Was ist die Wahrheit, die mich im Leben und Sterben trägt? Wo spüre ich die Kraft, die selig macht? Wo begegnet mir Gott? – so fragt Christoph Schroeder. Der Fundamentalismus versucht, die Wirklichkeit seiner Ideologie anzupassen. Das ist kein gangbarer Weg. Der Eskapismus pflegt den Rückzug in die Innerlichkeit und meint, es sich leisten zu können, am gesellschaftlichen Zusammenleben kein Interesse zu haben. Auch das ist ein Irrweg. Wie aber dann?

 

I. Rechenschaft über den Glauben

Seit den Anfängen meines Theologiestudiums beschäftigt mich die Frage nach dem Handeln Gottes. Eines meiner Lieblingslieder ist der Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“. Es gehört zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen, dass er an Geburtstagen in der Familie gesungen wurde. Dieses Lied bezeugt das Handeln Gottes nicht nur im eigenen persönlichen Leben, sondern es beschreibt Gott als König, „der alles so herrlich regieret“. An Weihnachten singen wir staunend „Den aller Welt Kreis nie beschloss, der liegt in Marien Schoß; er ist ein Kindlein worden klein, der alle Ding erhält allein.“ Der Apostel Paulus schreibt an die Korinther: „Ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1. Kor. 2,2).

Wenn ich glaube, dass dieser Gekreuzigte und Auferstandene der König ist, „der alles so herrlich regieret“ und „alle Ding erhält allein“, dann muss ich vernünftig Rechenschaft darüber ablegen können, wie er das denn tut. Das, was unsere Gesangbuchlieder über Gott und sein Wirken sagen, betrifft nicht nur mein privates geistliches Leben. Es geht in der Bibel nicht nur um innere Befindlichkeiten. Es geht um Flucht und Vertreibung, um Streit und Versöhnung, um Migration und die Gerechtigkeit im Zusammenleben. Es geht um die Schöpfung und unseren Platz darin. Wie sollen wir als Christen in dieser Wirklichkeit leben? Um das zu klären, muss ich öffentlich, und das heißt begründet und intellektuell nachvollziehbar Rechenschaft ablegen können über das, was ich glaube und hoffe (1. Petr. 3,15b).

Martin Luther bekräftigt: „Nicht durch Verstehen, Lesen oder Spekulieren wird einer zum Theologen, sondern das Leben, ja sogar das Sterben und Schuldig-gesprochen-werden macht einen dazu.“1 Das heißt, dass jeder Christ Theologe ist, und die besondere Aufgabe des Pastors, der Pastorin liegt u.a. darin, den öffentlichen Dialog über diese Lebensfragen anzustoßen. Was ist die Wahrheit, die mich im Leben und Sterben trägt? Wo spüre ich die Kraft, die selig macht? Wo begegnet mir Gott? Der Fundamentalismus versucht, die Wirklichkeit seiner Ideologie anzupassen. Das ist kein gangbarer Weg. Der Eskapismus pflegt den Rückzug in die Innerlichkeit und meint, es sich leisten zu können, am gesellschaftlichen Zusammenleben kein Interesse zu haben. Auch das ist ein Irrweg. Gibt es die Kraft, die selig macht (Röm. 1,16b)? Ich präsentiere keine fertigen und unumstößlichen Ergebnisse. Ich präsentiere vielmehr in möglichst transparenter Weise meinen Zugang zu dieser Frage.2

 

II. Wo erfahre ich die Kraft, die selig macht?

Der Prophet Elia erfährt die Kraft, die selig macht, am Punkt tiefster Resignation und Verzweiflung (1. Kö. 19,1-8). Er ist seines Lebens überdrüssig. Er hat sich an seiner Aufgabe aufgerieben. Er geht in die Wüste und legt sich zum Sterben unter einen Wacholderbusch. Er weiß keinen Ausweg mehr und ist bereit, alles loszulassen. Da strömt ihm auf einmal neuer Lebensmut zu aus Quellen, die er vorher nicht gesehen hat. Während er schläft, kommt ein Engel. Er stellt einen Krug mit Wasser zu seinen Häupten und legt ein Brot dazu; er weckt ihn auf: „Steh auf und iss, denn du hast noch einen weiten Weg vor dir.“ Elia isst und trinkt und legt sich wieder schlafen. Der Engel kommt ein zweites Mal. Jetzt steht Elia auf. Kraft der Speise läuft er 40 Tage und 40 Nächte bis zum Horeb, dem Gottesberg.

Seligkeit heißt nicht, dass alles gut geht

Menschen erfahren die Kraft, die selig macht, in der Gemeinschaft mit Anderen. Selig ist, wer sich aufgehoben und geborgen weiß. Es gibt auch ein seliges Sterben. Manchem fällt es schwer, sich darauf einzulassen. Sinnfällig zeigt sich das in einer Szene des Films „Der englische Patient“: Als der ungarische Graf Laszlo nach einem Flugzeugunglück mit seiner tödlich verletzten Geliebten Katherine in der Wüste zurückbleibt, steht er vor einer schweren Entscheidung. Entweder er läuft nach Kairo, drei Tage Fußmarsch entfernt, und versucht, ärztliche Hilfe zu holen, auf die Gefahr hin, Katherine bei seiner Rückkehr tot vorzufinden, oder er bleibt bei ihr und ist einfach für sie da, ohne etwas für sie tun zu können. Wäre diese Alternative ethisch vertretbar? Bleibt Laszlo oder geht er? Für den anglikanischen Theologen Samuel Wells ist das die entscheidende Frage.3 Laszlo überlegt nicht lange. Er geht los. Er erträgt es nicht, an der Seite seiner Gefährtin auszuharren, ohne etwas für sie tun zu können und einfach bei ihr, in ihrem Sterben an ihrer Seite zu sein. Als er nach vielen Hindernissen und überstandenen Gefahren wieder zu der prähistorischen Höhle gelangt, in der er seine Geliebte zurückgelassen hatte, hat er zwar einen Arzt dabei, doch Katherine ist lange, lange tot. Was sie in ihren letzten Stunden am meisten gebraucht hätte, wäre seine Nähe gewesen. Die hat er ihr nicht gegeben. Oder hat er sie ihr nicht geben können?

Das Mitsein ist Gottes ureigenstes Wesen

Das Mitsein ist ein Kraftstrom mitten in der ausweglosen Lage. Das Mitsein ist Gottes ureigenstes Wesen. Er ist an der Seite seiner Geschöpfe, selbst wenn er nichts für sie tun kann. Laszlo hätte Katherine zwar nicht retten können, aber seine Gegenwart hätte sie getröstet. In ihrem Miteinander hätte sie die seligmachende Kraft Gottes erfahren.

Wo erfahre ich die Kraft, die selig macht? Da, wo ich mich selbst aus der Hand gebe und es zulasse, von anderen etwas zu empfangen, in der Begegnung, im Zusammensein, im Miteinander. Elia hatte nicht mehr die Kraft, sich zu behaupten, und erfuhr das wunderbare Handeln Gottes. Laszlo hat diese Erfahrung nicht zugelassen. Er meinte, es müsse für jedes Problem eine Lösung geben und hat lieber auf sich selbst vertraut. Warum ist die Kraft, die selig macht, heute verborgen? Warum erschließt sie sich vielen Menschen erst gar nicht? Weil Gott am Nullpunkt handelt, da, wo wir es nicht erwarten und es ihm nicht zutrauen.

Warum trauen wir Gott nichts zu? Weil wir, ohne das so auszusprechen, davon überzeugt sind, dass er ein Versager ist. Wir meinen für alles selbst verantwortlich zu sein. Wir nehmen die Dinge in die Hand. Wir sind ungeduldig. Das ist der tiefste Grund dafür, warum wir die Seligkeit nicht erfahren.

 

III. Woher kommt die Überzeugung, wir seien für alles allein verantwortlich?

Woher kommt die Überzeugung, wir seien für alles allein verantwortlich? Sie hängt mit dem dahinterstehenden Gottesbild zusammen und mit dem Weltbild, das sich daraus ergibt. Die alten Griechen verstanden die Welt als Kosmos. Sie waren überzeugt, ihr liege eine schöne Ordnung zugrunde. Diese Ordnung liege allerdings nicht offen zu Tage, sondern sei verborgen in der veränderlichen Materie, die im Laufe der Zeit ständiger Wandlung unterworfen ist. In Platons berühmtem Höhlengleichnis geht es darum, dass sich die unveränderlichen und ewig-göttlichen Strukturen dem, der nach Erkenntnis sucht, erst zu erkennen geben, wenn er eine Umwendung vollzieht.4 Die in der Höhle Gefangenen sitzen mit dem Rücken zum Höhleneingang. Sie sehen an den Wänden Schattenbilder der Wirklichkeit, die sich draußen vor der Höhle abspielt. Dort scheint das Licht. Das aber wissen die Gefangenen nicht. Sie halten die Schattenbilder für die Wirklichkeit. Damit erliegen sie einem Trug. Würden sie sich umwenden, sähen sie die wirklichen Gegenstände. Sie würden erkennen, dass das Licht der Sonne sie als Schattenbilder an die Höhlenwände wirft.

Die Einsicht, die sich aus dem Höhlengleichnis ergibt, lautet: Es gilt, den Schein zu durchschauen, der alles, was ist, umhüllt. Nur dann gelangen wir auf den Grund der Dinge. Um zur Wahrheit und zu Gott zu gelangen, bedarf es einer Anstrengung, einer Suche, einer Umwendung. Erst diese Umwendung des Denkens, diese Selbsterkenntnis, dieses Über-sich-selbst-Hinaussteigen führt zur Wahrheit. Dann erkenne ich im Baum, der mir in der Natur begegnet, das, was allen Bäumen gemeinsam und ewig-unveränderlich ist: Wurzeln, Stamm, Blätter, Zweige. Ich erkenne, dass jedes individuelle Exemplar eines Baumes diese Grundstruktur aufweist und dass sich solche Strukturen überall in der Natur auffinden lassen. Diese „Ideen“ bilden den alten Griechen zufolge den letzten Grund, das ewig-unveränderliche Fundament, von dem sich alles andere herleiten lässt. In Platons Höhlengleichnis ist der letzte Grund das Licht, das die Gegenstände als Schattenbilder an die Wand der Höhle wirft. Die Griechen nannten dieses Licht Gott, Theos. Gott, Wahrheit und Unsterblichkeit sind dasselbe.

Auf der Suche nach dem Ganzen

Es gehört zu unserem Menschsein, auf der Suche nach dem Ganzen, Unteilbaren, Vollkommenen zu sein. Diese Sehnsucht, dieser Drang treibt uns an. Diese Suche bildet das Sinncodierungssystem unserer Kultur. Religiös ausgedrückt: Wir sind auf der Suche nach dem Urgrund der Wirklichkeit, nach dem Ewigen und nach der Unsterblichkeit. Sie bestimmt uns weit über die biblischen Schriften und die kirchlichen Traditionen hinaus. Bis heute ist sie der Motor unserer Kultur, auf der religiösen und auf der säkularen Ebene.

In der Suche nach dem letzten Grund, der alles trägt, im Streben nach dem Vollkommenen, Unveränderlichen, Ewigen, haben die modernen Naturwissenschaften ihre Wurzeln. Sie suchen nach den immer feineren mathematischen und quantifizierbaren Strukturen, die die Wirklichkeit tragen. Auf dieser Wahrnehmung der Wirklichkeit beruht die moderne Technik. Weil sie funktioniert, sind die Naturwissenschaftler davon überzeugt, dass ihr Zugang zur Welt wahr ist. Wäre er nicht wahr, geben sie zu bedenken, würden wir kein Flugzeug in der Gewissheit besteigen, dass es uns sicher nach Mallorca fliegt. Aus diesem Funktionieren ergibt sich unsere Überzeugung, alle Probleme ließen sich technisch lösen – ob das der Sieg über Krankheiten ist, der Klimawandel oder die Armut. Im Prinzip, glauben wir, gibt es nichts, was nicht machbar ist. Das ist Laszlos Haltung in dem Film „Der englische Patient“. Er ist überzeugt, die Verwundung seiner Geliebten sei medizinisch lösbar.

Die Suche nach dem letzten Grund, so der Theologe Ulrich Barth, ist identisch mit der Suche nach Gott.5 Wir verstehen die Geschichte, in der wir leben, als permanenten Fortschritt hin zu einem letzten Ziel. Wir versuchen, einen immer höheren Grad an Vollkommenheit zu erreichen, in der Medizin, in der künstlichen Intelligenz oder im Sport. Mit dieser all unserem Streben inhärenten Suche nach Gott hängt es zusammen, dass wir meinen, wir seien allein verantwortlich und könnten nicht darauf warten, dass uns die Seligkeit widerfährt. Wir meinen, man müsse Gott finden wie eine mathematische Formel.

Hinter der Frage, ob es die Kraft gibt, die selig macht, steht letztlich die nach der Wahrheit des Gottesbildes: Ist Gott die Kraft, die selig macht? Oder ist Gott der Urgrund der Wirklichkeit?

 

IV. Es gibt nichts, was nicht in der Zeit ist

Der Religionsphilosoph Georg Picht stellt die Gottesvorstellung vom letzten Grund in Frage – und mit ihr die Idee von der technischen Machbarkeit, die sich daraus ergibt.6 Das Unbedingte, sagt er, die Vorstellung vom Vollkommenen, Ewigen, Unveränderlichen, Perfekten, die Vorstellung vom letzten Grund, auf den alles zurückgeht, ist eine Projektion. Damit hinterfragt Picht zugleich den Wahrheitsanspruch der modernen Naturwissenschaften. Wie kommt er dazu?

Den Erkenntnissen der modernen Astrophysik zufolge ist die Welt kein Kosmos. Das Universum ist geschichtlich. Es gibt in ihm keine unveränderlichen Strukturen. Es gibt im ganzen Universum keinen Standort, der vom fortlaufenden Wandel ausgenommen wäre. Es gibt keinen letzten Grund. Bereits Nietzsche hatte daraus in der ihm eigenen Unerbittlichkeit gefolgert, dass der Gott, der das Fundament des griechisch verstandenen Kosmos bildet, tot, ja, dass dieser Gott selbst ein Schattenbild ist. Wenn wir, die nach Erkenntnis Strebenden, dieses Licht für die Wahrheit halten, sind wir, so Nietzsche, wie Gefangene in einer Höhle. In Wirklichkeit ist dieses Licht selbst ein Schattenbild, eine in der Höhle installierte Lampe.

Die Idee des Unbedingten – eine Projektion?

Wenn die Idee des Unbedingten eine Projektion ist, ergibt sich daraus zwingend die Schlussfolgerung, dass auch die aus ihr abgeleiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse nur in dem durch diesen Standort markierten Horizont wahr sein können. Deshalb hatte Nietzsche die Überzeugung der Naturwissenschaften, sie gewönnen ihre Erkenntnisse von einem quasi-göttlichen Standort aus, der dem Strom der Zeit entzogen ist, als Trug bezeichnet.

Aus der Erkenntnis, dass das Universum geschichtlich und der Gott der Metaphysik tot ist, ergibt sich für Picht nun aber keineswegs ein Relativismus der Gleichgültigkeit. Diese Einsicht birgt vielmehr eine geradezu revolutionäre Implikation: Der letzte Horizont von allem, was ist, oder, metaphysisch ausgedrückt: der letzte Grund, das Fundament, das alles trägt, ist die Zeit selbst. Es gibt nichts, was nicht in der Zeit ist. Die Zeit ist das Substrat von allem. Sie trägt uns. Sie trägt uns aber nicht in dem Sinne, wie wir es üblicherweise verstehen – als etwas, das ewig, immer mit sich selbst identisch, unveränderlich ist. Die Zeit ist nicht statisch, sie ist dynamisch. Sie ist in sich flüchtig. Sie ist die Interaktion von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Selbst die Ewigkeit, das legt Picht überzeugend dar, ist nichts anderes als Zeit – nämlich auf den Modus der ständigen Gegenwart reduzierte Zeit. Ein Gott, der ewig und unwandelbar zu sein beansprucht, ist in Wirklichkeit ein Aspekt von Zeit und damit etwas Innerweltliches. Deshalb, sagt Nietzsche, ist dieser Gott tot.

Die Perspektivhaftigkeit aller Erkenntnis

Heute berufen sich die modernen Naturwissenschaften für ihre Erkenntnis nicht mehr auf Gott. Sie haben den Namen Gott gestrichen und meinen, damit seien sie aufgeklärt. Ihre Perspektive gewinnen sie jedoch weiterhin vom Standort der Identität, von dem der ewigen Gegenwart, aus. Die Struktur ihrer Erkenntnis ist damit dieselbe geblieben. Warum ist das problematisch? Weil eine Erkenntnis, die von einem Standort aus gewonnen ist, der in der Welt liegt, nicht den Anspruch erheben kann, absolut zu sein. Von einem innerweltlichen Standort aus ist nur eine perspektivische Erkenntnis der Wirklichkeit möglich. Wahr ist die Perspektive in dem zu ihr gehörigen begrenzten Horizont. In einer anderen Perspektive erscheint die Wirklichkeit anders.

Warum ist es so wichtig, sich die Perspektivhaftigkeit aller Erkenntnis und damit auch der naturwissenschaftlichen bewusst zu machen? Weil eine Erkenntnis, die die Perspektive absolut setzt, in der die Welt als z.B. durchgehend mathematisierbar und quantifizierbar erscheint, säkularisierte Metaphysik ist. Sie wird zum Herrschaftsinstrument. Sie leugnet ihre eigene Perspektivhaftigkeit. So zerstört sie die Natur, die sie zu erkennen vorgibt.

Ich fasse zusammen: Nietzsche hat den Gottesbegriff für tot erklärt, von dessen Standort aus die Naturwissenschaften ihre Erkenntnisse gewinnen. Warum? Weil dieser Standort in der Welt liegt und man von ihm aus nur eine Perspektive auf die Wirklichkeit gewinnt. Bezogen auf den Horizont, der zu diesem Standort gehört, ist die Perspektive wahr. Falsch wird sie, sobald sie sich absolut setzt. Im Bild vom Höhlengleichnis gesprochen: Solange den Naturwissenschaften bewusst ist, dass sie Schattenbilder der Wirklichkeit erkennen, erkennen sie Wahrheit. Sobald sie die Schattenbilder für die ganze Wirklichkeit halten, erliegen sie einem Trug. Auf diesem Trug beruht die Überzeugung, alle Probleme seien technisch lösbar.

Woran liegt es, dass wir die Kraft, die selig macht, nicht erfahren? Verkürzt gesagt daran, dass wir, erstens, meinen, Gott, den wir als Urgrund der Wirklichkeit verstehen, durch besondere Anstrengungen finden zu müssen, und, zweitens, dass wir mit der Vorstellung vom Urgrund der Wirklichkeit, vom Vollkommenen und von der Unsterblichkeit – ohne dass wir uns dessen bewusst sind – einem Gottesbild nachjagen, das eine Projektion darstellt. Dieser Gott ist tot.

Ist der Name „Gott“ obsolet?

Wenn der letzte Grund, von dem aus sich die naturwissenschaftliche Perspektive auf die Welt ergibt, eine Projektion ist – ist dann der Name „Gott“ überhaupt obsolet? Nein, das wäre zu kurz gedacht. In der Bibel ist Gott nicht der letzte Grund des Universums. In den biblischen Schriften bezeichnet der Name „Gott“ nicht die ewig-unveränderlichen Strukturen der als Kosmos verstandenen Welt. Er bezeichnet „die Kraft, die selig macht“ (Röm. 1,16b), eine außerweltliche Wirklichkeit, das, was jenseits der Welt, und das heißt jenseits der Zeit ist. Was liegt jenseits der Zeit? Die Philosophie sagt: das „Nichts“. In den Bereich des „Nichts“ jenseits der Zeit gelangen wir, wenn wir, umgangssprachlich gesagt, das Zeitliche segnen, wenn wir sterben. Dann treten wir aus der Zeit heraus. Die Bilder, die Glaube und religiöse Sprache für diesen Bereich haben, heißen Himmel, neues Jerusalem, Gemeinschaft mit Gott, Seligkeit. Gott, der Schöpfer, ist das Gegenüber zur Welt.

 

V. Gott als das Gegenüber zur Welt

Wenn Gott das Gegenüber zur Welt ist, lässt er sich dann finden? Welcher existentiellen Umwendung bedarf es dafür? Wie müsste eine solche Umwendung sich vollziehen? Damit komme ich zu Pichts eigener Philosophie. Wir Menschen sind, so Picht, wie in Platons Gleichnis, in der Höhle gefangen. Wenn wir den Überstieg in die Sphäre des vermeintlich Unveränderlichen vollziehen, in die Sphäre dessen, was jenseits des Sinnlichen liegt, treten wir damit noch keinesfalls aus der Höhle heraus; wir nehmen in ihr nur einen anderen Standort ein, den der Ewigkeit. Das Licht der Ewigkeit hat seinen Ursprung in der Höhle. Ewigkeit ist eine Manifestation von Zeit und damit etwas Innerweltliches. Von diesem Standort aus erschließt sich eine bestimmte Perspektive, ein Aspekt, ein Schatten der Wahrheit. Der Wahrheit in ihrer Fülle begegnen wir erst, wenn wir es wagen, den Überstieg in die Sphäre dessen zu vollziehen, was jenseits der Welt und damit jenseits der Zeit liegt. Wie kann dieser Überstieg gelingen?7

Den Austritt aus der Zeit antizipieren

Wir sind, so Picht, die einzigen Lebewesen, die wissen, dass sie sterben werden. Deshalb können wir den Austritt aus der Zeit antizipieren. Indem wir unsere zeitliche Gebundenheit transzendieren, wird uns bewusst, dass wir, wenn wir denken, fühlen und die Welt gestalten, uns immer schon in der Sphäre bewegen, die die griechische Philosophie Wahrheit nennt. Sie umgibt uns wie der Kosmos den antiken Menschen. Wir bewegen uns in ihr wie in einer Landschaft. In ihr verschränken sich Veränderliches und Unveränderliches unauflöslich ineinander. Diese Landschaft ist die Zeit. Auf der Wanderung durch diese Landschaft begegnet uns in den Phänomenen außerhalb unserer selbst die Wahrheit, gebrochen in einer Flucht ihrer verschiedenen Darstellungsweisen. Wir beginnen die Multidimensionalität der Wirklichkeit zu erkennen.

Vieldimensionale Wirklichkeit

Picht erläutert das an einem einfachen Beispiel8: Er schreibt mit Kreide an die Tafel: A = A. Nun fragt er: Was ist das? Von den vielen möglichen Antworten greift er vier heraus. Eine Antwort lautet: „Weiße Linien vor einem grünen Hintergrund“. Sie betrachtet das, was da an der Tafel steht, im Horizont der optischen Phänomene. „Drei Zeichen“ ist eine ebenso wahre Bestimmung dessen, was an der Tafel steht. Im Horizont eines Kommunikationszusammenhangs ist sie wahr. Die Definition „eine Ansammlung von Kreidemolekülen“ betrachtet „A = A“ im Horizont der Chemie. „A = A“ ist aber auch der Satz der Identität und damit als philosophische Aussage wahr. Für sich genommen ist jede dieser Antworten wahr. Wahr sind sie, wenn man sie in dem Horizont versteht, in den sie jeweils gehören. Man darf die verschiedenen Antworten nicht nach dem Satz vom Widerspruch gegeneinander ausspielen. Sie werden falsch, wenn man eine von ihnen absolut setzt und behauptet: Der Satz der Identität ist eine Ansammlung von Kreidemolekülen. Das Eine, die Schrift an der Tafel, erscheint auf mannigfaltige Weise, ohne dass es sich auf einen Horizont reduzieren ließe. Sobald wir erkennen, dass sich uns die Wahrheit – weil wir in ihr sind – immer nur in einer Flucht von verschiedenen Perspektiven zeigt, hören wir auf, eine bestimmte Perspektive zu verabsolutieren.

Ohne diese Selbsttranszendierung, diese Umwendung, diesen Überstieg, sind wir, wie die Gefangenen in der Höhle, an Schattenbilder gefesselt. Wir laufen Gefahr, eine der Darstellungsformen der Wahrheit für die Wahrheit selbst zu halten. Indem wir aber den Horizont der Zeit übersteigen, wird uns deutlich, dass – beispielsweise – die naturwissenschaftliche nur eine bestimmte Perspektive auf die eine Wirklichkeit eröffnet: Mit Hilfe der Gesetze der Logik zeigt sie uns die Wirklichkeit als mathematisierbare Objektivität. Indem wir die Zeit denkend transzendieren, werden wir also fähig, die Endlichkeit, Vorläufigkeit und Perspektivgebundenheit des je eigenen Standortes wahrzunehmen. Wir lernen die verschiedenen Standorte, von denen aus wir Perspektiven auf die Landschaft der Wirklichkeit gewinnen, zu erinnern und sie samt den ihnen zugehörigen Stationen festzuhalten – in derselben Weise, wie wir bei einer Wanderung die zurückliegenden Stationen und Wege zur Orientierung auf einer Landkarte eintragen.

 

VI. Es geht darum, die Suche recht auszurichten

Warum erzähle ich das alles? Es geht nicht darum, dass das Suchen, das Streben nach Erkenntnis an sich falsch wäre. Wir sollen nicht einfach passiv und ergeben die Dinge auf uns zukommen lassen. Es geht darum, die Suche recht auszurichten. Die Gefangenen, die in Platons Höhlengleichnis die existentielle Umwendung vollziehen, erkennen das im Sichtbaren verborgene Unsichtbare und das im Sinnlichen verborgene Geistige. Diese Erkenntnis führt sie noch nicht zur Wahrheit in ihrer Fülle; sie eröffnet ihnen nur eine bestimmte Perspektive auf die eine Wirklichkeit. Sie gelangen zwar auf eine andere Ebene, doch auch auf ihr erkennen sie immer noch Schattenbilder, die nur einen Aspekt der Wahrheit zeigen.

Die Umwendung, die Picht meint, ist umfassender. Sie bedeutet, den Schritt hin in das zu wagen, was jenseits der Welt und der Zeit liegt. Wenn ich in einer Antizipation des eigenen Sterbens, im Durchgang durch den Nullpunkt, meinen Austritt aus der Welt und aus der Zeit antizipiere, verlasse ich die Welt nicht. Vielmehr erschließt sich mir dann erst die Wirklichkeit in ihrer Vieldimensionalität. Ich gehe dieses Wagnis ein und erfahre die Fülle des Lebens und mich selbst als Geschöpf.

Nachfolge auf dem Weg Jesu

Unsere Glaubenstradition, die Schriften des AT und NT erschließen uns die Wirklichkeit in einer Weise, die viel umfassender ist als der naturwissenschaftliche Zugang zur Welt. Wir begegnen der Wahrheit, wenn wir uns auf den Weg begeben, den Gott in seinem Sohn Jesus selbst gegangen ist. Der Weg, den Jesus gegangen ist, hat ihn an den Nullpunkt und durch ihn hindurchgeführt. Dafür stehen Kreuz und Auferstehung. Wir erfahren Gott und die Kraft, die selig macht, da, wo wir bereit werden, loszulassen und zu resignieren, wo wir aufhören, uns auf uns selbst zu verlassen. Im positiven Sinne heißt das, ihm nachzufolgen. Indem wir darauf verzichten, unsere Identität an äußeren Scheinsicherheiten festzumachen, indem wir uns auf Jesu Weg einlassen und, wie in der Geschichte von der Stillung des Sturms (Mk. 4,35-41), mit ihm bei einbrechender Dunkelheit aufbrechen ans andere Ufer, ins Ungewisse, werden wir erfahren, wie sich unser Streben nach eindeutiger Wahrheit und die Angst vor dem Verlust von Sicherheit und vor dem Fremden verwandelt in ehrfürchtiges Staunen über die Fülle der göttlichen Gegenwart in unserem Leben. Wir erfahren die Unerschöpflichkeit der Welt und uns selbst als Geschöpfe. Jeder Mensch ist mehr als das, was wir in ihm sehen. Auch wir selbst können nicht auf eine Facette unseres Wesens reduziert werden. Wir sind, wie Jesus selbst, Fleisch und Herrlichkeit zugleich (Joh. 1,14). Glauben heißt, die Vieldimensionalität der Wirklichkeit zu erkennen und darin die Kraft zu erfahren, die selig macht.

 

VII. Die Kraft der Auferstehung

Ich komme zurück zum Anfang. Wie sollen wir uns das Handeln eines Gottes vorstellen, der sich in dem gekreuzigten und auferstandenen Menschen Jesus zu erkennen gibt? Ist dieser Gott ein Versager? Gibt es die Kraft, die selig macht? Oder ist Gott tot (Nietzsche)? Ich glaube, dass das Geheimnis des Lebens und damit die Wahrheit sich genau an dem Punkt erschließen, den philosophische Sprache als „Antizipation des Austritts aus der Zeit“ und der Apostel Paulus als „Mitsterben mit Christus“ bezeichnet. Wenn wir diesen Weg suchen und ihn mitgehen, erfahren wir die Kraft der Auferstehung. Sie ist die Kraft, die selig macht.

Ich hatte mit dem Lied von Joachim Neander begonnen „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren.“ Joachim Neander war im Jahr 1680 im Alter von nur 30 Jahren gestorben. Er hatte sein kurzes Leben in der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg gelebt, als überall Zerstörung und Mangel herrschten. Und doch hatte er in dieser ganzen Unordnung aus Quellen geschöpft, die ihn mit Lebensmut und Hoffnung gespeist hatten. Das beruhte nicht auf einer verblendeten Wahrnehmung der Wirklichkeit, die vor dem Schrecklichen die Augen verschließt, sondern auf der Fähigkeit, die Vielschichtigkeit der Wirklichkeit zu erkennen und sich von ihr beschenken zu lassen.

 

Anmerkungen:

1 WA 5, 163, 28.

2 S. dazu Christoph Schroeder, Warum es Gott nicht gibt und das Miteinander selig macht, Stuttgart 2018.

3 S. dazu Samuel Wells, A Nazareth Manifesto. Being With God, Chichester 2015, 35-42.

4 Platon, Das Höhlengleichnis, in der Übersetzung von Friedrich Schleiermacher, Politeia, 7. Buch 106 a-c.

5 Ulrich Barth, Was ist Religion?, in: ders., Religion in der Moderne, Tübingen 2003, 3-27.

6 Georg Picht (1913-1982) war von 1965-1977 Professor für Religionsphilosophie an der Evang.-theol. Fakultät der Universität Heidelberg und bis zu seinem Tod 1982 Leiter der Forschungsstätte der Evang. Studiengemeinschaft (FEST). Seine wichtigsten Schriften sind posthum veröffentlicht worden. Im Folgenden beziehe ich mich vor allem auf Der Begriff der Natur und seine Geschichte. Vorlesungen und Schriften, Stuttgart 1989, sowie Glauben und Wissen. Vorlesungen und Schriften, Stuttgart 1991.

7 Zu Pichts Philosophie der Zeit s. exemplarisch Zukunft und Utopie. Vorlesungen und Schriften, Stuttgart 1992.

8 S. dazu Picht, Glauben und Wissen, 32-44.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. Christoph Schroeder, Jahrgang 1964, verheiratet, vier Kinder, 19 Jahre Gemeindepastor in Grosshansdorf, seit dem 1.10.2018 Pastor in Hamburg-Nienstedten.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft 1/2020

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