Das Christentum kann ohne das Judentum nicht existieren, das Judentum hingegen ist ohne das Christentum in seiner Existenz nicht bedroht. Diese historisch eigentlich selbstverständliche Einsicht wurde in der protestantischen Theologie nicht immer geteilt. Im 19. Jh. setzte sich die akademische Welt evangelischer Prägung den Überlegungen Abraham Geigers zur Wehr, der als erster Jude die Evangelien konsequent historisch-kritisch las. Holger Banse referiert Abraham Geigers Jesusbild als Herausforderung an eine sich aufgeklärt verstehende protestantische Theologie.

 

Inzwischen blicke ich als Gemeindepfarrer auf über 40 Jahre theologischer Arbeit zurück. Was hat sich in diesen vier Jahrzehnten verändert in Theologie und Kirche? Moderne Wissenschaften haben in die akademische Theologie Einzug gehalten. Verwaltungsstrukturreformen verändern kirchliche Arbeit und verdecken das, was in Kirche und Gemeinde ursprünglich zu deren Wesen gehörte, nämlich die Verkündigung des Evangeliums in Wort und Sakrament. Das Gespräch zwischen den christlichen Konfessionen, als „Ökumene“ bezeichnet, ist zumindest in Deutschland zu einem Stillstand gekommen. Manche sprechen sogar von Rückschritten. Welches Bild zeichnen die voneinander getrennten Kirchen nach außen, auch in die Welt hinein, wenn sie aus den Worten Jesu, der um die Einheit betete, nichts gelernt haben und nach wie vor getrennte Wege gehen?

 

Und Ergebnisse des jüdisch-christlichen Gesprächs oder Stellungnahmen, die das Verhältnis von Juden und Christen auf eine neue Grundlage stellen wollen (vgl. den Rheinischen Synodalbeschluss von 1980), finden bis heute keinen Eingang in die Curricula an Universitäten oder Schulen. Welches Gottesbild vermittelt christliche Lehre, wenn der Gott Jesu zwar der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist, aber dieser Jesus nichts mit dem Judentum zu tun haben soll? Spüren Menschen nicht schon seit langem, dass die Kirchen unglaubwürdig sind, wie ein Baum, der ohne Wurzeln dasteht, vertrocknet und tot. Mehr noch: gerade in einer Zeit wie der unsrigen, in der in Politik und Gesellschaft wieder ein erstarkender Antisemitismus zu beobachten ist, begnügen sich die Kirchen in ihren Verlautbarungen mit Worten über die Symptome, aber verweigern nach wie vor, die Ursachen zu benennen oder gar an ihnen zu arbeiten.

 

Kritik der historischen Kritik

Meine theologischen Lehrer (ich studierte Evang. Theologie von 1975 bis 1980 in Wuppertal und Bonn) wussten sich der historisch-kritischen Forschung verpflichtet, auch deren Lehrer wie Karl Barth, Ernst Käsemann und Rudolf Bultmann. Wir können noch weiter zurückgehen zu Harnack und Schleiermacher, deren Werke auch in meiner Studienzeit noch zur Standardliteratur gehörten. Aber was bedeutete für meine und deren Lehrer „historisch-kritisch“? Heute komme ich zu einer eher erschreckenden Antwort: Es war eine Methode, die in sehr engen Bahnen verlief, auf denen Dogmen und altkirchliche Bekenntnisse die Regeln vorgaben und deshalb nur sehr begrenzt, wenn überhaupt „historisch-kritisch“ genannt werden kann. Denn sie folgten im Allgemeinen einer „rückwärtsgewandten Hermeneutik“, bei der christliche Bekenntnisse und altkirchliche Dogmen die Ergebnisse der exegetischen Wissenschaft vorgaben. Und was da nicht hineinpasste, dass durfte und konnte nicht sein.

Sicher, viele Exegeten und Theologen waren sich einig in der Aussage, dass Jesus Jude war. Aber das hielt sie nicht davon ab, die aus den Jahrhunderten tradierten stereotypen Aussagen zu wiederholen, z.B. dass Jesus sich gegen jede Art „jüdischer Gesetzlichkeit“ wandte oder sich in aller Form gegen spätjüdische Frömmigkeit aussprach. Für sie waren Jesus, der Jude, und das Judentum zwei voneinander grundsätzlich zu unterscheidende Dinge. Und was bedeutet es, wenn sie von „Spätjudentum“ sprachen und nicht die Wirklichkeit des Judentums heute wahrnahmen?

Dazu kam, dass ab der Mitte des 19. Jh. die sogenannte „Rassenlehre“ und mit ihr der Antisemitismus die theologische Wissenschaft durchdrang. Als einer der ersten war es Houston Stewart Chamberlain, der Jesus als „Arier“ bezeichnete. Von hier aus zogen sich die Linien bis in die Theologie der Deutschen Christen während des Nationalsozialismus und darüber hinaus.

 

Auf der Grenze zwischen Orthodoxie und Reform

Konsequenter als seine protestantischen Lehrer, weil unbehindert von irgendwelchen Dogmen und christlichen Bekenntnissen, hat der Rabbiner Abraham Geiger die historisch-kritische Methode angewandt. Abraham Geiger wurde am 24. Mai 1810 in Frankfurt am Main als Sohn des Rabbiners Michael Lazarus Geiger (1755-1823) und der Roeschen Wallau (1768-1856) in eine orthodoxe Familie geboren und erhielt eine traditionelle religiöse Erziehung. Schon als Kind führten ihn seine Studien in den Altertumswissenschaften dazu, am überlieferten Weltbild des orthodoxen Judentums und an biblischen Darstellungen zu zweifeln. Mehr noch: sein theologisches Arbeiten verlief auf der Grenze zwischen Orthodoxie und Reform, zwischen Judentum und Christentum. Und aus dieser Wanderung zwischen den verschiedenen Welten, wird er zum Gründungsvater des Reformjudentums im Sinne der jüdischen Aufklärung, der Haskalah1.

Im April 1829 begann Geiger ein Studium an der Universität in Heidelberg. Es gelang ihm der erste Einblick in die zeitgenössische Wissenschaft. Schon am 31. Oktober desselben Jahres wechselte er zur Universität nach Bonn. Er besuchte Vorlesungen verschiedener philologischer Fächer und las die theologischen Schriften von Johann Gottfried Herder und Gotthold Ephraim Lessing. Er fragte sich, wie sich deren Methoden für die jüdische Theologie aktualisieren ließen. Sein Interesse wechselte zwischen Orientalistik und Theologie. 1833 erschien sein Essay „Was hat Mohammed aus dem Judenthume gelernt“. Mit dieser wegweisenden Schrift, in der er anders als bisher die Wurzel des Islam im Judentum erkennt, wurde er in Marburg promoviert, kurze Zeit später in Marburg zum Rabbiner ordiniert.

Sehr gerne wäre er Professor an einer deutschen Universität geworden, aber Juden war zu jener Zeit in Deutschland ein Lehrstuhl an Universitäten verwehrt. Er wurde Rabbiner in Wiesbaden. Seine akademischen Tätigkeiten setzte er als Gründer und Redakteur zweier wissenschaftlicher Zeitschriften fort: Wissenschaftliche Zeitschrift für Jüdische Theologie (WZJT) und Jüdische Zeitschrift für Wissenschaft und Leben. 1840 übernahm er das Rabbinat in Breslau. Sein Interesse an den Entwicklungen der christlichen Theologie begleitete ihn auch dorthin.

 

Der historisch-kritischen Methode verpflichtet

Geiger verließ Breslau 1863 und war bis 1870 Rabbiner der Einheitsgemeinde in Frankfurt am Main. 1870 gehörte er zu den Gründern der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, an der er von 1872 bis zu seinem Tod lehrte. Geiger starb unerwartet am 23. Oktober 1874.

Zu seinen Hauptschriften gehören die Urschrift und Übersetzung der Bibel in ihrer Abhängigkeit von der inneren Entwicklung des Judentums (1857) und Das Juden­thum und seine Geschichte von der Zerstörung des zweiten Tempels bis zum Ende des zwölften JahrhundertsIn Zwölf Vorlesungen. Nebst einem Anhange: Ein Blick auf die neuesten Bearbeitungen des Lebens Jesu (1864). In diesen Werken wusste sich Geiger immer der historisch-kritischen Methode verpflichtet, die er bei seinen Lehrern und in der Lektüre protestantisch-theologischer Literatur erlernt hatte. Er wusste gleichzeitig um die Grenze dieser Methode bei seinen protestantischen Kollegen und benannte diese, was die protestantische akademische Welt als Provokation empfand.

Für Geiger war das Judentum keine erstarrte Religion, unveränderlich in ihren Traditionen, sondern hatte sich stetig fortentwickelt und modernisiert, ohne sein Wesen preiszugeben. Diese Ergebnisse seiner Studien setzte er in seinen Reformen in den Gemeinden um, denen er als Rabbiner vorstand. Er plädierte für eine Aktualisierung historisch bedingter religiöser Ritualgesetze an die Gegenwart. Dies brachte ihm den Widerspruch der jüdischen Orthodoxie ein, die ihn als Verräter, sein Werk als „diabolisch“ bezeichnete2. Schon in seinem Hauptwerk der Urschrift und Übersetzungen der Bibel schrieb er, dass im Gegensatz zu den aristokratischen, konservativ eingestellten Sadduzäern, unter deren Kontrolle das Priestertum und der Tempel zu Jerusalem standen, die Pharisäer und frühen Rabbiner der Mischna sich um eine Liberalisierung und Demokratisierung des jüdischen Gesetzes bemüht hätten. Geiger setzte sich für den Gebrauch der deutschen Sprache in der jüdischen Liturgie ein und empfand die meisten Speisegesetze als unangemessen. So bezeichnete er z.B. auch die Beschneidung in einem Brief an Leopold Zunz als „barbarisch blutigen Akt“.

 

Pharisäisches Judentum als Grundlage des Christentums

In Geigers Studienzeit finden wir ihn immer wieder an den protestantischen Fakultäten3. Nicht der historischen oder systematischen Theologie, sondern der neutestamentlichen Wissenschaft galt sein Interesse. Schon hier unterscheidet er sich wesentlich von seinen protestantischen Kollegen. Denn die Konzentration auf die biblische Exegese selbst öffnete ihm einen durch keine Dogmen getrübten ungestörten Blick auf die Texte des NT. Mit den Ergebnissen seiner Arbeit versuchte er die Aufmerksamkeit der protestantischen Theologen zu erregen und die akademische Anerkennung seiner Schriften in der christlichen Theologie zu erlangen. Aber mehr als deren Interesse erreichte er nicht. Er sah im pharisäischen Judentum die Grundlage nicht nur für den Islam, sondern auch für das Christentum. In Jesus berührten sich für Geiger wie in einem Brennglas jüdische und christliche Tradition. Geiger verstand das Christentum, wie zuvor schon den Islam, als eine Verlängerung des Judentums.

Diese Gedanken lösten sowohl bei Christen wie bei Juden tiefgreifende Ängste aus. In der Folge grenzten sich seine protestantischen Kollegen deutlich von Geigers Ausführungen ab und entwarfen selbst ein Jesusbild, das mit dem Judentum rein gar nichts mehr zu tun hatte. Der theologischen Abgrenzung folgte in den darauffolgenden Jahrzehnten das völlige Ignorieren von Geigers Gedanken.

In Geigers Schriften finden wir ein differenziertes Bild über die Entstehung und die Fortentwicklung des Christentums, dem sein Interesse von den 1860er Jahren bis zu seinem Tode galt. Während sich seine christlichen Partner in ihren Forschungen auf Josephus, die Evangelien und die Kirchenväter beriefen, studierte Geiger darüber hinaus auch die beiden Makkabäerbriefe und rabbinische Quellen und bezog sie in seine Studien ein.

Seine Gedanken über Jesus fielen mit einer neuen Darstellung des Lebens Jesu bei seinen christlichen Partnern zusammen. Knapp 30 Jahre zuvor hatte Das Leben Jesu – kritisch betrachtet (1835) von David Friedrich Strauß unter Strauß’ protestantischen Kollegen für große Aufregung gesorgt. Hier erklärte Strauß alle neutestamentlichen Erzählungen als Mythen und Produkte eines dichtenden urchristlichen Gemeindegeistes. In der Folge ließ man in der christlichen Theologie dieses Thema lieber erst einmal wieder ruhen. Aber in den 1860er Jahren kam es zu einer Renaissance.

 

Jesus als fortschrittlicher Pharisäer

Geigers 1857 erschienene Urschrift wurde von Orientalisten bejubelt, von orthodoxen Christen ignoriert und von protestantischen Theologen empört und beleidigt zurückgewiesen. Geiger stellte als Erster Jesus als einen pharisäischen Juden da. Jesus war Jude innerhalb des Judentums und nicht Gründer einer neuen religiösen Bewegung. Verschiedene Male hatte Geiger die Pharisäer als die eigentlich fortschriftliche Partei (so auch in Sadducäer und Pharisäer, Breslau 1863) in der Zeit Jesu dargestellt. Jesus hätte lediglich gegen pharisäische Halbherzigkeiten gekämpft, aber ganz in der Linie der Pharisäer eine Liberalisierung der jüdisch religiösen Praxis angestrebt. Jesu Reden und Handeln wäre nichts Einzigartiges oder Originelles gewesen. Alle seine Worte fänden sich schon in der rabbinisch-pharisäischen Literatur der vorangehenden Zeit. Erst die Evangelien hätten die Pharisäer als Heuchler, Verräter und engstirnige Gesetzesvertreter beschrieben. Selbst die Inhalte der Bergpredigt seien wenige Jahre vor dem historischen Jesus vom pharisäischen Rabbi Hillel verkündet worden. Geiger stellte beide auf die gleiche Stufe.

Geiger schreibt zur Person Jesu: „Auch ich halte ihn nicht für Gottes Sohn, nicht für einen Messias, nicht für einen Propheten; … ich halte ihn für eine höchst bedeutende, in die Weltgeschichte großartig eingreifende, Persönlichkeit. Dieses Urtheil theilen die Meisten meiner Glaubensgenossen mit mir.“4 „Er war ein Jude, ein pharisäischer Jude mit galiläischer Färbung, ein Mann, der die Hoffnungen der Zeit theilte und diese Hoffnung in sich erfüllt glaubte. Einen neuen Gedanken sprach er keineswegs aus, auch brach er nicht etwa die Schranken der Nationalität. Als ein fremdes Weib zu ihm kam und von ihm geheilt werden wollte, sprach er: es ist nicht fein, den Kindlein des Hauses das Brot wegzunehmen und es vor die Hunde zu werfen. Er hob nicht im Entferntesten irgendetwas vom Judenthum auf, er war ein Pharisäer, der auch in den Wegen Hillels ging, nicht auf jedes einzelne Äußerliche Werth legte, aber andererseits sprach er auch aus, dass nicht ein Titelchen vom Gesetze weggenommen werden soll, die Pharisäer sitzen auf dem Stuhle Mosis, und was sie sprechen, das sollt ihr befolgen. Er wurde allerdings, wenn wir treu berichtet sind, als man ihm entgegentrat, auch zu geringschätzenden Äußerungen über das eine und Andere veranlasst, aber in seinen ursprünglichen Überzeugungen wankte er niemals.“5

Wie die Pharisäer sprach Jesus von der religiösen Gleichheit und der Heiligung des ganzen Volkes. Damit stand er in der Linie pharisäischer Argumentation im Gegensatz zu den Sadduzäern, die die Heiligkeit lediglich für die Priester reklamierten, zu denen ein Großteil der Sadduzäer gehörte.

 

Menschensohnbewusstsein und Auferstehungsglaube

In Jesus erfüllten sich die messianischen Hoffnungen des pharisäischen Judentums. Während andere die Menschen ihres Volkes aufforderten, sich auf das Himmelreich vorzubereiten, das anbrechen würde, wenn der Menschensohn erschiene, hätte Jesus den Mut und die Zuversicht gehabt zu sagen, dass er selbst der Menschensohn sei. Mit diesem Bewusstsein griff Jesus „in die damaligen religiösen Anschauungen ein, erhob sich zu einer Höhe die ihm nicht zuerkannt wurde, stellte die Hoffnung der Zukunft als gegenwärtig und in sich verkörpert dar, er stellte eine vollständige Änderung der bürgerlichen Verhältnisse in Aussicht, ignorierte das ganze gegenwärtige Bürgertum, wenn er auch nicht in Empörung auftrat. Das Urteil konnte unter solchen Umständen nicht anders erfolgen, er wurde ans Kreuz geschlagen, … Die Anhänger Jesu waren dadurch wohl anfangs betäubt, aber in ihrem Glauben nicht erschüttert. … an ihm vollzieht sich zuerst die Auferstehung, die dann allgemein erfolgt. Diese Überzeugung war ja schon während seines Lebens herrschend, sie konnte durch seinen Tod nicht erschüttert werden … und bald schritt man zu dem Ausspruche: Er ist auferstanden, er ist in den Himmel gefahren und wird, gehüllt in die Wolken des Himmels, wieder erscheinen, bei der allgemeinen Auferstehung ….6

Dieser Glaube aber verbreitete sich kaum im palästinensischen Gebiet. Anders jedoch in den jüdisch griechischen Kolonien. Hier vereinigten sich die Gedanken des Messias mit dem griechisch-philosophischen Begriff des Logos. Hier entstand das Bekenntnis „der Messias ist der Logos, das Wort, der eingeborene Sohn Gottes“7. Und hier sieht Geiger die Ursprünge des Christentums.

 

Verrat am Glauben Jesu

Für Geiger schien es fast unmöglich, in den Worten Jesu der Evangelien tatsächliche Worte Jesu zu entdecken, weil sie durch spätere heidenchristliche oder paulinische Gedanken verändert worden waren. Es war die heidenchristliche Partei um Paulus, die sich innerhalb des Christentums durchsetzte, und das „Gesetz“ abschaffte, was den ursprünglichen Worten Jesu widersprach. Der „Opfertod“ Jesu, so sagte sie, habe das „Gesetz“ überflüssig gemacht. Für Geiger war Paulus der wahre Gründer des Christentums, weil er eine Theologie entwickelte, die nicht mehr über den Glauben Jesunachdachte, sondern Jesus selbst zum Gegenstand des Glaubens machte. Paulus habe zwar grundlegende jüdisch monotheistische Gedanken aufgenommen, denn schließlich war er ja Jude. Aber um auch in der nichtjüdischen Welt für den Glauben an Jesus als den Messias zu missionieren, habe Paulus zahlreiche Elemente griechischer Philosophie und heidnischer Mystik in seine theologischen Gedanken aufgenommen, um Jesus als den Christus für die „Heiden“ verstehbar zu machen. Nach Geiger verfälschte Paulus jüdische Glaubensinhalte. Sein von ihm geschaffenes Christentum sei somit ein Verrat am Glauben Jesu.

Letztendlich bezweifelte Geiger die Originalität und Einzigartigkeit Jesu, indem er ihn mit anderen religiösen Gestalten seiner Zeit verglich oder aber seine Äußerungen auf dem gesellschaftlichen Hintergrund seiner Zeit begriff. Die Einzigartigkeit des Christentums und seine Trennung vom Judentum begannen mit Paulus.

Geiger war der erste Jude, der die Evangelien einer historisch-kritischen Analyse aus rein jüdischer Sicht unterzog. Er suchte die Anerkennung seiner Arbeit in der christlichen Wissenschaft und zeichnete eine Gegenschichte zu der der christlichen Theologen. So betrachteten sie seine Untersuchungen als eine „Unverschämtheit“, denn im Denken des 19. Jh. war klar, dass das Christentum dem Judentum gegenüber eine deutlich überlegene Religion bleiben müsse.

Geiger holte Jesus zurück ins Judentum und trennte somit Jesus den Juden vom paulinischen Christentum. Das Christentum seiner Zeit hätte rein gar nichts mit dem Glauben Jesu zu tun, während er, Geiger, versuchte, die biblischen und weltgeschichtlichen Gedanken Jesu für das Judentum seiner (Geigers) und für seine Gemeinden fruchtbar zu machen. Die protestantische Theologie reagierte auf die Gedanken Geigers mit Entsetzen, wies das Bild, das Geiger von jüdischer Geschichte gezeichnet hatte, zurück und bestritt gleichzeitig das Existenzrecht und die Gleichberechtigung des Judentums innerhalb der deutschen Gesellschaft und Kultur. Antijudaismus und Antisemitismus fanden somit auch in den Kirchen eine breitere Basis. Und so begleiteten sie stützend den Weg nach Auschwitz.

Nach der Shoah meinten viele Deutsche sich mit dem Hinweis entschuldigen zu können, sie hätten ja nichts gewusst von der Vernichtung der Juden. Protestantische Theologen und Pfarrer haben, mit wenigen Ausnahmen, noch nicht einmal diese Ausrede gesucht, um ihre Ignoranz zu erklären. Sie wollten es einfach nicht, damit ihr theologisches System und damit ihre Macht nicht zerstört würden.

 

Neue Impulse für die christliche Theologie

Geigers Gedanken bleiben eine theologische Herausforderung an die christliche Theologie bis in unsere Tage, die sich mit anderen Worten so beschreiben ließe: Das Christentum kann ohne das Judentum nicht existieren, das Judentum hingegen ist ohne das Christentum in seiner Existenz nicht bedroht.

Am Ende erlaube ich mir von vielen Fragen, die ich an die Geschichte christlicher Theologie und meiner Kirche habe, lediglich einige zu formulieren: Welches Bild von Gott würden wir heute in unseren Kirchen verkünden, wenn christliche Theologie die Gedanken Geigers positiv aufgenommen hätte? Hätte die Kirche sich dann nicht eindeutig von jeder Art von Antisemitismus distanzieren müssen, was sie mit wenigen Ausnahmen nicht tat? Welche Bücher würden heute die Regale der Theologen und der Theologie Studierenden füllen? Sollte es nicht zum Lehrplan an christlichen Universitäten gehören und somit eine weitere Grundlage des Theologiestudiums sein, die Rabbinen im Originaltext zu studieren? Aber dazu müssten erst noch die exegetischen Lehrstühle an den theologischen Fakultäten anderen wissenschaftlichen Anforderungen und Strukturen genügen. Wie würde sich auf der Grundlage Geigerscher Gedanken das Verhältnis der drei abrahamitischen Religionen beschreiben lassen? Wie würde sich dieses Verhältnis, durch Geiger neu definiert, auf den Frieden in unseren Gesellschaften und in der Welt auswirken? Und wäre nicht auch das Gespräch zwischen den kirchlichen Konfessionen auf neue Grundlagen gestellt und diente dem Frieden?

 

Anmerkungen:

1 Die Haskalah entstand in den 1770er und 1780er Jahren in Berlin und Königsberg. Sie beruhte auf den Ideen der europäischen Aufklärung und trat für Toleranz und eine gleichberechtigte Stellung der Juden in den europäischen Gesellschaften ein.

2 So Gershom Scholem, zitiert nach Susannah Heschel, Der jüdische Jesus und das Christentum. Abraham Geigers Herausforderung an die christliche Theologie, Berlin 2001, 57.

3 Die katholische Theologie beachtete er nicht, weil sie noch keine historisch-kritische Methode entwickelt hatte. Dies änderte sich erst in Überwindung des Antimodernisteneides (von Papst Leo X. am 1. September 1910 eingeführt) in der Konstitution Dei Verbum im 2. Vatikanischen Konzil.

4 Abraham Geiger, Der Kampf christlicher Theologen gegen die bürgerliche Gleichstellung der Juden, namentlich mit Bezug auf Anton Theodor Hartmann, in: WZIT 1, 1835, 86.

5 Abraham Geiger, Das Judenthum und seine Geschichte, 117f.

6 Ebd., 122.

7 Ebd., 128.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Holger Banse, zuletzt bis Ende April 2019 Pfarrer der Evang. Kirche im Rheinland in Adenau, seit Mai 2019 im Ruhestand.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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