In der letzten Ausgabe des Deutschen Pfarrblatts haben Jens Böhm und Peter Scherle, ausgehend von den Herausforderungen, die für den Pfarrdienst im Spannungsfeld von „Amt – Person – Beruf“ bestehen, die Ordination als stärkende Orientierung in Erinnerung gerufen. Die Ordinierten, die in ein Dienstverhältnis übernommen werden und vielfältige Dienstaufträge wahrnehmen, sind berufen, gesegnet und gesendet. Teil II beschreibt die Rahmenbedingungen, wie der Pfarrdienst neu ausgerichtet und das Pfarramt im Kontext der Ämter der Kirche gedacht werden kann.

 

3. Die Rahmenbedingungen des Pfarrdienstes neu gestalten

Mit der Ordination verpflichtet sich die Kirche, den Ordinierten beizustehen und für gute Rahmenbedingungen zu sorgen, um im Spannungsfeld von „Amt – Person – Beruf“ zu leben. Das ist kein statisches Versprechen. Es schließt ein, gesellschaftliche Veränderungen in den Pfarrberuf zu integrieren und biographische Veränderungen im Lauf der Dienstjahre zu berücksichtigen. Auch deshalb ist es notwendig, das Verhältnis von Berufs- und Lebensförmigkeit im Pfarrdienst neu zu justieren. Die folgenden Ausführungen enthalten konkrete Vorschläge, wie die EKHN die Rahmenbedingungen des Pfarrdienstes neu ausrichten kann. Manche der Maßnahmen sind schon in der Umsetzung ­begriffen, andere Vorschläge sind perspektivisch gemeint.

3.1 Phasen im Pfarrdienst gestalten

Im Pfarrdienst erweisen sich gegenwärtig insbesondere zwei Phasen als Herausforderung: zum einen der gesamte Weg in den Pfarrdienst, von der Berufswahl bis zum Abschluss des Probedienstes, zum anderen die letzten Jahre im Pfarrdienst und eine freiwillige Übernahme dienstlicher Aufgaben in der Zeit des Ruhestandes. Beide Herausforderungen sind mit gesellschaftlichen Prozessen verbunden, die sich für unseren Zweck auf zwei Stichworte verdichten lassen: die schwindenden Bedeutung und Attraktivität des Pfarramtes sowie die Ruhestandswelle durch die geburtenstarken Jahrgänge.

3.1.1 Pfarrdienst und Nachwuchs

Die Kirchen agieren heute auf einem Arbeitsmarkt, der von einem zunehmenden Fachkräfte- und Nachwuchsmangel geprägt ist. Die Zeit in der sich die Kirchen – und viele andere Arbeitgeber – auf die Personalauswahl der zahlreichen Bewerbenden konzentriert haben, ist vorbei und die Personalgewinnung hat sich zu einem zentralen Thema entwickelt. Der Pfarrdienst wird – wie andere Berufe – durch Kampagnen beworben. Die EKHN-Kampagne „Mach doch, was du glaubst“, die seit 2012 Menschen für den Pfarrdienst gewinnen will, wird seit 2016 durch die EKDweite Kampagne „mein Beruf das volle Leben“ unterstützt. Im Gegensatz zu Kampagnen für andere Berufe zeigt sich der Erfolg eher nach „innen“ als nach „außen“, lässt sich nicht durch „Klicks“ auf Homepages messen, sondern durch Multiplikatoren, die in der Kirche auf den Pfarrdienst hinweisen. Vor allem Pfarrer*innen werben wieder für ihren Beruf, nutzen die Werbemittel für ein persönliches Gespräch oder im Unterricht.

Mit Blick auf das „Amt“ kann es aber nicht nur um Kampagnen gehen, sondern um den Hinweis, sich mit dem eigenen Lebensweg und der eigenen Berufung (vocatio interna) auseinanderzusetzen. Zudem wird die Kirche zur Nachwuchsgewinnung beitragen, wenn sie das Amt der Ordinierten noch stärker in seiner äußeren Berufung (vocatio externa), in seiner Segnung und Sendung kenntlich macht und dazu beiträgt, verschiedene Ämter und deren Verhältnis zu anderen kirchlichen Berufen unterscheiden zu können.

Die Ausbildung zum Pfarrdienst wird zunehmend von der Logik der Bologna-Reform an den Universitäten geprägt. Für sogenannte „Spätberufene“ mit Bachelorabschluss und mehrjähriger Berufserfahrung eröffnen sich neue akademische Zugänge in den Pfarrdienst. In Marburg entstand ein berufsbegleitender Theologiestudiengang, der aber zurzeit aus Kapazitätsgründen viele Bewerbende nicht aufnehmen kann. Gegenwärtig wird an einigen Fakultäten – u.a. auch an den Fakultäten Mainz und Frankfurt ein Weiterbildungsstudiengang Theologie entwickelt. Gleichzeitig wird diese Entwicklung auch Auswirkungen auf die zweite Ausbildungsphase haben. Die Auseinandersetzung mit der Theologie und die Lust an der Theologie gilt es noch deutlicher in die zweite Ausbildungsphase zu integrieren, wenn die erste Ausbildungsphase im Rahmen eines Weiterbildungsstudienganges kürzer wird. Das heißt aber gleichzeitig, dass in die zweite Ausbildungsphase nicht zunehmend anwendungsbezogene Ansprüche integriert werden können.

Neben der Personalgewinnung wird die Personalförderung zu einem zentralen Thema. Für Theologiestudierende wurde im Jahr 2016 die Kirchliche Studienbegleitung eingeführt, um die persönliche Eignung für den Pfarrdienst nicht am Ende eines langen Studiums abzuprüfen, sondern im Verlauf des Studiums zu fördern. Die Teilnahme an der Kirchlichen Studienbegleitung ersetzt nun vorherige Verfahren mit Potentialanalyse zur Aufnahme in das Vikariat. Zudem wurde ein neues Einstellungsverfahren eingeführt. Die Verantwortung für die Übernahme in den Pfarrdienst nach dem Vikariat liegt jetzt bei den Ausbildungspartnern, und nur wenn Zweifel angemeldet werden, wird eine besondere Entscheidung der Kirchenleitung notwendig.

Der Probedienst (mit der Amtsbezeichnung: Pfarrer*in) hat sich als kritischer Übergang erwiesen. Deshalb sollen die neuen Kolleg*innen zunächst einmal gute Bedingungen vorfinden: von einem Pfarrhaus in gutem Zustand, über ein Amtszimmer mit funktionierender technischer Ausstattung bis hin zu Pfarramtsübergaben, die keine Fragen offen lassen. Sie können außerdem erfahrene Kolleg*innen als Mentor oder Mentorin zugeteilt bekommen. Der Übergang in den Pfarrdienst soll schrittweise vollzogen werden: langfristige Vertretungsdienste sollen in den ersten Dienstjahren vermieden werden und die Verantwortung für eine Kindertagesstätte erst dann übernommen werden, wenn eine entsprechende zusätzliche Fortbildung stattgefunden hat. An dieser Phase wird deutlich, wie Personalförderung den Pfarrdienst in den nächsten Jahren prägen sollte.

3.1.2 Pfarrdienst vor und im Ruhestand

Die Herausforderungen für die Phase, die zum Ruhestand und darüber hinaus führt, sind noch einmal anders gelagert. Insbesondere die Generation 55+ sollte in den Blick genommen werden. Die Ordination liegt hier in der Regel schon viele Jahre zurück – viele werden ihr 25. Ordinationsjubiläum erlebt und sich bewusst an die Ordination erinnert haben. Manche Ausbildungserfahrungen und Erlebnisse aus den unterschiedlichen Einstellungsverfahren der letzten Jahrzehnte werden den Rückblick ebenso prägen wie der Segen der alltäglichen Arbeit oder die Veränderungen des Pfarrdienstes und der eigenen Person in den vergangenen Dienstjahren. Der Rückblick kann zum Ausblick werden, wenn der Ordination eine lebenslängliche Prägekraft zugetraut wird. Die letzten Dienstjahre gilt es bewusst zu gestalten, um zuversichtlich zu arbeiten und versöhnt in den Ruhestand zu gehen.

Mit dem Anstieg der Regelalterszeit von 65 Jahren auf 67 Jahre und der Möglichkeit im dienstlichen Interesse bis zum 70. Lebensjahr im aktiven Pfarrdienst zu bleiben, stellt sich die Frage, wie Pfarrer*innen in den letzten Amtsjahren von ihrer Kirche unterstützt werden können. Seit vielen Jahren bilden die letzten Dienstjahre einen Schwerpunkt in den Pastoralkollegs, die von den Pröpst*innen durchgeführt werden. Ein zusätzliches Fortbildungsformat unter dem Titel „Letzte Amtsjahre“ wird eingeführt. Neben den Rahmenbedingungen für den Anfang – den Pfarrdienst auf Probe – sollen nun auch verbesserte Rahmenbedingungen für den Pfarrdienst der letzten Dienstjahre gefunden werden.

3.2. Gestaltungs- und Strukturfragen im Pfarrdienst

Ergänzend zu den ersten und den letzten Jahren im Pfarrdienst wird eine Klärung und Profilierung der Aufgaben in der „Mitte“ des Pfarrdienstes immer stärker eingefordert. Mit dem Rückgang von Pfarrstellen stellen sich Strukturfragen, die es zu gestalten gilt. Das Thema „Aufgabenkritik“ ist zwingend mit dem Rückgang von Pfarrstellen verbunden und damit die Frage, welche Aufgaben Pfarrer*innen auf Grund ihrer Ausbildung und Ordination und der Erwartung der Kirchenmitglieder übernehmen sollten und welche Aufgaben entfallen oder von anderen Professionen geleistet werden können. Vieles wird hier kaum mit einem Kriterienkatalog zu entscheiden sein und muss doch entschieden werden, damit persönliche und organisatorische Überforderungen nicht noch weiter voranschreiten.

3.2.1 Pfarrdienst und Zeit

Im Jahr 2016 wurde eine Handreichung für Pfarrdienstordnungen herausgegeben. Es kann kein „weiter so“ mit weniger Personen geben. Der beliebte Satz „das Bewährte behalten und Neues ausprobieren“ wird nur Erschöpfung produzieren und scheut letztlich die Entscheidung. Pfarrdienstordnungen und Aufgabenbeschreibungen dienen der Konzentration und dem „es ist genug“. Pfarrdienstordnungen bewegen sich dabei immer in der Spannung von Beruf und Amt. Sie beschreiben den Pfarrdienst wie bei anderen Berufen, indem ein Aufgabenbereich skizziert und eine wöchentliche Arbeitszeit – im Jahresdurchschnitt – zwischen 40 und 48 Stunden als Orientierungsrahmen anvisiert wird. Sie übernehmen aber nicht die Struktur von Stellenbeschreibung mit festen zeitlichen Vorgaben. Pfarrer*innen erhalten kein Gehalt, sondern werden alimentiert, also freigestellt, Zeit für andere zu haben. Arbeitszeitkonten und Überstundenausgleich passen nicht zum Pfarrdienst. Die Beschreibung des Pfarrdienstes und seine Begrenzung werden aber dazu beitragen, sein Profil zu stärken und ihn auch in Zeiten der Pfarrstellenreduktion attraktiv zu erhalten. Zudem werden sie dazu beitragen, sich bewusst zu werden, dass den Menschen weder die Lebenszeit noch die Lebenskraft unbegrenzt zur Verfügung steht. Während der Möglichkeiten, das Evangelium zu verkünden, unbegrenzt sind, gehören die Grenzen der verfügbaren Ressourcen und die Grenzen eigener Möglichkeiten zum Wesen des Menschen – und des Pfarrdienstes. Es ist heilsam, sich daran immer wieder zu erinnern.

3.2.2 Pfarrdienst und Kooperation

Es gibt aber auch kein „weiter so“ in alten Strukturen. Im Rahmen eines Kooperationsgesetzes wurden im Jahr 2017 der Synode der EKHN Vorschläge zu einem Pfarrdienst und einer Gemeindestruktur in Kooperationsräumen vorgelegt. Die Vorschläge basieren auf dem Prinzip der Freiwilligkeit und des Anreizes zur Kooperation. Sie reagieren schon heute darauf, dass es immer schwieriger wird, eine Pfarrstellenstruktur zu erhalten, die von der Inhaberschaft einer Pfarrstelle in einer klar abgegrenzten Parochie bzw. Kirchengemeinde ausgeht. Der Pfarrdienst der Zukunft könnte eher in Kollegien organisiert werden, die sich auf sinnvolle Bereiche wie Nachbarschaftsräume, Stadtquartiere, Kirchspiele beziehen und die derzeitige strikte Trennung von Gemeinde- und Funktionspfarrstellen überwinden. In diesen Kollegien können organisatorische Strukturen geschaffen werden, um Auszeiten und Familien- und Pflegezeiten zu ermöglichen, Vertretungen einzuplanen und Spezialisierungen im Pfarrdienst zur Wirkung kommen zu lassen. In diesen Kollegien gäbe es auch die Chance, dass geistliche Formen entstehen, um sich gegenseitig im Dienst der Ordinierten zu stärken, zu unterstützen und zu begleiten. Diese Dienstgemeinschaft lässt sich weder in Einzelgemeinden noch in Dekanaten erleben. Die einen sind zu klein, die anderen zu groß, sodass hier Kooperationsräume als Organisationsform des Pfarrdienstes vorschlagen werden, die zunächst erprobt werden sollten.

3.2.3 Pfarrdienst und Verwaltung

Die Frage der Entlastung des Pfarrdienstes von Verwaltungsanteilen wird immer drängender. Wohin die Entwicklung gehen kann, zeigt sich etwa bei den Kindertagesstätten. Diese werden zunehmend in größeren Verwaltungseinheiten zusammengeführt, sodass z.B. Dekanate die Verwaltung, Bewirtschaftung und Personalführung übernehmen, während die religionspädagogische Begleitung an den Pfarrdienst und die örtlichen Kirchengemeinden gebunden bleibt. Ein anderes Beispiel ist die Errichtung eines gemeinsamen Kirchenbüros durch mehrere Gemeinden im oberen Edertal. Die Zusammenlegung von Verwaltungsressourcen (Sekretariatsstunden) ermöglicht größere Professionalität und bietet den Menschen Öffnungszeiten, die zu ihrem Leben passen. Dazu gehört auch die Entscheidung dieses Kirchenbüro im regionalen Einzugsraum bei einem Einkaufszentrum anzusiedeln. Perspektivisch kann der Pfarrdienst und das Ehrenamt im Rahmen der Umsetzung der Pfarrstellenbemessung in den nächsten Jahren von Verwaltungsanteilen entlastet werden, wenn entfallende Pfarrstellen zum Aufbau von unterstützenden Diensten für Pfarrer*innen und Kirchengemeinden genutzt werden. Als sinnvoller Bezugsrahmen sind hier eher Kooperationsräume vorzusehen als die Aufstockung einzelner Gemeindesekretariate.

3.2.4 Flexible Wohnformen im Gemeindepfarrdienst

Das Pfarrhaus hat eine bleibende Funktion für die öffentliche Anwesenheit der Kirche am Ort. Pfarrinnen und Pfarrer nehmen durch das Leben im Pfarrhaus teil am alltäglichen Leben der Menschen in der Gemeinde. Zugleich hat das Leben im Pfarrhaus aber Anteil an den gesamtgesellschaftlichen Transformationsprozessen, z.B. den kulturellen Wirkungen der Individualisierung und Pluralisierung. Das Festhalten an einem Leben im Pfarrhaus kann auch als ein Festhalten an einem einseitigen Familienbild verstanden werden, in dem sich das Familienumfeld an der Berufssituation der Pfarrerin oder des Pfarrers orientiert. Vielfältige Familienformen werden zu vielfältigen Wohnformen im Pfarrdienst führen. Neben der Dienstwohnungspflicht gilt es auch die Grenzen und Chancen der Residenzpflicht (wohnen im Gemeindegebiet aber nicht im zugewiesenen Pfarrhaus) und die Präsenzpflicht (verbindliche Erreichbarkeit in den Dienstzeiten ohne Wohnort im Gemeindegebiet) im Gemeindepfarrdienst zu erproben.

 

4. Das eine Amt und die Ämter der Kirche

Die reformatorische Konzentration auf das „Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung“ ist ein Ergebnis der konflikthaften Auseinandersetzung mit der römisch-katholischen Sakraments- und Amtstheologie der damaligen Zeit. Durch diesen Entstehungszusammenhang hat die evangelische Amtstheologie eine Prägung erfahren, die ihr auch Grenzen setzt. Diese Grenzen werden heute erkennbar, sodass eine neue amtstheologische Diskussion notwendig ist.

Grundsätzlich ist die reformatorische Amtstheologie dadurch begrenzt, dass sie zwar die Statusfrage der Nicht-Kleriker in den Blick nimmt und mit der Idee des Klerus bricht – zumindest theologisch. Da aber den Getauften (dem „allgemeinen Priestertum“) kein Amt zugesprochen wird, das im Unterschied zum Predigtamt bestimmbar ist, kommt es zu einer amtstheologischen Verkürzung. Diese besteht darin, dass der Auftrag zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung (nach CA 5) zu einer Folie wird, auf deren Hintergrund, die Aufgabe aller Getauften verstanden wird.

Demgegenüber lässt sich im Rückgriff auf die biblische Tradition aber die Aussage riskieren: „Gott loben, das ist unser Amt“ (EG 288, 5). Damit verschiebt sich die Perspektive und eröffnet eine neue amtstheologische Einsicht für das Amt aller Getauften und die aus ihm abgeleiteten Ämter. Insbesondere in den Psalmen lässt sich erkennen, dass dieses Gotteslob Grund und Ziel der anderen Formen des Betens ist. Auch das Klagen, Bitten und Danken haben ihren Grund im Vertrauen auf die Lebensmächtigkeit Gottes, der alles Leben geschaffen hat, es erhält und schließlich auch verwandeln und heilen wird. Im Loben wird eben diesem Gott des Lebens, der sich uns in Christus ganz erschlossen hat, in der Welt Gewicht gegeben. Das Loben widersteht so auch den Mächten des Todes, des Bösen und der Sünde in der Welt und im eigenen Leben. Deshalb kann von einem Lobe-Amt gesprochen werden, das alle innehaben, die vom Heiligen Geist ergriffen ein grundlegendes Vertrauen in den Gott des Lebens gewonnen haben. Das „ministerium verbi et sacramenti“ ist (auch nach CA 5) nur Hilfsmittel, „um diesen Glauben zu erlangen“, der im Lobe-Amt seinen Ausdruck findet.

In den biblischen Texten wird das andauernde und durchdringende Gotteslob zu einer zentralen Hoffnungsperspektive. Mit dem Kommen Gottes wird die ganze Schöpfung vom Gotteslob durchdrungen, vereinen sich himmlische und irdische Lobgesänge im Lobe-Raum der Ewigkeit, in dem das Böse ge-nichtet, der Tod besiegt und die Sünde überwunden ist. Wann und wo auch immer in der Geschichte das Gotteslob laut wird – und sei es im stillen Seufzen der Kreatur – da kommt Gott zur Welt. Eben deshalb heißt es: „Gott loben, das ist unser Amt.“

Dieses Lobe-Amt, in dem die anderen Formen des Betens, wie das Klagen, Bitten und Danken, Grund und Ziel finden, haben alle Christenmenschen. Es wäre demnach als das eine Amt zu verstehen, dem die Ämter der Kirche zu dienen haben und das im sonntäglichen Gottesdienst zur Darstellung kommt. Ein andauerndes und durchdringendes Gotteslob verantwortlich zu gestalten und – samt den exemplarischen Formen, die die heilsame Dimension des Gotteslobs zum Ausdruck bringen – organisatorisch zu sichern, dem dienen das Pfarramt und das Leitungsamt der Kirche. Dies soll nun genauer ausgeführt werden.

4.1 Das Pfarramt und das Amt der Leitung

In der Kirchenordnung der EKHN (KO) wird ausgeführt, dass alle Getauften berufen sind, Christus in ihrem Leben zu bezeugen (Art. 4. KO). Wir können – wie eben ausgeführt – auch sagen, die Getauften haben Teil an dem einen Amt, das darin besteht, dem Gotteslob in der Welt Raum zu geben, in dem alles Klagen, Bitten und Danken der Menschen und der Kreatur seinen Grund und sein Ziel hat.

In Art. 6 KO wird weiter ausgeführt, dass es außerdem Menschen gibt, die von der Kirche in Dienst genommen werden. Sie werden mit ihren Gaben, so lässt sich diese Überlegung vertiefen, für bestimmte Aufgaben im Ehren- oder Hauptamt in Anspruch genommen. Von der „Berufung“ aller Getauften werden also die „Dienste“ unterschieden, bevor dann in Art. 6 Abs. 4 KO zwei „Ämter“ benannt werden, die es in der EKHN gibt: das Amt der Verkündigung und das Amt der Leitung. Beide werden als Ämter dadurch näher bestimmt, dass sie auf Schrift und Bekenntnis verpflichtet und gottesdienstlich eingeführt werden müssen.

Wird das Leitungsamt in diesem Sinne – wie es auch die Kirchenordnung der EKHN tut – als „geistliche Leitung“ verstanden, dann ist es auch für die Wahl bzw. Berufung von Kirchenvorständen und Synodalen wichtig, die Worte des Apostelkonzils („Der Heilige Geist und wir haben beschlossen …“, Apg. 15,28, Zürcher Übersetzung) anklingen zu lassen, sodass die institutionelle und die geistliche Dimension nicht auseinander fallen. Die Gaben wiederum, die im Zusammenhang mit der Handauflegung erbeten werden, müssen dann aber auch bei denen, die ein Leitungsamt übernehmen, erkennbar sein. Am besten wäre es, die für die Leitung notwendigen Gaben würden – ähnlich wie für das Pfarramt – durch Vorbereitungskurse für die Ehrenamtlichen schon für den Dienst in der Kirche geformt.

4.2 Gründe für weitere Ämter, die dem Gotteslob dienen

Die gottesdienstliche Verantwortung für das dauerhafte und durchdringende Gotteslob, dem einen Amt, an dem alle Getauften teilhaben, liegt in den evangelischen Kirchen beim Pfarramt. Die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, zu der Pfarrer*innen beauftragt sind, ist ihr Beitrag zu dem einen Amt. In der Ordination wird die Berufung in dieses Amt und das zugleich begründete Dienstverhältnis mit Handauflegung und Gebet in Szene gesetzt. Ob der Dienstauftrag beruflich oder ehrenamtlich wahrgenommen wird, ist für die Ordination ohne Bedeutung. Deshalb können Pfarrer*­innen im Ehrenamt ordiniert werden. Könnten dann nicht ebenso Prädikant*innen ordiniert werden? Werden letztere – auch wenn sie den Prädikantendienst als Diakonin oder Gemeindepädagogin tun – ebenfalls zu öffentlicher Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung unter Handauflegung und Gebet berufen, handelt es sich dann nicht im theologischen Sinne um eine Ordination? Eine Begrenzung der Berufung hinsichtlich Ort und Zeit („pro loco et tempore“) kann, wie bei Pfarrer*innen im Ehrenamt, durch die Art des Dienstverhältnisses und des Dienstauftrages sichergestellt werden. Eine solche Ordination von Prädikant*innen sollte allerdings nur unter der Voraussetzung geschehen, dass eine intensive Ausbildung und Förderung im Blick auf die notwendigen theologischen Kenntnisse und Fertigkeiten erfolgt.

Durch die Ordination von Prädikant*innen könnten evangelische Kirchen ihrer selbst eingegangenen ökumenischen Verpflichtung gerecht werden, dass nur Ordinierte die Abendmahlsfeier leiten und regelmäßig eigenverantwortlich predigen. Eine Zuordnung zum Pfarramt erfolgt dann über das in Art. 15 Abs. 1 KO ausgeführte „Kanzelrecht“, das auch das „vorrangige Recht“ auf die Leitung des Abendmahls und auf die sogenannten Amtshandlungen (Taufe, Trauung, Bestattung) beinhaltet. So wird auch deutlich, dass dem Pfarramt zwar eine episkopale Funktion zukommt, nicht aber ein Vorrang des Standes, der auf der Ordination beruht.

Wird das eine Amt des Gotteslobes – und nicht die dienende „Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung“ – als Bezugspunkt der Ämter ernst genommen, dann sind weitere Ämter begründbar, die für das „andauernde und durchdringende Gotteslob“ auch Mitverantwortung übernehmen. Von alters her sind die Küster*innen, die Verantwortung für den Raum und die materiellen Bedingungen des Gotteslobes tragen, und die Kantor*innen, die Verantwortung für das Gotteslob durch die Musik tragen, als Ämter im Blick. Um diese Mitverantwortung deutlich zu machen, sollte die Einführung von Küster*innen und Kantor*innen auch unter Handauflegung und Gebet im sonntäglichen Gottesdienst erfolgen. Ähnlich wie bei der gottesdienstlichen Einführung von Kirchenvorständen handelt es sich dabei nicht um eine Ordination. Dieser Begriff sollte – im Interesse der ökumenischen und innerevangelischen Verständigung – der Berufung in das Amt der öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung vorbehalten bleiben.

4.3 Der innere Zusammenhang der Ämter

Die skizzierte Vielfalt und Zuordnung der Ämter muss im sonntäglichen Gottesdienst, der Feier der Auferstehung Christi, als Ausdruck des einen Amtes erkennbar werden, dem Gotteslob aller Getauften. Das Gotteslob selbst kann sich in vielen unterschiedlichen Formen zeigen und ist keineswegs auf den Raum der Kirche beschränkt. Der klagende Seufzer einer Einzelnen zuhause oder bei der Arbeit ist ebenso Gotteslob im Leib Christi wie gemeinschaftliche Klage-, Dank- oder Lob(preis)-gottesdienste, die nach Orten, Zeiten, Anlässen oder liturgischen Formen differieren. Dennoch kann die Kirche nicht darauf verzichten, die Einheit des Amtes beim wöchentlichen Christusfest in Szene zu setzen. Dass solche Gottesdienste „Feste“ sein sollen und zugleich das Gotteslob in einer in sich verschlossenen Welt „behaupten“ müssen, kann als Hinweis auf ihre Gestaltung verstanden werden.

4.4 Das Pfarramt im Zusammenspiel mit anderen Berufen („Professionen-Mix“)

Das Thema Dienstgemeinschaft ist mit den Pfarrkollegien bereits angedeutet und geht doch weit über den Pfarrdienst und die genannten Ämter hinaus. Es gibt eine Vielzahl von Berufen, die für die Gestalt und Gestaltung der Kirche in der heutigen Gesellschaft wichtig sind. Klassisch gehören solche Berufe in das Feld der Verwaltung (Jurist*innen, Verwaltungsfachkräfte usw.), der Bildung (Pädagog*innen in Gemeinde, Schule, Hochschule usw.) und der sozialen Arbeit (Pfleger*innen; Gemeindepädagog*innen usw.). Heute kommt noch das Feld der öffentlichen Kommunikation (Journalist*innen usw.) dazu. Die Kirche steht vor der Aufgabe, das Zusammenspiel der unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen und Tätigkeiten sinnvoll zu organisieren. Diese Intention liegt dem kirchenleitenden Vorschlag eines „Professionen-Mix“ zugrunde. Im Blick auf den Pfarrdienst soll dies vom Druck einer diffusen beruflichen Allzuständigkeit befreien.

Besonders wichtig dürfte nach heutiger Erkenntnis der Aufbau von zusätzlichen Verwaltungs- und Bewirtschaftungsstellen sein. Der zentrale Grund dafür ist die Überlastung der Ehrenamtlichen in den Leitungsorganen in diesen Bereichen. Auch deshalb werden Pfarrer*innen, die in manchen Gegenden die einzigen hauptberuflich Tätigen in der Kirche sind, für Verwaltung, Bau und Bewirtschaftung (bis hin zum Küsterdienst) in Anspruch genommen. Erinnern wir uns außerdem daran, dass dem Leitungsamt auch die Verantwortung für das diakonische Handeln zukommt, dann stärkt das die Handlungsfähigkeit in diese Richtung.

Auf dem Feld der Bildung und der sozialen Arbeit braucht es Berufe, die die notwendige Professionalität sichern. In welchem Maße diese Berufe vorgehalten werden, hängt sehr davon ab, ob die entsprechenden Einrichtungen von der Kirche vorgehalten werden sollen. Kindertagesstätten und Orte der Familienbildung sind solche Einrichtungen.

4.5 Kooperation von haupt- und ehrenamtlichen Diensten fördern

Aus der Tatsache, dass dem Pfarramt eine Mitverantwortung für die Leitung und die Episkopé zukommt, ergibt sich eine besondere Verantwortung für die Kooperation aller haupt- und ehrenamtlich Tätigen. Im Blick auf die Haupt- und Ehrenamtlichen ergibt sich daraus die Aufgabe, die Interessen und Fähigkeiten von Mitarbeitenden einzubeziehen und zu fördern. Das setzt auf Seiten der Pfarrer*innen zudem die Bereitschaft und die Fähigkeit voraus, mit anderen zu kooperieren. Beides muss in der Ausbildung gezielt gefördert werden, denn die Spannung zwischen der pfarramtlichen Amtsautorität und Leitungsrolle einerseits sowie der notwendigen Teamarbeit andererseits muss gestaltet werden. Dazu gehört dann aber auch, ehrenamtliche Mitarbeit von einer kooperativen Haltung abhängig zu machen.

 

5. Schluss

An den Propsteitagen der EKHN haben ca. 500 Pfarrer*innen teilgenommen – ein gemeinsamer Verständigungsprozess über den Pfarrdienst, wie er in dieser umfangreichen Form noch nicht in der EKHN stattgefunden hat. Stellenweise wurde Dankbarkeit für die Benennung von „Schwierigkeiten, Kränkungen, Verletzungen“ aus der Vergangenheit zum Ausdruck gebracht. Für Einzelne war es ein „Kairos“, ein heilsamer Blick auf die Erfahrung mit dem eigenen Pfarrdienst. Die Themenfelder „Pfarrdienst und Zeit“ und „Pfarrdienst und Wohnen“ wurden kaum kontrovers diskutiert. Hier wurden die gegenwärtigen Veränderungsprozesse positiv aufgenommen. Bei den Themenbereichen „Pfarrdienst und Verwaltung“ sind die größten Widerstände wahrzunehmen. Das Unverständnis für ständig wachsende Verwaltungsvorgänge wurde massiv eingebracht, mitunter gedeutet als Kompensation des Bedeutungsverlustes der Kirche durch zunehmende Bürokratisierung. Mit dem Themenbereich „Pfarrdienst und Kooperation“ sind die größten Erwartungen verbunden, die aber auch von Zweifeln zur Umsetzbarkeit begleitet werden. Unterschiedliche Haltungen zwischen jüngeren und älteren Pfarrer*innen wurden ebenso thematisiert wie die schleppende Geschwindigkeit der Umsetzung. Ein gemeinsamer Diskussionsprozess über eine „Theologie der Ämter“ wurde mit den Propsteitagen eröffnet. Die Frage der Ordination ist damit verbunden. Mit dem Rückgang der Zahl der Pfarrer*innen stellt sich die Frage, welche Arbeitsbereiche andere Professionen übernehmen bzw. nicht übernehmen können. Mit dem sog. „Professionen-Mix“ wird die Frage aufgeworfen, was den Verkündigungsdienst kennzeichnet und von anderen Diensten unterscheidet. Verbinden sollte den Verkündigungsdienst die Ordination. Eine Ausweitung der Ordination über den Pfarrdienst hinaus sollte diskutiert und entschieden werden.

 

Über die Autorin / den Autor:

OKR Jens Böhm, Jahrgang 1962, Pfarrer der EKHN, von 2009-2014 Leiter des Referates Personalförderung und Hochschulwesen und seit 2014 Personaldezernent der EKHN.

 

Prof. Dr. Peter Scherle, Jahrgang 1956, Pfarrer der EKHN, seit 2000 Professor für Kirchentheorie und Kybernetik und seit 2002 Direktor des Theol. Seminars der EKHN in Herborn.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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