Transidentität ist eine neue Herausforderung für die theologische Ethik, für die Seelsorge wie für die kirchliche Praxis. In vielen Fällen steht eine intensive Beschäftigung damit noch aus. Erleichtert werden kann diese durch den offenen Umgang mit dem Phänomen der Transidentität in der Bibel. Dort ist geschlechtliche Uneindeutigkeit zwar ein marginales, aber kein unbekanntes Phänomen, wie Klaus-Peter Lüdke in seiner Relektüre der Bibel dazu zeigt.

 

1. Josefs Traum und Alptraum

Mit beidem ist Josef vertraut, den wir bislang meist als den Träumer im bunten Rock in der Sonntagsschule, Kinderkirche oder dem Religionsunterricht kennengelernt haben oder hoch literarisch in Thomas Manns vier Bänden „Josef und seine Brüder“.

Josefs prophetische Träume und Traumdeutungen sind eine seiner Gottesgaben, an denen Josefs Geschwister keinen Gefallen finden: Sollten sie sich wie die Garben vor der Garbe Josefs verneigen oder wie Sonne, Mond und elf Sterne vor dem schillernden Stern Josef?1 Doch eine andere Gottesgabe machte ihnen noch mehr zu schaffen. Josef, 17 Jahre alt, erlebte sich nicht als Junge, sondern als Mädchen. Und dies so klar und eindrücklich, dass sein Vater Jakob, der Stammvater Israels nicht anders konnte, als sein Kind als Mädchen zu akzeptieren. Hier liegen Traum und Alptraum nahe beieinander: Josef, das damals noch jüngste Kind Jakobs2, wird von seinem Vater geliebt, aber von seinen Brüdern gemobbt.

 

2. Die Liebe der Eltern für ihr transidentes Kind

Ausdruck findet die Liebe des Vaters für sein „Kind des Alters“ im Kleid, das Jakob für sein Kind eigens anfertigt. Jakob war selbst nicht rollenkonform groß geworden. Er hatte sich in dem, was er als junger Mensch tat und lernte, mehr an seiner Mutter orientiert. Dazu gehörte neben dem Kochen wohl auch das Weben und Nähen. Das war in einer patriarchalen Welt ungewöhnlich. Beim „bunten Rock“ in der Lutherbibel denken viele Predigende und Unterrichtende an farbenfrohe, orientalische Kleidung. Doch im hebräischen Urtext trägt Josef ein Ketonät Passim (Gen. 37,3.23.32), ein Ärmelkleid. In 2. Sam. 13,18f wird das Ketonät Passim näher beschrieben. Dort heißt es: „solche Kleider trugen des Königs Töchter“. Es ist ein Prinzessinnenkleid. Leider wollten das Generationen von Übersetzern für Josef nicht wahrhaben, auch wenn sie das Gewand einer jungfräulichen Prinzessin als solches erkannt hatten3.

Josefs Mutter Rahel lebt in Josefs Traum, in dem sie sich vor ihrem Kind verneigt. Ihr erzählter Tod in Gen. 35 muss der eigenständigen Josefs-Erzählung ab Gen. 37 nicht vorausgehen. Rahels Ehrerbietung Josefs ist in biblischer Tradition gepaart mit Trauer: Rahel weint um ihre Kinder (Jer. 31,15), sie weint um ihre vergewaltigte Tochter Dina, weint über den Hass seiner Brüder über Josef, weint um ihr scheinbar umgekommenes Kind ­Josef, vielleicht aber auch schon zuvor um ihr Bild von ­Josef als Jungen und jungen Mann, von dem sie sich aufgrund dessen weiblicher Transidentität verabschieden musste.

 

3. Josef ist transident – was ist Transidentität?

Ein Junge, der mit 17 Jahren Prinzessinnenkleider anzieht und feminin wirkt4, ein Vater, der das aktiv unterstützt, da geht es nicht mehr um die Klamottenkiste im Kindergarten für das gelegentliche Rollenspiel. Da geht es um die außergewöhnliche Identität des Kindes, die sein Vater und seine Mutter anerkennen. Jakob fertigt das Prinzessinnenkleid für seine *Tochter. Da Rahel im späteren Verlauf der Josefsgeschichte gestorben ist, gründet das Traumbild ihrer gemeinsamen Verneigung mit Jakob vor ihrem Kind möglicherweise in ihrer Anerkenntnis der Transidentität ihres Kindes, die sie gemeinsam vom Schöpfer demütig annehmen.

Die Bibel fasst Transidentität in der Wendung „Eunuchen von Geburt an (aus dem Schoß der Mutter so geborene Eunuchen)“ oder kurz „Eunuchen“ (Mt. 19,12; Jes. 56,4ff). Sie beschreibt ein uneindeutiges Geschlecht, das ein Hindernis für eine heteronormative Ehe sein kann. Gemeint sind in einer großen Bandbreite5 intergeschlechtliche und transidente Menschen, die von Geburt an ein uneindeutiges Geschlecht haben oder sich mit einem anderen als dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht erleben und diese andere Geschlechterrolle auch ausfüllen. Darüber hinaus wird Transidentität im Ersten Testament bei Josef ohne konkrete Wendung als ein Leben im „anderen“ Geschlecht beschrieben. Rahels und Jakobs angeblicher „Sohn“ Josef erlebt sich selbst als Mädchen und junge Frau und füllt diese Rolle im Kleid einer jungfräulichen Königstochter aus. Jakob unterstützt Josef als *Tochter, in dem er *ihr dieses Prinzessinnenkleid anfertigt. Sprachlich bleibt die Erzählung aber bis Gen. 49,22 ausschließlich bei der Bezeichnung Josefs als Sohn. Im Segen (Gen. 49,22ff) spricht Jakob ihm sowohl weibliche als auch männliche Attribute zu (s.u.).

Transidentität wird heute als das Selbsterleben einer Geschlechtsidentität, die vom zugewiesenen Geburtsgeschlecht abweicht, beschrieben6. Doch nicht nur die Geschlechtsidentität weicht von den äußeren Geschlechtsmerkmalen ab. Auch das Gehirn zeigt häufig und auch „von Geburt an“ die Struktur und Ausprägung des empfundenen Geschlechts jenseits (trans) der äußeren Geschlechtsmerkmale7.

Transidentität wird oft schon im Kleinkindalter erlebt8. Mit Anbruch der Pubertät, wenn sich der Körper in eine als falsch empfundene Richtung entwickelt, kann sich der Leidensdruck transidenter Kinder und Jugendlicher besorgniserregend steigern, wenn sie nicht in allen Lebensbezügen, auch in der sozialen Rolle, ihres empfundenen Geschlechts leben. Eine hormonelle und gegebenenfalls auch chirurgische Angleichung des Körpers an das empfundene Geschlecht ist ein standardisierter, therapeutischer Weg aus ausweglos empfundener Not transidenter Jugendlicher und Erwachsener.

 

4. Josefs Ausgrenzungserfahrung

Josef erleidet Mobbing, Gewalterfahrungen, Ablehnung und sexuelle Demütigung durch *ihre Brüder. Die Brüder Josefs kommen mit der Bevorzugung ihrer kleinen, transidenten *Schwester in einer patriarchalen Welt nicht zurecht. Ihre Irritation und die Bevorzugung Josefs gipfelt für sie im Prinzessinnenkleid. Sie werfen Hass auf *sie9, grüßen *sie nicht mehr, demütigen Josef sexuell, zerreißen das Kleid, verkaufen ihre transidente Schwester, löschen ihre Identität aus.

 

5. Josefs weiterer Weg als Frau

Die Kleider Josefs, in Gen. 37 geschlechtsspezifisch weiblich eingeführt, bleiben auch in den weiteren Kapiteln ein leitendes Motiv, auch wenn sie im weiteren Fortgang der Erzählung nicht mehr geschlechtsspezifisch beschrieben werden. Die transidente Frau Josef, die als außerordentlich hübsch beschrieben wird (39,6) entzieht sich den Auszüglichkeiten von Potifars Frau, empfindet sich Josef doch nicht als begehrenswerten Mann. Das bei ihr zurückgelassene Kleid bringt Josef ins Gefängnis, und doch rückt Josef dank Gottes Fügung an die Seite des Pharaos. Dort entledigt *sie sich womöglich auch *ihres Bartes (41,14) und nimmt wie die meisten Transidenten einen neuen Namen an: Zafenat-Paneach (41,45: „Gott spricht und er lebt“10). Von dort aus kann *sie ihre Brüder, ihre Schwester (die unsichtbar in den Hintergrund der Erzählung rückt) und *ihren Vater schließlich vor dem Hungertod retten.

Doch Transidentität schützt nicht vor Schwangerschaft. Der Pharao bestimmt die Priestertochter Asenat zu Josefs Frau (ebd.). Sie bekommen zwei Kinder, Manasse und Ephraim (41,51f). Und wie schon beim Urgroßvater, Großvater, Vater und jüngeren Bruder, wird wieder der Jüngere bevorzugt gesegnet (48,14).

Am Ende einer langen Geschichte, nach der Versöhnung mit *ihren Brüdern, *ihrer glücklichen Zusammenführung mit *ihrem alten Vater Jakob, segnet dieser seine Kinder und Enkel. Und Jakob, der die Transidentität seines Kindes sein Leben lang mitgetragen und angenommen hatte, spricht Josef in Gen. 49,22ff einen Segen zu, der über weite Strecken klingt, als sei er einer Frau zugesprochen.

Auch hier tun sich manche Übersetzer schwer, weibliches Partizip (sprossend) und weibliche Anteile der Segensformel so wiederzugeben, wie es Martin Buber und Franz Rosenzweig wagen. Sie stellen sich der bildlichen Umschreibung der weiblichen Fruchtbarkeit11, der weiblich-hügeligen Körperlandschaft12 und der Benennung Josefs als eine der Töchter (Benot) Jakobs13:
Sprossender Fruchtstock Josef,
sprossender Fruchtstock am Quell,
Tochtergespross schwingt sich mauerhinan …

Segnungen des Himmels von droben,
Segnungen des Wirbels, der drunten lagert,
Segnungen von Brüsten und Schoß!
Die Segnungen deines Vaters wuchsen
an die Segnungen der ewigen Berge,
an die Lust der Weltzeit-Höhn –
sie mögen sich senken auf Josefs Haupt,
auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern
!“

Die klaren Andeutungen der körperlichen Weiblichkeit Josefs im Segen Jakobs können seinem Wunsch folgen, dass sich Josefs Körper seiner Transidentität angleiche. Möglicherweise hat Josef bereits auch weibliche Körperanteile, sei es durch eine intergeschlechtliche Variante seiner Transidentität, sei es durch die Veränderung seines Körpers durch den bewussten Einsatz hormonell wirksamer Substanzen, deren Gebrauch beiden Eltern Josefs vertraut war14. Dieses Wissen könnten sie an Josef weitergegeben haben. Jakob hat sich sein Ja zu seiner transidenten *Tochter, bis ans Lebensende bewahrt.

 

6. Jesus, Kind Josefs

Der irdische Stiefvater von Jesus aus Nazareth, Josef, ist nach Josef benannt. Beide Josefs verbindet etwas. Sie sind besondere „Träumer“. Auch Jesu Vater findet sich unfreiwillig in Ägypten wieder. Und Tamar aus der Josefserzählung findet sich wieder im Stammbaum Josefs in Mt. 1. Der Name Josef signalisiert den Bibelkennenden: Achtung, außergewöhnliche Identität! Eine außergewöhnliche Identität hat der von Josef schließlich angenommene Sohn Jesus nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift: Er ist Gottes Sohn15.

In Mt. 19,12 spricht Jesus davon, dass es neben der herkömmlichen Mann-Frau-Zuordnung auch Menschen gebe, die von Geburt an ein außergewöhnliches Geschlecht haben. Jesus benützt hier die griechische Wendung der „Eunuchen von Geburt an“. Das sind Menschen, deren angeborene Eigenschaften eine eindeutige Zuordnung als Mann oder Frau nicht zulassen oder für die herkömmliche Ehe zwischen Frau und Mann hinderlich sind. Dazu zählen intergeschlechtliche Menschen, die gleichzeitig mit weiblichen und männlichen Körpermerkmalen auf die Welt kommen, oder wie Josef transidente Menschen. Menschen, die ihre gleich- oder mehrgeschlechtliche Orientierung als Teil ihrer Identität erleben, entdecken sich ebenfalls unter diesem Bibelwort wieder.

 

7. Schöpfungsvarianten

Jesus lädt dazu ein, diese Schöpfungsvarianten zu fassen und damit diese Menschen anzunehmen. In diesem Zusammenhang zitiert er in Mt. 19,4 Gen. 1,27, wo Gott den ebenbildlichen Menschen männlich und weiblich schuf. Jesus beruft sich bei seinen Ausführungen über die Schöpfungsvarianten von Geschlecht auf die Schöpfungsgeschichte, nach der der Mensch nicht in klar abgegrenzter Bipolarität nur als Mann und Frau geschaffen wurde, sondern analog zum ersten (Tag und Nacht) und vierten (Licht und Finsternis) Schöpfungstag, bezeichnen „männlich und weiblich“ die gesamte Bandbreite des Schöpfungsspektrums an Geschlechtlichkeit16. Gott hat Tag und Nacht, Licht und Finsternis geschaffen, doch es gibt auch Übergänge, die Morgen- und Abenddämmerung, Licht(er) in der Nacht und Finsternis am Tag.

Auch ein Blick auf den zweiten Schöpfungsbericht in Gen. 2 bestätigt diese Auslegung von Jesus. Die ersten und letzten Menschen, die noch vor dem „Sündenfall“ gelebt hatten, waren Adam und Eva. Doch war nicht Eva erst dem Adam entnommen worden, um zur Frau und zu seinem Gegenüber zu werden? Und enthielt nicht der Ur-Adam auch die Eva, ehe der Schöpfer die beiden trennte? So sind zwei Geschlechter in einer Person, Intergeschlechtlichkeit und Transidentität bereits in der Schöpfungsordnung als eine Möglichkeit neben der mehrheitlichen Ausdifferenzierung von Frauen und Männern enthalten.

Menschen jenseits (trans) der mehrheitlichen, bipolaren Zweigeschlechtlichkeit sind für Jesus keine Bedrohung für das gesegnete Miteinander von Frau und Mann; sie sind eine womöglich seltene, aber in den Augen von Jesus auch kostbare Variante der Schöpfung Gottes.

 

8. Transidentität im NT nach Jesus

Der unaufgeregte Zugang von Jesus zu einer geschöpflichen Vielfalt an Geschlechtern wird im NT fortgeführt. Die erste Schilderung einer christlichen Taufe in Apg. 8,26-40 führt diese Jesustradition weiter. Dem Eunuchen (V. 27) aus Äthiopien, stand die Taufe offen17. Dass er ein Eunuch war, ein inter- oder transgeschlechtlicher Mensch, damit konnten viele Bibelübersetzungen nicht umgehen. Häufig haben sie dieses entscheidende Detail der Erzählung verschwiegen. Aber er war es im Urtext offensichtlich. Und er las in der Jesaja-Schriftrolle vom stellvertretenden Leidenden des Gottesknechtes und vom Lamm Gottes. Philippus legt ihm die Jesaja-Schriftrolle ausgehend von Jes. 53,7f aus. Im Fortgang der Jesaja-Schriftrolle erschließt sich die Wichtigkeit der Erwähnung des Eunuchen. In Jes. 56,4f steht die Antwort auf die Frage des Eunuchen: Was hindert’s, dass ich mich taufen lasse (Apg. 8,37)? Gottes Antwort aus dem Jesajabuch setzt den Eunuchen ein wertschätzendes Denkmal. Bislang aus dem Dienst am Tempel ausgeschlossene Eunuchen werden nun den Kindern Israels mehr als gleichgesetzt. Von daher ist das außergewöhnliche Geschlecht kein Hinderungsgrund zur Taufe. Die Aufnahme von Eunuchen in die christliche Gemeinschaft ist von Gottes Geist gewollt. Die erste Schilderung einer christlichen Taufe wurde an einem transidenten oder intergeschlechtlichen Menschen vollzogen, der seine Straße daraufhin fröhlich zog.

Paulus löst in Gal. 3,28 die Geschlechterfrage ebenfalls christologisch auf, wobei er wie Jesus Christus selbst Gen. 1,17 zitiert, in Christus sei die Unterscheidung zwischen „männlich und weiblich“ irrelevant.

 

9. Herausforderung für Kirche und Kirchengemeinden18

Das entschiedene Ja von Jakob und Rahel, Jesaja, Jesus und Philippus unter der Leitung des Heiligen Geistes zu transidenten Menschen und ihrer Transidentität gibt Anstöße für eine biblische Neubesinnung zur Transidentität und eine Linie für den Umgang mit transidenten Menschen vor.

9.1 Bibelrelektüre

Biblische Texte, in denen Transidentität oder Intergeschlechtlichkeit eine Rolle spielen könnten, wurden in der Vergangenheit nicht dahingehend untersucht und ausgelegt, selbst wenn die Hinweise, die darauf hindeuten, erkannt wurden. Eine dahingehende Relektüre der Bibel erscheint wissenschaftlich und geistlich angebracht.

9.2 Information und Annahme statt Ausgrenzung

Transidentität wird bis in die jüngste Zeit von Christen geleugnet und abgelehnt19. Betroffene und deren unterstützende Familien oder Gemeinden werden verurteilt. Dies geschieht jedoch ohne oder gegen eine Auseinandersetzung mit medizinisch- oder neurologisch-wissenschaftlichen Erkenntnissen. Die biblische Bejahung von Transidentität wird dabei außer Acht gelassen. Es stellt sich darum die Frage, ob solch scharfe ethische Urteile ohne eine ernsthaft abwägende Auseinandersetzung mit den Sachverhalten angemessen sind. Zusätzlich sollte eine verurteilende Ausgrenzung Betroffener auf dem Hintergrund christlicher Nächstenliebe hinterfragt werden.

9.3 Transidentität in der Seelsorge20

Seelsorge wird gesucht, wenn transidente Christ*innen und insbesondere deren Angehörige, die mit der Transidentität ihres Familienmitgliedes konfrontiert werden, dieses Phänomen auch geistlich-theologisch einordnen wollen. Angehörige könnten wie Rahel das Bild, das sie von ihrem transidenten Kind oder Verwandten im Herzen trugen, betrauern, selbst wenn sie die Transidentität bereits bejahen. Wer begleitet sie? Große Probleme bereitet aber auch ein möglicher Bruch in der Familie (wie zwischen Josef und ihren Brüdern), zwischen Unterstützern und Gegnern der Betroffenen, genauso im schulischen, beruflichen oder kirchlichen Umfeld.

Jesus Christus geht sehr gelassen mit dem Wissen um ein von Geburt an außergewöhnliches Geschlecht um (Mt. 19,12). Er wirbt darum, diese außergewöhnliche Schöpfungsgabe als solche ernst- und anzunehmen. Christliche Seelsorge steht nicht nur an der Seite der transidenten Menschen, sondern stellt sich mit Christus – aufklärend und informierend – schützend vor sie. Auch wirbt sie auf allen Seiten um Zeit und Geduld, die manche Menschen brauchen, um sich diesem ihnen noch unbekannten Phänomen zu stellen.

9.4 Erwartungen an das Pfarramt oder Gemeindebüro

Noch sind die Hürden für Transidente für eine offizielle Vornamens- und Personenstandsänderung (Geschlecht) sehr hoch. Vor der amtsgerichtlich entschiedenen Namens- und Personenstandsänderung müssen transidente Menschen in allen sozialen Bezügen mit neuem Namen und in der neuen Rolle gelebt haben und dieses dokumentieren. Manche Transidente scheuen diesen Prozess aufgrund der vierstelligen Verfahrenskosten und leben länger in der neuen Identität als rechtlich nötig. Fallen Kasualien oder Pat*innenschaften in diese Zeit, sind transidente Menschen auf die Unterstützung der Pfarrämter angewiesen. Und dazu sind Pfarrämter auch in der Lage: Weder in der Patenbescheinigung, in der Tauf- oder Konfirmationsurkunde ist das Geschlecht aufgeführt. Dazu kann in die kirchliche EDV oder auch ins alte Kirchenbuch der gebräuchliche Vorname eingetragen werden, der von dem zugewiesenen Geburtsgeschlecht abweicht. Er kann dann in der kirchlichen Urkunde als einziger aufgenommen werden.

Der Gebrauch des transidenten Vornamens und Geschlechts vor einer offiziellen Namens- und Personenstandsänderung sollte selbstverständlich sein. Bei Unsicherheit sollte das Gespräch mit den transidenten Gemeindegliedern gesucht werden, wie sie es sich konkret wünschen.

9.5 Gottesdienst

Nicht alle transidenten Menschen wollen im Mittelpunkt der Gemeinde oder eines Gottesdienstes stehen. Die volle Teilhabe an allen kirchlichen Angeboten bis hin zur selbstverständlichen Mitarbeit, wäre ein guter Anfang. Doch neben der individuellen Annahme transidenter Gemeindeglieder ist eine erhöhte Sensibilität im Umgang der bislang noch häufig üblichen geschlechtsspezifischen Aufteilungen in der Liturgie zwischen Frauen und Männer hilfreich. Nützlich wären stattdessen geschlechtsunabhängige Gruppeneinteilungen in der Liturgie, beispielsweise etwa diesseits und jenseits des Kirchenmittelganges, zwischen höheren und tieferen Stimmen oder nach dem Alphabet.

Mehr noch wäre eine Segensfeier anlässlich der rechtlichen Transition oder Transformation eines transidenten Menschen eine wunderschöne Gelegenheit, ihm die voraussetzungslose und unbedingte Liebe Gottes zuzusprechen. Die neugegossene oder umgeschriebene Taufkerze könnte überreicht werden oder eine auf den neuen Namen neu ausgestellte Taufurkunde. Geschähe dies im Gottesdienst, würden die Akzeptanz und das soziale Umfeld dieses vom Schöpfer außergewöhnlich begabten wie herausgeforderten Menschen gestärkt21.

9.6 Kirchliche Jugendarbeit

Wenn Jesus alle Menschen aller Geschlechter liebt, sollte evangelische Jugendarbeit alle Kinder und Jugendlichen willkommen heißen. Sofern den Mitarbeitenden eine besondere Geschlechtsidentität eines ihnen anvertrauten Kindes oder Jugendlichen mitgeteilt wird oder sie darauf stoßen, sollten sie nicht in Panik geraten. Meist setzten sich diese Kinder und Jugendliche ohnehin nur dann der Herausforderung christlicher Jugendarbeit aus, wenn sie sich darin sicher fühlen und sich in ihrem gewohnten sozialen Umfeld ihrer Geschlechtsidentität bewegen. Mitarbeitende haben den Auftrag, diese Kinder anzunehmen und ihnen, wie eigentlich allen anderen auch, intime Schutzräume zu gewähren. Öffentliche Pinkelrinnen, einsichtige Pissoirs und ausschließlich geschlechtsdifferenzierte WCs sind nicht nur für transidente und intersexuelle Kinder und Jugendliche ein Problem.

Jenseits der alle Geschlechter inkludierenden Jugendarbeit wäre es für manche Kinder und Jugendlichen sicher auch eine große Chance, sich mit ihren aus der Masse herausragenden Geschlechtsidentitäten unter ihresgleichen an geschützten Orten voller Akzeptanz und Toleranz zu erleben. Da könnten sie aus ihrem Blickwinkel heraus, Bibel, Glauben und Gemeinschaft durchqueeren und neu oder erstmals erleben.

Ob inklusive oder zielgruppenorientierte, kirchliche Jugendarbeit: es sollte selbstverständlich werden, transidenten, intergeschlechtlichen und queeren Jugendlichen kirchliche Freiräume voller Akzeptanz, Toleranz und Bejahung einer Vielfalt von Geschlechtsidentitäten zu eröffnen.

9.7 Missionarische Chancen

Transidente Menschen und Familien transidenter Kinder und Jugendlicher, die sich bislang außerhalb der Kerngemeinden bewegten, können sich durch die bedingungslose Unterstützung ihrer Kirchengemeinde und pastoralen Leitung willkommen fühlen. Das führt sie in die Kerngemeinden hinein, zu einer vertieften, neuerlichen oder erstmaligen Auseinandersetzung mit ihrem Glauben bis hin zur Entscheidung, das Gemeindeleben aktiv mitzugestalten.

9.8 Sprache

Der unausgesprochene und umstrittene „Genderstern“ in der Rechtschreibung zeigt an, dass es dies- und jenseits der Geschlechtspolaritäten Varianten gibt. So wie dem schillernden Stern Josef, gilt jeder und jedem, die oder der ihn vor sich herträgt ein Ich-bin-von-Gott-geliebt-so-wie-ich-bin.

 

10. Fazit

Josefs Geschwister hatten anfangs große Schwierigkeiten mit ihrer transidenten Schwester. Der Gott Israels benutzte jedoch Jakob als Werkzeug zur Annahme seines Kindes. Und er eröffnete einen Weg der Versöhnung, an dessen Ende der Schalom stand, der eingangs der Familie abhandengekommen war. Mit Gottes Hilfe sollten Kirche und Kirchengemeinden lernen, diesen Frieden Gottes auch an ihre Geschwister mit außergewöhnlichen Geschlechtsidentitäten weiterzureichen. 

 

Anmerkungen:

1 Josef als Stern erschließt sich aus der Parallelität der beiden Träume in Gen. 37. Auch Num. 24,17 setzt den „Stern aus Jakob“ voraus.

2 Benjamin, das allerjüngste Kind Jakobs und Rahels, hat einen Altersabstand von mindestens 20 Jahren zu Josef, vgl. J. Lanckau, Der Herr der Träume, 2006, 142.

3 So u.a. C. Westermann, Genesis I/3, 1982, 27; Lanckau (143) betont die Erhöhung Josefs in den Rang eines Kindes am Hofe, das Geschlecht unterschlägt er; J. Ebach, Genesis 37-50, 2007, stößt in seiner Auseinandersetzung mit dem „Gewand unverheirateter Prinzessinnen“ (53) noch nicht auf eine mögliche Transidentität.

4 Midrasch Genesis Rabba 84,7 betont das weibliche Erscheinungsbild Josefs.

5 Vgl. einführend die Zusammenstellung aus der rabbinischen Literatur bei H.L. Strack/P. Billerbeck, Das Evangelium nach Matthäus, 1926=101994, zu Mt. 19,2.

6 Vgl. Wilhelm F. Preuss, Geschlechtsdysphorie. Transidentität und Transsexualität im Kindes- und Jugendalter, ²2019; Klaus-Peter Lüdke, Jesus liebt Trans. Transidentität in Familie und Kirchgemeinde, ²2018.

7 Vgl. J. Bakker, Brain structure and function in gender dysphoria, Endocrine Abstracts (2018); G. Schreiber [Hg.], Transsexualität in Theologie und Neurowissenschaften, 2016; ders. [Hg.] Das Geschlecht in mir: Neurowissenschaftliche, lebensweltliche und theologische Beiträge zu Transsexualität, 2019.

8 Vgl. www.trans-kinder-netz.de; S. Brill/R. Pepper, Wenn Kinder anders fühlen – Identität im anderen Geschlecht: Ein Ratgeber für Eltern, ²2016; Klaus-Peter Lüdke, Unser Kind ist trans*, family (scm) 4/2019, 16-18.

9 Vgl. Westermann, 27f.

10 G. Steindorff, Gen 41,45, 1892, 49f.

11 Fruchttragende Bäume (vgl. Hld. 6,1; 7,8f) kennzeichnen die weibliche Fruchtbarkeit ebenso wie der untenliegende Wirbel bzw. Brunnen (vgl. Hld. 6,1; 7,8f).

12 Vgl. die Hügel- und Bergmetaphern in Hld. 2,16; 4,1.6.8; 7,6; 8,14.

13 Die fünf Bücher der Weisung, verdeutscht von M. Buber gemeinsam mit F. Rosenzweig 1, 101976/1992, 145f.

14 Vgl. Gen. 30,14-22.27-42

15 Vergleiche zu diesen Zusammenhängen J. Ebach, Josef und Josef: Literarische und hermeneutische Reflexionen zu Verbindungen zwischen Genesis 37-50 und Matthäus 1-2, 2009.

16 Vgl. Peter Wick, Männlich und weiblich schuf er sie, family (scm) 4/2019, 20f.

17 Vgl. P.-B. Smit, Der „Kämmerer aus Mohrenland“ oder der äthiopische Eunuch?, in J. Kroll u.a.: Divers Identität, 2018, 47-54.

18 Vgl. hierzu die Handreichung der EKHN „Zum Bilde Gottes geschaffen“ (2018), die dgti e.V.-Broschüre „Reformation für alle*, Transidentität/Transsexualität und Kirche“ (2017), K.-P. Lüdke, Jesus liebt Trans. Transidentität in Familie und Kirchengemeinde, ²2018; ders., Wenn transidente Menschen Unterstützung im Pfarramt suchen, in: DPfBl 7/2018; ders, Transidente Menschen im Pfarramt begleiten, in: Für Arbeit und Besinnung 6/2018.

19 Beispielsweise im Nashville Statement, 2017.

20 Vgl. auch Martin Leupold, Das Erleben des Kindes ernstnehmen, in: family 4/2019, 19f.

21 Passende Liturgien wurden bereits von quikt.de entwickelt und veröffentlicht.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Klaus-Peter Lüdke, Diplom-Theologe und Pfarrer der württ. Landeskirche, 2018 Veröffentlichung von ?Mehr Schöpfer wagen? und ?Jesus liebt Trans. Transidentität in Familie und Kirchgemeinde? sowie in Folge mehrere Aufsätze zu beiden Themen, Vater eines transidenten Kindes.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2020

2 Kommentare zu diesem Artikel
20.01.2020 Ein Kommentar von Claudia Boge-Grothaus Sehr geehrter Herr Lüdke, herzlichen Dank für Ihren gründlichen und gut nachvollziehbaren Artikel "Transidentität in der Bibel als Herausforderung für Kirche und Gemeinden Josef und ihre Geschwister". Als Mutter einer Transtochter hatte ich zwar nie das Bedürfnis auch noch biblisch-theologisch begründen zu müssen, was sich real an Veränderungen mit der Transition meines Kindes im Leben aufgetan hat, aber es tut gut, dass die Theologie den Tatsachen ins Auge sieht und neu hinterfragt, welche Denkräume und -dimensionen bislang aufgrund von ungenauen bzw. veralteten Übersetzungen verschlossen blieben. Respekt, dass Sie den "Stier an den Hörnern" gepackt haben und so auch theologisch den Weg bereiten, der sich im Herzen sowieso von selbst ergibt. Mit freundlichen Grüßen, C. Boge-Grothaus, Pfarrerin in der westfälischen Kirche.
24.02.2020 Ein Kommentar von Vicky Rose Sehr geehrter Herr Lüdke, als transidenter Mensch bin ich ebenfalls ganz tief für Ihren Artikel dankbar. Die christliche Lehre ist für mich in ihren Wertvorstellungen äußerst wertvoll und viele Erkenntnisse, die in ihr stecken, werden heute in der Wissenschaft wieder entdeckt. So ist die Annahme meiner transidenten Persönlichkeit durch eine Gemeinschaft so ziemlich das wertvollste, was ich erfahren möchte. Leider sieht die Realität oftmals anders aus, die nicht den Wert eines Menschen anerkennt. Es gibt Licht, leider aber auch viel Schatten. Ihr Beitrag spricht mich in ganz besonderer Weise an. So tief habe ich mich bisher selten, vielleicht noch nie angenommen gefühlt. Einen ganz herzlichen und tiefempfundenen Dank dafür, Vicky Rose, transident und irgendwo im Geschlechterspektrum unterwegs.
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