Die aktuelle Corona-Pandemie drückt dem gesellschaftlichen wie dem kirchlichen Leben ihren Stempel auf. Dabei fällt auf, wie sehr Kirche und Politik im Gleichschritt getaktet sind, was wenig verwundert, wenn man auf die Analogien im gesellschaftlichen wie im kirchlichen Leben blickt. Henning Theißen sieht aber auch Kohärenzen, in denen die Kirche ihre Rolle in einer krisengeschüttelten Gesellschaft noch ganz anders wahrnehmen könnte, als dass sie sich mit dieser parallelisiert.1

 

Als vor Jahren auf dem Universitätscampus und in der halben Stadt für unbestimmte Zeit der Strom ausfiel, sagte mein kirchengeschichtlicher Kollege sinngemäß zu mir: „Wir Theologen können dann immer noch ganz analog in die Bibliothek gehen und Bücher lesen.“ Damals gab es noch keine Corona-Pandemie, in deren Verlauf heute ganze Universitätsbibliotheken schließen und man das eigene Büro nicht mehr betreten kann. Aber fiel nicht schon 1831 der theologische und philosophische Hauptvertreter des Deutschen Idealismus der Cholera zum Opfer, nachdem er bei vermeintlichem Abklingen der Epidemie die Vorlesungen wiederaufgenommen hatte?2 Vorsicht ist also auch für die Fächer geboten, deren gefährlichstes Gesundheitsrisiko bislang vom Buchschimmel ausging. Verständlich, wenn Theolog*innen sich in der jetzigen Lage zum Zitate-Verpflanzen, dem Traum des deutschen Professors nach Heine,3aus der Bibliothek in die Quarantäne des häuslichen Schreibtischs verpflanzen, mögen sie dort inmitten ihrer Kinder, die in den Wochen der Kita- und Schulschließungen herumtoben, auch nur noch Texte wie diesen zustande bringen. Aber kann die Theologie denn zur Bewältigung der Corona-Krise überhaupt mehr beitragen als eine gewisse „Gemeinwohlrhetorik“ (F.W. Graf)? Ich vermute, dass sie es kann, wenn sie die Analogien beachtet, die in der Corona-Krise zwischen den Kirchen und der Gesellschaft als ganzer bestehen.

 

1. Paradoxien

Die erste Analogie ist eine Paradoxie, die entdeckt, wer die Äußerungen leitender Theolog*innen aus den deutschen Landeskirchen zum Thema Corona studiert.4 Vielfach wird hervorgehoben, wie wichtig Glaube, gelebte Spiritualität und geschwisterliche Begleitung gerade in Krisenzeiten sind. Doch im gesundheitlichen Interesse kann derzeit kaum etwas davon praktiziert werden: Kirchliche Veranstaltungen, allen voran die sonntäglichen Gottesdienste, wurden in Deutschland großräumig abgesagt (13.3.2020). Vielmehr, so die theo-logische Konsequenz, seien neue Wege zur Kommunikation des Evangeliums zu entwickeln. Die EKD hat auf ihrer Homepage eine eigene Website für diese meist Social Media-gestützten neuen Ideen geschaltet.5

Eine ähnliche Paradoxie besteht in der Gesellschaft insgesamt: Die Krise fordert zum Schutz derer, denen das Virus am meisten schaden würde, Solidarität und Zusammenhalt, doch am besten so, dass sich alle möglichst viel in die eigenen vier Wände zurückziehen. Physische Distanzierung lautet das Wort der Stunde. Das öffentliche Leben, so suggerierten es schon vor Beginn der regierungsseitig verfügten „Kontaktsperren“ (1.4.2020) die sich häufenden Pressefotos von menschenleeren Restaurants und Plätzen, wird in den Standby-Modus geschickt und die private Häuslichkeit des Biedermeier wiederentdeckt.6

 

2. Die Krone der Digitalisierung

Doch fürchte ich, dass diese Beschreibung des öffentlichen Lebens unter dem Eindruck von Corona nicht ganz stimmt. Auch jetzt steht das öffentliche Leben keineswegs still, und das gilt wiederum für Gesellschaft und Kirche in analoger Weise. Es verlagert sich nur, wo immer möglich, ins Internet und die internetbasierten Social Media. Meetings in der Firma lassen sich auch als Videokonferenzen durchführen, wenn möglichst alle Telearbeit praktizieren. Konzertsäle, Theater und Kinos sind geschlossen? Dafür boomen kulturelle Streaming-Angebote umso mehr. Verkauft werden dürfen im Grunde nur noch Nahrungsmittel und, mit etwas Glück, Klopapier als zwischenzeitliche Trophäe einzelner Hamsterkäufer? Macht nichts, wir kaufen ohnehin bei Amazon und Zalando. Der einzige Bereich, in dem wirklich alle die Einschnitte der Corona-Krise spüren, sind wohl die weitgehend unterbundenen Sozialkontakte: Nur Angehörigen des eigenen Haushalts mit einem Abstand von weniger als 1,5 Metern zu begegnen und auch zu Ostern die Großeltern zu deren eigenem Schutz nicht besuchen zu können, dürfte auch digital natives kaum gefallen. Allerdings gehören der eigene Haushalt und die enge Familie eben gerade nicht zum öffentlichen Leben.

Im kirchlichen Bereich gilt Analoges. Pfarrer*innen zelebrieren vor der Webcam, und Gebetsportale in den Social Media unterstützen die Alltagsspiritualität in breiter Form. Das öffentliche Leben verlagert sich, aber es verlangsamt sich jedenfalls nicht in dem Maß, wie damit die Ausbreitung von Corona verlangsamt werden sollte. Vielmehr spitzt das Virus, wenn es ganze Länder ins Homeoffice treibt, eine Entwicklung zu, die unser Zusammenleben in Wirtschaft und Kultur ohnehin seit Jahren im Griff hat: Corona ist die Krone der Digitalisierung.

 

3. Selbstbanalisierung

Eine weitere Analogie betrifft die (operativen und kommunikativen) Strategien, die Kirchen und Gesellschaft im Umgang mit der Krise verfolgen. Mich als Theologen überrascht dabei, wie selbstverständlich die Kirchen sich der allgemeinen Agenda der Kontaktvermeidung verschreiben. Gewiss ist das ein Beitrag zum Gemeinwohl, dass sie gegenüber den verfügten Einschränkungen keine religiösen Extrawürste beanspruchen. Die großen Kirchen in Deutschland verkündeten die Absage der Sonntagsgottesdienste von sich aus sogar drei Tage, ehe sie staatlicherseits verboten wurden (16.3.2020). Die Nordkirche tat es in besonders sprechender Weise: „Die Nordkirche schließt sich den Empfehlungen an, alle nicht notwendigen Veranstaltungen abzusagen. Die Nordkirche empfiehlt deshalb [!], vorerst auch auf Gottesdienste und andere kirchliche Veranstaltungen zu verzichten.“7 Hier hat man es schwarz auf weiß, dass die Nordkirche ihre Gottesdienste für „nicht notwendige“ Veranstaltungen hält. Ich halte dagegen: Was hält man von einer Kirche, die ihre eigenen Gottesdienste entbehrlich findet? Wie konnte es zu dieser „Selbstbanalisierung“ (W. Huber) kommen?

Meine Vermutung ist, dass hier die Zauberformel von der „Kommunikation des Evangeliums“, mit der Ernst Lange die Gesamtaufgabe allen kirchlichen Handelns auf den Punkt gebracht zu haben schien, Theologie und Kirchen einen Streich spielt. In der biblischen Pfingstgeschichte, die als paradigmatisch für die Kommunikation des Evangeliums gelten kann, rangiert das Sprachenwunder vor dem Inhalt der Predigt des Petrus und bestätigt so die kommunikationswissenschaftliche Binsenweisheit, dass das Medium (hier: der Geist) die Botschaft ist. Dann aber scheint das „globale Dorf“ (M. McLuhan) des Internetzeitalters haargenau die pfingstliche Verheißung des Geistes zu erfüllen, wie Johanna Haberer schon 2015 in ihrem Buch „Digitale Theologie“ anmerkte, allerdings in kritischer Absicht.

 

4. Erosion des Wirtschafts- und Sozialgefüges

Das Beispiel der Online-Verlagerung des öffentlichen Lebens zeigt, dass auch die lebensnächsten Kommunikationsforen und -bedingungen nicht ausreichen, weil es ohne die Güter, die kommuniziert werden sollen, nicht geht. Sie bilden eine weitere Analogie zwischen Kirchen und Gesellschaft in der Corona-Krise. Bei Gütern darf man ganz handgreiflich an Waren, Produkte und Dienstleistungen denken, die auch dann noch frei zirkulieren sollen, wenn Grenzen dicht sind und die Regierungen wahlweise Ausgangsbeschränkungen oder Kontaktsperren verhängen. Arbeit und Wirtschaft sollten von den Einschränkungen so wenig wie möglich betroffen sein, doch dieses einzelne Segment oder System lässt sich aus dem gesellschaftlichen Leben nicht isoliert herausnehmen. Genauso wenig darf man erwarten, dass das gesundheitspolitische Subsystem der Epidemiologie, an dem sich die in Deutschland zunächst bis zum Ende der Osteroktav terminierten Einschnitte in die gesellschaftliche Freiheit nahezu ausschließlich orientierten, in dieser Isolation die Gestaltung des öffentlichen Lebens anleiten kann. So gesehen war es zu erwarten, dass der anschließende Ausweg aus dem Shutdown nur mit Rückgriff auf eine breiter gefächerte Expertise möglich sein würde, wofür schließlich die 3. Ad-hoc-Stellungnahme der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina (13.4.2020) einstehen musste.8

Die verfügten Einschränkungen lassen sich freilich rein epidemiologisch gut begründen: Solange in Ermangelung einer Schutzimpfung, wie sie für die nächste Analogie, die jährlichen Influenza-Wellen, regelmäßig vorliegt, mit Durchseuchungsraten von bis zu 70% der Bevölkerung zu rechnen ist, ehe die sog. Herdenimmunität des vom Virus nicht mehr erreichten Rests eintritt, kann man sich leicht ausrechnen, dass bei erwarteten 4% der Infizierten, die Beatmung brauchen, die deutschlandweiten Regelkapazitäten von 28.000 Intensivbetten die anfallenden Bedarfszahlen im bis zu siebenstelligen Bereich nicht fassen können.9 Ihr Auftreten muss also über den längstmöglichen Zeitraum gestreckt werden, den man herbeiführen kann, sollen nicht Zustände wie zwischenzeitlich in der norditalienischen Lombardei eintreten.

Was epidemiologisch freilich nicht zu erfassen ist: Der exponentiell wachsenden Ausbreitung des Virus sind die ebenfalls überproportional anwachsenden Engpässe gegenüberzustellen, die dadurch entstehen, dass die zwecks Containment (Eindämmung der Ausbreitung) ergriffenen Maßnahmen Arbeits- und Produktionsabläufe sowie Lieferketten, also letztlich den Güter- und Warenverkehr beeinträchtigen. Geschäftspleiten und Arbeitslosigkeit infolge des Shutdown werden sich nachhaltig in breiteren Gesellschaftsschichten bemerkbar machen als den sog. vulnerablen Gruppen (Ältere, Menschen mit einschlägigen Vorerkrankungen), denen der Shutdown ja zugute kommen soll. Und tatsächlich lassen sich die schon Tage zuvor als Exit-Strategie angekündigten Maßnahmen der Regierungschefs von Bund und Ländern (15.4.2020) auch als Reaktion auf die immer drastischer um sich greifenden Anzeichen einer Erosion des Wirtschafts- und Sozialgefüges in der Zeit nach Corona interpretieren, die ohne politische Gegensteuerung das Zeug haben könnte, den gesellschaftlichen Frieden zu ruinieren.

Um nicht missverstanden zu werden: Es ist nur fair – den Ausdruck durchaus im philosophisch-terminologischen Sinn eines John Rawls gebraucht –, dass alle die Lasten des Containment tragen, das speziell den am meisten Gefährdeten nutzt. Es ist darüber hinaus zweifellos auch christlich geboten. Aber selbst das rein epidemiologische Szenario kennt den Punkt, an dem vom Containment vorrangig auf den Schutz der Vulnerablen umgeschaltet werden muss (sog. Protection); dies ist fester Bestandteil des RKI-Pandemieplans. Er sieht übrigens als dritte Stufe die sog. Mitigation als bloße Abmilderung der Folgen eines nicht mehr abzuwendenden Krankheitsgeschehens vor.10 Auch mit der um Ostern erreichten Abflachung des Infektionsgeschehens weiß Deutschland noch nicht, wo es langfristig in diesem Pandemieszenario steht.

Wieder kann man die Analogie zur Kirche herstellen. Mit der Verlagerung des kirchlichen Lebens in die sozialen Netzwerke vollzogen die Kirchen die erste Stufe des Pandemieplans (z.B. Kontaktsperre, Abstandsgebot) voll Tateifer mit, scheinen mir aber aktuell auf der zweiten Stufe, auf der die staatliche und kommunale Seite die apparative Ausstattung der Krankenhäuser verstärkt und die Politik – über das viel diskutierte Einzelproblem „Maskenpflicht“ hinaus – um die verteilungsgerechte Beschaffung von Schutzausrüstung ringt, weit weniger entschlussfreudig. Dabei lägen hier und erst recht auf der dritten Stufe durchaus Stärken der Theologie. Vorschläge wie kirchliche Nachbarschaftshilfen für Ältere setzen allerdings die Bereitschaft voraus, Risikogruppen und Benachteiligte tatsächlich zu identifizieren. Vielleicht fällt das einer Theologie, die mit den Schlagworten der Nächstenliebe, der Personenwürde und der Gottebenbildlichkeit zu einer egalitären, damit aber auch generalisierenden Anthropologie und Ethik neigt, nicht leicht. Es wäre aber nötig, um den theologischen Individualismus zu überwinden und die Kirche als gemeinschaftliches Subjekt geltend zu machen.

 

5. Linderung von Folgen der Krise

Gerade auf der dritten Stufe der Pandemiebekämpfung können die Kirchen zur Linderung von Folgen der Krise, die Einzelne ganz buchstäblich an ihre Grenzen in Form von Sterblichkeit und Tod bringt, eine Orientierung über diese Grenzen hinaus geben in Gestalt einer Hoffnung, die sich auf die Gemeinschaft mit und in Christus gründet. Paradoxerweise besteht hier bei aller religiösen Spezifik eine weitere Analogie zum gesellschaftlichen Gesamtgeschehen, denn auch die in breiten Bevölkerungsschichten erhoffte Perspektive zum Ausstieg aus dem Krisenszenario mildert in der Logik der Pandemiebekämpfung nur die Folgen der Krise und bekämpft nicht diese selbst.

Im Spenden von Hoffnung, Trost und Zuversicht haben die Kirchen (wie analog auch die Institutionen anderer Religionen) unbestritten Expertise und Zuständigkeit. Das macht einen unverwechselbar theologischen Beitrag zur Krisenbewältigung möglich und erforderlich, verlangt aber Kirchen, die als gemeinschaftliches Subjekt öffentlich sichtbar werden. Krisenprominente Experten, die – wie Christian Drostens werktäglicher NDR-Podcast oder Alexander Kekulés „Corona-Kompass“11 – seit Ausrufung der Pandemie (11.3.2020) zu Recht viel öffentliche Aufmerksamkeit erfahren haben, können nur faktenbasierte Handlungsgrundlagen für Entscheidungen liefern, die als solche in die Hände der Politik gehören. Und selbst führende Politiker*innen haben nur begrenzte Gestaltungsvollmacht, weil sie neben allen prognostischen Unwägbarkeiten der Krise, die um Ostern zunehmend Industrie und Handel zu belasten begannen, immer fürchten müssen, dass der „nationale Kraftakt“, der in der Krise gern zur Einbindung breiter Bevölkerungssichten beschworen wird, aufgrund seiner unvermeidlichen Härten bei der nächsten Wahl denen in die Hände spielen wird, die das Nationale in verwerflicher Absicht im Munde führen.

Wer, wenn nicht die Kirchen mit ihrer Gewissheit, dass Ostern nicht Rückkehr zum Status quo vor der Krisis, sondern neues Leben aus der Krisis ist, wäre berufen, den Menschen im Land ohne alle Schwarzmalerei zu sagen, dass die europäischen Gesellschaften – entgegen der Rhetorik einer Wiederkehr des Alltags12 – ihr Leben „vor Corona“ nicht zurückbekommen werden? Dafür treffen die Einschnitte die Gesellschaften zu sehr ins Mark ihres sozioökonomischen Gesamtgefüges, vor allem aber zu uneinheitlich: Öffentlich Bedienstete erleben den Shutdown völlig anders als Soloselbstständige, was durch Zusatzfaktoren wie etwa Schuldendienst beim Hausbau noch komplizierter wird. Und die politischen Maßnahmen zur Lockerung des Shutdown zielen verständlicherweise nur auf einzelne, besonders betroffene Gruppen wie kleine Geschäfte des Einzelhandels oder sensible Gruppen im Bildungssystem (z.B. schulische Abschlussklassen), können aber nie umfassend sein, wie die weiterhin prekäre Lage bei Kita-Eltern oder den zusätzlich medizinisch vulnerablen Kreisen der Alten- und Pflegeheime zeigt. Dabei können all diese höchst unterschiedlichen Faktoren in einer einzigen Familie vereint sein, was die in einer funktional differenzierten Gesellschaft unausweichliche Komplexität des Problems verdeutlicht.

Vielleicht ist die Familie, auf die uns der Shutdown im eigenen Haushalt zurückgeworfen hat, auch ein Schlüssel zum Problem: nicht die Familie im vormodernen Sinn, die noch alle späteren Funktionssysteme der Gesellschaft in ihrem Schoß vereinte, sondern die Familie als das Zusammenleben der Generationen. Denn sicherlich nimmt die Politik die Mittel, mit denen sie die sozioökonomischen Folgen des Shutdown (Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Unternehmenspleiten etc.) abzufedern hofft, im Grundsatz von zukünftigen Generationen, wie die astronomische Neuverschuldung in Höhe fast eines halben Bundeshaushalts signalisiert.13 Insofern ist in der Corona-Krise die ebenfalls zu Lasten noch ungeborener Generationen ausgetragene Krise des Klimawandels, der vor Corona als das größte Menschheitsproblem unserer Zeit angesehen wurde, nicht ausgesetzt, sondern in neuem Gewand höchst präsent, mögen sich auch aktuell die globalen Emissionswerte infolge eingeschränkter Mobilität erholen und „Fridays for Future“ notgedrungen pausieren. Und nicht nur im ökologischen, sondern auch im sozialen Bereich häufen sich die Indizien überdeutlich, dass die Corona-Krise diejenigen am härtesten trifft, die schon vorher stärker benachteiligt waren wie z.B. Wohnungslose oder Flüchtlinge.

 

6. Das Ethos des Aufeinander-angewiesen-Seins

Wenn nicht alles täuscht, sind die Kirchen in diesen Krisenzeiten theologisch als öffentliche, d.h. insbesondere milieuübergreifende Räume des intergenerationellen Zusammenlebens gefordert. Umfassende, die sozialen Schichten und die Generationen (auch zukünftige!) verbindende Kohäsion, oder mit den Worten des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz: die – ermutigende! – Erkenntnis, „wie sehr wir aufeinander angewiesen sind“,14 muss das Gut sein, das die Kirchen in diesen Krisenzeiten kommunizieren, und die digitalen Medien, die in der Krise derart im Fokus stehen, werden dabei helfen. Denn diese Kommunikation lässt sich umso weniger „von oben“ durch (leitende) Geistliche oder (landes-)kirchliche Ämter initiieren, wenn öffentliche Gottesdienste verboten sind. Man kann sie aber auch nicht „von unten“ bewerkstelligen, wenn „viele kleine Leute an vielen kleinen Orten“ die Kirchen weiterhin zur „persönlichen Andacht“ aufsuchen dürfen, wie es im Behördendeutsch heißt. Es braucht den Schritt über das Individuum hinaus, ohne bloß die Einzelnen zur anonymen Masse zu addieren. Als Leib Christi braucht in der Kirche jede und jeder die Anderen, den und die Nächste: „Wir sind aufeinander angewiesen.“

Die Kirchen, derzeit Musterschüler in der Umsetzung der Infektionsschutzmaßnahmen, sollten deshalb ohne alle Polemik unbequem sein und für die Wiederöffnung der Gotteshäuser in einer Weise streiten, für die die wenigen (abgelehnten) Eilanträge der Karwoche auf Erlaubnis von Ostergottesdiensten15 Vorhutgefechte sein können. Dass der EKD-Ratsvorsitzende in seiner Osterpredigt menschliche Nähe und Gemeinschaft in den Kirchen unter den aktuellen Umständen als „Feind des Lebens“ bezeichnete,16 ist innerkirchlich kaum begreiflich. Schließlich sind auch Festgottesdienste vielerorts in Deutschland so überschaubar besucht, dass die Einhaltung der Abstands- und Hygienevorschriften keine größeren Probleme als z.B. in Buch- oder Friseurläden bereiten dürfte, die nach dem Willen der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsident*innen nun wieder öffnen dürfen – ausdrücklich nicht so die Gotteshäuser!17 Die Religionsgemeinschaften sollten das aber sportlich nehmen, werden sie damit doch von den Regierungschefs (vielleicht in Unkenntnis der Gottesdienststatistik) wie „Großveranstaltungen“ behandelt, die in Kultur und Sport noch mindestens bis Ende August verboten bleiben.18 Diese Einstufung kann den Kirchen nur recht sein. Sie stehen unabhängig von der Teilnehmerzahl unter der Verheißung der Angewiesenheit auf Jesus Christus: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Mt. 18,20).19

 

Anmerkungen:

1 Dr. Irmfried Garbe zum 20. März 2020.

2 Vgl. die Schilderung von Hegels Lebenslauf in ADB 11 (1880), https://www.deutsche-biographie.de/sfz28648.html#adbcontent (17.03.2020).

3 H. Heine, Die Harzreise. Göttingen [1824], Volltext unter www.heinrich-heine.net (17.03.2020).

4 Vgl. https://www.ekd.de/statements-aus-den-landeskirchen-zum-coronavirus-53966.htm (18.03.2020).

5 Vgl. https://www.ekd.de/kirche-von-zu-hause-53952.htm (18.03.2020).

6 Vgl. https://www.sueddeutsche.de/kultur/coronavirus-zuhause-daheim-1.4845039 (17.03.2020).

7 https://www.nordkirche.de/fileadmin/user_upload/20200313_Nordkirche_Handlungsempfehlung_Corona.pdf (18.03.2020).

8 https://www.leopoldina.org/publikationen/detailansicht/publication/coronavirus-pandemie-die-krise-nachhaltig-ueberwinden-13-april-2020/ (16.04.2020).

9 Vgl. zu den hier genannten Fakten die Corona-Stellungnahme des Ständigen Arbeitskreises der Kompetenz- und Behandlungszentren für Krankheiten durch hochpathogene Erreger (STAKOB) am RKI, https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/Stakob/Stellungnahmen/Stellungnahme-Covid-19_Therapie_Diagnose.pdf?__blob=publicationFile (18.03.2020).

10 Vgl. zu den drei genannten Stufen https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Empfohlene_Schutzma%C3%9Fnahmen.html (18.03.2020).

11 Vgl. https://www.ndr.de/nachrichten/info/podcast4684.html (Drosten) bzw. https://www.mdr.de/nachrichten/podcast/kekule-corona/index.html (Kekulé) (beide 16.04.2020).

12 Vgl. die Hauptschlagzeile der SZ vom 16.4.2020: „Ein wenig Alltag kehrt zurück“.

13 156 Mrd. Euro Neuverschuldung für 2020 laut Bundestagsbeschluss vom 25.3.2020 (https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/181/1918100.pdf [16.04.2020]) steht für 2019 ein Haushaltsumfang von 356 Mrd. Euro gegenüber.

14 https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-baetzing-corona-kann-gluecksfall-werden.2849.de.html?drn:news_id=1120957 (16.04.2020).

15 Vgl. https://rp-online.de/panorama/coronavirus/bundesverfassungsgericht-bestaetigt-verbote-fuer-gottesdienstverbot-an-ostern_aid-50011311 (16.04.2020).

16 https://www.youtube.com/watch?v=MiC1SCUbKKo bei Minute 1:15 (16.04.2020).

17 Vgl. TOP 2, Ziff. 12 der Telefonschaltkonferenz vom 15.4.2020 gegenüber Ziff. 10 und 11, https://www.bundesregierung.de/resource/blob/973812/1744226/bcf47533c99dc84216eded8772e803d4/2020-04-15-beschluss-bund-laender-data.pdf?download=1 (16.04.2020).

18 TOP 2, Ziff. 9 der Telefonschaltkonferenz vom 15.4.2020.

19 Abgeschlossen am 16.4.2020.

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Henning Theißen, Jahrgang 1974, ordinierter Theologe, DFG-Heisenbergstipendiat und Verwaltungsprofessor für Syst. Theologie an der Leuphana Universität Lüneburg, Forschungsschwerpunkte: Nachlass Hans-Georg Geyer, ­Familienethik, Flüchtlingskonversionen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 5/2020

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