Die Hoffnung darauf, dass das Vorläufige und Bruchstückhafte des gelebten Lebens nicht irgendwann sinnlos abbreche, sondern dass da noch eine Ergänzung, eine Vollendung zu erwarten sei, bildete das Energiezentrum im Denken und Dichten Hölderlins. Kein Wunder bei dessen Leiden an den Antagonismen und Zerrissenheiten des Lebens! Reiner Strunk erinnert an den Dichter zu dessen 250. Geburtstag und stellt dabei seinen Bezug zum christlichen Glauben ebenso wie Hölderlins Aktualität heraus.

 

Ach ich bin doch ein armer Mensch“ hatte Hölderlin im April 1812 notiert. Der Tübinger Schreinermeister Zimmer, bei dem der kranke und aus der psychiatrischen Klinik Autenrieth entlassene Hölderlin Aufnahme gefunden hatte, berichtet davon in einem Brief an Hölderlins Mutter in Nürtingen. Er selbst, Zimmer, habe die Skizze eines Tempels angefertigt und sie Hölderlin als einem Experten für altgriechische Kultur und Kunst vorgelegt. Der habe angeregt, den Tempel aus Holz zu gestalten. Worauf der Schreinermeister entgegnete, er müsse für Brot arbeiten und sei „nicht so glüklich so in Philosophisher ruhe zu leben wie Er“. Und Hölderlin habe erwidert: „Ach ich bin doch ein armer Mensch“ und daraufhin spontan einen Vierzeiler auf ein Brett geschrieben1. Dieser Vierzeiler ist, wie andere Strophen aus der Spätzeit des Dichters, erhalten geblieben:

Die Linien des Lebens sind verschieden
Wie Wege sind, und wie der Berge Gränzen.
Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen
Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.
2

Das Gedicht ist einfach und eingängig und keineswegs das Zeugnis eines verwirrten Geistes oder eines psychotisch Kranken. Die Form ist klar und der Gehalt überbringt eine Botschaft. Und wenn der Dichter jetzt auch nicht mehr zu den großen Bögen und zu den sprachlichen Eigenheiten seiner früheren Gesänge, der Oden, Elegien und Hymnen, ausholt, so atmen diese wenigen Zeilen aus dem Tübinger Turm doch immer noch Geist, der als Geist Hölderlins erkennbar wird. Es handelt sich um ein Stück Naturbeobachtung, die Hölderlin zu einer Reflexion über den Gang des Lebens anregt: die Kette der Schwäbischen Alb, die er von Tübingen aus betrachten konnte, wird ihm zum Gleichnis für die Bewegungen seiner eigenen Existenz. Wie die auf und ab verlaufenden Umrisse der fernen Berge, so erscheinen ihm auch die Verlaufslinien seines Lebens, und es sind, das ist entscheidend, alles unabgeschlossene, unvollkommene und fragmentarische Abläufe. Die beiden letzten Zeilen aber formulieren darüber hinaus eine Hoffnung; Hoffnung darauf nämlich, dass das Vorläufige und Bruchstückhafte des gelebten Lebens nicht irgendwann sinnlos abbreche, sondern dass da noch eine Ergänzung, eine Vollendung zu erwarten sei, in der das bisher Widersprüchliche zur Harmonie, das Entgegengesetzte und Feindliche zum Frieden gerundet werde.

 

Leiden an den Zerrissenheiten des Lebens

Diese Hoffnung bildet so etwas wie das innere Energiezentrum im ganzen Denken und Dichten Hölderlins. Sein Leiden ist im Kern ein Leiden an den Zerrissenheiten und Antagonismen des Lebens und seine Leidenschaft gilt einem unentwegten Ringen um die Möglichkeit von Versöhnung. Das betrifft seine eigene Person mit den inneren Widersprüchen, die ihm heftig zu schaffen machten und die er zu einem Ausgleich zu bringen versuchte. Es betrifft ebenso seine Freundschafts- und seine Liebesbeziehungen und nicht zuletzt seine politische Orientierung, die mit viel Pathos für Frankreich und die dortige Revolution anfing und sich bald mit den Gewaltexzessen der Jakobiner abfinden musste. Wir wollen den Gang seines Lebens und die Entwicklung seines dichterischen Werkes nachzuzeichnen versuchen, indem wir das Ganze unter dem Aspekt von Hölderlins großem Lebensthema anschauen, dem Thema „Widerspruch und Versöhnung“.

Es ist übrigens aufschlussreich, dass noch dieses späte Gedicht über die „Linien des Lebens“ exakt diejenige Perspektive einnimmt, die für Hölderlin überhaupt bedeutsam war, nämlich die Perspektive eines göttlichen Vollendens dessen, was menschlich immer mangelhaft und bruchstückartig bleiben muss. Ohne den Beitrag der „Himmlischen“, wie Hölderlin gern sagte, drohte für seine Wahrnehmung alles Leben zu veröden, ähnlich wie empfindliche Pflanzen ohne Sonnenlicht und Wasserzufuhr verkümmern müssen. Das radikale Aufklärungsbewusstsein, das alles Himmlische aus der Welt und aus dem Leben wegerklärte und aus dem Menschen ein rein rationales Wesen ohne religiöse Beziehungen machen wollte, hat Hölderlin nie geteilt.

Allerdings hat er umgekehrt ebenso wenig dem offiziellen Kirchenglauben anhängen mögen, den er zu Hause in den pietistischen Färbungen bei seiner Mutter sowie in den Evangelischen Seminaren von Denkendorf und Maulbronn oder – noch einmal später – in den dogmatischen Lehrveranstaltungen der Tübinger Fakultät vorgesetzt bekam. In den ‚Linien des Lebens‘ ist es betont nicht Gott (und zwar der biblisch bezeugte Gott), sondern ein Gott, auf dessen Friedenswirken der Dichter hofft. „Ein“ Gott – das ist unbestimmt und soll es sein. Und gemeint ist dabei weniger eine göttliche Gestalt oder sogar eine bestimmte göttliche Person, sondern sehr viel allgemeiner „das Göttliche“. Also eine transzendente, dem Menschen und seinem Vermögen schlechthin überlegene Macht, der freilich alles zu verdanken ist, was dem Leben Sinn und Bedeutung und Schönheit verleiht. Die Frage, ob Hölderlin ein religiöser Mensch gewesen sei, ist unbedingt zu bejahen. Aber man muss dann schon genauer prüfen, was für Formen und Inhalte seine eigene Religiosität angenommen hat.

 

Fromme Verse über Sünde und Buße

Das Leiden an den schmerzlichen Widersprüchen des Lebens und die Sehnsucht nach Versöhnung also. Biographisch fängt das an mit seiner Ausbildungs- und Studienzeit. Nach seiner Geburt am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar war Hölderlins Vater früh verstorben und die Mutter Johanna, die in zweiter Ehe mit Johann Christoph Gok verheiratet war, der 1776 Bürgermeister in Nürtingen wurde, übernahm die Verantwortung für Hölderlins Werdegang. Die Mutter wollte unbedingt, dass ihr Sohn Fritz den wirtschaftlich gesicherten und gesellschaftlich ehrenvollen Beruf eines evangelischen Pfarrers ergreifen sollte. Hölderlin war anfangs, namentlich in den zwei Jahren seiner Schulbildung im Denkendorfer Seminar, nicht abgeneigt und schrieb hier sogar fromme Verse über Sünde und Buße, die dem mütterlichen Christentum entsprachen. Aber schon im anschließenden Maulbronner Seminar 1786-1788 und vollends während des Theologiestudiums in Tübingen verschoben sich die Bewertungen erheblich. Die Aussicht auf ein Berufsleben in irgendeinem schwäbischen Pfarramt verdüsterte seine Stimmung zusehends. „Dass ich noch im Kloster bin (gemeint ist das Tübinger Stift), ist Ursache die Bitte meiner Mutter. Der zu lieb kann man noch ein paar Jahre versauren“, schreibt er im November 1791 an den Freund Neuffer3. Und an die Schwester Rike im März 1792: „unmöglich ist’s mir, mir widersinnigste, zweklose Geseze aufdringen zu lassen, u. an einem Ort zu bleiben wo meine besten Kräfte zu Grunde gehen würden“4.

Da haben wir ihn, den ersten kräftig erlebten und erlittenen Widerspruch: es ist der Widerspruch zwischen dem, was ihm als Berufsweg verordnet ist und den eigenen Neigungen sowie seinen zumindest geahnten poetischen Talenten. Er fühlt sich berufen zu Höhenflügen des Geistes und der Dichtung und sieht sich erbärmlich festgebunden an den niederen Beweggründen für eine gesicherte Berufswahl. Das bedeutet noch keine innere Distanzierung von den Inhalten des christlichen Glaubens, wohl aber von deren lehrmäßiger Vermittlung.

Am deutlichsten formuliert er das später in einem Brief an die Mutter, Januar 1799, da hatte er Tübingen längst verlassen und, was für pfarramtsunwillige Kandidaten der Theologie erst einmal einen Ausweg bot, eine Hofmeister-(Hauslehrer-)stelle im Thüringer Waltershausen bei Charlotte von Kalb, einer Freundin Schillers, wahrgenommen; mit geringem Erziehungserfolg übrigens bei deren etwas widerspenstigem Sohn. Auch eine entsprechende Aufgabe beim Frankfurter Bankier Gontard, in dessen Frau Susette er sich hoffnungslos verliebte, hatte er inzwischen hinter sich. Und da reagiert er jetzt auf das Ansinnen seiner Mutter, die ein klares christliches Bekenntnis von ihm haben möchte, zunächst hinhaltend, um dann aber seinem angestauten Unmut Luft zu machen: „Aber die Schriftgelehrten und Pharisäer unserer Zeit, die aus der heiligen lieben Bibel ein kaltes, geist- und herztötendes Geschwäz machen, die mag ich freilich nicht zu Zeugen meines innigen, lebendigen Glaubens haben. Ich weiß wol, wie jene dazu gekommen sind, und weil es ihnen Gott vergiebt, dass sie Christum ärger tödten, als die Juden, weil sie sein Wort zum Buchstaben, und ihn, den Lebendigen, zum leeren Götzenbilde machen, weil ihnen das Gott vergiebt, vergeb‘ ichs ihnen auch. Nur mag ich mich und mein Herz nicht da blos geben, wo es missverstanden wird, und schweige deßwegen vor den Theologen von Profession (d.h. vor denen, die nicht frei und von Herzen, sondern aus Gewissenszwang und von Amtswegen es sind“).5

 

Von der Theologendogmatik zusehends entfernt

Der Widerspruch ist offensichtlich: auf der einen Seite die für Hölderlin beklemmende Aussicht, in einen Kirchenbetrieb hineingezogen zu werden, der formal und statisch und repressiv zu sein scheint und aus dem alle lebendige, das Herz berührende Religion ausgewandert ist; und auf der anderen Seite sein persönliches Bekenntnis, das er sich nicht offen zu legen traut, weil er fürchtet, „missverstanden“ zu werden und womöglich als Atheist zu gelten, weil er sich von der Theologendogmatik entfernt hat. Er bewegt sich jetzt einfach in anderen Zonen und schreckt zurück vor der Zumutung, den kirchlichen Dienst in einem Pfarramt zu erfüllen.

Die Mutter wird nicht müde, ihm praktische Angebote in dieser Richtung zu liefern, und Hölderlin wird nicht müde, sie mehr oder weniger vorsichtig, aber in der Sache eindeutig abzulehnen. Kann es für diesen tief empfundenen Widerspruch in der religiösen Grundorientierung eine annehmbare und befriedigende Lösung geben? Seine Herkunft aus pietistischem Hause kann jedenfalls nicht seine Zukunft sein. Irreligiosität und ein völliger Bruch mit dem Christentum kann es allerdings auch nicht sein, wie beispielsweise noch Passagen aus seinen späten Hymnen belegen. Dort kann er unmissverständlich die Person und die Bedeutung des Christus besingen. „Denn“, so heißt es durchaus bekennend in seiner Hymne „Der Einzige“: „Denn zu sehr, /O Christus! Häng’ ich an dir“. Bleibende Bindung an den geglaubten Christus ist also eines, Distanzierung gegenüber der kirchlichen Christusverehrung, die für seine Begriffe sogar etwas Götzenanbetendes hat, ist ein anderes. Zwischen beidem muss und will er seinen Weg finden, und das kann nur ein Weg werden, auf dem Religion und Poesie zusammenkommen.

 

Zeiten politischen Umbruchs

Ein weiterer, für Hölderlin schmerzlicher Widerspruch ergab sich auf der Ebene des Politischen. Es wurde der Widerspruch zwischen dem Erhofften und dem Erreichbaren. Enthusiastisch waren die Hoffnungen des Tübinger Stiftlers, der gemeinsam mit den Freunden Hegel und Schelling den Aufbruch der Französischen Revolution feierte. Jetzt schien das allgemeine Reich der Freiheit Gestalt anzuheben, das man theologisch im Bild vom nahe herbeigekommenen Reich Gottes ersehnte, und der Ausruf „Reich Gottes!“ konnte sogar als Erkennungsparole zwischen Hölderlin und Hegel dienen. Das Joch der alten Fürstenherrschaften schien endgültig zu zerbrechen, die Knechtschaft am Leibe und erst recht im Geiste an ihr Ende zu kommen, Zensur und Gesinnungsschnüffelei erledigt zu sein. Die alten Klassengegensätze sollten zu einer neuen einheitlichen Bürgergesellschaft verschmelzen, die Regierungen nichts anderes als gewählte Volksvertretungen sein und die Völker Europas lernen, ihre Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden und sich zu verbünden in einem Frieden ohne Ende. An seinen Halbbruder Karl schrieb Hölderlin im September 1793: „Denn dieß ist meine seeligste Hofnung, der Glaube, der mich stark erhält und tätig, unsere Enkel werden besser sein, als wir, die Freiheit muss einmal kommen, und die Tugend wird besser gedeihen in der Freiheit heiligem erwärmenden Lichte, als unter der eiskalten Zone des Despotismus. Wir leben in einer Zeitperiode, wo alles hinarbeitet auf bessere Tage“6.

Doch die schöne Vision litt empfindlich unter dem Gang der Realitäten. In Frankreich drohte der freiheitliche Aufschwung im Chaos eines neuartigen Staatsterrors zu versinken, der die Guillotine erfand und fleißig gebrauchte. Es wurde gemordet statt versöhnt. Die alten europäischen Mächte, Österreich an der Spitze, versammelten sich zu militärischen Koalitionen gegen das revolutionäre Frankreich, nicht zuletzt, um dessen politischen Geist nicht in ihre eigenen Länder überspringen zu lassen. Man führte Krieg und setzte auf die bewährten Truppen, sah sich jedoch bald, vor allem seit Napoleon als Chef der französischen Italienarmee die Szene betrat, einem heftigen Widerstand ausgesetzt, der deutliche Niederlagen mit sich brachte. Im Jahr 1801 kam es zum Friedensschluss von Lunéville, in dem Österreich Gebiete in Oberitalien und im Linksrheinischen an Napoleon abtreten musste und der doch nicht viel mehr als ein befristeter Waffenstillstand war. Hölderlin hat, damals als Hauslehrer im schweizerischen Hauptwil beschäftigt, nicht weit jenseits des Bodensees, auf diesen Frieden von Lunéville beträchtliche Hoffnungen gesetzt und aus diesem Anlass eine seiner großen Hymnen gedichtet: die „Friedensfeier“.

In ihr stimmt Hölderlin das letzte Mal sein hohes Sehnsuchtslied vom Frieden zwischen den Völkern und von einer allgemeinen Versöhnung unter den Menschen an. Es ist, als ob er nach Enttäuschungen am Verlauf der politischen Ereignisse, an denen es keinen Mangel hatte, nun noch einmal alle Register seiner poetischen Einbildungskraft gezogen hätte, um am Beispiel dieses historischen Friedensschlusses von 1801 die schöne Vision früherer Tage wieder aufleben zu lassen.

Der Hymnus ist sprachlich und inhaltlich anspruchsvoll und – wie üblich bei Hölderlin – nicht ohne weiteres zu verstehen, deshalb beschränke ich mich auf eine einfachere Strophe, um etwas vom Geist dieses Gesanges anzudeuten. Es ist die zehnte von insgesamt zwölf längeren Strophen, die dem Augenblick des Friedensfestes gewidmet sind, wo es nicht allein zwischen zerstrittenen Menschen und Völkern, sondern auch und entscheidend zwischen Himmel und Erde zu einem feierlichen Versöhnungsakt kommen soll. Die Himmlischen („All ihr Unsterblichen“, sagt Hölderlin) machen sich in seiner poetischen Phantasie auf, der Erde zu nahen. Und dann heißt es:

Leichtathmende Lüfte
Verkünden euch schon,
Euch kündet das rauchende Thal
Und der Boden, der vom Wetter noch dröhnet,
Doch Hoffnung röthet die Wangen
Und vor der Thüre des Haußes
Sitzt Mutter und Kind,
Und schauet den Frieden
Und wenige scheinen zu sterben.
Es hält ein Ahnen die Seele,
Vom goldnen Lichte gesendet,
Hält ein Versprechen die Ältesten au
f7.

Das ist die Hoffnung, als poetisch entfaltete Vision einer politischen Zukunft, in der Hass und Gewalt ein Ende haben sollen und die Menschheit zu dem reift, was ihr von Anfang an bestimmt ist, nämlich eine versöhnte, geschwisterliche Menschengemeinschaft zu sein.

 

Zeichen innerer Widersprüchlichkeit in der revolutionären Bewegung selbst

Doch die Hoffnung muss sich wehren gegen ihre historischen Widersacher. Und das sind für Hölderlins Wahrnehmung nicht allein die äußeren Gegner des revolutionären Aufbruchs, die Mächte der Reaktion also, sondern mehr noch die Zeichen innerer Widersprüchlichkeit in der revolutionären Bewegung selber. An zwei Stellen seines Werkes sei das aufgezeigt. Am Briefroman „Hyperion“ und an der in mehreren Entwürfen begonnenen, aber nie vollendeten Tragödie „Empedokles“.

Am „Hyperion“ hat Hölderlin lange geschrieben. Eine erste fragmentarische Fassung stammt noch aus der Zeit des Tübinger Stiftlers, und Friedrich Schiller, der als freundschaftlicher Gönner und geistiger Förderer mit Hölderlin verbunden blieb, bis beide sich nicht mehr viel zu sagen hatten, Schiller also hat diese Erstfassung des „Hyperion“ in seiner Zeitschrift „Thalia“ veröffentlicht, eine schöne Geste des älteren und längst berühmten Dichters. Das war 1794. Erst fünf Jahre später überreicht Hölderlin nach mehreren Zwischenstufen seines Werkes, die ihm alle nicht genügen konnten, den zweiten Band der endgültigen Fassung seiner geliebten Susette in Frankfurt, und das mit dem bezeichnenden Widmungsvermerk „Wem sonst als dir“. Das bezieht sich natürlich auf die weibliche Hauptperson des Briefromans, die schöne und geistvolle Diotima, mit der Hölderlin sein Idealbild weiblicher Anmut und Würde Gestalt werden ließ. Für diese gefeierte Diotima stand ihm seine Susette Gontard Pate, und was er mit dieser Susette erlebte und empfand, überhöht er im Bild der Diotima. Deren Name entlehnte Hölderlin übrigens einem platonischen Dialog, dem „Symposion“, wo Sokrates von einer schönen mantinäischen Priesterin erzählt, die ihn in die Geheimnisse der Liebe eingeführt habe, einer Schönen mit dem Namen Diotima.

 

und dabei sagen die Rasenden, sie fechten für unsere Freiheit“

Aber nun zu Hyperion selbst und seiner Widerspruchserfahrung im Politischen. Hyperion ist Grieche und als solcher begeistert von der antiken griechischen Kultur und Geschichte. Sein Wunsch ist, dass etwas von dieser vergangenen Kultur Griechenlands wieder auferstehen möge, insbesondere seine geistige und politische Freiheit. Aber das Land steht unter osmanischer Herrschaft der Türken, und nur ein entschlossener Freiheitskampf scheint Aussicht auf eine Befreiung zu den eigenen Ursprüngen zu bieten. Hyperion entschließt sich nach einigem Zögern und nach vergeblichen Bitten seiner geliebten Diotima, dieses Abenteuer zu unterlassen, mit Freunden des Widerstands zum bewaffneten Einsatz. Doch das Unternehmen scheitert furchtbar. Hyperion muss erkennen, dass der bewaffnete Kampf um die Freiheit geeignet ist, das hohe Ziel der Freiheit schändlich zu verraten. Seine Genossen, so stellt er fest, haben geplündert, haben wahllos gemordet und Grauenhaftes angerichtet, „und dabei sagen die Rasenden, sie fechten für unsere Freiheit“.

Zu solchen Rasenden mag Hölderlin mit seinen humanistischen Idealen natürlich nicht gehören, aber er kann ihnen auch nicht, wie er gern möchte, das Handwerk legen: „In der That! es war ein außerordentlich Project, durch eine Räuberbande mein Elysium zu pflanzen“8. Leicht zu erkennen: die beabsichtigten Parallelen zu den politischen Vorgängen in seiner eigenen Gegenwart. Der Widerspruch ist eklatant und Hölderlin leidet daran. Die Hoffnung auf ein Leben in Freiheit und allgemeinem Frieden droht zerstört zu werden von einer Dynamik der gewalttätigen Realisierungsversuche. Die politische Praxis scheint im Begriff zu sein, Wahrheit und Schönheit der Idee zu schänden.

Zweites Beispiel: „Empedokles“. Der historische Empedokles war ein Naturphilosoph und Dichter im damals von den Griechen bevölkerten Sizilien. Er wurde in Agrigent unterhalb des Ätna geboren, um 490 v.Chr., und ist um 430 v.Chr. im Exil gestorben. Neben seinen naturphilosophischen Arbeiten (Feuer, Wasser, Luft und Erde bildeten für ihn die vier Grundbestandteile aller Wirklichkeit) engagierte er sich politisch für mehr Freiheitsrechte in seiner Heimatstadt und fiel darüber in Ungnade. Der Legende nach hat er sich, um sich ganz mit der Urnatur zu vereinigen, kopfüber in den brodelnden Krater des Ätna gestürzt.

 

Empedokles scheitert an sich selbst

Weshalb Hölderlin auf den Gedanken kam, eine Tragödie über diesen Empedokles zu schreiben, ist leicht auszumachen. Es war wiederum der Widerspruch zwischen dem hohen Freiheitswunsch und dem niederen Versuch seiner Realisierung. Letzten Endes scheitert dieser Empedokles an sich selber. Getragen von einer Woge der Begeisterung im Volk, das seinen Freiheitsimpuls aufnimmt und mitträgt, gleitet Empedokles ab in die verführerischen Bahnen der Selbstinszenierung. Er gebärdet sich wie ein Messias, besser und im griechischen Sinne: wie ein göttlicher Heros und lässt sich feiern und verehren wie ein Gott. Und damit korrumpiert er seine eigenen Anfänge, nach denen er angetreten war. Seine Liebe zum Volk brachte ihm zuerst die Liebe des Volkes ein, und die begeisterte Liebe seitens des Volkes förderte bei ihm eine Eigenliebe, die ihn in maßloser Selbstüberschätzung an den Abgrund führte.

Unschwer zu erkennen, dass Hölderlin im Porträt des Empedokles vor allem die Erscheinung und den Aufstieg Napoleons im Blick hatte. Auf den Flügeln der revolutionären Bewegung erhob sich da ein Adler, eine majestätische Gestalt, aber auch eine, die Freiheit für sich selbst und für eigene machtpolitische Möglichkeiten reklamierte und daneben die Freiheit und den Frieden der Massen zurückstellte. Ein grandioser Widerspruch, wie Hölderlin ihn im Kontext seiner Zeitgeschichte wahrnahm. Und das wurde schmerzlich für ihn, weil es seine eigenen Hoffnungen traf.

Ein weiterer Widerspruch: sein Verhältnis zur altgriechischen Kultur auf der einen Seite und seine Liebe zum deutschen Vaterland auf der anderen. Das sollte sich zuspitzen auf der Ebene des Religiösen: dort die Welt der griechischen Götter mit ihrer saftigen Naturverbundenheit und ihrer vitalen Lebenslust, hier der Geltungsraum des biblischen Christus, der sein göttliches Recht und seine übermenschliche Würde behält, der jedoch verblasste und missbraucht wurde in der langen Geschichte seiner jedenfalls auch zwanghaften Verehrung.

 

Zwischen Begeisterung für griechische Kultur und Liebe zum Vaterland

Hölderlin hat Griechenland geliebt, obwohl er nie Gelegenheit hatte, das Land zu besuchen. Mit poetischer Intuition hat er wunderbare Schilderungen griechischer Landschaften geliefert, die er nie mit eigenen Augen sah. Alle seine Kenntnisse bezog er aus der antiken Literatur, aus den homerischen Epen und den attischen Tragödien. Sophokles hat er ins Deutsche übertragen, aber eben in das Deutsch Hölderlins, das kaum einmal einen Theaterdirektor ermuntern konnte, den „Ödipus“ oder die „Antigone“ in Hölderlins Fassung auf die Bühne zu bringen; zu viel der Zumutung ans Memoriervermögen der Schauspieler und auch ans Verstehen des Publikums.

Die Begeisterung für Griechenland war zu Hölderlins Zeit nicht ungewöhnlich. Historiker, Literaten und Archäologen teilten sie. Hölderlin machte schon während seiner Schulzeit Bekanntschaft damit, intensiver im Tübinger Studium, wo die klassisch-humanistische Bildung hoch im Kurs stand. Doch bei Hölderlin kommt zur allgemeinen Wertschätzung, die in der griechischen Antike die Wiege der ganzen abendländischen Kultur erkennt, noch einmal Entscheidendes hinzu. Man könnte es seine spirituelle Wahrnehmung Griechenlands nennen. Spirituell deshalb, weil er das Land als einen geographischen Raum betrachtete, auf dem Irdisches und Himmlisches zusammenflossen. Die Mythen erzählten, wie die Götter des Olymp die Erde und die Menschen aufsuchten, sich ihnen mitteilten und Spuren ihrer Gegenwart an heiligen Orten hinterließen. Diese Welt des alten Griechenland war noch nicht entgöttert, die Natur war nicht entseelt, der Mensch war nicht reduziert auf seine vordergründige Erscheinung und sein kurzsichtiges Handeln. Sondern alles war begabt und durchdrungen von göttlichem Geist, in allem regte sich die Sehnsucht nach dem Schönen und dem Erhabenen, und unstillbar erschien die Ahnung, dass menschliches Leben sich nicht erschöpfen dürfe in den notwendigen Geschäften des Alltags.

Wenn man so will, bedeutete Griechenland für Hölderlin immer das reale Inselland der Ägäis, aber zugleich die Idealisierung dieses Landes und die Spiritualisierung seiner Lebensmöglichkeiten. Hellas war sein Land der selbstverständlichen Gemeinschaft von Göttern und Menschen und es war der bedeutenden Offenbarungen voll. Dafür stand an erster Stelle Zeus, der „Donnerer“, wie Hölderlin ihn gern nennt, oder auch der „Vater“, sodass man im Einzelfall nicht genau sagen kann, ob nun der blitzeschleudernde Zeus oder doch der biblische Gott gemeint ist, der im Gebet Jesu als Vater angeredet wird. Neben Zeus sind es besonders die Göttersöhne Herakles und Dionysos, die Hölderlin als Vermittler göttlicher Kräfte unter den Menschen verehrt. Dionysos vor allem, der Gott des Weins und der Weinseligkeit, hat es ihm angetan, der sinnlich fühlbar über das Niveau des Nüchternen hinaus und ins Milieu des Festlichen und buchstäblich Beschwingten hineinführt. Bewusstseinserweiterung nannte man das vor Jahren, als es Mode wurde, mithilfe von Drogen für eine Weile den Niederungen des Alltags zu entfliehen.

Dionysos ist für Hölderlin aber nicht bloß der Weingott, sondern auch der Versöhner, weil er der Legende nach bis nach Indien zog, um dort Krieg führende Völker zu befrieden. Und so stellt sich eine überraschende, für Hölderlin freilich überzeugende Parallele ein zwischen dem griechischen Dionysos und dem biblischen Christus. Beide sind Herren des Weines, man denke nur an die Geschichte von der Hochzeit zu Kana (Joh. 2), wo Jesus Wasser in Wein verwandelt, und an die Überlieferung vom Abendmahl, wo er seine Gegenwart in der gemeinschaftlich empfangenen Gabe des Weins verspricht. Mit seiner großen Hymne „Brod und Wein“ hat Hölderlin dieses Thema aufgegriffen und poetisch gestaltet.

 

Christus und Dionysos als Brüder

Die Folgerung, Hölderlin habe sich vom Christentum weit entfernt und einer Art von Neuheidentum auf altgriechischer Grundlage angehangen, ist allerdings ein Trugschluss. Zuerst einmal war er für simple pagane Überzeugungen viel zu gebildet und zu reflektiert. Vor allem aber stimmt es einfach nicht, dass er sich vom geglaubten und für ihn lebendigen Christus verabschiedet hätte, weil dieser für ihn bedeutungslos geworden wäre. Sogar in der modernen Literaturwissenschaft, die nun wahrlich nicht von christlichem Bekenntnisdrang heimgesucht ist, wird von Hölderlins späten Hymnen als „Christus-Hymnen“ gesprochen. Sie zeichnen sich allerdings nicht dadurch aus, dass sie allein den Christus – und zwar im Gegensatz zu den griechischen Göttern – anriefen, sondern sie sind bestimmt davon, die religiösen Widersprüche als Scheinwidersprüche und die Gegensätze als Scheingegensätze zu entlarven, also Versöhnung zu schaffen, wo bisher nur Anlass zum Streit geherrscht hatte. Es ist wieder sein Lebensthema, jetzt allerdings auf der Ebene des Religiösen. In seiner Hymne „Der Einzige“ redet er die Götter und Göttersöhne der Griechen an:

Ihr alten Götter und all
Ihr tapfern Söhne der Götter
Noch einen such ich, den
Ich liebe unter euch.“

Dieser Eine ist der Christus, den er anschließend mit den Worten bekennt, die wörtlich aus Joh. 13,13, der Geschichte von Jesu Fußwaschung, entnommen sind: „Mein Meister und Herr!“ Aber da stellt sich sofort wieder die typisch Hölderlin’sche Irritation ein, dass er den Einen würdigend hervorheben könnte auf Kosten der anderen, die dann nichts mehr gelten. Also erklärt der Dichter:

Ich weiß es aber, eigene Schuld
Ists! Denn zu sehr,
O Christus! Häng’ ich an dir,
Wiewohl Herakles Bruder
Und kühn bekenn’ ich, du
Bist Bruder auch des Eviers“
 (d.h. des Dionysos)9.

M.a.W.: Christus ja; aber Dionysos ebenfalls ja. Beide sind keine Gegner, sondern – so ausdrücklich – „Brüder“. Dahinter verbirgt sich nicht ein lauer Synkretismus, sondern eine Sehnsucht nach Versöhnung, nach Aufhebung feindlicher Gegensätze. Wie soll es, so könnte man Hölderlins Absicht zusammenfassen, zur Versöhnung verfeindeter Menschen und getrennter Völker kommen, wenn eine Gegnerschaft im Religiösen unüberwindbar erscheint? Was vom Himmel auf die Erde und vom Göttlichen zu den Menschen kommen soll, ist harmonische Lebensgemeinschaft und Frieden. Aber wenn das so ist, darf unter den Himmlischen selbst keine Zwietracht, sondern muss Eintracht herrschen. „Kein Friede unter den Nationen ohne einen Frieden unter den Religionen“, hat Hans Küng zur Begründung seines Weltethos-Projekts gesagt. Das war ein Appell, nicht nur die konfessionellen Fehden zu begraben, sondern auch die interreligiösen Feindschaften zu überwinden. Hölderlin hätte das ohne Zweifel sehr gefallen.

 

Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“

Ein letzter schwer wiegender Widerspruch, unter dem Hölderlin gelitten hat, war der zwischen dem Selbstbild des Dichters auf der einen Seite und den allgemeinen Lebensverhältnissen, mit denen er es zu tun bekam, auf der anderen. Denn der Dichter trifft nicht auf Zustimmung. Er wird abgewiesen oder einfach ignoriert. Das konnte Hölderlin an seinem eigenen mageren Erfolg ablesen. Vom „Hyperion“ wurden gerade mal etwas über 300 Exemplare gedruckt und selbst die verkauften sich schlecht. „Wozu Dichter in dürftiger Zeit?“, seufzt er einmal10, als ihm bewusst wird, dass sein Anspruch auf keine Wirklichkeit trifft, die Chancen zu seiner Einlösung böte.

Doch Hölderlin leckt da nicht einfach seine Wunden der äußeren Erfolglosigkeit. Gut, das spielte mit, aber es war nicht entscheidend. Entscheidend wurde vielmehr sein Eindruck, dass seine Botschaft an tauben Ohren und verstockten Herzen scheiterte. Man versteht nicht, was er zu sagen hat, weil man den Geist nicht mehr kennt, dem er sich verpflichtet weiß. Der Dichter tritt an, von göttlichen Offenbarungen zu künden, und er muss es tun in einer Gegenwart, wo die Menschen ihren Sinn fürs Göttliche überhaupt eingebüßt haben und jede Möglichkeit von Offenbarungen leugnen. Alles Leben ist zweckrational und flach geworden. Es ist unglaublich verarmt und um jeden höheren Sinn gebracht.

Schließlich, in einem Brief an den Halbbruder Karl, notiert Hölderlin im November 1797: „Je angefochtener wir sind vom Nichts, das wie ein Abgrund, um uns her uns angähnt, oder auch vom tausendfachen Etwas der Gesellschaft und der Thätigkeit der Menschen, das gestaltlos, seel- und lieblos uns verfolgt, zerstreut, um so leidenschaftlicher und heftiger und gewaltsamer muss der Widerspruch von unserer Seite werden“11.

Widerstand also: Widerstand des Geistes gegen eine grassierende Geistlosigkeit, des Göttlichen gegen das bloß noch Irdische, eines höheren Sinnes gegen platte Sinnlosigkeit, einer Spiritualität gegen angeblichen Realismus, einer Poesie gegen zu viel Prosa. Das Amt des Dichters ergibt sich für Hölderlin aus diesem geforderten Widerstand. Damit erscheint ihm sein Amt nicht besonders aussichtsreich, aber unabweisbar. Und deshalb erhebt er die Stimme des Sängers, der die göttlichen Gaben in der Natur und im Menschenleben preist und den Dank abstattet, der ein Menschenherz erfüllen kann. Dank wird darum zu einem Gestus, der Hölderlins Person und seine Wahrnehmung des Lebens und der Lebensmöglichkeiten kennzeichnet. Solcher Dank erhebt und macht frei. Im Grunde, so ließe sich zusammenfassend sagen, liegt dem Dichter daran, mit seiner poetischen Gabe einen Beitrag zu leisten für eine neue Dankbefähigung des Menschen. 

 

Anmerkungen:

1 Hölderlin, Friedrich: Sämtliche Werke und Briefe, hg. v. Michael Knaupp, Bd. III, 1993, 649.

2 Hölderlin, a.a.O., Bd. I, 1992, 922.

3 A.a.O., Bd. II, 476.

4 A.a.O., Bd. II, 479.

5 A.a.O., Bd. II, 734f.

6 A.a.O., Bd. II, 507f.

7 A.a.O., Bd. I, 365.

8 A.a.O., Bd. I, 720.

9 A.a.O., Bd. I, 389.

10 In „Brod und Wein“, a.a.O., Bd. I, 378.

11 A.a.O., Bd. II, 668.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Reiner Strunk, Jahrgang 1941, Assistent für Syst. Theologie bei Jürgen Moltmann in Bonn und Tübingen, 1970 Promotion, 1977-1986 Studienleiter am Württ. Pfarrseminar, 1997-2003 Leiter der Fortbildungsstätte Denkendorf.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 3/2020

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