Im Jahr 2018 haben Jens Böhm und Peter Scherle in allen Propsteien der EKHN einen Vortrag gehalten und mit über 500 Pfarrer*innen diskutiert. Ausgehend von den Herausforderungen, die für den Pfarrdienst im Spannungsfeld von Amt – Person – Beruf bestehen, wird die Ordination als stärkende Orientierung in Erinnerung gerufen. Die Ordinierten, die in ein Dienstverhältnis übernommen werden und vielfältige Dienstaufträge wahrnehmen, sind berufen, gesegnet und gesendet. Damit sind aber auch die Maßstäbe des Pfarrdienstes gesetzt bzw. werden neu ausgerichtet. Ziel ist es, den Pfarrdienst attraktiv zu erhalten und auf Dauer lebenswert zu machen.

 

Pfarrer*innen sind beauftragt zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, zum „publice docere“. Sie haben auf diese Weise Teil am Auftrag der Kirche, Jesus Christus in Wort und Tat zu bezeugen. Dieser Auftrag der Kirche lässt sich – nach heutigem Kenntnisstand – mit dem NT als „diakonia“ (verstanden als „Dazwischengehen“) interpretieren, als „Dienst“, in dem die Verkündigung der Kirche und das diakonische Handeln untrennbar verbunden sind. Die Wahrnehmung des kirchlichen Auftrags orientiert sich dabei am „diakonos Christos“, der das Reich Gottes ankündigte, Kranke heilte, von Besessenheiten befreite und sich mit Ausgegrenzten an den Tisch setzte. Dementsprechend soll Kirche „diakonia“ üben, d.h. in Wort und Tat dazwischen gehen, wo die gegenwärtige Lebenswirklichkeit gegenüber der frohen Botschaft verschlossen bleibt, wo die Verhältnisse heillos und die Menschen besessen sind und wo den Ausgegrenzten die Teilhabe verweigert wird.

Vom Auftrag der Kirche ist das Amt der Getauften zu unterscheiden, die in und mit ihrem Leben, wie es im Vaterunser anklingt, „den Namen Gottes heiligen“ sollen. Christliches Leben wurzelt in diesem Gebet, das in das Gotteslob mündet. In diesem Sinn lässt sich von dem „Lobe-Amt“ aller Christenmenschen reden. Sie sollen dem Gotteslob in der Welt Raum geben, in dem alles Klagen, Bitten und Danken der Menschen und der Kreatur seinen Grund und sein Ziel haben. In diesem einen Amt, dem Gotteslob mitten in der Welt, sind die verschiedenen Ämter der Kirche begründet: Sie ermöglichen und verantworten das andauernde und durchdringende Gotteslob; sie sichern die Bedingungen für das andauernde Gotteslob; und sie versuchen die heilsame Dimension des Gotteslobes in immer neuen Formen exemplarisch deutlich zu machen. Dies hat auch Folgen für die amtstheologischen Überlegungen, die im Schlussteil dieses Textes entfaltet werden.

Pfarramt und allgemeines Priestertum

Das Pfarramt mit seinem Auftrag zur öffentlichen Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung ist in diesem Sinn auf das „allgemeine Priestertum“ bezogen, dem das Lobe-Amt zukommt. Predigt, Taufe und Abendmahl kommen vom Gebet her und münden in das Gebet. Das „publice docere“ dient dem andauernden und durchdringenden Gotteslob und verweist auf dessen Heilsamkeit. Und der Pfarrdienst ist getragen vom Gebet aller Christenmenschen.

Durch die Ordination – d.h. berufen, gesegnet und gesendet – und mit dem Dienstverhältnis wird dieser Pfarrdienst begründet. Die Vielfalt des Pfarrdienstes zeigt sich heute in unterschiedlichen Dienstaufträgen. Jede Vergewisserung im Pfarrdienst kann und soll sich jedoch auf diesen Ausgangspunkt beziehen. Solche Vergewisserung ist immer wieder notwendig, da die Kirche und der Pfarrdienst gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen sind. Kirchenreformen, die darauf reagieren, beeinflussen deshalb auch immer die Rahmenbedingungen des Pfarrdienstes. Ihr Ziel muss es sein, den Dienst „gut, gerne und wohlbehalten“ (so eine Formulierung aus dem Pfarrbildprozess der ELKB) tun zu können. Dieses Ziel kann aber nur erreicht werden, wenn eine Verständigung über diese Rahmenbedingungen stattfindet.

Der vorliegende Text will Pfarrer*innen eine Vergewisserung in ihrem Dienst eröffnen, die inmitten aller Veränderungen hilft, die Ordination als stärkende Orientierung zu verstehen. Die Veränderungen der Rahmenbedingungen des Pfarrdienstes werden anschließend in den Blick genommen. Das meint schon geschehene Veränderungen ebenso wie jene, die gerade umgesetzt werden sollen. Auch mögliche mittelfristige Änderungen in den Rahmenbedingungen sollen zur Diskussion gestellt werden.

Weil es also nicht um ein zeitloses Wesen des Pfarramts oder ein berufliches Leitbild geht, sondern um möglichst gute Bedingungen zur Ausübung des Dienstes, beginnen wir mit einer kurzen Skizze der gesellschaftlichen Veränderungen, die unsere Vergewisserung erforderlich macht. Um diese Skizze richtig einzuordnen ist daran zu erinnern, dass die Entwicklung der Kirche und des Pfarrdienstes Teil der gesellschaftlichen Transformationen sind, die wir am Beginn des 21. Jh. erleben. Technologische (Internet-Medien, künstliche Intelligenz usw.) und kulturelle Prozesse (Pluralisierung, Individualisierung usw.) tragen zu einer „Verflüssigung“ (Zygmunt Bauman) gesellschaftlicher Institutionen bei. Im heutigen „Raum der Ströme“ (Manuel Castells) von Waren, Dienstleistungen, Geld, Verkehr und Menschen wird neu erkennbar, wie sich aus einfachen Netzwerken komplexe soziale Institutionen formen. Eine elementare Unsicherheit kennzeichnet daher die gegenwärtigen Sozialverhältnisse, auch weil darum gerungen wird, ob die (Welt-)Gesellschaft durch weitere Öffnung für die genannten Dynamiken oder durch identitäre Schließungen zu gestalten ist.

Die Unsicherheiten über den Weg der Kirche und die institutionelle Gestalt des Pfarrdienstes sind also keineswegs Zeichen einer besonderen „Krise“ der Kirche, sondern Ausdruck allgemeiner Transformationsprozesse. So müssen sich auch Menschen in anderen Berufen (z.B. Journalist*innen, Ärzt*innen usw.) und in institutionellen Kontexten neu orientieren.

 

1 Die Herausforderung: Bedeutungsverlust und gewachsene Arbeitslast

Es gehört zur Wirklichkeit des Pfarrdienstes, dass es eine große Zufriedenheit mit diesem Dienst und auch den wesentlichen Rahmenbedingungen gibt. Dazu trägt bei, dass es eine Tätigkeit ist, die vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bietet und ein hohes Maß an direkter Anerkennung beinhaltet. Gleichzeitig wissen oder ahnen alle Beteiligten, dass sich die institutionelle Gestalt des Pfarrdienstes (als Amt und Beruf) nicht den gesellschaftlichen Transformationen entziehen kann.

Zu den Herausforderungen der Kirche und ihrer Verantwortlichen gehört es, eine durchaus schmerzliche Wirklichkeit anzuerkennen: Die Kirchen verlieren einerseits seit 1968 nicht nur beständig Mitglieder, sondern auch an gesellschaftlicher Bedeutung. Andererseits sind die Einnahmen der Kirchen (durch die Koppelung an den gesellschaftlichen Reichtum mittels Kirchensteuer) seitdem beständig gewachsen. Dadurch wurden immer neue Arbeitsfelder begründet, Stellen geschaffen und es wurde in großem Umfang gebaut. Dazu kommt noch eine Ausweitung kirchlicher und diakonischer Arbeit durch das Prinzip der Subsidiarität, die allerdings dazu beiträgt, den Bedeutungsverlust des Christentums zu verkennen.

Das Dilemma für die Entwicklung der Kirchen besteht darin, dass der perspektivisch notwendige (und schon länger erkannte) Rückbau von Arbeitsfeldern, Stellen und Gebäuden als Verlust erfahren wird. Deshalb arbeiten viele bis zur Erschöpfung daran, diesen Rückbau zu verhindern – zumindest was die jeweils eigenen Arbeitsfelder, Stellen und Gebäude angeht. Gefördert wurde diese Stimmung noch durch die Behauptung, Kirche könne gegen den Trend wachsen, wenn sich die Beteiligten nur mehr anstrengen und größere Begeisterung an den Tag legen würden.

Der Pfarrdienst ist in diese Prozesse und Herausforderungen eingebettet. Zum einen hat sich die Zahl der Pfarrstellen seit 1968 etwa verdoppelt und es wurden vielfältige funktionale Pfarrdienste etabliert, zuletzt noch die Profilstellen von Ordinierten in den Dekanaten. Da sich die Arbeitsfelder aber vervielfältigt haben und die gewachsene gesellschaftliche Komplexität zudem zur Steigerung von Verwaltungsaufgaben geführt hat, hat die Arbeitslast nicht abgenommen. Wichtiger noch: die Ansprüche an Pfarrer*innen sind im Blick auf ihre genuinen Aufgaben in (Kasual-) Gottesdiensten, Seelsorge, Religionspädagogik und Leitung gestiegen. Diese Ansprüche bleiben in dem inzwischen begonnenen Prozess des Stellenabbaus in der EKHN erhalten. Und da der Stellenabbau auch andere Berufsgruppen betrifft, werden Pfarrer*innen als – oft einzige – Hauptamtliche auch noch mit vielfältigen berufsfremden Ansprüchen belastet. Zum anderen haben Pfarrer*innen mit einem tiefgreifenden Wandel des Pfarrdienstes in dieser Situation zu kämpfen, der verschiedene Facetten hat.

1.1 Die Krise des Amtes als gesellschaftliche Form des Pfarrdienstes

Dem Pfarramt sind – im Verlauf der letzten 100 Jahre – seine obrigkeitlichen Aufgaben (z.B. geistliche Schulaufsicht, standesamtliche Aufgaben, soziale Sanktionierungsmöglichkeiten, sozial wirksamer Pfarrzwang usw.) verloren gegangen. Dieser Verlust wird ambivalent erlebt: Zum einen befreit der Abschied von der gesellschaftlichen Kontrollfunktion das Pfarramt, zum anderen gehen damit auch Gestaltungsoptionen verloren. Der gleichzeitige Gewinn an sozialer Nähe führt nun zu der paradoxen Situation, dass Pfarrer*innen in der alltäglichen Begegnung in der Nachbarschaft einerseits stark in Anspruch genommen werden, dass sie durch ihr Amt andererseits aber wenig ausrichten können. Die größere Freiheit in der Gestaltung des Pfarrdienstes und die schwindende Bedeutung der öffentlichen Person (Pfarrer*in als Repräsentant*in der institutionalisierten Religion) sind ebenso zwei Seiten derselben Medaille.

Auch die sozial-fürsorgliche Funktion, die dem Pfarramt einmal zukam, ist im modernen Wohlfahrtsstaat ersetzbar geworden. Diese pastorale Funktion wird heute durch institutionelle Arrangements und von Professionellen wahrgenommen, zu denen auch diakonische und kirchliche Einrichtungen gehören. Werden aber Pfarrer*innen in ihrem Amt seelsorglich-diakonisch angefragt, weil die sozialen Netze einzelne Menschen nicht mehr halten, ist die geforderte hohe Professionalität im pfarramtlichen Alltag nur schwer zu erbringen. Damit stehen Pfarrer*innen auch in Konkurrenz zu anderen Berufen, wie z.B. Psychotherapeut*innen oder (Religions-)Pädagog*innen.

Im Pfarramt ist auch eine lehramtliche Autorität verloren gegangen, da sich Menschen heute ihre Lebensausrichtung nicht mehr vorschreiben lassen und das höhere Bildungsniveau selbstbewusste eigene Lebensdeutungen ermöglicht. Auch dies wird ambivalent erlebt: Zum einen können Menschen zu Recht nicht mehr autoritär bevormundet werden, zum anderen löst sich der notwendige Streit um die Wahrheit (d.h. auch das Ringen um die Lehre der Kirche) in zunehmend abgeschotteten Meinungsblasen auf. Gleichzeitig ist bei denen, die das „publice docere“ verantworten, das Zutrauen in die wirklichkeitserschließende Kraft der Theologie in im Pfarrdienst geschwunden, wie etwa eine Studie zur Berufszufriedenheit gezeigt hat. Auch hier ergibt sich eine paradoxe Lage: Die Deutungsangebote müssten eigentlich anspruchsvoller sein, sie finden aber zunehmend schwerer Resonanz.

1.2 Vom Amt zur Person – Wie sich der Druck nach innen verlagert hat

Das langsame Schwinden der amtlichen Funktionen des Pfarrdienstes hat in der Praxis und der pastoraltheologischen Reflexion seit den 1960er Jahren zu der Überzeugung geführt, nicht mehr das Amt trage die Person, sondern die Person trage das Amt. Für eine gewisse Zeit erwies sich das emanzipatorische Versprechen dieser Vorstellung als tragfähig und wurde zu einer Art Leitbild. Seit jedoch die emanzipatorische Vorstellung der Einbeziehung des ganzen Menschen in die berufliche Welt nicht mehr aus der selbst bestimmten Entscheidung der Einzelnen begründet wird, sondern zu einer beruflichen Anforderung geworden ist, sieht sich die Person in Arbeitszusammenhängen einer ganz neuen Art von Druck ausgesetzt. Wenn nicht mehr nur die berufliche Qualifikation (das „Wissen“) und die Zuständigkeit (so das klassische Verständnis von „Kompetenz“), sondern die ganze Person mit all ihren Ressourcen (so das neuere Verständnis von „Kompetenz“) einbezogen wird, wird berufliches Handeln entgrenzt. In der Vorstellung der Person als „Ich-AG“, die ganz allein für ihr Management verantwortlich ist, ist diese Veränderung greifbar.

Auf den Pfarrdienst legen sich diese Ansprüche in besonderer Weise, da das Dienstverhältnis von alters her eine Lebensförmigkeit (z.B. Dienstwohnungs- und Residenzpflicht) einfordert, die im Gegenzug durch die Fürsorge der Kirche (z.B. Leben im Pfarrhaus als Teil der Alimentierung) ausgeglichen wird. Der Druck auf die Lebensförmigkeit ist durch die Vorstellung, die Person müsse das Amt tragen, enorm gewachsen. Wer immer authentisch sein will, wer mit all seinen personalen Ressourcen immer zur Verfügung stehen will, muss sich überfordern. Zudem ist das Leben im Pfarrhaus nicht mehr durch eine ständig zur Verfügung stehende Pfarrfrau und den Respekt vor dem Amt geschützt.

Diese Entwicklung ist durchaus erkannt worden. Die vielen Klagen über Erschöpfung sowie die Burnout-Diagnosen unter Pfarrer*innen haben dazu geführt, neue Angebote der Stärkung im Alltag (Sabbat-Tage) oder für einen längeren Rückzug (Respiratio-Häuser) zu entwickeln. Diese Angebote werden gerne wahrgenommen und geschätzt. Sie können allerdings auch das Missverständnis fördern, dass hier die „Resilienz“ und die „geistliche Kompetenz“ gestärkt werden sollen, um so auch noch das letzte aus den Personen herauszuholen.

1.3 Von der Person zum Beruf – und zu einem neuen Pfarrdienst?

Wo dieser neuartige Druck erkannt wird, da beginnen auch andere Arbeitgeber, ihre Mitarbeitenden vor der beruflichen Entgrenzung und dem Zugriff auf die ganze Person schon wieder zu schützen. Begriffe wie „work-life-balance“ klingen zwar immer noch missverständlich, aber sie machen deutlich, dass Mitarbeitende sich heute die Entgrenzung der Arbeit nicht mehr gefallen lassen.

Dieser Einspruch gegen den Zugriff auf die ganze Person und die berufliche Entgrenzung ist auch unter Pfarrer*innen immer deutlicher zu vernehmen. Junge (und zunehmend auch ältere) Kolleg*innen – eben weil sie die Erschöpfung im Pfarrdienst schon vor Augen haben – wollen sich und ihre Arbeit abgrenzen können, wenn nötig auch durch klare Arbeitszeiten. Sie wollen sich mit ihren Familien zurückziehen und Freundschaften pflegen können. Sie wollen ihre Arbeit gut tun, aber nicht für alles in der Kirchengemeinde zuständig sein. Und sie wollen, dass die Ehrenamtlichen selbst an ihrer Gemeinde bauen.

Diese Ansprüche, die auf eine stärkere Berufsförmigkeit des Pfarrdienstes zielen, sind nachvollziehbar und berechtigt. Aber sie sind noch nicht abgeglichen mit den Chancen der Lebensförmigkeit. Und sie sind kaum verbunden mit den Herausforderungen, die dem Amt und seiner Aufgabe des „publice docere“ gestellt sind. Die nötigen Veränderungen an der Struktur des Pfarrdienstes müssen aber im Dreieck von Amt – Person – Beruf gestaltet werden, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Wir müssen miteinander klären, warum es den Beruf braucht, wo das Amt noch (und wieder?) trägt und was die Person leisten können muss.

Dazu erscheint es uns aber notwendig, zunächst eine Vergewisserung in dem Zusammenhang zu suchen, der den Pfarrdienst in der Kirche begründet: die Ordination mit dem Dienstverhältnis bzw. dem Dienstauftrag. Hier sind jene geistlichen Gründe und theologischen Orientierungen verankert, vor denen sich unsere Vorschläge ausweisen müssen.

 

2 Vergewisserung: Ordination und Dienstverhältnis/Dienstauftrag

Als Ordinierte sind Pfarrer*innen auf eine bestimmte Art in Dienst genommen. Das gottesdienstliche Geschehen setzt das in Szene, indem die innere Berufung durch die äußere Berufung („vocatio“) durch Pröpst*innen unter Mitwirkung der versammelten Gemeinde bestätigt wird, indem unter Handauflegung gesegnet wird („benedictio“) und indem die Sendung in den Pfarrdienst („missio“) ausgesprochen und sofort (durch die Predigt) begonnen wird. Der Dienst hat keinen anderen Maßstab als eben dies: berufen, gesegnet und gesendet an die Arbeit gehen.

2.1 Berufen und in Dienst genommen

Im Ordinationsvorhalt wird die Berufung so beschrieben, dass dies für den gesamten Weg im Pfarrdienst Orientierung und Stärkung bedeuten kann:

Aus diesen Worten der Heiligen Schrift hören wir, welchen Auftrag und welche Verheißung Gott seiner Kirche gegeben hat. Aufgrund der Taufe sind alle Christinnen und Christen zum Zeugnis und Dienst in der Welt verpflichtet. Der Erfüllung dieses Auftrags dienen alle Ämter der Kirche.

Die Kirche ist dafür verantwortlich, dass Menschen, die dazu willig und vorbereitet sind, das Evangelium öffentlich verkündigen. Dabei steht unsere Evangelische Kirche in Hessen und Nassau in der Gemeinschaft der weltweiten Christenheit.

Du wirst nun berufen, zu predigen, zu taufen und die Feier des Abendmahls zu leiten. In Gottesdienst, Seelsorge und Lehre sollst du am Aufbau der Gemeinde mitwirken, sie zur Einheit unter Jesus Christus rufen und zum Dienst in der Welt ermutigen.

Das Zeugnis der Heiligen Schrift ist Quelle und Richtschnur dieses Auftrags.

Das Bekenntnis der Kirche und das Gespräch mit den Schwestern und Brüdern werden dich im gemeinsamen Glauben stärken und dir helfen, das Wort Gottes heute recht zu verkündigen. Bei deinem Dienst stehst du in der Gemeinschaft aller Mitarbeitenden und wirst begleitet von der Fürbitte der Gemeinde. Unsere Kirche verpflichtet sich, dir beizustehen.

Achte die Ordnung unserer Kirche, wahre das Beichtgeheimnis und die seelsorgerliche Schweigepflicht und verhalte dich so, dass dein Zeugnis nicht unglaubwürdig wird.

In all deinem Dienst, auch wenn dich Zweifel anfechten und Enttäuschungen belasten, wenn dir Verzicht und ­Leiden auferlegt werden, gilt dir die Zusage unseres Herrn Jesus Christus. Er steht zu seinem Wort und verlässt die Seinen nicht.“

Die Ordinierten können mit diesen Worten gewiss sein, dass ihr Dienst von der Kirche gewollt ist und dass die Kirche sie in der Zuversicht berufen hat, dass diese Berufung ebenso dem Wort Gottes entspricht, wie es in den Berufungsgeschichten der Bibel anklingt. Keiner kann sich selbst berufen. Wo aber Einzelne berufen und in Dienst genommen werden, da wird auch gezögert und gezweifelt. Deshalb brauchen die Berufenen den Beistand und den Glauben der Kirche, sie brauchen das Gespräch mit (Amts-)Schwestern und Brüdern, die Gemeinschaft aller Mitarbeitenden und die Fürbitte der Gemeinde. All dies wurde ihnen in der Ordination versprochen und die Kirche muss immer wieder überprüfen, ob das auch gewährleistet ist. Denn die Zusage, dass diese Berufung auf dem Wort Gottes beruht, braucht immer wieder eine äußere Vergewisserung.

2.2 Gesegnet für den Dienst

Nicht ohne Grund wird das Erbitten des göttlichen Segens unter Handauflegung als liturgischer Höhepunkt der Ordination erlebt. Hier verdichtet sich jenes epikletische Ereignis, in dem ein Mensch sich von Gott in Anspruch nehmen lässt, um das Unmögliche zu wagen: öffentlich Gottes Wort zu verkündigen. Die Segnung unter Handauflegung ist signifikant, einschneidend, da sie zum Ausdruck bringt, dass dieser Dienst von Gott gewissermaßen hand-signiert ist. Hier hat sich keiner selbst berufen, sondern ist im Namen des dreieinigen Gottes durch die Kirche berufen und gesendet worden. Eben das sichert das allgemeine Priestertum vor der Selbstermächtigung Einzelner, ohne dass es einen Klerikerstand begründet.

Die ganze Ordinationshandlung ist dabei liturgisch als Epiklese zu verstehen. Die Anrufung des Heiligen Geistes im Lied (klassisch: „Komm Heiliger Geist“) und im Gebet der Gemeinde trägt die Handlung. Im Ordinationsgebet, das zur Handauflegung gehört, konkretisiert sich die Epiklese noch durch die Bitte um jene geistlichen Gaben, die zur Ausführung des Amtes gebraucht werden. Hier wird sichtbar, in welches Amt genau die Einführung erfolgt.

In den gegenwärtigen Ordinationsliturgien, wie sie etwa in der neuen Agende der VELKD und der UEK ausgeführt werden, zeigt sich dabei ein Problem des Ordinationsgebets. Das Gebet bittet nicht deutlich um die Gabe der Leitung, obwohl doch Pfarrer*innen in der Regel mit ihrer Ordination „geborene Mitglieder“ des Kirchenvorstands werden. In der EKHN ist zudem der Ordinationsvorhalt (Art. 7 Abs. 2 KO), auf den sich die Verpflichtung in der Ordination bezieht, im Blick auf die Leitungsaufgabe nicht klar.

Diese Undeutlichkeit in der Ordinationsliturgie hat eine Entsprechung im Alltag des Pfarrdienstes. Die geschäftsführende Leitung, die sehr viel Aufmerksamkeit und Anstrengung erfordert, ist gar nicht Teil der Verpflichtung und für die Gabe der Leitung wurde nicht gebetet. Vielleicht ist – dem Vorrang der lex orandi entsprechend – hier eine Ordnung in Szene gesetzt, die davon ausgeht, dass Pfarrer*innen nicht an der geschäftsführenden Leitung des Kirchenvorstands teilhaben, weder als Vorsitzende noch als Stellvertretende.

Da zu einer Ordination auch die Reinszenierung der schon vorher erfolgten Begründung des Dienstverhältnisses (durch kirchenleitende Ernennung) bzw. des Dienstauftrags (z.B. durch Wahl des Kirchenvorstands) gehört, muss auch die „Einstellung“ selbst als vom Heiligen Geist geleitete Handlung verstanden werden. Auch wenn dies im Blick auf die Einstellungsverfahren und die Zuweisung von Stellen als Zumutung erlebt werden konnte und kann, so ist es doch im Rückblick wichtig und richtig, die Worte des Apostelkonzils („Der Heilige Geist und wir haben beschlossen …“; Apg. 15,28 – Zürcher Übersetzung) auch in der eigenen Berufung in das Pfarramt nachhallen zu hören.

Die Ordination ist dennoch keine Weihehandlung, in der ein Amtscharisma verliehen wird, das der Person unverlierbar anhaftet („character indelebilis“). Ebenso gibt es keine Weihestufen in der evangelischen Kirche, die eine Unterscheidung der Pfarrämter begründen könnten. Alle Leitungsämter für Ordinierte sind Pfarrämter. Deshalb unterscheiden sich deren gottesdienstliche Einführungen liturgisch nicht von der Einführung („installatio“) in andere Pfarrämter.

Mit dem Ordinationsvorhalt und dem Ordinationsversprechen wird auch die Freiheit des Pfarrdienstes markiert, die aus der Verpflichtung auf die Schrift und den Grundartikel der EKHN kommt. Die „öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung“ soll durch Gottesdienst, Bildung, Seelsorge Gestalt gewinnen. Anders gesagt: Pfarrer*innen sollen in allen Lebenszusammenhängen Evangelium entdecken (helfen). Dafür sind sie freigestellt und werden im Rahmen eines Dienstverhältnisses alimentiert. Diese Freiheit und Unabhängigkeit des Pfarrdienstes ist unbedingt zu schützen.

Wer gesegnet in den Pfarrdienst geht, darf darauf vertrauen, dass Gott etwas mit dem anfangen will und kann, was in diesem Dienst versucht wird. Die Verheißung, dass sich in, mit und unter der alltäglichen Arbeit Segen entfaltet, kann den eigenen Gestaltungswillen stärken. Sich der Segensverheißung anzuvertrauen kann zugleich vor jener Überheblichkeit schützen, die sich einmal an sich selbst begeistert und ein anderes Mal in depressiv verstimmte Erschöpfung führt. Der Segen der Ordination setzt uns einerseits Grenzen und öffnet andererseits jenen weiten Raum, in dem Gott uns entgegenkommt.

2.3 Gesendet in die verschiedenen Pfarrdienste

Der Pfarrdienst kann nur im Zusammenspiel von Ordination und der Begründung eines Dienstverhältnisses mit der Kirche, die auch einen Dienstauftrag erteilt, aufgenommen werden. Der allgemeine Dienstauftrag, die öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung, wird dadurch in Szene gesetzt, dass die Ordinierten in der EKHN sofort nach der Ordination das tun, wozu sie gesendet sind: sie predigen.

In der EKHN hat sich auf Grund der Praxis der Einzelordination in der ersten Gemeinde im Probedienst das Missverständnis verbreitet, es gäbe eine Ordination „in die“ Gemeinde. Das ist aber nicht der Fall. Die Ordination findet zwar „in der“ Kirchengemeinde statt, sie wird aber im Auftrag der Gesamtkirche von den Pröpst*­innen durchgeführt, weil sie für die Gesamtkirche gilt und einen ökumenischen Horizont hat. Die Ordinierten tragen Verantwortung für die Einheit der Kirche. Die Kirchen der GEKE erkennen die Ordination gegenseitig an.

In allen Pfarrdiensten ist das der gemeinsame Kern: Pfarrer*innen sollen in den jeweiligen gesellschaftlichen Öffentlichkeiten ihren Dienst des „publice docere“ wahrnehmen. Weil dies eine hoch anspruchsvolle Tätigkeit ist, brauchen sie nicht nur eine wissenschaftlich-theologische Ausbildung, sondern müssen im Pfarrdienst auch beständig theologisch weiterarbeiten können. Die Kraft des Wortes ergibt sich nicht von selbst, sondern es braucht den Umgang mit dem Wort und ein Verständnis für die heutigen Wort- und Bildwelten.

In unserer hoch differenzierten Gesellschaft braucht nicht nur die Kirche, sondern auch der Pfarrdienst eine innere Ausdifferenzierung. Die einzelnen Pfarrdienste unterscheiden sich im Blick auf ihren konkreten Dienstauftrag, ihre Sendung („missio“). Durch die Einführung von geteilten Stellen und die Vielfalt der Funktionspfarrstellen ist es inzwischen allerdings schwer, die Einheit des Pfarrdienstes zu erkennen. Das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ist vielfach vorhanden. Und in der Tat unterscheiden sich der Pfarrdienst mit Dienstwohnungspflicht in der Kirchengemeinde von einer Schul-, Seelsorge-, Profil- oder Referentenstelle mit festeren Arbeitszeiten und ohne Dienstwohnungspflicht erheblich. Es wird deshalb eine Aufgabe der nächsten Jahre sein, die Fragen nach der Vergleichbarkeit und Gerechtigkeit im Pfarrdienst offen zu diskutieren und evtl. auch neue Lösungen anzubieten.

Durch das Dienstverhältnis sind Pfarrer*innen auf Lebenszeit auf die Ordnungen der EKHN verpflichtet. Der Dienst findet in einem bestimmten Rahmen statt, der wiederum diesen Dienst ermöglichen soll. An dieser Bedingung müssen sich alle Veränderungen der Rahmenbedingungen messen lassen. Dies ist nicht immer in ausreichendem Maße beachtet worden, wie sich am Beispiel des Pfarrhauses und der damit verbundenen Kosten zeigen ließe. Weil eine Pflicht zur Dienstwohnung nicht mehr mit einer weitest gehenden Übernahme der Kosten für diese Dienstwohnung verbunden ist, wird das Verhältnis von Lebens- und Berufsförmigkeit als nicht mehr stimmig erlebt.

Die geschichtliche Entwicklung und die Herausforderungen der Gegenwart zeigen, dass der Pfarrdienst sich verändern muss. Dem stehen keine theologischen Gründe entgegen. Vielmehr drängen diese auf eine Gestalt des Pfarrdienstes, in dem der Segen, der auf dem Pfarrdienst liegt, sich in, mit und unter den Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche entfalten kann. Jede Veränderung in der Struktur des Dienstverhältnisses und die Ausgestaltung der vielfältigen Dienstaufträge muss wiederum diesem Zweck dienen.

 

(Teil II folgt im nächsten Heft)

 

Über die Autorin / den Autor:

OKR Jens Böhm, Jahrgang 1962, Pfarrer der EKHN, von 2009-2014 Leiter des Referates Personalförderung und Hochschulwesen und seit 2014 Personaldezernent der EKHN.

 

Prof. Dr. Peter Scherle, Jahrgang 1956, Pfarrer der EKHN, seit 2000 Professor für Kirchentheorie und Kybernetik und seit 2002 Direktor des Theol. Seminars der EKHN in Herborn.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 2/2020

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