26. Januar 2020, Apostelgeschichte 10,21-35
3. Sonntag nach Epiphanias

Von: Kurt Rainer Klein
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Gott ist schon da

 

Bleiben – wie man ist

Wir bleiben gerne so, wie wir sind. Das mag dem Gesetz der Trägheit geschuldet sein, denn wir folgen leichter unseren Neigungen. Veränderung hingegen kostet Kraft, die uns schwerfällt aufzubringen, und bedeutet eine nicht zu kalkulierende Anstrengung. Man weiß selten, was Veränderung hervorbringt und wohin Veränderung führen wird.

Wir bleiben gerne unter unseres Gleichen und bei dem, was wir kennen, denn das Fremde fordert uns zur Einlassung und Auseinandersetzung heraus. Es birgt das Potenzial, uns und unsere Gewohnheiten infrage zu stellen. Das kann Stress hervorrufen, den wir lieber vermeiden möchten. Das Vertraute dagegen schafft unreflektiertes Wohlbefinden.

Wir beobachten seit geraumer Zeit, dass Grenzen, Zäune und Mauern wieder Konjunktur haben. Das Verlangen nach Abgrenzung von Unerwünschtem wird häufig genährt von gezielt hervorgerufenen Ängsten. Die Auszugrenzenden werden bzw. Auszugrenzendes wird als Bedrohung deklariert, damit es ja nicht als Bereicherung ersehnt werden könnte.

 

Gehen – wohin man soll

Lukas lässt in Apg. 10,1 - 11,18 großes Kino vor unseren Augen ablaufen. In 10,1-8 weist ein Engel den heidnischen Hauptmann Kornelius auf Petrus hin. Petrus träumt in 10,9-16 in einer dreifachen Vision davon, dass er auch Unreines essen kann. Danach (10,17-23a) kommen von Kornelius gesandte Männer zu Petrus. In 10,23b-33 geht Petrus in das Haus des Kornelius. Darauf und dort folgt die Predigt des Petrus in 10,34-43. Währenddessen fällt der Geist auf die Zuhörer und Petrus lässt sie im Hause des Kornelius taufen (10,44-48). In 11,1-18 gibt Petrus in Jerusalem vor den Judenchristen einen Rechenschaftsbericht über das Geschehene.

Vordergründig mag es um den zum Glauben gekommenen und zu guter Letzt getauften heidnischen Hauptmann Kornelius gehen. Hintergründig betrachtet steht aber Petrus im Mittelpunkt des Geschehens. Der gesetzestreue Jude Petrus, Garant der Tradition und kein Revoluzzer, Jünger Jesu und Apostel wird zu einer für ihn unvorstellbaren Handlung gedrängt.

Zunächst wird Petrus in der dreifachen Vision der vom Himmel herabkommenden Tiernahrung durch eine Stimme zum Essen von Unreinem ermutigt. Während Petrus »das Gesehene« verarbeiten muss, kündigt der Geist ihm drei Männer an und rät ihm, ohne zu zweifeln mitzugehen. Sodann wird er durch die Männer des Kornelius, die ihm mitteilen, dass ein Engel ihnen kundgetan hat, Petrus zu holen, in das Haus des Heiden Kornelius eingeladen. Im Hause des Kornelius erzählt Petrus von seiner durch Gott gewonnenen Erkenntnis, keinen Menschen zu meiden oder unrein zu nennen. Schließlich tauft Petrus die im Hause des Kornelius sind, weil er erkannt hat, dass der Heilige Geist auf sie herabgekommen ist.

 

Tun – was man kann

Nach Lukas geschieht dies alles nicht aus innerem Antrieb des Petrus oder des Kornelius. Bekehrung ist kein mögliches Menschenwerk. Gott will es so und setzt dafür Himmel und Erde in Bewegung. Es ist der revolutionäre Schritt von der ausschließlichen Judenmission zur völkerübergreifenden Heidenmission. Möglich, weil Gott die Person nicht ansieht und jeder, der Gott fürchtet und recht tut (vgl. 10,2; 15,29), egal aus welchem Volk, ihm angenehm ist (10,34). Möglich, weil dies – nach Lukas – der göttliche Wille ist und durch das Eingreifen des Heiligen Geistes auf den Weg gebracht wird und nicht menschlichem Planen überlassen ist. Möglich, weil Menschen, vom Geist ergriffen, sich aufeinander zu bewegen, statt sich abzugrenzen und abzuschotten.

In der (Geschichts-)Darstellung des Lukas vermischen sich zwei Ebenen: Auf der himmlischen Ebene werden die Weichen gestellt, auf der irdischen Ebene werden die Handlungen vollzogen. So wird zwar Gottes Tun offensichtlich, aber der Mensch wird zu einem willenlosen, allenfalls gottgehorsamem Wesen. Diese theologische Sicht der Dinge ruft mit Bedacht eine gewisse Skepsis hervor.

 

Aufbrechen – wozu man will

Aus unseren Vorstellungen, Strukturen, Systemen aufzubrechen und einen überraschenden Schritt zu wagen, bedarf wohl der Kreativität des Heiligen Geistes. Sich anderen Gedanken, Formen, Gebräuchen zu öffnen, fällt leichter, wo wir erkennen, wie Gott darin schon bei den Andersdenkenden und Andersgläubigen ist. Wie starr wir in unserem Gewohnten verhaftet (!) sind, zeigt sich bei Petrus exemplarisch. Doch die überraschende Erkenntnis ist: Gott ist schon da, wo Petrus hinkommen soll (V. 33).

Grenzen überschreiten, beginnt damit, im Kopf frei zu werden, auf andere zuzugehen und offen zu werden für das, was ihnen wert und wichtig ist. Dafür braucht es Mut und Kraft, manchmal auch Trotz und Zorn, aber ganz bestimmt Freundlichkeit und Sensibilität. Man kann sich dabei in einem Lernprozess weiterentwickeln, ohne sich selbst aufzugeben. Es kann spannend sein zu sehen, wie Gottesfurcht und Gerechtigkeit auch hinter unseren Grenzen in ungewohnten Farben leuchten können (vgl. 11,18).

Der ehemalige deutsche Skispringer Jens Weißflog wusste: »Man fliegt nur so weit, wie man im Kopf schon ist!« Es bedarf der Auseinandersetzung und des In-sich-Gehens, der Denkanstöße und des Miteinander-Redens, des Zuhörens und Abwägens, um weiter zu fliegen als gestern. Gewiss ein schwieriger Prozess. Meist erst aus der Not(wendigkeit) geboren. Aber ein Gewinn im Blick nach vorne, der sich dann vielleicht erst rückblickend so darstellt. Wozu man will, daran wird einen keine Grenze noch Gewohnheit hindern.

 

Lieder

EGplus 130 (EKHN) »Aufstehn, aufeinander zugehn«

EGplus 127 (EKHN) »Schenk uns Weisheit«

EGplus 102 (EKHN) »Da wohnt ein Sehnen«

EGplus 122 (EKHN) »Grenzenlos«

 

Kurt Rainer Klein

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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