29. Dezember 2019, Hiob 42,1-6
1. Sonntag nach dem ­Christfest

Von: Markus Wächter
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Nun hat mein Auge dich gesehen

 

Vorbemerkung

Theologisch gesehen ist es sinnvoll, den Text Hiob 42,1-6 für den 1. So. nach dem Christfest auszuwählen. Denn in dieser Zeit halten viele Menschen einen Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr. Dabei werden ganz gewiss leidvolle Erfahrungen bewusst. Da lohnt es sich, sowohl auf die Botschaft des Hiobbuches, als auch auf das Evangelium des Christfestes zu achten.

Praktisch gesehen ist aber diese Textwahl für den 1. So. nach dem Christfest unangebracht. Denn welcher Gemeindepfarrer hat in den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr Zeit und Kraft, diesen tiefgründigen Text zu bearbeiten? Nach meiner Meinung sollte diese Perikope auf einen anderen Sonntag im Kirchenjahr gelegt werden.

 

Kontext

Nachdem Hiob alles verloren hat, seine Kinder, sein Hab und Gut und seine Gesundheit, besuchen ihn seine Freunde. Als sie aber sehen, wie groß der Schmerz des Hiob ist, setzen sie sich zu ihm auf die Erde, sieben Tage und sieben Nächte lang, und schweigen.

Dann aber fangen sie an zu reden und fordern Hiob auf, seine Schuld zu bekennen. Wenn ein solch großes Unglück über ihn gekommen ist, dann muss er gesündigt haben. Denn der Mensch erntet, was er sät. Wer Gutes tut, erntet Wohlergehen. Wer Böses begeht, erntet Unheil.

Gegen diesen Tun-Ergehen-Zusammenhang setzt sich Hiob zur Wehr. Er streitet mit den Freunden in vielen Reden. Er klagt vor Gott über sein Leiden. Aber dann flieht er vor Gott zu Gott hin. Er ruft Gott als seinen Anwalt an (19,25). Er sucht bei Gott sein Recht. Schließlich bekennt er vor Gott: »Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen. Nun aber hat mein Auge dich gesehen. Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche« (42,5f).

Wie es dazu kam, erfahren wir in Kap. 38,1-42,6. Auf den Prolog (Kap. 1 und 2) und den Epilog (42,7-17) kann ich aufgrund der Kürze dieses Predigtimpulses nicht eingehen. Ich verweise auf: Otto Kaiser, Hiob.

 

Text

Im Gegensatz zu den Freunden kann Hiob sein Leiden nicht erklären. Auf jeden Fall bestreitet er eine mögliche Schuld. Aber auch Gott ist ihm zum Feind geworden. Er leidet unter den »Schrecknissen« Gottes (6,4). Er erwartet, dass Gott ihm Recht gibt. Aber Gott hat ihn »beim Genick genommen und zerschmettert« (16,12). Da flieht er vor Gott zu Gott hin. Er bekennt: »Ich weiß, dass mein Erlöser lebt« (19,25). Er erwartet, dass Gott als sein Anwalt auftritt. Aber das ist ein Ringen, ein Kampf zwischen Gott und Hiob. In den beiden Reden des Herrn aus dem Wettersturm (Kap. 38 und 39 und Kap. 40,6-41) wird er mit der Weisheit Gottes in der Schöpfung konfrontiert. Gott spricht: »Wo warst du, als ich die Erde gegründet habe? Sage mir’s, wenn du so klug bist« (38,4). Aber Hiob kann auf die Fragen Gottes keine Antwort geben. Er schweigt (40,4) und bekennt sich schuldig.

 

Predigt

Es empfiehlt sich, von einem konkreten Unglücksfall auszugehen, ob im persönlichen Leben oder im weltweiten Geschehen. Fast unwillkürlich taucht die Frage nach dem Warum auf. Damit sind wir mitten in der Auseinandersetzung Hiobs mit seinen Freunden und mit Gott. Hiob bekommt keine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Leidens. Aber Gott begegnet ihm als der Herr der Schöpfung. Sein Angesicht zeigt uns Gott in Jesus Christus. Das ist die Antwort auf die Warum-Frage. Denn in Jesus Christus teilt er unsere Schmerzen, unsere Verlassenheit, unseren Tod. Er hält an uns fest. Er schenkt uns seine Gemeinschaft. Er ist der Immanuel, der Gott-mit-uns. So empfangen wir Leben aus der Kraft der Auferstehung Jesu Christi.

 

Literatur

Otto Kaiser, Hiob, Radius Verlag

 

Lieder

EG 36 »Fröhlich soll mein Herze springen«

EG 37 »Ich steh an deiner Krippe hier«

EG 361 »Befiehl du deine Wege«

 

Markus Wächter

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

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