Über Jahre hat der Begriff der Kompetenz die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern dominiert. Inzwischen scheint es – unter gewandelten gesellschaftlichen Bedingungen – so zu sein, als komme es beim pastoralen Handeln mehr auf Performanz als auf Kompetenz an. Doch man darf – wie Karl Hardecker zeigt – die beiden Leitparadigmen nicht gegeneinander ausspielen, vielmehr sind beide sogar noch durch ein drittes Leitparadigma, das des Inneren Settings, zu ergänzen.*

 

A Die Reform des Theologiestudiums 1988-1993 und der neu erworbene Begriff der Kompetenz

Über 30 Jahre lang hat der Kompetenzbegriff die Ausbildungspläne und Curricula nicht nur der Pfarrersausbildung, auch der Lehrerausbildung alternativlos dominiert. Eingeführt von Wolfgang Klafki, gelangte der Kompetenzbegriff über die Rezeption der Theorie kommunikativer Kompetenz von Jürgen Habermas zu einer beispiellosen Karriere.

Die Gemischte Kommission für die Reform des Theologiestudiums, die von 1988-1993 unter der Leitung von Eilert Herms und Werner Hassiepen arbeitete, sprach von Theologischer Kompetenz als einem integrierendem Begriff und Zielangabe und wurde definiert als „Inbegriff der Fähigkeiten, die für die auftragsgemäße und professionelle Führung des Pfarramtes erforderlich sind“.1

Nach wie vor dürfte der Kompetenzbegriff unersetzbar sein und seine starke Stellung als ein wesentliches Paradigma für die Pfarrerausbildung behalten. Dennoch ist die Frage berechtigt, ob er den durch gesellschaftliche Entwicklungen veränderten Rahmenbedingungen in vollem Umfang gerecht werden kann. Veränderungen in der Gesellschaft und innerhalb der Kirchen machen immer mehr situationsgemäßes Handeln erforderlich. Traditionsverluste lassen die Selbstverständlichkeit kirchlichen Handelns marginal erscheinen. Durch den Mitgliederschwund der Kirchen notwendige Strukturveränderungen verlangen ein flexibles und auf unterschiedliche Situationen reagierendes Handeln seitens der verantwortlichen Akteure, damit auch der daran beteiligten Pfarrerinnen und Pfarrer. Diese Erfordernisse spiegeln sich in der Entwicklung von der Kompetenz- zur Performanztheorie.2 Hier hatte sich im ursprünglichen Beobachtungsfeld des Spracherwerbs und der Kommunikation eine Verschiebung von der Kompetenz zur Performanz ergeben. In den Fokus trat nun das Sprechen in sozialen Systemen und die Angemessenheit der Rede. Beides waren Dimensionen der Performanz. Es ging nun darum, Grammatik und sprachliche Kenntnisse in sozialen Situationen angemessen anzuwenden. Diese Verschiebung lässt sich auch am Bedeutungsgewinn des Performativen für die Pfarrerausbildung ablesen. Dem entsprach eine Verschiebung vom Wissenserwerb zu dessen Anwendung.

 

B Kasualien und performatives Handeln

Andreas Reckwitz3 hat darauf aufmerksam gemacht, dass die Beschreibung eines gesellschaftlichen Ausdifferenzierungsvorgangs und seiner Folgen durch die Soziologie nur die eine Hälfte eines noch viel komplexeren Prozesses beschreibt. Die andere Hälfte lässt sich als ein Verlangen nach Intensivierungen beschreiben. Diese Sehnsucht nach einem intensiveren Leben und Erleben versucht die Entwicklung einer hochdifferenzierten und auf formale Prozesse angewiesenen Gesellschaft zu kompensieren.

Beiden Entwicklungen entsprechen unterschiedliche Logiken: Während der auf formale Stimmigkeiten ausgerichtete Ausdifferenzierungsprozess in einer Logik des Allgemeinen verläuft, basiert der auf Singularitäten fokussierte Entwicklungsprozess auf einer entsprechend anderen Logik. Diese Logik richtet sich nach anderen Maßstäben, insofern hier das Erleben des einzelnen und dessen Intensivierung maßgeblich ist. Die Logik des Allgemeinen richtet sich nach wissenschaftlichen Kriterien und ist stark sachorientiert. Die Logik der Singularitäten orientiert sich am Erleben der Subjekte und ist affektgeladen.

Die Beschreibung von Reckwitz erlaubt es, neuere Entwicklungen in unserer Gesellschaft besser erklären zu können. Hierzu zählt das Aufkommen populistischer Strömungen oder die Eigendynamik der sozialen Netzwerke. Phänomene wie diese entwickeln eine eigene Dynamik und sind gekennzeichnet durch eine hohe Emotionalität, durch ein Schwarz-Weiß-Denken, durch das Bedürfnis alles zu bewerten und für rationale Argumente nicht empfänglich zu sein. Dass diese Entwicklung in den letzten Jahren sehr bedenkliche Züge angenommen hat, dürfte unbestritten sein. Gleichwohl wäre es genauso bedenklich, diese Entwicklungen aus der Betrachtung kirchlichen Handelns und aus möglichen Anforderungen an die Ausbildung für den Pfarrberuf auszublenden. Die Analyse von Reckwitz jedenfalls leistet einen starken Beitrag, diese Entwicklungen besser verstehen zu können.

Welcher Logik sollte nun die Ausbildung von Pfarrerinnen und Pfarrern folgen? Der Logik des Allgemeinen oder einer Logik der Singularitäten, zu deren Leitbegriff die Performanz gehört?

Kasualien und die Logik der Singularitäten

Dem Bedürfnis, in seiner Singularität wahrgenommen zu werden, kann ein pastorales Handeln entsprechen, das auf Performanz hin ausgerichtet ist. Das macht die gestiegene Anspruchshaltung und Singularisierung von Kasualien deutlich. Hier wird vom pastoral Handelnden verlangt, sich auf die Wünsche, Vorstellungen und Erwartungen der kasual beteiligten Akteure einzulassen und die liturgische und theologische Tradition gewissermaßen in einen Verhandlungsprozess einzubringen. Dabei wird die Performativität des Geistlichen eine mindestens so große Rolle spielen wie seine liturgische und theologische Kompetenz. In diese Performativität wird auch die seelsorgliche Kompetenz der Pfarrerin/des Pfarrers einfließen, insofern es darum gehen wird, als professionell Handelnde den durch die Kasualie inszenierten öffentlichen Raum sowohl für das performative Bedürfnis der kasual beteiligten Akteure offen zu halten als diese auch vor Gefahren (etwa einer Bloßstellung oder Selbstüberforderung im Falle eines Auftritts als Angehörige bei Trauerfeiern) zu schützen. Diese gestiegene Anspruchshaltung verlangt von den handelnden Pfarrpersonen sicher mehr Einsatz, auch an Zeit. Dennoch kann diese Form geforderter Performanz auch als Chance gesehen werden, die kasual Bedürftigen in ihrer Individualität ernst zu nehmen und ihnen gegenüber authentisch auftreten zu können, was im Übrigen dem von Grethlein beobachteten Paradigmenwechsel von Autorität zu Authentizität entspräche.4

Allerdings ist hier der Hinweis angebracht, dass Ungleichzeitigkeiten im Auftreten der beiden von Reckwitz beschriebenen Logiken zu beobachten sind, d.h. die im Anschluss zu beschreibenden Phänomene singularisierten Verhaltens treffen nicht auf alle Ansprechpartner pastoralen Handelns in gleicher Weise zu. Nach wie vor finden sich auch Menschen, die sich gegen den Mainstream einer Logik des Allgemeinen bedienen und von einer solchen Logik auch ansprechbar sind. Gleichwohl verdient der Begriff der Logik der Singularitäten und diesem entsprechend die Performanztheorie eine nähere Betrachtung.

Liturgische Inszenierung

Nicht zufällig findet sich der Begriff der Performanz auf dem Feld liturgischer Inszenierung bzw. liturgischer Präsenz wieder. Die Rezeption und die Lehrtätigkeit von Thomas Kabel verhalf einem neuen Verständnis von liturgischer Performanz in den 90er Jahren zum Durchbruch. Dem Einfluss von Kabel ist es zu verdanken, dass in der Folge Übungen zur liturgischen Präsenz und eine neue Sensibilität für die körperliche Dimension liturgischen Auftretens Einzug fanden in die Pfarrerausbildung. Über Übungen zur liturgischen Präsenz wurde es nun möglich, bei Pfarrerinnen und Pfarrern ein Bewusstsein zu schaffen für die eigene liturgische Rolle und deren körperliche Ausdrucksformen. Dies ging Hand in Hand mit einer stärkeren Wahrnehmung rezeptionsästhetischer Vorgänge im Bereich gottesdienstlichen Erlebens.

Liturgie als Inszenierung eines Ordnungsrahmens, der religiösem Erleben Ausdrucksformen bereitstellen will, hat es grundsätzlich mit der Frage nach einer Intensivierung religiösen Erlebens zu tun. Während hier das protestantische Predigtverständnis Gefahr läuft, sich zu sehr an Diskursregeln zu orientieren, die in der Logik des Allgemeinen beheimatet sind, garantiert Kirchenmusik die Möglichkeit einer Intensivierung religiösen Erlebens. Dass Liturgie als ästhetische Form intensiviertes Erleben ermöglichen soll, dürfte unstrittig sein. Beim Mitfeiern des Gottesdienstes berührt zu werden, meint deshalb weniger das Überzeugt-Werden vorgetragener Argumentationen im Medium der Predigt, sondern das Affiziert-Werden durch die Gebetssprache, durch einen Choral, die brennenden Kerzen auf dem Altar oder die (durch die Feiernden erzeugte) Atmosphäre im Raum, aber genauso durch die Erfahrungstiefe einer Predigt, die durch ihre schlichte und sensible Sprache anzurühren vermag.5

Eintauchen in eine andere Welt

Es ist sicher kein Zufall, dass die Performanztheoretikerin Erika Fischer-Lichte von der Immersion des Zuschauers spricht6, um dessen völliges Eintauchen in die Welt eines Films, eines Theaterstücks oder einer anderen Performance zu beschreiben und dass ganz aktuell die Immersionstaufe im konservativ-pietistisch geprägten Württemberg ihren Einstand feiert, nach Jahrhunderten theologischer Schmähung, die sich dem reformatorischen Konflikt mit den Täufern verdankte. Hier wie da geht es bei Immersion um die Intensität des Erlebens, um das Eintauchen in eine andere Welt. Die Liaison zwischen Pietismus und der Sehnsucht nach Intensivierung ist an dieser Stelle kein Zufall, zumal der Pietismus durchaus als ein Versuch verstanden werden kann religiöses Erleben zu intensivieren. Die konkrete Form der Immersionstaufe nimmt also das Bedürfnis nach intensiviertem Erleben auf und gestaltet es. Um diese Gestaltung angemessen vollziehen zu können, muss die Pfarrperson performativ handeln und dabei den Täufling und die Situation differenziert wahrnehmen.

Ebenso spiegelt die Praxis der kirchlichen Trauung das Bedürfnis nach intensiviertem Erleben wider. Mit den anderen Kasualien teilt die Trauung das Verlangen gesegnet zu werden. Diese Segenshandlung bildet dann nicht nur die Brücke zu den anderen Kasualien; sie verbindet auch die klassische Trauung mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare.

Die zu beobachtende Individualisierung der Gestaltungswünsche erfordert ein performatives Handeln, das den Blick auf den Kern dieses Handelns, nämlich den Segen, genauso im Blick behält wie die Individualität der Gestaltungswünsche und deren Anschlussfähigkeit an kirchliche und biblische Traditionen.

Für die Bestattung gilt ähnliches. Aus performanztheoretischer Perspektive7 ergibt sich ein Blick auf das Ganze einer Bestattung, auf deren Akteure und ihre entsprechenden Rollen, auf die Räume, die im Vollzug der Bestattung durchschritten werden, auf die liturgische Gestaltung und ihre Wirkung auf die Versammelten. Trauerfeiern, die ganz einseitig auf performative Wirkung hin angelegt sind, wie die in jüngster Zeit für den Volksschauspieler Jan Fedder im Michel in Hamburg8, sind kritisch zu sehen, zeigen aber deutlich, wie die öffentliche Wahrnehmung kirchliches Handeln inszeniert sehen will und medial rahmt.

Unabhängig von ihrer performativen Ausgestaltung leisten Kasualien nach wie vor einen ganz wesentlichen Beitrag zur Kontingenzbewältigung. Pastorales Handeln kann sich dabei des in den Kasualien liegenden Potentials bedienen. Dazu gehört die Rechtfertigungsbotschaft, die alle Lebensgeschichten als gerechtfertigte Lebensgeschichten9 erscheinen lässt. Dazu gehört, dass die kasual Bedürftigen bei ihrem Namen genannt werden. Dazu gehört, dass sie gesegnet werden. Dazu gehören als Zeichen das Kreuz und die Kerze. In all diesen Vollzügen tragen Kasualien zur Lesbarkeit der Welt und damit zur Kontingenzbewältigung und mithin auch zu einer Beheimatung10 der kasual Bedürftigen bei.

Dies kann aber nicht heißen, bei allem Eingehen auf das Bedürfnis nach intensiviertem Verhalten den Wahrheitsanspruch kirchlichen Handelns aufzugeben, der sich unter Umständen auch darin zeigt, dass ich als Pfarrperson die Rolle eines kritischen Gegenübers einnehme. Die bisherige Wahrnehmungsordnung meines Gegenübers wird in diesem Fall nicht bestätigt, sondern in Frage gestellt. Allerdings darf die Verschiebung von der Kompetenz zur Performanz nicht so weit gehen, dass die Wirkung kirchlichen Handelns den Wahrheitsanspruch desselben in den Schatten stellt. Der Wahrheitsanspruch darf der Performanz nicht geopfert werden. Darin liegt die bleibende Bedeutung theologischer Kompetenz. Dennoch bietet der Hinweis auf die performativen Dimensionen pastoralen Handelns die Chance, situationsgemäß zu handeln und damit seinem Gegenüber gerecht zu werden.

 

C Von der Performanz zum Inneren Setting: Berufsethos und Spiritualität

Die beiden bisher dargestellten und diskutierten Leitparadigmen der Kompetenz und der Performanz sind grundlegend für eine angemessene Beschreibung der Ausbildung zum Pfarrberuf. Ihre Vorteile liegen in ihrer Methodisierbarkeit, ihrer formalen Beschreibungskraft und in ihrem Anschlusspotential für andere Berufs- und Ausbildungsfelder. Der Kompetenzbegriff füllte eine Lücke, die durch eine falsch verstandene Wort-Gottes-Theologie entstanden war und die sich allen formalisierenden und methodisierenden Anliegen gegenüber als taub und in sich hermetisch geschlossen gab. Der Performanzbegriff rückte die Leibdimension im Horizont eines öffentlichen Auftretens in den Blickpunkt und ermöglichte damit auch eine rezeptionsästhetische Wahrnehmung. Um nun aber auch noch angemessen die Dimension des Berufsethos und der eigenen Spiritualität in den Blick zu nehmen, legt es sich nahe, ein drittes Leitparadigma in die Diskussion einzuführen. Ich schlage dazu den Begriff des Inneren Settings vor.

Der Begriff des Inneren Settings wäre in der Lage, das Berufsethos eines/einer Geistlichen zu beschreiben. Zu diesem Berufsethos ist die Identifikation mit dem kirchlichen Auftrag zu zählen sowie die persönliche Spiritualität. Über die Identifikation mit dem Auftrag der Verkündigung rückt auch die beauftragende Institution, die eigene Kirche, in den Blick. Eine Identifikation mit ihr war über Generationen hinweg in der Pfarrerschaft verpönt und es gehörte beinahe zum Berufsethos, sich mindestens kritisch-distanziert, wenn nicht gar zynisch zu äußern. Diese Abspaltung der eigenen beruflichen Identität von der Institution, die diesen Beruf erst ermöglicht, hatte zur Folge, dass ein ekklesiologisches Bewusstsein in der evangelischen Pfarrerschaft nur rudimentär anzutreffen war. Unter den heutigen aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen erscheint ein solches Bewusstsein jedoch dringend notwendig. Schließlich ist die consolatio fratrum et sororum Teil eines solchen ekklesiologischen Bewusstseins. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl unter Pfarrerinnen und Pfarrern ist aber für das eigene Überleben und für ein gutes Leben dieses Berufes unumgänglich. Hierzu zählt auch, dass die Arbeit im Team in Zukunft noch wichtiger werden wird als bisher und dass die Arbeit in gemischten Berufsgruppen eine wichtige Arbeitsform der Zukunft sein wird. Ein Mindestmaß an Identifikation und Solidarität mit denen, die gemeinsam unterwegs sind, wird manche Last, die über zurückgehende Mitgliederzahlen und dem gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Kirche transportiert wird, deutlich mindern können.

Pflege einer eigenen Frömmigkeitspraxis

Für das Innere Setting wird eine entscheidende Rolle spielen, ob es Pfarrerinnen und Pfarrern gelingt, die Rechtfertigung, die sie lehren, auch in ihrem Berufsalltag zu leben. Dazu gehört sicher auch die Pflege einer persönlichen Spiritualität und die Suche nach adäquaten Formen, diese im beruflichen Alltag zum Ausdruck zu bringen. Die geglaubte Rechtfertigung im Pfarramt zu leben heißt auch, sich von dem Erwartungsdruck zu befreien, allein über ein entsprechendes pastorales Handeln oder ein entsprechendes Konzept von Gemeinde ließen sich Entwicklungen der Entkirchlichung aufhalten oder gar umkehren, die ihre Ursache in gesellschaftlichen Entwicklungen haben, die tatsächlich von kirchlichem Handeln nicht beeinflussbar sind.

Die Pflege einer eigenen Frömmigkeitspraxis wird das Leben von Pfarrerinnen und Pfarrern bereichern. Spiritualität trägt dann ganz elementar dazu bei, Welt als ein resonanzreiches Verhältnis11 und sich als Gegenüber zu erfahren. Erfahrungen der Resonanzlosigkeit und des Verstummens können dadurch relativiert und entkräftet werden. Ganz ähnlich kann die pastorale Tätigkeit, das häufige Feiern von Gottesdiensten, das gemeinsame Singen von Chorälen und die Reaktion derer, die man segnet, Resonanzräume schaffen, die die geistliche Existenz von Pfarrerinnen und Pfarrern nachhaltig prägt. Oder, wie es Ulrike Wagner-Rau poetisch formuliert: Allmählich wächst die geistliche Existenz unter die Haut.12

Die Ausbildung zum Pfarrberuf wird auf diese Faktoren achten müssen. Sie wird angehenden Pfarrerinnen und Pfarrern Formen von Spiritualität nahebringen und sie ermutigen, in solchen ihnen adäquaten Formen auch zu leben. Sie wird schon in Studium und Ausbildung die Gemeinschaft der Ordinierten und der in derselben Kirche Beauftragten pflegen und sie wird, bei aller berechtigten Sachkritik an der Institution Kirche darauf hinweisen, dass zum Wir dieser Kirche die Pfarrerschaft in einem nicht unwesentlichen Maße hinzugehört.

Priorisierung der Teamarbeit

Gerade das Bewusstsein abnehmender gesellschaftlicher Bedeutung und der Tatsache, dass Kirche auch in Zukunft nicht als hermetisch geschlossenes System agieren kann, macht ein solches Gemeinschaftsgefühl und ein diesem zu Grunde liegendes ekklesiologisches Bewusstsein unverzichtbar. Nur so werden Pfarrerinnen und Pfarrer, Diakoninnen und Diakone davor bewahrt werden können, an der scheinbaren Nutzlosigkeit ihres Tuns und ihres von Teilen der Gesellschaft zur Irrelevanz erklärten Handelns auch persönlich zu scheitern. Dazu gehört die Priorisierung der Teamarbeit in Ausbildung und in der Organisation des Pfarrdienstes durch die Landeskirchen. Die Arbeit im Team wird in Zukunft sowohl in Dienstgruppen als auch in Pfarrteams geschehen. Damit sie nicht unnötig Ressourcen bindet und verschleißt, bedarf sie einer fortwährenden Reflexion. Status- und Kompetenzunterschiede müssen hier klar benannt werden, um dadurch zu einer kreativen und freien Kommunikation zu gelangen.13 Wenn es auch nach Idealisierung klingt, so muss doch hierfür nach wie vor die hierarchiefreie Kommunikationsform das Ziel vorgeben, nicht zuletzt, weil sie bei Teammitgliedern die höchste Zufriedenheit erzeugt.14

Soll die von Pfarrerinnen und Pfarrern gelehrte Rechtfertigung auch gelebt werden können, so wird dies nur im Bewusstsein der Fragmentarität des eigenen Tuns möglich sein. Dazu gehört die deutliche Unterscheidung zwischen Christus dem guten Hirten und dem Hirtenbild als einem Leitbild für das eigene pastoraltheologische Selbstverständnis. Nur eine solche Unterscheidung wird verhindern können, dass sich die einzelnen Pfarrer*innen durch distanzlose Übernahme des Hirtenbildes maßlos überfordern und auch der Hybris einer Überidentifikation mit Christus dem guten Hirten erliegen.15

Ausbildungs- und Fortbildungsangebote werden also beides vermitteln müssen: die Notwendigkeit sich Kompetenzen für die unterschiedlichen pastoralen Handlungsfelder anzueignen und sich gleichzeitig bewusst zu machen, dass diese Kompetenzen immer nur fragmentarische Erfolge zeitigen werden und Reste von Unbeholfenheit, von Narzissmus und Ehrgeiz, von Unverständnis und Unklarheit bleiben werden.16

 

D Generative Grammatik: Die Rechtfertigungslehre anwenden lernen

Professionelles Handeln bewegt sich mittlerweile in einem Feld, das durch eine starke Ausdifferenzierung und Pluralisierung gekennzeichnet ist und das in vielen Menschen ein Bedürfnis nach Orientierung weckt – denn sich einer Vielzahl an Optionen gegenüber zu sehen, die nicht durch Traditionen und Werte vorsortiert sind, kommt einer Kontingenzerfahrung gleich, die zu bewältigen Hilfe erforderlich macht. Menschen erwarten deshalb von professionell Handelnden Entlastung. Professionelles Handeln besteht dann darin, Menschen in unsicheren und unübersichtlichen Situationen Verhaltensmuster an die Hand zu geben, die ihnen helfen, Orientierung zu finden. Marcell Saß geht davon aus, dass sich professionalisiertes Handeln durch Kontingenzbewältigung auszeichnet und darauf zielt, stellvertretend für Laien deren Krisen zu bewältigen.17 Professionelles Handeln zeichnet sich also nicht durch die Applikation von Wissen aus, sondern durch die Gestaltung von Krisen und Umbruchssituationen.18 Aus diesem Grund ist dem Pfarrberuf und seinem Handeln eine Ungewissheit inhärent19, die umgekehrt Intuition und Risikobereitschaft erfordert, um in bestimmten Situationen überhaupt zu Lösungen kommen zu können.

Aktuell trifft dieses Bedürfnis auf eine Generation von Vikarinnen und Vikaren, die als Optimierer gesehen werden können und denen zuerst für sich selbst und ihre eigene berufliche Orientierung Sicherheit sowie eine Durch-Didaktisierung ihrer Ausbildung nebst deren Transparenz am Herzen liegt.20 Zur Ausbildung dieser Generation für den Pfarrberuf wird es wichtig sein darauf hinzuweisen, dass es die Situation verlangt, Lösungen für bestimmte Probleme erst noch zu entwickeln, am besten mit anderen zusammen.

Professionalisierung heißt dann eben nicht mehr – wie noch vor Jahren angenommen –, religiöse Sinnmuster möglichst überzeugend, plausibel und didaktisch reflektiert zu vermitteln, sondern religiöse Sinnmuster müssen unter den aktuellen Bedingungen gesteigerter Individualisierung und Subjektivierung kommunikativ entwickelt und subjektiv plausibilisiert werden.21

Mit dem Stichwort einer „generativen Grammatik“ ist der Übergang von der Sprachkompetenz zum performativen Sprachgebrauch beschrieben, der für die Pfarrerausbildung so zu buchstabieren wäre: Angehende Pfarrer*innen eignen sich die Grundlagen des christlichen Glaubens an. Indem sie deren Grammatik verstanden haben, werden sie in die Lage versetzt, diese Grundlagen in unterschiedlichen Situationen weiterzuentwickeln. Das bedeutet etwa für die Rechtfertigungslehre, deren Grammatik verstanden zu haben und sie im kasualen Handeln einer Beerdigung so anzuwenden, dass die Lebensgeschichte des Verstorbenen in der Beerdigungsansprache als eine gerechtfertigte Lebensgeschichte dargestellt wird und die darin enthaltenen Schwächen, Unvollkommenheiten und alles Scheitern nicht verschwiegen werden müssen, aber als Teil einer gerechtfertigten Lebensgeschichte im Licht eines erbarmenden Gottes dargestellt werden können.

 

E Kompetenz, Performanz und Inneres ­Setting: Die Emmausgeschichte

Dass die drei Begriffe, Kompetenz, Performanz und Inneres Setting Wirklichkeit auf je eigene Weise beschreiben, lässt sich an der Emmausgeschichte aufzeigen: Zunächst beschreibt die Erzählung der Begegnung der beiden Jünger mit dem Auferstandenen die Geschichte eines Verstehensprozesses. Dieser beginnt mit der Beschreibung der Jünger, die auf ihrem Weg nach Emmaus einem Fremden begegnen und diesem von einer von ihnen als extrem kontingent erfahrenen Hinrichtung erzählen, die für sie vollkommen sinnlos erscheint. Der Fremde wird nun als Hermeneut inszeniert, der dieses kontingente Geschehen in einen Verstehenshorizont integriert und so für die Jünger (und den Leser) verstehbar zu machen versucht.

Würde der Fremde nach seiner Erklärung von den beiden Jüngern als der Auferstandene erkannt, so könnte es als die Geschichte einer inszenierten hermeneutischen Kompetenz gesehen werden: der Auferstandene wird als Hermeneut seiner eigenen Geschichte inszeniert. Seine hermeneutische Kompetenz ermöglicht den beiden Jüngern ihre als kontingent erfahrene Situation zu bewältigen. Aber die Geschichte endet hier nicht und die Augen der beiden Jünger werden immer noch gehalten. Erst bei der Einkehr und dem gemeinsamen Mahl, bei dem der Fremde das Brot bricht, werden ihnen die Augen geöffnet. Sogleich verschwindet der Auferstandene. In diesem zweiten Teil geht es um Performanz. Die leibliche Präsenz, verbunden mit den Gesten des Brotbrechens, führt zur Erkenntnis. Die Wahrnehmung der Jünger wird auf eine neue Ebene gehoben. Das Umspringen ihrer Wahrnehmung entspricht der Plötzlichkeit ihrer Erkenntnis und der Plötzlichkeit des Verschwindens des Auferstandenen. Der Ort dieser Wahrnehmungsveränderung ist aber offensichtlich das menschliche Herz.

Ihr Inneres Setting ermöglicht den beiden Jüngern, ihre Erinnerungen an den Gekreuzigten in einer neuen Perspektive zu sehen. Ihr Inneres Setting verhindert, dass sie von dem Geschehen vollständig traumatisiert werden und den Anschluss an die Gemeinschaft verlieren. Nachdem sie den Auferstandenen erkannt haben, finden sie neue Zusammenhänge und damit eine neue ­Geschichte, in der sie eine Rolle spielen können. Aus ­ihnen sind nun Subjekte einer neuen Gemeinschaft ­geworden, deren Zentrum der auferstandene Gekreuzigte ist.

 

Anmerkungen:

* Überarbeiteter Vortrag, gehalten am 17.1.2020 vor der Verbandsversammlung evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland in Kassel. Ich danke den dort mit diskutierenden Kolleginnen und Kollegen für wertvolle Anregungen und Korrekturen.

1 Grundlagen der Theologischen Ausbildung und Fortbildung im Gespräch, hg. v. Werner Hassiepen und Eilert Herms, Stuttgart, 1993, 105.

2 Hubert Knoblauch, Von der Kompetenz zur Performanz, in: Thomas Kurtz/Michaela Pfadenhauer (Hg.), Soziologie der Kompetenz, Wiesbaden 2010, 243f.

3 Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, 5. Aufl. Berlin 2018.

4 Vgl. Christian Grethlein, Quo Vadis, Ecclesia?, in: DPfBl 1/2020, 7.

5 Peter Haigis hat darauf hingewiesen, dass der Kompetenzbegriff eher in der reformatorischen Theologie seinen Ursprung hat, während der Performanzbegriff viel eher in der Tradition der katholischen und der orthodoxen Kirche zu suchen ist. Dies erklärt auch den häufig zu beobachteten professionellen Umgang mit theologischer Kompetenz auf protestantischer Seite, demgegenüber liturgische Performanz bei evangelischen Geistlichen häufig als dilettantisch wahrgenommen wird.

6 Erika Fischer-Lichte, Performativität, Bielefeld 2012, 127.

7 Vgl. Ursula Roth, Die Bestattungsansprache aus performanztheoretischer Perspektive, in: Karl-Heinz Fix/Ursula Roth (Hg.), Lebensvergewisserungen, Gütersloh 2014, 59f.

8 Diesen Hinweis verdanke ich Pfarrer Ulrich Conrad.

9 Vgl. dazu den mittlerweile klassischen Aufsatz von Wilhelm Gräb, Rechtfertigung von Lebensgeschichten, PTh 76 (1987), Wiederabdruck in: Pastoraltheologie 100. Jg., 438-456, Göttingen 2011.

10 Zum Begriff der Beheimatung vgl. Henning von Vieregge, Kirche als Heimatakteur, in: DPfBl 10/2019.

11 Ulrike Wagner-Rau, Geistliche Fundierung als integrierende Mitte des Pfarrberufs? in: Der Pfarrberuf. Profil und Zukunft, hg. v. Regina Sommer, Lutz Friedrichs, Berufsziel Pfarrer*in – Aufgaben und Perspektiven für die theologische Ausbildung und Nachwuchsgewinnung, 32.

12 A.a.O.

13 Vgl. hierzu Judith Winkelmann, „Weil wir nicht vollkommen sein müssen“. Zum Umgang mit Belastungen im Pfarrberuf, Stuttgart 2019, 345.

14 Winkelmann, a.a.O.

15 Darauf hat Ulrich Heckel in einem Aufsatz aufmerksam gemacht: Die Aufgaben der Gemeindeleitung, in: Amt und Ehrenamt, Zeitschrift der Evangelischen Sammlung in Württemberg, Juni 2019, 14.

16 Michael Klessmann, Das Pfarramt, Neukirchen-Vluyn 2012, 181.

17 Marcell Saß, Gut geschult auf die Kanzel?! Vortrag vor der Konferenz der Predigerseminare, Wuppertal 2019.

18 A.a.O.

19 Bernhard Dressler (Hg.), Innenansichten, Leipzig 2017, 164, zit. bei: Regina Sommer/Lutz Friedrichs, Berufsziel Pfarrer*in – Aufgaben und Perspektiven für die theologische Ausbildung und Nachwuchsgewinnung, in: Der Pfarrberuf. Profil und Zukunft, a.a.O., 81,1.

20 Vgl. hierzu Kay-Ulrich Bronk, Die besorgten Optimierer, in: Zeitzeichen 11/2019, 23ff.

21 Regina Sommer/Lutz Friedrichs, a.a.O., 81,1.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Karl Hardecker, Jahrgang 1956, von 1991 bis 2018 Gemeindepfarrer in Stuttgart-Dürrlewang und Stuttgart-Botnang, 2005 Promotion bei A. Grözinger mit einer Arbeit über fundamentalliturgische Fragen, 2013-2019 Mitglied der 15. Landessynode der Württ. Landeskirche, seit 2018 Direktor des Pfarrseminars in Stuttgart-Birkach.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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