Eine Pandemie, nicht nur eine Epidemie ist dieses – wir können das Wort nicht mehr hören – „neuartige Coronavirus“. Im Unterschied zur Epidemie, eine lokal auf bestimmte Gegenden begrenzte Verbreitung von Krankheitserregern, wirkt das Coronavirus inzwischen weltweit, ist ein Phänomen der Globalisierung. Die Lage ist ernst, nicht zu verharmlosen.

Regierungen greifen deshalb auf Anraten von Virologen und Gesundheitsämtern zu einschneidenden Maßnahmen, die unser aller bisher so freies Leben einschneidend für eine vorübergehende Zeit einschränken, in der wir alle auf manches Liebgewordene verzichten müssen. Theater, Bars und Restaurants und öffentliche Einrichtungen schließen, und nicht zuletzt unsere Schulen, mit schwerwiegenden Folgen für die Familien insgesamt. Veranstaltungen von über 100 Personen wurden anfangs abgesagt; mittlerweile darf man in keiner Dreiergruppe mehr zusammenkommen. Der öffentliche Nahverkehr ist drastisch eingeschränkt (kommt die alleinstehende Seniorin überhaupt noch zu ihren lebenswichtigen Arztbesuchen?). Auch der Sport muss seinen Betrieb einstellen, der Profisport genauso wie die kleinen lokalen Sportvereine – mit unabsehbaren Folgen.

 

Flexibilität ist gefragt

Die Kirchen nehmen sich von diesen Maßnahmen nicht aus und wollen sich der gesellschaftlichen Herausforderung stellen. Anfangs ging es noch darum zu unterscheiden: Was ist notwendig? Was ist verzichtbar bzw. verschiebbar? Erst traf es die kleinen regelmäßigen Gruppen und Kreisen, darunter auch Jungscharen und Kindergottesdienst; dann traf es auch unsere sonntäglichen Gottesdienste. Zuerst hieß es, große Gottesdienste mit über 100 Personen dürfen nicht mehr stattfinden. Jubelkonfirmationen können ohne Not ins Spätjahr verschoben werden. Konfirmationen werden hoffentlich auch nur verschoben. Sie ganz ausfallen zu lassen, wäre unverantwortlich gegenüber den jungen Menschen und ihren Eltern und Angehörigen – und wenn sie in den Spätsommer nach den Sommerferien oder in das neue Jahr verschoben werden. Denn es ist nicht mehr sicher, wie sich alles entwickelt. Überaus große Flexibilität ist gefragt.

In der Zeit eines gänzlichen gottesdienstlichen Versammlungsverbots bewiesen etliche Kirchengemeinden viel Phantasie, den Menschen Gottesdienste digital über die Homepage u.v.a. in die Häuser zu vermitteln. Eindrücklich auch, wie vielfältig etwa über WhatsApp Menschen sich gegenseitig trösten und im Sinne des Evangeliums aufrichten durch Lieder, Musik, gute Worte und Gedanken. Beeindruckend, wie bewusst das heute unter Christinnen und Christen geschieht, wozu uns der Kolosserbrief ermutigt: „Lehret und ermahnt (ermutigt) einander in aller Weisheit; mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ (Kol. 3,16)

 

Wenn das Gesundheitssystem kippt …

Es geht bei all den von der Regierung ergriffenen Maßnahmen darum, das Tempo der Ansteckungen zu verlangsamen, damit unser Gesundheitssystem nicht kippt. Es geht um unser aller besondere Rücksicht auf die Kranken und Schwachen, die am ehesten gefährdet sind. Das kann nur bekräftigt werden und muss von uns allen unterstützt werden.

Nur, warum droht unser Gesundheitssystem zu kippen? Noch haben wir wahrscheinlich eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, wofür wir dankbar sein müssen. Blicken wir nach Italien oder Großbritannien, kommt uns das eiskalte Grausen. Aber auch bei uns wurde das Gesundheitssystem jahrelang kaputtgespart. Wenn Krankenhäuser gezwungen sind, als Profitunternehmen zu funktionieren und deshalb möglichst viel zu operieren, ob notwendig oder unsinnig, wenn unsere Gesundheit, immer noch das höchste irdische Gut, zur bloßen Ware verkommt, ist das menschenunwürdig und eine Schande für ein so reiches Land wie die Bundesrepublik. Die von Politik und Wirtschaft gewollte Abhängigkeit von China und Nahost erweist sich als sträflich fahrlässig, zumal sie aus Profitgründen in Kauf nimmt, dass Menschenrechte mit Füßen getreten werden. Sie muss umgehend rückgängig gemacht werden.

Vielleicht müssen wir in Zukunft alle etwas mehr für unsere Gesundheit bezahlen; vielleicht muss uns allen dieses kostbare Gut etwas mehr wert sein. Uns Privatversicherten erst recht. Und es kann den Ärzten, Schwestern und Pflegern für ihr schon wochenlang andauerndes, beinahe übermenschliches Engagement, in dem noch kein Ende abzusehen ist, nicht herzlich genug gedankt werden. Vor allem Letztere gehören zu den am schlechtesten Bezahlten (auch Klinikärzte verdienen nicht die Massen). Hoffentlich setzt sich in unserer Gesellschaft nach dieser Krise eine ganz neue Wertschätzung dieser Menschen durch, die sich dann in deutlich besserer Bezahlung und aufgestocktem Personal äußert. Unsere Gesundheit muss uns mehr wert sein.

 

Droht ein Weltwirtschaftscrash?

Bislang hoffte jeder auf die Zeit nach Ostern. Mittlerweile auf die Zeit nach Pfingsten. Aber was wird danach sein? Dürfen wir diese Maßnahmen danach noch weiterführen, ohne den Menschen eine zeitliche Hoffnungsperspektive zu geben? Wäre das weiter zu verantworten? Das könnte den Ruin kleiner und mittelständiger (Familien-)Betriebe, der Gastronomie, ja letztlich den totalen Zusammenbruch unserer Wirtschaft bedeuten, unseres kulturellen Lebens erst recht. Die großen Stars der Kunst können noch überleben, aber für die vielen Künstlerinnen und Künstler der kleinen städtischen Theater, die großartige Arbeit leisten, bedeutet das den Ruin. Droht ein Weltwirtschaftscrash, der die Ärmsten zuerst in noch größere Armut stürzt?

Auch in der Zukunft unserer jungen Generation entsteht ein kaum mehr gut zu machender Schaden. Wie viele arbeitslos werden, wie viele in die Insolvenz getrieben werden, wie viele womöglich nicht krankenversichert sind – nicht auszudenken. Werden die von der Regierung zugesagten Hilfen ausreichen oder sind sie kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein?

Ein ähnliches Desaster gilt für den Sport, der für viele auch in einer angespannten Arbeitswelt wichtige Freiräume für Erholung darstellt. Es kann ein Gebot der Nächstenliebe sein, auch den jüngeren Generationen gegenüber, in absehbarer Zeit wenigstens schrittweise wieder in die Normalität zurückzukehren, wie es jetzt ein Gebot der Nächstenliebe sein mag, die Älteren und Kranken zu schützen – dies in aller Vorsicht gesagt.

 

Ist es verantwortbar, die Maßnahmen ins Unabsehbare fortzusetzen?

Das Verbot von sozialen Kontakten auf Dauer verödet langsam, aber sicher den Menschen; es raubt ihm Lebensinhalte und Lebenssinn, macht ihn krank und depressiv und fördert nur den Rückzug in die eigenen vier Wände und den Egoismus, der sich z.B. im verbreiteten unsozialem Horten von Toilettenpapier äußert (auch irrsinnige Hamsterkäufe sollten endlich unter Strafe gestellt werden).

Nicht zuletzt aber wäre eine Fortsetzung dieser Maßnahmen gerade auch für unsere älteren gesundheitlich gefährdeten Mitmenschen verheerend. Die wenigen für sie verbleibenden sozialen Kontakte wie der Seniorenclub, der regelmäßige Seniorennachmittag ihrer Kirchengemeinde, ihre Gymnastikgruppe, der Gottesdienstbesuch oder einfach der Besuch von Menschen, die an sie denken, sind für sie wie die Luft zum Atmen. Können wir es verantworten, ihnen dies auf Dauer zu entziehen? Es würden irgendwann mehr alte Menschen den sozialen Tod sterben als am Coronavirus. Auch eine Fortsetzung der Maßnahmen auf unbestimmte Zeit kostet Menschenleben. Entweder zeichnet sich also irgendwann eine kleine Wende in der Bekämpfung des Virus ab, oder wir müssen, so hart das klingt, auf Dauer mit dem Virus leben.

 

Des Kaisers neue Kleider?

Über YouTube wurden mir aktuelle Aussagen des bekannten Lungenfacharztes und langjährigen SPD-Lokal- und Bundespoltikers Dr. Wolfgang Wodarg zugänglich. Angesichts seiner Vita als langjähriger Leiter des Gesundheitsamtes in Flensburg und Amtsarzt und erwiesener Verdienste bei der Bekämpfung vergangener Epidemien muss ihm Qualifikation zugebilligt werden. Seine Aussagen, kurz und neutral, ohne Wertung, dargestellt: Einen Coronavirus habe es schon immer gegeben, bei jeder Influenza, nur sei es nie in einem Test ermittelt worden. In diesem Jahr im großen Lungenfachzentrum in Wuhan, wo eine hohe Zahl an Lungenkranken festgestellt wurde, habe man den Coronavirus besonders unter die Lupe genommen und die Ergebnisse weltweit in alle Virenzentren verschickt. Darauf habe die Charité in Berlin reagiert und ein Testverfahren entwickelt, das ohne validiert zu werden, quasi ungenehmigt mit der Begründung, Gefahr sei im Verzug, überall in der Welt als offizielles Testverfahren durchgeführt wird, mit geringem Aussagewert. China habe sich daraufhin mit seinen totalitären Methoden weltweit als erfolgreicher Krisenmanager inszeniert, und die ganze übrige Welt falle darauf herein. Fazit: Die Corona-Pandemie sei eine völlig überzogene Hysterie mit Maßnahmen, die nicht zu verantworten seien. Nicht bedrohlicher als die jährliche Influenza. Wodarg vergleicht das mit dem Märchen vom König und seinen neuen Kleidern, der von all seinen Höflingen mit Bücklingen und Komplimenten hofiert wird, bis ein Kind schließlich die Wahrheit sagt: Der hat ja nichts an!

Ich kann die Aussagen von Wodarg nicht nachprüfen. Nicht überzeugend erklären kann er die vielen Toten in Italien und auch die äußerste Belastung unserer Intensivstationen. Nicht nur der SPD-Politiker Karl Lauterbach, praktischer Arzt und Internist, erklärt: Wodarg sei trotz vergangener Verdiente in dieser Angelegenheit nicht seriös, seine Aussagen seien mit äußerster Vorsicht zu genießen. Erst später wird sich herausstellen, ob die ganzen Maßnahmen berechtigt und erfolgreich gewesen sein werden. Man ist bekanntlich hinterher immer klüger.

 

Verpasstes Gesundheitsmanagement

Wochenlang wurden die Menschen von Krisennachrichten nur überschüttet; wen wundert es, dass die Menschen in den ersten frühlingswarmen Wochen in Scharen ins Freie gehen, als falle der Frühling wie ein unvorhergesehener Schicksalsschlag vom Himmel. Auch die Politik und die Fachleute unter den Virologen haben bis Mitte März die Krise deutlich unterschätzt, nicht nur zahlreiche unverantwortliche Menschen, die sich in Parks tummeln. Das muss der Ehrlichkeit halber zugegeben werden. Nachdem so lange die Warnung vor Panikmache beschworen wurde, häuften sich die Verbote.

Was aber beim Krisenmanagement leider über Wochen hinweg vernachlässigt wurde: Hinweise, Informationen, wie sich Menschen (außer dem Üblichen, Händewaschen etc.) noch schützen können, um ihr Immunsystem zu stärken, gerade auch für noch gesunde ältere Menschen: viel Bewegung in der frischen Luft im endlich beginnenden Frühling, Sport treiben, gesunde vitaminreiche Ernährung, Vitamin D. Allein oder zu zweit oder in der Familie, versteht sich!

Stattdessen wurden wir nur noch mit Katastrophennachrichten überhäuft und in die Hoffnungslosigkeit und Depression entlassen, nicht zuletzt auch Angst gemacht mit der angedrohten Ausgangssperre. Es gibt bekannte Virologen, die eine komplette Ausgangssperre für ineffektiv und schädlich halten. Es ist unserer Bundeskanzlerin und besonnenen Ministerpräsidenten wie etwa Winfried Kretschmann und auch anderen zu verdanken, dass es dazu nicht kam, sondern stattdessen differenzierende Maßnahmen ergriffen werden, die den Menschen die Bewegung an der frischen Luft erlauben (wenigstens bis jetzt). Diese schadet auch niemanden, wenn sich die Menschen an die Regeln halten. Vielleicht hat das Wort „Ausgangssperre“ am Ende des Jahres die Chance für das Unwort des Jahres.

 

Müssen wir mit dem Virus leben?

Zumindest stellt die Corona-Krise massive Anfragen an uns alle, an unseren Lebensstil. Können wir uns noch alles leisten, was wir uns bisher leisteten? Müssen wir im Urlaub in die Dominikanische Republik oder auf die Bahamas fliegen? Oder gibt es nicht auch viele schöne Urlaubsziele in Deutschland oder naheliegenden Gegenden Europas, die bequem mit dem immer noch sichersten Verkehrsmittel, der Bahn, zu erreichen sind, sogar relativ pünktlich?

Die ganze Krise führt uns jedenfalls eindringlich vor Augen: Wir halten nichts in Händen, wir können nichts tun, um unser Leben zu verlängern, wie Jesus schon in der Bergpredigt sagt. Aber wir sind und bleiben in Gottes Hand. Und das allein ist das Beste, was uns geschehen kann. Wer bereits das 80. Lebensjahr einigermaßen gesund erreichen durfte, darf und muss dankbar sein. Sein/ihr Tod darf dann in der Regel ein natürlicher Tod sein. Wobei klar ist: ein qualvoller Tod oder gar ein Erstickungstod kann niemals ein natürlicher Tod sein; das gilt es in jedem Fall zu verhindern. Dass alle Menschen diesen natürlichen Tod sterben dürfen, dafür sich einzusetzen ist uns allen aufgegeben (vgl. Eberhard Jüngel, Tod). Und wir alle müssen uns darauf vorbereiten, wie wir einmal vor unserem Herrn stehen.

 

Den Tod hat nur einer besiegt

Unsere Lebenserwartung sinkt. Die hohe Anzahl der Influenzatoten (20.000 bis 25.000 in Deutschland) hat bisher kaum jemanden gekümmert. Wir leben – Folge des Sündenfalls – in einer verletzlichen, ja tief verletzten verwundeten Welt. Die viele Jahre lang gezüchtete Illusion vom medizinischen Fortschritt, der die allgemeine Lebenserwartung immer höher setzt, bald jenseits des 100. Lebensjahres, als könne der medizinische Fortschritt den Tod besiegen, erweist sich immer mehr als Luftblase. Mitnichten! Den Tod hat nur ein Einziger besiegt, am Ostermorgen: unser Herr Jesus Christus – den Tod in all seinen Formen, den sozialen Tod und den physischen, den wir alle einmal, früher oder später, sterben werden. Der Tod trennt uns in Ewigkeit nicht mehr von Seiner Liebe, reißt uns nicht aus Gottes liebender Hand heraus, im Glauben an IHN. Jesus lebt, mit ihm auch ich. Ich darf mit Ihm leiblich verbunden sein, in Ewigkeit mit IHM „sozialen Kontakt“ haben. Diese Freude möchte ich gerade in diesen Tagen verbreiten und mit vielen anderen teilen. Diese Welt, diese alte Erde, so sehr sie von Gott geliebt ist und unsere lebenslange Aufgabe bleibt, wird nicht ewig bestehen. Gott will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, wo Tränen getrocknet werden, Schmerz, Krankheit und Tod aufhören und wo es keine Corona- und andere Viren mehr gibt.

Ich wünsche den Kirchen und allen Christen und auch mir persönlich etwas mehr von diesem Vertrauen in unserem lebendigen Gott. Schließen möchte ich mit Gedanken, die mir eine Pfarrfrau in diesen Tagen weitergab und mich damit erfreute (die Quelle stammt von einem Superintendenten aus Villach, Österreich):

„Sonne ist nicht abgesagt / Frühling ist nicht abgesagt / Beziehungen sind nicht abgesagt / Liebe ist nicht abgesagt / Lesen ist nicht abgesagt / Zuwendung ist nicht abgesagt / Musik ist nicht abgesagt / Phantasie ist nicht abgesagt / Freundlichkeit ist nicht abgesagt / Gespräche sind nicht abgesagt / Hoffnung ist nicht abgesagt / Beten ist nicht abgesagt.“

 

Erhard Schulz

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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