Im Herbst vergangenen Jahres hat ein Vortrag des ehemaligen Greifswalder Bischofs Hans-Jürgen Abromeit kräftig Staub aufgewirbelt. In einer hitzigen Debatte wurde Abromeit anschließend des Antisemitismus bezichtigt. Johannes Wallmann analysiert die Vorgänge aus einem zeitlichen Abstand heraus und macht deutlich, dass Abromeits Anliegen missverstanden wurde; die richtige Lesart seines Vortrags führe indessen geradewegs auf die Spur Martin Bubers.

 

Der ehemalige Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit hielt am 1. August 2019 bei einer Tagung der Evang. Allianz in Bad Blankenburg einen Vortrag „Zwei Völker – ein Land“, in dem er für die Gleichberechtigung von Juden und Palästinensern im Staat Israel plädierte. Als einen Tag später in idea-Spektrum der Inhalt des Vortrags mitgeteilt wurde, war mir sofort klar, dass Abromeit, wenn er den Deutschen „Überidentifikation“ mit dem Staat Israel vorwarf, die in Bad Blankenburg vor ihm sitzenden Evangelikalen meinte, die vor allem in Sachsen zahlreich verbreitet sind. Die deutschen Evangelikalen sind eng mit den Evangelikalen der USA verbunden, die Donald Trump dort zu dem christlich-jüdischen Bündnis gegen den Islam veranlassten, das Netanjahu in Israel in die Praxis umgesetzt hat. Der frühere israelische Botschafter Shimon Stein und der Jerusalemer Professor Moshe Zimmermann warnten in einem Artikel „Der instrumentalisierte Antisemitismus“ (FAZ vom 21. Dezember 2017) Deutschland vor diesem Bündnis.

Von den Evangelikalen in Sachsen hingegen, wo sich ein Verein der Sächsischen Freunde Israels gebildet hat, wird das Bündnis begrüßt. Auf sächsischen Pegida-Demonstrationen, die gegen die Gefahr des Islams protestieren, wird die Flagge Israels geschwenkt. In der Errichtung des Staates Israel erblicken die Evangelikalen ein heilsgeschichtliches Handeln Gottes, der mit der Zurückführung seines Volkes Israel in das verheißene Land den Beginn des messianischen Zeitalters zu erkennen gebe. Während Martin Niemöller einst gegen solche religiöse Überhöhung die Gründung des Staates Israel ein säkulares Ereignis nannte1, sprechen diejenigen deutschen Landeskirchen, die in ihren Grundordnungen dem Rheinischen Synodalbeschluss von 1980 folgten, von der Heimkehr der Juden in das verheißene Land, haben allerdings die Rede vom Staat Israel nicht aus dem Rheinischen Synodalbeschluss übernommen, auch die Rheinische Kirche selbst in ihrer Kirchenordnung nicht. Ob Gott den Staat Israel gewollt hat, lassen sie offen. Für die Evangelikalen dagegen ist die Gründung des Staates Israel von Gott gewollt und die Initiation des bevorstehenden messianischen Zeitalters.

 

Fremd im eigenen Land“

In der Erwartung, dass Bischof Abromeit bei den Evangelikalen auf heftigen Widerstand stoßen werde, habe ich umgehend einen Leserbrief an idea-Spektrum gesandt. Er lautete2: „Der Vortrag von Bischof Abromeit sollte nicht nach dem nur einmal vorkommenden Wort Überidentifikation beurteilt werden, das einigen nicht gefällt, sondern nach dem von Martin Buber entlehnten Titel ‚Zwei Völker – ein Land‘. Abromeit verweist mehrfach in seinem Vortrag auf Buber. Buber war Zionist, aber Gegner eines nationalen Zionismus, der einen exklusiv jüdischen Staat Israel wollte. Er kämpfte für einen Staat, in dem Juden und Araber gleichberechtigt miteinander leben. Einen jüdischen Staat hielt er für ein ‚jüdisches Albanien‘, das zum Zankapfel der umliegenden Staaten werden würde. Buber konnte sich nicht durchsetzen. Zu Heinrich Grüber, der ihm während des Eichmann-Prozesses begegnete, sagte er: ‚Lieber Freund, können Sie verstehen, wie fremd ich in diesem Lande geworden bin? Aber ich kann ja in keinem andern Land leben.‘ (Grüber, Erinnerungen, 1968, 113). Heute ist Buber in Israel vergessen. Aber in Deutschland ist er bekannt. Jährlich erinnert in der Woche der Brüderlichkeit die Buber-Rosenzweig Medaille an seinen Namen. Abromeits Vortrag stellt die Existenz Israels nirgendwo infrage, aber macht deutlich, dass wir durch die Ehrung Martin Bubers verpflichtet sind, auf die Gleichberechtigung von Juden und Arabern zu dringen.“

Bischof Abromeits bevorstehende Emeritierung gab idea-Spektrum in den nächsten Nummern Anlass, seiner Verdienste um das kirchliche Leben zu gedenken. So habe er als erster Bischof bei dem „Marsch für das Leben“ in Berlin gepredigt. Aber sein Blankenburger Vortrag wurde – offenbar mit Rücksicht auf die große evangelikale Leserschaft – nicht erwähnt. Nach der Verabschiedung Abromeits würdigte ihn der frühere Chefredakteur Matthies „als große Ausnahme unter den leitenden Geistlichen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)“, ohne seinen Blankenburger Vortrag zu erwähnen.3 Dafür wurde im selben Heft ein längeres Interview mit dem Chemnitzer evangelikalen Pfarrer Theo Lehmann gebracht, der sich offen zu dem christlich-jüdischen Bündnis gegen den Islam bekannte. Jeden Montag nehme er in Chemnitz an Pegida-Demonstrationen teil, sehe dort Israelfahnen, was er woanders noch nicht erlebt habe. Lehmann erklärte: „Pegida und AfD sind die einzigen, die dagegen protestieren, dass uns der Islam überrollt. Sonst macht das keiner – keine Kirche und keine Partei.“

Zwar distanzierte sich idea von Pegida, indem es die Demonstranten „Schmuddelkinder“ nannte. Aber von der evangelikalen Identifikation mit dem Staat Israel distanzierte sich idea nicht. Bischof Abromeit hat mit seinem Vortrag bei den Evangelikalen nichts erreicht. Buber ist auch bei ihnen vergessen. Auf dem Titelblatt des idea-Heftes feierte ein großes Konterfei Theo Lehmann, diesen Antipoden Bischof Abromeits.

 

Theologisch wirres Zeug“?

Rückte idea allmählich von dem Vortrag Bischof Abromeits ab, so folgte in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit und in der EKD sofort eine scharfe Reaktion, wurde Abromeit des Antisemitismus bezichtigt. Der religionspolitische Sprecher der Grünen Konstantin von Notz äußerte als erster: „Die Aussagen des Bischofs sind unsäglich und machen mich fassungslos.“ Volker Beck fand in dem Vortrag eine „falsche Darstellung der Geschichte des Zionismus“ und „theologisch wirres Zeug“. Die BILD-Zeitung titelte: „Skandal um Anti-Israel-Rede von Deutschem Bischof“. Die Wochenschrift Christ und Welt brachte unter der Überschrift „Israel sitzt am längeren Hebel. Der Greifswalder Bischof Hans-Jürgen Abromeit steht unter Antisemitismusverdacht“ ein längeres Interview mit Abromeit, in dem er sich ausführlich über sein Anliegen äußerte, das aber in der Folge von niemandem beachtet wurde. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz von Deutschland sprach von „ungeheuerlichen Äußerungen“. Andreas Nachama erklärte in der Jüdischen Allgemeinen, der christlich-jüdische Dialog dürfe nicht mehr den Kirchen überlassen werden. Ulrich W. Sahm, ein in Israel lebender deutscher Journalist, Enkel eines früheren Berliner Oberbürgermeisters, schrieb im Israelnetz, Abromeit fehle das Grundwissen, um über den Zionismus zu urteilen.

Ähnlich scharf waren die kirchlichen Urteile. Nachdem die leitende Landesbischöfin der Nordkirche Kristina Kühnbaum-Schmidt Abromeits Rede von der Überidentifikation „völlig unangemessen“ genannt hatte, distanzierten sich auch Bischof Magaard und Bischöfin Fehrs. Zurückhaltender urteilte Hannah Lehming, in der Nordkirche Referentin für den Nahen Osten und Beauftragte für den christlich-jüdischen Dialog. Ihre sachkundige Stellungnahme vom 21. August 2019 beschränkt sich auf den Vorwurf, Abromeit biete eine einseitige Schuldzuweisung an Israel, was der Empörung der Öffentlichkeit, nicht aber seinem Vortrag entspricht. Dass seine Kritik an der Errichtung eines jüdischen Nationalstaats der Kritik Martin Bubers gleicht, erwähnt Lehming nicht. Schließlich kritisiert sie, dass er dem Judentum jegliche Legitimität eines religiösen Bezugs auf das Land abspricht, was auch Helmut Gollwitzer getan hat, bis er, und zwar nicht durch tiefere Einsicht in das NT, sondern unter dem Einfluss des Zionisten Jonathan Bloch, seine Meinung änderte. Dass in Israel selbst überwiegend kein religiöser, sondern ein historischer Anspruch auf das Land erhoben wird, müsste sie wissen, verschweigt es aber. Dass sich Abromeit weitgehend auf die Orientierungshilfe von EKD, UEK und VELKD Gelobtes Land? Land und Staat Israel in der Diskussion (2012) oder auf die Stellungnahme der Evangelischen Mittelost-Kommission (EMOK) zum Nationalitäten-Gesetz 2018 stützen kann, müsste sie auch wissen. Sie hätte zu Abromeit auch ein positives Gutachten liefern können.

 

Akademische Abromeitschelte

Am 9. September 2019 beschloss der Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) in Mecklenburg-Vorpommern eine Erklärung zur Rede von Bischof Abromeit, die seine angebliche Nähe zum Antisemitismus betont. So heißt es: „Wo Äußerungen fallen, die für antisemitische Denkmuster anschlussfähig sind, werden wir widersprechen. Wir sehen in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit und werden ihr mit entsprechenden Bildungsangeboten begegnen.“ Dass man sich dafür, neben dem weiter unten zu besprechenden Widerspruch Friedhelm Piepers, auf die Stellungnahme der Pastorin Lehming beruft, entspricht nicht der Intention ihrer Stellungnahme.4

Auch akademische Theologen beteiligten sich an der Abromeitschelte. So unterschrieben Greifswalder Theologen – nicht die ganze Fakultät – eine Stellungnahme, wie sie in der Geschichte der Theologie noch keine theologische Fakultät gegen ihren Bischof ausgesprochen hat. Sie war verfasst von dem Alttestamentler Stefan Beyerle und trägt den Titel „Nein, Herr Bischof!“ Im Anschluss an die vielen Abromeit in die Nähe des Antisemitismus rückenden Stellungnahmen der kirchlichen und politischen Öffentlichkeit, die sich allesamt auf den von Abromeit benutzten Begriff „Überidentifikation“ stürzten, erklärten die Greifswalder: „Eine ‚Überindentifikation‘ aufgrund der historischen Schuld führt im Umkehrschluß unausweichlich zu einer Relativierung jener Schuld.“ In solcher Weise Abromeit in die rechte Ecke rückend belehrte man den Bischof, er möge sich umsehen und feststellen, in welch problematischer Gesellschaft er sich mit dieser angeblichen Relativierung der deutschen Schuld an den Juden wiederfinde. Verwiesen wurde auf einen Artikel in der Jungen Freiheit. Weiterhin wurden ihm Unkenntnis der Bibel, „krude Formen“ des Bibelgebrauchs und „krude“ Thesen zum Zionismus und zur Zwei-Staaten-Lösung vorgeworfen. Die Greifswalder Stellungnahme endete mit der schulmeisterlichen Belehrung: „Ein Bischof ist nach evangelischem Verständnis Theologe und Pfarrer. Er hat als ordinierter Pfarrer 1. theologisch sauber, 2. vernünftig im Sinn kommunikativer Vernunft zu argumentieren. ‚Persönliche‘ oder Privatmeinungen gibt es als Kategorie nicht.“

 

Das Schweigen des Rates der EKD

Diese Stellungnahme wurde von der EKD an Interessierte versandt. Auch ich bekam sie von einem OKR des Kirchenamts der EKD mit der Bemerkung: „Für antisemitisch halte ich diesen Vortrag [...] nicht. Absolut falsch und grenzwertig finde ich die Aussage, aus dem jüdischen Charakter des israelischen Staates folge prinzipiell (!) die Benachteiligung der Palästinenser.“ Abromeits Vortrag und die Greifswalder Stellungahme lagen dem Rat der EKD vor. Doch dieser hat bis heute keine Stellungnahme dazu abgegeben.

Vielleicht hat auf dieses Schweigen Einfluss gehabt, dass kurz vor der Sitzung des Rates den Greifswalder Theologen eine vernichtende Antwort in zeitzeichen zuteilgeworden war, die der Zürcher Systematische Theologe Johannes Fischer verfasst hatte: „Leider Methode geworden. Die theologische Fakultät Greifswald meint sich von Abromeit distanzieren zu müsssen“. In sorgsamer Analyse von Abromeits Vortrag stellte Fischer fest, die Greifswalder Stellungnahme „geh[e] mit keinem einzigen Wort auf das zentrale Anliegen des Referats von Abromeit ein“ und habe nichts anderes im Sinn, als sich vor einem Publikum zu inszenieren und die Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken. Die ganze Stellungnahme lese sich wie eine „Selbstinszenierung“, mit der man der wissenschaftlichen und kirchlichen Öffentlichkeit vorführen wolle, wie man einen Bischof, der von nichts eine Ahnung habe, abkanzeln könne.

Fischer analysiert das oben genannte Argument der Greifswalder, eine „Überidenfikation“ aufgrund der historischen Schuld „führ[e] im Umkehrschluß unausweichlich zu einer Relativierung jener Schuld“. Sein Kommentar: „Versteht das jemand? Kann man das überhaupt verstehen? Der Satz läßt Zweifel aufkommen am logischen Vermögen derer, die das unterschrieben haben. Einen Umkehrschluß kann es nur geben, wo es einen Schluß gibt. Der Satz ‚Aus dem Schuldbewußtsein der Deutschen folgt eine Überidentifikation mit dem Staat Israel‘, ist aber kein Schluß, sondern eine Tatsachenfeststellung, mag sie wahr oder falsch sein.“ Mit solcher geistigen Überlegenheit geurteilt erscheinen die Greifswalder Theologen als inkompetente Schulbuben. Fischer bezichtigt ihre Stellungnahme der „Kleingeisterei“ und der „Arroganz“. Man kann nur verwundert sein, daß das Greifswalder Gutachten aus der EKD als beachtliches theologisches Dokument versandt wurde.

 

Ein sensibles Thema

Inzwischen hat Fischer in der Zeitschrift zeitzeichen einen weiteren Aufsatz vorgelegt: „Jenseits der Moral. Über das schwierige Verhältnis zwischen Deutschland und Israel“. Diesmal befasst er sich nicht mit den unterschiedlichen Bewertungen des umstrittenen Vortrags, sondern mit diesem selbst. Zuvor aber spricht er, im längsten Teil seines Beitrags, von der Schwierigkeit, als Deutscher zur Nahostfrage zu reden. Er nennt das Thema Israel ein sensibles Thema, bei dem jedes falsche Wort, jede unbedachte Formulierung moralische Empörung auslöst. Das liege an unserer Geschichte. Doch resultiere aus der deutschen Geschichte nicht nur die besondere Verantwortung, die wir als Deutsche gegenüber den Juden haben, sondern auch die Verantwortung, die Art. 1 unseres Grundgesetzes formuliert: „Die Menschenwürde ist unantastbar.“ Diese Menschenwürde sei universell und erlaube keine Unterschiede, auch keine zwischen Juden und Arabern. Jene besondere Verantwortung dürfe nicht ausgesetzt werden, wo es um die Politik Israels in den besetzten Gebieten geht, die völkerrechtlich nicht zu Israel gehören. „Was dort geschieht, ist tiefes Unrecht an der palästinensischen Bevölkerung und unvereinbar mit dem Universalismus der Menschenrechte.“ Erst jetzt kommt Fischer auf Abromeits Vortrag zu sprechen und wehrt die gegen ihn erhobenen Anschuldigen ab. Die meisten Reaktionen seien Musterbeispiele dafür, wie bei einem hochsensiblen Thema der Gestus moralischer Empörung jede vernünftige Klärung in der Sache abwürgt und unmöglich macht.

Den Aufsatz Fischers müssen alle zur Kenntnis nehmen, die zur Skandalisierung Abromeits beigetragen haben. Leider gibt es Grund zu der Annahme, dass die EKD diesen Aufsatz nicht zur Kenntnis nimmt und so tut, als wäre er nie geschrieben worden. Dabei werden im letzten Abschnitt, wo Fischer von der religiösen Überhöhung des Staates Israel spricht, Dinge angesprochen, die nicht nur die Evangelikalen, die Abromeit im Auge hatte, betreffen, sondern – Fischer spricht ausdrücklich von Synoden und Kirchenleitung – auch die EKD und ihre Landeskirchen. Die seit langem von vielen Theologen geforderte Revision des Rheinischen Synodalbeschlusses von 1980 kann nicht auf die lange Bank geschoben werden.

 

Ein unbeantwortet gebliebener Brief an die EKD

Gleichzeitig mit der Empörung über den Vortrag Abromeit ereignete sich ein anderer Vorgang, der kaum in die Öffentlichkeit drang und von dem die Medien keine Notiz nahmen, obwohl er sachlich mit dem Vortrag Abromeits zusammengehört. Am 4. Juni 2019 richtete ein Dutzend namhafter Autoren, an der Spitze der frühere Erfurter Propst Heino Falcke, einen „Offenen Brief an die Leitung der Evangelischen Kirche in Deutschland“. Er war von Konrad Raiser, ehemals Generalsekretär der Ökumene in Genf, formuliert und wandte sich kritisch gegen den Bundestagsbeschluss vom 17. Mai, mit dem die BDS-Bewegung als antisemitisch verurteilt wird. Die Boykott-Bewegung sei ein Zusammenschluss von über 170 Organisationen der palästinensischen Zivilgesellschaft und Ausdruck des gewaltlosen politischen Widerstands gegen die andauernde Besetzung der palästinensischen Gebiete. Wenn eingewandt werde, ihr Boykott-Aufruf wecke Assoziationen an die NS-Parole „Kauft nicht Juden!“, müsse dem widersprochen werden. Boykott-Bewegungen seien in der Geschichte als gewaltfreie Widerstandshandlungen von unterlegenen Gruppen gegen die Vertreter der Macht bekannt, vom Kampf gegen die Sklaverei in Amerika bis zum Kampf gegen das Apartheidregime in Südafrika. Wenn es auch Personen und Gruppen gebe, die antisemitisch agierten, könne doch nicht die ganze BDS-Bewegung antisemitisch genannt werden. Die von vielen Kirchen gewährte Unterstützung für die Palästinenser müsse sich zwangsläufig mit der Bewegung berühren und wäre unmöglich, wenn der Bundestagsbeschluss in die kirchliche Praxis umgesetzt würde. Die israelische Regierung führe eine gezielte politische Kampagne gegen die BDS-Bewegung, sodass zunehmend Menschen als Antisemiten denunziert würden, die sich kritisch mit Israels Besatzungspolitik beschäftigten. Wer sich für eine gerechte Lösung des Konflikts einsetze, werde in eine israelfeindliche Ecke gestellt. Dies gelte sogar für Jüdinnen und Juden, die für einen gerechten Frieden in Nahost kämpften. Die Meinungsfreiheit in Deutschland werde damit erheblich beschädigt und bedroht.

Dieser Offene Brief, von dem ein Auszug in der Jungen Kirche und der vollständig in der Ökumenischen Rundschaugedruckt wurde, liest sich über weite Strecken, obwohl er nichts damit zu tun hat, wie eine positive Stellungnahme zu der Rede von Abromeit. Auch zu ihm hüllt sich die EKD in Schweigen.

 

Ursprüngliches Anliegen nicht zur Kenntnis genommen

Zurück zu den Stellungnahmen zu dem Vortrag des Bischofs. Ein Papier, das nicht nur, wie die bisher besprochenen, in Deutschland bekannt wurde, sondern durch die ganze Welt lief, ist die bereits erwähnte Stellungnahme von Friedhelm Pieper, dem evangelischen Präsidenten des deutschen Koordinierungsrates (DKR) der GCJZ: „Vom christlich-jüdischen Dialog irritierend unberührt. Widerspruch zur israelkritischen Rede von Bischof Abromeit“. Diese im August erschienene Stellungnahme hatte Pieper zunächst für sich veröffentlicht, dann machte sie sich der gesamte DKR-Vorstand zu eigen. Dadurch, dass die International Church of Christians and Jews, der Dachverband von 40 nationalen Organisationen des weltweiten jüdisch-christlichen Dialogs, sie in alle Länder sandte, ist sie, wenn nicht weltweit gelesen, so doch weltweit bekannt geworden.

Auch von Piepers Widerspruch kann man alles in allem nur sagen, was Fischer von der Greifswalder Stellung schreibt: Abromeits Anliegen wird gar nicht zur Kenntnis genommen. Und vor allem: Die am Anfang meines Aufsatzes genannte Warnung, man solle den Vortrag von Abromeit nicht nach dem Wort Überidentifikation beurteilen, sondern von Martin Buber her, von dem Abromeit das Thema seines Vortrags nimmt und den er mehrmals zitiert, ist auch hier angebracht. Schon in dem oben genannten Interview mit Christ und Welt hat Abromeit auf Buber verwiesen. Aber weder hat dieses Interview Beachtung gefunden noch wird in einer der Abromeit skandalisierenden Stellungnahmen je der Name Buber genannt. Auch im Widerspruch Piepers sucht man den Namen Buber vergeblich. Das ist verwunderlich, weil Pieper in früheren Reden, z.B. bei seinem Vortrag vor der Frankfurter Stadtsynode am 20.November 2018 über das Verhältnis der EKHN zum Judentum, regelmäßig den Namen Martin Bubers erwähnte, in dessen Haus in Heppenheim gewohnt zu haben er sich zuweilen rühmt.

 

Erinnerung an Martin Buber

Der Blick auf die kirchliche Reaktion auf die Rede von Bischof Abromeit hat bis auf die Stimme des Systematischen Theologen Johannes Fischer uns mit einer großen Zahl Stimmen bekannt gemacht, die im kritischen Urteil über seine Rede übereinstimmen. Auch wenn die Stimmen zuweilen Wert darauf legen, seine Rede nicht antisemitisch zu nennen, ist man sich in der Distanzierung von ihr amtskirchlicherseits einig. Doch Bischöfe und kirchliche Funktionäre sind nicht die ganze evangelische Kirche. Und so möchte ich noch eine Stimme anführen, die, von Abromeits Vortrag beeindruckt, die kirchliche Distanzierung unverständlich findet und sich mit dem Anliegen, die EKD möge sich doch wie er an Martin Buber erinnern, an hohe Würdenträger der EKHN und EKKW gewendet hat. Sie hat auch keine Antwort gefunden. Auch hier spielt Friedhelm Pieper eine nicht unwesentliche Rolle.

Es ist die Stimme von Dr. Ulrich Kammer, einem im Ruhestand lebenden, kirchlich hochengagierten Oberstudienrat in Laubach/Hessen.5 Kammer schrieb am 11. September 2019 an die leitenden Theologen der beiden hessischen Landeskirchen, Kirchenpräsident Jung und Bischof Hein: „Ihr Bischofskollege H.J. Abromeit hat ein kritisches Referat zum Nahostkonflikt gehalten. Natürlich ist er nach neuester politischer Sprachregelung jetzt ein ‚Antisemit‘. Und nach einer Kolumne in Christ und Welt erwägt der Bischof von Kurhessen-Waldeck die Berufung eines Beauftragten gegen Antisemitismus. Wenn ich den Nahostkonflikt betrachte, komme ich zu dem Schluß, daß die Identifikation Judentum gleich Staat Israel falsch ist. Und ich habe persönlich zwei Fälle erlebt, daß Abromeits Ausdruck ‚Überidentifikation‘ zutrifft, denn die Personen, mit denen ich diskutieren wollte, lehnten geradezu fanatisch ab, dies zu tun. Wenn unsere evangelischen Kirchen im Sinn der Bergpredigt Friedensstifter sein wollen, sollen sie sich die Anregung des israelischen Schriftstellers David Großman zu Herzen nehmen, Versöhnungsinitiativen zu unterstützen, die es seit Jahren gibt und die vom medialen main-stream kaum beachtet werden. Pioniere wie Daniel Barenboim, Avi Primor und Lizzie Doron sind für mich friedensstiftende Leuchttürme. Und in früheren Zeiten kämpfte Martin Buber vergeblich gegen eine Machtpolitik seines Staates, die Menschen- und Völkerrecht mißachtete.“

Einem Journalisten, der einen Kommentar zu dem oben genannten Interview mit Abromeit in Christ und Welt abgegeben hatte, schrieb Kammer: „In Deutschland schmücken sich viele christliche und politische Institutionen mit dem Namen Martin Bubers. Dieser würde in seinem Grabe rotieren, wenn er Ihr Pamphlet zu lesen bekäme.“ 

 

Kirchliche Antisemitismusbeauftragte?

Bischof Hein ging auf Buber nicht ein und antwortete am 24. September nur: „Ihre Email vom 11. September habe ich zur Kenntnis genommen. Wie mir Kirchenpräsident Jung mitteilen ließ, hat Ihnen der zuständige Referent in unserem gemeinsamen Zentrum Oekumene, Pfarrer Friedhelm Pieper, bereits einige Überlegungen zur Auseinandersetzung mit der Rede von Bischof Abromeit zusammengestellt. Darauf möchte ich freundlich verweisen. Ich halte die Errichtung eines Antisemitismusbeauftragten jetzt erst recht für angezeigt. Die öffentliche Debatte zeigt, dass hier dringend ein öffentlicher Diskurs, aber auch Aufklärungs- und Begegnungsarbeit stattfinden muß. Mit freundlichen Grüßen Ihr M. Hein.“

Einen Tag zuvor hatte Ulrich Kammer am 23. September bereits aus Hessen-Nassau eine Antwort erhalten. Es war keine Antwort vom Kirchenpräsidenten, sondern sie war von Friedhelm Pieper verfasst: „Sehr geehrter Herr Kammer, Kirchenpräsident Dr. Volker Jung und Bischof Professor Dr. Hein haben mich gebeten, Ihnen zu antworten. Dafür finden Sie im Anhang mein Schreiben sowie eine ausführliche Stellungnahme zum Vortrag von Bischof Abromeit. Für weitere Fragen stehe ich Ihnen gern zur Verfügung, mit freundlichen Grüßen Friedhelm Pieper.“ Beigefügt war der oben besprochene Widerspruch Piepers, von dem ich schon gesagt habe, dass er an dem Anliegen Abromeits vorbeigeht und Bubers Namen nicht erwähnt.

Am 24. September antwortete ihm Kammer: „Sie vermeiden es, wenn ich richtig gelesen habe, sich mit Martin Bubers religiösen und politischen Positionen auseinanderzusetzen.“ Am 7. Okober 2019 richtete Kammer einen zweiten Brief an die leitenden Theologen der hessischen Landeskirchen: „Die Antworten auf meine Eingabe betr. Vortrag von Bischof Abromeit sind für mich sehr enttäuschend und verraten weitgehende Abhängigkeit von der aktuellen israelischen Staatspropaganda. Ich habe als Alternative zu kirchlichen Antisemitismusbeauftragten angeregt, Versöhnung zwischen Juden und Arabern zu fördern. Dann würden Sie im Sinne von Martin Buber handeln. Darauf einzugehen war Ihnen keines Wortes wert. Ich finde es geradezu obszön, daß sich im Bereich der EKHN mehrere Einrichtungen mit Bubers Namen schmücken und daß Leute eine Buber-Rosenzweig-Medaille vergeben, die offenbar nicht wissen, wofür Buber stand. Was ich schon im Internet über ihn finde, das scheint unsere Kirchenobrigkeit entweder nicht zu kennen oder davon wegzuschauen genauso wie von der Wirklichkeit in Nahost. Stattdessen treiben Sie in geschlossenen Zirkeln christlich-jüdische Zusammenarbeit in theologischer Engführung und wollen nicht wahrhaben, dass die Machtpolitik des Staates Israel nicht mit der geistigen, religiösen Vielfalt des weltweiten Judentums identisch ist. Sie erhalten von mir hier die Stellungnahme des Sozialethikers Johannes Fischer zum theologischen Verdikt des Greifswalder Theologen.“

Zwei Tage später, am 19. Oktober, teilte Kammer Pieper einen Bericht über Untaten jüdischer Siedler der Westbank mit, die Araber wie einst die Amalekiter im Auftrag Gottes beseitigen wollten, und fügte seiner Nachricht hinzu: „Daniel Barenboim hat nach Verkündigung des israelischen Nationalstaatsgesetz öffentlich verlautet: ‚Ich schäme mich, ein Israeli zu sein.‘ Ich bin jetzt […] bald so weit […] zu sagen: ‚Ich schäme mich, Mitglied der EKHN und der EkiD zu sein‘.“6

 

Die EKD sollte Buber folgen

Zu Beginn habe ich festgestellt, dass Bischof Abromeit seinen Vortrag in Bad Blankenburg umsonst gehalten hat und es ihm nicht gelungen ist, die Evangelikalen an Martin Buber zu erinnern. Wenn ich am Ende auf die Diskussion zurückblicke, die es in der evangelischen Kirche um den Vortrag gegeben hat, muss man vorsichtiger urteilen. Für viele kirchenleitende Instanzen, Bischöfe, Präsides und Synoden, dürfte Bischof Abromeit ebenso vergeblich geredet haben. Aber auch wenn der Rat der EKD zu einer Stellungnahme noch immer nicht bereit ist, sollte man die Hoffnung, dass die an der kirchlichen Basis kräftige Erinnerung an Buber noch dort hinaufdringt und Zustimmung zur Rede Bischof Abromeits hervorruft, nicht aufgeben. Dabei könnte vielleicht die Erinnerung an den Gründungspräsidenten der Evang. Kirche in Hessen und Nassau und Mitbegründer der EKD Martin Niemöller helfen, an seine auf Martin Buber verweisende Feststellung, er habe den Staat Israel niemals mit der Heilsgeschichte Israels in Zusammenhang bringen können, ihn vielmehr immer als säkulares Gebilde betrachtet, das nach den für alle Staaten geltenden Kriterien zu beurteilen sei.Die EKD sollte Niemöller und sie sollte Buber folgen.

 

Postscriptum

Nachwort vom 2. Februar 2020: Nachdem mir Konrad Raiser kurz vor Weihnachten mitteilte, dass eine Stellungnahme des Rats wegen vieler Änderungswünsche offenbar auf den Januar vertagt werde, höre ich jetzt, dass mit Stellungnahmen des Rats der EKD zu dem Vortrag von Bischof Abromeit und zu dem Offenen Brief in absehbarer Zeit nicht zu rechnen ist und diese Stellungsnahmen auf den St. Nimmerleinstag verschoben werden. In der jüdischen Gemeinde ist es möglich, Kritik am Zentralrat zu üben, wie es Micha Brumlik mit seinem Aufsatz „Unter BDS-Verdacht: Der neue McCarthyismus“ (Blätter für deutsche und internationale Politik 8/2019) getan hat. Mut zu einem eigenen Wort gibt es, wie man sieht, an der Basis der EKD, offensichtlich mangelt es daran an der Spitze.

 

Anmerkungen:

1 Michael Heymel, Martin Niemöller. Vom Marineoffizier zum Friedenskämpfer, Darmstadt 2017, 190f.

2 Idea-Spektrum Nr. 33 (14. August 2019), 42.

3 Idea-Spektrum Nr. 44 (30. Oktober 2019), 8.

4 Auch in anderen Landeskirchen häuften sich die Distanzierungen von Bischof Abromeit. So wurde er auch im Bayerischen Sonntagsblatt des Antisemitismus bezichtigt.

5 Sein Bruder Otto Kammer hat in einem Aufsatz „Diaspora als nota ecclesiae, als Kennzeichen der Kirche“ des Hessischen Pfarrerblatts vom 2. April 2006 das letzte Kapitel „Zum christlich-jüdischen Verhältnis – Diaspora als Existenzform, die Juden und Christen verbindet“ überschrieben. Die darin geübte Kritik an der israelischen Besatzungspolitik wurde damals noch nicht skandalisiert.

6 Ich danke Ulrich Kammer, dass er mir erlaubt hat, diese Briefe, die mir und einem nicht unbedeutenden Kreis von Interessenten aus dem Internet bekannt sind, weil sie von öffentlichem Interesse sind, zu verwenden.

7 S.o. Anm. 1.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Dr. theol. h.c. Johannes Wallmann, Jahrgang 1930, emeritierter Professor für Kirchengeschichte der Evang.-Theol. Fakultät der Ruhruniversität Bochum, Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, seit 2002 Honorarprofessor an der Humboldt-Universität Berlin; zahlreiche Veröffentlichungen (s. www. wallmann.de).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
22.03.2020 Ein Kommentar von Hönig Friederike Herzlichen Dank, Herr Wallmann, für Ihren Artikel. Ich bin sehr froh ihn gelesen zu haben und werde den Artikel von Johannes Fischer dazu, auch lesen. Die Debatte erinnert mich an den "Krieg" den der Artikel von Dr. Jochen Vollmer, Gott hab ihn selig, mit seinem Artikel im Pfarrerblatt zum Thema "Heiliges Land Israel" ausgelöst hat. Ich habe einen Traum, dass die, die sich geäußert haben mit Bischof Abomeit in nachcoronaischer Zeit an einen Tisch setzen und im Studieren der Heiligen Schrift und der Schriften Bubers austauschen. Von der EKD und den Bischöfen und Bischöfinnen erwarte ich in dieser Frage geistreiche Orientierung. Ihre Pfarrerin Friederike Hönig, Wangen im Allgäu
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