Dietrich Bonhoeffer war vieles: Pfarrer, Professor, Seelsorger, Freund, Pianist (!), Widerstandskämpfer – aber kein Liederdichter; und doch hat er sich mit einem Lied in die Herzen vieler Menschen geschrieben. Das heißt: Eigentlich war auch das ein Gedicht, das er zum Jahreswechsel seiner Verlobten Maria von Wedemeyer geschrieben hat: „Von guten Mächten treu und still umgeben“. In der Melodie von Siegfried Fietz tröstet es bis heute viele Menschen in schwierigen Lebenssituationen.

Ich möchte Bonhoeffers Denken anhand eines anderen Gedichts veranschaulichen, das deutlich macht wie weit er der Theologie seiner Zeit voraus war, wie er, genötigt durch seine persönliche Situation, zu neuen religiösen Ufern aufbrach. Es ist das Gedicht „Christen und Heiden“. Es ist wahrscheinlich im Frühjahr 1944 entstanden und gehört mit zu den Briefen, Gebeten und Gedichten, die in Berlin im Gefängnis entstanden sind.

 

Frühe Kritik am Nationalsozialismus

Geboren wurde Dietrich Bonhoeffer am 4. Februar 1906 in Breslau als sechstes von acht Kindern. Seine Zwillingsschwester Sabine erblickte kurz nach ihm das Licht der Welt. Sein Vater Karl war renommierter Psychiater und Neurologe und wurde 1912 Chefarzt an der Charité in Berlin. Durch seine Familie wuchs Dietrich Bonhoeffer in die großbürgerliche Welt Berlins hinein. In diesen „Kreisen“ bestand eine große Distanz zum Nazitum und teilweise eine Bereitschaft, sich am Widerstand gegen Hitler zu beteiligen. Durch seinen Schwager Hans von Dohnanyi (Vater des späteren Politikers Klaus von Dohnanyi und des Dirigenten Christoph von Dohnányi) kommt er in Kontakt mit dem Widerstand des 20. Juli.

Zwei Tage nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 hält Bonhoeffer einen Radiovortrag zum „Führerbegriff“: „dann gleitet das Bild des Führers über in das des Verführers … Führer und Amt, die sich selbst vergotten, spotten Gottes.“ An dieser Stelle wird die Radio-Übertragung abgebrochen.

Bonhoeffer war einer der ganz wenigen Theologen, die die Gefahren Hitlers und der Nazis früh erkannten und es auch aussprachen. Bonhoeffer hat gegen die Juden-Diskriminierung protestiert: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen.“ Bonhoeffer wurde am 5. April 1943 verhaftet und am 9. April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz hingerichtet.

 

Gebete ohne entleerte religiöse Floskeln

Im Gefängnis hat er viel darüber nachgedacht, was christliches Leben in Zeiten bedeutet, in der christliche Religion ihre ordnungsgebende Macht verloren hatte in der christliche Traditionen und Werte nicht mehr verstanden wurden. So buchstabierte Bonhoeffer im Gestapo-Gefängnis den christlichen Glauben neu. Für den dortigen Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der in seinem Dienst über 1000 (!) Verurteilte zu ihrer Hinrichtung seelsorglich begleitete, schrieb er Gebete, die ohne die tradierten entleerten religiösen Floskeln auskamen. Schon in seiner Arbeit mit Weddinger Konfirmanden 1931/32 hat sich Bonhoeffer um eine nichtreligiöse Ausdrucksweise des Glaubens bemüht.

Im Gefängnis verfasst er das Gedicht „Christen und Heiden“. Seinem Freund Eberhard Bethge schreibt er in seinem Brief vom 18. Juli 1944: „Das Gedicht über ‚Christen und Heiden‘ enthält einen Gedanken, den Du hier wiedererkennen wirst. ‚Christen stehen bei Gott in seinen Leiden‘, das unterscheidet Christen von Heiden. … Das ist die Umkehrung von allem, was der religiöse Mensch von Gott erwartet. Der Mensch wird aufgerufen, das Leiden Gottes an der gottlosen Welt mitzuleiden. Er muss also wirklich in der gottlosen Welt leben und darf nicht den Versuch machen, ihre Gottlosigkeit irgendwie religiös zu verdecken, zu verklären; er muss ‚weltlich‘ leben und nimmt eben darin an den Leiden Gottes teil.“

 

Ganz der Teil dieser Welt sein

Ich denke, das ist auch heute eine wichtige Aufgabe: Wir sind herausgefordert zu erläutern, was unser Christsein in unseren konkreten Lebenssituationen bedeutet. Welche Folgen kann es haben, dass ich als Christ leben möchte? An meinem Arbeitsplatz, im Miteinander mit Kolleginnen und Kollegen? Was bedeutet das an der Schule oder im Sportverein? Bestimmt unser christlicher Glaube auch im Alltag unser Tun und Reden?

Das bedeutet für mich weiter: Wir fragen nicht danach, was jemand leistet, oder wie er sich Ansehen verdienen könnte, sondern wir gehen respektvoll miteinander um, unabhängig davon was einer schafft und leistet, oder woher er kommt. Wenn wir uns in diesen Dienst von Barmherzigkeit und Nächstenliebe stellen wollen, dann müssen wir ganz Teil dieser Welt werden.

Wie leben wir als Christen in einer „gottlosen Welt“? Bonhoeffer sah sich dem Nazi-Terror gegenüber. Der Zweite Weltkrieg forderte Millionen Tote. Familien trauerten um Väter und Brüder. Wie da als Christ leben? Wie als Einzelner Christ sein, wenn doch die Kirche als Ganzes schwieg? Bonhoeffer sucht im Gefängnis nach den richtigen Worten. Er findet sie in seinen Gedichten. Mit diesem bekenntnishaften Gedicht findet er einen Gedanken, den er in seinen Briefen weiterentwickelt. Seine Überlegungen zu einem „religionslosen Christentum“ bleiben jedoch Fragment.

Dass Menschen in ihrer Not zu Gott gehen, ist „normal“. Dass Menschen zu Gott in „seiner“ Not gehen, ist überraschend – dass Gott in Not ist, weil er die Not der Menschen teilt: ihre Armut, ihre Schmähung und Verachtung, sogar ihren Tod.

Wir sind gerufen mit Gott solidarisch zu sein. So bei ihm zu sein, wie er bei uns in unserer Not ist. Gottes Solidarität mit Menschen in Not gilt allen Menschen, ob sie nun Christen sind oder nicht: „Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not“ – seine Solidarität schaut nicht auf Herkunft, Einkommen oder Geschlecht. Bonhoeffer hat in dem oben schon zitierten Brief geschrieben: „Das ist die Umkehr, nicht zuerst an die eigenen Nöte, Fragen, Sünden, Ängste denken, sondern sich in den Weg Jesu mithineinreißen lassen.“ In Jesus teilt Gott die Not der Menschen am Kreuz und vergibt ihnen. Die Menschen nehmen ihrerseits Anteil am Mitleiden Gottes und gehen zu ihm in seiner Not.

Dirk Chr. Siedler
 

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 4/2020

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