletischen Leitlinien der Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Horizont: „Wir bieten Raum für eine ‚undogmatische‘ Bibelauslegung, die sich des Eigenwertes und der Eigenstimme des Alten bzw. Ersten Testaments und der daraus resultierenden jüdischen Auslegung bewusst ist und darum mit einer vielfältigen Zuordnung von Altem und Neuem Testament spielt.“ (Studium in Israel e.V., Perikopenreihe I / 2018/19. NEUE homiletische Leitlinien der Predigtmeditationen im christlich-jüdischen Kontext, https://docplayer.org/74192797-Perikopenreihe-i-2018-19-neue-homiletische-leitlinien-der-predigtmeditationen-im-christlich-juedischen-kontext.html [07.03.2020], 2)

51 Deeg (Anm. 4), 10.

52 A.a.O.

53 A.a.O.

54 A.a.O.

55 Nicol, Martin/Deeg, Alexander, Texträume öffnen, in: 40 Jahre Predigtstudien 1968-2008. Zeitschrift der GAGF 23/2009, Heft 2, 34-40, 36.

56 A.a.O., 36.

57 A.a.O., 37.

58 A.a.O., 38.

59 Weyel, Birgit, Der Hörer steckt im Text? Skizze zu einer theologisch-homiletischen Kontroverse, in: Freude am Predigen, in: 40 Jahre Predigtstudien 1968-2008. Zeitschrift der GAGF 23/2009, Heft 2, 41-48, 42.

60 Eulenberger (Anm. 34), 417.

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrätin Dr. theol. Evelina Volkmann, Jahrgang 1962, seit 2016 Leiterin der Fachstelle Gottesdienst der Evang. Landeskirche in Württemberg in Stuttgart (www.fachstelle-gottesdienst.de).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

2 Kommentare zu diesem Artikel
23.07.2020 Ein Kommentar von Andreas Reinhold Als Initiator der Predigtbörse kanzelgruss.de und Herausgeber von "ePistel - die aktuelle Gottesdienstvorbereitung" habe ich mit Interesse diesen Artikel gelesen ... und bin etwas enttäuscht. Es werde die altehrwürdigen klassischen Predigtmeditationen zitiert und genannt, neue Formen der Vorbereitung jedoch außer Acht gelassen - das ist schade und eine verpasste Chance, die durch das Internet inzwischen existierende Vielfalt an Angeboten zu würdigen. Darüber hinaus will ich auf einen Faktor der Predigtvorbereitung hinweisen, der gar nicht vorkommt: Zeit! Mittlerweile ist der Dienst im Pfarramt derart überfrachtet, dass für eigene Übersetzungsarbeit und Exegese kaum noch Raum bleibt. Rückmeldungen meiner Kund*innen und Besucher*innen sind hier aufschlussreich. Bestätigen kann ich dagegen den Hinweis, dass nicht nur die Predigt, sondern der gesamte Gottesdienst in den Blick genommen werden sollte. Das Thema "Gebete" ist hier besonders zu nennen, denn scheinbar gibt es hier deutlichen Anregungsbedarf. Zuletzt möchte ich noch auf einen Aspekt hinweisen: Nicht erst die Corona-Krise hat gezeigt, dass Kirche mit Gottesdiensten oder Andachten online andere Formate bespielen sollte - und zwar vor allem auch auf parochialer Ebene vor Ort. Hierzu ist jedoch noch einmal ein ganz anderer Stil von Predigtvorbereitungsliteratur notwendig. Oder aber man bedient sich der schon vorhandenen Projekte auf youtube u.a. Kanälen.
31.07.2020 Ein Kommentar von Evelina Volkmann Sehr geehrter Herr Reinhold, danke für Ihren Kommentar! Gern würde ich persönlich mit Ihnen ins Gespräch treten. Was Sie ansprechen, ist genau die Fortsetzung, die ich für erforderlich halte. Mein Referat (vor Corona) war für einen Studientag mit schreibenden Predigthilfeautor:innen der klassischen Predigthilfeorgane. Das Internet war dort (noch) nicht unser Thema, sollte es aber dringend werden. Dafür bin ich sehr offen. Wie kann ich Sie erreichen? Ich würde hier gern weitere Schritte gehen. Freundliche Grüße, Evelina Volkmann
Kommentieren Sie diesen Artikel
Pflichtfelder sind mit * markiert.
Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.
Spamschutz: dieses Feld bitte nicht ausfüllen.