19. Januar 2020, Jeremia 14,1(2)3-4(5-6)7-9
2. Sonntag nach Epiphanias

Von: Peter Zimmerling
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Die große Dürre

 

I

Der Predigttext ist zwar ohne die eingeklammerten Verse verständlich, trotzdem schlage ich um der Bildkraft der ausgelassenen Verse willen vor, den ganzen Text zu lesen. Die Situation Israels wird anschaulich geschildert. Es herrscht eine fürchterliche Trockenheit, die reiche Städter und arme Landwirte gleichermaßen betrifft. In einem Land wie dem alten Israel, das auf die Erträge der eigenen Landwirtschaft angewiesen war und keine Lebensmittelimporte kannte, steht damit unausweichlich eine Hungersnot vor der Tür. Solche lebensbedrohlichen Hungersnöte aufgrund von Missernten gab und gibt es immer wieder. Deutschland suchten sie noch im 19. Jh. heim. Bis heute sind sie in Afrika an der Tagesordnung.

 

II

Das Besondere jedoch ist, wie Israel mit der großen Dürre umgeht. Dahinter steht sein Glaube, Gottes auserwähltes Volk zu sein. Die Erwählung durch Gott hat Israel zu dessen Bundespartner gemacht. Das aber bewirkt bei den Israeliten ein Doppeltes: Einerseits kann es die Erfahrung von Not und Tod schwerer ertragen. Wo bleibt Gottes Hilfe? Hat er sein Volk vergessen oder hat er ihm gar den Rücken zugewandt? Israel stellt sich automatisch die Frage nach dem Warum. Hat es sich an seinem Gott versündigt? Hat es seinerseits Gott vergessen, ihn einen guten Mann sein lassen und dessen Gebote skrupellos übertreten? Andererseits stellt sich Israel aufgrund seiner Erwählung auch in der größten Not die Situation nicht völlig hoffnungslos dar. Luther war der Auffassung, dass Christen in ihrer größten Verzweiflung gegen Gott zu Gott fliehen sollen. Auch wenn Gott sich gegen sie zu stellen scheint, sollen sie im Vertrauen auf seine Barmherzigkeit und seine unbegrenzten Möglichkeiten dennoch zu ihm fliehen, sich in ihrer Not an ihn wenden.

Genau das tut Israel, und zwar in vorbildlicher Weise. Zunächst wird Gott die grauenhafte Notlage, in der sich das Volk befindet, mit bewegenden Bildern geklagt. Als ob die Beter hoffen, bereits durch die Schilderung ihrer Not Gottes Herz zu erweichen. Dem schließt sich die Bitte um Hilfe – in Wirklichkeit ein erschütternder Notschrei – an. Die Israeliten bekennen Gott ihre Schuld und erinnern ihn an seine großen Taten, die er an Israel in der Vergangenheit getan hat. All dies ist zusammengefasst in seinem Namen: Gott – Israels Hoffnung, sein Heiland zur Notzeit, ein naher Gott, der sie noch nie im Stich gelassen hat. Auch wenn der Predigttext selbst keine endgültige Antwort gibt, ob Gott Israels Gebet erhört hat, ist doch klar, dass die Berufung auf Gottes Namen darauf hinzielt.

 

III

Bei der Schilderung der großen Dürre werden sicher viele Hörerinnen und Hörer unwillkürlich an den Klimawandel denken. Es ist vernünftig, wenn die Kirche sich für das Erreichen der Klimaziele stark macht, mit denen die Erderwärmung gestoppt werden soll. Der Predigttext bringt allerdings eine in den gesellschaftlichen Diskursen wenig beachtete neue Perspektive zur Geltung. Christen glauben an Gott als den Schöpfer der Welt. Da liegt es nahe – vor allem politischen Engagement und dieses begleitend – zunächst im Gebet das bedrohliche Szenario des Klimawandels vor Gott auszubreiten und ihn um sein Eingreifen zu bitten. Dazu gehört das Gebet für einen rücksichtsvollen Umgang mit den Ressourcen der Erde, um hilfreiche Ideen für die Wissenschaftlerinnen und für die Techniker, um guten Willen für die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft. Vor allem aber das Gebet um das Vertrauen, dass Gott ein Liebhaber des Lebens ist, der den Willen und die Kraft hat, das Unmögliche möglich zu machen. Gott will auf seine Zusagen angesprochen und festgelegt werden. Man soll – nach Luther – Gott mit seinen Verheißungen sogar die Ohren reiben. Wir sind von Gott ermächtigt, ihn auf die Zusage seines Erbarmens anzusprechen – für uns selbst und für andere (Mal. 3,10-12).

 

Peter Zimmerling

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2019

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04.01.2020
Ein Kommentar von Veronika Franck


Neben dem Hunger nach Nahrung für den Körper, gibt es auch einen Hunger nach geistiger Nahrung. Wer Gott verlässt und sich nur auf die menschliche Ebene seines Hungers begibt, wo will er Zuspruch und Nahrung finden. Eine geistige von Gott verlassene Wüste, vermag den Menschen auch nicht mit irdischer Nahrung zufrieden zu stellen.

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