Hat Jesus gewaltfrei gelebt und von seinen Anhängern Gewaltfreiheit gefordert? Die Bergpredigt (Mt. 5,38-48) legt das nahe. Wie konnte es dann im Jüngerkreis ein Schwert geben? Und wie konnte die spätere Kirche so gewalttätig sein?

Wie es zum Schwert im Jüngerkreis kam, wird verständlich, sobald man die vier Fassungen der Geschichte von der Verhaftung Jesu nicht gleichrangig nebeneinander liest, sondern nacheinander, wie sie entstanden sind. Und wenn man bedenkt, dass die späteren auf die früheren reagieren, dann ergibt sich ein überraschendes Bild.

 

Beobachtungen zum Schwertschlag bei Jesu Verhaftung

Mk. 14,43-52: In der ältesten Fassung sind die Jünger unbeteiligt. Der Schwertschlag eines Dabeistehenden ist ein Missgeschick zwischen den Soldaten, wohl verursacht durch Dunkelheit und Durcheinander. Judas wird ja gebraucht, um Jesus überhaupt zu identifizieren. Jesus reagiert auf den Schwertschlag mit Kritik an den Soldaten: „Das ist euch passiert, weil ihr bewaffnet und nachts kommt statt tags im Tempel; aber ich bin kein Terrorist und agiere nicht bewaffnet und verdeckt, sondern öffentlich.“

Die „dabei stehen“, sind bei Mk. nie Jünger, sondern „Andere“ (11,5; 14,69.70; 15,35.39). Die Jünger werden im Text, bis auf den Schluss (ihre Flucht), nicht erwähnt. Wenn beim Schwertschlag ein Jünger gemeint wäre, müsste das ausgesprochen sein wie in den anderen Evangelien. Bisher war von einem Schwert bei den Jüngern nicht die Rede, darum müsste das deutlich benannt sein wie in den späteren Texten.

Die Soldaten kommen mit Schwertern. Es liegt also nahe, dass der Schwertschlag von ihnen kommt. Jesus antwortet auf den Schwertschlag mit einer Anrede an die Soldaten, in der er auf ihre Schwerter kritisch Bezug nimmt. Er übt jeweils nach dem Schwertschlag eines Jüngers Kritik an ihm, aber nicht bei Mk.

Mt. 26,47-56: Mt. schreibt den Schwertschlag einem Jünger zu. Er möchte vermutlich die vage Formulierung („ein Dabeistehender“) verdeutlichen, die irritierende Nachricht vom Missgeschick der Gegner beseitigen und den Jüngern eine Jesus mehr zugewandte Rolle geben. Oder er hat einfach Mk. missverstanden. Er hält eine Reaktion Jesu auf die Gewalttat des Jüngers für nötig und fügt sie hinzu: Jesus beendet den Waffengebrauch und erklärt sich grundsätzlich gegen Waffengewalt (sie führt nicht zur Befreiung, sondern zu tödlicher Gegengewalt). Mt. legt ihm die Verfügung über zwölf Legionen Engel in den Mund, aber Jesus bleibt bei seinem Leidensweg.

Lk. 22,35-38 und 47-54: Inzwischen gehört der Schwertschlag des Jüngers zur Tradition. Darum entsteht die Frage: Wie kann es beim gewaltfreien Jesus ein Schwert geben? Die Tradition erklärt das so, Jesus selbst habe den Auftrag gegeben, Schwerter zu kaufen. Allerdings gilt dieser nur für jetzt und widerspricht den bisherigen Aufträgen an die Jünger. Die Schwerter dienen nicht zur Verteidigung, sondern dazu, dass Jesus verheißungsgemäß wie ein Gewalttäter wird (Jes. 53,12). Es gibt schon zwei Schwerter im Jüngerkreis, mehr lässt Jesus nicht zu. Eins wird benutzt, das andere – jesusgemäß – nicht.

Trotz der jetzt positiven Haltung Jesu zum Waffenbesitz fragen die Jünger ihn bei der Annäherung des Verräters, ob sie zuschlagen sollen. Der Waffengebrauch bleibt ihnen also weiter fragwürdig. Jesus gibt keine Zustimmung. Aber ohne seine Antwort abzuwarten, schlägt ein Begleiter Jesu (gemäß der Tradition) kurzerhand zu: ein Verteidigungsschlag, der die Verhaftung aufhält (sie wird erst am Schluss erzählt). Daraufhin beendet Jesus die Aktion, billigt aber damit schweigend das bisher Geschehene. Das Ergebnis der Gewalt lässt er auch in seinem letzten freien Moment nicht auf sich beruhen, sondern heilt den vom Jünger angerichteten Schaden.

Die Notiz von den zwei Schwertern hat dauerhaft die europäische Geschichte geprägt: Sie stützte die Überzeugung, Jesus habe für den Notfall Gewalt gebilligt, und diente über Jahrhunderte zur Begründung für die Gewaltausübung von Papst und Kaiser als Trägern des geistlichen und des weltlichen Schwertes (Zwei-Schwerter-Lehre).

Joh. 18,3-12: Im spätesten Text kommen Judas und die Schar mit Licht. Entsprechend entfällt der Judaskuss und Jesus stellt sich selbst. Er fragt selbstbewusst die Soldaten, nach wem sie fahnden, und fordert freien Abzug für die Jünger. Damit entfällt auch ihre Flucht. Das Schwert ist inzwischen in der Mitte der Jüngerschaft bei Petrus angekommen. Kein Wunder, dass später in der auf Petrus und sein Bekenntnis gegründeten Kirche (Mt. 16,18) Besitz und Benutzung von Waffen selbstverständlich wurden. Aber das Votum Jesu dazu bleibt eindeutig: Keine Gewalt! Im Umgang mit Gewalt gilt für ihn: leiden statt kämpfen.

 

Zur Überlieferung der Verhaftung Jesu

Die Mitteilungen werden immer genauer: ein Dabeistehender – ein Begleiter Jesu – Petrus; ein Ohr – rechtes Ohr; der Diener des Hohepriesters – Malchus. Das Motiv dafür ist vermutlich der Wunsch, authentisch zu wirken.

Die skurrilen Nachrichten der ältesten Fassung werden nicht weiter überliefert: Einem hohen Untergebenen des Hohepriesters wird durch einen Parteigänger versehentlich ein Ohr abgeschlagen. Und ein leicht bekleideter Begleiter Jesu will in der Nähe des Meisters bleiben, aber von den Soldaten gepackt rettet er sich nackt in die Dunkelheit.

Auch die Auslieferung Jesu durch den innigen Kuss eines abtrünnigen Jüngers im Dunkeln möchte ich hier dazurechnen. Und auch sie wird zuletzt nicht mehr überliefert.

Die negativen Rollen der Jünger verschwinden: Judaskuss und Jüngerflucht. Gleichzeitig entsteht ihre „positive“ Rolle: die Verteidigung Jesu. Beide Rollenverschiebungen hängen wohl zusammen. Ihr tatsächlicher Verrat an Jesus wird kompensiert durch ihren Gewaltakt gegen „die Bösen“ und für „die gute Sache“. Sie wechseln von der Passivität zum aktiven Widerstand gegen sein bewusst übernommenes Leiden.

Die folgenreichste Veränderung im Text sehe ich bei Mt., der den „Dabeistehenden“ mit seinem Schwertschlag als Begleiter Jesu deutet. So halten Waffenbesitz und Waffengebrauch Einzug in die Jüngerschaft, bei Lk. sogar von Jesus befohlen bzw. gebilligt. Und es wird leicht, seine Kritik am Waffengebrauch ausschließlich auf seine Person und sein stellvertretendes Leiden zu beziehen.

Wo ein Jünger zum Schwert greift, reagiert Jesus mit Verbot, Gegenargument, Heilung und dem Hinweis auf die Notwendigkeit seines Leidens. Die Tradition formuliert also seine gewaltfreie Haltung deutlich, wenn auch nicht konsequent. So wird die Szene zu einer der vielen Nachrichten vom Unverständnis der Jünger gegenüber Jesus, besonders im Blick auf sein Leiden. Sie beschreibt die letzte Interaktion zwischen Meister und Schülern zu seinen Lebzeiten, deren letzten Irrtum und seine letztwillige Verfügung an sie.

 

Ein verhängnisvolles Missverständnis

Die Kirche nimmt bis heute an diesem Irrtum der Jünger bzw. der Evangelisten auf erschreckende Weise teil, jedenfalls seit sie Staatskirche des römischen Imperiums wurde. Alle kleinen und großen Machthaber und die Betreiber und Teilnehmer von Kreuzzügen seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart folgen der missverstandenen Anweisung Jesu zum Schwertkauf und dem misslungenen und von Jesus zurückgewiesenen Versuch der Jünger, ihren Herrn – oder „das Gute“ – mit Gewalt zu verteidigen. Kein Wunder, wenn selbst die Evangelisten nicht klar bei der Gewaltfreiheit Jesu bleiben, obwohl sie seine Haltung kennen und darstellen! Und auch das überrascht nicht, denn in der jüdischen, griechischen und römischen Umwelt gilt Gewaltanwendung als selbstverständlich – wie für die große Mehrheit bei uns bis heute.

Eine wichtige Lebensregel Jesu, erwachsen aus seinem Gottesglauben und einem Teil der biblischen Überlieferung, hat bisher bei seinen Anhängern nur wenig überzeugte Nachfolge gefunden. Trotzdem gab und gibt es Einzelne und Gruppen, die dem gewaltfreien Jesus und seiner letzten Anordnung folgen. Obwohl die große Mehrheit auf der Erde Gewalt für notwendig hält und ihr vertraut, ist es für eine kleine Minderheit bis heute überzeugend und allein zukunftsfähig, gewaltfrei zu leben.

Zugespitzt: Das Schwert im Jüngerkreis ist eine Erfindung oder ein Missverständnis von Mt. Ohne das wäre die Kirchen- und Weltgeschichte anders verlaufen. Wem will die Kirche folgen: Jesus oder Matthäus?

 

Anmerkungen zur exegetischen Literatur

Zum Schwertschlag bei Mk. habe ich 34 Kommentare und Monographien befragt: Seit 125 Jahren sehen die meisten einen Jünger am Werk, nur drei einen Gegner, drei lassen die Frage offen. Darum ein weiterer Blick auf die „Dabeistehenden“ in Mk. 14,47:

Mk. beschreibt das Verhaftungskommando als „Menge“ (V. 43). Natürlich können nicht 20 Personen einen einzigen Gegner festnehmen, sondern nur wenige, zumal wenn er sich nicht verteidigt noch verteidigt wird. Die anderen „stehen dabei“.

In V. 46 und 48 ist von den Soldaten die Rede. Wenn dazwischen (V. 47) plötzlich andere Personen (Begleiter Jesu) gemeint wären, brauchte es einen deutlichen Hinweis.

Einige Textzeugen lassen „die Dabeistehenden“ weg. Sie sehen also den Schwertschläger als Soldaten an.

„Er zog das Schwert“: Der bestimmte Artikel ist nur bei einem Soldaten möglich, deren Schwerter schon genannt sind; nicht bei einem Jünger, bei dem ein Schwert überraschend wäre.

Die Jünger sind schwach: beim Passah („bin ich’s?“), beim Gebet (sie schlafen), bei der Verhaftung (sie fliehen). Dazu passt nicht, dass sie ein Schwert haben (was nirgendwo gesagt wird) und sogar zuschlagen.

Die Schar ist bewaffnet, um Widerstand zu brechen. Trotzdem würde sie den gewalttätigen Widerstand eines Jüngers übergehen, aber einen unbewaffneten Sympathisanten verhaften wollen? Unwahrscheinlich!

Diese Überlegungen bestärken meine Sicht: Für den Schwertschlag eines Jüngers gibt es im Text keinen Anhaltspunkt. Warum urteilen die meisten Exegeten anders? Sie teilen die Gewaltfreiheit Jesu nicht (wie auch die Tradition vor ihnen) und halten die Darstellung von Mt. für authentisch. Darum sehen sie den Schwertschlag des Jüngers ebenso bei Mk., selbst wenn das im Text nicht klar zu erkennen ist.

Ich bin überzeugt, das Schwert im Jüngerkreis ist eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass seit 1700 Jahren die großen Kirchen den Besitz und Gebrauch von Waffen billigen. Das Schwert, das es bei Jesus nicht gab, das aber Mt. in den Jüngerkreis hineingedeutet hat, öffnete die Tür für Ströme von Gewalt und Blut, die in vielen Jahrhunderten von den großen Kirchen ausgingen oder an denen sie beteiligt waren und sind.

 

Leo Petersmann

 

Über die Autorin / den Autor:

Leo Petersmann, Jahrgang 1939, Theologe und Pädagoge, Mitglied im Versöhnungsbund, ehem. Studienleiter in einem Berliner Tagungshaus der Evang. Kirche.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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