Im November hat die EKD den Grundlagentext „Religiöse Bildung angesichts von Konfessionslosigkeit“ veröffentlicht. Darin soll die sehr heterogene Gruppe Konfessionsloser empirisch näher in den Blick genommen und danach gefragt werden, inwieweit hier besondere Herausforderungen kirchlicher Bildungsverantwortung liegen. Volker Linhard hat sich den Text näher angesehen.

Problematisch erscheint bereits der Begriff „konfessionslos“, der in dem vorliegenden Text formal definiert wird und zwei Aspekte beinhaltet: „Jemand wurde nicht getauft (bzw. in eine Religionsgemeinschaft aufgenommen) oder jemand ist aus der Kirche (bzw. einer anderen Religionsgemeinschaft) ausgetreten.“ (14) Auf keinen Fall soll damit eine Wertung verbunden sein, es geht lediglich um Mitgliedschaft und Nicht-Mitgliedschaft. Offen bleibt, ob diese Menschen sich selbst als einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen oder sich als gläubig bzw. religiös verstehen.

Die Einleitung formuliert vier Herausforderungen: Eine didaktische angesichts der heterogenen Bezugsgruppe, eine ekklesiologische durch den Rückgang der Mitglieder sowie eine theologische, die eine Bezugnahme auf Gott plausibel machen muss. Außerdem fragt sie nach der lokalen Praxis im globalen Horizont, bedingt durch weltweite religiös-christliche Entwicklungen. Darum wird Konfessionslosigkeit als eine „grundlegende religionspädagogische Herausforderung erkannt, in welcher der Beitrag der Kirche […] zur öffentlichen religionsbezogenen Bildung zur Debatte steht“. (19) Dies übersteigt dann formale Lehr-Lernprozesse und schließt auch pastorales, diakonisches, seelsorgerliches Handeln mit ein, die alle unter dem Aspekt der Bildung reflektiert werden müssen.

 

Dramatische Entwicklung

In einem ersten großen Kapitel werden empirische Daten vorgestellt. Die Gruppe der Konfessionslosen quantitativ zu erfassen ist letztlich nur durch eine Subtraktionsrechnung möglich. So kommt man bei einer Gesamtbevölkerung von 82 Mio. Menschen auf etwa 30 Mio. Konfessionslose, was 36% entspricht.

Hinter diesem Befund steht eine durchaus dramatische Entwicklung innerhalb der Evang. Kirche. In den Jahren 2016/17 ist die Mitgliederzahl um 736.000 gesunken, vor allem durch hohe Sterbezahlen, weniger Taufen und Kirchenaustritte. Bei letzterem zeigt sich ein kumulativer Effekt, da die Kinder der Ausgetretenen nicht mehr getauft werden. In 20 Jahren hat sich der Anteil der Evangelischen an der Gesamtbevölkerung von 34% auf 27% verringert. So muss man davon ausgehen, dass ein Großteil der Konfessionslosen ursprünglich, in der zweiten und dritten Generation, einen evangelischen Hintergrund besitzt. Das gilt insbesondere für die Bundesländer auf dem Gebiet der ehemaligen DDR, aber ­zunehmend auch im Westen, vorwiegend im urbanen Bereich.

 

Qualitative Unterschiede zwischen Ost und West

Es bestehen aber auch qualitative Unterschiede. So ist es im Westen, statistisch gesehen, der gut gebildete männliche Stadtbewohner, der zum Austritt neigt, während es in Ostdeutschland alle Schichten, Milieus, Geschlechter und Bildungsgrade betrifft. Und die Konfessionslosigkeit im Westen ist eher eine durch bewussten Austritt erworbene, während im Osten eine „ererbte“ vorherrscht, wo junge Menschen in keinerlei Berührungen mit Inhalten oder Formen kirchlichen Lebens gekommen sind. „Konfessionslos zu sein, ist also immer häufiger weder das Resultat eines existentiellen Trial-and-Error-Prozesses noch das Resultat einer vergleichenden Prüfung verschieden-religiöser ‚Angebote‘, die zu dem Ergebnis führt, dass man sich keiner Religion anschließen könne. Vielmehr findet man sich vor als jemand, der oder die keiner Religionsgemeinschaft angehört und auch keine Veranlassung sieht, sich mit Religion und Angehörigkeit zu befassen.“ (31)

Wie es innerhalb der Kirchenmitglieder ein breites Spektrum über „sehr/wenig/nicht religiös“ und verschiedenen Grade der Verbundenheit gibt, so fächert sich auch die Gruppe der Konfessionslosen in eine bunte Vielfalt auf. AgnostischePositionen lehnen einen vernunftgeleiteten Zugang zu Glaube und Religion ab, atheistische bestreiten entschieden eine Rede von „Gott“, während Indifferente oft keinerlei Interesse an religiöser Praxis zeigen, was zu einer areligiösenHaltung führen kann. Für andere ist es eine bewusste Entscheidung, sich nach einer intensiven Auseinandersetzung von der Kirche zu trennen, wobei sie weiterhin durchaus religiös interessiert und offen bleiben. Und eine weitere Gruppe umfasst Menschen, die nie Kirchenmitglieder waren, jedoch akzeptieren, dass es andere Überzeugungen gibt, und die unbefangen kirchliche Angebote im sozialen, pädagogischen oder kulturellen Kontext nutzen.

 

Was heißt „zugehörig“?

Dabei spielt im soziologischen Denken der Begriff der Zugehörigkeit eine wichtige Rolle, weil sich hier Überschneidungen zwischen Kirchenmitgliedern und indifferenten Konfessionslosen herstellen lassen. Dabei können rechtliche („Ich bin Mitglied im Kirchenbauverein“), biographische („Ich schätze den Religionsunterricht meiner Schulzeit“), soziale („Die Männergruppe der Gemeinde ist mir wichtig“) oder ideelle („Die theologischen Gespräche mit der Pfarrerin sind sehr anregend“) Motive eine Rolle spielen. So zeigt diese Annäherung eine sehr heterogene Gruppe von Menschen mit individuellen Lebensgeschichten, die keinesfalls in einem religiösen Vakuum leben.

Aus dem folgenden Blick auf Ost und West seien lediglich zwei Beobachtungen genannt. Während man in Ostdeutschland von einer religiösen Bildung in einer systemischen Konfessionslosigkeit sprechen kann gibt es im Westen vielerlei Anknüpfungspunkte. Die Arbeit mit Jugendlichen birgt in beiden Kontexten große Chancen: Im Osten etwa das Angebot einer „religiösen Jugendfeier“ zwischen Konfirmation und Jugendweihe. Oder im Westen die Einladung an ungetaufte Jugendliche, die Vorbereitung auf die Konfirmation mitzuerleben. So stehen 11.000 sog. „Spättaufen“ im Jahr 2016 etwa 20.000 Erwachsenentaufen gegenüber. Eine weitere Möglichkeit sind übergemeindliche Gottesdienste für ganz bestimmte Zielgruppen zu unterschiedlichen Anlässen (Landesgartenschau, Gottesdienst mit Haustieren, Valentinstag etc.) oder auch die Vesperkirchen, die vermehrt angeboten werden.

Hinsichtlich religiöser Bildungsarbeit wird eine Gruppe der Konfessionslosen hervorgehoben: Menschen, die spirituell interessiert sind, aber aufgrund einer intellektuellen Redlichkeit eine Mitgliedschaft in der Kirche verweigern. Ihnen nahe sind Personen innerhalb der Kirche, die sich eher als „Zweifler“ verstehen und mit den Widersprüchen innerhalb der Kirche ringen.

 

Beobachtungen bei der Wahrnehmung kirchlicher Bildungsverantwortung

Es werden fünf Beobachtungen bei der Wahrnehmung kirchlicher Bildungsverantwortung ausgemacht. Gesellschaftlichwird die Kirche in Zukunft, was Fragen der Bildungs(mit)verantwortung betrifft, an Relevanz und Plausibilität verlieren. Organisatorisch müssen wir uns auf sinkende Teilnehmendenzahlen einstellen und stärker auf ökumenische Kooperation setzen. Inhaltlich wird unsere evangelische Position noch stärker lediglich eine Stimme in einem vielstimmigen Chor von Daseinsdeutungen sein. „Es […] geht um die werbende und einladend-anfangshafte Erschließung von Orientierungen, die sich erst einmal als für die je eigene Lebensführung und -deutung relevant und dann – angesichts möglicher Alternativen – sogar als plausibler, tragfähiger, hilfreicher erweisen müssen.“ (56) Didaktisch-methodisch gilt es, in der Bildungsarbeit mit jungen Menschen die elementaren Inhalte christlicher Symbole und Sprache grundzulegen.

 

Spezifisch deutsches Problem?

In einem zweiten kleineren Kapitel wird Konfessionslosigkeit biographisch und (wissens-)soziologisch gedeutet. Dabei werden drei maßgebliche aktuelle Plausibilitätsstrukturen ausgemacht, die für die eigene Lebensführung bedeutsam sein können und mit hoher Wahrscheinlichkeit zu einer religionskritischen oder zumindest indifferenten Haltung beitragen: Rationalität, Naturwissenschaft und Technik sowie Effizienz. In interkultureller Perspektive zeigt sich, dass Konfessionslosigkeit ein spezifisch deutsches Problem ist, weil es mit dem Bedeutungsverlust der Großkirchen korrespondiert und das Christliche längst nicht mehr aus sich selbst heraus plausibel ist.

Danach wird in drei umfangreichen Kapiteln auf Optionen, Ziele, Grundsätze und Aufgaben „kirchlichen (Bildungs-)handelns und theologischer Reflexion angesichts konfessionsloser Muster der Lebensführung und -deutung“ (77) eingegangen. Dabei spielt das evangelische Verständnis von Kirche als Teil dieser Wirklichkeit, die den Dialog auf Augenhöhe sucht, eine große Rolle. Zentral sind hierbei die Begriffe Verstehen, Ernst nehmen, Glaubwürdigkeit und selbstkritische Reflexion. „Kirchliche Strukturen und Handlungsformate sind daran zu messen, ob sie die Kommunikation des Evangeliums mit ‚aller Welt‘ nach menschlichem Ermessen bestmöglich fördern – im Wissen darum, dass sie deren Gelingen nicht bewirken können“. (83)

 

Dreisprachigkeit“ in der Kommunikation des Evangeliums

Der Text schlägt vor, die Grundsätze der Begegnung mit Menschen anderer Religionen auf den Dialog mit Konfessionslosen anzuwenden. So erweitert sich die ökumenische und interreligiöse Begegnung zu einer „Dreisprachigkeit“, in dem Konfessionslosigkeit als gelebte Weltdeutung ernst genommen wird. Dabei kommen grundlegende Ziele in den Blick: Mögliche Kontaktflächen wahrzunehmen und zu pflegen, etwa die Begrüßung neu Zugezogener oder der Gottesdienst zur Einschulung, sowie die Bedeutung des Evangeliums für Einzelne aufzuschließen und dessen Lebensdienlichkeit sichtbar zu machen. Auch hier taucht wieder das Stichwort der Glaubwürdigkeit auf, denn gerade im selbstkritischen Dialog lernt Kirche hinzu und besinnt sich argumentativ auf ihre eigenen Quellen. Unter den Grundsätzen seien „Pluralismusfähigkeit aus Überzeugung“ (100) und „Streitbarkeit und Respekt“ (103) herausgegriffen, die dem Protestantismus innewohnen und es ihm ermöglichen, Vielfalt und Auseinandersetzung als positive Bezugsgrößen ernst zu nehmen.

Es werden ausführlich Aufgaben in den Blick genommen, wobei grundsätzlich darauf zu achten ist, Prioritäten abzuwägen, sich auf die Eigenlogik konfessionsloser Lebensdeutung wirklich einzulassen und mutige Experimentierfreude zuzulassen. Einige dieser Aufgaben seien hier stichpunktartig genannt:

â–® Familie, Kindertagesstätte und gemeindepädagogische Arbeit mit Kindern/Jugendlichen als Lernort unterstützen
â–® Religion als Teil der Allgemeinbildung in Elementarbereich, Erwachsenenbildung und schulischer Bildung etablieren
â–® Lebens- und Weltdeutungen Konfessionsloser mit der Theologie lernend ins Gespräch bringen
â–® den bildenden Charakter kultureller Errungenschaften des christlichen Abendlandes ins Spiel bringen
â–® Konfessionslosigkeit im Religionsunterricht stärker in den Blick nehmen
â–® Christsein als sinnerfüllende Lebensgestaltung in unterschiedlichsten Kontexten sichtbar machen
â–® klassische kirchliche Arbeitsfelder für Konfessionslose öffnen.

So bietet der Grundlagentext der EKD eine profunde und klärende Zusammenstellung wichtiger Fragen im Zusammenhang mit Konfessionslosigkeit und bietet vielfältige Anregungen, die kirchliche Praxis zu hinterfragen und auch auf diese Zielgruppe hin kreativ auszurichten.

 

Volker Linhard

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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