1. Dezember 2019, Römer 13,8-12
1. Advent

Von: Friedmar Probst
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Die Nacht ist vorgedrungen


I

Die Perikope ist in zwei Teile gegliedert (V 8-10 und 11f). In V. 8-10 geht es um das persönliche Verhalten der Christen. Die Liebe zum Nächsten bezeichnet Paulus dabei als den Hauptsatz der Thora, aus dem alle anderen Weisungen abgeleitet werden können. Mit Jesus verkündet Paulus die Liebe als Verwirklichung des Gesetzes. Eine besonders schöne Beschreibung der Liebe ist, dass sie »dem Nächsten nichts Böses tut« (V. 10). Sie kommt einfach beim Nächsten an.

In V. 11 und 12 wird das Verhalten der Liebe in einen eschatologischen Horizont gerückt und dadurch besonders ernsthaft und dringlich gemacht. Paulus geht von einer begrenzten Zeit bis zum Kommen des Heils aus. Dadurch wird eine Entscheidung für das wache Erkennen des Notwendigen besonders wichtig. Paulus sieht die Nacht im Schwinden und den Tag kommen – ein Bild für Christus selbst.


II

Es ist Advent. In vielen Kirchengemeinden werden Veranstaltungen durchgeführt, die Ausdruck der Liebe zu anderen sind: Konfis backen 5000 Brote für Brot für die Welt, das Projekt »Weihnachten im Schuhkarton« läuft und ähnliches. Zeitungen organisieren Spendenaktionen »Hilfe für den Nachbarn« und veröffentlichen täglich die Namen der Spenderinnen und Spender. Die Liebe hat in der Adventszeit Hochkonjunktur. Dass die Liebe nichts Böses tut, ist auf diesem Hintergrund eine Selbstverständlichkeit und überrascht nicht. Die Liebe als Aktivität im Denken und Handeln spielt bei vielen Menschen in dieser Zeit eine große Rolle. Einen neuen Himmel, eine eschatologische Perspektive braucht diese Einstellung nicht. Man setzt sich für andere ein. Das reicht.

Also nur über die V. 8-10 predigen? Mir ist es manchmal danach. Ganz ehrlich: Wie sehr prägen Gedanken an die »letzten Dinge« meine Gegenwart? Am ehesten noch im Gefühl: die Zeit ist knapp und deshalb kostbar.

Von ganz anderer Seite her vernehme ich ein Nachdenken über Bedrängnisse der Zukunft. In der »ZEIT« Nr. 37 vom 5.9.2019 wird Carola Rackete, die Kapitänin des Rettungsschiffes »Sea Watch 3« gefragt: »Wovor haben Sie Angst – außer dem Tod?« Sie antwortet: »Vor dem Zusammenbruch der Zivilisation. Vor Hungersnöten, die ausbrechen, weil sich Niederschläge verschieben und Wüsten ausbreiten. Vor der Migration, die dann einsetzen und Konflikte schüren wird. Ich habe Angst vor Gräueltaten, die dann folgen werden.« Und dann die Frage: »Was macht Ihnen Hoffnung?« Antwort: »Nichts. Hoffen heißt: passiv sein, keine Macht haben. Es macht einen von anderen abhängig. Entweder man hofft – oder man macht was.«

Carola Rackete skizziert die Angst vor einem apokalyptischen Szenario. Hoffnung auf eine Rettung kann sie nicht erkennen.


III

Jochen Klepper schreibt am 18. Dezember 1937 in Berlin das Lied »Die Nacht ist vorgedrungen« (EG 16). Er bezeichnet es in seinem Tagebuch als »Weihnachtslied«. Bei der Veröffentlichung im Liedbändchen »Kyrie« stellt Klepper als seine biblische Quelle und Inspiration Römer 13,11f seinem Lied voran. Das ist bemerkenswert. Der Schriftsteller ist umgetrieben von der Sorge um seine jüdische Frau Hanni und deren Töchter. Alle Familienmitglieder sind persönlich von der zunehmenden Ausgrenzung und Entrechtung der jüdischen Bevölkerung im NS-Staat betroffen. Dazu kommen wirtschaftliche Sorgen, weil Klepper seit 1937 keine Bücher mehr veröffentlichen darf. In dieser bedrückenden Situation gelingt es ihm, die eschatologisch geprägten Verse vom Ende der Nacht und von der Hoffnung auf den neuen Tag zu einem Trostlied zu formen. Zu einem Lied von dem, der ins Dunkel gekommen ist, um sich mit den Menschen zu verbinden, sie zu retten, ihnen auszuhelfen.

Ein Lied, in schwerer Zeit geschrieben und trotzdem, oder gerade deswegen, voller Hoffnung. Diese Hoffnung bleibt unser Potenzial.


Friedmar Probst

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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