In einer vierteiligen Reihe schildert Matthias Hilbert die Dichter-Konversionen zum Christentum von Alfred Döblin, Heinrich Heine, Karl Jakob Hirsch und Franz Werfel.

 

Der Österreicher Franz Werfel (1890-1945) ist einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des letzten Jahrhunderts gewesen. Seine Romane, wie etwa „Die vierzig Tage des Musa Dagh“, „Der veruntreute Himmel“, „Der Stern der Ungeborenen“ u.a.m., wurden Bestseller. Geboren wurde Werfel am 10.9.1890 in Prag, das zu der Zeit zur k. u. k. Monarchie Österreich-Ungarn gehört. Die jüdischen Eltern sind wohlhabend – der Vater ist Besitzer von zwei florierenden Handschuhfabriken – und gehören der oberen Gesellschaftsschicht an. Da ihr jüdischer Glaube eher liberal ausgerichtet ist und sich lediglich in wenigen äußeren Formen und Riten erschöpft, vermag er auf das Kind nur wenig Einfluss auszuüben. Anders ist es mit dem Glauben und der Glaubenspraxis der von ihm über alles geliebten Hausmagd Barbara Simunkova, die für Franz die bevorzugte Bezugsperson ist. Sie ist gläubige Katholikin und weckt in dem sensiblen, leicht beeindruckbaren Jungen schon früh eine Empfänglichkeit für die katholische Glaubenswelt.

 

Was hatte ich mit dieser fremden Welt zu schaffen?“

Wie wenig das Judentum Franz Werfel in seiner Kindheit und Jugend bedeutete, darüber hat er sich später in seinen „Tagebucheintragungen“ so geäußert: „In meiner Jugend war mir und anderen jungen Landsleuten das Judentum kein Problem. Als tiefes befruchtendes Erlebnis bestand es überhaupt nicht. (…) Unser ganzes Judentum lag darin, dass wir im Verkehr mit geistig und sozial gleichgearteten Juden uns wohler, behaglicher fühlten als im Verkehr mit ebensolchen Ariern, (…) Hatten wir Gelegenheit, Ostjuden, polnische oder russische, zu sehen, so wäre es eine Lüge zu behaupten, dass ein organisches Gefühl der Stammesverwandtschaft in uns angeschlagen hätte. (…) Was hatte ich mit diesen Menschen zu schaffen, mit dieser fremden Welt? Meine Welt waren die großen europäischen Künstler in ihrer Gegensätzlichkeit von Dostojewski bis Verdi.“1

Wie innerlich zerrissen sich Werfel zur Zeit der Abfassung dieser Bemerkungen (im Jahr 1920) fühlte, machen weitere Sentenzen deutlich, in denen er über die Frage seiner Zugehörigkeit bzw. Identität reflektiert: „Durch welches Erlebnis wurde ich mir bewusst, Jude zu sein? (…) Vor allem ist dieses Erlebnis negativ. (…) Ich lebe und strebe also in einer Welt, deren Kulturblüte ich leidenschaftlich liebe, die ich vermehren möchte, die das Ziel all meiner Zuneigung, Kritik, Hoffnung, Erfüllung ist, und eines Tages muss ich erkennen, dass ich ihr nicht angehöre, dass ich woanders hin zuständig bin, dorthin, wo ich mich erst recht nicht zuhause fühle. (…) Wohin also soll ich? Dort wo ich bin, gehöre ich nicht hin. Das, wohin ich gehöre, liebe ich nicht, es ist mein Traum nicht.“2

 

Gedichte im modernen expressionistischen Stil

Das Abitur hatte der verwöhnte Fabrikantensohn mehr schlecht als recht bestanden. Musik, Theater, Literatur, das sind die Interessenfelder, von denen Franz Werfel beherrscht wird. 1912 kommt er in Leipzig beim Kurt Wolff Verlag als Lektor unter. Doch wenngleich Wolff mit seinem jungen Lektor durchaus zufrieden ist, so ist es doch Werfels Ziel, sich möglichst schnell als freier Schriftsteller zu etablieren. Bereits Ende 1911 war sein Gedichtband „Der Weltfreund“ erschienen. Die Gedichte sind im modernen expressionistischen Stil verfasst und drücken in pathetischer Ausdrucksweise eine alles und jeden umfassende Liebe und eine Sehnsucht nach menschlicher Verbrüderung aus.

Im Verlauf des Ersten Weltkriegs wird Werfel, dem aufgrund seiner pazifistischen Gesinnung alles Militärische zutiefst zuwider ist, nach Galizien an die russische Front geschickt, wo er als Telefonist und Meldegänger eingesetzt wird. Ernüchtert von der Einsicht, dass der Mensch aus sich heraus, mittels eigener Kraft und Aktivität, seine existenziellen Fragen und die Probleme der Welt nicht zu lösen vermag, nähert er sich der christlichen Lehre an. In einem im Herbst 1916 in der Berliner „Neuen Rundschau“ veröffentlichten offenen Brief bekennt er sich zur „christlichen Sendung“, da diese „ihr Werk im Ich (vollzieht), im Bewusstsein des Menschen, weil sie in ihrer Weisheit erkennt, dass man von außen nicht verwandeln, ‚ändern‘ kann.“3

Nachdem er im Sommer 1917 ins Wiener Kriegspressequartier versetzt worden war, lernt Werfel im November 1917 Alma Mahler, die Witwe des Komponisten Gustav Mahler, kennen. Die Grande Dame Wiens, die so gerne Künstler und andere bedeutsame Männer um sich schart, ist zu dem Zeitpunkt mit dem Architekten Walter Gropius verheiratet. Das hindert sie jedoch nicht, mit Franz Werfel, dem jungen, vielversprechenden Dichter, eine Liebesbeziehung einzugehen. Der politisch „links“ stehende Werfel ist der um elf Jahre älteren, äußerst konservativ eingestellten und von antisemitischen Ressentiments nicht freien Alma völlig ergeben. Auch wenn ihre Ehe mit Gropius 1919 geschieden wird, so hält sie Werfel in Punkto Eheschließung noch lange hin. Erst im Juli 1929 wird es zur Heirat kommen. Zuvor hatte sie zur Bedingung gemacht, dass Werfel aus der jüdischen Gemeinde austrete. Was dieser dann auch wenige Tage vor der Eheschließung ganz offiziell und amtlich beeidet tat. Erst vor wenigen Jahren konnte der Alma Mahler-Biograph Oliver Hilmes nachweisen, dass Franz Werfel – offensichtlich heimlich und ohne seine Frau darüber in Kenntnis gesetzt zu haben – bereits am 5. November desselben Jahres wieder zum Judentum übergetreten war.4

 

Auf der Todesliste der Gestapo

In dem beiderseitigen Liebesverhältnis, das immer wieder Höhen und Tiefen durchlebt, ist Alma der stärkere, der dominierende Part. Sie selbst nennt Franz ihr „süßes Mannskind“ und kann es nicht unterlassen, ihn immer wieder einmal seiner jüdischen Abstammung wegen zu reizen und zu demütigen. Andererseits gelingt es ihr durchaus, seinem Wesen, seiner künstlerischen Schaffenskraft mehr Konstanz, mehr Disziplin zu verleihen.

Nach dem erzwungenen „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 flieht Werfel, der den Nazis nicht nur als Jude, sondern auch als Dichter verhasst ist, mit seiner Frau nach Frankreich. In dem in der Nähe von Toulon gelegenen kleinen Fischerdorf Sanary-sur-Mer lässt sich das Ehepaar nieder. Zwei Jahre später überschlagen sich dann die Ereignisse. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs überrollen im Juni 1940 deutsche Truppen Frankreich. Bereits nach wenigen Wochen kapituliert die Grande Nation und akzeptiert die Waffenstillstandsbestimmungen. Werfel ist bekannt, dass er bei der Gestapo auf der Todesliste steht und er mit einer Auslieferung an die Deutschen rechnen muss. Er versucht mit Alma aus Frankreich herauszukommen. Ihr Ziel ist die Emigration in die USA.

Doch die Flucht erweist sich als schwieriger denn gedacht. Franz Werfel: „Wir, meine Frau und ich, befanden uns im Süden Frankreichs, als die Katastrophe über das Land kam. Im Vollbewusstsein der Gefahr, die uns (…) drohte, versuchten wir sofort bei Abschluss des Waffenstillstandes über die spanische Grenze zu entkommen. Der Versuch misslang. Alle Konsuln verweigerten uns die notwendigen Visa, als wir in Bayonne und Biarritz unter Zehntausenden von Verzweifelten die Konsulate belagerten. Wir flohen vor den Deutschen ins Innere des Landes zurück, verbargen uns in Lourdes, gelangten schließlich nach Marseille, wo wir durch Hilfe von Freunden das ‚Visitors Visum‘ in die Vereinigten Staaten erhielten. Jetzt aber sperrte die französische Regierung auf Drängen der deutschen Waffenstillstandskommission für uns und unseresgleichen die spanische Grenze.“5 Die Werfels waren gezwungen, zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien zu flüchten. Über Barcelona und Madrid gelangen sie schließlich nach Lissabon, von wo aus sie auf einem griechischen Dampfer endlich am 13. Oktober 1940 New York erreichen.

 

Ein erfülltes Gelübde

Im amerikanischen Exil begibt sich Werfel sofort daran, den Roman „Das Lied von Bernadette“ zu verfassen. Dies geschah aufgrund eines Gelübdes, das er während seines Lourdes-Aufenthaltes abgelegt hatte. In seinem „persönlichen Vorwort“ ließ der Autor die Leser wissen: „In den letzten Junitagen des Jahres 1940, nach dem Zusammenbruch Frankreichs, kamen wir auf der Flucht von unserem damaligen Wohnort im Süden des Landes nach Lourdes. (…) Wir verbargen uns mehrere Wochen in der Pyrenäenstadt. – Es war eine angstvolle Zeit. Es war aber zugleich auch eine hochbedeutsame Zeit für mich, denn ich lernte kennen die wundersame Geschichte des Mädchens Bernadette Soubirous und die wundersamen Tatsachen der Heilungen von Lourdes. Eines Tages in meiner großen Bedrängnis legte ich ein Gelübde ab. Werde ich herausgeführt aus dieser verzweifelten Lage und darf die rettende Küste Amerikas erreichen – so gelobte ich –, dann will ich als erstes vor jeder andern Arbeit das Lied von Bernadette singen, so gut ich es kann. – Dieses Buch ist ein erfülltes Gelübde.“6 Das Buch erschien bereits 1941 und wurde sofort ein Besteller.

Dass Werfel sich schon Jahre zuvor dem Christentum angenähert hatte, lassen seine in den 1920er und 1930er Jahren entstandenen Werke und gehaltenen Vorträge deutlich erkennen. So versuchte er in dem 1926 erschienenen Drama „Paulus unter den Juden“, das Verhältnis von Judentum und Christentum mittels einer fiktiven Auseinandersetzung des zum christlichen Glauben konvertierten Paulus mit seinem ehemaligen Thoralehrer Gamaliel reflexiv darzustellen. Auch wenn Werfel es wichtig war, im Nachwort seines Dramas zu erklären, dass er niemandes Partei habe einnehmen und nichts Geringeres habe darstellen wollen, „als den entscheidenden Augenblick, in dem das Christentum sich löst von seiner Mutterwelt“, so ist doch deutlich erkennbar: Das Evangelium Christi, das, was Paulus aus einem Christusgegner und Gesetzeseiferer zu einem Anhänger Jesu gemacht hat, nämlich das Erscheinen des erwarteten Messias, mehr noch: das Kommen des Gottessohnes in die Welt, um durch seinen Kreuzestod die Menschen zu erlösen und von ihrer Schuld zu befreien – das alles wird von Paulus (man ist geneigt zu sagen: von Werfel durch Paulus) klar und glaubensgewiss bezeugt, während sich die Position und Argumentation der jüdischen Thoragläubigen (einschließlich Gamaliel) eher in der Defensive befinden. Insofern ließe sich auch sagen: Bereits hier, in „Paulus unter den Juden“, erklärt und begründet Werfel selbst – zumindest indirekt – seine Christusgläubigkeit.

 

Kann ein Mensch Gottes erneuernde Gnade spenden?“

In einem leidenschaftlich geführten Disput lässt Paulus dem ehrwürdigen, greisen Gamaliel wissen: „Rabbanu! Herrlicher! Jesajas Wort ist erfüllt: Ich bin gefunden von denen, die mich nicht gesucht haben. Höre, Israel! Du hast ihn gefunden!“ GAMALIEL: „ich habe einen heiligen Menschen Gottes gefunden. Und ich will zeugen für ihn. (…) Ein Fehlurteil ist geschehn in Israel. (…) Du aber eifere nicht! (…) Sehr gefährlich hat Jehoschua das Gesetz erhellt. (…)“ PAULUS: „Er hat mehr getan, o Herr, als das Gesetz erhellt!“ GAMALIEL: „Kein Jude kann mehr tun, Schaul! (…)“ PAULUS: „Rabbanu! (…) Als ich der alte Schaul war, stand zwischen mir und den Geschöpfen tote, schwarze Luft, Einsamkeit! Tod hieß der zweite Name der Welt. (…) Und jetzt? Warum ist die Einsamkeit gefallen? Was ist diese starke jauchzende Liebe in mir?! Woher die Ewigkeit im Herzen, die alle Angst und Verwesung verbrennt?! Verwandlung!! (…)“ GAMALIEL: „Was hat die Liebe deines Jesus verwandelt? (…) Nicht er und nicht ich können das Böse bannen, nur das Gesetz (…), die heilige Bindung der Menschen!“ PAULUS: „Die Bindung ist morsch, Rabbanu! Wie eine leere Haut liegt das Wort am Wege!“ GAMALIEL: „Das hat dieser Mensch Jesus nicht gesagt!“ PAULUS: „Von einem Menschen spricht Rabbanu!? (…) Ein Mensch? Hat jemals ein Mensch den Tod und die Verwesung gemeistert!? Ist jemals ein Mensch leiblich auferstanden!? Das Licht, das mit mir sprach vor Damaskus, war’s ein Mensch!? Hat ein Mensch mich von mir selbst erlöst!? Kann ein Mensch Gottes erneuernde Gnade spenden?! Nein, Rabbanu! Das ist kein Mensch! Er zog an die Menschheit wie ein Kleid, wie du und ich dies Sterbegewand. Er selbst, Messias, die leibgewordene Schekina, Gottes Sohn, der war, ehe die Welt war!“ GAMALIEL: „Schaul! Um dein und meinetwillen sag: Er war ein Mensch!“ PAULUS: „Wie kann ich’s! Aus uns Menschen kommt die Erneuerung nicht!“ GAMALIEL: „Aus uns Menschen kommt sie allein! Um dieses Tempels willen sag: Er war ein Mensch!“ PAULUS: „Nicht im Tempel, am Kreuz ward des Sühnopfers Blut ausgesprengt. Nun ist die ganze Welt der Tempel des Opfers.“7

Es konnte nicht ausbleiben, dass die Leser des Dramas den Eindruck erhalten hatten, dass sein Verfasser sich weniger als Jude denn als Christ definiere. Daher sah Werfel sich noch im Jahr der Erstausgabe seines Dramas veranlasst, auf eine Anfrage des „Israelischen Wochenblattes“ festzustellen: „Ihr freundliches Schreiben kommt mir sehr erwünscht, da es mir Gelegenheit gibt, gegen alle falschen oder feindseligen Gerüchte öffentlich zu erklären: Ich bin nicht getauft! Ich werde mich niemals taufen lassen! Ich habe niemals vom Judentum fortgestrebt, ich bin im Fühlen und Denken bewusster Jude! Dass mein Paulusdrama in jüdischen Kreisen so viele Zweifel an meiner Treue hat aufkommen lassen, kann ich nicht verstehen, ich glaube mit diesem Werke eine nationale Tragödie geschaffen zu haben, denn welcher Moment innerhalb der jüdischen Geschichte wäre tragischer und bedeutender als der von mir gewählte? Selbst die Zerstörung des Tempels ist eine unbedeutende Katastrophe diesem Augenblick gegenüber, die ungeheure Frage, die sich Israel selbst stellt: ‚Ist Messias gekommen?‘ (…) Atheist, Materialist, Nihilist darf ein Jude heute ruhig sein, ohne gescholten zu werden, aber mit freier Seele die Tragödie der christlichen Loslösung (vom Judentum) schreiben, darf er nicht!!!“8

 

Gottlosigkeit als Bedrohung des Menschen

Ähnlich wie Dostojewski, den er seit seiner Jugend verehrte, sah auch Werfel als größte Bedrohung für den Menschen und die menschliche Gesellschaft die Gottesleugnung und die mit ihr korrelierende Gott-losigkeit an. Daher führte er seit Beginn der 1930er Jahre Vortragsreisen durch, in denen er vor eben dieser Gefährdung auf das Eindringlichste warnte. Im Vorwort dieser 1944 in Druck erschienenen Vorträge schreibt er: „Ich hielt es in halbbewusster Don-Quixoterie für meine Pflicht, den deutschen Literatur- und Studentenclubs (…) aus voller Seele ins Gesicht zu sagen, die wahre Entscheidung liege nicht zwischen rechts und links, sondern zwischen oben und unten. (…) Jeder aber bedarf der Rück-Verbindung, der re-ligio zu einem großen Ganzen. Die meisten nehmen die Ersatzreligionen, die ihnen der nihilistische Zeitgeist bietet, ebenso gedankenlos an, wie sie vordem die echte Religion angenommen haben.“9 Zu diesen (politischen) Ersatzreligionen zählte Werfel nicht zuletzt den Nationalsozialismus, aber auch den Sozialismus.

Zurück zu Werfels Roman „Das Lied von Bernadette“. Spätestens nach seinem Erscheinen stellte sich für den Verfasser immer dringlicher die Gretchenfrage nach seinem Judesein und/oder Christsein. Und damit die Frage nach einer möglichen Konversion, die er doch in den 1920er Jahren noch so vehement für sich ausgeschlossen hatte. Jedenfalls gaben Werfels „Bernadette“-Roman wie auch seine persönlichen Äußerungen zu diesem Werk genügend Grund zu neuen Spekulationen über seinen religiösen Standort, sodass sich Francis J. Rummel, Erzbischof von New Orleans, veranlasst sah, sich an den Autor mit der Frage zu wenden, wie dessen Stellung zum Katholizismus eigentlich sei. In seiner Antwort vom 27. Oktober 1942 an den Bischof erklärte Werfel: „Ich bin (…) Jude und bin nie getauft worden. Andrerseits wünsche ich es vor Ihnen und der Welt zu bekennen, dass ich durch die geistigen Kräfte des Christentums und der katholischen Kirche entscheidend beeinflusst und geformt wurde, was aus dem Großteil meiner Werke ersichtlich ist. Ich sehe in der katholischen Kirche die reinste von Gott auf die Erde gesendete Kraft und Emanation, um die Übel des Materialismus und Atheismus zu bekämpfen und um der armen Menschenseele die Offenbarung zu bringen. Aus diesem Grunde und obwohl extra muros stehend habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, mit meinen bescheidenen und geringen Mitteln den von der katholischen Kirche geführten Kampf gegen diese Übel und für die göttliche Wahrheit zu unterstützen.“

 

Extra muros ecclesiae“

Anschließend bemühte sich Werfel, die Gründe darzulegen, die ihn persönlich veranlassten, dennoch – trotz des soeben Gesagten – „extra muros“ zu bleiben. Seine Ausführungen machen deutlich, wie intensiv Werfel sich mit dieser Frage beschäftigt hat und bestrebt ist, in dieser Angelegenheit sich selbst, aber auch anderen gegenüber Rechenschaft abzulegen. Folgende drei Antworten nennt Werfel dem Bischof: „Die erste: Israel geht durch die Stunde seiner unerbittlichsten Verfolgung. Ich könnte mich nicht dazu bringen, mich in dieser Stunde aus den Reihen der Verfolgten fortzuschleichen. Meine zweite Antwort folgt aus der ersten: Bekehrungen bringen dem Juden bestimmte Vorteile. (...) Ich möchte nicht den leisesten Zweifel erregen, dass ich solche Vorteile zu gewinnen suchte. Die dritte Antwort ist die wichtigste, da sie sich auf meine Seele bezieht: Theologisch gehört Israel als Gefäß der Offenbarung und Erlösung zu den mysteria magna. Die Christen und sogar die Kirche selbst, die sich das Neue Israel nennt, haben im Verlauf der Geschichte und Gegenwart in ihrer praktischen Politik dem alten Israel nicht immer volle Gerechtigkeit walten lassen. Solange es antisemitische Christen gibt (und sogar Priester wie Pater Coughlin, die Hass predigen und noch nicht exkommuniziert sind), muss sich der bekehrte Jude unwohl fühlen bei der Vorstellung, er gebe keine ganz angenehme Figur ab.“ Werfel schließt sein Schreiben ab mit der aufschlussreichen Formulierung: „Ihrer Exzellenz gehorsamer Diener in Christo Franz Werfel“.10

Interessant in diesem Zusammenhang ist auch ein Brief Werfels vom Mai 1942, in dem er dem Montrealer Professor Egbert Munzer ebenfalls seinen Glaubensstandort erklärt hatte. Einige Passagen aus diesem Brief verdienen dabei – gewissermaßen als Ergänzung zu den späteren Ausführungen an Bischof Rummel – besondere Erwähnung. So weist Werfel gegenüber Munzer darauf hin, dass es in seiner Vorwortskizze zum (demnächst erscheinenden) „Bernadette“-Roman heißen würde: „Der Verfasser ist ein christusgläubiger Jude. Er ist trotzdem ein ungetaufter Jude.“ Anschließend begründet Werfel ähnlich wie in seinem späteren Brief an Rummel, warum er sich nicht in der Lage sehe zu konvertieren. Interessant sind jedoch seine zusätzlichen Ausführungen über den besonderen Auftrag, der Israel in der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen zugedacht sei. „Der Verfasser ist des Glaubens“, bekennt Werfel, „dass, wenn Israel als Volk und Bekenntnis aus der Welt verschwände, mit ihm der fleischliche Zeuge der Offenbarung nicht mehr vorhanden wäre und dadurch die Grundlage der Verkündigung zu einem schattenhaften Mythos herabsänke, (…) Vielleicht war Israels größtes Geschenk an die Welt die Rolle, die es nach dem höchsten Ratschluss im göttlichen Heilsdrama annehmen musste, um die Erlösungstat möglich zu machen. Israel war niemals Anti-Christ. Jesus als Prophet (in seinem menschlich-belehrenden Aspekt) war der Vollender der uralten Tradition und der Verklärer des biblischen Gedankenguts.“11

 

Getauft oder nicht getauft?

Werfel starb am 26.8.1945 an Herzversagen, nachdem sich wenige Tage zuvor bereits die letzten Stadien seiner Angina pectoris angekündigt hatten. Ist der Dichter am Ende doch ein getaufter Katholik gewesen? Die Antwort darauf ist nicht so einfach, da es hierzu unterschiedliche Aussagen gibt, die Raum für mancherlei Spekulationen bieten. Der Werfel-Biograph P.S. Jungk hatte im Verlauf seiner umfangreichen Recherchen auch den Werfel-Nachlass gesichtet, den der mit den Werfels eng befreundete amerikanische Germanist Adolf Klarmann zusammengetragen hatte. Aus dessen Aufzeichnungen entnahm Jungk, dass Alma Mahler-Werfel dem vertrauten Freund in einem persönlichen Gespräch im Oktober 1945 anvertraut habe, „ihr Mann sei kurz nach seinem Ableben doch noch getauft worden: Dank den Bemühungen des Jesuitenpaters Georg Moenius und des Erzbischofs von Los Angeles sei eine sogenannte ‚Begierdetaufe‘ durchgeführt worden, ein Geheimnis, welches Professor Klarmann unter allen Umständen für sich behalten müsse. Das Wort ‚secret‘ unterstrich der Alma-Ergebene doppelt, hielt sich zeitlebens an sein Versprechen.“12

Diese Version hat die Werfel-Witwe jedoch anderen gegenüber nie mehr so geäußert und damit auch nicht autorisiert. Im Gegenteil: Da sie um Gerüchte einer möglichen Konversion ihres Mannes in seiner Todesstunde wusste, hatte sie derartige An- und Nachfragen später stets entschieden dementiert. Ihrem Freund Friedrich Torberg gegenüber beteuerte sie sogar: „Ich hätte ihn nottaufen können als ich ihn fand – aber ich hätte es nie gewagt!13 Doch Alma Mahler-Werfel hat es nachweisbar mit der Wahrheit nie so recht ernst genommen. Was ist also wahr: jene gegenüber Klarmann geäußerte Darstellung oder die gegenüber Torberg?

Doch es gibt weitere Ungereimtheiten. Dass Alma es nur zu gern gesehen hätte, dass der Jude Werfel zu seinen Lebzeiten noch durch Taufe und Übertritt in die katholische Kirche quasi auch „offiziell“ Christ geworden wäre, davon kann wohl ausgegangen werden. Interessiert an seiner Konversion waren aber auch zwei katholische Geistliche, mit denen das Ehepaar Werfel in Amerika engen Kontakt hielt: die Patres Georg Moenius und Cyrill Fischer. Letzterer hatte bereits 1943 mit Alma in Fragen der Taufe ihres Mannes korrespondiert. Bezugnehmend auf einen soeben stattgefundenen schweren Herzanfall von Franz Werfel unterstellte er: „Ich bin der festen Überzeugung, dass manche seiner jetzigen ‚Aufregungen‘ Mitursache haben in dieser seelischen Wirrnis, in diesem Suchen um den lichten freien Ausgang in die katholische Kirche.“ Geschickt schob er hinterher: „Vielleicht sollten Sie da der Engel sein, der ihm den Weg zum Christkind zeigt. (…) Im Notfall können Sie, sollte sich sein Zustand unerwartet verschlimmern, selbst ihn taufen mit den Worten: ‚Franz, ich taufe Dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes‘ und ihn während dieser Worte mit geweihtem Wasser oder sogar mit bloßem Wasser in Kreuzesform leicht begießen. (…) Ich meine, es wäre (…) eine Beglückung und Beruhigung für Franz und Sie selbst.“14

Am 29. August 1945 fand in Beverly Hills Werfels Beerdigung statt. Die Trauergäste in der Kapelle des Beerdigungsinstituts warteten bereits über eine Sunde auf Werfels Witwe und den Geistlichen Georg Moenius, der die Trauerfeier leiten sollte. Endlich erschien Moenius – alleine. Bis zuletzt war er bei Alma gewesen, die seine vorbereitete Rede redigiert hatte. Das Ende seiner Ansprache ließ aufhorchen. „Die Kirche“, so ließ der Pater mehrdeutig verlauten, „erkennt drei Arten von Taufe an: Die Wassertaufe, die Nottaufe, die von jedem gläubigen Katholiken, falls keine Zeit ist einen Priester zu rufen, ausgeführt werden kann, und schließlich die Begierdetaufe, die darin besteht, dass ein Mensch, der in seinen letzten Stunden auf dieser Erde wahrhaftig begehrt, in die Kirche aufgenommen zu werden, durch die schiere Kraft seines Begehrens zum Christen werden kann, ohne die Ausführung sichtbarer oder hörbarer Riten.“15 Was hatte Moenius zu diesen Feststellungen, die natürlich der Spekulation Raum und Tor ließen, getrieben? Wollte er damit zu verstehen geben, dass bei dem Verstorbenen eine der drei Taufarten stattgefunden hatte? 

 

Literaturnachweis

Abels, Norbert: Franz Werfel. Reinbek 31998

Mahler-Werfel, Alma: Mein Leben. Frankfurt/M. 1986 (183.-190. Tsd.)

 

Anmerkungen:

1 Zit. nach Werfel: Zwischen oben und unten. Aufsätze – Aphorismen – Tagebücher – Literarische Nachlässe, München/Wien 1975, 695ff (= zou).

2 Ebd., 698f.

3 Zit. nach P.S. Jungk: Franz Werfel, Frankfurt/M. 2006, 75.

4 Siehe Oliver Hilmes: Witwe im Wahn. Das Leben der Alma Mahler-Werfel, München 2005, 221 und 439, Anm. 134.

5 zou, 611.

6 Werfel: Das Lied von Bernadette, Frankfurt/M. 1996 (2. Aufl.), 11f.

7 Werfel: Paulus unter den Juden, Wien 1926, 93f, 163ff.

8 zou, 595f.

9 Zit. nach Werfel: Zwischen oben und unten, Stockholm 1946, 11ff.

10 zou, 892f.

11 zou, 614f.

12 Jungk 342.

13 Ebd., 343.

14 Hilmes, 353.

15 Hilmes, 351.

 

Über die Autorin / den Autor:

Matthias Hilbert, Lehrer i.R. und Buchautor, u.a. bei chrismon "Fromme Eltern - unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler".

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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