20. November 2019, Römer 2,1-11
Buß- und Bettag

Von: Katharina Wiefel-Jenner
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Bußtagseinsichten


Das ist im Kern der Bußtag: Wie verhält es sich mit unserem Tun und Wollen? Wie steht es um unser Selbstbild? Wie halten wir es mit der Wahrheit? Was sagen wir über den anderen? Was erwarten wir von Gott? Erwarten wir überhaupt etwas von Gott? Paulus – ganz pädagogisch – verhandelt mit uns diese Fragen und will, dass wir nicht zurückweichen, sondern zur Einsicht kommen.


Bußtagseinsicht I

Es geht um uns. Wir – das sind tatsächlich wir. Die in der exegetischen Literatur zur Stelle diskutierte Frage zum jüdischen oder judenchristlichen Kontext des Adressaten kann für die Bußtagspredigt zurücktreten. Wir – das sind in erster Linie diejenigen, die sich auf das Gespräch mit Paulus einlassen und sich dem Risiko aussetzen, eine schwer zu ertragende Wahrheit zu hören. Aber auch diejenigen, die der von Paulus gezeigten Wahrheit ausweichen, spricht Paulus mit seinem »o Mensch« an. Wir alle – die, die mit Paulus mitgehen, und die, die sich von Paulus nicht beeindrucken lassen – werden die Konsequenzen tragen.


Bußtagseinsicht II

Das Bild, das Paulus von uns zeichnet, ist nicht schmeichelhaft und ein Frontalangriff auf unser Selbstbild. Hartherzig – wörtlich mit einem sklerotischen Herzen – gehen wir durch die Welt. So vertraut im biblischen Kontext die Zuschreibung von Hartherzigkeit ist, so übel ist sie, wenn man sie auf sich selbst beziehen muss. Hartherzige zeigen keine Empathie, urteilen ohne Mitleid über andere. Selbstgerecht schauen sie auf ihre Taten und Überzeugungen. Selbstgerecht urteilen und verurteilen sie. Den Hartherzigen ist die eigene Weltsicht heilig. Die Wahrheit akzeptieren sie nur dann, wenn sie zur eigenen Sicht der Dinge passt. Wer anderes denkt und sagt, verliert dagegen jedes Recht. Sie sind streitsüchtig, kalt und lieblos im Umgang. Die Worte der Hartherzigen sind schneidend, zurückweisend und verletzend. Daran ändert auch eine höfliche Oberfläche nichts. Obendrein sind wir unfähig, von all dem abzulassen und machen immer weiter so. Paulus hat dafür das Wort »unbußfertig« – ohne Metanoia. Unsere Herzen bekehren sich nicht, wir kehren nicht um, und halten an dem harten Kurs unserer Herzen fest.


Bußtagseinsicht III

Was wir tun, hat Folgen. In den letzten Jahren haben wir gelernt, dass unser Lebensstil Folgen für das Klima und die Lebensbedingungen der Näherinnen in Asien oder der Kinder in der Kakaoernte hat. Wir ahnen auch, dass sich unser Hochmut über die, denen offene Grenzen und Fremdes Angst machen, rächt. Paulus geht darüber hinaus. Unserem Tun folgt Gottes gerechtes Gericht. Gott richtet. Paulus schreckt nicht vor dem dramatischen Bild zurück: Gottes Gericht ist ein Tag des Zorns. Es geht um noch mehr als den Klimawandel und die Spaltungen in der Gesellschaft. In Gottes Gericht geht es um die Wahrheit und unsere Werke im Licht der Wahrheit, die Jesus Christus ist. Im Gericht urteilt Gott über unsere Taten.


Bußtagseinsicht IV

Alle, die hiergegen versuchen, mit Paulus gegen Paulus zu argumentieren, weil dieser der Werkgerechtigkeit das Wort redet, werden dennoch an Paulus scheitern. Das Gericht ist gerade darin gerecht, weil unsere Taten angeschaut und unsere Selbsttäuschungen offengelegt werden. Was angesichts der Folgen unseres Tuns not tut, erkennen jedoch nur die, die umgekehrt sind und in deren Brust ein Herz aus Fleisch schlägt. Die Frage nach der Werkgerechtigkeit wird so gleichgültig für die, die Gott mit ganzem Herzen suchen. Die aber, die in sich verkrümmt sind und hartherzig bleiben, sind erst gar nicht fähig zu den guten Werken.


Bußtagseinsicht V

Gottes Blick auf unser Tun ist der letzte Aufruf zur Umkehr. Paulus spricht vom Gericht. Er meint uns. Er meint, was wir tun – damit wir unsere Selbsttäuschungen aufgeben und umkehren.

Um den Gedanken der Bußtagseinsicht V fortzusetzen, bieten sich Strophen aus EG 392 »Gott rufet noch« an.


Katharina Wiefel-Jenner

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2019

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