Gerne und häufig werden gerade in unterschiedlichen Segenstheologien konfessionelle Trennmarker angesetzt: der katholische Priester segnet die Dinge, die evangelische Pfarrerin die Menschen. Woher aber kommt die verbreitete Annahme, evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer könnten nur Menschen, aber keine Dinge und Tiere segnen? Jörg Schneider geht der Frage nach einer theologisch verantwortbaren evangelischen Segenspraxis auf den Grund.

Für Diskussionen kann man sorgen, wenn man unter evangelischen Pfarrern das Gespräch auf ökumenische Segensfeiern bringt und fragt, wie es die Kolleginnen und Kollegen mit der Segnung von Gegenständen halten. Sicher trifft man auf die im protestantischen Überzeugungston geäußerte Behauptung, gerade in unterschiedlichen Segenstheologien konfessionelle Trennmarker zu erkennen und entsprechend zu praktizieren – der katholische Priester segnet die Dinge, die evangelische Pfarrerin die Menschen (und hat unausgesprochen damit das bessere oder zumindest das richtige Teil erwählt).1 Gerade im Sommerhalbjahr mit den ökumenischen Einweihungsfeiern von öffentlichen Einrichtungen wird die Frage virulent, mit welchen Begründungen diese Aufgabenverteilung vorgenommen wird.

Woher kommt die verbreitete Annahme, evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer könnten nur Menschen, aber keine Dinge und Tiere segnen? In der Praxis werden durchaus Dinge gesegnet, in der Theorie offenbar nicht.2 Gerade rund um das Essen hat sich früh und bis heute eine Praxis aus Dank und Lob entwickelt, weil es der sinnfällige Ort der spirituellen und körperlichen Lebenserhaltung ist und damit eine nicht wegzudiskutierende religiöse (Segens-) Komponente hat. Oblate und Wein können bekreuzigt werden, Speisen auch im Sinn eines Dankgebets („Komm Herr, segne uns und was du uns bescheret hast“; Kreuz über Brot vor dem Anschneiden). In der Praxis können sogar Roboter Menschen segnen, was also einen umgekehrt problematischen Fall darstellt.3

Ich möchte im Folgenden eine evangelische Perspektive auf den Segen gewinnen, die die Gesamtheit der Schöpfung in den Blick nimmt und den Menschen in seiner Gottesbeziehung eben nicht entwertet, aber einordnet. Es geht mir um eine Entspannung im ökumenischen Miteinander und in der protestantischen Spiritualität, ohne Grundkonzepte aufgeben zu müssen, welche letztlich eher Orientierungen darstellen denn einen status confessionis, auch wenn dem mal so gewesen sein sollte. Dazu gebe ich in einem ersten Teil einen kurzen Überblick über Stationen der Entwicklung und die Hauptpunkte der Debatte und folge dann in einem zweiten Teil einer schöpfungstheologischen Deutung.4Insofern ist dieser Beitrag als kurze und vielleicht auch verkürzende Anregung vor allem für die Praxis gedacht, um Konzepte zu sichten und für sich bei Anfragen für liturgische Teilnahmen zu klären.

 

I. Stationen der Entwicklung und Hauptpunkte

Das deutsche Wort „segnen“ kommt aus dem Lateinischen von signare und meint „bezeichnen“, und zwar mit dem Kreuz. Menschen und Dinge werden per Kreuzzeichen in Beziehung zu Christus gesetzt. Aus dem Lateinischen wird auch „Benediktion“ verwendet, welches als „gutheißen“ übersetzt werden kann. Diese Bedeutung kann als Kriterium verwendet werden, um Grenzen des Segens über Dinge zu setzen. Hin und wieder werden Unterschiede zwischen Einweihen, Segnen, Einsegnen, Aussegnen und feierlich in Gebrauch nehmen gemacht, welche aber doch recht unscharf bleiben. Ein wesentlicher Unterschied besteht zwischen Realbenediktionen, welche sich auf Dinge beziehen, und Personalbenediktionen, welche sich auf Menschen beziehen. Gutheißen meint, dass Dinge und Menschen in den Augen Gottes gut sind, dass sie also in positive Beziehung zu ihm treten können. Wenn Menschen Dinge und andere Menschen gutheißen, dann kann das nur im Auftrag Gottes geschehen (Num. 6,22f), dem gerecht zu werden ist.

Vermeintliche Klarheiten und deutliche Unschärfen

In der vorreformatorischen Zeit waren und im heutigen Katholizismus sind Realbenediktion üblich und häufig, wenn es auch im Gefolge des Vaticanum II wieder eine Reduktion der Anzahl gab. Die Reformatoren ließen im Grund bis auf Kirchen- und Altarweihen nur die Personalbenediktion gelten,5 welche aber vor allem im 19. Jh. wieder ergänzt wurde und dann vor allem im Militärwesen zu heute nicht mehr vertretbaren oder nachvollziehbaren Handlungen führte.6 So kann man im Protestantismus von einer Wellenbewegung der Extreme sprechen. Dazwischen liegt die praktische Welt des gelebten Glaubens und der zu gestaltenden Gottesbeziehung, welche bestimmte Formen sucht. Freilich wäre der Protestantismus nicht bei sich selbst, wenn er nicht differenziert, also uneinheitlich wäre: „Kirchl[iche]. S[egnungen]. von Gegenständen oder Gebäuden sind in manchen Gegenden üblich. Der Segen vertraut dabei auf Gottes Zuwendung zu den Menschen im Gebrauch der Dinge.“7 Man kann also ergänzen, dass die Segnungen lokal unterschiedlich gehandhabt werden und dass es keinen theologischen Konsens innerhalb des Protestantismus gibt.

Die Folgen der Reduktion der verschiedenen Segenshandlungen fast ausschließlich auf die Personalbenediktion führten zu einer Ausräumung und Entsakralisierung der Lebenswelt, etwa der Landschaft, welche zuvor durch Wegkreuze, Kapellen, Flurprozessionen und Beritte gesegnet wurde. Davon sind im evangelischen Bereich nur noch Erntebittgottesdienste übrig geblieben und die danach folgenden Erntedankgottesdienste als Pendant dazu. Mit ihnen aber sind bereits neue Ausnahmen traditionell geworden.

Magische Vorstellungen?

Ein protestantischer Kritikpunkt an den Realbenediktionen ist die unterstellte magische Vorstellung, als ob eine Kraft übertragen würde, welche Dinge verändern könnte.8 Dabei werden, zumindest aus heutiger Sicht, Dinge ja nicht mit einer Kraft aufgeladen, sondern mit Bedeutung versehen9 und in Beziehung zueinander gesetzt. Sie sollen segensreich in Gebrauch genommen und dafür aus der Masse der Dinge herausgestellt werden. Es ist also polemisch verkürzt zu sagen, eine Sache würde gesegnet. Vielmehr geht es um ein bestimmtes funktionales Verständnis, das zugleich die Sache als Instrument oder Medium würdigen möchte, weil man sie letztlich Gott verdankt.

Eine protestantische Segnung von Dingen ist so betrachtet keine Resakralisierung oder Wiederverzauberung der tatsächlich profanen Welt, sondern die rituelle Anerkennung der Verdanktheit allen Seins und der Angewiesenheit auf Kultur und Technik. Würden Theologen und Theologinnen am Vorwurf des magischen Denkens in Bezug auf die Segnung von Dingen festhalten, dann müssten sie es anderen als unaufgeklärt und vormodern vorhalten. Oder sie fürchten eine tatsächliche magische Wirklichkeit und Wirksamkeit, sodass sie meinen, dieses Denken als eine Realität abwehren zu müssen. Zuletzt wäre zu bedenken, ob – zugespitzt formuliert – nicht die Personalbenediktion ebenfalls als magisches Missverständnis betrachtet werden kann. Denn für viele Gottesdienstbesucher ist der Schlusssegen von großer Bedeutung, weil eine Kraftkommunikation empfunden wird. Menschen stellen sich in den großen Zusammenhang der Schöpfung ein und erhalten im Zuspruch des Segens etwas, das ihnen Zuversicht und Energie verleiht. Dabei werden sie natürlich nicht physisch verwandelt, sondern geistlich bestärkt. Das ist jedoch keine Magie, sondern die individuelle Inkarnation des Wortes.

Gottesgaben der Schöpfung

Der vorangegangene Teil über die Klarheiten musste schon auf Ambiguitäten hinweisen; es zeichnet sich hier bereits ein Unterschied zwischen Theorie und Praxis ab. Die absolute Position, nur Personalbenediktionen vornehmen zu wollen, stößt auf verschiedene Schwierigkeiten. Eine davon ist, dass biblisch von Realbenediktionen durchaus die Rede ist. Es beginnt damit, dass Gott seine Schöpfung und Einzelteile davon gutheißt, ja sehr gut heißt. Segen Gottes zeigt sich dann in der Fülle der Güter und in der Fruchtbarkeit von Feldern und Herden (Gen. 39,5; 49,25). Die Feier der Fülle im Mahl führt zu rituellen Segnungen als Danksagungen (1. Kor. 10,16).10

Der ntl. locus classicus in 1. Tim. 4,4f lautet: „Denn alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.“ Dieser Text verweist zuerst auf die Gottesgaben der Schöpfung bei Mahlzeiten. Ob der zweite Teil menschliche Erfindungen und Güter meint und nicht eher religiös unbedenkliches Essen, ist nicht so klar, aber diese Erfindungen und Güter wären auch von der Schöpfung abhängig. „Hier ist sehr wohl ein Gebet über den Dingen im Blick, freilich nicht im Sinn einer dadurch zu bewirkenden magischen Veränderung, sondern in dem der Zuordnung der Dinge zu der Herrschaft Gottes und den dieser unterstehenden Menschen. Daß die Dinge der Welt keineswegs neutral sind und damit nicht ungestraft bloß technokratisch verwaltet werden, ist eine theologische Einsicht, der wir heute angesichts der Krise des Schöpfungsverhältnisses des Menschen dringend bedürfen.“11

Wenn biblisch Dinge gesegnet werden, dann überrascht es kaum, dass sogar Gott gesegnet werden kann, was im Deutschen dann mit „preisen“ oder „loben“ übersetzt wird, aber im Griechischen dasselbe ist. Die theologisch unbedenkliche Übersetzung misstraut dieser reziproken Dimension des Segens, weil sonst Gott in seiner Autonomie beeinträchtigt werden könnte, wobei eigentlich klar ist, dass es sich immer um Gottes Segen handelt, der zurückgesagt wird.12

Aussegnung Verstorbener

In der Praxis haben sich weitere Unschärfen ergeben, etwa bei der Aussegnung von Verstorbenen, welche seit dem 18. Jh. einen „Valet-Segen“ erhalten,13 obwohl sie zu einem Ding geworden sind. „In der reformatorischen Theologie war es lange umstritten, ob dem Toten überhaupt Gebet und Segen gelten solle, weil in rechtfertigungstheologischer Perspektive nichts mehr für die Toten getan werden muss, man sie vielmehr getrost der Gnade Gottes anvertrauen kann.“14 Erst im 19. Jh. wurde der Segen als „Überantwortung der Verstorbenen“ (203) verstanden. Man sollte hier eher in Übergängen als in absoluten Zuständen denken. Ulrike Wagner-Rau führt die evangelische Position so aus: „Insofern ist dieser Segen kein ‚Gauckelwerk‘ [sic] für die Toten (Luther, Vorrede zur Sammlung der Begräbnislieder 477), sondern ein Akt des Glaubens und des Vertrauens.“ (204) Letztere Bemerkung entfernt sich von den Deutungen des Segens als Ausdruck von Lob und Dank, welche dem vergangenen Leben des Verstorbenen gelten würden. Der Segen wird dem Toten mitgegeben, Glauben und Vertrauen gehört jedoch in die Hörweite der Trauergemeinde. Denkt man aber in Übergängen oder breiteren Feldern zwischen Leben und Tod, dann kann auch dem Verstorbenen noch ein Wort mitgegeben werden. Vielleicht begreift man den Segen als einen „Nachruf“, der zugleich die Trauernden tröstet und zu einem Akt des Glaubens und Vertrauens veranlassen soll. Beim Valet-Segen mag man ans mythische Bild der Fahrt oder an den Gang zu Gott denken. Bleibt man bei der Deutung, dass Segen Beziehung her- und darstellt, dann zeigt der Valet-Segen eine Beziehungsverschiebung an, nämlich der Verstorbene rückt nach und nach aus der Beziehung und Erinnerung der Hinterbliebenen, bleibt aber ganz in der Beziehung Gottes, bis diese die alleinige ist – ein Verständnis, das mit dem der Fahrt kompatibel ist.

Konfirmationsbibeln und Gesten der Bekreuzigung

Von den ausfransenden Rändern der absoluten Position bei Aussegnungen, Erntebittgottesdiensten und Kirch- und Altarweihen war schon die Rede. Die Frage stellt sich weiter, ob Familien- und Konfirmationsbibeln und Gesangbücher zur Konfirmation nicht eine segensähnliche Funktion erhalten und dabei doch durch ihren Fetischcharakter magische Qualitäten erhalten können. Mit letzterer Bemerkung geht es mir nur darum, dafür zu sensibilisieren, dass zwischen theologischen Ansprüchen und gelebter Religion auch in ihrer protestantischen Variante gewisse Unterschiede bestehen.

Ein bezeichnender Sonderfall der Unschärfe ist das Sich-Bekreuzigen. Es ist ein Bekenntnisakt in Form einer gestischen Antwort. Für Luther war die Geste unproblematisch, wie die Nebensätze im Katechismus zu den Morgen- und Abendgebeten demonstrieren. Die Geste ging verloren, um erst jetzt so langsam und zaghaft bei manchen wieder in Gebrauch zu kommen. Theologisch ist das Sich-Bekreuzigen aus radikaler evangelischer Sicht natürlich das krasseste Missverständnis der Selbsterlösung; als Geste der Frömmigkeit ist es ein heiliger Akt, der auch Protestanten bestens ansteht – in aller Freiheit, dass eine Geste nur ein Zeichen für innere Vorgänge ist.

 

II. Von Menschen und Dingen

Das Angewiesensein der ganzen Schöpfung auf Gottes Zuwendung und Zuspruch

Bei den elementaren Lebensnotwendigkeiten segnen auch Protestanten selbstverständlich Dinge, also Speisen, Kirchen oder Häuser verschiedener Funktionen.15 Der Mensch lebt in vielfältigen Kontexten, die religiös gedeutet werden, so dass auch auf sie Segen (oder Fluch) zutrifft. „Denn in den Realbenediktionen geht es um nichts anderes als um den christlichen Umgang mit der Schöpfung Gottes und damit auch um die Gestaltung christlichen Glaubens, insofern dieser wesentlich durch den Kontakt mit der Mitwelt geprägt ist.“16

Muss man eine Grenze ziehen oder könnte man nicht offener sein, und damit auch ökumenisch anschlussfähiger, wenn man das für wichtig erachtet? Lässt man konfessionell-theologische Alarmworte mitsamt ihren eher nach innen gerichteten Ängsten vor Sakralisierung, Verzauberung oder Magie weg, dann kann man sich fragen, wie man in dieser zwar geschaffenen, aber seufzenden Welt (Röm. 8,20f) vor Gott leben kann und möchte. So gefragt schiebt sich ein funktionales Segensverständnis vor ein sakrales (sofern man unter sakral etwas vom Alltag Trennendes versteht). An die Stelle von Vergöttlichungen im Sinn einer Substanzwandlung durch einen Priester oder Magier tritt in einem nichtmetaphysischen Substanz-Denken eine relationale Vorstellung. Der Kreis, was zu Gott gehört und was nicht, muss in jedem Fall beschrieben werden, und die Reduktion auf Menschen allein verhindert nicht, dass Segen missbräuchlich verstanden werden kann. Dass der Umfang des Kreises umstritten sein kann, weil er von Menschen in der Interpretation des Gunstraums Gottes gezogen werden muss, versteht sich seit jeher. Und dass es Ambivalenzen in Einzelheiten gibt ebenfalls, etwa wenn es um Dinge geht, die Gewalt oder andere Schäden ermöglichen. Doch auch hier sind absolute Verdikte zwar manchmal schnell gesprochen, aber der Komplexität der Wirklichkeit nicht angemessen.

Anschluss an das jüdische Beraka-Verständnis?

Um den metaphysisch-magischen Missverständnissen (aus heutiger Sicht) zu entgehen, wendet man sich gerne dem biblischen und auch jüdischen Beraka-Verständnis zu. Die Beraka ist ein Segenswunsch über Dinge, die lebens-notwendig sind. Man kennt diese Segnungen aus dem Alltag und aus den Gebräuchen rund um den Sabbat mit einem Segenswunsch über die Kerzen oder über Brot und Wein; auch sonst soll nichts ohne Segen verwendet werden. Vermutlich war die Danksagung Jesu über Brot und Wein ähnlich moti­viert.17

Hier kann ein evangelisches Verständnis gut anschließen, denn nach der sog. Torgauer Formel – aus der Einleitung der Predigt zur Einweihung (!) der Torgauer Schlosskirche 1544 – ist das Gottesverhältnis reziprok, ausgehend von Gott.18Seiner Gabe entsprechen der menschliche Dank und der Genuss. Man erhält Zuwendung und Zuspruch der Gnade19auch in Dingen und antwortet in Dank und in Anerkennung der Verdanktheit. Deshalb ist gerade das Tischgebet als kleine Eucharistie des Abendmahls tagtägliche Segnung der Dinge und Gottes.20 Die Erntebitt- und Erntedankgottesdienste schließen am Dank für das Lebensnotwendige an.

Verlässt man die bäuerlich-elementare Welt, dann kommen andere lebensnotwendige Dinge in den Blick. Die heutige Technik bietet derart viel Material, für das man dankbar sein muss, bei aller Ambivalenz, welche aber auch dem bäuerlichen, genau genommen, innewohnt. Dinge segnen heißt also, die sich wandelnde Kultur und Umwelt theologisch und spirituell anzuerkennen und sich gleichzeitig zu machen. Als Zeitgenosse kommt man nicht umhin, die tagtäglichen Dinge in den theologisch dankbaren Blick zu nehmen und damit auch die biblische Welt weiter zu ziehen.

Ganzheitliche Weltauffassung

Die wirklich relevante Frage ist, was nun eher die Gottesbeziehung fördert und was nicht, was der Schöpfung mit den lebens-notwendigen Dingen entspricht und was eher der menschlichen Überheblichkeit zuzuschreiben ist. Man darf aber nicht dabei stehen bleiben, nur unmittelbare Nahrung und Häuser zu segnen, sondern muss alles von Gott kommend ansehen. Auch Dinge, welche menschlicher Schöpfung entspringen, kommen mittelbar von Gott als Ausfluss der Kreativität. Schließlich ist auch die Nahrung ja eher selten roh, sondern in der Regel raffiniert und kultiviert. Im Grunde wird gerade beim Segen über Brot und Wein genau dieser Überführung gedankt. Es ging wohl nur vergessen, dass, was als romantische Natur aufgefasst ist, keineswegs eine solche ist, sondern eben ein Kulturprodukt. Hat man verstanden, dass Esswaren ähnlich weit von der Natur entfernt sind wie Kunstprodukte, dann kommt man zu einer ganzheitlicheren Weltauffassung. Hat man eine solche erlangt, dann entsteht ein großzügiger Blick auf den Menschen in der Schöpfung, beide in Beziehung zum Schöpfer. Vielleicht sind dann nicht mehr die Einzeldinge so wichtig, sondern das Gesamte, innerhalb dessen wir „leben und weben“ dürfen und Gott loben und ihm danken. Diese Anerkennung rituell zum Ausdruck zu bringen heißt nichts anderes, als Dinge segnen auf evangelisch. 

 

Anmerkungen:

1 Kerner, Hanns/Amon, Eberhard (Hg.): Ökumenische Segensfeiern. Eine Handreichung. Paderborn, Stuttgart 20103, 10f, weisen auf diese Verteilung hin und verwahren sich ökumenisch gegen ein magisches Verständnis, indem sie schreiben: „Wenn beispielsweise eine Brücke eingeweiht/gesegnet wird, dann soll nicht zum Ausdruck kommen, dass sie eine andere Qualität erhält. Vielmehr wird den Mitfeiernden deutlich, dass materielle Dinge gute Gaben Gottes sein und zum Guten dienen können. Dabei wird augenfällig, dass sich der Segen Gottes auch in Dingen konkretisieren kann.“ (11)

2 Kunz, Ralph: A Praxis und Praktiken. In: Arnold, Jochen/Kunz, Ralph/Tergau-Harms, Christine: Behütet auf dem Weg. Sendung und Segen im Kirchenjahr. Hannover 2014, 72-87. – Kunz nimmt Dinge gar nicht in Blick, das zeigt der Unterabschnitt „Segen sprechen – von Mensch zu Mensch“ deutlich.

3 https://lichtkirche.ekhn.de/archiv/wittenberg-2017/mediales-zu-blessu-2.html (31.7.2019).

4 Grundlegend ist Eyselein, Christian: Segnet Gott, was Menschen schaffen? Kirchliche Einweihungshandlungen im Bereich des öffentlichen Lebens. Stuttgart 1993. An diese Überlegungen schließe ich mich weitgehend an.

5 Dazu Spehr, Christopher: Segenspraxis und Segenstheologie in der Christentumsgeschichte. In: Leuenberger, Martin (Hg.): Segen. TdT, 135-164, hier 158. Man kann auch noch Glocken- und Orgelweihen dazu zählen.

6 Was schon immer umstritten war, vgl. Georg Rietschel/Paul Graff: Lehrbuch der Liturgik. Göttingen 19522, Bd. 2, 873f.

7 Greiner, Dorothea: Art. Segen/Segnung, praktisch-theologisch. In: RGG4, Bd. 7, Sp.1130.

8 Kurze Übersicht in: Gottes Segen und die Segenshandlungen der Kirche. Ein Votum des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz. Neukirchen 1995, 47-49.

9 S. Greiner, Dorothea: Segen und Segnen. Eine systematisch-theologische Grundlegung. Stuttgart (Kohlhammer) 19992, 120-137.

10 Ostermeyer, Karl-Heinrich: Der Segen nach dem Neuen Testament – Kontinuitäten und Spezifika. In: Leuenberger, a.a.O., 111-133, hier 111. Ostermeyer verweist u.a. auf Mk. 8,7. Der Kontext ist die Speisung der Viertausend, die Segnung der Fische fungiert als Dankgebet. Zu 1. Kor. 10,16 ist zu bemerken, dass das Entscheidende der Inhalt des Kelches ist, für den gedankt wird.

11 Roloff, Jürgen: Der erste Brief an Timotheus. EKK XV, Zürich, Neukirchen-Vluyn 1988, 228.

12 Frettlöh, Magdalene: Theologie des Segens. Biblische und dogmatische Wahrnehmungen. Gütersloh 19993, 384-387.

13 Spehr, a.a.O., 159.

14 Wagner-Rau, Ulrike: Unverbrüchlich angesehen – Der Segen in praktisch-theologischer Perspektive. In: Leuenberger, a.a.O., 187-209, hier 203f.

15 Z.B. Entwurf der Agende IV/2 VELKD von 2010: Segnung beim Umzug in eine neue Wohnung, und „Handreichungen“, z.B.: Segnen. Eine Arbeitshilfe. Herausgegeben vom Evangelischen Oberkirchenrat, Stuttgart, 2001. Kerner/Amon, a.a.O.

16 Grethlein: Benediktionen und Krankensalbung, 551.

17 Genauer bei Eyselein, a.a.O., 65-69.

18 Schwier, a.a.O., 110, weist auf den metaphorischen Gebrauch der weihenden Dinge wie „Chrisam“ bei Luthers Torgauer Predigt hin.

19 Vgl. Steffensky, Fulbert: Segnen. Gedanken zu einer Geste. In: PTh 82/1 1993, 2-11, hier 4.

20 Kleiner Katechismus, BSLK 521,12-523,18.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Jörg Schneider, württembergischer Pfarrer und seit 2016 Prof. für Theologie an der Evang. Hochschule Moritzburg bei Dresden; Schwerpunkte: Prakt. und Syst. Theologie, u.a. Forschungen zu protestantischen Spiritualitäten und zum Verhältnis von Kunst und Religion.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 6/2020

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