Stolzer Schwede, mutiger Freiheitskämpfer, protestantische Lichtfigur – verschiedene Lager haben den Schwedenkönig für sich vereinnahmt. Der Kampf um die Deutungshoheit im Laufe der Jahrhunderte ist ein spannender Spiegel theologischer und gesellschaftlicher Veränderungen. Im Brennpunkt steht dabei sein Todesort in Lützen. Martin Glauert hat ihn aufgesucht

 

Die Suche gestaltet sich unerwartet schwierig. Die Autobahnabfahrt Lützen war ausgeschildert, aber im Ort stecken wir fest. Nirgendwo ist ein Hinweis auf die Gedenkstätte für Gustav Adolf zu entdecken, den weltberühmten Schwedenkönig, Lichtgestalt des Dreißigjährigen Krieges, der hier seinen Tod fand. Eine Gruppe Schulkinder kommt vorbei, die Zweitklässer müssen überlegen. Einem Mädchen fällt es zum Glück ein: „Ist das nicht neben dem Tierpark?“

Noch ein paar Kilometer Landstraße, dann sind wir am Ziel. Zwei rot gestrichene Holzhäuser mit einer wehenden schwedischen Fahne erinnern an einen Ferienort. Neben einer Kirche aus Feldsteinen steht ein gusseiserner Baldachin. Er ist blau gestrichen, die Kuppel durchlöchert wie ein Sternenhimmel. Darunter liegt ein grober Feldstein, auf dem die Buchstaben „GA“ befestigt sind: Gustav Adolf, Kriegsheld und Kämpfer für die protestantische Sache. Der „Schwedenstein“ ist das Herz der Gedenkstätte. Wir stehen hier an einem zentralen Punkt protestantischen Selbstverständnisses. Der Blick geht hinaus auf weites Feld, eine warme Sonne liegt über dem Land, es ist still und beschaulich. Niemand käme auf die Idee, dass vor uns das Schlachtfeld eines grausamen Kampfes liegt, der vor knapp 400 Jahren tobte und bis heute nachwirkt.

 

Schlacht und Tod Gustav Adolfs

Es ist Anfang November 1632, der Krieg wütet nun schon im vierzehnten Jahr. Er hat halb Europa verwüstet, ganze Landstriche entvölkert und Hunderttausende Tote zurückgelassen. Wallenstein als Heerführer des katholischen Lagers ist auf dem Weg nach Leipzig, wo er sein Winterquartier aufschlagen will. Der schwedische König erkennt darin einen günstigen Moment, er will noch vor Jahresende eine Entscheidungsschlacht herbeiführen. Am Vorabend des 6. November 1632 stehen sich die Heere bei der kleinen Stadt Lützen gegenüber. Die Soldaten legen sich so, wie sie in Schlachtordnung marschiert sind, auf der Erde nieder. Dann heißt es warten, möglichst ein paar Stunden schlafen, so gut das auf dem feuchten und kalten Boden möglich ist.

Mit der Morgendämmerung kommt Nebel auf, zudem hat Wallenstein die Stadt an mehreren Stellen in Brand setzen lassen, sodass quälender Rauch über das Schlachtfeld zieht. Der König betet auf dem Pferd und hält eine kurze Ansprache an seine Soldaten, die bewusst an das letzte Abendmahl anklingt: „Weichet nicht, wie ich denn mein Leib und Blut euch zum besten mit aufsetzen will!“ Dann geht das blutige Schlachten los. 40.000 Männer aus allen Ecken Europas gehen mit Kanonen und Musketen, Piken und Pistolen, Streitäxten und Säbeln aufeinander los. In einer Mischung aus Blutrausch und Todesangst kämpfen sie vom Morgen bis in den späten Abend. Köpfe werden eingeschlagen, Leiber durch Kanonenkugeln aufgerissen, Arme und Beine zerschossen und durchbohrt, tödlich verwundete Pferde brechen unter ihren Reitern zusammen.

Am Mittag wankt der linke schwedische Flügel. Gustav Adolf selbst führt einen Entlastungsangriff. Erneuter Nebel behindert das Blickfeld, sodass sich der kurzsichtige König und seine Begleitung versehentlich zu weit von den eigenen Leuten entfernen. In dieser Situation erhält der König einen Musketenschuss, der seinen linken Arm oberhalb des Ellbogens zerschmettert. Unwillkürlich greift er mit der rechten Hand nach den Zügeln und lässt dabei seinen Degen fallen. Eine Kugel streifte den Hals seines Pferdes, das daraufhin unkontrolliert vorwärts galoppiert. Ohne seinen Degen findet der König sich wehrlos inmitten gegnerischer Kürassiere wieder. Der Page Leubelfink versucht verzweifelt, den König zu retten, doch schon stechen die kaiserlichen Soldaten auf ihn ein. Gustav Adolf stürzt vom Pferd, das ihn noch einige Meter mitschleift, da sich sein Fuß wohl im Steigbügel verfangen hat. Am Boden liegend, erhält er zahlreiche Stiche und Schüsse, die seinem Leben ein Ende setzen. Der Leichnam des Königs wird von den Kaiserlichen geplündert und auf dem Feld zurückgelassen, wo er spät am Abend gefunden wird.

 

Von Trauer gelähmt

Erst bei Einbruch der Dunkelheit endet die Schlacht, da beide Seiten erschöpft sind. Wallenstein befiehlt seinen Truppen den Rückzug, ist aber nicht der Verlierer. „Keine der Parteien verfolgte die andere mit einem einzigen Schuss, so müde des Spieles und der Victorie ungewiss war man auf beiden Seiten, bis sich beide des Morgens verlassen sahen“, berichtet ein Teilnehmer. Die kalte Nacht senkt sich herab auf die verwundeten und sterbenden Soldaten, die neben den etwa 9000 Toten liegen, die die Schlacht gekostet hat, „halben Mannes hoch an unterschiedlichen Orten.“ Der Lützener Pfarrer Paulus Stockmann geht am folgenden Tag über die Felder und notiert, was er dort sieht: „Also todt, daß einem ein Arm, dem andern ein Bein, dem dritten den Kopff und so fort mangelt; so mit Stück in stücken, oder mitten entzwey geschossen sind, dass die verletzte Lunge, Leber, Hertz und Gedärm ohne fernere anatomi von jederman gesehen werden kann.“

Der von Pferden zertrampelte Leichnam des schwedischen Königs wird in der Kirche des Nachbarorts gesäubert, ausgeweidet und balsamiert. Als die Meldung vom Tod Anfang Dezember endlich Stockholm erreicht, sind die Menschen erschüttert. Die Reichsräte sollen, von Trauer gelähmt, einen ganzen Tag reglos mit hängenden Köpfen dagesessen haben. Der königliche Leichenzug bewegt sich inzwischen in majestätischer Langsamkeit durch die protestantischen Gebiete zur Ostsee, erst im Frühjahr 1633 wird der Leichnam nach Schweden verschifft. Der Krieg und das Sterben aber gehen noch 16 Jahre weiter, bis nach langen Verhandlungen und internationalen Kongressen im fernen Westfalen der Frieden geschlossen wird.

In den knapp 400 Jahren, die seit der Schlacht von Lützen vergangen sind, wurden an der Todesstelle des Schwedenkönigs unzählige Gedenkfeiern abgehalten. Wessen aber wurde dabei gedacht, was genau wurde gefeiert? Es ist spannend zu verfolgen, wie sich die Sichtweisen und Deutungen im Laufe der Zeit verschoben haben. Gesellschaftliche Veränderungen bis hin zu propagandistischen Vereinnahmungen durch die Politik spiegeln sich im Umgang mit dem Andenken an Gustav Adolf. Der wäre sicher über manche Feier verwundert oder verärgert gewesen – wehren konnte er sich dagegen freilich nicht mehr!

 

Der Schwedenkönig

In den ersten Jahren verirrten sich nur einzelne vorbeireisende Schweden hierher, die wissen wollten, wo genau ihr König gefallen war. Doch schon im 18. Jh. gehörte Lützen zum Pflichtprogramm junger schwedischer Adliger auf Bildungsreise. 1819 schrieb Bernhard von Beskow: „Ein Schwede kann sich niemals dem Schlachtfeld von Lützen ohne ein Gefühl des Stolzes nähern, … wo der königliche Märtyrer durch das Opfer seines Lebens den Sieg des Lichtes, der Freiheit und der Wahrheit erkaufte.“ Viele Besucher wollten Teile des Steins als Reliquie mitnehmen und brachen Stücke davon ab. Gustav Adolf war ein zentraler Player im Dreißigjährigen Krieg und gilt noch heute in Schweden als historische Lichtgestalt. Die Schlacht bei Lützen war allerdings keine rein schwedische Veranstaltung, vielmehr kämpften überwiegend deutsche Krieger im „Schwedenheer“ neben Kameraden aus Schottland, England, dem Baltikum und Ungarn.

Nicht nur Schweden, sondern auch Protestanten aus allen Teilen Europas interessierten sich für den Erinnerungsort. Ein Gästebuch von 1832 listet Besucher aus Österreich, Frankreich, den Niederlanden, England, Schottland, Italien, Polen, Ungarn, Siebenbürgen und Russland auf. Selbst aus Südamerika, Mexiko und den Vereinigten Staaten kamen protestantische Gläubige zu diesem Denkmal, das ihnen als Identität stiftendes Symbol aus dem Glaubenskrieg galt. Hatte doch hier das protestantische Heer über die katholische Seite gesiegt!

Das war allerdings eine vereinfachende Sicht der Dinge. Der Dreißigjährige Krieg war eben nicht ein Kampf „katholisch gegen evangelisch“. Die machtpolitischen und religiösen Konflikte in Europa waren längst auf verwirrende Art miteinander verknotet. Die Kämpfer kamen aus allen Teilen des Heiligen Römischen Reichs, es gab Katholiken und Protestanten auf beiden Seiten, viele waren Berufssoldaten, die mal hier und mal dort anheuerten.

Selbst die Protagonisten wechselten gelegentlich das Lager, wenn es opportun schien. Graf Henrik Holck, der den Schlachtplan für Wallenstein ausgearbeitet hatte, war ursprünglich ein dänischer Protestant. Er kämpfte zunächst gegen den Kaiser und verteidigte sogar Stralsund gegen Wallenstein, der es belagerte. 1630 trat Holck dann jedoch in Wallensteins Dienste und wurde sein bester Mann. Herzog Franz Albrecht von Sachsen-Lauenburg, der sentimental und publikumswirksam für sich reklamierte: „In meinen Armen wurde Seine Majestät der König erschossen“, war ein mit allen Wassern gewaschener Haudegen. Am Anfang des Dreißigjährigen Krieges kämpfte er auf Seiten der böhmischen Protestanten. 1620 geriet er in Gefangenschaft und wechselte zur katholischen Liga. 1625 trat er in den Dienst Wallensteins. Im Oktober 1631 traf er mit Gustav Adolf zusammen und schlug sich kurz vor der Schlacht bei Lützen auf die schwedische Seite. Unmittelbar nach der Schlacht allerdings wechselte er nochmals zurück in die kaiserliche Armee. Nicht gerade lupenreine Vertreter des Protestantismus!

 

Der Freiheitskämpfer

Zur 200-Jahr-Feier 1832 taucht dann das Zauberwort „Freiheit“ auf. Pfarrer Neubert aus Lützen erinnerte daran, dass der schwedische König im Tode gesiegt habe. Die Ernte dieser Blutsaat sei die Glaubensfreiheit. Die Feier mit 12.000 Teilnehmern war eine Massenveranstaltung mit Glockenläuten, Musik und Fahnen, von Zeitgenossen als „weltlicher Gottesdienst“ erlebt. In Scharen zogen auch Studenten mit, die allerdings eine andere Freiheit im Sinn hatten. Sie hofften nach dem Ende der napoleonischen Kriege auf liberale, bürgerliche Reformen. Enthusiastisch dichtete Friedrich Hölderlin: „Dank dem Retter der Freiheit! Dem Richter der Witwenmörder! Oh Gustav! Gustav! Es verstummt der Segen der Deinen, der Segen des Ewigen lohnet dich nur, Der donnernde Jubel des Weltgerichts.“ Zugleich mit dem Wunsch nach Liberalität erklingt der Ruf nach nationaler Einheit. Und genau an diesem Punkt kommt es zur Reibung, zu einem Kampf um die Deutungshoheit. Am Ende bekommt die Nation das stärkere Gewicht, die bürgerliche Freiheit hat das Nachsehen.

Nichts illustriert das besser als die Diskussion um die Inschriften für das Denkmal 1832. Der populäre Magdeburger Bischof Johann Heinrich Bernhard Dräseke schlug ein Bibelzitat vor: „So bestehet nun in der Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, und lasset euch nicht wiederum in das knechtische Joch fangen.“ (Gal. 5,1). Dieser Vorschlag stieß dem preußischen König allerdings sehr missliebig auf. Der entschied sich für andere Bibelzitate, in denen das Wort „Freiheit“ nicht mehr vorkam. Stattdessen hieß es schließlich: „Er führte des Herrn Kriege“. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Zucht.“ „Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat.“ Diese Sprüche sind heute auf dem Baldachin zu lesen. Entsprechend hieß es dann in der Einweihungsrede: „Höre uns, deutsches Vaterland, Du Hauptherberge der evangelischen Kirche, an deren vornehmste Zierden hinfort dieses Denkmal sich reihet.“ Thron und Altar gingen eine Verbindung ein, die 100 Jahre dauern sollte.

 

Der „Germane“

Im August 1932 stand die 300-Jahr-Feier an. Es waren schwere Zeiten. Der Pfarrer der schwedischen Victoriagemeinde in Berlin, Birger Forell, berichtete: „Alle Leute sind voll damit beschäftigt, das tägliche Brot und die schiere Existenz zu sichern; in einem Ausmaß, das man sich in Schweden wohl kaum vorstellen kann. Eine dumpfe, teilweise bittere, teilweise apathische Stimmung beherrscht die Menschen, die man hier trifft.“ Die nationalistische Stimmung war extrem hoch gepeitscht. Selbst in der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ war zu lesen, dass Gustav Adolf in Deutschland schlimmer als Attila gewütet habe und dass das deutsche Volk wirklich keine Veranlassung habe, den schwedischen Mordbrenner zu ehren, „dieses Werkzeug des französischen Imperialismus“.

Ab dem Jahr 1933 waren die Feiern nationalsozialistisch geprägt. Superintendent Hagemeyer stimmte ein „Sieg Heil!“ an. Nach den Nationalhymnen wurde das Horst-Wessel-Lied gesungen. Innenminister Wilhelm Frick betonte die „glorreichen Taten des nordisch-germanischen Führers Gustav II. Adolf“. Am 6. November 1941 marschierten Vertreter der schwedischen, finnischen und deutschen Armeen symbolträchtig Seite an Seite von der Gedenkstätte auf das Schlachtfeld hinaus, wie in der Schlacht von Lützen und wie im aktuellen Kampf gegen die Sowjetunion.

 

Diplomatisches Pfand

Am 13. April 1945 hatte der Spuk ein Ende. US-amerikanische Truppen erreichten Lützen. Kurz danach überließen die Amerikaner gemäß dem Abkommen von Jalta das Gebiet der Sowjetunion. Zwei Jahre lang war das Betreten der Gedenkstätte verboten. Das Verhältnis der DDR zur Gedenkstätte war zwiespältig. Weder Religion noch Royalität waren angesagt. Andererseits wurden die Pflege der Gedenkstätte und die regelmäßigen schwedischen Kontakte genutzt, um für die Anerkennung des „zweiten deutschen Staates“ zu werben.

Die 1970er Jahre waren zahlenmäßig eine Blütezeit, 30.000 bis 40.000 Besucher aus der ganzen DDR kamen jährlich. „Sie haben den Besuch immer wie einen kleinen Ausflug nach Schweden genossen“, erzählt Katja Rosenbaum. „Seit der Wende kommen höchstens noch 8000 hierher, denn jetzt steht das Ausland jedem offen.“ Die Leiterin des Lützener Museums möchte die Gedenkstätte mit einem neuen Konzept und einem Perspektivwechsel beleben. Statt Verehrung des Schwedenkönigs soll museale Distanz entstehen, ein kritisches Verständnis der damaligen Ereignisse. Nicht mehr nur Gustav Adolf soll im Mittelpunkt stehen, sondern all die Menschen, die bei der Schlacht ihr Leben verloren. So ist geplant, in einem neuen Museumsbau vor Ort das einzigartige Massengrab auszustellen, das 2011 auf dem Schlachtfeld in einem kompletten großen Erdblock ausgehoben und aufwändig präpariert wurde. 47 Krieger wurden dort übereinander abgelegt, ihre Skelette zeigen noch heute die tödlichen Verletzungen. Der oberste hat seine Arme schützend wie Flügel ausge­breitet.

Stolz nennt sich Lützen „Gustav-Adolf-Stadt“, aber der Umgang mit ihrem historischen Erbe ist eher stiefmütterlich. Kein Schild an der Autobahn weist auf den weltgeschichtlich bedeutsamen Todesort hin. Im Ort vermisst selbst der motiviert suchende Autofahrer einen Wegweiser zur Gedenkstätte und ist auf Schulkinder angewiesen. „Ach ja, neben dem Tierpark“ ist der entscheidende Hinweis und gleichzeitig eine beschämende Rangwertung. Im Kleintierzoo finden sich dann auch irgendwann die ermüdeten Besucher der Gedenkstätte ein, denn hier gibt es zum Glück einen Imbiss und eine Erfrischung. Ausgerechnet am Kiosk treffen wir Gustav Adolf wieder – auf dem Etikett der Bierflasche!

 

Martin Glauert

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

1 Kommentar zu diesem Artikel
25.02.2020 Ein Kommentar von Klaus Fitschen „Glaubensfreiheit für die Welt rettete bei Breitenfeld Gustav Adolf Christ und Held“ – so steht es auf einem anderen Gedenkstein für eine andere Schlacht vor den Toren Leipzigs, die 1631, ein Jahr vor der Schlacht bei Lützen, stattfand. Es war der schwedische König, der durch sein Eingreifen auf dem deutschen Kriegsschauplatz verhinderte, dass die kaiserlichen Truppen nach ihrem Vorstoß bis zur Elbe Deutschland wieder zu einem monokonfessionellen, und das heißt, zu einem katholischen Land machten. Natürlich kann und muss man sagen, dass das die vielen Opfer unter den Soldaten und der Zivilbevölkerung nicht wert war, zumal der Krieg eben tatsächlich kein reiner Konfessionskrieg war. Ob man dazu die in Kirchen- und Religionsdingen stets unanfechtbare Kompetenz des sozialdemokratischen „Vorwärts“ bemühen muss, steht auf einem anderen Blatt. Genauso könnte man katholische Stimmen zitieren, die für diesen protestantischen Helden auch nur Verachtung übrig hatten. Die Glaubensfreiheit wurde teuer erkauft, aber immerhin, es gab sie, wenn auch nur in dem System konfessioneller Trennung, das der Westfälische Frieden schuf. Man durfte im Gesamtgefüge Deutschlands evangelisch sein, wurde nicht vertrieben wie die Hugenotten und die Salzburger Protestanten, nicht in die letzten Bergtäler verjagt wie die Waldenser, nicht ins Geheime abgedrängt wie die österreichischen Protestanten. Gewiss: Den Katholiken ging es in vielen protestantischen Ländern genauso. Der Beitrag ist schön zu lesen, und die Gedenkstätte ist wirklich eine Reise wert. Von Leipzig aus kommend findet man sie auch leichter. Was man vermissen kann, wenn man von den Gustav-Adolf-Feiern des Jahres 1832 liest, ist die Erwähnung des Gustav-Adolf-Vereins, der bei dieser Gelegenheit gegründet wurde. Er sollte ein „lebendiges Denkmal“ sein, ein Hilfswerk für bedrängte Protestanten, auch in manchen deutschen Regionen. Nationalistische Töne findet man auch hier, aber wo findet man sie im deutschen Protestantismus vor 1945 nicht? Lützen ist andererseits auch immer als ein internationaler Ort angesehen worden, wenigstens im Rahmen des nordeuropäischen Protestantismus. Zugleich war der Namensgeber auch im Gustav-Adolf-Verein immer wieder umstritten und ist es bis heute im Gustav-Adolf-Werk. Und zugleich ist es doch so: Ausgerechnet im Namen dieses ebenso frommen wie auf militärische Expansion ausgerichteten Herrschers erfahren Menschen Hilfe, auch dort, wo sie wie in Syrien von Krieg und Gewalt bedroht sind. Bis heute ist Lützen darum ein „Erinnerungsort“, nämlich einer für einen Protestantismus, der im 19. Jahrhundert paternalistisch und heute partnerschaftlich Hilfe leistet. Wer dort hinfährt, möge auch daran denken.
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