Wann habe ich zuletzt eine Predigt gehört, die mir Freude machte – fragt sich Christian Möller. Beim Nachdenken darüber kommt in ihm die Frage auf, ob es für uns Protestanten vielleicht deshalb so wenig Freude an der Predigt gibt, weil sie das ganz normale Pflichtpensum geworden ist, das wir auf jeden Fall erwarten und oft wie ein notwendiges Übel erleiden. Eine Hilfe wäre es, demgegenüber von der Predigtfixierung protestantischer Gottesdienste wegzukommen, und das verbum externum im Predigtgeschehen wiederzuentdecken, das die Predigerin zur ersten Hörerin ihrer Predigt macht.

 

Eine Predigt mit Zwischenräumen

Wann habe ich zuletzt eine Predigt gehört, die mir Freude machte? Mir fällt eine Predigt ein, bei der ich gar nicht mehr weiß, was inhaltlich gesagt wurde. Ich weiß nur noch, wie es gesagt wurde und was mich daran so beglückt hat. Der Prediger sprach ganz frei und blieb in ständigem Augenkontakt mit der Gemeinde. Seine Rede war konzentriert und in keiner Weise ein Geschwätz, wie es leider oft bei freien Rednern der Fall ist. Es war mir, als ob sich dieser Prediger uns Hörern ganz und gar aussetzte, um in eine innere Zwiesprache mit uns zu kommen. Welle um Welle ging von seiner lebendigen Sprache aus, die im aufmerksamen Hören der Gemeinde gleichsam wieder zu ihm zurückflutete. Immer wieder legte er beim Sprechen kurze Pausen ein. In diesen Pausen konnte zwischen Prediger und Hörern ­etwas hin und her schwingen.

Genau diese Schwingungen sind mir noch gut in Erinnerung, weil sie mich so beschwingt machten. So schön, so beglückend, so beschwingend kann Predigt sein, dachte ich, wenn ein Prediger nicht bloß redet, sondern hörend redet, sodass auf der Seite der Gemeinde ein beredtes Hören entsteht, was sich immer wieder in Schmunzeln, Seufzen, Lächeln artikulierte. Ich verstand in dieser Predigt so deutlich wie lange nicht mehr, dass Sprache niemals bloß aus Worten, sondern ebenso aus den Zwischenräumen besteht, in denen Worte ausschwingen und beim Hörer ankommen können. Das ist das Geheimnis einer dialogischen Predigt, dass die einzelnen Worte und Sätze ihre Zeit zum Ausschwingen bekommen, um sich ihren Hörer und ihre Hörerin zu suchen und sich in Ohren, Herz und Seele der Menschen langsam zu setzen. Predigten dieser Art sind keine Monologe, sondern innere Dialoge.

 

Die Nähe des Fremden

Das andere Erlebnis, das mir Freude an der Predigt bescherte, widerfuhr mir bei der Einführung einer Pastorin in die finnische Auslandsgemeinde von Berlin, zu der mich zufällig ein Freund bei einem Besuch in Berlin mitnahm. Natürlich hatte der ganze Gottesdienst durch seine Zweisprachigkeit auf Finnisch und auf Deutsch etwas Exotisches an sich. Aber das war nicht der eigentliche Grund für meine Freude. Ich erlebte vielmehr eine Predigerin, die beim Ablesen ihrer Predigt dennoch keinen Predigtvortrag hielt. Vielmehr rang sie gleichsam um jedes Wort, das sie langsam sprach, sodass sie durch ihr zögerndes Reden uns Hörer einlud, an der Predigt hörend mitzuschaffen.

Das scheint mir eines der Geheimnisse für eine glückende Predigt zu sein, dass sie den Hörer und die Hörerin zum Mitschaffen an der Predigt bewegt. Eben das erreichte jene finnische Pastorin dadurch, dass sie auf eine ebenso bescheidene wie intensive Weise um jedes deutsche Wort rang und uns zugleich in die Fremdheit ihres Textes aus der Bergpredigt mitnahm: Sammelt euch nicht Schätze auf Erden, denn euer Schatz ist im Himmel. Dazu sagte sie auf eine sehr eindringliche Weise: Und wir Christen haben doch Schätze im Himmel, nämlich das Gottvertrauen. Wie fremd dieser Schatz heute jedoch geworden sei, verdeutlichte sie an ihrem Computerprogramm, mit dem sie diese Predigt geschrieben habe, wobei jedes dem Computer nicht vertraute Wort als Fremdwort rot unterstrichen wird. Das einzige Wort, das der Computer an ihrer Predigt immer wieder rot unterstrich, war jenes „Gottvertrauen“. Ein Raunen ging bei diesem Beispiel durch die Gemeinde, als ob alle etwas von der Fremdheit des Glaubens in unserer Welt verstanden hätten.

Das mag ein harmloses Beispiel sein, und doch ging es mir nicht mehr aus dem Kopf. Es machte mir Freude an der Predigt, weil sich hier Altes und Neues, Fremdes und Vertrautes, Finnisches mit Deutschen, das Gottvertrauen mit dem Computerprogramm mischten, und ich war mittendrin. Es war nicht eines jener Beispiele, das an den Haaren herbeigezogen wirkt. Vielmehr kam das Fremde des christlichen Glaubens mitten in unserer Lebenswelt mit seiner ganzen Befremdlichkeit zur Erscheinung. Es wurde deutlich, dass die Kirche mitten in der Welt ist und doch von etwas lebt, was nicht von dieser Welt ist. Freude an der Predigt hat es mit dieser Dialektik von Nähe und Ferne, von Vertrautheit und Befremdlichkeit des Evangeliums zu tun, dass nämlich das Wort Gottes nicht in einer historischen Abständigkeit oder in einer dogmatischen Worthülse verschlossen bleibt, aber auch nicht banal eingeebnet wird, als sei es mitten aus einem doch meist sehr zweideutigen Leben zu schöpfen. Vielmehr gehört zur Nähe des Evangeliums auch sein Abstand, weil wir es uns nicht selbst sagen können, sondern es uns gesagt werden muss als verbum externum.

 

Zwei überraschende Predigten

Ehe ich mich der Eigenart dieses verbum externum als dem eigentlichen Grund für die Freude an der Predigt näher zuwende, möchte ich noch auf zwei weitere Erlebnisse zu sprechen kommen, in denen ich Freude an der Predigt wahrnehmen konnte, jedoch nicht an mir selbst, sondern bei anderen Menschen, wobei mir zugleich der Grund für manche protestantische Predigtverdrossenheit klar wurde.

Der Rabbiner predigt

Es war in einem jüdischen Gottesdienst, der in einer Antwerpener Synagoge stattfand. Mit einer Gruppe von Theologiestudenten war ich dorthin gereist, um einmal jüdisches Gottesdienstleben in dem sehr lebendigen jüdischen Viertel von Antwerpen mitzuerleben. Der ganze Gottesdienst wurde vor allem vom Kantor als dem Vorsänger mit dessen wunderschöner Stimme bestimmt. Höhepunkt war das Ausheben der Thora aus dem Schrein und das Tragen der Thora-Rolle zum Lesepult, wo dann einer nach dem anderen aus der Gemeinde hinkommen und einige Zeilen laut lesen durfte. Dadurch ergab sich ein reges Hin- und Herlaufen im Gottesdienst, ganz anders, als wir das aus unseren Gottesdiensten gewohnt waren. Doch plötzlich setzten sich alle ganz ruhig auf ihre Plätze und schauten gespannt und überrascht zu dem Rabbiner, der zum Schluss des Gottesdienstes nach vorn trat und eine Predigt hielt. Offenbar passierte das nicht jeden Sabbat. Es blieb vielmehr eine Ausnahme, die aber von der Gemeinde umso freudiger in gespannter Aufmerksamkeit wahrgenommen wurde.

Der Erzpriester predigt

Ein Erlebnis von ähnlicher Art hatte ich in einem russisch-orthodoxen Gottesdienst, zu dessen Besuch ich mich wiederum mit einer Gruppe von Theologiestudenten beim Erzpriester angemeldet hatte. Die göttliche Liturgie wurde wie jeden Sonntag gefeiert. Die Heilige Schrift wurde durch die kleine Pforte der Ikonostase hereingetragen und den Mitfeiernden vorgelesen. Am Ende der Lesung passierte dann die Überraschung, die offenbar uns protestantischen Besuchern zugedacht war, bei den orthodoxen Gläubigen aber großes Erstaunen und Freude hervorrief, dass nämlich der Erzpriester im Anschluss an die Lesung eine Predigt hielt und das Gelesene mit freien Worten auslegte und meditierte. An den Gesichtern der orthodoxen Gläubigen konnten wir erkennen, dass hier etwas ganz Besonderes stattfand, nämlich eine Predigt als Auslegung des Evangeliums. Was für uns ganz normal war, erregte die orthodoxe Gemeinde umso mehr, weil es für sie das Ungewohnte, Überraschende war, das sie selten zu hören bekam.

 

Predigt als protestantisches Pflichtpensum

Beide Erlebnisse brachten mich zu der Frage, ob es für uns Protestanten vielleicht deshalb so wenig Freude an der Predigt gibt, weil sie das ganz normale Pflichtpensum geworden ist, das wir auf jeden Fall erwarten und oft wie ein notwendiges Übel erleiden. Die Predigt hat für uns Protestanten jeden Überraschungswert verloren. Sie ist so sicher zu erwarten wie das sprichwörtliche „Amen“ in der Kirche. In der Schweiz hörte ich sogar die Wendung Ich gehe in die Predigt; von Gottesdienst war gar keine Rede mehr. Diese auch in Deutschland verbreitete protestantische Predigtfixiertheit hat wohl einen ganz entscheidenden Anteil an der Predigtverdrossenheit unter evangelischen Christen. Ein erster Schritt zur Überwindung dieser Predigtverdrossenheit müsste darin bestehen, dass die Predigt wieder ein Teildes ganzen Gottesdienstes wird.

Das sagt sich leicht und ist doch ungemein schwierig in einem theologischen wie kirchlichen Kontext, der schon in der Ausbildung die Predigt monopolisiert und den übrigen Gottesdienst vernachlässigt. Der Besuch von homiletischen Seminaren und das Schreiben einer Predigtarbeit ist für jeden und jede, die Theologie studieren, obligatorisch. Der Besuch eines liturgischen oder hymnologischen Seminares ist völlig in das Belieben der Studierenden gestellt, wenn denn überhaupt so ein Seminar im Studienangebot erscheint. Während es an einer Katholisch-Theologischen Fakultät selbstverständlich ist, dass es ein liturgiewissenschaftliches Institut gibt, wüsste ich keine Evangelisch-Theologische Fakultät, an der es einen Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft gibt. Eine Ausnahme bildet die Theologische Fakultät in Leipzig, für die die VELKD ein liturgiewissenschaftliches Institut eingerichtet hat. Das Übel setzt sich fort, wenn im ersten theologischen Examen ausschließlich Homiletik und Religionspädagogik geprüft werden, aber nicht die Möglichkeit vorhanden ist, liturgische Einsichten und Kenntnisse vorzutragen.

Wie kommt es zu dieser protestantischen Monopolisierung der Predigt? Offenbar hat sich ein reformatorisches Erbe verfestigt, das ursprünglich durchaus seine Wahrheit hatte, ging doch von der Predigt der Rechtfertigung auf die Menschen eine Befreiung von verknechtenden Gewissenszwängen aus. Die Menschen waren am Ende des Mittelalters der toten Riten überdrüssig und sehnten sich nach der Viva vox evangelii in Gestalt von Predigten.

Hat sich aber nicht dieser reformatorische Befreiungsvorgang zu einem neuen Zwangsritual verkehrt, wenn die Predigt zu einem für Prediger und Hörer auf jeden Fall zu absolvierendem Pflichtpensum wird, das die übrigen Teile des Gottesdienstes in den Schatten stellt? Ist es nicht längst an der Zeit, die Predigt im evangelischen Gottesdienst so weit zu relativieren, dass sie zu einem Teil des Gottesdienstes wird? Die anderen Teile des Gottesdienstes würden dann mehr Wirkung ausüben, wenn der Gottesdienst insgesamt sorgfältiger vorbereitet würde, und wenn vom Kantor über den Chor und den Lektor den Mitfeiernden mehr Raum gegeben würde, vom gemeinsamen Einzug in den Gottesdienst bis hin zu der im angelsächsischen Raum üblichen Weise, dass alle ein liturgisches Gewand bekommen, die den Gottesdienst mitgestalten.

 

Die Predigt als Teil des Gottesdienstes

Es geht mir also keineswegs um die Alternative: entweder Predigt oder Liturgie. Es geht mir vielmehr darum, die Predigt wieder als einen Teil der Liturgie zu entdecken, der sein Recht, freilich sein höchst begrenztes Recht bekommt, während die anderen Teile der Liturgie mit ihrem Gegengewicht zur Predigt wiederzuentdecken wären. Wiederzuentdecken wären aber auch andere Gottesdienstformen, in denen es von Zeit zu Zeit keine Predigt gibt, wie etwa das Taizé-Gebet oder den Sing-Gottesdienst oder das Morgenlob oder die Abendmahlsfeier. Vielleicht kann es auch nur bei einer kurzen Ansprache bleiben, die eher im Rahmen einer Abendmahlsfeier der Tischrede gleicht oder einem Grußwort. Neben der Vielfalt der Gottesdienstformen ist also auch die Vielfalt der Predigtformen wiederzuentdecken, sodass die 20minütige Kanzelpredigt den Charakter eines Pflichtpensums für Prediger und Gemeinde verliert und die Predigt, in welcher Form auch immer, nur ein möglicher Teil im Ablauf der Liturgie wird.

Was kann die Predigt dadurch gewinnen, dass sie Teil der Liturgie wird, in dem auch die anderen Teile des Gottesdienstes wieder zu ihrem Recht kommen? Nun kann der Gottesdienst ein konkordantes Auslegungsgeschehen werden, weil sich die verschiedenen Lesungen, die Epistel mit dem Evangelium oder mit der atl. Lesung gegenseitig auslegen. Aber auch die Lieder, die Gebete und die Psalmen mischen sich in dieses Auslegungsgeschehen ein. Es wird umso intensiver sein, je zurückhaltender alle Arten von Regieanweisungen werden, mit denen der Liturg der Gemeinde zu erklären versucht, was diese meist schon besser weiß. Im Hören ereignet sich mehr, als der unter Erklärungszwang stehende Liturg zu ahnen vermag. Der Prediger sollte davon Gebrauch machen, dass die Gemeinde schon vor Anfang der Predigt vieles gehört, gesungen und gebetet hat, was sich im Gehör der Gemeinde gegenseitig auslegt, wenn auch nur selten auf der Bewusstseinsebene, umso mehr aber im Unbewussten. Von Zeit zu Zeit kann es dann an der Zeit sein, in der Predigt auf diese Lesung oder jenes Lied wieder anzuspielen und den gemeinsamen Klang bewusst zu machen, der durch die Liturgie im Raum vorhanden ist. Dann wird aus der Freude an der Predigt mehr und mehr eine Freude am ganzen Gottesdienst.

 

Freude an der Predigt“ in der neueren Predigtgeschichte

„Freude an der Predigt“ wurde bei Ernst Fuchs zum Thema seiner Predigten.1 Ernst Fuchs gehörte zu jener Epoche der Theologie, die heute mit dem Sammelbegriff „Kerygmatische Theologie“ bezeichnet wird. Dazu gehören Theologen, die im Kirchenkampf in einer Gemeinde untertauchen mussten, weil sie auf der Seite der Bekennenden Kirche standen und deshalb ihre wissenschaftlich-akademische Laufbahn an der Universität nicht fortsetzen konnten. Diese Not wurde für sie aber deshalb zu einer Tugend, weil sie nun in der Gemeinde ständigen Umgang mit der Predigt hatten und die Erfahrung machten, von welcher atemberaubenden Aktualität gerade in den Zeiten des „Dritten Reiches“ ein biblischer Text sein kann. Zu solchen Predigern gehörten Karl Barth und Rudolf Bultmann, Helmut Gollwitzer und Hans-Joachim Iwand, Ernst Käsemann, Günther Bornkamm, Claus Westermann, Ernst Wolf, Hans Walter Wolff, Hermann Diem und eben auch Ernst Fuchs. Als Pfarrer der Bekennenden Kirche entdeckten sie die Gemeinde von der Predigt her als Schöpfung des Wortes, das die Menschen vor Gott stellt und sie zugleich der ideologischen Herrschaft ihrer Zeit entzieht. Deshalb stellten diese Theologen nach dem Zweiten Weltkrieg ihre theologische Arbeit in den Dienst der Verkündigung. Sie sahen in der Predigt den eigentlichen Fluchtpunkt ihrer exegetischen, dogmatischen oder praktisch-theologischen Arbeit. Die von Hans-Joachim Iwand begründeten Göttinger Predigtmeditationen vereinigten die Theologen aus den verschiedenen Schulen und waren das einigende Band von Theologie und Kirche in der Ausrichtung auf die Predigt.

 

Exegetische und dogmatische Engführung der Predigt

Ganz allmählich verlor dieses Band aber seine Wirkung, weil die aus der exegetischen Bultmann-Schule herkommenden Theologen sich in ihren Meditationen mehr und mehr in exegetischen Details verloren, doch den Weg zur Predigt kaum noch bahnen konnten. Die Theologen, die aus der dogmatischen Barth-Schule oder aus dem dogmatischen Luthertum kamen, waren meist mit steilen Thesen viel zu rasch bei der Predigt, nahmen aber den biblischen Text in seiner Widerständigkeit nicht ernst genug. Beide Seiten waren in der Predigt einem ganz ähnlichen Schema verpflichtet: vom Indikativ zum Imperativ bzw. von der Gabe zur Aufgabe oder vom Zuspruch zum Anspruch. Praktisch wirkt sich dieses Schema so aus, dass im ersten Teil der Predigt möglichst ausführlich in exegetischer oder dogmatischer Hinsicht auf den Text eingegangen wird, um dann im zweiten Teil die Frage anzuschließen: „Und was bedeutet das nun für uns heute?“ Welche Imperative, welche Aufgaben, welche Ansprüche folgen aus dem Text für die heutige Zeit? Nun wird entweder existential verallgemeinert oder politisch aktualisiert. Der einzelne Text aber verschwindet mit Hilfe der applikativen Kunst des Predigers in den Aufgaben und Ansprüchen für die Gemeinde. Verkürzt und karikiert: Der erste Predigtteil ist eine exegetische oder dogmatische Pflichtübung, während im zweiten Teil die persönliche Kür des Predigers in den entsprechenden Aktualisierungen folgt.

 

Empirische Engführung der Predigt

Gegenüber diesem Zweischritt der kerygmatischen Theologie gab Ernst Lange am Anfang der 1960er Jahre zu bedenken, ob denn für eine überzeugende Predigt wirklich die exegetische oder dogmatische Pflichtübung, zumal in ihrer steilen und überzogenen Ausformung, für die Menschen heute notwendig sei, oder ob das nicht eher eine Pflichtübung von Theologen für Theologen sei, die andere Menschen nur noch wenig interessiert. Wende man sich diesen anderen Menschen zu, dann müsse Predigen anders verstanden werden, nämlich so: „Ich rede mit dem Hörer über sein Leben. Ich rede mit ihm über seine Erfahrung und Anschauung, seine Hoffnung und Enttäuschung, sein Versagen, seine Aufgaben und sein Schicksal. Ich rede mit ihm über seine Welt und seine Verantwortung dieser Welt, über die Bedrohung und die Chancen seines Daseins. Er, der Hörer, ist mein Thema, nichts anderes. Freilich: er, der Hörer vor Gott.2

Das lief direkt oder indirekt auf die Forderung hinaus, die langweiligen exegetischen Erörterungen in der Predigt selbst und den überzogenen exegetischen Anspruch auf dem Weg zur Predigt endlich aufzugeben, das Pflichtpensum im ersten Predigtteil möglichst zu lassen und rasch zu dem zu kommen, worauf der Hörer ohnehin warte, dass nämlich seine Situation beredet und die „Großwetterlage“ der Zeit analysiert wird.

Was nun in den von Ernst Lange begründeten „Predigtstudien“, wie überhaupt in den Predigten der folgenden 25 Jahre, folgte, waren Reden voller Zeitanalysen, die das Gespräch mit dem Hörer suchen, seine Hoffnungen, seine Enttäuschungen besprechen, Gefühle des Predigers offenbaren usw. Dabei konnte kaum ausbleiben, dass durch die häufige Wiederholung allmählich Schablonen vom modernen Leben, vom modernen Menschen und seinen Gefühlen herauskamen. Waren es bis 1975 der Vietnam-Krieg und die Ölkrise, die auf den Kanzeln regierten, so folgten später der Terrorismus, die Arbeitslosigkeit, der Rassismus, das Klima oder die Migranten, aber auch die Ängste des modernen Menschen.

Dass in diesen Predigten viel guter Wille regiert, viel gute Absicht, um mit dem Hörer über sein Leben zu reden und möglichst nahe bei den Ängsten der Menschen zu sein, sei unbestritten. Dass auch biblische Texte ins Spiel kommen können, narrativ ebenso wie kreativ, problemorientiert ebenso wie tiefenpsychologisch, muss ebenso betont werden. Insgesamt aber kam es zu einer Predigtentwicklung, die Hörerreaktionen provozierte wie etwa: „Früher hörte ich in der Kirche das Wort Gottes und las anschließend die Zeitung; heute höre ich im Gottesdienst, was in der Zeitung steht, und muss mir anschließend das Wort Gottes selbst in der Bibel suchen.3

 

Selbstverundeutlichung“

Worauf es gegenwärtig in der Homiletik wie in der Predigt ankommt, beschreibt Fulbert Steffensky in seinem Buch „Das Haus, das die Träume verwaltet“: „Eine Homiletik für öffentliche Räume müßte darauf bestehen, daß das Gespräch mit der jüdisch-christlichen Tradition erkennbar geführt wird. Selbstverundeutlichung ist keine Lösung. Wir schulden einer säkularen Öffentlichkeit die Fremdheit unserer Geschichten. Zum andern müßten wir wissen, daß alle theologischen Sätze, die Bilder und die Geschichten der Tradition, sofern sie gut sind, einen menschheitlichen Gehalt haben. Sie gelten also nicht nur einem religiösen Binnenraum. Ich muß als Theologe auch einem Nicht-Christen verstehbar machen können, welche Schönheiten und welche Freiheitsmomente Begriffe wie Kreuz, Gnade, Vergebung und Schuld haben. Ich muß zeigen können, daß diese Nüsse essbare Kerne haben.4

In diesen Sätzen wird sowohl über eine kerygmatische wie über eine empirische Homiletik hinausgegangen, insofern die von der kerygmatischen Theologie geprägte Predigt mehr und mehr in einen religiösen Binnenraum exegetischer und dogmatischer Formeln führte, während die auf die Situation des Hörers bedachte Predigt zwar das Gespräch mit dem Hörer suchte, dabei aber die Fremdheit der biblischen Texte mehr und mehr vernachlässigte und so zu einer „Selbstverundeutlichung“ führte.

 

Die Predigt bittet an einen gedeckten Tisch

Worauf es bei der Freude an der Predigt ankäme, will ich mit einem Satz von Hans-Magnus Enzensberger nur andeuten: „In einer Zeit, die alles Vergangene an die Kandare der Reproduktion gelegt hat, der alle Überlieferung zuhanden ist und zuschanden wird, ist das Dasein des Textes einzigartig; er bittet uns an den ältesten Tisch und setzt uns das Frischeste vor.“ Den biblischen Text als heilsamen Stachel gegen alle Anpassungsversuche an den jeweils neuesten Trend zu entdecken, ja, das Dasein des biblischen Textes in seinem Geschriebensein als Teil der Fleischwerdung von Gottes Wort zu erkennen, darauf käme es an! Es reicht nicht aus, mit dem Hörer bloß über seine Sorgen und Probleme zu reden, weil er das meist ohnehin schon in seinem Kämmerlein oder mit seinen Freunden oder seiner Familie zur Genüge tut. Es reicht aber auch nicht aus, den Hörer bloß an die Flüsse Babels oder an den See Genezareth zu führen und ihm die historische Abständigkeit des biblischen Textes vorzuführen, weil er sich dann nur fragt: Was soll mir das alles? Natürlich gibt es zwischen dem aktualisierenden und dem historisierenden Holzweg noch eine Menge von Abstufungen und geschickten Übergängen, die aber im Kern auch nichts Neues bringen. Es hilft nichts, den biblischen Text für Zwecke und Probleme zu instrumentalisieren, für die ich ihn gern zum Zeugen hätte. Dann geht jene heilsame Fremdheit verloren, mit der der biblische Text „uns an den ältesten Tisch bittet und uns das Frischeste vorsetzt“.

 

Was sich niemand selbst sagen kann

Was ist denn das Frischeste, das uns der biblische Text immer wieder neu zu geben hat? In reformatorischer Elementarisierung gesprochen ist es das verbum externum. Gemeint ist jenes Wort, das keiner und keine sich selbst sagen kann, obwohl es ihm und ihr so notwendig ist wie täglich Brot und wie das Wort „Du, ich mag Dich“. Wer der Meinung ist, er könne sich das verbum externum doch selber sagen, der hat noch gar nicht entdeckt, was überhaupt ein Wort ist, das ich mir selber nicht sagen kann. Es ist für mich aufgeschrieben, damit es mir immer wieder testamentarisch zugesprochen werden kann. So ein Zuspruch des lebensnotwendigen Wortes ist die Predigt von Gottes Wort. Wo sich das verbum externum im hörenden Reden und beredten Hören ereignet, breitet sich Freude an der Predigt aus.

Der biblische Text will sakramental verstanden werden, sozusagen als Gabentisch, der austeilt, satt macht, weil er zur Sprache bringt, worin der Überfluß Gottes besteht. Dann kommt man zu der Einsicht, daß der Text ein Text der Verkündigung werden muß, weil Gott der Reiche ist und wir die Armen sind. Das ist die Kehre. Ihr Ereignis stellt die Aufgabe und das hermeneutische Problem. Die neue Hermeneutik will den Text wieder als Text der Verkündigung (Genitiv und Dativ) zu­rückgewinnen. Wir dürfen die historische Methode nicht auslassen, aber wir müssen sie sozusagen durchqueren. Unsere Füße werden naß werden, aber zuletzt werden wir getragen werden.5

Sakramentales Verstehen der biblischen Texte schließt historisch-kritische Methode nicht aus. Es kommt nur darauf an, die historisch-kritische Methode in einer hermeneutisch reflektierten Weise zu gebrauchen, damit die biblischen Texte nicht in einer abständigen, exotischen Fremde verschwinden, aus der sie dann mit gequälten Applikationen wieder herbeigeholt werden müssen. Bei einem sakramentalen Verstehen, wie Ernst Fuchs es meint, geraten die biblischen Texte in eine solche Fremde, in der wir uns selbst als Hörer und Leser dieser Texte fremd werden, und das heißt zugleich hungrig nach einem Wort, das wir uns selbst nicht sagen können. Im biblischen Text wartet es auf alle, die im Blick auf ihre Methoden, Applikations- und Instrumentalisierungsversuche kritisch geworden sind, weil hungrig nach einem Wort, das wir uns selber nicht sagen können. Mit so einem Hunger fangen wir an, den biblischen Text sakramental sozusagen als Gabentisch zu verstehen, der austeilt, satt macht, weil er zur Sprache bringt, worin der Überfluss Gottes besteht.

Hermeneutisch reflektiert mit der historisch-kritischen Methode umzugehen heißt also, mit dem biblischen Text in diejenige Fremde zu gehen, in der der Text unseren noch so gut gemeinten Vereinnahmungsversuchen entzogen wird und wir uns selbst fremd werden müssen, sodass wir das verbum externum des biblischen Textes zu hören beginnen, auf das alles um der Freude an der Pre­digt willen ankommt.

Wir dürfen die historische Methode nicht auslassenaber wir müssen sie sozusagen durchqueren. Unsere Füße werden naß werden, aber zuletzt werden wir getragen werden“ – damit ist eine exegetische Bemühung um den Text gemeint, die zunächst nach allen Regeln der methodischen Kunst beginnt, dann aber, je näher wir an die Sache des Textes herankommen, sich umkehrt, sodass der Text nicht mehr unser Objekt, sondern wir selbst mehr und mehr Objekte des Textes werden, der an uns zu arbeiten beginnt. Dann kommt es zu jenem Umschlag, der schon Kindern so viel Freude macht, wenn sie das Schwimmen erlernen, dass sie nämlich irgendwann die Erfahrung machen, wie das Wasser sie trägt und wie wenig sie sich selbst über Wasser halten müssen. So ist es auch im Umgang mit dem biblischen Text immer wieder beglückend, wenn ich die Erfahrung mache, wie sehr dieser Text mich trägt und wie wenig ich ihn tragen und zubereiten muss, um ihn künstlich attraktiv zu machen. Methodisch ist so eine Kehre nicht herbeizuführen, obwohl Methoden ein Stück weit dazu helfen können, dass ich zumindest in die Nähe eines solchen Wortes komme, das die Kehre in Gang setzt, indem es mich ergreift und zum ersten Hörer oder zur ersten Hörerin des Textes und später auch der Predigt macht.

 

Anmerkungen:

1 E. Fuchs, Freude an der Predigt, Neukirchen 1978.

2 E. Lange, Predigen als Beruf, Stuttgart 1976, 58.

3 Zit. in: „Was gilt in der Kirche?“ Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz, 9.

4 F. Steffensky, Das Haus, das die Träume verwaltet, Würzburg 1998, 27.

5 E. Fuchs, Jesus, Wort und Tat, Tübingen 1966, 140.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Christian Möller, Jahrgang 1940, Prof. für Prakt. Theologie an der Universität Heidelberg, seit 2005 emeritiert; Schwerpunkte in Forschung und Lehre: Gemeindeaufbau, seelsorgerlich predigen, Hymnologie, reformatorische Spiritualität.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 7/2020

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