Hauptsache gesund“ lautet heute das Motto von Menschen, für die Gesundheit zum wichtigsten Lebensziel avanciert ist. Dort, wo Gesundheit so hoch gehalten wird, stellt sich jedoch die Frage, wie man mit Kranken umgeht, die im Wettbewerb um äußerliches Wohlbefinden, körperliche Fitness und optimales Leistungsvermögen nicht mithalten können. Elisabeth Hurth sieht eine „Gesundheitsdiktatur“ auf dem Vormarsch, in der Gesundheit ein Kriterium vollwertigen Menschseins darstellt, und hält dem ihre biblisch motivierte Auffassung von Krankheit, Schuld und Heil entgegen.

Dass kranke Menschen mit allen Mitteln versuchen, ihre Gesundheit wiederzuerlangen, ist kein neues Phänomen. Neu aber ist der Wert, der Gesundheit heute zugeschrieben und der angesichts der Corona-Pandemie geradezu auf die Spitze getrieben wird. Eine zunehmende Zahl von Menschen vertraut dieser Tage dabei nicht mehr der klassischen Apparatemedizin, verheißt doch der seit dem 21. Jh. angefachte digitale Fortschrittsoptimismus mehr als die Apparatemedizin je leisten kann: die Beseitigung aller krankmachenden Faktoren. Internet-Gurus wie Mark Zuckerberg sind gar überzeugt, dass man mit digitaler Technologie Krankheit an sich aus der Welt schaffen kann.1

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und auf diesem Weg setzen Menschen alles daran, ihre Gesundheit zu erhalten und zu optimieren. „Hauptsache gesund“ lautet nunmehr das Motto von Menschen, für die Gesundheit – vor allem in Corona-Zeiten – zum wichtigsten Lebensziel avanciert ist. Dort, wo Gesundheit so hoch gehalten wird, stellt sich jedoch die Frage, wie man mit Kranken umgeht, die im Wettbewerb um äußerliches Wohlbefinden, körperliche Fitness und optimales Leistungsvermögen nicht mithalten können. Allein dass Kranke sich einem solchen Wettbewerb stellen müssen, ist ein Indiz dafür, dass eine „Gesundheitsdiktatur“ auf dem Vormarsch ist, „in der Gesundheit immer mehr zum Imperativ wird, zur Eintrittskarte in den Club vollwertiger Menschen“.2

Das Motto „Hauptsache gesund“ offenbart damit letztlich, woran Menschen kranken, deren Leben nur um Gesundheit kreist und die ihr Heil in der Gesundheit suchen. Vor allem Letzteres kann zur religiösen Aufladung des Gesundheitsverständnisses führen. Diese Entwicklung sagt auch etwas über eine Kirche aus, deren Heilsbotschaft zunehmend ihre lebensprägende und orientierende Kraft verliert und die die Tatsache konfrontieren muss, dass nunmehr Gesundheit, nicht aber Gott das höchste Gut ist.

 

Vollkommene Gesundheit?

Im Buch Jesus Sirach wird Gesundheit geschätzt und gepriesen. Gesundheit ist mehr wert als aller Reichtum dieser Welt: „Kein Reichtum ist zu vergleichen mit einem gesunden Körper“ (Sir. 30,16). Von hier aus „ist es besser, einer ist arm und dabei frisch und gesund als reich und mit Krankheit geschlagen“ (Sir. 30,14). Wer an allen möglichen Krankheiten leidet, dem nützt somit auch „alles Gold“ nicht (Sir. 30,15). Daher gilt es, sich angemessen um seine Gesundheit zu kümmern. Jeder Einzelne ist aufgefordert, „für seine Gesundheit zu sorgen, bevor er krank wird“ (Sir. 18,19).

Diese Sorge um die Gesundheit umfasst Verhaltensregeln, die heutige Gesundheitsapostel ebenfalls beherzigen. Jeder, der „Maß hält“ und „gelassen“, ausgeglichen und optimistisch lebt, vermag so seinen Körper gesund zu erhalten (Sir. 31,20; Spr. 14,30). Wer das, „was er tut, richtig tut, wird auch nicht krank werden“ (Sir. 31,22). Auch diese biblische Aussage scheint der heutigen Gesundheitsmoral zu entsprechen, nach der derjenige, der gesund lebt und „richtig“ mit seinem Körper umgeht, ihn fit und in Form hält, auch gesund bleibt. Aber diese Moral, durch die Gesundheit etwas Machbares wird, über das der Mensch selbst verfügen kann, hat keine Gültigkeit vor Gott. Wir können nicht davon ausgehen, dass es dem, der alles für seine Gesundheit tut, auch tatsächlich gut geht. Gottes Handeln lässt sich nicht auf diese Kausalität festlegen. Auch der gute, gesunde Mensch kann erkranken und sterben, ohne „lebenssatt“ zu sein (1. Mos. 25,8).

Hiobs Leidensgeschichte zeigt, dass Gesundheit kein Verdienst ist, der einem Menschen zusteht, weil er treu und gottesfürchtig lebt. Das Unaufgelöste, Widersprüchliche, das hier offenbar wird und zu unserem Leben gehört, können wir nicht letztgültig erklären. So rätselhaft unser Leben ist, so rätselhaft ist Gott. Wir kennen ihn nicht. Das Widersprüchliche aushalten, das Rätselhafte annehmen zu können, ist nicht nur eine Lebenskunst, sondern auch Ausdruck einer Lebenshaltung, die von der Hoffnung getragen ist, dass in einer neuen Welt Krankheit und Leid „nicht mehr sein werden“ (Offb. 21,4).

Für viele Menschen stellt diese Hoffnung eine Vertröstung dar, mit der man sich nicht abfinden will. Man ist vielmehr im Sinne der WHO-Definition von Gesundheit überzeugt, dass vollkommene Gesundheit „als Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens“ tatsächlich erreicht werden kann.3 Die Gesundheitskrise, die die Corona-Pandemie ausgelöst hat, ist an dieser Stelle vielleicht auch ein Hinweis darauf, dass der Mensch vollkommene Gesundheit nicht herzustellen vermag. Dort aber, wo man in Sachen Gesundheit nur auf das setzt, was man aus eigener Kraft bewerkstelligen kann, entsteht ein Anspruchsdenken. Man glaubt, gleichsam ein Recht auf Gesundheit zu haben. Dem steht die biblische Aussage gegenüber, dass Gesundheit eine Gabe Gottes ist (Sir. 38,14).

 

Heilung kommt vom Höchsten“ (Sir. 38,2)

Gott ist nach dem Zeugnis des AT der alleinige, souveräne Arzt (2. Mos. 15,26). Menschen danken ihm nach ihrer Heilung. An ihn richten sie die Bitte um Gesundung, aber auch die Klage wegen Krankheit. Nach der Botschaft des biblischen Weisheitsbuches können „weder Kraut noch Pflaster“, weder innere noch äußere Behandlung, den kranken Menschen gesund machen. Vielmehr ist es das „Wort“ des Herrn, „das alles heilt (Weish. 16,12). Er hat „Gewalt über Leben und Tod“, über Gesundheit und Krankheit (Weish. 16,13).

„Ich bin der Herr, dein Arzt“, so die Selbstaussage Gottes (2. Mos. 15,26). Er heilt seelische Wunden. Er „heilt, die zerbrochenen Herzens sind“ (Ps. 147,3). Gott heilt aber auch ganz konkret körperliche Wunden. Er „macht“ den todkranken König Hiskia, der an einem Geschwür leidet, wieder „gesund“ und „gibt fünfzehn Jahre zu dessen Leben dazu“ (2. Kön. 20,5-6). Heilmittel werden dabei zur Behandlung des Geschwürs angewandt. Ihre heilende Wirkung ist ebenfalls von Gott abhängig. „Er hat die Arznei aus der Erde geschaffen“ (Sir. 38,4). Ohne Gott ist der Einsatz von Arzneimitteln vergebens. Allein durch natürliche medizinische Mittel ist Krankheit somit „nicht zu heilen“ (2. Chr. 21,18).

In diesen Zusammenhang ist das biblische Lob des Arztes einzuordnen. Dem Arzt gebührt „Verehrung“, seine „Hand hilft“ (Sir. 38,1.13). Daher „braucht ihn“ der Kranke (Sir. 38,12). Aber die „Kunst des Arztes“ verselbständigt sich nicht (Sir. 38,3). Der Arzt ist Geschöpf Gottes. Die Heilkunst des Arztes „erhöht den Herrn“ (Sir. 38,3; vgl. 38,1). Als Geschöpf Gottes weiß der Arzt um die Begrenztheit seiner Behandlung. Er weiß, dass ihm nur mit Gott die Behandlung „gelingen“ wird (Sir. 38,14). „Heilung kommt vom Höchsten“ (Sir. 38,2). Entsprechend „bittet der Arzt den Herrn, dass der Kranke gesund wird“ (Sir. 38,14). Diese Bitte geht allen Bemühungen des Arztes um Heilung voraus. Sie ist damit ein Korrektiv zu dem medizinischen Allmachtsanspruch, der heute mit einem Gesundheitshype einhergeht.

 

Gesundheitsreligion

Religiöses Heil bedeutet nach dem griechischen Wort „soteria“ Hilfe und Rettung. Sie kann sich auch auf die leiblich-seelische Gesundheit beziehen. Aus biblischer Sicht richtet sich die Heilshoffnung jedoch nicht nur darauf, dass der Kranke von seinen körperlichen und psychischen Leiden befreit wird. Im Heil erfüllt sich das Menschsein an sich. Heil ist das, was Menschen zutiefst erwarten und ersehnen, dass Gott an ihnen handelt und sie erlöst.4

Der christlichen Heilsverheißung steht heute eine Gesundheitsreligion gegenüber, in der Heilshoffnungen auf den Erhalt der Gesundheit projiziert werden. Gesundheit wird dabei idolisiert. Es geht nicht mehr um den „Gott unseres Heils“, den wir „loben“, sondern um den gesunden heilen Körper, den wir stählen (Ps. 18,47). „Ich weiß von keinem Gut außer dem Herrn“, so lautet das Bekenntnis in Ps. 16,2. Dieser Tage dreht sich das Leben – nicht zuletzt wegen der Corona-Krise – um kein anderes Gut als um Gesundheit.

In der Gesundheitsreligion arbeitet die Medizin diesem höchsten Gut zu. Die Erwartungen an die Medizin steigen nahezu ins Unermessliche. Dem steht die biblische Kritik an einer Medizin gegenüber, die vom Menschen her etwas leisten soll, was nur Gott zukommt. Asa, der König von Juda, der „töricht“ und ungläubig gehandelt hat, „sucht auch in seiner Krankheit“ lediglich Ärzte um Hilfe auf (2. Chr. 16,9.12). Versöhnung mit Gott vermögen die Ärzte Asa jedoch nicht zu geben. Wer an einer untreuen, gottlosen Lebensweise leidet, dem hilft „keine Salbe“ und „kein Arzt“ (Jer. 8,22). Alle medizinischen Bemühungen kommen dort an ihre Grenze, wo in der Krankheit etwas Unheiles offenbar wird.

Die Gesundheitsreligion steht, so die Annahme, im Zeichen eines diesseitigen Heils, von dem sich Menschen alles Glück dieser Erde erwarten.5 Aber die Gesundheitsreligion ist heute längst nicht mehr nur auf Heilserwartungen ausgerichtet, die durch den hier und jetzt erreichbaren optimalen Gesundheitsstatus erfüllt werden. Über die eindrucksvollen Fortschritte von Gentechnik und Biomedizin hinaus verheißt vor allem der Transhumanismus eine digitale Unsterblichkeit, in der die begrenzte analoge Lebenszeit, die an den „Alterungsprozess“ gebunden ist, keine Rolle mehr spielt.6 Der Transhumanismus läutet so eine neue Anthropologie ein, in der ein Mensch auftritt, der mit seiner ewigen Online-Existenz die Kränkung der Krankheit überwindet.

 

Krankheit – eine Strafe Gottes?

Dass Menschen weltweit an dem Corona-Virus erkrankt sind, ist, folgt man kirchlichen Verlautbarungen, „keine Strafe Gottes“. Gott kann nicht die Ursache von etwas Schlimmem sein. Er will vielmehr, „dass es uns gut geht“.7 Dazu fügt sich die heute gängige Auffassung, dass Gott keine Krankheiten schickt. Dem stehen jedoch biblische Aussagen gegenüber, nach denen Gott die, die ihm „nicht gehorchen“, mit Krankheit „schlägt“ – „mit Auszehrung, Entzündung, Fieber, Wundbrand“ (5. Mos. 28,15.22). Mehr noch: Wer Gott „nicht fürchtet“, über den wird er „alle Krankheiten kommen lassen“, bis der Betroffene „vertilgt ist“ (5. Mos. 28,58.61).

In einer Welt, die Gott nicht mehr „dient“ und ihn „verlassen“ hat, wird Krankheit somit unmittelbar von Gott verursacht (5. Mos. 28,20.47). Wer „tut, was recht ist vor Gott“ und „merkt auf seine Gebote“, dem „erlegt Gott keine Krankheiten auf“ (2. Mos. 15,26). Wer aber nicht tut, was Gott „gebietet“, dem „wird Gott die Pest anhängen“ (5. Mos. 28,15.21). Krankheiten werden ihn „verfolgen“, dass er „nicht geheilt werden kann“ (5. Mos. 28,22.27). Gottes Handeln ist dabei geradezu unerbittlich. Er „lässt Unheil über die kommen“, die wie König David „sein Wort verachten“ (2. Sam. 12,9.11). Gott „schlägt das Kind, das Urias Frau David geboren hat, dass es todkrank wird“ (2. Sam. 12,15).

Krankheit, wie sie hier beschrieben wird, ist nicht nur ein körperliches Gebrechen. Sie hat auch mit Gott und dem Heil des Menschen zu tun. Sie ist Ausdruck einer Heilskrise, die die Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf betrifft. Der atl. Mensch erfährt Krankheit als Infragestellung dieser Beziehung. Krankheit wird zurückgeführt auf menschliches Fehlverhalten, die Sünde vor Gott, die den Menschen von ihm trennt und entfremdet. Auf Sünde folgt Krankheit. „Es ist nichts Heiles an den Gebeinen wegen der Sünde“ (Ps. 38,4).

Mirjam, die „gegen Gottes Knecht Mose geredet hat“, muss die Folgen ihrer Sünde tragen (4. Mos. 12,8). Sie erkrankt an Aussatz. Dieser Tun-Ergehen-Zusammenhang wird in Ps. 41 als Krankheit-Schuld-Kausalität thematisiert: „Herr, heile mich; denn ich habe an dir gesündigt“ (Ps. 41,5). Im Sinne dieses Bittgebets ist es bei einer Erkrankung entscheidend, sich zuerst mit Gott zu versöhnen. Dann erst soll ein Arzt für die körperliche Heilung konsultiert werden (vgl. Sir. 38,10-12).

 

Die Kausalität von Schuld und Krankheit heute

Im heutigen Krankheitsverständnis fällt diese Vorbedingung für Heilung aus. Heilung ist um ihren Gottesbezug gekappt. Aber ein Grundzug des atl. Gesundheitsverständnisses bleibt erhalten. Gemäß der Gesundheitsdiktatur gilt: Wer Regeln bricht, wer nicht an seinem Körper arbeitet, wird krank. Diese Regeln legt sich der Mensch nunmehr selbst auf. So ist etwa im Self-Tracking Gesundheit das Ergebnis, der Lohn eigener Leistung. Wer seinen Körper mit Gesundheits-Apps vermisst und alle Vorgaben erfüllt, der bleibt gesund. Wer sich jedoch gehen lässt und die Regeln des Gesundheitskanons nicht einhält, der erkrankt. Krankheit ist also Folge von Fehlverhalten. Der Betroffene ist selbst für seinen Zustand verantwortlich. Damit scheint auch hier die atl. Schuld-Krankheit-Kausalität wieder auf.

In den Psalmen spricht der Kranke aus tiefster Not und Verzweiflung zu Gott. Der Kranke fragt nach Gott, er sehnt sich nach dessen heilendem Handeln und dessen Gnade. Die Bitte um Heilung ist auch eine Bitte um Vergebung der Sünden. Das Handeln dieses Gottes, den der Kranke um Vergebung und um Heilung bittet, wird in der Gesundheitsdiktatur durch einen gnadenlosen Umgang mit Krankheit ersetzt. Der kranke Mensch ist ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Nach dem Prinzip „Jeder ist seines Glückes Schmied“ ist der Kranke jemand, der selbstverschuldet sein Glück und seine Gesundheit verloren hat.

 

Der dunkle Gott

Gemäß dem biblischen Krankheit-Schuld-Zusammenhang ist der Mensch nicht sein eigener Richter, er muss sich Gottes Urteil und seiner Strafe stellen – einer Strafe, in der die zerstörte, unheile Beziehung des Menschen zu Gott offenbar wird. Weil Menschen Gottes „Satzungen“ missachten und „seine Rechte verabscheuen“, „entbrennt sein Zorn gegen sie“ (3. Mos. 26,15; 4. Mos. 12,9). Gott „züchtigt“ sie und „sucht sie heim“ mit Krankheiten, dass „das Leben hinschwindet“ (3. Mos. 26,16.18).

Ein zorniger, „grimmiger“ Gott, der droht, „schrecklich“ mit dem ungehorsamen Menschen „umzugehen“ und ihn mit „bösen und anhaltenden Krankheiten zu schlagen“, ist offenkundig unvereinbar mit jenem verlieblichten Gott, dem viele Menschen heute anhängen – einem Gott, der jedem Einzelnen nur Gutes will und sich entsprechend menschendienlich verhält (3. Mos. 26,28; 5. Mos. 28,59). Dieser verlieblichte Gott ist eine Projektion menschlicher Träume und Erwartungen. Er ist Menschengott, ein domestizierter Happy End-Gott, der als „deus ex machina“ immer zur Stelle ist, wenn der Mensch es wünscht. So dominiert das Bild eines sanften, „soften“ Gottes, der es allen recht macht.

Die „Softversion“ Gottes verharmlost die Gottesbeziehung. Sie unterschlägt die dunklen Seiten Gottes, dessen Handeln so fremd und unverständlich erscheint, dass man es kaum aushalten kann.8 Dieser dunkle Gott hat den Menschen offenbar „vergessen“ (Ps. 42,10). Er ist „fern“, er schweigt. Er „antwortet nicht“ auf das Bitten und Flehen des Menschen (Ps. 22,2-3). Gott folgt nicht den Bedingungen einer menschengemachten heilen Welt. Er „schafft“ Heil und „Unheil“ (Jes. 45,7).

Aus biblischer Sicht ist dies ein Erweis der Souveränität Gottes. Heil und Unheil, Gesundheit und Krankheit sind von Gott umfangen. „Er kann schlagen und kann heilen“ (5. Mos. 32,39). Diese für viele heute unverständliche, wenn nicht gar unerträgliche Aussage entspricht dem atl. Gottesbild, in dem Gott „Alleinursache“ aller Ereignisse ist.9 Es gibt kein Leben ohne Gott, alles Leben ist von ihm abhängig. Er „tötet und macht lebendig“ (1. Sam. 2,6).

Ob Licht und Dunkel, ob Heil oder Unheil – Gott ist der, der „dies alles tut“ und werden lässt (Jes. 45,7). Dass dieser Gott nicht als unbarmherzig und menschenfeindlich erfahren wird, entspricht der biblischen Grundansicht, dass Gott „Wirkursache“ hinter allem ist, hinter dem Guten und dem Bösen.10 Daher gilt: „Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen?“ (Hiob 2,10).

Damit wird der Glaube daran, dass Gott „treu“ ist, nicht in Frage gestellt (5. Mos. 32,4). Gottes Güte wird durch die Existenz des Bösen und seine schlimmen Folgen nicht angetastet. Es „ist kein Böses an ihm“ (5. Mos. 32,4). In der Bibel finden sich Bekenntnisse, die dies bestätigen, aber auch Verweise darauf, dass man die „Finsternis“, die Gott „schafft“, nicht von der „guten Gabe“ des „Vaters des Lichts“ trennen kann (Jes. 45,7; Jak, 1,17). Es besteht eine Spannung zwischen den jeweiligen Aussagen, für die es keine abschließende Erklärung gibt. Dem gnädigen Schöpfungshandeln Gottes und dem Heil, das sich endzeitlich vollendet, steht das Schlimme, Unheile gegenüber, das in der Krankheit hervortritt. Auch hier zeigt sich die dunkle Seite eines Gottes, dessen „Ratschluss“ zu „hoch“ für uns ist und dessen Wege wir „nicht verstehen“ (Hiob 42,3).

Wenn Gott als der beschrieben wird, der sowohl krank machen als auch heilen kann, ist dies eine Aussage über das Verwiesensein des Menschen auf Gott und zugleich eine Aussage über Gott selbst. Alles liegt in der Macht Gottes. „Er vermag alles“ (Hiob 42,2). Wer daran glauben kann, dass wirklich alles in Gottes Macht liegt, der „will wieder zum Herrn kommen; denn er hat uns zerrissen, er wird uns auch heilen, er hat uns geschlagen, er wird uns auch verbinden“ (Hos. 6,1).

In aufgeklärten, postmodernen Zeiten, in denen man mit digitalen Mitteln die Welt vollständig aufschlüsseln und für jedes Geheimnis eine (Google-)Antwort erhalten will, können viele mit diesem rätselhaften Gott nichts mehr anfangen und wenden sich von ihm ab. Nach biblischem Zeugnis jedoch ist das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann, nicht Krankheit und Leid, sondern ein Leben ohne Gott.

 

Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht“ (Mt. 25,36)

Das NT übernimmt in weiten Teilen die atl. Auffassungen über Krankheit und ihre Ursachen. Auf Sünde folgt Krankheit. Wegen ihrer Schuld, wegen ihrer Ehrfurchtslosigkeit gegen „den Leib und das Blut des Herrn“ werden Menschen krank (1. Kor. 11,27). Auch Jak. 5 liegt der unmittelbare Konnex zwischen Sünde und Krankheit zugrunde. Das Sündenbekenntnis geht der Gesundung voraus (Jak. 5,16). Schuld und Krankheit hängen als Ursache und Wirkung voneinander ab.

Von hier aus ist die Heilung des Gelähmten in Mk. 2 nicht nur ein Ausweis der Wirkmächtigkeit der Worte Jesu (Mk. 2,1-12). Das Heilungswunder nimmt auch das atl. Verständnis von Krankheit auf. Die Lähmung ist eine Folge der Sünde. Nicht die Heilung des Gelähmten steht entsprechend im Vordergrund, sondern die Zusage der Vergebung der Sünden. Sie ist Voraussetzung für die kurative Wirkung, die sich in der leiblichen Gesundung zeigt.

Von dem kausalen Zusammenhang von Krankheit und Schuld weicht vor allem Joh. 9 ab. Weder eigene Schuld noch die der Eltern ist für die Krankheit verantwortlich. Krankheit erhält hier eine Bedeutung jenseits der Krankheit-Schuld-Kausalität. An dem Kranken sollen vielmehr die „Werke Gottes offenbar werden“ (Joh. 9,3). Durch die Heilung wird Gott verherrlicht.

Die Krankenheilungen Jesu zeugen nicht nur von der Wirksamkeit göttlicher Macht. Sie künden auch von einem Gott, der mit seinem leidenden Geschöpf mitleidet und mitfühlt, wenn Menschen blind oder taub sind oder jahrelang gelähmt daliegen (Mk. 22-25; Mk. 7,31-35; Joh. 5,5-9). Dieses Mitleiden Gottes weist über die Heilung an sich hinaus. Es verweist auf die endgültige Erlösung von „Tod, Leid und Schmerz“ durch Gott, der „große Dinge tut“ und zugleich „an uns nach seiner Barmherzigkeit handelt“ (Offb. 21,4; Sir. 50,22).

Der kranke Mensch bedarf einer besonderen Barmherzigkeit. So wie Jesus sich dem Kranken zuwendet, sollen auch wir dem Kranken beistehen und uns ohne frommes Gehabe um ihn kümmern. Eine Gesellschaft, in der Gesundheit das wichtigste Lebensziel ist, läuft dagegen Gefahr, Krankheit zu verdrängen und den Kranken auszugrenzen. Jesu Verhalten dem Kranken gegenüber zeigt, dass Krankheit kein Stigma sein darf. Für den Kranken zu sorgen und ihn zu achten, bedeutet letztlich, Jesus selbst zu dienen (Mt. 25,36).

 

Dein Glaube hat dich gesund gemacht“ (Mk. 5,34)

Menschen verfügen heute in Sachen Krankheitsvermeidung über ganz neue Möglichkeiten. Sie werden und bleiben durch Technik gesund.11 Die blutflüssige Frau, von der das Markusevangelium berichtet, hat sich vergebens an Ärzte gewandt und dabei „all ihr Gut“ verloren (Mk. 5,26). Sie vertraut auf den Arzt Jesus, dessen Heilswirken über das hinausgeht, was Medizin erreichen kann. Die Frau, die als unheilbar gilt und wegen ihrer Krankheit von anderen gemieden wird, wendet sich Jesus zu. Ihre Zuwendung zeigt, dass sie an die Kraft und den Willen Jesu glaubt, sie von ihrer Krankheit zu befreien. Jesus nimmt die Zuwendung der Frau an und sagt entsprechend: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht“ (Mk. 5,34).

In dieser Heilung können Menschen zeichenhaft erkennen, wie Gott sich in Jesus zu seiner Schöpfung verhält. Dort, wo Jesus ist, werden Krankheit und Tod überwunden. Solche Zeichen gibt es auch heute. Kranke können durch das gläubige Gebet geheilt werden. Der Glaube kann also „Berge versetzen“ und einen Kranken gesund machen (Hiob 9,5). Wenn aber Gesundheit ein Wert an sich ist, ist der Glaube oft nur Mittel zum Zweck. Man benutzt ihn, um positive medizinische Effekte zu erreichen. Dabei stehen diese Effekte im Vordergrund, nicht aber Gott.

Dort, wo Glaube als Medikament instrumentalisiert wird, geht es letztlich auch darum, Macht über ihn zu erlangen. Glaube im biblischen Sinn hat nichts mit Macht zu tun, er ist etwas, das wir empfangen. Die luk. Heilungsgeschichte von den zehn Aussätzigen, in der auch die Ungläubigen geheilt werden, zeigt, dass Heilung nicht stets den Glauben voraussetzt (Lk. 17,11-19). Man kann umgekehrt aber auch nicht wie selbstverständlich annehmen, dass Glaube „automatisch“ heilt. Der Mensch vermag nicht über den Glauben zu verfügen.

Vor allem in der alternativen Medizin wird Glaube als Medikament nachgefragt, das Selbstheilungskräfte des Körpers triggert. Glaube, der auf diese Weise als Medikament eingesetzt wird, dient hier primär dem Menschen und der Verabsolutierung von Gesundheit an sich. Gott aber ist kein Wunscherfüller in Diensten unserer Gesundheit. Gemäß der biblischen Botschaft von Gott als unserem Herrn und Arzt ist vielmehr das ganze Leben –das gesunde und das kranke – ein Dienst an Gott, der uns heilt und uns ein Heil zusagt, das wir durch keine medizinische Errungenschaft selbst herbeiführen können. 

 

Anmerkungen:

1 Vgl. Roland Lindner/Klaus Max Smolka, Zuckerberg will alle Krankheiten besiegen, in: FAZ 23.9.2016, 26.

2  https://www.haz.de/Sonntag/Top-Thema/Das-hoechste-Gut (12.9.2019).

3  Dietrich von Engelhardt, Art. „Gesundheit“, in: ­Albin Eser, Markus von Lutterotti, Paul Sporken (Hrsg.), Lexikon Medizin, Ethik, Recht. Freiburg 1989, 411-412.

4 Vgl. Ralf Luther, Grundworte des Neuen Testaments. Eine Einführung in Sprache und Sinn der urchristlichen Schriften. Witten 2014, 109-110.

5  Vgl. Manfred Lütz, Lebenslust. Wider die Diätsadisten, den Gesundheitswahn und den Fitnesskult. München 2000, 12. Vgl. auch ders., Der Wunsch nach Gesundheit wird krankhaft, in: Focus 4 (2012), 74.

6 Ray Kurzweil, Menschheit 2.0. Die Singularität naht. Berlin 2014, 29.

7  Georg Bätzing, Brief an alle Gläubigen im Bistum Limburg, zit. nach: Heike Kaiser, „Keine Strafe Gottes“, in: Der Sonntag 22.3.2020, 9. Vgl. auch https://www.erf.de/themen/glaube/gott-will-heilen-nicht-strafen/2803-542-4905 (2.5.2019).

8  Vgl. Michael Plattig, Gott in dunkler Nacht. Krise des Glaubens und der Erfahrung, in: Hanspeter Schmitt (Hrsg.), Der dunkle Gott. Gottes dunkle Seiten. Stuttgart 2006, 195.

9  Gerlinde Baumann, Die Bibel. Wissen was stimmt. Freiburg 2008, 101.

10  Ebd., 102.

11 Vgl. Michael Spehr, Gesund durch Technik, in: FAZ 26.2.2020, B4. Vgl. auch Michael de Ridder, Welche Medizin wollen wir? Warum wir den Menschen wieder in den Mittelpunkt ärztlichen Handelns stellen müssen. München 2015, 19.

 

Über die Autorin / den Autor:

Dr. phil. Elisabeth Hurth, Jahrgang 1961, Medienwissenschaftlerin, Publizistin und Dozentin in Wiesbaden.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
17.06.2020 Ein Kommentar von Wiebke Wähling Biblisch sorgfältig recherchiert, Gesundheit und Krankheit - was sagt die Bibel ist auch einer meiner Vorträge, der in Gemeinden sehr nachgefragt wird. Freundliche Grüße W. Wähling Dekanin i.R. www.wiebke-waehling.de
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