15. Dezember 2019, Lukas 3,(1-2)3-14(15-17)18(19-20)
3. Sonntag im Advent

Von: Andreas Rössler
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Gottes Gericht

 

I

Die ersten Worte der Logienquelle Q (V. 7-9.16-17) enthalten die Gerichtsankündigung des Täufers. Das göttliche Gericht ist ein heutzutage auch in der Kirche an den Rand gedrängtes Thema. Mit der Androhung des Jüngsten Gerichts wurden Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Deshalb konzentriert man sich jetzt in der christlichen Verkündigung ganz auf die Liebe Gottes. Zudem ist vielen ein Schuldbewusstsein abhandengekommen. Sie meinen, ein göttliches Gericht betreffe sie nicht, weil sie eigentlich ganz okay seien. Man muss sich aber doch fragen: Was ist in meinem Leben Spreu, die im Reich Gottes nichts verloren hat? Und was ist Frucht, die durch Reinigung hindurch ins Reich Gottes passen könnte? (vgl. 1. Kor. 3,12-15).

Angebracht ist ein Nachdenken über das göttliche Gericht, das auch in der Verkündigung Jesu und im ganzen NT nicht fehlt. Gäbe es kein wie auch immer vorzustellendes göttliches Gericht, dann würden letztlich die Täter über die Opfer triumphieren. So schreibt der katholische Theologe und Naturphilosoph Hans-Dieter Mutschler: »Wenn es keinen Gott gibt, sagt Kant, dann gibt es auch keine Gerechtigkeit für die vielen Opfer der Geschichte. Das hieße zum Beispiel im Klartext: Adolf Hitler hat dann in Ewigkeit dasselbe Schicksal wie die sechs Millionen Juden, die er auf bestialische Weise ermorden ließ. Einen solchen Gedanken kann sich die Vernunft nur um den Preis ihrer Selbstaufgabe zumuten« (Keine Gerechtigkeit für die Opfer?, in: Publik-Forum Extra Januar 2018, 19).

 

II

Wieso sollen wir uns um den »Vorläufer« Jesu mühen, wenn wir doch in Jesus die Fülle der Liebe Gottes in einem Menschenleben vor uns haben? (V. 15-18) Es gehört zum Menschsein Jesu, dass er nicht isoliert dasteht. Er hat eine Vorgeschichte und eine Wirkungsgeschichte. Er hat nicht zuletzt im Umkreis von Johannes Gottvertrauen eingeübt. »Wort Gottes«, Gottes Anrede und Zuwendung, erging auch an Johannes (V. 2), und Gottes »Heil«, auch durch den Täufer vermittelt, richtet sich an »alles Fleisch« (V. 6).

 

III

Das göttliche Gericht steht nach Überzeugung des Täufers unmittelbar bevor. Aber auch Jesus und das ganze frühe Christentum teilen die »Naherwartung«, nach der das Reich Gottes in Kürze anbrechen werde. Wir können uns das individuell aneignen: Jeder Mensch hat sein eigenes, persönliches nahes Ende vor sich.

 

IV

Ist Gott nicht reine Liebe? Dazu passt doch wohl nicht sein »Zorn« (V. 7)? Doch ist Gottes Güte und Barmherzigkeit keine »billige Gnade« (Dietrich Bonhoeffer). Wir sind darauf angewiesen, dass uns Gott »allein aus Gnade« annehmen wird (Röm. 3,24.28). Aber wir müssen vor Gott Rechenschaft über unser Tun und Lassen ablegen (2. Kor. 5,10). Gottes unbegrenzte Güte, an der wir uns festhalten können, und seine unbestechliche Gerechtigkeit, der wir nicht entkommen, schließen sich nicht aus. Mit der Liebe Gottes verbindet sich sein »gerechtes«, faires Gericht. Gott ist uns näher als wir uns selbst und er kennt uns besser als wir uns selbst. Er kennt unsere Nöte, Beschädigungen, Traumata, Ängste, Leiden, die unser Tun beeinflussen und oft schwächen.

 

V

Die Gerichtsandrohung des Täufers ist heilsam, ist »Heil« (V. 6; in V. 18 ist »predigen« die Übersetzung von »euanggelizein«), denn das göttliche Gericht bedeutet keine automatische Vernichtung. Johannes ruft auf zur »Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden« (V. 3), damit Menschen ihre Schuld bereuen, umkehren, Frucht bringen, in die Gemeinschaft mit Gott zurückkehren und so im göttlichen Gericht nicht vergehen, sondern bestehen (V. 9) und dem »künftigen Zorn entrinnen« werden (V. 7). Gott und nicht die einmalige Taufe des Johannes bewirkt dieses Heil. Die Johannestaufe ist dafür ein Zeichen. Sie ist aber als solche keine Garantie des Heils, genauso wenig wie die »Abrahamskindschaft« (V. 8), also die Zugehörigkeit zu dieser oder jener Glaubensgemeinschaft.

 

VI

Die »Standespredigt« (V. 10-14), lukanisches Sondergut, ist kein O-Ton des »historischen Täufers«. Sie passt aber doch zu dessen menschenfreundlicher Art. Er lebt als Asket, fordert aber von niemandem eine solche Lebensweise. Er lädt Menschen zur Buße (Umkehr) ein und zeigt damit einen Ausweg aus der drohenden Vernichtung. Der Täufer gibt konkrete Hilfestellungen auch für ethisch besonders gefährdete Berufe. Bei den Entwicklungen hin zum Guten wird immer noch Luft nach oben sein. Aber wir bleiben nicht mit uns selbst allein, denn »das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen« (Mk. 1,15).

 

Andreas Rössler

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2019

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

»Und führe uns nicht in Versuchung«?
Zur Kontroverse um die sechste Bitte im Vaterunser
Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2019, Sacharja 2,14-17
Artikel lesen
2. Sonntag im Advent
8. Dezember 2019, Lukas 21,25-33
Artikel lesen
Christfest I
25. Dezember 2019, Titus 3,4-7
Artikel lesen
»Also bist du nicht so schlimm, o alter Adam.«
Pastoralerfahrung und Kirchenkritik in einigen Gedichten Mör
Artikel lesen
Trauer-Mannschaftsfotos und Sarg-Selfies
Pastorale Alltagsskurrilitäten bei Beerdigungsfeiern
Artikel lesen
Befreiende Aufklärung
Der Logos als Synthese von Liebe und Vernunft
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!